Cover
John Flanagan: Die Chroniken von Araluen - Die Ruinen von Gorlan

Inhaltsverzeichnis

DER AUTOR
Widmung
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Epilog
Copyright

DER AUTOR

John Flanagan arbeitete als Werbetexter und Drehbuchautor, bevor er das Bücherschreiben zu seinem Hauptberuf machte. Den ersten Band von »Die Chroniken von Araluen« schrieb er, um seinen 12-jährigen Sohn zum Lesen zu animieren. Die Reihe eroberte in Australien in kürzester Zeit die Bestsellerlisten.

Später an diesem Nachmittag, nachdem all die Aufregung abgeklungen war, saß Will allein auf der schmalen Veranda von Walts Hütte. In seiner Hand hielt er ein kleines Bronzeamulett, das wie ein Eichenblatt geformt war, mit einer Stahlkette, die durch eine Öse daran gefädelt war.

»Das ist unser Symbol«, hatte ihm sein Lehrmeister erklärt, als er es ihm nach den Ereignissen auf der Burg überreichte. »Das ist das Zunftzeichen der Waldläufer, was in etwa einem Wappen entspricht.«

Dann hatte er an seinem Kragen gefummelt und ein genauso geformtes Eichenblatt herausgeholt, das er an einer Kette um den Hals trug. Die Form war die gleiche, doch Walts Amulett war aus Silber.

»Bronze ist die Farbe der Lehrlinge«, hatte Walt ihm erklärt. »Wenn du mit deiner Ausbildung fertig bist, wirst du ein silbernes Eichenblatt erhalten wie dieses hier. Alle Waldläufer tragen sie, entweder in Silber oder in Bronze.« Er sah kurz in die Ferne, dann fügte er mit heiserer Stimme hinzu: »Eigentlich hättest du es erst erhalten sollen, nachdem du deine ersten Prüfungen bestanden hättest. Aber ich bezweifle, dass irgend jemand etwas einwenden würde, so wie die Dinge sich entwickelt haben.«

Jetzt schimmerte das eigenartig geformte Stück Metall in Wills Hand, als er noch einmal über die Entscheidung nachdachte, die er getroffen hatte. Es kam ihm so merkwürdig vor, dass er freiwillig das aufgegeben hatte, auf das er die meiste Zeit seines Lebens gehofft hatte: Die Möglichkeit, in die Heeresschule zu gehen und seinen Platz als Ritter im Heer von Burg Redmont einzunehmen.

Er drehte das Amulett an der Kette um den Zeigefinger und seufzte. Das Leben konnte so kompliziert sein. Tief innen spürte er genau, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Und doch nagte ein winziger Zweifel an ihm.

Da merkte er, dass jemand neben ihm stand. Es war Walt, der sich jetzt neben ihn auf die Holztreppe der Veranda setzte. Vor ihnen fielen die letzten Sonnenstrahlen durch die grünen Blätter des Waldes und das Licht schien zu tanzen, als eine leichte Brise die Blätter bewegte.

»Ein großer Tag«, sagte Walt leise und Will nickte.

»Und eine große Entscheidung, die du getroffen hast«, sagte der Waldläufer nach einigen weiteren Minuten des Schweigens zwischen ihnen.

Diesmal drehte Will sich zu ihm um. »Walt, habe ich die richtige Entscheidung getroffen?«, fragte er schließlich, und die Pein war in seiner Stimme deutlich hörbar. Walt stützte die Ellbogen auf den Knien ab und beugte sich leicht nach vorne, so als spähte er in die tanzenden Sonnenflecken zwischen den Bäumen.

»Soweit es mich betrifft, ja. Ich habe dich als Lehrling gewählt und ich kann sehen, dass du alles hast, was einen guten Waldläufer ausmacht. Ich fange schon beinahe an, deine Anwesenheit und ständige Fragerei zu genießen«, fügte er mit dem Anflug eines Lächelns hinzu. »Doch meine Gefühle und Wünsche sind dabei nicht wichtig. Die richtige Entscheidung für dich ist das, was du am meisten möchtest.«

»Ich wollte immer Ritter werden«, sagte Will und merkte dann selbst überrascht, dass er das in der Vergangenheit ausgedrückt hatte. Und doch wusste er, dass ein Teil von ihm es immer noch wollte.

»Es ist natürlich möglich«, sagte Walt leise, »zwei Dinge gleichzeitig zu wollen. Dann ist es eine Frage, was man lieber möchte.«

Nicht zum ersten Mal hatte Will das Gefühl, dass Walt seine Gedanken lesen konnte.

»Wenn du es in einem Satz zusammenfassen könntest, was ist der Hauptgrund dafür, dass du dich ein wenig enttäuscht fühlst, das Angebot des Barons abgelehnt zu haben?«, fuhr Walt fort.

Will überlegte sorgfältig. »Ich glaube …«, sagte er langsam, »ich habe das Gefühl, ich hätte meinen Vater im Stich gelassen, weil ich die Heeresschule abgelehnt habe.«

Walt hob erstaunt die Augenbrauen. »Deinen Vater?«, wiederholte er. Will nickte.

»Er war ein mächtiger Krieger«, erklärte er. »Ein Ritter. Er starb auf der Heide von Hackham, als er gegen die Wargals kämpfte – er war ein Held.«

»Das weißt du alles ganz genau, ja?«, fragte ihn Walt. Will nickte. Dies war der Traum, der ihn während der langen, einsamen Jahre aufrecht erhalten hatte, als er nicht wusste, wer er war oder was aus ihm werden sollte. Der Traum war für ihn einfach zur Wirklichkeit geworden.

»Er war ein Mann, auf den jeder Sohn stolz sein würde«, sagte er schließlich.

Walt nickte. »Das ist sicher wahr.«

Es lag etwas in seiner Stimme, das Will zögern ließ. Walt stimmte nicht nur aus Höflichkeit zu. Und plötzlich erkannte Will die volle Bedeutung seiner Worte.

»Ihr habt ihn gekannt, Walt? Ihr habt meinen Vater gekannt?«

Es schimmerte solche Hoffnung in den Augen des Jungen, dass der Waldläufer ernst nickte.

»Ja, ich habe ihn gekannt. Ich habe ihn zwar nicht sehr lange gekannt. Aber ich denke, ich kann sagen, dass ich ihn gut kannte. Und du hast Recht. Du kannst ganz außerordentlich stolz auf ihn sein.«

»Er war ein mächtiger Krieger, stimmt’s?«, fragte Will.

»Er war ein Soldat«, stimmte Walt zu, »und ein tapferer Krieger.«

»Ich wusste es!«, rief Will glücklich aus. »Er war ein großer Ritter.«

»Er war ein Soldat«, wiederholte Walt leise und sehr freundlich.

Erst jetzt begriff Will, was Walt gesagt hatte. Verblüfft fragte er: »Ein einfacher Soldat?«

Walt nickte. Er konnte die Enttäuschung in den Augen des Jungen sehen und legte einen Arm um seine Schultern. »Beurteile die Qualitäten eines Menschen niemals aufgrund seiner Stellung im Leben, Will. Dein Vater, Daniel, war ein treuer und tapferer Soldat. Er hatte nicht die Gelegenheit, zur Heeresschule zu gehen, weil er als Sohn eines Bauern geboren war. Doch wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, wäre er einer der größten Ritter geworden.«

»Aber er…«, begann Will traurig.

Der Waldläufer unterbrach ihn und fuhr mit der gleichen sanften, freundlichen und überzeugenden Stimme fort. »Auch ohne dass er diese besondere Ausbildung genossen hatte oder einen Schwur abgelegt hatte, erfüllte er die höchsten Ideale eines Ritters. Er hatte sich freiwillig zur Verstärkung unserer Streitkräfte im Kampf gegen Morgarath gemeldet. Es war, um genau zu sein, ein paar Tage nach der Schlacht an der Heide von Hackham, als Morgarath und seine Wargals sich den Rückzug zum Drei-Schritte-Pass erkämpften. Ein plötzlicher Gegenangriff traf uns überraschend und dein Vater sah einen Kameraden von einer Horde Wargals umzingelt. Der Mann lag auf dem Boden und wäre innerhalb von Sekunden niedergemetzelt worden, als dein Vater eingriff.«

Das Leuchten in den Augen des Jungen kehrte zurück. »Das hat er getan?«, fragte Will atemlos. Walt nickte. »Das hat er getan. Er verließ die Sicherheit innerhalb der eigenen Reihen und sprang vorwärts, nur mit einem Speer ausgestattet. Er stand über seinem verletzten Kameraden und beschützte ihn vor den Wargals. Einen davon tötete er mit dem Speer, dann zertrümmerte ein anderer Wargal die Spitze des Speeres und Daniel stand nur noch mit dem Schaft in der Hand da. Also benutzte er ihn wie eine Parierstange und stieß die beiden anderen Angreifer links und rechts zu Boden! Einfach so!«

Er zeigte mit den Händen, wie es gewesen war. Will konnte sich die Schlacht jetzt gut vorstellen, genau so wie Walt sie beschrieb.

»Er wurde verwundet, als der Stab des Speeres unter einem weiteren Angriff brach. Das hätte ausgereicht, um die meisten Männer zu töten. Doch er nahm einfach das Schwert von einem der Wargals, die er getötet hatte, und schlug drei weitere nieder, obwohl er aus einer großen Wunde an der Seite blutete.«

»Drei von ihnen?«, fragte Will.

»Drei. Er hatte die Geschwindigkeit einer Raubkatze. Und vergiss nicht, als Speerträger war er nie am Schwert ausgebildet worden.«

Er machte eine Pause und erinnerte sich an diesen Tag vor so langer Zeit.

»Weißt du, dass es fast nichts gibt, was die Wargals fürchten? Sie werden daher auch die Hirnlosen genannt, und wenn sie kämpfen, dann meist bis zum bitteren Ende … jedenfalls fast immer. Dies war eines der wenigen Male, in denen ich die Wargals voller Angst sah. Als dein Vater nach jeder Seite hieb, immer noch über seinem verwundeten Kameraden stehend, wichen sie zurück. Zuerst langsam, dann rannten sie davon. Sie drehten sich einfach um und rannten weg.

Ich habe noch niemals einen anderen Mann gesehen, keinen Ritter und keinen mächtigen Krieger, der einen Wargal dazu gebracht hätte, vor Angst davonzulaufen. Aber dein Vater hat das geschafft. Er mag ein einfacher Soldat gewesen sein, Will, doch er war der mächtigste und tapferste Krieger, den ich je erleben durfte. Dann, als die Wargals flohen, sank er auf ein Knie neben dem Mann, den er gerettet hatte, und versuchte immer noch, ihn zu schützen, obwohl er wusste, dass er selbst im Sterben lag.

Er hatte ein halbes Dutzend Wunden erhalten, aber es war vermutlich die erste, die tödlich war.«

»Und wurde sein Freund gerettet?«, fragte Will bewegt und mit leiser Stimme.

Walt sah ihn verblüfft an. »Sein Freund?«, fragte er nach.

»Der Mann, den er schützte«, erklärte Will. »Hat er überlebt?«

Will hätte es als eine Tragödie empfunden, wenn diese Tapferkeit seines Vaters ohne Erfolg geblieben wäre.

»Sie waren keine Freunde«, sagte Walt. »Bis zu diesem Moment hatte dein Vater den anderen Mann niemals gesehen.« Er machte eine Pause, dann fügte er hinzu: »Und auch ich ihn nicht.«

Die Bedeutung dieser letzten fünf Worte drang schließlich zu Will vor.

»Ihr?«, flüsterte er. »Ihr wart der Mann, den er rettete?«

Walt nickte. »Wie ich sagte, ich kannte ihn nur wenige Minuten. Aber er hat mehr für mich getan als jeder andere Mann jemals in meinem Leben. Als er im Sterben lag, erzählte er mir von seiner Frau und dass sie allein zu Hause auf dem Bauernhof war und jeden Tag das Kind kommen könnte. Er bat mich noch, mich um sie zu kümmern.«

Will sah in das grimmige, bärtige Gesicht, das er inzwischen so gut kannte. Tiefe Traurigkeit lag in Walts Augen, als er sich an diesen Tag erinnerte.

»Ich kam zu spät, um deine Mutter zu retten. Es war eine schwere Geburt und sie starb kurz darauf. Ich brachte dich hierher und Baron Arald stimmte zu, dass du als Mündel aufwachsen solltest – bist du alt genug wärst, um die Wahrheit zu erfahren.«

»Aber all die Jahre habt Ihr niemals …«, Will sprach nicht weiter. Ausnahmsweise einmal fehlten ihm die Worte.

Walt lächelte ihn grimmig an.

»Ich habe niemals verraten, dass ich es war, der dich als Mündel bei Baron Arald untergebracht hat? Nein. Denk mal darüber nach, Will. Das Volk ist… zurückhaltend den Waldläufern gegenüber, und du weißt inzwischen selbst, wie sich Geschehnisse im Volksmund verändern. Wie hätten die Leute sich dir gegenüber verhalten, wenn man gewusst hätte, dass ich dich hierher gebracht habe? Hätten sich nicht alle gefragt, was du wohl für ein eigenartiges Wesen wärst? Also beschlossen wir, dass es besser sei, wenn niemand von meinem Interesse an dir erfuhr.«

Will nickte. Walt hatte natürlich Recht. Das Leben als Mündel war schon schwierig genug gewesen. Es wäre noch viel schlimmer gewesen, wenn die Leute gewusst hätten, dass er etwas mit Walt zu tun hatte.

»Also habt Ihr mich meines Vaters wegen als Lehrling angenommen?«, fragte Will.

Diesmal schüttelte Walt den Kopf. »Nein. Als Dank deinem Vater gegenüber sorgte ich dafür, dass du gut erzogen wurdest. Gewählt habe ich dich, weil du die Fähigkeiten und Eigenschaften zeigtest, die nötig waren. Und außerdem scheinst du auch den Mut und die Tapferkeit deines Vaters geerbt zu haben.«

Es herrschte eine lange, lange Stille zwischen ihnen, während Will die Geschichte des beeindruckenden Kampfes seines Vaters überdachte. Irgendwie war die Wahrheit noch bewegender, noch weit begeisternder als jede Geschichte, die er sich über die Jahre hätte ausdenken können. Schließlich stand Walt auf, und Will lächelte dankbar zu der schmalen, drahtigen Gestalt hoch, die sich jetzt im letzten Licht des Tages dunkel gegen den Himmel abhob. »Ich glaube, mein Vater würde sich freuen und wäre stolz auf die Wahl, die ich getroffen habe«, sagte er und legte die Kette mit dem Eichenlaub aus Bronze über seinen Kopf.

Walt nickte nachdrücklich, dann drehte er sich um, ging ins Haus und überließ den Lehrling seinen Gedanken.

Will blieb noch einige Minuten still sitzen. Unbewusst berührte er mit der Hand das Symbol aus Eichenlaub, das um seinen Hals hing. Die Abendbrise trug schwache Klänge aus dem Burghof zu ihm, das unaufhörliche Hämmern und Rasseln der Rüstungen während des Exerzierens, das während der ganzen letzten Woche beinahe Tag und Nacht zu hören war. Auf Burg Redmont bereitete man sich auf den bevorstehenden Krieg vor.

Und doch fühlte Will sich zum ersten Mal in seinem Leben absolut im Frieden mit der Welt.

Versuch doch etwas zu essen, Will. Morgen ist schließlich ein wichtiger Tag.«

Jenny, blond, hübsch und fröhlich, deutete auf Wills kaum berührten Teller und lächelte ihren Kameraden aufmunternd an. Will machte einen Versuch, das Lächeln zu erwidern, doch es gelang ihm nicht. Obwohl sein Lieblingsessen vor ihm stand, stocherte er nur darin herum. Heute Abend konnte er vor lauter Anspannung und Aufregung kaum einen Bissen hinunterbringen.

Er wusste wohl, dass morgen ein großer Tag war. Er wusste es nur allzu gut. Morgen war der wichtigste Tag in seinem ganzen Leben, denn morgen war der Tag der Wahl, und da würde entschieden, wie er den Rest seines Lebens verbringen sollte.

»Das sind wohl die Nerven«, sagte George, legte seine Gabel ab und fasste sich ans Revers seiner Jacke. Er war ein dünner, ungelenker und wissbegieriger Junge, fasziniert von Schriften und Gesetzestexten und mit der Neigung, das Für und Wider jeder Frage lang und gründlich zu erörtern – manchmal zu lange. »Furchtbare Sache, diese Nervosität. Die kann dich so lähmen, dass du nicht mehr denken, essen oder reden kannst.«

»Ich bin nicht nervös«, sagte Will schnell, der bemerkt hatte, dass Horace aufblickte und drauf und dran war, eine sarkastische Bemerkung zu machen.

George nickte einige Male und dachte offensichtlich weiter nach. »Andererseits«, fügte er dann hinzu, »ist es erwiesen, dass ein wenig Nervosität die Leistungsfähigkeit sogar verbessern kann. Sie erhöht nämlich deine Wahrnehmungskraft und deine Reaktionsfähigkeit. Also ist die Tatsache, dass du dir Sorgen machst, eigentlich nicht notwendigerweise etwas, worüber man sich Sorgen machen müsste.«

Ein schiefes Lächeln umspielte Wills Mund. George war wie geboren für den Beruf des Advokaten. Es stand so gut wie fest, dass er am nächsten Tag vom Zunftmeister der Schreiber und Rechtsgelehrten gewählt würde. Vielleicht, dachte Will, ist das letztlich mein Problem. Will war der Einzige unter den fünf Mündeln, der Zweifel hinsichtlich der Wahl hatte, die in weniger als zwölf Stunden stattfinden würde.

»Er hat guten Grund, nervös zu sein!«, mischte Horace sich ein. »Welcher Zunftmeister sollte ihn denn schon als Lehrling haben wollen?«

»Ich bin sicher, wir alle sind nervös«, sagte Alyss begütigend. Sie schenkte Will eines ihrer seltenen Lächeln. »Es wäre dumm, nicht nervös zu sein.«

»Tja, ich bin es jedenfalls nicht!«, widersprach Horace und lief dann rot an, als Alyss eine Augenbraue hob und Jenny kicherte.

Typisch Alyss, dachte Will. Er wusste, dass dem hoch gewachsenen, anmutigen Mädchen bereits ein Platz als Schülerin bei Lady Pauline, der Vorsteherin des Diplomatischen Dienstes von Redmont versprochen war. Ihre Behauptung, dass sie wegen des nächsten Tages nervös sei, und ihr Takt, nicht auf Horaces Schnitzer herumzuhacken, zeigte, dass sie bereits sehr gute diplomatische Fähigkeiten besaß.

Jenny würde natürlich sofort der Küche zugeteilt werden, dem Reich von Meister Chubb, Redmonts Küchenchef. Er war ein Mann, der im ganzen Königreich für seine Bankette berühmt war. Jenny liebte Essen und Kochen und war mit ihrem offenen Wesen und der stets guten Laune im geschäftigen Treiben der Burgküche gewiss sehr willkommen.

Horaces Wahl war zweifellos die Heeresschule. Will blickte jetzt auf den Jungen, der ein Mündel war wie er selbst und der gerade hungrig den gebratenen Truthahn, Speck und Kartoffeln von seinem Teller in sich hineinschaufelte. Horace war groß für sein Alter und sehr athletisch. Die Möglichkeit, dass er abgewiesen wurde, gab es praktisch nicht. Horace entsprach genau den Vorstellungen, die Sir Rodney von einem Heeresschüler hatte – er war stark, athletisch und in bester körperlicher Verfassung. Und, ergänzte Will in Gedanken sarkastisch, nicht allzu helle. Die Heeresschule war für Jungen wie Horace, der nicht von adeliger Abstammung war, der einzige Weg, um später als Ritter dem Königreich zu dienen.

Blieb nur noch Will. Was sollte er wählen? Noch wichtiger – wie Horace schon treffend angemerkt hatte –, welcher Zunftmeister würde ihn als Lehrjungen annehmen?

Denn der Wahltag war der Wendepunkt im Leben der Mündel. Sie waren Waisen, die aufgrund der Großherzigkeit von Baron Arald, dem Herrn von Gut Redmont, aufgezogen wurden. Meist waren ihre Eltern im Dienst für den Lehnsherrn gestorben, und der Baron sah es als seine Pflicht an, für die Kinder seiner Untergebenen zu sorgen und es ihnen zu ermöglichen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Der Wahltag bot diese Gelegenheit.

Jedes Jahr konnten Mündel, die fünfzehn Jahre alt wurden, sich darum bewerben, als Lehrlinge bei den Meistern der verschiedenen Zünfte angenommen zu werden. Normalerweise traten Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern. Die Mündel hatten diese Möglichkeit natürlich nicht und so war der Wahltag für sie die Chance, einen Beruf ihrer Wahl zu erlernen.

Jene Mündel, die bei keinem der Zunftmeister unterkamen, wurden bei Bauersleuten im nahe gelegenen Dorf untergebracht. Will wusste, dass dies nicht oft passierte. Der Baron und seine Zunftmeister bemühten sich normalerweise sehr, die Mündel zu vermitteln. Aber hin und wieder kam es dennoch vor, und dieses Schicksal fürchtete Will mehr als alles andere.

Horace fing seinen Blick auf und grinste ihn selbstgefällig an. »Hast du immer noch vor, dich für die Heeresschule zu bewerben, Will?«, fragte er mit vollem Mund. »Dann solltest du lieber was essen. Dafür musst du nämlich noch ein wenig stärker werden.«

Er ließ ein schnaubendes Lachen hören und Will sah ihn böse an. Vor ein paar Wochen hatte Horace mit angehört, wie Will Alyss anvertraute, dass er sehr gerne zur Heeresschule ginge. Seither hatte Horace keine Gelegenheit versäumt, Will darauf hinzuweisen, dass er mit seiner schmalen Statur völlig ungeeignet für den harten Drill der Heeresschule war.

Dass Horace wahrscheinlich sogar Recht hatte, machte die Sache nur noch schlimmer. Im Gegensatz zu dem großen und muskulösen Horace war Will klein und drahtig. Er war gelenkig, schnell und überraschend stark, aber er hatte einfach nicht die Größe, die – wie er wusste – von einem Heeresschüler verlangt wurde. Während der letzten Jahre hatte er immer gehofft, dass der so genannte Wachstumsschub noch vor dem Wahltag käme. Doch dieser Wunsch hatte sich leider nicht erfüllt und jetzt stand genau dieser Tag vor der Tür.

Da Will nichts erwiderte, merkte Horace, dass er mit seiner Bemerkung einen Treffer gelandet hatte. Das war eine Seltenheit in ihrer turbulenten Beziehung. Während der vergangenen Jahre waren er und Will immer wieder aneinander geraten. Horace war der Stärkere von beiden und hatte Will meist besiegt, obwohl Wills Schnelligkeit und Gelenkigkeit ihm hin und wieder ermöglichten, einen Überraschungsstoß anzubringen und rechtzeitig zu entkommen, bevor Horace ihn erwischte.

Doch so oft Horace den Kampf mit Fäusten auch gewann, so selten gelang ihm dies bei einem Streit mit Worten. Wills Geist war so beweglich wie der ganze Kerl, und so schaffte es Will fast immer, das letzte Wort zu haben. Und genau darin lag das Problem. Will musste erst noch lernen, dass es nicht immer gut war, das letzte Wort zu behalten.

Horace beschloss, den momentanen Vorteil auszunutzen.

»Man braucht Muskeln, um bei der Heeresschule angenommen zu werden, Will. Echte Muskeln«, sagte er und schaute sich Beifall heischend am Tisch um. Die anderen Mündel spürten die Spannung zwischen den beiden Jungen und sahen auf ihre Teller.

»Ja, besonders zwischen den Ohren«, erwiderte Will und prompt fing Jenny an zu kichern. Horaces Gesicht wurde knallrot und er machte Anstalten, von seinem Platz aufzustehen. Doch Will war schneller und bereits an der Tür, bevor Horace sich erhoben hatte, und so musste er sich damit zufrieden geben, Will eine Beleidigung nachzurufen.

»So ist es recht! Lauf nur davon, Will Namenlos! Du bist ein Niemand und keiner wird dich als Lehrling haben wollen!«

Draußen im Vorraum hörte Will die höhnische Bemerkung und spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Es war die Schmähung, die er am meisten hasste, auch wenn er versucht hatte Horace das nie merken zu lassen. Er wusste genau, dass dieser das sonst nur als Waffe gegen ihn einsetzen würde.

Die Wahrheit war, dass niemand Wills Nachnamen kannte. Niemand wusste, wer seine Eltern waren. Anders als die anderen Mündel seines Jahrgangs, die vor dem Tod ihrer Eltern auf dem Lehnsgut gelebt hatten und deren Familiengeschichte jeder kannte, war Will als Neugeborenes wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er war vor fünfzehn Jahren auf der Burgtreppe, in eine Decke gehüllt und in einem Korb liegend, gefunden worden. Ein Zettel steckte an der Decke, auf dem stand:

Seine Mutter starb im Kindbett.
Sein Vater starb als Held.
Bitte sorgt für ihn. Sein Name ist Will.

In jenem Jahr hatte es nur ein einziges anderes Mündel gegeben. Alyss’ Vater, ein Leutnant der Reiterei, war in der Schlacht von Hackham gefallen, als Morgaraths Armee geschlagen und zurück in die Berge vertrieben worden war. Alyss’ Mutter traf der Verlust so schwer, dass sie einige Wochen nach der Geburt einem Fieber erlag. Und so war neben Alyss noch genug Platz im Waisenhaus für das unbekannte Kind. Baron Arald war ein freundlicher und großzügiger Mann und hatte Will als Mündel von Burg Redmont anerkannt. Natürlich nahm man allgemein an, dass Wills Vater im Krieg gegen Morgarath gestorben war, und da Baron Arald in diesem Krieg eine führende Rolle übernommen hatte, war es eine Frage der Ehre, das Opfer des unbekannten Vaters auf diese Weise zu ehren.

So war Will ein Mündel von Burg Redmont geworden. Mit der Zeit waren weitere Mündel hinzugekommen, bis sie zu fünft in ihrem Jahrgang waren. Doch während die anderen Erinnerungen an ihre Eltern hatten oder, wie in Alyss’ Fall, es zumindest Leute gab, die sie gekannt hatten und ihr von ihnen erzählen konnten, wusste Will nichts über seine Herkunft.

Deshalb hatte er eine Geschichte erfunden, die ihn während seiner ganzen Kindheit gestärkt hatte. Und als die Jahre vergingen und er immer mehr Details hinzufügte, glaubte er sie schließlich selbst.

Sein Vater, das wusste er, war den Heldentod gestorben. Also entwarf er für sich das Bild eines Helden – eines Ritters in glänzender Rüstung, der gegen die Horden der Wargals kämpfte, sie links und rechts niedermähte, bis er schließlich allein aufgrund der enormen Überzahl der Feinde überwältigt wurde. Will hatte sich den hünenhaften Mann immer wieder in allen Einzelheiten ausgemalt, jedes Detail seiner Rüstung und seiner Waffenausstattung kannte er, aber nie hatte er sich sein Gesicht vorstellen können.

Als Ritter würde sein Vater von ihm erwarten, dass Will in seine Fußstapfen trat. Deshalb war die Aufnahme in die Heeresschule so wichtig für ihn. Und das war auch der Grund, weshalb er, je unwahrscheinlicher dies wurde, umso verzweifelter an dieser Hoffnung festhielt.

Er verließ das Waisenhaus und ging in den dunklen Burghof. Die Sonne war längst untergegangen und die Fackeln, die in Halterungen an den Wänden steckten, warfen ein flackerndes Licht. Will zögerte einen Moment. Er hatte keine Lust, wieder hineinzugehen und sich Horaces Sticheleien anzuhören. Das würde nur wieder zu einer Rauferei zwischen ihnen führen, die Will, wie er wusste, so gut wie sicher verlöre. George würde dann die Situation wortreich beurteilen und dadurch für weitere Verwirrung sorgen. Alyss und Jenny würden ihn vielleicht trösten – besonders Alyss, da sie von Anfang an zusammen aufgewachsen waren. Aber im Augenblick wollte er ihr Mitleid nicht und ganz sicher nicht Horaces Hohn. Also ging er zu dem einzigen Ort, wo er Ruhe fand.

Der riesige Feigenbaum, der in der Nähe des Mittelturms der Burganlage wuchs, hatte ihm schon oft Zuflucht geboten. Große Höhen machten Will keine Angst und er kletterte geschickt den Baum hinauf, immer weiter, wo ein anderer schon längst aufgehört hätte, bis er sich ganz oben in der Krone befand – auf schmalen Ästen, die unter seinem Gewicht schwankten. Schon früher war er oft hier herauf vor Horace geflohen. Der konnte nämlich bei Wills Kletterkünsten nicht mithalten. Er fand eine bequeme Astgabel und setzte sich darauf. Unter ihm drehten die Burgwachen ihre Runden.

Er hörte, wie die Tür des Waisenhauses geöffnet wurde, und als er hinunterspähte, sah er Alyss herauskommen und sich vergeblich im Hof nach ihm umsehen. Sie zögerte einen Moment und kehrte dann wieder ins Haus zurück. Das Rechteck aus Licht, das durch die offene Tür in den Hof fiel, erlosch, sobald sie die Tür sanft hinter sich schloss. Eigenartig, dachte Will, wie selten die Leute nach oben schauen.

Eine Schleiereule landete fast lautlos auf einem nahen Ast. Sie betrachtete Will ohne Besorgnis und schien zu wissen, dass sie nichts von ihm zu befürchten hatte. Sie war eine schweigsame Jägerin, eine Herrscherin der Nacht.

»Du weißt wenigstens, wer du bist«, sagte er leise zu ihr. Die Eule drehte den Kopf, dann schwang sie sich fort in die Dunkelheit und ließ Will allein mit seinen Gedanken.

Während er so dasaß, wurden in der Burg nach und nach die Lichter gelöscht. Die Fackeln brannten herunter und wurden um Mitternacht von der Wachablösung durch neue ersetzt. Schließlich brannte nur noch in einem Fenster Licht und das war das Studierzimmer des Barons, wo der Herrscher von Redmont noch über Berichten und Papieren brütete. Es befand sich fast auf gleicher Höhe mit Wills Platz im Baum und so konnte er die stämmige Gestalt des Barons an seinem Schreibtisch genau beobachten. Schließlich stand Baron Arald auf, streckte sich einmal und beugte sich dann vor, um die Lampe zu löschen, bevor er den Raum verließ und sich in sein Schlafgemach im Obergeschoss begab. Jetzt schlief die ganze Burg, bis auf die Soldaten auf der Mauer, die Wache hielten.

In weniger als neun Stunden, fiel Will ein, musste er sich der Wahl stellen. Leise, aber schweren Herzens kletterte er den Baum hinab und ging zu seinem Bett im dunklen Jungenschlafraum des Waisenhauses.

Also gut, Lehrlingsanwärter! Hier entlang! Und macht nicht so ein versteinertes Gesicht, wenn ich bitten darf!«

Der Sprecher, oder eigentlich eher der Rufer, war Martin, Baron Aralds Sekretär. Als seine Stimme durch den Vorraum schallte, erhoben sich die fünf Mündel unsicher von der langen Holzbank, auf der sie gesessen hatten. Plötzlich waren doch alle nervös, jetzt, wo der große Augenblick gekommen war. Sie trotteten durch die hohe eisenbeschlagene Holztür, die Martin für sie aufhielt. Keiner wollte der Erste sein.

»Kommt schon, kommt schon!«, bellte Martin ungeduldig. Alyss entschloss sich schließlich, die Führung zu übernehmen, wie Will es schon vorausgesehen hatte. Die anderen folgten dem schlanken blonden Mädchen.

Will sah sich neugierig um, als er das Studierzimmer des Barons betrat. In diesem Teil der Burg war er noch nie zuvor gewesen. Der Turm, in dem sich die Verwaltung sowie die Privatgemächer des Barons befanden, wurde selten von jemandem niedrigen Rangs besucht. Der Raum war hoch und geräumig. An der östlichen Wand befand sich ein riesiges Fenster – offen, um frische Luft hereinzulassen, aber mit einem mächtigen Holzladen, der bei schlechtem Wetter geschlossen werden konnte. Es war das gleiche Fenster, durch das Will in der vergangenen Nacht geblickt hatte. Heute fiel Sonnenlicht auf den wuchtigen Eichenschreibtisch.

»Kommt schon! Stellt euch in einer Reihe auf, in einer Reihe!« Martin schien diesen Moment der Autorität zu genießen. Die Gruppe stand immer noch ungeordnet beisammen und er musterte sie mit unzufrieden verzogenem Mund.

»Der Größe nach! Der Größte kommt nach vorne!« Er deutete auf die Stelle, wohin er den größten der fünf haben wollte. Und das war natürlich Horace. Allmählich ordnete sich die Gruppe selbst. Hinter Horace nahm Alyss ihren Platz ein. Dann kam George, der einen halben Kopf kleiner als sie war und unglaublich dünn. Er stand in seiner üblichen krummen Haltung da. Will und Jenny zögerten. Jenny lächelte Will an und bedeutete ihm, sich vor sie zu stellen, auch wenn sie wahrscheinlich ein paar Zentimeter größer war als er. Das war typisch für Jenny. Sie wusste, wie Will unter der Tatsache litt, dass er der Kleinste seines Jahrgangs war. Als Will sich aufstellte, hielt Martins Stimme ihn auf.

»Nicht du! Zuerst das Mädchen!«

Jenny zuckte entschuldigend mit den Schultern und trat an den Platz, auf den Martin gezeigt hatte. Verdrosen stellte Will sich hinter sie.

»Kommt schon! Fröhliche Gesichter! Uuund … stillgestanden …«, fuhr Martin fort, wurde jedoch von einer tiefen Stimme unterbrochen.

»Ich glaube nicht, dass das notwendig ist, Martin.«

Es war Baron Arald, der unbemerkt durch eine kleine Tür in der Wand eingetreten war. Jetzt war es Martin, der sich so präsentierte, wie er sich eine Hab-Acht-Stellung wohl vorstellte: die mageren Arme eng an den Körper gelegt, die Fersen zusammengedrückt, sodass seine krummen Säbelbeine deutlich sichtbar waren, und den Kopf weit in den Nacken gelegt.

Baron Arald verdrehte unmerklich die Augen. Manchmal fand er die Hingabe seines Sekretärs etwas übertrieben. Der Baron war ein großer, breitschultriger Mann, wie es sich für einen Ritter des Königreiches gehörte. Es war jedoch allgemein bekannt, dass Baron Arald auch Essen und Trinken sehr schätzte, also bestand seine eindrucksvolle Gestalt nicht nur aus Muskeln.

Er trug einen kurzen, ordentlich gestutzten Bart, der wie sein Haar erste graue Strähnen zeigte, die seinen zweiundvierzig Jahren angemessen waren. Er hatte ein ausgeprägtes Kinn, eine große Nase und dunkle, durchdringende Augen mit buschigen Brauen. Es war, wie Will fand, ein einschüchterndes, aber kein unfreundliches Gesicht. Vielmehr lag ein überraschender Funken von Humor in diesen dunklen Augen. Will hatte dies bereits bei den gelegentlichen Besuchen des Barons im Waisenhaus bemerkt, wenn er sich nach den Fortschritten seiner Mündel erkundigte.

»Mylord!«, verkündete Martin lautstark, sodass der Baron leicht zusammenzuckte. »Die Kandidaten sind versammelt!«

»Das sehe ich«, erwiderte Baron Arald geduldig. »Vielleicht bist du so gut und bittest die Zunftmeister ebenfalls herein?«

»Mylord!«, erwiderte Martin und machte den Versuch, die Hacken aneinander zu schlagen. Da er Schuhe aus weichem Leder trug, konnte dieser Versuch nur schief gehen. Er marschierte dennoch äußerst zackig zur Tür. Sein Gehabe erinnerte Will an einen Pfau. Als Martin die Hand auf den Türgriff legte, sprach der Baron ihn noch einmal an.

»Martin?«, sagte er leise. Als der Sekretär ihm einen fragenden Blick über die Schulter zuwarf, fuhr er im gleichen sanften Ton fort. »Bitte sie herein, aber schrei sie nicht an. Zunftmeister mögen das nicht.«

»Ja, Mylord«, antwortete Martin und sah aus, als hätte man ihm die Luft herausgelassen. Er öffnete die Tür und mit mühsam gesenkter Stimme, sagte er: »Werte Zunftmeister, Seine Lordschaft ist jetzt bereit.«

Die Meister der Zünfte betraten den Raum ohne festgelegte Reihenfolge. Sie respektierten einander und die Gelegenheiten für ein starres Zeremoniell waren selten. Sir Rodney, Leiter der Heeresschule, trat als Erster ein. Groß und breitschultrig wie der Baron, trug er das Gewand eines Ritters, nämlich ein Kettenhemd unter einem weißen Waffenrock, versehen mit seinem eigenen Wappen, einem purpurroten Wolfskopf. Dieses Wappen hatte er sich als junger Mann verdient, als er gegen die Nordländer gekämpft hatte, die ständig die Ostküste des Königreiches unsicher machten. Den Bug jener Seepiraten, gegen die Sir Rodney gekämpft hatte, hatte ein Wolfskopf geschmückt. Natürlich trug Sir Rodney jetzt auch einen Schwertgürtel mit Schwert. Kein Ritter ließe sich bei offiziellen Anlässen ohne sein Schwert sehen. Er hatte ungefähr das Alter des Barons, blaue Augen und ein Gesicht, das man ohne die gebrochene Nase als gut aussehend bezeichnet hätte. Er trug einen riesigen Schnurrbart, aber anders als der Baron keinen Kinnbart.

Als Nächstes kam Ulf, der Oberstallmeister, der für die Pflege und die Ausbildung der großen Schlachtrösser zuständig war. Er hatte aufmerksame braune Augen, muskulöse Arme und breite Handgelenke. Er trug ein einfaches Lederwams über seinem Wollhemd und den Beinkleidern. Hohe Reitstiefel aus weichem Leder reichten über seine Knie.

Lady Pauline folgte nach ihm. Schlank, elegant und inzwischen grauhaarig, war sie in ihrer Jugend eine beeindruckende Schönheit gewesen. Doch auch jetzt noch besaß sie genügend Anmut und Grazie, um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu lenken. Lady Pauline, die mit dem Titel Lady für ihre Bemühungen um die Außenbeziehungen des Königreichs belohnt worden war, stand dem Diplomatischen Dienst in Redmont vor. Baron Arald schätzte ihre Fähigkeiten sehr und sie war ihm Vertraute und Ratgeberin zugleich. Der Baron sagte oft, dass Mädchen die besten Anwärter für den Diplomatischen Dienst seien. Sie waren feinsinniger als Jungen, die es naturgemäß eher in die Heeresschule zog. Und während Jungen ständig versuchten, auftretende Probleme mit den Fäusten zu lösen, konnte man sich darauf verlassen, dass Mädchen ihren Verstand gebrauchten.

Es war nur natürlich, dass Nigel, Zunftmeister der Schreiber und Rechtsgelehrten, gleich hinter Lady Pauline hereinkam. Sie hatten Angelegenheiten von beidseitigem Interesse diskutiert, während sie darauf warteten, dass Martin sie hineinrief. Nigel und Lady Pauline waren nicht nur Kollegen, sondern auch enge Freunde. Es waren Nigels gut ausgebildete Schreiber, welche die offiziellen Dokumente und Verlautbarungen verfassten, die dann von Lady Paulines Diplomaten übergeben wurden. Er beriet sie auch oft bei der genauen Wortwahl solcher Schreiben, da er ein weitreichendes Wissen der Rechtsvorschriften hatte. Nigel war ein kleiner, drahtiger Mann mit einem lebendigen, neugierigen Gesicht, das Will an ein Frettchen erinnerte. Sein Haar war glänzend schwarz, sein Gesicht hager und seine dunklen Augen blickten aufmerksam und wissbegierig.

Meister Chubb, der Küchenvorsteher, kam als Letzter herein. Er war ein dicker Mann mit einem kugelrunden Bauch. Und natürlich trug er eine weiße Küchenschürze und die dazugehörige Mütze. Er war dafür bekannt, jähzornig zu sein, und die Mündel traten ihm stets mit Vorsicht entgegen. Er hatte ein leicht gerötetes Gesicht, feuerrotes Haar und trug, wo immer er auch hinging, stets einen Holzlöffel mit sich. Er war für ihn so etwas wie ein Zunftstab und wurde von ihm nicht selten als Waffe eingesetzt. Oft genug landete er mit einem dröhnenden Schlag auf den Köpfen von achtlosen, vergesslichen oder langsamen Küchenhilfen oder Lehrlingen. Jennifer war die Einzige unter ihnen, für die Chubb so etwas wie ein Held war. Es war ihr sehnlichster Wunsch, für ihn zu arbeiten und von ihm zu lernen, Holzlöffel hin oder her.

Es gab natürlich auch noch andere Zunftmeister, wie zum Beispiel den Schmied und den Büchsenmacher. Aber nur jene Zunftmeister, die derzeit auch Platz für neue Lehrlinge hatten, waren heute anwesend.

»Die Zunftmeister sind versammelt, Mylord!«, trompetete Martin. Für ihn schienen Lautstärke und Wichtigkeit der Angelegenheit in einem direkten Verhältnis zu stehen. Wieder verdrehte der Baron die Augen.

»Das sehe ich«, erwiderte er leise und fügte dann in einem förmlicheren Ton hinzu: »Guten Morgen, Lady Pauline. Guten Morgen, die Herren.«

Sie erwiderten den Gruß und der Baron drehte sich zu Martin. »Können wir fortfahren?«

Martin nickte einige Male, blickte auf ein Blatt mit Notizen in seiner Hand und marschierte zur Reihe der Kandidaten.

»Also, der Baron wartet! Der Baron wartet! Wer tritt vor?«

Will, der mit gesenktem Blick nervös von einem Fuß auf den anderen trat, hatte mit einem Mal das merkwürdige Gefühl, dass ihn jemand beobachtete. Er blickte hoch und zuckte überrascht zusammen, als er dem schwer zu deutenden Blick von Walt, dem Waldläufer begegnete.

Will hatte ihn nicht hereinkommen sehen. Der geheimnisvolle Mann musste durch die Seitentür hereingeschlichen sein, während die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf die durch den Haupteingang eintretenden Zunftmeister richtete. Jetzt stand er halb verdeckt hinter dem Stuhl des Barons, wie üblich in braune und graue Kleidung und in den langen, gesprenkelten graugrünen Umhang eines Waldläufers gehüllt. Walt war eine einschüchternde Person. Er hatte die Angewohnheit, immer dann aufzutauchen, wenn man es am wenigsten erwartete – und man hörte ihn nie kommen. Die abergläubischen Dorfbewohner waren davon überzeugt, dass die Waldläufer eine Art Zauberei praktizierten, die sie für normale Leute unsichtbar machte. Will war sich nicht sicher, ob er das glaubte – aber er war sich auch nicht sicher, ob er es nicht glaubte. Er fragte sich, warum Walt heute hier war. War er etwa auch ein Zunftmeister? Soweit Will wusste, war er bisher nie zu einem Wahltag gekommen.

Abrupt sah Walt weg, und Will merkte, dass Martin immer noch redete. Er bemerkte auch, dass der Sekretär die Angewohnheit hatte, alles zu wiederholen, als sei er sein eigenes Echo.

»Wer tritt vor? Wer tritt vor?«

Der Baron seufzte hörbar. »Warum nehmen wir denn nicht einfach den Ersten in der Reihe?«, schlug er vor und Martin nickte eifrig.

»Aber natürlich, Mylord. Natürlich. Der Erste in der Reihe, bitte vortreten.«

Nach einem Moment des Zögerns trat Horace vor und nahm Hab-Acht-Stellung an. Der Baron musterte ihn ein paar Sekunden.

»Name?«, fragte er, und Horace antwortete, wobei er bei der korrekten Anrede des Barons leicht ins Stottern kam.

»Horace Altman, Sir… Mylord.«

»Und hast du einen Wunsch, Horace?«, fragte der Baron in einem Ton, der darauf hindeutete, dass er die Antwort bereits kannte.

»Heeresschule, Sir!«, antwortete Horace fest. Der Baron nickte. Er hatte nichts anderes erwartet und blickte zu Sir Rodney, der den Jungen daraufhin musterte.

»Heeresmeister?«, sagte der Baron. Normalerweise hätte er Sir Rodney mit dem Vornamen angesprochen, nicht mit seinem Titel. Aber dies war eine offizielle Angelegenheit. Genauso wie Sir Rodney den Baron normalerweise nur mit »Sir« ansprach. Aber an einem Tag wie heute war »Mylord« die richtige Form.

Der mächtige Ritter trat vor Horace, sein Kettenhemd und die Sporen klirrten. Er musterte den Jungen von oben bis unten und ging langsam um ihn herum. Horace wollte den Kopf drehen.

»Still gestanden«, befahl Sir Rodney, und der Junge blieb unbeweglich stehen und starrte geradeaus.

»Sieht kräftig genug aus, Mylord, und ich kann immer neue Soldaten gebrauchen.« Er rieb sich nachdenklich mit der Hand übers Kinn. »Kannst du reiten, Horace Altman?«

Ein Ausdruck der Unsicherheit erschien auf Horaces Gesicht, als ihm klar wurde, dass dies ein Hinderungsgrund sein könnte. »Nein, Sir. Ich …«

Er wollte hinzufügen, dass Mündel keine Gelegenheit hatten, reiten zu lernen, aber Sir Rodney unterbrach ihn.

»Macht nichts. Das kann er lernen.« Sir Rodney schaute zum Baron und nickte. »In Ordnung, Mylord. Ich nehme ihn für die Heeresschule, bei der üblichen dreimonatigen Probezeit.«

Der Baron notierte etwas auf einem Blatt Papier, das vor ihm lag, und lächelte den begeisterten und sehr erleichterten Jungen vor sich an.

»Gratuliere, Horace. Melde dich morgen früh um Punkt acht Uhr bei der Heeresschule.«

»Ja, Sir… Mylord!«, erwiderte Horace mit einem breiten Grinsen. Er drehte sich zu Sir Rodney und verbeugte sich leicht. »Danke, Sir.«

»Bedanke dich nicht zu früh«, antwortete dieser. »Du weißt noch nicht, was dich erwartet.«