Newtons Schatten

Cover

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2012

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Covergestaltung any.way, Cathrin Günther

Coverabbildung Newtons Manuskript und Prisma/akg-images

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ISBN 978-3-644-21131-5

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-21131-5

Für Naomi Rose

Prolog

denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit

des Herrn geht auf über dir!

Jesaja 60, 1

Ich habe geschworen, diese Geschichte keinem Menschen zu erzählen, solange Newton am Leben wäre.

Am Morgen des achtundzwanzigsten März 1727 – eine gute Woche nach Sir Isaac Newtons Tod – nahm ich mit Doktor Samuel Clarke, einem Freund und Kommentator Newtons, eine Mietkutsche von meiner neuen Wohnung in der Maiden Lane in Covent Garden zur Westminster Abbey, um Newton dort öffentlich aufgebahrt zu sehen wie einen berühmten griechischen Helden.

Wir fanden ihn in der Jerusalemkapelle, einem eichengetäfelten, mit einem mächtigen Kamin ausgestatteten Saal im südwestlichen Teil der Abbey, wo sich noch Tapisserien und Buntglasfenster aus der Zeit Henry III. und Marmorbüsten von Henry IV. und Henry V. befinden. Es heißt, Henry IV. habe eines Tages beim Beten in der Abbey einen Anfall erlitten und sei in die Jerusalemkapelle gebracht worden, wo er starb und so die Prophezeiung erfüllte, er werde in Jerusalem sterben.

Ich kann nicht beurteilen, ob Henrys steinernes Porträt gelungen war, aber Newtons Einbalsamierer hatte seine Arbeit gut gemacht und das Gesicht nicht geschminkt wie das einer Hure, was ein häufiger Fehler dieser Leute ist. Newtons Fleisch wirkte ganz

Der Mann, den ich im offenen Sarg auf einem langen, massiven Refektoriumstisch liegen sah, trug eine flachsfarbene Allongeperücke, eine schlichte weiße Leinenhalsbinde und einen schwarzen Anzug mit schwarzem Wams. Sein Gesicht war von Falten durchzogen, etwas voll um die Wangen und trotz der scharf geschnittenen Nase, die mich immer an den großen Römer erinnerte, nicht unfreundlich. Ich hatte geglaubt, in seiner Miene vielleicht noch etwas von der scharfsichtigen Intelligenz finden zu können, die einst seine Züge charakterisiert hatte. Vielleicht sogar eine Art höherer Weisheit. Doch im Tod war Newton eine wenig bemerkenswerte Erscheinung.

«Er starb unter großen Schmerzen, von dem Steinleiden», sagte ich.

«Aber dennoch bei klarem Verstand», erwiderte Doktor Clarke.

«O ja. Das war er immer. Newton war der klar denkendste Mensch der Welt. Er sah die gesamte Schöpfung als ein Rätsel, mit gewissen Lösungshinweisen, die Gott in dieser Welt angelegt hat. Oder auch als eine Art verschlüsselter Botschaft, die er durch höchste geistige Konzentration vielleicht entziffern könnte. Ich glaube, er war der Meinung, jemand, der einen irdischen Code zu entschlüsseln vermochte, würde womöglich auch den himmlischen enträtseln können. Er glaubte gar nichts, solange er es nicht als Theorem beweisen oder als Diagramm aufzeichnen konnte.»

«Newton hat uns den goldenen Faden in die Hand gegeben, mit dessen Hilfe wir durch Gottes Labyrinth finden können», sagte Doktor Clarke.

Nach dem Essen kehrte ich in mein Logis in der Maiden Lane zurück. Ich schlief unruhig, allein mit den immer noch schwelenden Erinnerungen an ihn. Ich konnte nicht behaupten, ich hätte Newton gut gekannt. Ich bezweifle, dass es überhaupt je einen Menschen, ob Mann oder Frau, gab, der das von sich hätte behaupten können. Denn er war nicht nur ein seltener Vogel, sondern auch ein scheuer. Und doch kann ich sagen, dass ich ihn eine Zeit lang so gut kannte, wie ihn irgendein Mensch kennen konnte – Mrs. Conduitt ausgenommen.

Bis ich Newton begegnete, verhielt ich mich wie London vor dem Großen Feuer und verschwendete kaum einen Gedanken auf den baulichen Zustand meines Geistes. Doch dann sprang sein Funke auf mich über, und der kräftige Wind seines Denkens entfachte die Flammen in den engen Gassen meines armseligen Hirns – wo sich der Unrat türmte, denn damals war ich jung und töricht –, und das Feuer griff so schnell um sich, dass es nahezu ungehindert wüten konnte.

Wäre es nur das Feuer gewesen, welches die Bekanntschaft mit ihm selbst entzündete, dann wäre vielleicht von dem Mann, der ich war, etwas übrig geblieben. Aber hinzu kam das Feuer in meinem Herzen, entzündet durch seine Nichte, Mrs. Conduitt – oder vielmehr Miss Barton –, und in einem solchen Fall, wenn mehrere Feuer gleichzeitig und an so weit voneinander entfernten Stellen ausbrechen, dann erscheint die ganze Feuersbrunst als das Resultat eines breit angelegten, bösen, übernatürlichen Plans. Für einen allzu kurzen, strahlenden Augenblick war mein Himmel wie von Feuerwerk erhellt. Im nächsten Moment lag ich zerschmettert am Boden, und alles war vom Feuer verzehrt. Meine Kirche irreparabel beschädigt, meine Seele zu nichts verdampft, mein Herz ein kalter, schwarzer Kohlebrocken. Kurzum, mein Leben in Schutt und Asche.

Doktor Clarke hatte nicht die Geduld, sich das alles anzuhören. Er neigte zweifellos immer noch zu der Ansicht, dass Doktor Newton jemand war, der die Blinden sehend gemacht hatte. Doch jeder Soldat wird bestätigen, dass man auch zu viel sehen kann. Selbst dem Mutigsten kann beim Anblick des Feindes das Herz in die Hose rutschen. Hätte König Leonidas mit seinen tausend Spartanern den Thermopylenpass zwei volle Tage halten können, wenn seine Männer das ganze riesige Perserheer vor sich gesehen hätten? Nein, es gibt Situationen, in denen es besser ist, blind zu sein.

Clarke hatte gesagt, Newton habe uns den goldenen Faden in die Hand gegeben, mit dessen Hilfe wir durch Gottes Labyrinth finden könnten. Nun, so sah ich sein Werk zunächst auch. Nur dass es der Schöpfer des Labyrinths anders eingerichtet hat: dass das Labyrinth kein Ende hat, weil es unendlich ist, und man an diesem Punkt der Erkenntnis zugleich die schreckliche Entdeckung macht, dass es gar keinen Schöpfer gibt. Aber das Bild des Labyrinths gefällt mir nicht so gut wie das eines Abgrunds oder Erdschlunds, in den uns Newton mit seinem System der Planeten, der fallenden Körper, der Mathematik und der Zeit ein Seil hinablässt, denn das ist eine prekärere Situation, in der die Gravitation ihr unsichtbares Wirken entfalten kann.

Unsichtbares Wirken. Das war Newtons Spezialität. Seine Theorie der Gravitation natürlich. Oder sein Interesse an der Alchemie.

Aber vielleicht könnte ich es ja in meinem eigenen Kopf proben. Denn ich möchte schon, dass diese Geschichte eines Tages bekannt

Erstes Kapitel

und der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten,

sondern der Herr wird dein ewiges Licht

und dein Gott wird dein Glanz sein.

Jesaja 60, 19

Am Donnerstag, den fünften November 1696, gingen die meisten Leute in die Kirche. Ich aber ging ein Duell austragen.

Der Tag der Pulververschwörung war für die Protestanten ein doppelter Anlass zum Feiern: An diesem Tag im Jahr 1605 war König James I. vor einem römisch-katholischen Komplott errettet worden, welches das Parlament in die Luft sprengen wollte, und am gleichen Tag im Jahr 1688 war der Prinz von Oranien in Torbay gelandet, um die Kirche von England aus der unterdrückerischen Hand eines anderen Stuarts, König James II., zu erretten. Überall in der Stadt wurden an diesem Tag Gedenkpredigten gehalten, und ich hätte gut daran getan, mir eine davon anzuhören, denn die Gedanken ein wenig auf die himmlische Errettung zu lenken hätte mir vielleicht geholfen, meinen Zorn gegen die papistische Tyrannei zu kehren statt gegen den Mann, der mich in meiner Ehre gekränkt hatte. Aber mein Blut war in Wallung, und ich hatte nichts anderes im Kopf als den Kampf, und so ging ich mit meinem Sekundanten zu Fuß zum World’s End in Knightsbridge, wo wir eine Scheibe Rinderbraten und ein Glas Rheinwein als Frühstück zu uns nahmen, und dann in den Hyde Park,

Shayer war ein hässlicher Kerl. Seine Zunge war zu groß für seinen Mund, sodass er lispelte wie ein kleines Kind. Ich begegnete ihm etwa so, wie ich einem tollwütigen Hund begegnet wäre. Ich weiß nicht mehr, worum unser Disput ging. Ich kann nur sagen, dass ich damals ein streitlustiger junger Mann war und dass die Schuld wahrscheinlich auf beiden Seiten lag.

Es wurden weder Entschuldigungen verlangt noch welche vorgebracht, und wir warfen alle vier rasch die Röcke ab und gingen mit Degen aufeinander los. Ich hatte einiges Geschick mit der Waffe, da ich bei Mister Figg in der Oxford Road fechten gelernt hatte, aber dieser Kampf entbehrte jeder fechterischen Raffinesse, und ich machte kurzen Prozess und traf Shayer in die linke Brust, was, da der Stich so dicht beim Herzen lag, dem armen Kerl eine Todesangst einjagte und mir die Angst vor gerichtlicher Verfolgung, da Duelle seit 1666 gesetzlich verboten waren. Die meisten Duellanten scherten sich wenig um die möglichen juristischen Folgen ihres Tuns, aber Mister Shayer und ich waren beide in der Rechtsschule, dem Gray’s Inn, um Erfahrungen mit der englischen Rechtspraxis zu sammeln, und unser Kampf verursachte rasch einen Skandal, der mich zwang, von der Advokatenkarriere Abschied zu nehmen.

Für die Juristenzunft war das wahrscheinlich kein großer Verlust, denn ich hatte wenig Interesse an der Juristerei und noch weniger Talent dazu. Ich hatte diese Laufbahn nur meinem verstorbenen Vater zuliebe eingeschlagen, welcher vor diesem Berufsstand großen Respekt gehabt hatte. Und was hätte ich auch anderes tun sollen? Wir waren keine reichen Leute, wenn auch nicht ohne Beziehungen. Mein älterer Bruder, Charles Ellis, der später Parlamentsmitglied wurde, war damals Untersekretär bei William Lowndes, dem Ständigen Sekretär des Ersten Lords des Schatzamtes.

Mein Bruder erklärte mir, bis zu Newtons Amtsantritt seien mit dem Münzwardeinposten so gut wie keine Pflichten verbunden gewesen, und Newton habe ihn in der Erwartung angenommen, das Salär für wenig Arbeit kassieren zu können, aber die Große Münzerneuerung habe dem Amt weit mehr Bedeutung verliehen, als es bisher gehabt habe, und Newton sehe sich jetzt gezwungen, als oberster Währungsschützer zu fungieren.

Und die Währung hatte Schutz dringend nötig, denn sie hatte in letzter Zeit sehr gelitten. Hauptzahlungsmittel im Königreich war – da sich Gold kaum im Umlauf befand – das Silbergeld, bestehend aus Sechspence-Stücken, Schillingen, Halben Kronen und Kronen; doch bis zur großen, mechanisierten Neuprägung waren all diese Münzen größtenteils handgeschlagen, mit einem schlecht gekennzeichneten Rand, der dem Abschneiden und Abfeilen Vorschub leistete. Bis auf eine Partie Münzen, die nach der Restauration geschlagen worden war, datierte keins der im Umlauf befindlichen Geldstücke von nach dem Bürgerkrieg, und ein Großteil war noch von Königin Elisabeth ausgegeben worden.

Das Schicksal warf das Münzwesen noch weiter aus dem Ruder, als nach Williams und Marys Thronbesteigung der Gold- und Silberpreis in die Höhe schoss, sodass jetzt der Silberwert eines Schillings den Nennwert weit überstieg. Oder jedenfalls hätte übersteigen müssen. Ein frisch geschlagener Schilling wog dreiundneunzig Gran, obwohl er beim jetzigen Silberpreis nur noch siebenundsiebzig Gran hätte wiegen müssen, aber noch irritierender war, dass, beim abgegriffenen, abgewetzten, beschnittenen und abgefeilten Zustand des alten Geldes, ein solcher Schilling oft nur fünfzig Gran

Das Münzerneuerungsgesetz war im Januar 1696 vom Parlament verabschiedet worden, was die Lage jedoch nur verschlimmerte, da das Parlament so unvorsichtig war, das Ende des alten Geldes zu beschließen, ehe gesichert war, dass ausreichende Mengen vom neuen existierten. Und den ganzen Sommer – wenn man diese Zeit angesichts des schlechten Wetters so nennen konnte – war das Geld so knapp gewesen, dass man täglich Unruhen befürchtete. Denn wie sollte man ohne gutes Geld Männer bezahlen, wie Brot kaufen? Als sei das alles noch nicht Sprengstoff genug, addierte sich zu diesen Kalamitäten noch das betrügerische Treiben von Bankiers und Goldschmieden, die, nachdem sie durch Wucher immense Schätze angehäuft hatten, ihr Gold und Silber in Erwartung einer weiteren Wertsteigerung horteten. Ganz zu schweigen von den Banken, die täglich gegründet wurden oder faillierten, und der unerträglich hohen Besteuerung von allem und jedem, außer dem weiblichen Körper und einem ehrlichen, lächelnden Gesicht, wobei Letzteres allerdings eine Seltenheit war. Tatsächlich herrschte überall ein solcher Mangel an Gemeinsinn, dass die Nation unter der Last all dieser Probleme zusammenzubrechen schien.

Da Charles wusste, dass ich dringend eine Stellung und Newton nicht minder dringend einen Gehilfen benötigte, ersuchte er Lord Montagu, bei Newton ein gutes Wort für mich einzulegen – und das, obwohl Charles und ich uns nicht so gut vertrugen, wie wir es als Brüder hätten tun sollen und einst auch getan hatten. Und so wurde es schließlich arrangiert, dass ich zu Doktor Newton in die Jermyn Street gehen sollte, um mich ihm persönlich vorzustellen.

Ich erinnere mich gut an diesen Tag: Es herrschte grimmiger Frost, man munkelte von weiteren katholischen Verschwörungen

Die Jermyn Street war eine erst kürzlich fertig gestellte, recht vornehme Straße am Rand von Westminster, und Newtons Haus lag am besseren westlichen Ende, gleich bei der St.-James-Kirche. Um elf Uhr klopfte ich an Doktor Newtons Haustür. Eine Haushälterin öffnete mir und führte mich in einen Raum mit einem hübsch warmen Kaminfeuer, wo Newton, ein in rotes Wildleder gebundenes Buch in den Händen, in einem roten Sessel mit rotem Polster saß. Er trug keine Perücke, und ich sah, dass sein Haar grau war, aber seine Zähne waren alle noch echt und für einen Mann seines Alters in gutem Zustand. Er trug einen karmesinroten, mit goldenen Knöpfen besetzten Hausrock, und ich weiß noch, dass er am Hals einen Pickel oder Furunkel hatte, welcher ihn etwas plagte. Das ganze Zimmer war rot, als ob dort zuweilen ein Blatternkranker läge, denn es heißt ja, dass diese Farbe die Infektion

«Es ist nicht meine Art», sagte er, «von Dingen zu sprechen, die nichts mit meinem Anliegen zu tun haben. Lasst mich daher direkt zur Sache kommen, Mr. Ellis. Als ich Münzwardein Seiner Majestät wurde, dachte ich nicht, dass mein Leben künftig damit ausgefüllt sein würde, Münzminderer und Münzfälscher aufzuspüren, zu verfolgen und zu bestrafen. Da ich jedoch ebendiese Entdeckung machte, sandte ich dem Schatzamt ein Schreiben des Inhalts, dass derlei Dinge doch eigentlich Sache der Kronanwaltschaft seien und man, wenn möglich, diesen Kelch an mir vorübergehen lassen möge. Ihre Lordschaften haben es jedoch anders verfügt, und so muss ich in diesen Dingen wohl meinen Mann stehen. Ja, ich habe sie sogar zu meinem ureigensten Kreuzzug gemacht, denn wenn die Münzerneuerung nicht erfolgreich verläuft, dann werden wir, fürchte ich, diesen Krieg gegen die Franzosen verlieren, und das gesamte Königreich wird zerfallen. Ich habe, weiß Gott, in den letzten sechs Monaten meine Pflicht voll und ganz erfüllt, dessen bin

Aber ich will keinen weichlichen Speichellecker in meinen Diensten. Weiß der Himmel, in welche Wirren wir geraten und ob sich irgendwelche Gewalt gegen unser Amt oder gegen uns selbst richten wird, denn Münzverbrechen sind Hochverrat, auf den die schwerste aller Strafen steht, und diese Schurken sind ein zu allem entschlossener Haufe. Ihr seht aus wie ein mutiger junger Mann, Sir. Doch sprecht selbst für Euch.»

«Ich glaube», sagte ich nervös, da Newton ganz wie mein Vater klang, der stets das Schlechteste von mir erwartet hatte und für gewöhnlich nicht enttäuscht worden war, «ich sollte Euch etwas über meinen Werdegang sagen, Sir. Ich habe ein Oxford-Examen. Und ich habe die Rechtsschule besucht.»

«Gut, gut», sagte Newton ungeduldig. «Eine flinke Feder werdet Ihr wohl brauchen. Diese Strolche sind gewandte Geschichtenerzähler und liefern so üppige Aussagen, dass man wohl das Gefühl bekommen kann, drei Hände zu brauchen. Doch die Bescheidenheit beiseite, Sir. Wie steht’s um Eure sonstigen Fähigkeiten?»

Ich durchforstete mein Hirn nach einer Antwort. Welche sonstigen Fähigkeiten besaß ich? Und da ich um Worte verlegen war und mich nicht weiter zu empfehlen wusste, begann ich Grimassen zu ziehen, den Kopf zu schütteln, die Achseln zu zucken und zu schwitzen wie im Dampfbad.

«Sprecht, Sir», insistierte Newton. «Habt Ihr nicht einen Mann mit dem Rapier verwundet?»

«Doch, Sir», stammelte ich, zornig auf meinen Bruder, weil er ihm diese peinliche Tatsache verraten hatte. Denn woher sonst konnte er es haben?

«Ausgezeichnet.» Newton klopfte einmal auf den Tisch, als zählte er Punkte. «Und ein wackerer Schütze, wie ich sehe.» Angesichts

«Doch, Sir. Und Ihr habt Recht. Ich weiß den Karabiner und die Pistole einigermaßen zu gebrauchen.»

«Aber ich wette, mit der Pistole seid Ihr besser.»

«Habt Ihr das auch von meinem Bruder?»

«Nein, Mister Ellis. Das sagt mir Eure eigene Hand. Ein Karabiner hätte seine Spuren auf Hand und Gesicht hinterlassen. Eine Pistole dagegen nur auf dem Handrücken, was mich zu der Vermutung brachte, dass Ihr die Pistole öfter benutzt habt.»

«Oh, das ist ein hübscher Trick, Sir. Ihr habt mich ausgetrumpft.»

«Ich habe noch andere auf Lager. Wir werden zweifellos manch Etablissement besuchen müssen, wo uns Eure offenkundige Neigung zu den Damen von großem Nutzen sein wird. Frauen erzählen einem jungen Mann oft Dinge, die sie meinen betagteren Ohren vorenthalten würden. Ich vertraue darauf, dass Eure Neigung zu jener dunkelhaarigen Frau, mit der Ihr vor kurzem zusammen wart, solch strategische Operationen zur Beschaffung von Informationen zulassen würde. Vielleicht war es ja die Magd, die Euch das Wacholderbier brachte.»

«Oh, Ihr sprecht von Pam», rief ich, nun wahrhaft verblüfft, denn ich hatte in der Tat am selben Morgen beim Frühstück in meinem gewohnten Wirtshaus eine braunhaarige Schankmagd umarmt. «Woher wisst Ihr, dass sie dunkelhaarig war? Und dass ich Wacholderbier getrunken habe?»

«Aufgrund des langen, dunklen Haars, das Euer schmuckes Ventre d’or-Wams ziert», erklärte Newton. «Es kündet so eindeutig von ihrer Haarfarbe wie Eure Sprache von Eurer engen Bekanntschaft mit dem Spieltisch. Auch das wird nützlich sein. Genau wie ein Mann, der einem guten Trunk nicht abgeneigt ist. Wenn ich mich nicht täusche, Sir, ist das da Rotwein auf Euren Manschetten. Ihr

Ich hörte mich verblüfft nach Luft schnappen, weil er so viel über mich wusste, als könnte er in meinen Kopf blicken und meine Gedanken lesen.

«Ihr stellt mich wie den größten Wüstling hin, der je zum Galgen geschleift wurde», protestierte ich. «Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin sprachlos.»

«Nicht doch, Mr. Ellis», sagte Newton. «Nehmt es nicht so persönlich. Wir werden durch einigen Schmutz waten müssen, Ihr und ich. Die Belange der Münze erfordern es, dass ich einen Mann zur Seite habe, welcher sich in London auskennt. Da Ihr ein solcher Mann seid und um Euch nicht länger schmoren zu lassen: Die Stellung ist Euer, wenn Ihr sie wollt. Der Lohn ist nicht hoch. Zunächst nur sechzig Pfund im Jahr. Was mir gar nicht recht ist, denn ich muss gestehen, ich bin in großer Sorge, dass die rechte Sorte Mann die Stellung nicht wird haben wollen und ich Schande auf mich lade, da ich, mangels des so dringend nötigen Gehilfen, meine Amtspflichten nicht erfüllen kann. Aus diesem Grunde und da es in meiner Macht steht, dies zu tun, habe ich beschlossen, meinem Gehilfen das Münzwardeinhaus im Tower zu überlassen, samt allen Privilegien, die dieser Wohnort bietet.»

«Das ist sehr großzügig, Sir», sagte ich und grinste jetzt wie ein Schwachsinniger. Denn das war mehr, als ich jemals erwartet hätte. Seit ich das Gray’s Inn verlassen hatte, logierte ich in der King Street in Westminster, aber das war ein armseliges Quartier, und mein Herz hüpfte bei dem Gedanken, ein ganzes Haus für mich zu haben, noch dazu eins im Freibezirk des Towers, wo man der Besteuerung gänzlich entging.

«Nach meinem Amtsantritt im April habe ich selbst eine Weile

Ein ganzes Haus mit Garten. Das war zu viel. Und doch trieb es mich, noch mehr zu fordern. Ich sagte ja schon, dass mich die Last meiner eigenen Unwissenheit zu drücken begann, und plötzlich ging mir auf, dass da in Newtons ganzer Art etwas war, was mich glauben machte, viel von ihm lernen zu können. Und mir kam die Idee, das zur Bedingung zu machen. Denn ich hatte die Vorstellung, die Gedankengänge eines Mannes, der so viele Mysterien der Wissenschaft und Philosophie durchdrungen hatte, zu kennen hieße, die Gedankengänge Gottes zu kennen. Was doch einmal etwas anderes wäre als immer nur die Gedankengänge von Huren und Spielern.

«Ja, Sir», sagte ich. «Ich will für Euch arbeiten. Aber unter einer Bedingung.»

«Nennt sie, Mr. Ellis.»

«Dass Ihr meiner Unwissenheit abhelfen werdet, wo immer sie zutage tritt, denn ich weiß, Ihr seid ein gelehrter Mann. Ich wünsche mir, dass Ihr mir etwas von der Welt zeigt, wie Ihr sie versteht, und mit mir über die Natur der Dinge redet, um mir dazulernen zu helfen. Denn ich muss gestehen, das Universitätsstudium hat mir ein gewisses Verständnis der Klassiker und der Sanderson’schen Logik gebracht, aber viel mehr auch nicht. Ich will für Euch arbeiten,

«Wohl gesprochen, Sir. Nur ein gescheiter Mann gesteht seine Unwissenheit ein, zumal wenn er ein Universitätsexamen hat. Aber seid gewarnt. Ich war nie ein besonders guter Tutor. In meiner ganzen Zeit in Cambridge hat das Trinity College nur drei Studenten meinem Tutorium unterstellt, und diese drei nahm ich mehr des Geldes wegen an als aus dem Verlangen, Mittelpunkt eines modernen Lyzeums zu sein. Es ist immer schwer zu sagen, wie einen die Welt sieht, aber ich glaube aufrichtig, dass ich mir nur so viel Wissen angeeignet habe, um mir zu bestätigen, wie wenig ich von der Welt weiß. Ich vermute, dass es das ist, was meine rabbinische Seite, so ich denn eine solche habe, verdrießt. Aber ich nehme Eure Bedingung an. Ich weiß nicht, was, aber etwas werde ich schon in Euren jungen Schädel trepanieren. Also, schlagt ein.»

Ich drückte Newtons kalte, dünne Hand, ja, ich küsste sie sogar, denn jetzt gehörte sie dem Herrn und Meister, dem ich es verdankte, dass meine Gegenwart und meine Zukunft schon wieder um einiges rosiger aussahen.

«Ich danke Euch, Sir», sagte ich. «Ich werde mich bemühen, mein Bestes für Euch zu tun.»

«Ich werde heute noch ans Schatzamt schreiben», sagte Newton. «Dort wird man Eure Anstellung absegnen müssen. Aber ich zweifle nicht, dass sie meine Wahl billigen werden. Und dann müsst Ihr einen Eid leisten, strengstes Stillschweigen über Mister Blondeaus Methode der Münzrändelung zu bewahren, obwohl das meiner Meinung nach nicht so ein großes Geheimnis sein kann, wenn man, wie ich hörte, dieselbe Maschine in der Pariser Münze Besuchern freimütig zeigt.

Doch zuerst lasst uns etwas Apfelwein trinken, danach werde ich den Brief schreiben, und dann fahren wir mit meiner Kutsche

 

Und so trat ich in den Dienst der Königlichen Münzanstalt.

Die Münze befand sich seit 1299 im Tower, und 1696 hatte sie die Größe eines ansehnlichen Städtchens. Sie lag zwischen der inneren und der äußeren Befestigungsmauer und bestand aus zwei Reihen alter, mit Eisenkrampen aneinander geklammerter Holzhäuser, die sich vom Byward und vom Bell Tower im Bogen bis zum gut fünfhundert Yards entfernten Salt Tower herumzogen. Ein schmales kopfsteingepflastertes Sträßchen, in dem Laternen brannten und Wachen patrouillierten, erstreckte sich zwischen den Fachwerkbauten, die teilweise zweistöckig waren und Wohnungen, Amtszimmer, Kasernen, Stallungen, Waschhäuser, Gießereien und Schmieden, Walz- und Prägewerke, Lagerhäuser, Schänken und einen Marketender mit allerlei Viktualien beherbergten.

Wie Newton mir schon erklärt hatte, war der Lärm der Münzwerke ohrenbetäubend, und als wir in der Münze herumgingen, mussten wir brüllen, um uns einander verständlich zu machen; doch hinzu kamen noch die Kanone, die von Zeit zu Zeit abgefeuert wurde, das Geräusch von Pferdehufen und Eisenrädern auf dem Pflaster, die Stimmen des Ausrufers und der hier stationierten Soldaten, welche so freimütig fluchten wie Templer, das Hundegebell, das Krächzen der Raben, das wie das Röcheln Sterbender klang, die tosenden Feuer, schreienden Katzen, knallenden Türen und Tore, das Schlüsselgeklapper und das Ächzen der Holzschilder, da es in letzter Zeit überaus windig war. Bedlam hätte nicht lauter sein können als die Königliche Münze. Mein erster Eindruck war der eines höllischen Ortes, wie ihn Vergil den Äneas in der Unterwelt hätte durchqueren lassen können, und als ich dort zwischen Bell Tower und Byward Tower stand und das Grollen der wilden Bestien im nahen Löwenturm, draußen vor dem Westeingang, hören

Wir gingen nordwärts, die Mint Street hinauf, und Newton erklärte mir die Arbeit der Münzwerker an den Münzpressen, der Billonprüfer, die den Feingehalt der Legierung überwachten, der Gießer und Stempelschneider.

«Natürlich», sagte er, «sind viele von ihnen Halunken, die bis zum Hals in verbrecherischen Machenschaften stecken und den Strang verdient haben. Hier verschwindet vieles, Münzrohlinge ebenso wie Prägestöcke und Stempel. Mindestens zwei Männer, die im Dienst der Münze standen, wurden gehängt. Und zwei weitere sitzen, zum Tode verurteilt, im Newgate-Gefängnis.

Ich rate Euch, keinem von ihnen zu trauen, vom obersten bis zum geringsten. Der Gauner im Amt des Münzmeisters ist Mr. Neale, wenn er auch so selten hier ist, dass man meinen sollte, er müsste erröten, weil er diesen Titel führt. Aber ich bezweifle, dass Ihr Gelegenheit haben werdet, ihn gut genug kennen zu lernen, um seine zahlreichen Schwächen ausfindig zu machen.»

Newton verbeugte sich steif in Richtung eines Mannes, der aus einer der Amtsstuben kam – ein kleiner, schwindsüchtiger Bursche mit einer trompetenden Stimme. Sobald er außer Hörweite war, ermahnte mich mein Herr, auch ihm nicht zu trauen.

«Er ist auffallend gut Freund mit der Tower Ordnance – der Festungsbesatzung, mit der wir in ständigem Streit um die Privilegien der Münze liegen. Sie betrachten uns nämlich als Eindringlinge, obgleich wir in Wahrheit beinah so lange hier sind wie sie. Aber hier im Tower leben zu viele Menschen, das ist das eigentliche Problem.

Newton erblickte einen hochmütig wirkenden Mann, der vom Beauchamp Tower auf uns herabsah.

«Und das dort ist der Architekt ihres Hasses, Lord Lucas persönlich. Er ist der Lord Lieutenant des Tower, ein Posten, der viele alte und sonderbare Privilegien mit sich bringt, und von meinem Amt abgesehen, könnte er sich als den mächtigsten Mann innerhalb dieser Mauern bezeichnen. Traut ihm noch weniger als allen anderen. Er ist ein trunksüchtiger Borachio und so hochmütig, dass ich vermute, er wischt sich den Arsch mit vergoldetem Papier.»

Ein Stückchen weiter, um die Ecke des Diverin Tower, passierten wir die Schmiede, wo ein Kerl, so grimmig und bulldoggenartig, wie ich je einen sah, für einen Moment das Beschlagen eines Pferdes unterbrach, um den unversöhnlichsten aller Blicke auf Newton – und damit auch auf mich – zu richten.

«Bei meiner Seel», sagte ich, als wir vorüber waren. «Dieser Mann ist wahrhaftig eine höchst unangenehme Erscheinung.»

«Er ist ein unverbesserlicher Halunke und auch nicht gerade ein Freund der Münze. Doch schiebt ihn vorerst beiseite, denn das hier ist das Haus des Königlichen Kanzlisten, daneben steht das Münzmeisterhaus und daneben wiederum das Haus des Stellvertretenden Münzwardeins, Monsieur Fauquier.»

«Fauquier? Das klingt französisch.»

Da erst wurde mir klar, dass Newton, indem er mir seinen Dienstwohnsitz überließ, auf gute Mieteinkünfte verzichtete.

Newton blieb stehen und zeigte auf ein schmuckes, zweistöckiges Haus am Fuß jenes Teils der äußeren Befestigungsmauer, der den Namen Brass Mount trägt – wegen der Kanone, die dort steht und, wie ich bald herausfinden sollte, oft aus Anlass königlicher Geburtstage oder wichtiger Staatsbesuche abgefeuert wird.

«Das ist das Münzwardeinhaus», sagte Newton, «wo Ihr wohnen werdet.» Er öffnete die Tür und winkte mich hinein, und als ich mich umschaute und die Möbel und Bücher sah, die Newton gehörten, da dachte ich, dass mir dieses Haus sehr gut gefallen würde. «Es ist ganz behaglich, wenn auch, wie Ihr seht, ein wenig feucht – was so nah am Fluss wohl kaum vermeidbar ist – und ungemein staubig. Die Erschütterung durch die Kanone lässt den Mörtelstaub herabrieseln, deshalb kann man nicht viel dagegen tun. Ihr seid herzlich eingeladen, diese Möbel zu benutzen. Die meisten habe ich aus dem Trinity College herbringen lassen. Es sind alles keine guten Stücke, und ich hänge nicht daran, aber ich möchte, dass Ihr auf meine Bücher Acht gebt. In meinem neuen Haus ist kaum Platz für weitere Bücher, aber von diesen hier möchte

Wir gingen wieder hinaus, und Newton zeigte mir einen kleinen, mauerumfriedeten, nicht sehr gepflegten Garten, der sich im Bogen um den Fuß des Jewel Tower zog und mir, da es der Münzwardeingarten war, ebenfalls zur Verfügung stand.

«Ihr könntet hier etwas Gemüse ziehen», schlug Newton vor. «Wenn Ihr’s tut, gebt mir unbedingt etwas davon ab. Ansonsten ist es im Sommer ein überaus hübsches Plätzchen zum Sitzen, so man sich nicht vor Geistern fürchtet, aber wenn Ihr für mich arbeitet, werdet Ihr ohnehin keine Zeit für solche Hirngespinste haben. Ich persönlich bin sehr skeptisch, was Geistererscheinungen im Allgemeinen betrifft, aber es gibt viele Männer innerhalb dieser Festungsmauern, die Stein und Bein schwören, dass sie diese oder jene Erscheinung gesehen haben. Ich erachte das in den allermeisten Fällen für Unsinn. Aber es ist kein großes Geheimnis, dass in nahezu jedem Teil dieser Festung eine Menge Menschen auf grausamste Weise zu Tode gekommen sind, was einiges von dem generellen Aberglauben hier erklärt, denn eine so schreckliche Geschichte wird sich immer auf die Phantasie unwissender Menschen auswirken. Es geht sogar das Gerücht, Euer Vorgänger sei durch einen Geist von hier vertrieben worden, aber das läuft meiner Vernunft zuwider, und ich glaube eher, dass er mit einigen dieser Münzfälscher im Bund war und geflüchtet ist, weil er Angst hatte, gefasst und gehängt zu werden. Denn sein Verschwinden fiel beinahe mit meinem Amtsantritt zusammen, was mich umso argwöhnischer macht.»

Die Information, dass ich einen Vorgänger gehabt hatte, der verschwunden

«Aber wie war denn sein Name?», fragte ich. «Wurden denn keine Nachforschungen angestellt? Es betrübt mich zu sehen, wie wenig gefestigt der Ruf meines Vorgängers war und wie seine Ehrlichkeit in Zweifel gezogen wird. Ich hoffe, wenn ich verschwinden würde, würdet Ihr besser über mich sprechen.»

«Eure Besorgnis spricht für Euch», räumte Newton ein. «Sein Name war George Macey. Und ich glaube schon, dass Nachforschungen angestellt wurden.»

«Aber verzeiht, Sir, könnte es nicht sein, dass Mister Macey eher als Opfer zu beklagen denn als Übeltäter zu verurteilen wäre? Ihr sagtet doch selbst, es sind skrupellose Männer, mit denen Ihr zu tun habt. Könnte es nicht sein, dass er ermordet wurde?»

«Könnte sein? Könnte, Sir? Das war vor sechs Monaten, als ich mich noch an diesem seltsamen Ort zurechtzufinden suchte. Und nach einer solchen Zeitspanne kann ich keine Hypothesen aufstellen. Die beste und sicherste Art der Forschung scheint mir nämlich zu sein, dass man zunächst gewissenhaft die Fakten ermittelt und später dann mit einiger Vorsicht zu Hypothesen übergeht, die sie erklären können. Was geschehen oder nicht geschehen sein könnte, kümmert mich wenig. Bei der Untersuchung von Mysterien und schwierigen Dingen sollte die Analyse der Interpretation stets vorangehen.

Das ist meine Methode, Mister Ellis. Sie zu kennen heißt, mein Wesen zu begreifen, Sir. Doch Eure Fragen ehren Euch. Ich will auch weiterhin Eure Ehrlichkeit würdigen, Sir, denn ich lege es nicht darauf an, Euch zu meiner Kreatur zu machen. Doch sprecht immer nur präzise zur Sache. Und macht meine wissenschaftliche Methode zu Eurem allerersten Studiengegenstand, denn sie wird

«Ich werde Euch und Eure Methode gewissenhaft studieren, Sir», sagte ich.

«Nun denn, was haltet Ihr von Haus und Garten?»

«Beides gefällt mir sehr gut, Doktor Newton. Ich glaube, am Kartentisch habe ich nie so viel Glück gehabt wie mit dieser Stellung.»

Das stimmte. Ich hatte noch nie allein gewohnt. An der Rechtsschule hatte ich mein Quartier mit einem anderen Mann geteilt, und davor war ich in Oxford gewesen, wo ich im College gewohnt hatte. Und es war ein großes Vergnügen, die Tür hinter mir zuzumachen und ein ganzes Haus für mich allein zu haben. Denn ich war mein Leben lang gezwungen gewesen, ein nicht von Geschwistern, Kommilitonen oder Rechtsschülern okkupiertes Plätzchen zu finden, um lesen oder träumen zu können. Doch die erste Nacht in meinem neuen Haus im Tower wäre beinahe meine letzte gewesen.

Ich war frühzeitig zu Bett gegangen, mit einer Reihe von Abhandlungen über die Verbesserung des englischen Münzwesens, verfasst von den führenden Köpfen der Zeit, darunter Doktor Newton, Sir Christopher Wren, Doktor Wallis und Mister John Locke. Diese Arbeiten waren 1695 vom Regentschaftsrat in Auftrag gegeben worden, und Newton meinte, sie würden mir eine gute Einführung in die verschiedenen Probleme rings um die Münzerneuerung sein. Aber sie reizten mich nicht, wach zu bleiben; diese Abendlektüre war das Langweiligste, was mir je untergekommen war, seit ich meine rechtswissenschaftlichen Studien aufgegeben hatte, und nach ein, zwei Stunden stellte ich die Kerze in den Kamin und zog mir das Federbett über den Kopf, ohne mich groß um die abergläubischen Phantasien zu kümmern, die mich am früheren Abend beschlichen hatten.

«Um Himmels willen, wer ist da?», rief ich, schwang die Beine aus dem Bett und wollte den Kerzenstummel aus dem Kamin holen, um eine neue Kerze anzuzünden und das Dunkel zu erhellen. Im selben Augenblick kam aus den Schatten eine Stimme, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

«Deine Nemesis», sagte die Stimme.

Ich erkannte ahnungsweise das Gesicht eines Mannes und setzte gerade zu einer Antwort an, als er plötzlich auf unmenschlichste Art und Weise auf mich losstürzte und mich aufs Bett zurückwarf, wo er mir, meine Brust mit seinem ganzen Gewicht niederdrückend, die Augäpfel mit den Daumen zu zerquetschen suchte, sodass ich Zeter und Mordio schrie. Doch der Angreifer war ungeheuer stark, und obwohl ich ihm ein paar tüchtige Hiebe auf den Kopf verpasste, erlahmte seine Angriffskraft keinen Moment, und ich war mir sicher, dass ich ermordet und wenn nicht das, so doch immerhin geblendet würde. Verzweifelt stemmte ich seine Hände von meinen Augen, nur um zu spüren, wie sie sich um meine Kehle legten. In der Gewissheit, erwürgt zu werden, trat ich nach ihm, jedoch vergebens. Ein, zwei Sekunden darauf fühlte ich eine schwere Last von meiner Brust weichen und dachte, dass meine Seele im Begriff war, sich zum Himmel emporzuschwingen, bis

Ein drittes Mitglied der Ordnance, ein gewisser Sergeant Rohan, half mir mit etwas Branntwein, wieder zu mir zu kommen, sodass ich schließlich aufstehen und dem Angreifer im Licht der Laterne, welche die Wachsoldaten mitgebracht hatten, ins Gesicht schauen konnte.

«Wer seid Ihr?», fragte ich mit einer Stimme, die kaum die meine schien, so heiser klang sie. «Und warum habt Ihr mich angegriffen?»

«Sein Name ist Mister Twistleton», vermeldete der mit einem eigentümlichen Akzent sprechende Sergeant Rohan. «Und er ist der Waffenmeister des Tower.»

«Ich habe Euch nicht angegriffen, Sir», sagte Mister Twistleton mit einer solchen Unschuldsmiene, dass ich ihm schon beinahe glaubte. «Ich weiß nicht, wer Ihr seid. Es war der andere Gentleman, den ich angegriffen habe.»

«Seid Ihr verrückt?», sagte ich. «Hier ist kein anderer Gentleman. Heraus damit, Sir, was habe ich Euch getan, dass Ihr so über mich herfallt?»

«Er ist verrückt», sagte Rohan. «Doch wie Ihr seht, stellt er jetzt keine Gefahr mehr dar.»

«Keine Gefahr?», wiederholte ich ungläubig. «Aber er hätte mich um ein Haar in meinem Bett ermordet.»

«Mister Ellis, nicht wahr?», sagte Sergeant Rohan.

«Ja.»

«Er wird Euch nicht mehr belästigen, Mister Ellis. Ihr habt mein Wort darauf. Er ist die meiste Zeit in striktem Gewahrsam, in meinem Haus und unter meiner Kuratel, und behelligt niemanden.

«Mein Glück, dass es so war», sagte ich. «Eine Minute länger, und ich würde jetzt nicht mit Euch sprechen. Aber er gehört doch eindeutig nach Bedlam. Oder in ein anderes Spital für Geisteskranke und Irre.»

«Nach Bedlam, Mister Ellis? Damit sie ihn die Wand ketten wie einen Hund? Ihn verlachen wie ein Tier?», sagte einer der Wachsoldaten. «Mister Twistleton ist unser Freund, Sir. Das können wir nicht zulassen.»

«Aber er ist doch gefährlich.»

«Die meiste Zeit ist er so wie jetzt. Ganz ruhig und friedlich. Zwingt uns nicht, ihn dorthin zu schicken, Mister Ellis.»

«Ich? Ich sehe nicht, wie ich auf irgendjemanden hier Zwang ausüben könnte, Mister Bull. Seine Verwahrung ist Eure Sache.»

«Nicht mehr, wenn Ihr den Vorfall meldet, Sir.»

«Jesus Christus, habt Erbarmen», brüllte Mister Twistleton.

«Seht Ihr? Selbst er bittet Euch um Nachsicht», sagte Rohan.