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Janet Chapman

In den Armen des Schotten

Roman

Deutsch von Firouzeh Akhavan

EPILOG

Genau um 19.08 Uhr, am 20. März, dem exakten Zeitpunkt der Frühlingstagundnachtgleiche und während eines der schlimmsten Frühlingsstürme der letzten Jahre küsste Jack seine hochschwangere Braut vor einem achthundert Jahre alten Priester, zwei Druiden, sechs zeitreisenden Highlandkriegern und einer ganzen Meute von MacKeages und MacBains – von denen es kein Einziger seltsam fand, dass ein Drache an der Hochzeitsfeier teilnahm.

Nun – ein paar der Ehegatten taten es doch, insbesondere Walter Sprague, Elizabeths Ehemann. Der arme Schuldirektor war fast in Ohnmacht gefallen, als William mit Elizabeth am Arm in das riesige Wohnzimmer von Gu Bràth gekommen war und sich dann neben Kenzie und Matt, die beiden anderen Trauzeugen, gestellt hatte. Jack hatte überlegt, Simon zu bitten, sein Trauzeuge zu sein, doch als ihm klar wurde, dass ein Wesen aus der Mythologie anwesend sein würde, hatte er stattdessen Robbie MacBain gefragt.

»Komm mit«, sagte Megan und zog Jack durch den provisorischen Gang hinter den Hochzeitsgästen her, als alle Richtung Esszimmer gingen. »Wir müssen William vom Buffet fernhalten. Sonst überfrisst er sich wieder.«

»Wenn er nicht lernen kann, dass Süßigkeiten ihn umbringen, wie kann Kenzie dann erwarten, dass William lange genug überlebt, um zu lernen, wie man hilflose Frauen behandelt?«, fragte Jack und grinste wie der glücklichste Mann der Welt.

»Oh Gott. Er hat den Kuchen entdeckt. Schnell!«, rief Megan und schob Jack in Richtung der riesigen Hochzeitstorte am anderen Ende des Raumes. »Du lenkst ihn ab, während ich ihm schnell einen Teller mit Gemüse vorbereite.«

William wird begeistert sein, dachte Jack und kicherte. Doch der Drache sah eindeutig besser aus als noch vor einem Monat. Er hatte eine Menge Gewicht verloren und roch jetzt angenehm erdig und nicht mehr widerwärtig. Die großen, fledermausartigen Flügel trug er ordentlich zusammengefaltet dicht am Körper, und seine Schuppen waren trocken und wirkten fast schon wie poliert, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel. Irgendjemand – wahrscheinlich Camry – hatte William sogar dazu gebracht, eine rote Fliege aus Seide zu tragen.

Camry selbst war schließlich doch nicht nach Frankreich geflogen, sondern hatte sich im Labor ihrer Mutter vergraben, wo sie das Faxgerät und den E-Mail-Server heißlaufen ließ, während sie hitzige Diskussionen mit dem Wissenschaftler aus Frankreich führte, der behauptete, die Sache mit dem Ionenantrieb gelöst zu haben. Jedes Mal, wenn sie wieder auftauchte, murmelte sie etwas über arrogante französische Idioten vor sich hin, die noch nicht einmal den Weg aus einer nassen Papiertüte berechnen konnten, wenn die Gleichung mit Tinte auf ihrer Hand stünde.

Wenn sie nicht gerade beim Faxen, Mailen oder Verfluchen ihres französischen Kollegen war, brachte Camry Kenzie und William das Lesen bei und führte sie auch gleich in die gesellschaftlichen Regeln der Neuzeit ein. William war eigentlich mehr Mensch denn Tier und konnte sogar sprechen, was er jedoch meistens ablehnte, außer es handelte sich um ein Gespräch mit Kenzie und Camry.

Jetzt trat Camry William in den Weg, und das arme Tier blieb wie angenagelt stehen, wobei es fast über seinen Schwanz gestolpert wäre, als es seiner Lehrerin Nase an Schnauze gegenüberstand  … eine Lehrerin, die wohl eher sein Frauchen war, wie Jack vermutete.

Dann kam Megans Mutter am Arm ihres Ehemannes ins Esszimmer. Jack war es gelungen, Grace zwei Wochen lang nach dem Unterwäschedrama aus dem Weg zu gehen, ehe sie ihn schließlich in seinem Büro gestellt hatte, nachdem sie sich offensichtlich mit Ethel verbündet hatte, welche von der tüchtigen Bürovorsteherin zur sich in alles einmischenden Glucke sowohl bei Jack als auch bei Simon mutiert war. Jack war dazu gezwungen worden, eine äußerst unangenehme Stunde mit Grace zu verbringen. Jack hatte den Verdacht, dass sie sehr genau wusste, wie unbehaglich ihm zumute war, während sie mit ihm über das Wetter, Babys und die amerikanischen Ureinwohner plauderte.

A propos Babys … Megan watschelte mittlerweile schlimmer als William. Der kleine Walker wurde immer größer, und Megan beklagte sich bei jedem, der es hören wollte, dass der Junge ständig turnte, wenn sie ins Bett gehen wollte. Nur wenn Jack seine Hand auf ihren Bauch legte, beruhigte sich der kleine Walker, und so ließ er sie weiter in dem Glauben, er besäße magische Fähigkeiten.

»Könnten bitte alle einmal kurz herhören!«, rief Megan, die neben dem Tisch mit der Torte stand, plötzlich. »Danke, dass ihr alle bei diesem Schneesturm zu unserer Hochzeit gekommen seid.« Sie streckte ihre Hand nach Jack aus, und der schlichte Goldring an ihrem Finger blitzte im Licht der Kronleuchter. »Es gibt ein paar Dinge, die ich gern verkünden möchte.«

Jack, der keine Ahnung hatte, was seine Braut verkünden wollte, trat leicht nervös neben sie.

»Erstens: Da ich es keine zwei Monate mehr aushalte, bis es alle erfahren … Jack und ich bekommen einen Sohn«, sagte sie und strich sich über den Bauch. »Sein Name wird Walker MacKeage Stone sein.«

Jack stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Das war ja eine gute Nachricht. Sie hatten ein paar Diskussionen über Walkers vollen Namen geführt, und Jack war hart geblieben bezüglich der Tatsache, dass Coyote nicht dazugehören sollte. Er hatte versprochen, es sich bei ihrem nächsten Sohn noch einmal zu überlegen, doch was er ihr nicht gesagt hatte, war, dass sie von jetzt an nur noch Mädchen bekommen würden.

»Und zweitens: Manche von euch wissen es vielleicht noch nicht, aber dies ist Vater Daars letzter Abend mit uns. Er, Kenzie und William«, sagte sie und deutete dabei mit dem Kopf auf den Drachen, der in einer Ecke des Raumes stand, »reisen morgen in Richtung Küste ab. Sie wissen noch nicht, wo sie letztendlich landen werden, aber wahrscheinlich irgendwo bei Down East.«

Man hörte einige etwas murmeln, und Vater Daar räusperte sich, während er über und über rot wurde, als mehrere zu ihm kamen und ihn umarmten.

»Hört auf, euch so zu benehmen, als wäre das meine verdammte Beerdigung«, wehrte er sich und wedelte mit seinem Stock in der Luft herum, um sie zu verscheuchen. »Ich bin noch nicht zu alt, um ein neues Abenteuer zu erleben. Und jemand muss mit diesen Narren ja mitgehen, damit sie sich nicht in Schwierigkeiten bringen«, fügte er hinzu und zeigte mit seinem Stock auf Kenzie und William.

»Und als Letztes«, fuhr Megan fort und zog damit wieder aller Aufmerksamkeit auf sich, »möchte ich jetzt meinem Ehemann sein Hochzeitsgeschenk überreichen.« Sie griff hinter die Torte und nahm einen großen, braunen Umschlag, den sie Jack reichte.

Jack wurde ganz schwach. Man erwartete von ihnen, dass sie Hochzeitsgeschenke austauschten? Sie schenkten sich doch einander, bis dass der Tod sie schied! Er nahm den Umschlag mit einem Lächeln entgegen, obwohl er sich wie ein Trottel vorkam. Er hielt nichts für sie in den Händen!

»Nun mach schon … öffne ihn«, ermutigte sie Jack und drückte seinen Arm.

Er schob seinen Finger unter die Lasche, öffnete den Umschlag und sah hinein. Megan hatte offensichtlich nicht die Geduld zu warten und zog das Blatt Papier an seiner Stelle heraus, um es ihm dann förmlich unter die Nase zu halten.

Jack hatte keine Ahnung, was er da vor sich sah.

»Das ist ein Vertrag«, erklärte Megan und schüttelte das Dokument, als würde er es dadurch besser lesen können. »Ich habe Springy Mountain gekauft. Aber der Vertrag lautet auf unser beider Namen, und wir können da oben ein kleines Häuschen bauen.«

Jack runzelte die Brauen und verstand immer noch nicht.

Megan schob den Vertrag in den Umschlag zurück. »Es ist der Berg, wo wir die Nacht verbracht haben«, erklärte sie leicht aufgebracht. »Sowie das Land, wo du die Spuren des Berglöwen gesehen hast. Jetzt brauchen wir uns keine Gedanken mehr darüber zu machen, dass in der Gegend jemals gebaut wird.«

Nach diesen Worten legte sie die gefalteten Hände unter ihren wunderschönen, vollen Brüsten auf den Bauch und sah ihn erwartungsvoll an.

Jack warf einen Blick auf die genauso erwartungsvoll blickende Gästeschar. »Ähm … mein Hochzeitsgeschenk für Megan …« Er bedachte sie mit einem liebevollen Lächeln. »Ich konnte es heute Abend nicht mit herbringen, denn es ist … na ja …«

Plötzlich hatte er einen Geistesblitz, und sein Lächeln wurde breiter. »Ich habe dir ein schnelles Boot gekauft, sodass wir jederzeit über den See zu dem Häuschen fahren können, das wir bauen werden!«

EIN BRIEF VOM LAKE WATCH

Liebe Leser!

Jeden Tag wird mir die Gnade zuteil, jede Menge Tiere zu sehen, die in meinem kleinen Winkel dieser geheimnisvoll abgeschiedenen Welt ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen. Und ob mich ihr possierliches Tun nun zum Lachen bringt oder zum Weinen … immer wieder beobachte ich voller Ehrfurcht ihren mächtigen Überlebenstrieb, die angeborene Neugier und ihre Verspieltheit.

Hier in Lake Watch kann ich jederzeit aus dem Fenster sehen und beobachten, was alles passiert. Meine Gästeliste weist Vögel, Eichhörnchen, Seetaucher, Fischadler, Füchse, Waschbären, Rehe, Hirsche und ab und zu Kojoten auf. Mein Ehemann Robbie und ich konnten in unseren Wäldern schon Hirsche beim Kämpfen beobachten, sehen, wie Fischadler sich ihr Mittagessen aus dem See holten und Eichhörnchen über ahnungslose Gäste herfielen, weil sie auf ein paar zusätzliche Nüsse hofften. Wir mussten uns das Kichern verbeißen, als wir zusahen, wie junge Waschbären vor unserem Schlafzimmerfenster morgens um eins nach dem Glockenspiel schlugen, oder hielten entsetzt den Atem an, als ein wirklich tapferes oder sehr dummes Eichhörnchen unter dem Vogelfutterhäuschen auf ein Stinktier losging.

All das lässt in mir die Frage hochkommen, ob vielleicht einige Tiere Sinn für Humor haben könnten oder ob ich nur eine liebenswerte menschliche Eigenschaft auf sie projiziere. Und wo wir schon dabei sind … können Tiere trauern? Spüren sie Stolz? Bedauern? Hass? Leidenschaft? Liebe?

Ich weiß, dass es mich immer wieder überrascht, wie sie nicht nur mit Menschen interagieren, sondern auch untereinander. Krähen sind die Ausrufer im Königreich der Tiere; wirf ihnen ein bisschen Essen hin, und die schwarzgefiederten Gesellen verkünden es jedem Aasfresser in Hörweite. Innerhalb von Minuten kann unser Vorgarten so zur örtlichen Müllkippe werden, wenn Seemöwen aus allen Richtungen angestürzt kommen. (Damit mache ich mich nicht unbedingt beliebt bei meinen Nachbarn, aber da meine Söhne zurückgekehrt und jetzt meine nächsten Nachbarn sind, können sie nicht viel gegen die Vorliebe ihrer Mutter tun, die Krähen zu füttern.)

Wir hatten früher hier in Lake Watch Hühner, und ich erinnere mich, wie ich eines Nachmittags aus meinem Fenster blickte und sah, dass eine Krähe und eine meiner Hennen Tauziehen miteinander veranstalteten. Jeder Vogel hatte das Ende eines armen Wurms im Schnabel, und beide weigerten sich, ihn herzugeben. Es war ein komischer Anblick, als meine aufgeplusterte Henne Auge in Auge einer ebenso entschlossenen Krähe gegenüberstand. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass letztendlich der Wurm der Verlierer war, als er schließlich in zwei Hälften gerissen wurde. Beide Vögel schluckten schnell ihren Leckerbissen herunter und begaben sich dann sofort auf die Jagd nach ihrem nächsten Opfer – und taten dabei so, als wäre es das Normalste der Welt, dass ein wild lebendes Tier und ein Haustier blendend miteinander auskommen.

Ein anderes Mal saß ich hinter dem Haus auf der Gartenbank, als mir plötzlich aufging, dass meine Krähen sich ungewöhnlich heiser anhörten. Ich ließ meinen Blick über das Feld schweifen und entdeckte einen Fuchs, der auf den Hinterbeinen stand und sich an unserem kleinen Schuppen am Wald nach oben streckte. Dann bemerkte ich eine Katze (keine von meinen), die auf dem Dach des Schuppens lag und entspannt zu der überlisteten Füchsin nach unten schaute. Die Krähen hockten in den umliegenden Bäumen und krächzten wie wild, als wollten sie rufen: »Kämpft! Kämpft!«

 

Und was hat all dies nun mit meinem Schreiben zu tun? Nun … wenn Sie irgendetwas im Verlauf der letzten Jahre über mich erfahren haben, dann dass ich Tiere sehr schätze. Unwillkürlich sehe ich immer wieder Parallelen zwischen meinen gefiederten und vierbeinigen Freunden und uns Menschen  – insbesondere den Personen in meinen Geschichten. Durch die Beobachtung der Natur habe ich gelernt, das Unerwartete zu erwarten.

Es bringt mich nicht mehr durcheinander, wenn ich unbekümmert vor mich hin schreibe und mich dabei an das halte, was ich mir vorher überlegt habe, um dann plötzlich zu erleben, wie einer meiner Charaktere etwas tut oder sagt, was ich nicht erwartet hatte. Manchmal merke ich sogar erst, dass etwas anders ist, nachdem es passiert ist!

Jack Stone überrumpelte mich förmlich, als er das erste Mal das Blatt betrat. Der Kerl zielte doch tatsächlich mit einem Gewehr auf Megan und Kenzie. Es war mir unwichtig, dass es nicht geladen war. Es ist einfach nicht nett, wenn der Held so etwas tut.

Zu diesem Zeitpunkt – was recht früh in der Geschichte war – fragte ich mich, ob ich Jack überhaupt mögen würde. Würde er einer von diesen Charakteren sein, der mir allen möglichen Ärger bereiten würde oder einer, in den ich mich selber Hals über Kopf verliebte? Ehrlich … ich bin sehr aufgeschlossen, wenn es um meine Geschichten geht. Ich bin genauso neugierig darauf, was als Nächstes passiert, wenn ich schreibe, wie Sie, wenn Sie es lesen. Wenn ich bereits wüsste, wie alles laufen wird, warum sollte ich mich dann Monate in meinem Arbeitszimmer einsperren und mich nur mit den Einzelheiten abgeben?

Ich überlege mir den Handlungsverlauf meiner Bücher nicht akribisch genau; es gibt weder Storyboard noch fertige Szenen. Ich weiß noch nicht einmal, wer alles mitspielen wird, wenn ich »Kapitel 1« tippe. (Bitte, verraten Sie das bloß meiner Lektorin nicht! Wahrscheinlich würde sie einen Herzinfarkt bekommen.) Für mich ist das Erzählen einer Geschichte so unvorhersehbar wie das Leben selbst. Ich kann gar nicht wissen, was morgen oder nächste Woche oder nächstes Jahr passiert … und ebenso wenig, was das nächste Kapitel bringt.

Bestimmt können wir unsere Zukunft planen, aber wie häufig passiert es schon, dass alles genauso kommt, wie wir es uns vorgestellt haben? Und wenn wir in die Zukunft blicken könnten, würden wir das wirklich wollen? Wenn eine Raupe wüsste, dass sie innerhalb von Stunden, nachdem sie als Schmetterling hinausflog, von einem Vogel gegessen wird … würde sich der Schmetterling überhaupt noch die Mühe machen, aus seinem Kokon zu krabbeln? Könnte man sich überhaupt noch wie wahnsinnig in einen Menschen verlieben, wenn man wüsste, dass diese Liebe nach ein paar Jahren zu Ende geht?

Jeden Morgen, wenn wir die Augen öffnen, wissen wir, dass die Entscheidungen, die wir im Laufe des Tages treffen, den nächsten Tag beeinflussen werden. Und so ist es auch mit meinen Charakteren. Sie hoffen genauso sehr wie wir, dass die Entscheidungen, die sie treffen, die richtigen sind. Sollten sie zu ihrem Nachbarn gehen und den attraktiven Typen nach einer Tasse Zucker fragen? Sollten sie vielleicht ihre Arbeit kündigen? Sollten sie den Kurs belegen, den sie schon immer besuchen wollten?

Meine Charaktere denken vielleicht, dass sie ihr ganzes Leben schon verplant hätten, wenn wir ihnen das erste Mal begegnen, und sie denken vielleicht auch, dass sie wüssten, wie sie sich in jeder Situation verhalten. Aber wissen Sie was? Sie sind häufig genauso überrascht wie ich darüber, wie sie sich plötzlich verhalten. Genau wie meine Henne, die diesen Wurm packte, aufschaute und plötzlich feststellte, dass das andere Ende im Schnabel einer Krähe steckte, müssen meine Charaktere letztendlich selbst entscheiden, ob es sich für das, was sie haben wollen, lohnt zu kämpfen.

Ich habe mich tatsächlich in Jack Stone verliebt.

Und Sie?

 

Bis bald vom Lake Watch,

Janet

1

Megan MacKeage schlüpfte durch die Haustür nach draußen und eilte über den Steg vor dem Eingang. Als sie merkte, dass sie ihre Jacke nicht mehr schließen konnte, zog sie sie über ihrem gewölbten Bauch zusammen und ging Richtung Stallungen. Es war jetzt fast zwei Wochen her, dass jemand Gesader gesehen hatte, und Megan nahm es ihrer Schwester Winter nicht ab, dass der halbwilde Panther sich nur vor den Menschenmengen versteckte, die vor acht Tagen nach Gu Bràth gekommen waren.

Das gesellige Beisammensein, das so viel Unruhe mit sich brachte, hatte vier Tage vor Weihnachten mit der Geburtstagsfeier von ihr und ihrer Schwester begonnen und würde sich noch bis ins neue Jahr ziehen. Das alljährliche, zwei Wochen dauernde Fest war seit Heathers Geburt vor dreiunddreißig Jahren zu einer Tradition geworden. Heather waren im Verlauf von zehn Jahren noch sechs weitere Babys – alles Mädchen – gefolgt, die alle in der Nacht der Wintersonnenwende zur Welt gekommen waren. Als Graces und Greylen MacKeages sieben Töchter erwachsen wurden und anfingen, eigene Wege zu gehen, begannen sich die einst gemütlichen Zusammenkünfte auszuweiten, denn die Mädchen kehrten jeden Dezember nach Pine Creek zurück und hatten dabei mehrere Ehemänner und eine immer größer werdende Kinderschar im Schlepptau.

Besorgt sagte sich Megan, dass zwei Wochen, die Gesader nun schon weg war, zu lang waren, als sie die Stalltür aufstieß und zu Goose Downs Box ging. »Na, mein Großer«, sagte sie sanft und tätschelte die Nüstern des riesigen Kaltblüters liebevoll. »Was hältst du davon, mir bei der Suche nach Gesader zu helfen?«

Sie nahm Gooses Trense vom Haken, der unter seinem Namensschild angebracht war, und öffnete die Tür zur Box. »Der Schnee reicht dir nur bis zu den Fußwurzelgelenken, und die Schneedecke ist nicht gefroren, sodass du eigentlich gut vorankommen solltest.« Sie schob ihm das Gebiss ins Maul und zog das Genickstück des Zaumzeugs über die Ohren. »Ich habe diesen schwarzen Teufel vor der Sonnenwende das letzte Mal gesehen, und wenn es kein anderer tut … ich mache mir Sorgen um ihn.« Sie führte Goose in die Stallgasse und band ihn auf der Schwelle fest, dann legte sie die Stirn an seinen großen warmen Kopf. »Was, wenn er verletzt ist?«, flüsterte sie. »Wenn er in eine Kojotenfalle geraten oder von einem Rehbock aufgespießt worden ist, den er reißen wollte?«

Megan ging zur Sattelkammer und griff nach dem schweren Sattel. »Du musst mir dabei helfen, dass ich mich ungesehen davonstehlen kann, Goose, denn noch mehr Predigten darüber, was ich zu tun und zu lassen habe, kann ich nicht gebrauchen.« Mit einem Ächzen gelang es ihr schließlich, den Sattel herunterzuheben. »Ich bin schwanger und nicht krank.«

»Die Predigten halten sie nur, weil sie dich lieben«, sagte eine bekannte Stimme hinter ihr.

Megan wirbelte mit einem Keuchen herum und ließ dabei den Sattel fallen. »Kenzie«, stieß sie hervor.

Sie hatte den beeindruckenden Highland-Krieger vor sechs Tagen auf Winters und Matt Gregors Hochzeit kennen gelernt. Kenzie sei sein lange Zeit verschollener Bruder, hatte Matt erklärt, als er Kenzie stolz allen, die bei der Hochzeit auf der Wiese von Bear Mountain zusammengekommen waren, vorgestellt hatte. Oder um genauer zu sein: er sei sein tausend Jahre alter Bruder. Denn Matt war zugleich unter dem Namen Curam de Gairn bekannt … einem mächtigen Druiden, der tausend Jahre in die Zukunft gereist war, um eine ebenso mächtige Zauberin  – die zufälligerweise Megans jüngste Schwester, Winter war – dazu zu bringen, ihm dabei zu helfen, ein schreckliches Unrecht wiedergutzumachen.

Niemand war von Kenzies mysteriösem Erscheinen überrascht gewesen, was wohl daran lag, dass Megans Vater, Laird Greylen MacKeage, sowie ihre Onkel Morgan und Callum MacKeage und Michael MacBain ebenfalls Zeitreisende waren.

In Megans Kopf drehte sich alles bei der Erkenntnis, dass die Magie, die sie schon von Geburt an spürte, in letzter Zeit außer Kontrolle zu geraten schien. Oder vielleicht drehte sich auch nur deshalb alles, weil sie wieder aufgehört hatte zu atmen  – was ihr ständig zu passieren schien, wenn Kenzie Gregor in ihrer Nähe war.

»Ein Mädchen in deinem Zustand sollte keine schweren Sättel heben«, sagte er und sah sie mit seinen goldenen Augen vorwurfsvoll an. Er nahm den Sattel und legte ihn wieder auf die Halterung. Dann drehte er sich um und verließ die Sattelkammer. »Und es sollte auch nicht reiten.«

Megan starrte die Tür an, durch die er verschwunden war, während sie tief einatmete und langsam bis zehn zählte. Doch als sie hörte, wie Goose wieder in seine Box geführt wurde, verlor sie auch den Rest von Geduld, den sie noch gehabt hatte. Sie rannte in die Stallgasse, riss Kenzie die Zügel aus der Hand und führte ihr Pferd wieder zu der Stelle, wo sie es festgemacht hatte.

»Ich bin sehr wohl dazu in der Lage zu entscheiden, was ich tun sollte und was nicht«, erklärte sie und marschierte wieder zur Sattelkammer.

Kenzies goldene Augen blitzten vor Erheiterung, als er angesichts ihres wütenden Gesichts eine Augenbraue hochzog.

»Ich weiß, dass du gerade mal eine Woche in diesem Jahrhundert bist«, sagte sie. »Aber du wirst schnell feststellen, dass sich die Dinge im Laufe von tausend Jahren ein wenig geändert haben. Frauen des einundzwanzigsten Jahrhunderts – ob nun schwanger oder nicht – mögen es nicht, wenn Männer ihnen Vorschriften machen. Wir können selber auf uns aufpassen.«

»Aber es scheint immer noch üblich zu sein, dass man heiratet«, entgegnete er. »Was bedeutet, dass immer noch zwei nötig sind, um ein Kind aufzuziehen.« Sein Blick richtete sich auf ihren Bauch, schweifte dann durch den Stall, um schließlich wieder zu ihr zurückzukehren. »Trotzdem sehe ich keinen Ehemann, der dir hilft.«

Jäh schoss glühende Hitze in Megans Wangen. Wie zivilisiert Kenzie auch mit seiner modernen Kleidung, dem glattrasierten Gesicht und den kurzen Haaren aussehen mochte – er hatte doch immer noch eine fast schon altertümliche Denkweise. »Es ist mir egal, wie alt du bist. Du hast trotzdem kein Recht, dich in meine Angelegenheiten einzumischen.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt und führte Goose nach draußen zur Aufsitzhilfe. Doch ehe sie auch nur den Schnee von dem Treppchen fegen konnte, hoben große Hände sie plötzlich auf Gooses sattellosen Rücken. Und sie quiekte noch vor Überraschung, als sich auch schon Kenzie hinter ihr auf den Rücken des Pferdes schwang.

»Und wo wollen wir jetzt hin?«, fragte er ergeben seufzend, während er ihr die Zügel aus der Hand nahm.

Megan wurde still. »Wir wollen nirgendwohin. Du gehst zurück ins Haus, und ich reite den TarStone hinauf, um nach … meiner Katze zu suchen.«

Ihr ungebetener Begleiter kümmerte sich nicht im Geringsten um ihre Abfuhr, sondern lenkte Goose auf die Hänge zu, auf denen die Skifahrer ihren Winterurlaub genossen.

Megan, die viel Erfahrung im Umgang mit altmodisch denkenden Männern hatte, erkannte, dass sie ihn nicht so leicht loswerden würde. Also konnte sie sich seine Bereitschaft, ihr zu helfen, auch zunutze machen – genau wie die Hitze, die sein riesiger Körper hinter ihr ausstrahlte. Und vielleicht hatte ja auch etwas von der Zauberkraft seines Bruders auf ihn abgefärbt, sodass Kenzie unter Umständen dazu in der Lage war, Gesader herbeizurufen.

»In die andere Richtung«, sagte sie, griff in die Zügel und lenkte Goose auf den schmalen Weg zu, der die bewaldete Seite des TarStone hinaufführte. »Gesader versteckt sich wahrscheinlich in den Wäldern. Er mag Menschenmassen nicht sonderlich.«

Kenzie trieb das Pferd den in den Wald führenden Weg hinauf, der nicht geräumt war. »Die meisten Katzen würden zu dieser Jahreszeit vor dem warmen Ofen liegen, statt durch Schnee zu laufen, der tiefer ist, als sie groß sind.«

»Gesader ist anders«, sagte Megan, die fand, dass es viel praktischer war, ohne Sattel zu reiten. Gooses warmer Rücken von unten und Kenzies Wärme gaben Megan das Gefühl, an einem Ofen zu sitzen. Es konnten natürlich auch ihre Hormone sein, die sich mal wieder bemerkbar machten. »Wenn du aus dem Schottland des zehnten Jahrhunderts stammst, wieso beherrschst du dann die heutige Sprache so gut?«

Kenzie griff um sie herum nach ihrem offenen Kragen. »Ich habe es mehrere Jahre geübt. Du solltest deine Jacke zumachen«, sagte er und versuchte, den obersten Knopf zu schließen.

Sie stieß seine Hand weg. »Das geht nicht. Mein Bauch ist schon zu groß. Also wusstest du schon seit mehreren Jahren, dass du in dieses Jahrhundert kommen würdest? Ist es das, wofür Matt Winters Hilfe brauchte? Das fürchterliche Durcheinander, das er im Kontinuum anrichtete, das fast alle Lebensbäume getötet hätte – war nur dafür da, um dich herzuholen?«

Kenzie zog sie wieder an sich, indem er einen Arm um ihre gerundete Taille legte. »Mehr oder weniger. Gesader ist ein altes gälisches Wort. Warum hast du deine Katze Zauberer genannt?«

Megan machte großes Aufhebens darum, einen angenehmen Sitzplatz zu finden, und lehnte sich wieder nach vorn, um sich an Gooses Mähne festzuhalten.

»Meine Schwester hat ihm den Namen gegeben, denn eigentlich ist er ihr Haustier. Ich bin erst seit vier Monaten wieder in Pine Creek. Aber weil Winter diesen Herbst so viel Zeit mit Matt verbracht hat, schien Gesader meine Gesellschaft der ihren vorzuziehen. Und er ist keine Hauskatze. Er ist ein Panther.«

»In Maine gibt es Panther?«, fragte Kenzie neugierig.

»Nein. Wir haben hier Luchse, und ganz selten wird auch mal ein Berglöwe gesichtet, aber keine Panther.« Megan lächelte. »Unser Cousin Robbie MacBain brachte Gesader vor drei Jahren als kleines Kätzchen mit. Robbie ist derjenige, der die Aufgabe hat aufzupassen, dass Pendaar keinen Unsinn macht. Zumindest hatte er diese Aufgabe, ehe Pendaar seine Zauberkraft verlor.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt muss Robbie wohl auf Winter und deinen Bruder aufpassen. Er ist der Holzfäller, der mit Catherine verheiratet und der Vater von Baby Angus ist.«

»Ja, ich erinnere mich. Er hat dich gestern Abend nach oben ins Bett getragen, als du in deinem Sessel eingeschlafen bist.« Kenzie kicherte. »Und Pendaar ist der kauzige alte Priester, der sich immer als Erstes an den Esstisch setzt und als Letzter aufsteht. Er beäugt mich die ganze Zeit misstrauisch, als denke er, ich wolle ihm den nächsten Bissen klauen.«

Megan lachte. »So ist Pendaar, allerdings nennen ihn heutzutage alle Vater Daar. Er war ein mächtiger Zauberer, ehe er seine Zauberkraft an Winter weitergab. Er war es, der meinen Vater und meine Onkel vor fast vierzig Jahren in dieses Jahrhundert brachte. Aber Daar ist irgendwie … naja, er verpatzte seine Zaubersprüche häufig, und so sorgte er dafür, dass letztendlich noch drei weitere MacKeages sowie sechs MacBain-Krieger und alle Schlachtrösser hier landeten.«

Sie drehte sich zu Kenzie um. »Die MacKeages und die MacBains führten damals Krieg gegeneinander, aber Michael und Papa haben vor Jahren Frieden geschlossen. Die MacKeages ließen sich in Pine Creek nieder, als sie TarStone Mountain kauften. Sie bauten Gu Bràth, errichteten ein Skigebiet und beschlossen dann, sich Frauen zu suchen, um ihren Clan weiterzuführen.«

Kenzie schüttelte den Kopf. »Aber stattdessen hat dein armer Vater sieben Töchter gezeugt.«

Megan warf ihm einen wütenden Blick zu und sah wieder nach vorn. »Eine andere Sache, die Ihr bezüglich des einundzwanzigsten Jahrhunderts feststellen werdet, Mr. Gregor, ist die Tatsache, dass es nicht mehr wichtig ist, einen ganzen Haufen Söhne zu haben. Dank der Emanzipation ist es heutzutage eher eine Stärke denn eine Schwäche eine Frau zu sein. Frauen tun alles, was auch Männer machen.« Sie bedachte ihn mit einem affektierten Grinsen. »Und meistens machen wir es besser.«

Lachend warf er den Kopf zurück, wobei sein gut aussehendes Gesicht von der Nachmittagssonne angestrahlt wurde. Sofort sah Megan wieder nach vorn und begann nach Gesader zu rufen.

»Du hast gesagt, dass ihr unter den Neuen den alten Priester Vater Daar nennt. Was meint ihr mit den Neuen?«, fragte Kenzie, als sie kurz aufhörte zu rufen.

»So nannten mein Vater und meine Onkel immer die Leute hier. Die, die durch die Zeit gereist sind, werden die Alten genannt, und alle aus diesem Jahrhundert sind die Neuen. Wie war das eigentlich … durch die Zeit zu reisen?«

»Heftig. Schrecklich. Nichts, was ich gern wiederholen würde.«

»Robbies Frau, Catherine, ist einmal durch Zufall mit ihm zurückgereist, und sie sagte auch, dass sie es nie wieder machen wolle. Sie erzählte auch, dass sie nackt war, als sie im Schottland des zwölften Jahrhunderts landete.« Megan grinste.

»Ist das der Grund, warum sie und MacBain heiraten mussten?«

»Nein. Genau genommen können Männer und Frauen heutzutage sogar miteinander schlafen, ohne dass sie vorher heiraten müssen – aber das geht dich eigentlich nichts an.«

»Sprechen wir immer noch über Robbie und Catherine?«, fragte Kenzie vorsichtig. »Du reagierst ja schon gereizt, wenn man das Thema Heirat nur erwähnt, Mädchen. Warum eigentlich? Hat der Vater deines Kindes dich nicht gefragt, ob du ihn heiratest?«

»Das geht dich nichts an!«

»Wir sind doch jetzt miteinander verwandt, oder nicht? Geht es mich da nicht sehr wohl etwas an?«

»Dein Bruder ist mit meiner Schwester verheiratet«, entgegnete sie. »Das macht uns nicht automatisch zu einem Liebespaar.«

Kaum waren die Worte heraus, schlug Megan sich die Hand vor den Mund. Liebespaar? Wie zum Teufel kam sie denn auf so was?

Kenzie lachte so schallend, dass sie vom Pferd gefallen wäre, hätte er sie nicht mit seinem starken Arm festgehalten. »Nein«, meinte er lachend, »das macht uns nicht zu einem Liebespaar.« Sein Arm legte sich fester um sie. »Wo also ist der Vater deines Kindes jetzt?«

»Der schmort hoffentlich in der Hölle«, stieß sie hervor.

»Sag mir, wo er ist, dann knöpfe ich mir den Mistkerl vor.«

»Wofür?«, fragte sie und sah ihn über die Schulter an.

»Damit er dich heiratet!«

Megan holte tief Luft und sah wieder nach vorn, während sie sich in Erinnerung rief, aus welchem Jahrhundert er kam. »Ich würde es nicht einmal in Erwägung ziehen, einen Mann zu heiraten, der mich nicht liebt.«

»Liebe hat damit nichts zu tun, Mädchen. Ihr beiden bekommt ein Kind … ob euch das nun gefällt oder nicht.«

»Ich bin sehr wohl in der Lage, mein Kind ohne seine Hilfe aufzuziehen.«

»Daran zweifle ich nicht. Aber hat dein Kind nicht das Recht auf seinen Vater?«

»Er oder sie wird Dutzende von Onkeln und Cousins haben. Ich habe eine ganze Familie hier in Pine Creek, die mir helfen wird. Ich werde mich erst dann mit Wayne Ferris befassen, wenn er wunderbarerweise irgendwann ein Gewissen entwickeln und beschließen sollte, dass er seinen Sohn oder seine Tochter kennen lernen möchte. Aber bis dahin will ich nichts mit dem Idioten zu tun haben.«

»Weiß er von dem Kind?«

»Ja.«

Kenzie schwieg einen Moment lang, dann meinte er sanft: »Unsere Schwester wurde von dem Vater ihres Kindes sitzen gelassen. Sie hieß Fiona, und sie hatte keine Familie, die ihr half. Matt und ich waren unterwegs, um zu kämpfen, und unsere Mutter war ein Jahr zuvor gestorben. Fiona hatte nur unseren Vater, und soweit ich weiß, setzte damals bereits seine geistige Verwirrung ein.«

»Was wurde aus ihr?«

»Sie starb bei der Geburt, und ihr Kind starb kurz darauf.«

Megan schlang die Arme um ihren runden Bauch. »Das tut mir leid. Das erklärt wohl, warum du dir solche Gedanken um mich machst.« Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. »Aber mir wird es wirklich an nichts fehlen.«

Goose stapfte aus dem Wald heraus auf einen Gebirgskamm, um den der Wind pfiff, und von dem aus man einen sagenhaften Blick auf das dreihundert Meter tiefer liegende Pine Creek hatte. Kenzie ließ das Pferd anhalten, saß ab und half ihr dann herunter.

»Ja, dir wird es an nichts fehlen. Dafür werde ich sorgen«, sagte er. »Jetzt zu Gesader«, sprach er weiter und umfasste sanft ihre Schultern. »Es … äh … es gibt da etwas, das ich dir über deine entlaufene Katze sagen muss.«

 

Jack Stone legte die Arme auf die Tür seines Streifenwagens, damit das Fernglas nicht wackelte, als er es auf den nördlichen Hang von TarStone Mountain richtete. Er begann seine Suche bei den schmalen Streifen Schnee, die sich vom Gipfel bis zum Fuß des Berges erstreckten. Er achtete nicht auf die Skifahrer, sondern hielt eher nach etwas Vierbeinigem Ausschau. Nachdem er festgestellt hatte, dass das Pferd nicht am Rande der Skiabhänge oder entlang der Strecke, wo die Skilifte fuhren, trabte, ließ er das Fernglas über den dichten Fichten- und Pinienwald schweifen und besah sich die einzelnen Lichtungen zwischen den Bäumen lange genug, um zu erkennen, dass sie verlassen waren.

»Na, komm schon, Schätzchen. Wohin bist du verschwunden?« , fragte er leise. »Und mit wem bist du unterwegs?«

Jack suchte den Berg weiter sorgfältig ab, obwohl er wusste, dass es bei dem vorliegenden unebenen Terrain so gut wie unmöglich war, das, wonach er Ausschau hielt, zu entdecken. Aber weil ihm dieses Unwahrscheinliche mehr als einmal gelungen war, setzte er seine methodische Suche mit der Geduld eines Jägers fort, dem Misserfolg ein Fremdwort ist.

»Bingo«, sagte er zehn Minuten später, als ein Pferd, auf dem zwei Reiter saßen, auf einen Bergkamm hinaustrat. Jack warf das Fernglas auf den Sitz des Streifenwagens, ging zum Kofferraum und holte einen Gewehrkoffer heraus. Er sah die abgelegene Straße hoch und runter, um dann das Gewehr herauszunehmen, das ihm nicht zusammen mit Handschellen und Marke ausgehändigt worden war, als er letzte Woche seine neue Stelle als Chef der Polizeitruppe von Pine Creek angetreten hatte.

Mit einem verächtlichen Schnauben entsicherte er die Waffe. Tolle Polizeitruppe. Er war der Chef von genau einem Hilfssheriff, der frisch von der Polizeiakademie kam, und einer Sekretärin, die seine Großmutter hätte sein können.

Die Bevölkerung von Pine Creek und den Nachbarstädten Lost Gore und Frog Cove wäre sprunghaft angestiegen, hatten ihm die Mitglieder des Stadtrats bei seinem Vorstellungsgespräch erklärt. Und das County würde zwar über einen Sheriff und die Bundespolizei verfügen, um sie zu beschützen, doch die drei kleinen Urlaubsorte wollten ihren eigenen Arm des Gesetzes, weil irgendjemand meinte, es sei witzig, persönliche Besitztümer unter den Bürgern zu tauschen.

Genau das waren die Worte gewesen, die die Mitglieder des Stadtrates benutzt hatten. Nichts war wirklich gestohlen worden: ein paar Gasgrille, Spielsachen, Urlaubssouvenirs und Briefkästen waren einfach nur neu zwischen den anliegenden Häusern, Ferienlagern und Geschäften verteilt worden. Jack war fast versucht gewesen anzubieten, die Arbeit umsonst zu machen, wenn ein Haufen gelangweilter Teenager für die schlimmste Verbrechenswelle verantwortlich war, die Pine Creek je heimgesucht hatte.

Er ging nach vorn zu seinem Wagen und stützte sich auf der Haube ab, um durch das Zielfernrohr zu schauen, das am Lauf des Gewehrs angebracht war. Er erspähte das Pferd, auf dem nun niemand mehr saß, und dann die beiden Personen, die daneben standen. Ohne das Auge von der Linse zu nehmen, stellte er die Schärfe ein, bis er Megan MacKeage deutlich erkennen konnte.

Jack stockte kurz der Atem, als er sie sah. Ihr schulterlanges rotes Haar wehte ihr immer wieder ins Gesicht, obwohl sie versuchte, es sich hinter die Ohren zu schieben. Ihre leicht sommersprossigen Wangen waren von der Kälte gerötet, und ihre Augen – von denen Jack wusste, dass sie auffallend grün waren – hatte sie wegen der Nachmittagssonne zusammengekniffen, während sie zu dem Mann aufschaute, der ihre Schultern umfasst hatte.

Jack hatte das TarStone-Skigebiet in seine tägliche Runde miteinbezogen, denn er war sich recht sicher, dass Megan ihn nicht wiedererkennen würde, wenn er an ihr vorbeifuhr. Menschen außerhalb ihrer gewohnten Umgebung und insbesondere, wenn sich ihr Aussehen so stark wie bei ihm verändert hatte, wurden leichter übersehen, wenn sie sich nicht versteckten.

Als er heute Morgen über den großen Parkplatz des Skigebietes gefahren war, hatte er gesehen, wie Megan ihr Zuhause auf dem Rücken eines Pferdes und an die Brust eines Mannes gekuschelt verließ, den er noch nie in der Stadt gesehen hatte. Jack konnte sich Gesichter, Mimiken und Gestiken gut merken, und er konnte auch verwandtschaftliche Ähnlichkeiten schnell erkennen. Und obwohl der Mann mehrere hundert Meter entfernt gewesen war, hatte Jack keinerlei Ähnlichkeit mit den MacKeage- und MacBain-Männern erkennen können, die er schon mal gesehen hatte. Nur in Bezug auf die Größe gab es eine gewisse Übereinstimmung.

Jack richtete das Zielfernrohr jetzt auf ihn. Das war wirklich ein riesiger Kerl, mindestens dreißig Zentimeter größer als Megan, die ein Meter sechzig groß war. Er hatte breite Schultern und den Körperbau eines Mannes, den Jack bei einem Kampf gern an seiner Seite hätte.

Ein Cousin? Oder vielleicht ein Onkel?

Oder ihr Freund?

Das Geräusch eines aus Richtung Stadt kommenden Wagens beendete seine Überwachung und damit auch seine Spekulationen. Jack ging mit langen Schritten zum Kofferraum zurück, legte das Gewehr wieder in den Koffer und ließ die Haube gerade in dem Moment zufallen, als ein blau-weißer Pickup um die Ecke gefahren kam und schliddernd anhielt.

Officer Simon Pratt tauchte aus einer Wolke Puderschnee auf, die er aufgewirbelt hatte. »Ihr Funkgerät funktioniert nicht«, sagte er und schaute durch die offene Tür in Jacks Wagen. »Ach, das ist ja noch nicht mal an«, meinte er, während er nach drinnen an die Konsole griff. Er richtete sich wieder auf und sah Jack mit gerunzelter Stirn an. »Ethel und ich haben den ganzen Vormittag versucht, Sie über Funk oder Handy zu erreichen, und ich habe die letzten beiden Stunden damit verbracht Sie aufzuspüren.«

Jack zog sein Handy aus der Tasche, um zu sehen, ob er Empfang hatte, und stellte fest, dass es ebenfalls nicht eingeschaltet war. »Tut mir leid«, meinte er und schaltete das Handy an, ehe er es wieder in die Tasche steckte. »Also, was gibt’s?«

»Letzte Nacht ist in die Bäckerei eingebrochen worden. Alles ist verwüstet.«

»Sie sind tatsächlich eingebrochen? Und haben alles kaputtgemacht?« , fragte er überrascht. »Aber das ist gar nicht ihre übliche Vorgehensweise. Normalerweise nehmen sie sich nur Sachen, die irgendwo draußen herumstehen.«

Simon zuckte die Achseln. »Die Bäckerei hat montags nicht geöffnet, deshalb bemerkte es die Besitzerin erst heute Morgen um acht. Sie wollte sich ein bisschen um den liegen gebliebenen Papierkram kümmern und stellte fest, dass die Hintertür aufgebrochen war und ihre Sachen überall herumlagen. Sie rief bei uns an, und seitdem suchen Ethel und ich nach Ihnen. Wir wollten schon beim Sheriff anrufen.«

»Warum?«

Seine Frage schien Simon zu überraschen. »Weil wir Sie nicht finden konnten!«

Jack sah ihn gelassen an. »Ist es Ihnen je in den Sinn gekommen, einfach ohne mich zur Bäckerei zu gehen und den Tatort zu untersuchen?«

»Ja, klar. Das habe ich getan, das heißt ich habe den Tatort abgesichert. Ich habe ihn mit Bändern abgesperrt und die Besitzerin veranlasst, ein Schild mit der Aufschrift Bis auf Weiteres geschlossen ins Schaufenster zu stellen.«

Jack nahm das Fernglas vom Sitz und schob sich hinters Lenkrad. »Dann lassen Sie uns mal einen Blick auf Ihren Tatort werfen. Auf dem Weg dorthin versuchen Sie sich noch einmal daran zu erinnern, was Sie auf der Akademie über die Vorgehensweise bei einem Einbruch gelernt haben.«

»Mein Tatort?« Simon sah wieder völlig verblüfft aus.

»Sie haben den Anruf entgegengenommen, oder etwa nicht?«

»Ja, doch, schon. Aber Sie sind der Boss.«

»Und ich bin möglicherweise nicht immer erreichbar, oder? Da Sie also mein Vertreter sind, erwarte ich, dass Sie sich um alles kümmern, was so anfällt.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Sie haben doch mit Auszeichnung bestanden, oder nicht?«

Simon nahm die Schultern zurück. »Ich könnte den Tatort sogar im Schlaf untersuchen.«

»Dann schließe ich mich Ihnen einfach nur an«, sagte Jack und schloss seine Tür.

Er beobachtete, wie Simon zu seinem Wagen zurückging und dabei mindestens fünf Zentimeter größer aussah. Jack drehte den Schlüssel im Zündschloss und legte den Gang ein. Er warf noch einen letzten Blick auf den TarStone, ehe er Gas gab.

Oh ja. Er würde sich Simon tatsächlich nur anschließen – denn im Gegensatz zu den Informationen in seinem Lebenslauf hatte Jack keinen blassen Schimmer, was die Untersuchung von Tatorten anging … seine Stärken lagen woanders.