Finanzinformationen bestimmen unser Leben: Im Wirtschaftsteil der Zeitung, in Politikerreden oder bei Kaufentscheidungen spielen Kennzahlen eine wichtige Rolle. Neben der Entwicklung der Finanzmärkte gilt die Aufmerksamkeit unternehmensbezogenen Finanzdaten, die hauptsächlich den veröffentlichten Abschlüssen der Unternehmen entnommen werden.
Die Finanzkennzahlen bilden maßgebliche Sachverhalte in komprimierter Form ab und lassen „auf einen Blick“ kritische Finanzrelationen und Entwicklungen erkennen.
Für jede der 115 vorgestellten Finanzkennzahlen werden die Berechnungsformel und ein Rechenbeispiel angegeben. Außerdem wird auf die Hintergründe der verwendeten Finanzdaten eingegangen, um die Aussagekraft der einzelnen Finanzkennzahlen zu verdeutlichen.
Professor Dr. Eberhard Scheffler ist Wirtschaftsprüfer. Nach mehrjähriger Prüfungs- und Beratungstätigkeit im In- und Ausland war er viele Jahre als Finanzvorstand zweier internationaler Konzerne tätig und lehrte an der Universität Hamburg. Er war Gründungspräsident der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (2005–2007) sowie Mitglied des deutschen Standardisierungsrats (2000– 2004) und der European Financial Reporting Advisory Group. Er ist Mitherausgeber des Beck`schen Handbuchs der Rechnungslegung.
Prof. Dr. Eberhard Scheffler
Die folgenden Elemente erleichtern Ihnen die Orientierung im Buch:
In diesem Buch finden Sie zahlreiche Beispiele, die die geschilderten Sachverhalte veranschaulichen.
Definitionen
Hier werden Begriffe kurz und prägnant erläutert.

Die Merkkästen enthalten Empfehlungen und hilfreiche Tipps.
Am Ende jedes Kapitels finden Sie eine kurze Zusammenfassung des behandelten Themas.
So nutzen Sie dieses Buch
Vorwort
Grundlagen
Begriff und Zweck von Finanzkennzahlen
Aussagekraft und Nutzen von Finanzkennzahlen
IFRS-basierte Finanzkennzahlen
Rechenbeispiel: Konzernabschluss
Kennzahlen zur Vermögensstruktur
Hintergründe
Kennzahlen für das Gesamtvermögen
Kennzahlen des Anlagevermögens
Kennzahlen des Umlaufvermögens
Kennzahlen zur Kapitalstruktur
Hintergründe
Kapitalkennzahlen
Umschlagshäufigkeit und Laufzeit
Hintergründe
Kennzahlen der Umschlagshäufigkeit
Laufzeiten
Finanzierungsregeln
Hintergründe
Goldene Bilanzregel
Goldene Finanzierungsregel
Sonstige Finanzierungskennzahlen
Liquiditätskennziffern
Hintergründe
Liquiditätsgrade
Cashflow-Kennzahlen
Hintergründe
Inhalt der Kapitalflussrechnung
Weitere Kennzahlen
Kennzahlen zur Erfolgsanalyse
Hintergründe
Ergebnisstruktur
Umsatzstruktur
Struktur der betrieblichen Aufwendungen
Finanzaufwendungen und -erträge
Rentabilitätskennzahlen
Hintergründe
Gesamtkapitalrentabilität
Kapitalmarktorientierte Kennzahlen
Hintergründe
Ergebnis je Aktie
Kennzahlen zur Gewinnausschüttung
Marktkapitalisierung
Kennzahlen zur Unternehmensbewertung
Abkürzungsverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Ein zunehmend großer Kreis von Personen und Organisationen befasst sich regelmäßig mit Finanzinformationen. Neben der Entwicklung der Finanzmärkte gilt die Aufmerksamkeit unternehmensbezogenen Finanzdaten, die hauptsächlich den veröffentlichten Abschlüssen der Unternehmen entnommen werden.
Die daraus abgeleiteten Finanzkennzahlen bilden finanziell maßgebliche Sachverhalte in komprimierter Form ab und lassen „auf einen Blick“ kritische Finanzrelationen und Entwicklungen erkennen. Sie werden als Maßstab für den Erfolg und die Bonität der Unternehmen verwendet.
Bei Konzernunternehmen ist der Konzernabschluss das wichtigste Informationsinstrument, den kapitalmarktorientierte Mutterunternehmen nach den internationalen Rechnungslegungsgrundsätzen IFRS aufzustellen haben. Entsprechend werden hier die Finanzkennzahlen auf der Basis eines IFRS-Konzernabschlusses vorgestellt.
Für jede Finanzkennzahl werden die Berechnungsformel und ein Rechenbeispiel angegeben. Außerdem wird auf die Hintergründe der verwendeten Finanzdaten eingegangen, um die Aussagekraft der einzelnen Finanzkennzahlen zu verdeutlichen.
Die IFRS-basierten Finanzkennzahlen sind unter Beachtung weniger Abweichungen (s. S. 17) auch für HGB-Konzernabschlüsse einsetzbar. Unter Berücksichtigung konzernspezifischer Korrekturen (s. S. 19), lassen sie sich ebenso auf den Jahresabschluss oder Einzelabschluss der Unternehmen anwenden.
Da die international agierenden Finanzmärkte stark von der angelsächsischen Kultur geprägt sind, werden wichtigen Finanzbegriffen die englischen Bezeichnungen angefügt. Die Finanzkennzahlen werden aber nicht dadurch präziser und aussagekräftiger, dass man sie in Englisch formuliert. Einige prägnante Begriffe, z. B. „Cashflow“ oder „EBIT“, sind inzwischen so sehr im Finanzjargon verankert, dass die entsprechenden deutschen Begriffe ungelenk wirken.
Von den hier erläuterten 115 Finanzkennzahlen sind im Einzelfall diejenigen heranzuziehen, die unternehmens- oder branchentypische Sachverhalte oder aktuelle kritische Entwicklungen ansprechen. Dabei sollte eine einzelne Kennzahl nicht isoliert, sondern im sachlichen Zusammenhang mit anderen Kennzahlen interpretiert werden.
|
Eberhard Scheffler |
Hamburg, im Juli 2010 |
Kennzahlen bestehen aus ursprünglichen, abgeleiteten oder zueinander in Relation gesetzten Zahlen, die in komprimierter Form bestimmte Sachverhalte, Eigenarten und Zusammenhänge abbilden oder charakterisieren.
Die unternehmensbezogenen Finanzkennzahlen werden hauptsächlich aus dem (veröffentlichten) Jahres- oder Konzernabschluss und dem (Konzern-)Lagebericht des Unternehmens entwickelt. Ergänzende Informationen liefern die Zahlen der Finanzmärkte.
Die Bilanzkennzahlen sind Teile der Finanzkennzahlen. Sie beziehen sich sowohl auf die in der Bilanz ausgewiesenen Bestandsgrößen (Vermögenswerte, Schulden, Rechnungsabgrenzungsposten und Eigenkapital) als auch auf die Bewegungsgrößen der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV). In der GuV werden die Erträge und Aufwendungen der Periode zugerechnet, in der sie verursacht wurden. Bilanz und GuV werden durch die Kapitalflussrechnung (KFR), die die Ein- und Auszahlungen der Rechnungsperiode ausweist, ergänzt.

Die Bilanz ist eine Momentaufnahme der Vermögens- und Finanzlage an einem bestimmten Stichtag (Bilanzstichtag), während sich die Angaben in der GuV und in der KFR auf die am Bilanzstichtag endende Rechnungsperiode (i. d. R. Geschäftsjahr) beziehen.
Die Finanzkennzahlen dienen hauptsächlich zur Analyse der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens und deren Entwicklung (Bilanz- und Finanzanalyse). Sie werden aber auch zur Unternehmenssteuerung und überwachung, zur Kreditsicherung sowie als Maßstäbe für variable Vergütungen von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern und anderen Unternehmensangehörigen genutzt.
Zur Unternehmenssteuerung und -kontrolle werden neben den Ist-Zahlen auch Plan-Kennzahlen als Vorgabe oder Kontrollmaßstab verwendet. Dabei werden häufig unternehmensspezifische Kennzahlensysteme zugrunde gelegt, die durch Aufspaltung der Kennzahlen in ihre Komponenten die Wert- und Kostentreiber identifizieren.
Zunehmende Bedeutung haben die Finanzkennzahlen für kreditnehmende Unternehmen bzw. kreditgebende Banken gewonnen. Zur Absicherung ihrer Kredite vereinbaren Kreditgeber die Einhaltung bestimmter Bilanz-, Erfolgs- und Cashflowrelationen. Die zur Kreditsicherung ausgewählten Finanzkennzahlen werden als sog. Financial Covenants auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten und sollen den Kreditgebern helfen, drohende finanzielle Engpässe früh zu erkennen, um Ausfälle zu vermeiden. Üblich sind Auflagen zur Einhaltung einer bestimmten Kapitalstruktur sowie festgelegte Ertrags- und Cashflowrelationen. Werden die Verpflichtungen verletzt, führt das zu höheren Kreditzinsen, zusätzlichen Auflagen für den Kreditnehmer, Einbindung externer Beratung oder sogar zur Kreditkündigung.
Finanzkennzahlen sind nur dann brauchbar, wenn sie geeignete Finanzdaten wirtschaftlich logisch verknüpfen, um damit relevante Sachverhalte darzustellen oder hervorzuheben.

Eine einzelne isolierte Finanzkennzahl sagt wenig aus. Erst im zeitlichen oder zwischenbetrieblichen Vergleich und im Zusammenhang mit anderen Kennzahlen gewinnt sie an Aussagekraft.
Der Anwender oder Nutzer von Finanzkennzahlen muss ihre Grundlagen und ihr Zustandekommen kennen, um sie zutreffend und im Zusammenhang mit verwandten oder ergänzenden Kennzahlen zu interpretieren. Das setzt Grundkenntnisse über die angewandten Rechnungslegungsgrundsätze voraus.
Die Formeln für die Finanzkennzahlen sind weitgehend unabhängig von den angewendeten Rechnungslegungsvorschriften definiert, jedoch können Inhalt und Werte ihrer Elemente in Abhängigkeit von den zugrunde liegenden Bilanzierungsregeln variieren.
Der Jahres- oder Konzernabschluss stellt die wirtschaftlichen Verhältnisse des Unternehmens bzw. des Konzerns zum Abschlussstichtag dar (Stichtagsprinzip). Der in der Bilanz ausgewiesene Bestand an Vermögenswerten, Schulden und Eigenkapital kann vom durchschnittlichen Bestand der Abrechnungsperiode (i. d. R. Geschäftsjahr) sowie vom höchsten oder niedrigsten Bestand während der Periode erheblich abweichen.
Die GuV zeigt die Erträge und Aufwendungen eines abgelaufenen Zeitraums (Geschäftsjahr). Auch die Kapitalflussrechnung enthält vergangenheitsbezogene Informationen. Künftige Entwicklungen lassen sich aus den Abschlusszahlen nur bedingt ableiten.
Neben dem Stichtagsprinzip beeinflussen die Bilanzierungs- und Bewertungsvorschriften sowie die Regeln der Erfolgsrealisierung die Bilanzkennzahlen. Sie richten sich nach den angewandten Rechnungslegungsgrundsätzen, also für deutsche Unternehmen nach dem HGB oder den International Financial Reporting Standards (IFRS). Beide Normen gehen von der Fortführung des Unternehmens (Going Concern) aus.

Die unterschiedliche Ausübung von Wahlrechten und Änderungen der Bilanzierungs- und Bewertungsnormen können die Finanzkennzahlen erheblich beeinflussen. Derartige Veränderungen sind insbesondere im Zeitvergleich und im zwischenbetrieblichen Vergleich zu beachten.
Die Ausübung der in begrenztem Umfang zugelassenen Bilanzierungs- und Bewertungswahlrechte ist in der Regel aus dem Anhang ersichtlich. Nach dem Grundsatz der Stetigkeit sind ausgeübte Wahlrechte in nachfolgenden Abschlüssen beizubehalten.
Bedeutsamer für die kritische Würdigung mancher Abschlusszahlen sind die unvermeidlichen Ermessensentscheidungen des bilanzierenden Unternehmens und deren Plausibilität. Sie betreffen insbesondere die Ermittlung des am Bilanzstichtag beizulegenden Zeitwerts und zukunftsbezogene Bewertungsparameter.
Nutzen und Aussagekraft von Kennzahlen leben vom zeitlichen, zwischenbetrieblichen und branchenmäßigen Vergleich. Der zeitliche Vergleich bildet die bisherige Entwicklung ab. Kritisch ist zu beurteilen, ob er einen Trend für künftige Entwicklungen erkennen lässt. Bei Betriebs- und Branchenvergleichen ist es oft schwierig, hinreichend vergleichbare Unternehmen zu finden.
Bis auf wenige Ausnahmen sind die Finanzkennzahlen und ihre Elemente nicht allgemein verbindlich und auch nicht einheitlich definiert. Dieselben Bezeichnungen werden in Literatur und Praxis z. T. unterschiedlich verwendet und ihr Inhalt an individuelle Besonderheiten oder an bestimmte Informationswünsche angepasst. Daher ist der Inhalt der Finanzkennzahlen und ihrer Bestandteile insbesondere bei zeitlichen und zwischenbetrieblichen Vergleichen zu überprüfen.
Die aus dem Jahres- oder Konzernabschluss abgeleiteten Finanzkennzahlen unterliegen folgenden Restriktionen:
Die Bilanz ist eine Momentaufnahme zum Bilanzstichtag. Die Durchschnittsbestände können vom Stichtagsausweis erheblich abweichen.
Bei den Zahlen der Bilanz, der GuV und der KFR handelt es sich um vergangenheitsbezogene Daten.
Finanzkennzahlen sind nicht einheitlich definiert.
Ihr Inhalt und ihre Wertansätze hängen von den angewandten Rechnungslegungsgrundsätzen ab.
Finanzkennzahlen bilden nur einen Teil der Unternehmensrealität ab. Daneben spielen für die Beurteilung eines Unternehmens auch nichtfinanzielle Kennzahlen und qualitative Informationen eine wichtige Rolle. Dazu gehören z. B. der relative Marktanteil des Unternehmens und nichtfinanzielle Leistungsindikatoren wie die Aktualität des Produktionsprogramms, die Qualität des Managements, die Zweckmäßigkeit und Effizienz der Planungs-, Steuerungs- und Kontrollinstrumente sowie der Corporate Governance. Zu den relevanten Informationen zählen auch die Einwirkungen der Umwelt, die Berücksichtigung von Arbeitnehmerbelangen, Abhängigkeiten von bestimmten Rohstoffen oder Lieferanten u. a. m.
Durch die Finanzkennzahlen sollen die folgenden vitalen Aspekte der Unternehmenstätigkeit beleuchtet und in ihrer Entwicklung und nach ihrer Branchenüblichkeit beurteilt werden.
Sicherstellung der Zahlungsbereitschaft (Liquidität) durch nachhaltige, zeitgerechte Erzielung von Zahlungsüberschüssen und Sicherung ausreichender Finanzressourcen. Kennzahlen: z. B. Cashflow, Kapitalstruktur, Finanzierungsregeln.
Nachhaltiger Erfolg und angemessene Rendite des Unternehmens, vor allem durch marktgängige Produkte, qualifizierte Mitarbeiter und wirtschaftliche Produktion. Kennzahlen: z. B. Ergebnisstruktur, Umsatz- und Kapitalrentabilität.
Wirtschaftlichkeit der betrieblichen Leistungserstellung, d. h. möglichst geringer Mitteleinsatz und angemessene technische und personelle Ausstattung. Kennzahlen: z. B. Umschlaghäufigkeit und Laufzeiten, Ergebnis- und Kostenstruktur.
Produktivität der betrieblichen Leistungserstellung, d. h. möglichst geringer Faktoreinsatz (Input) und hohe Ausbringung (Output). Kennzahlen: z. B. Umsatzkostenanteil, Umsatz je Mitarbeiter.
Dauerhafte optimale Finanzierung, d. h. abgesicherte fristgerechte Finanzierung zu marktüblichen Kosten. Kennzahlen: z. B. Kapitalstruktur, Verschuldungsgrad, Finanzierungsregeln.
Flexibilität und Unabhängigkeit des Unternehmens, insbesondere bei Veränderungen des Marktes oder Konjunkturschwankungen. Kennzahlen: z. B. EK-Quote, Gesamtkapitalrentabilität.
Erhaltung und marktkonforme Steigerung des Unternehmenswerts. Kennzahlen: z. B. EVA und CVA.
Die Jahresabschlüsse der deutschen Unternehmen werden nach den handelsrechtlichen Rechnungslegungsvorschriften des HGB aufgestellt. Das gilt auch für die Aufstellung des Konzernabschlusses, wenn das Mutterunternehmen kein kapitalmarktorientiertes Unternehmen ist. Kapitalmarktorientierte Mutterunternehmen haben ihren Konzernabschluss nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) zu erstellen. Andere Mutterunternehmen können dies freiwillig tun.

Obwohl das HGB weitgehend an die IFRS-Grundsätze angenähert worden sind, ist wegen der verbliebenen Unterschiede ein direkter Vergleich zwischen IFRS- und HGB-Kennzahlen nur begrenzt möglich.
Während das HGB die Gliederung der Bilanz und der GuV detailliert vorschreibt, sehen die IFRS nur Mindestinhalte für Bilanz, GuV und KFR vor. Die IFRS unterscheiden zwischen lang- und kurzfristigen Vermögenswerten und Schulden. Als kurzfristig gilt im Allgemeinen eine Restlaufzeit von einem Jahr. Eine ähnliche Fristenabgrenzung liegt der HGB-Bilanzgliederung in Anlage- und Umlaufvermögen zugrunde.
Die GuV ist nach IFRS Teil der sog. Gesamtergebnisrechnung (Statement of Comprehensive Income-Bewertung.