Der Komet

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Inhaltsverzeichnis

Fußnoten

  1. Stern.  Als Stern werden sämtliche Himmelskörper außer dem Mond bezeichnet: das heißt sowohl die Fixsterne, die viele Lichtjahre von uns entfernt sind, als auch die uns näher liegenden Wandelsterne, die Planeten. Von den Sternen gewissenhaft zu unterscheiden sind die »Unsterne«. Da ihre Flugbahnen exzentrisch sind, durchkreuzen sie die wohlgeordneten Ellipsen der Planeten und überschneiden sich mit ihnen. Von den Alten wurden die Unsterne (auch: Kometen) für viele Kümmernisse verantwortlich gemacht – Kriege, Teuerungen, Seuchen, Revolutionen usw. Dass Unsterne auch böse Träume verursachen, ist allerdings ein Aberglauben.

  2. … in Wahrheit stammte sie aus einem sefardischen Geschlecht.  Als »Sefarden«, also Spanier, bezeichneten sich alle Juden, die von der Iberischen Halbinsel stammten. Ihre östlichen Verwandten nannten sich »Aschkenasen«, das heißt: Deutsche. Nach der Vertreibung aus Spanien unter Ferdinand und Isabella anno 1492 – einer der größten Katastrophen in der jüdischen Geschichte – siedelten sich die Sefarden in Nordafrika und einigen italienischen Städten, vor allem aber im Osmanischen Reich an. Auch in Holland und Norddeutschland gab es nach jenem Katastrophenjahr bedeutende sefardische Gemeinden.

    Die Sefarden von Wien wurden »türkische Juden« genannt, weil sie aus dem Osmanischen Reich stammten; erst nach dem Friedensschluss zwischen dem Sultan und dem Kaiser in Wien konnten sie sich frei im Habsburgerreich bewegen. Die Sefarden hatten eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Orient und Okzident inne. Als Händler importierten sie Wolle und Baumwolle, Seide und Tabak, Zucker und Gewürze ins christliche Abendland. Sie arbeiteten für den Orientexpress, für die österreichische Post in Konstantinopel und der Levante und den Österreichischen Lloyd, die größte Schifffahrtsgesellschaft der Habsburgermonarchie mit Sitz in Triest. Sefarden machten sich einen Namen als Rabbiner und Wissenschaftler, als Übersetzer der arabischen Philosophie, als Ärzte und Gelehrte. Ihre Sprache war Ladino, auch »Spaniolisch« genannt; sie basiert auf dem mittelalterlichen Spanisch (wie das Jiddische auf Mittelhochdeutsch basiert), wird aber in hebräischer Schrift geschrieben. In der Realhistorie endete die Geschichte der »türkischen Juden« von Wien 1938. Danach wurden sie, wie ihre aschkenasischen Brüder und Schwestern, vertrieben, deportiert, ermordet, verbrannt.

  3. Transleithanien.  Der Grenzfluss war die Leitha, ein eher unbedeutendes Gerinnsel, das bei der Gemeinde Lanzenkirchen entspringt und 180 Kilometer weiter westlich bei der Insel Szigetköz in die Kleine Donau mündet. Aus österreichischer Sicht lag jenseits dieses Grenzflusses »Transleithanien« – das Gebiet jenseits der Leitha. Aus ungarischer Sicht befanden sich dort die »Länder der heiligen ungarischen Stephanskrone«. Diese waren: das heutige Ungarn, die heutige Slowakei, die Karpathenukraine, das Banat, die serbische Woiwodina, das heutige Burgenland, Siebenbürgen, ein sehr kleiner Teil des heutigen Polen, das Königreich Kroatien, ferner Slawonien (Ostkroatien) und Fiume (heute: das kroatische Rijeka). Die Bezeichnung »Cisleithanien« für die Kronländer, die sich diesseits des Grenzflusses befanden, war eher ungewöhnlich; die meisten k. u. k. Untertanen sagten einfach (wenn auch unzutreffend) »Österreich«. Zu Cisleithanien gehörten: im Norden und Nordosten Böhmen (heute Teil von Tschechien), ferner Mähren (ebenso) und Österreichisch Schlesien (gleichfalls); dann Galizien (heute: die Westukraine, Südpolen) und die Bukowina (teils Rumänien, teils Ukraine); im Süden lagen die Österreichischen Küstenlande (an der Adria), die Krain (heute: Slowenien) und Dalmatien (heute: Südkroatien). Außerdem gehörte zu Cisleithanien, beinahe hätten wir’s vergessen, das heutige Österreich.

    Bosnien und Herzegowina, das seit 1878 von k. u. k. Truppen besetzt war, gehörte erst nach der Annexion von 1908 auch offiziell zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie; es wurde keiner der beiden Reichshälften zugeschlagen, sondern galt als »Kondominium«, das von Österreich und Ungarn gemeinsam verwaltet wurde.

    Nach dem »Österreichisch-Ungarischen Ausgleich« von 1867 genoss Transleithanien eine sehr weitgehende Autonomie. Gemeinsam war beiden Reichshälften die Person des Kaisers: Das war bis 1916 Franz Joseph, nach ihm für zwei Jahre sein Großneffe Karl (der hinter den Kulissen so verzweifelt wie vergeblich versuchte, den Ersten Weltkrieg zu beenden). Außerdem gab es die sogenannte Realunion: Österreich und Ungarn unterhielten eine gemeinsame Armee, eine gemeinsame Kriegsmarine, eine gemeinsame Außenpolitik, eine gemeinsame Währung und Finanzpolitik.

  4. Risches.  Dieses jiddische Wort umschreibt eine Mischung aus Ärger und Neid, die Juden zum Ziel hat, also gewöhnlichen Antisemitismus. Irrtümlich nehmen manche Juden an, Risches werde durch jüdische Handlungen hervorgerufen (vgl. die Redewendung: »Mach keine Risches«); in Wahrheit richtet Risches sich nicht gegen diese oder jene Handlungsweise, sondern gegen die Existenz von Juden an sich.

  5. … k. k. Creditanstalt.  Warum »k. k.« und nicht »k. u. k.«? Der Unterschied scheint klein zu sein, hat aber großes historisches Gewicht. Im Kaisertum Österreich – also vor dem österreichisch - ungarischen Ausgleich von 1867 – stand »k. k.« (kaiserlich - königlich) für die Behörden und staatlichen Einrichtungen im gesamten Reich. Danach – also in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie – meinte »k. k.« nur mehr die Einrichtungen in der westlichen Reichshälfte (in Altösterreich oder Cisleithanien). Das erste k. (kaiserlich) stand dabei für den Titel »Kaiser von Österreich«, das zweite k. (königlich) stand von 1867 an für den Titel »König von Böhmen«, den der Kaiser in Personalunion führte. Die Ungarn wollten sehr darum gebeten haben, dass die gemeinsamen Institutionen fortan mit dem Kürzel »k. u. k.« bezeichnet würden; das zweite k. (königlich) stand dabei für den Titel »König von Ungarn« – auch ihn führte der habsburgische Monarch in Personalunion. (Siehe die ausführliche Auflistung von Titeln am Anfang des VIII. Kapitels.) Das gemeinsame Heer hat sich übrigens nicht an diese Nomenklatur gehalten; es nannte sich noch bis 1889 »k. k. Armee«.

    Und wie verhält es sich mit der »k. k. Creditanstalt«? Dieses ehrwürdige Bankhaus wurde 1855 von Anselm Salomon Freiherr von Rothschild gegründet. Es handelte sich um die größte Bank in Österreich-Ungarn; ihr Hauptquartier, ein imposantes Haus im neoklassizistischen Stil, befand sich bis 1912 in der Wiener Schottengasse. Nach dem New Yorker Börsenkrach von 1929 zwang die österreichische Regierung die »Creditanstalt«, für andere insolvent gewordene Banken einzuspringen; dadurch wurde sie allerdings selbst zum Sanierungsfall. 1934 wurde die »Österreichische Creditanstalt« unter dem austrofaschistischen Diktator Engelbert Dollfuß mit dem »Wiener Bankverein« fusioniert. Nach dem »Anschluss« von 1938 verhaftete die SSden Bankdirektor: Louis Nathaniel Freiherr von Rothschild; Himmler persönlich gestattete ihm die Ausreise. Damit endete die Verbindung der Bank zur Familie Rothschild, die 118 Jahre gedauert hatte. Alle jüdischen Mitarbeiter wurden entlassen, viele von ihnen ermordet. Das Kreditinstitut wurde der »Deutschen Bank« unterstellt und in »Creditanstalt-Bankverein« umbenannt. Unter der Naziherrschaft unterhielt jener »Creditanstalt-Bankverein« nachweislich Beziehungen zu 13 Konzentrationslagern, auch zum KZAuschwitz: Die Bank führte Todeslisten und berechnete Wucherzinsen für Angehörige, die Geld an KZ-Häftlinge überwiesen.

  6. Mit diesen Worten.  »Guten Morgen, Herr Paszkiewicz«, sagte Dudu Gottlieb und legte seine Dokumente vor, »wie ist heute das werte Befinden?«

    »Recht angenehm, aber Sie müssen auf Ihre Gesundheit achtgeben, Herr Geheimrat. Nach jüngsten Berichten soll es gestern auf dem Mond geschneit haben.«

    »Ich habe mir vorsorglich einen Pelzmantel eingepackt«, versetzte Dudu, ohne die Miene zu verziehen.

    »Ich hoffe, Ihre Koffer sind randvoll mit Slibowitz«, sagte Stanisław Paszkiewcz. »Den werden Sie brauchen, um dort oben die Preußen zu bestechen.«

    »Selbstverständlich, selbstverständlich. Möchten Sie eine Inspektion vornehmen?«

    »Dieses Mal verzichte ich, Herr Geheimrat. Wohl bekomm’s! Und treiben Sie mir auf dem Mond keinen Unsinn.«

  7. … am 3. Oktober 1942 der erste bemannte Raumflug von Peenemünde aus, am 27. März 1945 endlich die erste Landung auf dem Erdtrabanten.  Am 3. Oktober 1942 wurde in Peenemünde zum ersten Mal erfolgreich eine Rakete mit einem explodierenden Sprengkopf gestartet; der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels gab ihr den Namen »Vergeltungswaffe 2«. Am 27. März 1945 wurde die letzte deutsche Rakete abgefeuert; sie traf die belgische Stadt Antwerpen. Die »V2« wurde im Konzentrationslager Mittelbau-Dora von Häftlingen unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen zusammengebaut. 12.000 Zwangsarbeiter wurden den Akten der SSzufolge beim Bau der »V2« zu Tode geschunden. Beim Einsatz der Waffe sollen ungefähr 8000 Menschen ums Leben gekommen sein. Die »V2« ist damit die einzige Massenvernichtungswaffe, deren Produktion mehr Opfer gekostet hat als ihr Einsatz.

    Die Produktion der »V2« auf Peenemünde leitete Wernher von Braun: Mitglied der Nazipartei seit 1938, Mitglied der SSseit 1940 (er stieg bis zum »Sturmbannführer« auf, hatte also den Rang eines Majors). Nach dem Krieg beteuerte er – sogar unter Eid! –, er habe vom Einsatz von Zwangsarbeitern in Dora-Mittelbau »nichts gewusst«. In Wirklichkeit hat er im KZBuchenwald selbst Häftlinge für die Produktion der »V2« ausgesucht. Er wohnte nur 20 Kilometer vom KZDora-Mittelbau entfernt.

    Nach dem Krieg wurde Wernher von Braun nicht zusammen mit anderen Naziverbrechern gehenkt, sondern fürstlich in einem bayerischen Sporthotel beherbergt und endlich nach Amerika ausgeflogen. Der Deckname dafür war »Operation Paperclip«: Die Amerikaner sammelten die nationalsozialistischen Raketenpioniere ein, ehe sie der Sowjetunion in die Hände fallen konnten. Wernher von Braun war dann führend am amerikanischen Raumfahrtprogramm beteiligt. Die »Saturn V«-Rakete, mit der im Jahr 1969 die ersten Astronauten auf den Mond transportiert wurden, war im Prinzip nichts als eine vergrößerte Version der alten »V2«.

  8. Karl Farkas.  1893 in Wien geboren, Kabarettist, Schauspieler. Erfand zusammen mit seinem Freund Fritz Grünbaum die Doppelconférence, bei der einer den Blöden, der andere den Gescheiten mimte. 1938 Emigration über Brünn und Paris nach New York, wo er vor allem vor Emigranten auftrat. Seine Schwestern und Eltern wurden deportiert und ermordet. 1946 Rückkehr nach Wien, wo er bis zu seinem Tod 1971 lebte.

  9. Fritz Grünbaum.  1880 in Brünn geboren, Kabarettist, Operettenautor, Kunstsammler, Schauspieler, Regisseur. Starb im Januar 1941 im KZDachau an Tuberkulose. Seine Frau Lilly Herzl wurde ein Jahr später ins Todeslager Maly Trostinec (in der Nähe von Minsk) deportiert und ermordet.

  10. Die größte war die Trikolore der Dritten Französischen Republik gewesen.  Die Erste Französische Republik wurde am 21. September 1792 ausgerufen, einen Tag nach der Kanonade von Valmy, die Goethe zu dem Ausruf inspirierte: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Bei der Kanonade von Valmy hatten die französischen Revolutionsheere einer Koalition aus Preußen und Österreichern widerstanden; wenige Monate später wurde Louis XVI. in Paris mit der Guillotine geköpft. Das politische Experiment endete 1804 nach vielen blutigen Exzessen damit, dass Napoleon sich selbst zum Kaiser krönte.

    Die Zweite Französische Republik war das Ergebnis der Februarrevolution von 1848, deren Zeuge Heinrich Heine wurde: »Ich hatte einen guten Platz, um der Vorstellung beizuwohnen, ich hatte gleichsam einen Sperrsitz, da die Straße, wo ich mich zufällig befand, von beiden Seiten durch Barrikaden gesperrt wurde …« Die Februarrevolution führte zum Sturz von König Louis Philippe, einem harmlosen, gutmütigen Mann, der aufgrund seiner etwas schwammigen Physiognomie allerdings oft ungünstig mit einer Birne verglichen wurde.

    Zum Präsidenten der Zweiten Republik wurde Louis Napoleon Bonaparte gewählt, ein Neffe von Kaiser Napoleon. 1851 entledigte er sich der Opposition in einem Putsch, bei dem er dem Vorbild seines bedeutenden Onkels folgte; fortan nannte er sich Napoleon III. Der Privatgelehrte Dr. Karl Heinrich Marx hat diese Machtergreifung in seinem Essay »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« so sarkastisch wie kenntnisreich kommentiert; sie inspirierte ihn zu dem Aphorismus, in der Weltgeschichte ereigne sich alles sozusagen zweimal: »… das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.«

    Die Dritte Französische Republik war ein Produkt des Zufalls. Nach der Niederlage von 1871 versank Napoleon III. im Orkus, eine konstitutionelle Monarchie sollte seine Tyrannei ersetzen; leider stand aber gerade kein Monarch zur Verfügung. An seiner Stelle installierte man, quasi als Kompromiss, einen starken Präsidenten, der jeweils auf sieben Jahre gewählt wurde. In der Realhistorie endete die Dritte Französische Republik mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Jahre 1940.

    Die Vierte Französische Republik begann am 21. Oktober 1946 und scheiterte am 4. Oktober 1958 in einem Militärputsch. Frankreich stand damals im Begriff, alle Kriege gegen seine Kolonialvölker zu verlieren; in Algerien etablierte sich ein »Wohlfahrtsausschuss« unter General Massu, und auch im Mutterland gehorchten die Streitkräfte der verfassungsmäßigen Regierung nicht mehr. Fallschirmjäger und Panzerkolonnen marschierten auf Paris zu; die Veteranen der Kolonialkriege drängten darauf, Charles de Gaulle zum Ministerpräsidenten zu ernennen. De Gaulle setzte sich an die Spitze der Bewegung, um ihr die Spitze abzubrechen. Er flog nach Algier, heftete den Putschgenerälen ein paar Orden an die Brust und ließ danach die Verfassung der Fünften Französischen Republik ausarbeiten; sie ist noch heute in Kraft.

  11. Sascha-Filmindustrie.  Sie wurde 1910 in Pfraumberg in Böhmen von einem Mann mit einem unverwechselbar altösterreichischen Namen gegründet: Alexander Joseph Graf Kolowrat-Krakowsky. 1912 verlegte das Unternehmen seinen Sitz nach Wien. In der Stummfilmzeit avancierte es mit Monumentalschinken wie »Sodom und Gomorra« und Historiendramen wie »Kaiser Joseph II.« zu einem der führenden europäischen Filmproduzenten. Den Übergang in die Ära des Tonfilms bewältigte die Sascha-Filmindustrie nur mühsam; Oskar Pilzer, der eigentlich von der Konkurrenz kam, übernahm die Firma. (»Sascha« Kolowrat-Krakowsky war mittlerweile gestorben.) Zu den bekanntesten Regisseuren der Sascha-Filmindustrie gehörte Mihály Kertész, der als Michael Curtiz später im Exil den Film »Casablanca« drehte; bekannte Schauspieler, die von Kolowrat-Krakowsky entdeckt wurden, waren (unter vielen anderen) Marlene Dietrich, Hans Moser und Paula Wessely.

    Nach dem »Anschluss« wurde Oskar Pilzer, der Jude war, aus dem Unternehmen gedrängt und seiner Anteile beraubt; er starb 1939 in Paris. Die Sascha-Filmindustrie wurde der nationalsozialistischen Propagandawirtschaft einverleibt.

  12. Jause.  Eine kleine Zwischenmahlzeit, die aber beeindruckende Proportionen annehmen kann. Das Wort stammt aus dem Slowenischen: »južina« bedeutet Mittagessen.

  13. … die Elektromobile surrten auf der linken Straßenseite an ihm vorbei.  In Österreich wurde bis 1938 – wie in Großbritannien – auf der linken Straßenseite gefahren. Erst nach dem »Anschluss« durch Nazideutschland stellte man auf Rechtsverkehr um.

  14. »Dort drüben hat es keine Reformen mehr gegeben, seit Nabokov zum Ministerpräsidenten gewählt wurde«.  Gemeint ist der liberale Journalist, Kriminologe und Politiker Vladimir Dmitriewitsch Nabokov, der 1880 etwas außerhalb von St. Petersburg geboren wurde. Sein Vater hatte unter Zar Alexander II. als Justizminister gedient. Er selbst studierte Jura und lehrte Kriminologie. Nabokov war ein prominentes Mitglied der »Konstitutionellen Demokraten«, einer Partei, die ihrer Anfangsbuchstaben wegen – K. D. – auch als »Kadettenpartei« bezeichnet wurde. Die »Konstitutionellen Demokraten« wurden auf dem Höhepunkt der Revolution von 1905 gegründet; sie forderten das allgemeine Wahlrecht (auch für Frauen) und Bürgerrechte. Es handelte sich also um eine klassische liberale Partei; schwankend war sie in der Frage, ob sie sich für eine konstitutionelle Monarchie oder doch lieber für die republikanische Staatsform einsetzen sollte. In der »Duma«, dem ersten gewählten russischen Parlament nach der Revolution von 1905, stellten die »Konstitutionellen Demokraten« die Mehrheit (mehr als 30 Sitze), weil die Linken die Wahl boykottiert hatten. Vladimir Dmitriewitsch Nabokov – kein Jude – war ein erklärter Feind jeder Form des Antisemitismus; in Russland galt dies damals als geradezu exotische Haltung. Von 1904 bis 1917 war er Chefredakteur der Zeitung Retsch (Rede), die liberale Ideen verbreitete. 1917 wurden die »Konstitutionellen Demokraten« von den siegreichen Bolschewiki als »Volksfeinde« gebrandmarkt und verboten, Nabokov musste mit seiner Familie flüchten.

    1922 wurde er in Berlin von einem faschistischen Attentäter erschossen. Er nahm an einer Exilkonferenz der »Konstitutionellen Demokraten« teil, als ein Mann plötzlich die zaristische Hymne anstimmte und auf Pawel Miljukow feuerte, den Anführer der Partei. Nabokov sprang vom Podium herunter und begann, mit dem Schützen zu ringen; da richtete ein zweiter Attentäter die Waffe auf ihn und schoss. Nabokov war tot, Miljukow entkam unverletzt. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Miljukow, den Nabokov mit seinem Leben verteidigte, innerhalb der Partei eher sein Rivale gewesen war. Im selben Jahr – 1922 – wurde ein gewisser Josef Stalin zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion erhoben.

  15. … ein pädophiler Mädchenfreund aus Mähren.  Adolf Loos (geboren 1870 in Brünn, gestorben 1933 in Wien) wurde mehrfach angezeigt, weil er kleine Mädchen im Prater angesprochen, ihnen Geldgeschenke gemacht und versucht hatte, sie zum Mitkommen zu bewegen. Er wurde schließlich angeklagt, er habe drei kleine Mädchen sexuell missbraucht; belegen ließ sich, dass seine Opfer ihm nackt und in obszönen Posen als Modelle für Zeichnungen gedient hatten. Loos wurde zu vier Monaten schwerem Arrest verurteilt. Keiner der prominenten Freunde von Adolf Loos (Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka, Karl Kraus, Peter Altenberg) hat sich je dazu geäußert.

    Adolf Loos gilt heute als Wegbereiter der Moderne in der Architektur. Er war für Schlichtheit, Nüchternheit, klare Formen; er war dagegen, Kunst und Alltagskultur miteinander zu vermischen. Berühmt wurde seine Schrift Ornament und Verbrechen. Allerdings hat er bei den Häusern, die er baute, ornamentale Verzierungen nicht einfach weggelassen, sondern durch etwas anderes ersetzt: Loos verwendete immer nur edelste Materialien. Bei der Inneneinrichtung seiner Häuser gab es für ihn nichts Wichtigeres als Behaglichkeit. Auch war Loos dagegen, historische Stadtensembles zu schleifen und sie durch Neubauten zu ersetzen: »Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden«, schrieb er. »Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet.«

  16. … die reichen Bestände der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina.  Die Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina war ein Prachtbau im pseudomaurischen Stil, der Ende des 19. Jahrhunderts von einem österreichischen Architekten (Alexander Wittek) errichtet wurde. Er stand mitten in Sarajevo; Erzherzog Franz Ferdinand besuchte das Gebäude zwischen dem ersten (erfolglosen) und dem zweiten (tödlichen) Attentat, das am 28. Juni 1914 auf ihn verübt wurde. 1992 schossen die serbischen Faschisten diese Bibliothek mit gezielten Artilleriegranaten in Brand. Beinahe alle Bücher und Magazine, die dort gelagert wurden, gingen in Flammen auf und waren verloren.

  17. … die Wohnung des Meisters war längst ein prachtvolles Museum.  Wie jeder bezeugen kann, der schon einmal dort war, ist das Sigmund-Freud-Museum in der Berggasse 19 in Wien im Wesentlichen leer. Das berühmte Sofa des Meisters, auf dem ein bunter Perserteppich und verschiedene bequeme Polster liegen, steht nicht in Wien, sondern in London; dort findet man auch Freuds private Sammlung von ägyptisch - heidnischen Gegenständen. Sigmund Freud wurde nach dem »Anschluss« aus Wien verjagt, er starb im Exil. Die Psychoanalyse galt unter den Nazis als »jüdische Wissenschaft« und wurde verboten. Als apokryph muss die berühmte Anekdote eingestuft werden, Freud, der bei der Ausreise zu der schriftlichen Behauptung gezwungen wurde, er und die Seinen seien gut behandelt worden, habe dem Formular hinzugefügt: »Ich kann die Gestapo jedermann auf das Beste empfehlen.«

    Vier der fünf Schwestern von Sigmund Freud gelang es nicht, den Mördern zu entfliehen. Marie und Paula wurden im Todeslager Maly Trostinec umgebracht, Adolfine starb in Theresienstadt an Unterernährung, Rosa wurde in Treblinka vergast.

  18. … Auschwitz, ein Bahnknotenpunkt in Galizien.  In Wirklichkeit war Auschwitz kein Bahnknotenpunkt, dort geschah etwas anderes.

    Stellen Sie sich ein Foto vor. Stellen Sie sich eine Gruppe von Uniformierten vor, die auf einer Wiese stehen, einem Hang vielmehr, der nach hinten sanft ansteigt. Manche der Uniformierten haben die Münder halb geöffnet, sie sind gerade am Singen. Jene, die nicht singen, lächeln entspannt. Im Bildvordergrund ist ein Steg zu sehen, den zwei Holzgeländer umsäumen. Auf diesem Steg steht ein Mann, den Rücken hat er der Kamera zugewandt; er spielt Ziehharmonika. Das Bild ist schwarzweiß, eine historische Aufnahme. Stellen Sie sich jetzt bitte eine ganze Serie von historischen Fotos vor. Sie sehen darauf zwölf junge Frauen in Wollröcken und Baumwollblusen, die auf einem Terrassenzaun sitzen; und wieder spielt ein Uniformierter Akkordeon. Ein anderer serviert den Frauen Schalen mit Früchten auf einem Tablett. Die Bildunterschrift lautet: »Hier gibt es Blaubeeren.« Auf den nächsten Bildern sehen wir, wie die Frauen und die Uniformierten die Blaubeeren essen; am Schluss halten sie die Schüsseln in die Kamera. Einige drehen die Schüsseln um, sodass jeder sehen kann: Sie sind leer. Eine der Frauen tut so, als würde sie bitterlich weinen.

    Diese Aufnahmen wurden vor einigen Jahren von dem Magazin New Yorker veröffentlicht. Sie stammen aus einem Album, das ein amerikanischer Offizier 1945 in Frankfurt am Main fand. Er dachte sich nicht viel dabei und nahm das Fotoalbum mit, als er in die Heimat zurückkehrte – ein Kuriosum. Als alter Mann beschloss er dann aber, sich von vielen seiner weltlichen Besitztümer zu trennen. Und so verfasste er im Jahre 2006 mithilfe eines Freundes, den er aus der Kirche kannte, einen Brief an das Holocaustmuseum in Washington. Er habe da eine Sammlung von Fotos, schrieb er, das offenbar »Tätigkeiten in und um Auschwitz, Polen, zeigt«. Im Holocaustmuseum reagierte man zunächst nicht sehr enthusiastisch. Fotos amerikanischer Soldaten, auf denen deutsche Konzentrationslager kurz nach der Befreiung abgebildet sind, gibt es schließlich zuhauf. Aber als dieses Album in Washington eintraf, setzten sich die Archivare mit einem Ruck aufrecht hin. So ist die Aufnahme, die den Chor gut gelaunter Uniformierter auf dem Rasen zeigt, in Wahrheit ein veritables Prominentenfoto: In der ersten Reihe erkennen wir Richard Baer, den Kommandanten des Lagers Auschwitz I, ferner Rudolf Höß, den Kommandanten des Gesamtlagers, und Dr. Josef Mengele, der im Lager Versuche an lebenden Menschen vornahm. Am Kragenspiegel tragen die fröhlichen Sänger das gezackte Zeichen der SSauf schwarzem Grund.

    Das Blaubeeressen, das auf diesen Fotos so ausgiebig dokumentiert wird, fand am 12. Juli 1944 stand. Tags darauf befreiten sowjetische Truppen das KZMajdanek. Tausend Gefangene von dort zwang die SSauf einen Todesmarsch nach Auschwitz; die Hälfte kam an. Insgesamt dokumentiert das Album genau jene Zeit im Frühling und Frühsommer 1944, in der die ungarischen Juden den Deutschen in die Hände fielen. 434.000 Menschen wurden damals in Viehwaggons gepackt und nach Auschwitz verschleppt. Die Krematorien, die 132.000 Leichen pro Monat bewältigen konnten, waren dieser Anforderung nicht gewachsen. Die Toten wurden in Gruben geworfen, die Häftlinge ausgehoben hatten, und an Ort und Stelle verbrannt. 1944 war das Jahr, in dem Auschwitz zu Auschwitz wurde. Davor war es nur ein schreckliches Lager unter vielen anderen im deutsch besetzten Polen gewesen.

    Die Aufnahmen in dem Album wurden höchstwahrscheinlich von Karl-Friedrich Höcker gemacht, einem SS-Obersturmführer, der Richard Baer, dem Lagerkommandanten von Auschwitz, als Adjutant diente. Nach dem Krieg widmete Höcker sich der Gartenarbeit und arbeitete bei einer Bank in Lübbecke, einem Ort in Nordrhein-Westfalen. 1963 wurde er zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt; als er aus der Haft wiederkam, stellte seine Bank ihn sofort wieder ein. 1989 wurde er zu weiteren vier Jahren Haft verurteilt. Er starb anno 2000 hochbetagt und ohne Reue.

    Für die Forschung ist Höckers Fotoalbum wichtig, weil es Lücken in unserem Wissen über die Mörder schließt. So enthält es die einzigen acht Bilder, die Josef Mengele in Auschwitz zeigen. Interessant ist dieses Fotoalbum aber auch aus einem anderen Grund. Naturgemäß wusste man schon vorher, dass SS-Leute gelegentlich Urlaub machten. Dass sie zu diesem Zweck aber auch nach Auschwitz fuhren – das war neu.

  19. … mit einer weißen Nelke im Knopfloch.  Die weiße Nelke war das Erkennungszeichen der Antisemiten; die rote Nelke das Symbol der Sozialdemokratie.

  20. Bar-Mizwa.  Mit 13 Jahren wird ein jüdischer Knabe »Bar Mizwa« (wörtlich: Sohn des Gebotes); das heißt, er gilt als erwachsener Mann, der alle Pflichten des mosaischen Gesetzes auf sich nimmt. Er wird in der Synagoge aufgerufen, um den Wochenabschnitt aus der Thora vorzutragen, anschließend gibt es einen Empfang mit Büfett, und seine Verwandten machen ihm Geschenke.