Markus Hengstschläger
DIE DURCHSCHNITTSFALLE
Markus Hengstschläger
DIE DURCHSCHNITTSFALLE
Gene – Talente – Chancen

Markus Hengstschläger
Die Durchschnittsfalle
Gene – Talente – Chancen
Umschlagidee und -gestaltung: kratkys.net 
1. Auflage
© 2012 Ecowin Verlag, Salzburg
Lektorat: Dr. Arnold Klaffenböck
Gesamtherstellung: www.theiss.at
Gesetzt aus der Sabon
Printed in Austria
ISBN 978-3-7110-0022-4
eISBN 378-3-7110-5021-2
www.ecowin.at
... Individualität die einzige Möglichkeit ist, sich auf Fragen aus der Zukunft, die wir heute noch nicht kennen, vorzubereiten?
... umso schwieriger die zu lösende Aufgabe ist, umso individueller die Mitglieder des Teams sein sollten?
... Migration Teil der Evolution ist?
... genetisch eigentlich keine menschlichen Rassen existieren?
... der Mensch individuell ins Leben geht und sich sein Leben lang gegen Gleichmacherei wehren muss?
... der Durchschnitt die größte Gefahr für eine erfolgreiche Zukunft ist, weil er zu keinen Spitzenleistungen fähig ist?
... der Durchschnitt auch ungerecht ist, weil er keinem einzigen Individuum wirklich entspricht?
... der Durchschnitt eine evolutive Sackgasse ist und wir trotzdem gerade mit Vollgas in diese Gasse fahren?
... der Durchschnitt ein Würfel ist, bei dem jede Seite dieselbe Augenzahl hat?
... Kinder nicht sein dürfen (können) wie ihre Eltern?
... jeder Mensch mehrere Talente hat?
... es eigentlich keine besseren oder schlechteren Talente geben kann?
... Ihre persönlichen Talente vielleicht mehr zur Lösung zukünftiger Probleme beitragen als die von Plácido Domingo oder Lionel Messi?
... Erfolg immer das Produkt aus Genetik und Umwelt, aus individuellen Leistungsvoraussetzungen und harter Arbeit ist?
... kein Erfolg von nur einem Talent abhängt?
... Erfolg stets das Ergebnis vieler besonderer Leistungen ist, wofür es notwendig ist, viele verschiedene oft auch dünne Schnüre an Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und durch harte Arbeit zu einem dicken Seil zusammenzudröseln?
... Kreativität, intellektuelles Leistungsvermögen (IQ), Empathie und Temperament besondere individuelle Leistungsvoraussetzungen des Menschen sind, die sich im Laufe eines Lebens kaum verändern, für die genetische Faktoren bekannt sind und die für die Erreichung jeder besonderen Leistung (= Erfolg) von größter Relevanz sind?
... es auch ein Talent zum Glücklichsein gibt, das durch harte Arbeit entwickelt und umgesetzt werden muss?
... man Talente verschwendet, wenn man sich nur mit der Reproduktion von Bekanntem beschäftigt, ohne kreativ Neues dabei zu schaffen?
... wer den Wert einer gegenwärtigen Leistung für die Zukunft einschätzen will, die Vergangenheit kennen muss?
... die Psyche starken Einfluss auf die Verwendung unserer Gene nimmt?
... man auf seine Gene pfeifen kann (oder muss)?
... die Umsetzung besonderer Leistungsvoraussetzungen in Erfolg nicht extrinsisch erzwungen werden kann?
... bildungsferne Schichten zur Bildung geführt werden müssen, nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern um mehr Talente entdecken / fördern zu können?
... einen neuen Weg nur gehen kann, wer den alten verlässt?
... wir die Norm dadurch endlich obsolet machen sollten, indem es unser aller Ziel wird, von der Norm abzuweichen?
... wenn alle verschieden sind, keiner mehr auffällt?
... es nicht eine Elite gibt, sondern so viele Eliten wie Menschen?
... es wieder „in“, „cool“, „erstrebenswert“ werden muss, anders zu sein und hart und viel an der Perfektionierung einer Sache zu arbeiten, damit ein kumulativer Flow-Zustand in unserer Gesellschaft entstehen kann, der uns zukunftsfähig macht.
Für alle Lillebrors,
denen ihr weltbester Karlsson vom Dach
manchmal sehr auf die Nerven geht.
(Karlsson ist eine Kinderbuchfigur von Astrid Lindgren, ein kleiner Mann – in den besten Jahren, wie er selbst von sich sagt, der mittels eines Propellers auf seinem Rücken fliegen kann. Karlsson ist befreundet mit dem schüchternen Jungen Lillebror, den er oft sehr rechthaberisch behandelt und dem er viele
Dinge kaputt macht – „Das stört doch keinen großen Geist“. Und doch hilft diese Freundschaft Lillebror, seinen individuellen Weg mutiger und selbstsicherer zu gehen.)
Wussten Sie, dass …
Leserhinweis
Prolog
Individualität als Schlüssel zum Erfolg
Individualität um jeden Preis
Genetisch gibt es keinen Durchschnitt
Was ist eigentlich Talent? Warum Genetik niemals reicht
Epigenetik und Talente
Verschiedene Begabungen
Sport und Handwerk
Kunst
Wissenschaft
Management und Politik
Glück und soziale Begabungen
Talente entdecken und fördern
Die Motivation, aus der Reihe zu tanzen
Zusammenfassung
Danksagung
Literatur
Um die Lesbarkeit des Buches zu verbessern, wurde darauf verzichtet, neben der männlichen auch die weibliche Form anzuführen, die gedanklich selbstverständlich immer mit einzubeziehen ist.
Das aktuell Erstrebenswerteste, was man offensichtlich über die (seine eigene) nächste Generation sagen möchte, scheint eher eine Beschreibung idealisierter Unsichtbarkeit zu sein. „Wie geht es Dir mit Deinem Sohn?“, fragt der eine Vater den anderen. Die immer öfter gegebene, weil auch immer öfter gewünschte Antwort darauf: „Meiner? Herrlich, großartig … so angenehm. Weißt Du, wir haben keinerlei Probleme mit ihm … so angenehm … der fällt überhaupt nicht auf, immer schön im Durchschnitt. Der ist noch nie unangenehm aufgefallen. Bitte, er ist auch noch nicht besonders angenehm aufgefallen. Hauptsache ist aber doch – nicht auffallen. Das macht doch nur Probleme – für ihn und für uns. Nein, so etwas macht meiner mir nicht!“ (Un)auffällig unauffällig – der Traum aller Erziehungsberechtigten, Erziehungsverpflichteten.
Was mich daran stört? Warum ein Buch darüber? Weil diese beiden Väter das größte Kapital für die Zukunft unseres Planeten verschleudern. Sie meinen: Ach was, das größte Kapital sind Rohstoffe und billige Arbeitskräfte? Zugegeben, höre ich auch des Öfteren. Aber wir wissen doch alle, die gehen uns schneller aus, als uns lieb ist. Das größte und einzige Kapital, auf das sich verlässlich und nachhaltig bauen lässt, ist die Individualität unseres Humankapitals.
Ein System, in dem alle Teile möglichst nah an einem gemeinsamen Durchschnitt sind, ist für die Zukunft in keinerlei Weise gerüstet. Selbst wenn man denkt, einen hohen Wert anzustreben. Das Problem ist die fehlende Varianz, die fehlende Individualität. Wenn in der Zukunft ein Problem auftaucht, das das System nicht kennt oder eben noch nicht kennt, so wird der Durchschnitt – und in diesem Fall damit alle (weil ja schließlich alle nah am Durchschnitt und daher sehr ähnlich wären) – keinerlei Antwort darauf bieten. Wenn das System aber eine höchstmögliche Streuung aufweist, also von Verschiedenartigkeit und Individualität nur so strotzt, wird vielleicht einer, oder auch ein zweiter, mit seinem individuellen Ansatz, mit seinen ganz eigenen Denkmustern eine Antwort finden können. Fragen, die aus der Zukunft auf uns zukommen, die wir heute (logischerweise) noch nicht kennen, werden dann von einem durchschnittsorientierten System beantwortet / gelöst werden können, wenn sie möglichst nah am Vorstellbaren, Kalkulierbaren, Einschätzbaren und Voraussehbaren sind. Aber was an der Zukunft ist schon wirklich vorstellbar, kalkulierbar, einschätzbar und voraussehbar? Eben.
Sie werden sagen, was soll’s? Wer macht das schon? Wer orientiert sich denn schon am Durchschnitt? Das könnte doch nur jemand tun, der dumm genug wäre zu glauben, die Fragen der Zukunft heute schon zu kennen. Das könnte doch nur jemand tun, der dumm genug wäre zu meinen, heute schon wissen zu können, was wir morgen wirklich brauchen, was morgen auf uns zukommt. Leute, die das von sich behaupten, sitzen üblicherweise in kleinen Hinterzimmern oder Zelten eines Wanderzirkus vor einer Glaskugel, leise, verraucht und ehrfurchtsvoll die Worte hauchend: „Ich sehe in Ihrer Zukunft einen Mann, schön, reich, klug und Ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesend!“
Wer also ist dumm genug, sich an einem in der Verzweiflung des Gefechtes erfundenen und dann auch noch als ideal postulierten Durchschnitt zu orientieren? Ein Schulsystem, das die Schüler anhält, doch dort am meisten zu lernen, wo sie die schlechtesten Noten haben, um sich auf Kosten jener Zeit, die sie mit ihren Stärken hätten verbringen können, doch rasch wieder im Durchschnitt einzureihen? Ein Schulsystem, das glaubt, das Entscheidende sei, dass am Ende alle das Gleiche können? Universitäten, die ihre Studenten danach aussuchen wollen, wie gut ihr Notendurchschnitt in der Schule war? Universitäten, die gerade zu Schulen werden mit dem Ziel, möglichst viele Studenten möglichst schnell, möglichst günstig, möglichst ohne Verluste (möglichst niedrige Drop-out-Quote), möglichst durchschnittlich auszubilden? Eine Bildungspolitik, die alles daran setzt, bildungsferne Schichten zur Bildung zu bringen, um den Durchschnitt zu heben? Eine Einwanderungspolitik, die heute schon weiß, welche Fachkräfte, welches Know-how wir morgen in unserem Land brauchen werden? Das kommt Ihnen alles irgendwie bekannt vor? Nun, dann wissen Sie ja schon, warum etwas dazu gesagt, warum etwas darüber geschrieben werden muss. Weil der Durchschnitt so hilflos ist. Weil der Durchschnitt niemals besondere Leistungen erbringen wird. Weil der Durchschnitt kein Instrument zur Beantwortung noch ungelöster Fragen ist. Weil Anderssein viel besser ist. Weil es nicht darum geht, besser zu sein, sondern anders zu sein. Und weil wir gerade im Begriff sind, unsere Individualität aufs Spiel zu setzen. Eben. Ich möchte Sie jetzt an dieser Stelle am Anfang des Buches nicht gleich überfordern, indem ich Ihnen all jene Beispiele, die man aktuell beobachten kann, aufzähle, die das mir unverständliche Streben nach dem Durchschnitt belegen würden. Ich weiß ohnedies, dass Sie die meisten davon (und wahrscheinlich noch viel mehr) kennen. Vielleicht halten Sie einmal kurz inne und überlegen sich selbst, wo Sie in Ihrer unmittelbaren Umgebung mit „zu viel Durchschnitt“ konfrontiert sind oder waren.
Anders zu sein und möglichst viele andere (Andersartige), Verschiedene im System zu haben ist die mächtigste Eigenschaft (um nicht zu sagen Waffe) auf dem spannenden, aber eben auch herausfordernden Weg in die Zukunft. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Niemand weiß heute schon, welche Fähigkeiten wir eines Tages zur Lösung der noch kommenden Probleme benötigen. Ein Grundelement der Zukunft ist, dass sie Neues bringt, uns noch nicht Dagewesenes an den Kopf wirft, ohne Rücksicht auf unseren aktuellen Stand des Wissens. Daher kann auch niemand behaupten, der eine (das eine) wäre heute wichtiger und förderungswürdiger als der andere (das andere). Wer heute wertet, wer heute von sich behauptet zu wissen, was wir wirklich brauchen werden, der sollte wohl idealerweise eine Glaskugel haben und zumindest jemanden finden, der ihm Glauben schenkt. Niemand kann heute beweisen, was besser ist und sein wird, weil man die Zukunft nicht kennt. Niemand kann heute behaupten, was nötiger ist und sein wird, weil man die Zukunft nicht kennt. Und so lange das so bleibt (und wer glaubt schon, dass sich das jemals ändern wird), besteht die einzige Chance darin, sich auf die Zukunft vorzubereiten, möglichst viele im System zu haben, die anders sind.
Wer einen neuen Weg gehen will, muss den alten verlassen. Individualität ist das höchste Gut, wenn es darum geht, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Der Durchschnitt erbringt keinerlei wissenschaftliche Spitzenleistungen, die wir für eine erfolgreiche Zukunft so bitter nötig haben werden. Der Durchschnitt erbringt aber auch keine sportlichen Spitzenleistungen, keinerlei künstlerische Ausnahmeleistungen und natürlich auch keine innovativen politischen Lösungen. Der Durchschnitt ist sinnlos und gefährlich, weil er so manche in dem Glauben wiegt: „Wenn es die anderen auch so machen, wenn die anderen auch nicht anders sind, dann kann mir ja nichts passieren.“ Nicht nur, dass es heute sehr beliebt ist, wenn die nächste Generation nicht auffällt. Es ist außerdem mehr als beliebt, selbst nicht aufzufallen. Nichts – so glaubt so mancher – macht stärker, als als Tropfen im großen Meer des Durchschnitts aufzugehen. Nichts – so irren so viele – macht stärker, als sagen zu können, „wir“ (und nicht ich). Die Sehnsucht, sich hinter einer Phalanx Gleichgesinnter zu verstecken, war wohl noch nie so groß: „Wir – die Briefmarkensammler, wir – die Gartenzwergsammler, wir – die Sammler der Rechten, wir – die Linkensammler, wir – die Katholensammler, wir – die Protestantensammler, wir – die Zinnsoldatensammler, wir versammeln uns und beschließen, was für uns gut ist. Was für eine unglaubliche Freude und Macht, dass es mehr von unserer Sorte gibt.“ In Wirklichkeit sollten wir alles daran setzen, eine (An-) Sammlung von Individuen zu sein / werden mit dem höchstmöglichen Grad an Anderssein. Eben und darum ein Buch.
Aber warum von einem Biologen und Genetiker?
Einerseits, weil das Wissen um die Macht der Individualität die Konsequenz des wohl erfolgreichsten Konzepts überhaupt ist. Und dieses Konzept, das es ermöglichte, durch eine ständig aktive Interaktion aus Genetik und Umwelt einer „Urpfütze“ zu entfliehen und über einen steinigen und mit so manchem Getier gepflasterten Weg letztendlich beim Homo sapiens anzukommen, ist nun mal ein biologisches beziehungsweise genetisches. Die unglaubliche Kraft der Individualität und die Aussichtslosigkeit des Durchschnitts sind gleichermaßen Antrieb und Ergebnis der Evolution. Der Durchschnitt ist eine evolutive Sackgasse – und wir fahren gerade mit Vollgas hinein.
Und andererseits stellt die Individualität unseres Humankapitals, auf die wir bauen müssen, immer das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt dar. Der Mensch ist individuell, weil er genetisch individuell ist und weil er seine individuellen Umwelteinflüsse hatte und hat. Wohingegen unsere genetische Individualität wohl (noch, solange Ideen um einen Klonmenschen Dolly nicht wieder aufflackern) unantastbar ist und bleibt, ist es die Individualität, Verschiedenartigkeit und Streuungsbreite unserer Umwelteinflüsse, die wir uns gerade selbst dezimieren. Leider vor allem auch mit negativen Auswirkungen auf die Nutzung unserer individuellen biologischen Leistungsvoraussetzungen.
Sie haben natürlich schon erkannt, dass es mir um das Engagement geht, mit dem wir darangehen, unsere individuellen Talente zu finden und es ihnen zu ermöglichen, sie optimal umzusetzen. Das Ergebnis ist in solch einem Ansatz notgedrungen immer individuell – es muss individuell sein und es muss es auch bleiben dürfen. Jeder muss daher möglichst anders sein. Dass Talent oft auch eine genetische Komponente hat, ist akzeptiert: Talentiert wird man selten nur durch seine Lehrer. Der Streit um die Frage, wie stark die genetische Komponente dabei ist, bleibt ein akademischer und aus meiner Sicht entbehrlicher. Zumeist handelt es sich ohnedies nur um eine Frage des Standpunkts. Steht man mehr auf der Seite der besonderen individuellen Leistungsvoraussetzung, mit der jeder Mensch zur Welt kommt, so müssen die Gene stark unter Verdacht stehen. Steht man aber mehr auf der ergebnisorientierten Seite, so wird vollkommen klar: Erfolg ist ausnahmslos die Konsequenz aus der Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt. Talente als genetisch zumindest mitbestimmte besondere Leistungsvoraussetzungen gibt es – sie entziehen sich aber eigentlich der Messbarkeit. Beobachten, bestimmen und messen kann man sehr oft nur den Erfolg – das Produkt aus Genetik und Umwelt.
Ich gebe gerne zu, dass das jetzt etwas viel auf einmal war. Ich versuche es noch zu verdeutlichen: Zwei Menschen, die zum Beispiel in Bezug auf ihre musische Ausbildung genau die gleiche Umwelt hätten, genau gleich viel gelernt, geübt und gearbeitet hätten, mit genau den gleichen Lehrern, würden wahrscheinlich trotzdem niemals „gleich“ oder „gleich gut“ singen. Ich hoffe, ich konnte das klarmachen: Die Stimme des Menschen hat ohne Zweifel biologische Komponenten, wie etwa die Länge der Stimmbänder, der Aufbau des Kehlkopfes, die umgebenden Muskeln – alles ausgesprochen individuelle und verschiedene Aspekte. Und trotzdem, ohne zu üben, üben, üben kann es nie etwas werden mit der Gesangskarriere. Jetzt haben Sie sicher verstanden, was ich meine. Der Mensch startet sein Leben nicht als Tabula rasa. Wer glaubt wirklich, dass jeder singen kann wie Elīna Garanča, oder jeder Fußball spielen kann wie Lionel Messi, oder dass in jedem von uns ein Albert Einstein steckt – es hängt nur von der Ausbildung und vom Einsatz ab? Besondere genetische Leistungsvoraussetzungen gibt es und ich werde so manche in diesem Buch diskutieren. Viel wichtiger aber ist letztendlich die oben erwähnte ergebnisorientierte Sicht. Wenn wir uns auf die Zukunft heute optimal vorbereiten wollen, muss unser Ziel sein, jedem Einzelnen die Chance zu geben, seine individuellen Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und sie durch harte Arbeit in eine besondere Leistung umzusetzen. Eine besondere individuelle Leistung ist dann schließlich der heiß ersehnte Erfolg. Besondere Leistungsvoraussetzungen allein sind eben keinerlei Erfolgsgarantie.
Besondere Leistungsvoraussetzungen (= Genetik) können nur durch harte Arbeit (= Umwelt) entdeckt und in eine besondere Leistung (= Erfolg) umgesetzt werden.
Es besteht kein Zweifel: Die Individualität in unserem System kann nicht auf die Genetik reduziert werden, der Mensch kann niemals auf seine Gene reduziert werden. Erfolg ist immer das Ergebnis der Wechselwirkung aus Genetik und Umwelt. Gene sind wie Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst. Doch es scheint, als wollten wir nicht mehr alle Geschichten lesen! Wir begehen gerade den fatalen Fehler zu glauben, nicht jeder Mensch habe Talente und nicht jedes Talent sei wertvoll. Mit diesen beiden Irrtümern muss aufgeräumt werden. Jeder Mensch besitzt Talente, sicher mehrere, vielleicht sogar viele. Und Talente können nicht gewertet werden.
Ich weiß, ich muss Sie nicht noch einmal daran erinnern, dass wir die Fragen der Zukunft nicht kennen und daher nicht wissen, welche Talente wir einmal brauchen werden, welche Begabungen einmal wichtiger sein könnten. Aber haben wir nicht ein Recht darauf, dass alles dafür getan wird, unsere Talente und die der nächsten Generationen zu entdecken? Und ja – natürlich haben wir auch das Recht, uns nicht von unserem Spektrum an persönlichen Leistungsvoraussetzungen einengen zu lassen. Wir können auf unsere Talente pfeifen. Wir können und sollen das fördern und fordern, was jeder Einzelne auch mit Begeisterung bereit ist zu tun. Der Erfolg wird größer sein, selbst wenn man von anderen in seinem Hauptinteressengebiet eine leicht talentfreie Zone bescheinigt bekommt. Was wissen die schon.
Verblüfft darf man aber schon sein angesichts der Tatsache, dass offensichtlich viele Menschen glauben, die Stimme von Elīna Garanča und das Ballgefühl von Lionel Messi seien doch viel größere Talente als ihre eigenen. Sollten Ihre Freunde das nächste Mal Ihre eigenen besonderen individuellen Eigenschaften und Begabungen im Vergleich mit Garanča und Messi kleinreden, vergewissern Sie sich bitte, ob sie Besitzer von Glaskugeln sind, weil sie ja offenbar wissen, welche Begabungen zur Lösung zukünftiger Probleme gebraucht werden. Ganz egal, welche Talente Sie bei sich selbst oder bei Ihren Freunden oder Kindern entdecken, bitte fragen Sie sich einmal, ob sie (obwohl vielleicht nicht so prominent und gut bezahlt) zur Lösung von Fragen, die in der Zukunft auf uns warten werden, nicht mehr beitragen als die richtige Stimmlage oder ein Kreuzeckschuss. Ich werde das in diesem Buch tun. Das brauchen Sie an dieser Stelle noch nicht verinnerlichen, das kommt alles noch im Detail später im Buch.
Verblüfft muss man aber auch sein, mit welcher Seelenruhe wir gerade im Begriff sind, unser größtes Kapital zu verschwenden. Wenn Sie den Weg konsequent mit mir gehen, ist Ihnen jetzt schon klar, dass ich argumentieren werde, dass wir auf kein einziges Talent verzichten können, ob wir es im Kleinkind entdecken oder bei unseren Großeltern. Lebenslanges Lernen und bildungsferne Schichten zur Bildung zu bringen, all das ist bitter nötig. Aber nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern weil es die einzige Möglichkeit darstellt, die sonst verborgenen Talente zu entdecken und durch Erwecken in besondere Leistungen umzusetzen. Es gibt nur eine Elite. Die Elite ist in der Lage, etwas Besonderes, etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes zu leisten. Sie hat schöpferische Kraft. Der Durchschnitt kann das nicht, aber jedes Individuum kann das. Darum sind wir alle Elite, eine Elite aus Individuen. Diese Elite muss aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden. Auch Rassen gibt es nicht. Genetisch können zwei weiße Menschen weniger verwandt sein als ein weißer und ein schwarzer. Erfolg, etwas Neues zu leisten, die tägliche Mondlandung ist keine Frage des Alters, der Religion, der Hautfarbe oder der geografischen Herkunft – jedoch eine Frage der Individualität, der Chance, seine individuellen Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und umzusetzen. Wann auch immer, wo auch immer, wie auch immer.
Markus Hengstschläger Perchtoldsdorf, Wien, Kitzbühel 2011