Cover

Das Buch

Nach einer langen Karriere in Sachen Mord und Komplott hat sich der Auftragskiller Paul Janson unabhängig gemacht und seine eigene Spezialeinheit gegründet. Zusammen mit seiner neuen Geschäftspartnerin Jessica Kincaid will er ehemaligen Kollegen helfen, wieder ins normale Leben zu finden. Um dies zu ermöglichen, müssen sie aber auch einige andere Jobs annehmen. Jansons nächster Auftrag besteht darin, einen Arzt aus den Händen westafrikanischer Rebellen zu befreien. Janson macht sich auf die Reise nach Île de Forée in Westafrika, eine von Unruhen geplagte Insel, die von einem skrupellosen Diktator regiert wird – und gerät dort bald zwischen die Fronten.

Die actionreiche Fortsetzung zu Robert Ludlums Der Janson-Befehl.

Die Autoren

Robert Ludlum erreichte mit seinen Romanen, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden, weltweit eine Auflage von über 280 Millionen Exemplaren. Robert Ludlum verstarb im März 2001. Die Romane aus seinem Nachlass erscheinen bei Heyne. Ein ausführliches Werkverzeichnis finden Sie am Ende des Buches.

Paul Garrison wurde in New York geboren und lebt in Connecticut. Zum Schreiben inspirierten ihn die Seefahrergeschichten seines Großvaters. Er ist der Autor zahlreicher erfolgreicher Thriller.

Robert Ludlum

Paul Garrison

Das Janson-Kommando

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Norbert Jakober

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Die Originalausgabe THE JANSON COMMAND
erschien 2012 bei Grand Central Publishing, New York
Copyright © 2012 by Myn Pyn, LLC
Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Alexandra Klepper
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,
unter Verwendung eines Motivs von © Thinkstock
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-08669-5
V003
www.heyne.de

Für Amber Edwards

Bob hat Schönheit, harte Arbeit, Liebe und Talent geschätzt.

Er hätte dich großartig gefunden.

Prolog

DIE RETTUNG

Vor drei Jahren

41°13' N, 111°57' W

Ogden, Utah

»Ogden ist eine tolle Stadt, wenn man Wandern, Mountainbiken und Skifahren mag.« Doug Case umfasste die ramponierten Armlehnen seines Secondhand-Rollstuhls und tat so, als wären es Skistöcke. »Und genau dafür bin ich hergekommen, wenn das deine Frage beantwortet. Wie hast du mich überhaupt gefunden? Ich hab meinen Namen aus dem Veteran-Affairs-System gelöscht.«

»Wenn alles den Bach runtergeht, zieht es einen für gewöhnlich nach Hause zurück«, sagte Paul Janson.

»In den warmen Schoß der Familie? Sicher nicht. Ich brauch niemanden.«

»Das seh ich.«

Cases Zuhause war die Mündung eines verlassenen Eisenbahntunnels, mit Blick auf einen von Abfall übersäten leeren Platz, ein abgebranntes Kentucky-Fried-Chicken-Restaurant und die schneebedeckten Wasatch Mountains. Er saß gebeugt in seinem Rollstuhl, einen zerschlissenen Rucksack auf dem Schoß, die strähnigen Haare schulterlang, Bartstoppeln im Gesicht. Sein stumpfer Blick sprang gelegentlich zu vier muskulösen Jugendlichen hinüber, die sie von ihrem vor dem Restaurant abgestellten Honda aus nicht aus den Augen ließen.

Paul Janson saß auf einem umgedrehten Einkaufswagen. Er trug leichte Einsatzstiefel, Wollhose, Pullover und eine weite schwarze Skijacke.

»Los, erschieß mich, dann haben wir’s hinter uns«, sagte Case. »Ich mag keine Spielchen mehr.«

»Ich will dich nicht umbringen.«

»Tu’s einfach! Keine Sorge, ich wehre mich nicht.« Er schob den Rucksack auf seinem Schoß zurecht.

»Du glaubst, ich arbeite noch für Consular Operations.«

»Niemand verlässt Cons Ops.«

»Wir haben eine Vereinbarung. Ich hab mich selbstständig gemacht, als Sicherheitsberater für Unternehmen. Cons Ops ruft mich hin und wieder an. Manchmal ruf ich zurück.«

»Du warst noch nie jemand, der einfach abhaut und alles hinter sich lässt.« Case klang skeptisch. »Arbeitest du allein?«

»Ich hab jemanden, der mir hilft, wenn ich mal einen Scharfschützen brauche.«

»Gut?«

»Hab noch nie einen besseren gesehen.«

»Woher?« Case war nun doch neugierig, welches Ass Janson angeheuert hatte.

»Aus der hiesigen Talentschmiede«, war alles, was Janson preisgab.

»Warum bist du nicht bei Cons Ops geblieben?«

»Mir ist irgendwann klargeworden, dass ich zu oft aus den falschen Gründen getötet habe.«

Case lachte. »Herrgott, Paul! Das State Department kann’s doch den verdeckten Einsatzkräften nicht selbst überlassen, wen sie töten. Wenn du jemanden umbringen musst, um einen Auftrag zu erledigen, dann tust du’s. Darum nennt man’s ja sanktioniertes Töten.«

»Sanktionierte Serienmorde würde es besser treffen. In meinen schlaflosen Nächten hab ich sie oft gezählt. Die berechtigten Fälle und die nicht berechtigten.«

»Wie viele insgesamt?«

»Sechsundvierzig.«

»Das ist ja ein Ding! Meine Bilanz ist höher.«

»Sechsundvierzig bestätigte Fälle«, versetzte Janson gereizt.

Case lächelte. »Ich seh schon, dein Testosteron hat sein Ablaufdatum noch nicht überschritten.« Er musterte Janson von oben bis unten. Der Hundesohn war kaum gealtert. Man hätte ihn für Mitte dreißig oder Anfang vierzig halten können mit seinem kurz geschnittenen eisengrauen Haar. Dabei wirkte er immer noch genauso unscheinbar wie früher. Nur ein anderer erstklassiger Profi hätte an seinen Schultern und seinen wachsamen Augen erkannt, wen er vor sich hatte, doch dann war es vielleicht schon zu spät.

»Wir kriegen Gesellschaft«, bemerkte Janson.

Die vier jungen Kerle aus dem Honda hatten sich in Bewegung gesetzt und kamen direkt auf sie zu.

»So ahnungslos, die Jungs«, seufzte Case. Er ließ die vier bis auf zehn Meter herankommen, dann sagte er: »Gentlemen, ich geb euch eine Gratislektion in Sachen Überleben: Lasst euch nie auf den falschen Kampf ein. Setzt euch ins Auto und verschwindet.«

Drei der vier bliesen sich mächtig auf. Doch der Anführer, der Kleinste von ihnen, betrachtete Case und Janson mit Respekt in den Augen. »Wir hauen ab.«

»Der Typ sitzt in einem verdammten Rollstuhl!«

Der Anführer schlug dem Aufmüpfigen hart aufs Ohr und scheuchte seine Kumpel zurück.

»Hey, Junge!«, rief ihm Case nach. »Du hättest das Zeug für die Army. Dort lernst du, was draus zu machen.« Er sah Janson lächelnd an. »Du hast doch was übrig für junge Talente, oder?«

»Stimmt.« Janson erhob seine befehlsgewohnte Stimme: »Komm her!« Der Junge machte kehrt und näherte sich leichtfüßig, aber argwöhnisch. Janson gab ihm eine Businesskarte. »Geh zur Army. Ruf mich an, wenn du Buck Sergeant bist.«

»Was ist das?«

»Ein großer Schritt auf dem Weg nach oben.«

Janson wartete, bis der Honda mit quietschenden Reifen davonbrauste. »Das erinnert mich an etwas. Die Ideale, an die ich mal geglaubt habe und mit denen ich heute nichts mehr anfangen kann.«

»Dir täte es wahrscheinlich gut, wenn dein Gedächtnis ein bisschen nachlassen würde.«

»Das kann man sich leider nicht aussuchen.«

Case lachte. »Erinnerst du dich an den Typ, der wirklich ’nen totalen Gedächtnisverlust hatte? In seinem Frust hat er Leute verprügelt, dabei wusste er nicht mal mehr, wo er zu kämpfen gelernt hatte. Wie hieß er doch gleich? … Hab seinen Namen vergessen. Er übrigens auch. Bei dir ist es das genaue Gegenteil: Du erinnerst dich an jede Kleinigkeit. Okay, Paul, wenn du nicht hier bist, um mich umzulegen, was suchst du dann in diesem verdammten Kaff?«

»Es hat wenig Sinn, sich einzugestehen, was man getan hat, wenn man nicht versucht, es irgendwie besser zu machen.«

»Was meinst du damit? So was wie ein anonymer Alkoholiker, der sich bei allen entschuldigt, zu denen er fies war?«

»Ich kann nicht ungeschehen machen, was ich getan hab, aber ich kann’s beim nächsten Mal anders machen.«

»Warum holst du dir nicht eine Absolution vom Papst?«

Der Sarkasmus prallte an Janson ab. »Wenn du dein scharfes Auge für die Umgebung, das wir trainiert haben, nach innen richtest, ist das kein erfreulicher Anblick.«

»Saulus wird auf dem Weg nach Damaskus bekehrt und wird zu Paulus. Aber du heißt ja schon Paul. Deinen Namen brauchst du nicht mehr zu ändern, also was dann? Die Welt?«

»Ich möchte jedem Agenten helfen, der sich mit seinen verdeckten Einsätzen das Leben ruiniert hat. Leuten wie dir und mir.«

»Lass mich aus dem Spiel.«

»Kann ich nicht.«

»Was soll das heißen?«

»Du bist mein erstes Projekt.«

»Eine Million Amerikaner haben Zugang zu streng geheimen Informationen. Wenn einer von hundert undercover arbeitet, dann ergibt das zehntausend Geheimagenten, die du retten kannst. Warum gerade mich?«

»Manche sagen, du warst der Schlimmste.«

»Früher haben sie gesagt, ich bin der Beste«, erwiderte Case mit einem bitteren Lächeln.

»Tatsache ist, wir waren die Schlimmsten.«

»Mich braucht keiner zu retten.«

»Du hast kein Dach überm Kopf. Der Winter kommt. Du bist abhängig von Percocet, doch die Ärzte geben dir nichts mehr. Du kriegst es noch diesen Monat, danach musst du’s dir anderweitig beschaffen.«

»Auf Paul Jansons Nachforschungen ist wie immer Verlass.«

»Spätestens am Valentinstag bist du tot.«

»Deine analytischen Fähigkeiten sind genauso unbestritten.«

»Du brauchst Hilfe.«

»Ich will aber keine. Hau ab. Lass mich in Ruhe.«

»An meinem Van ist ’ne Rampe.«

Doug Cases blasse Wangen mit den grauen Bartstoppeln färbten sich rot vor Zorn. »An deinem Van ist ’ne Rampe? Hast du vielleicht auch ein paar Bewaffnete, die dir helfen, mich über deine verdammte Rampe in den Wagen zu bekommen?«

Ein unsicheres Lächeln trat auf Jansons Lippen. Zum ersten Mal, seit er Doug Case in der Mündung des Eisenbahntunnels aufgesucht hatte, wusste er nicht recht, was er sagen oder tun sollte. Der Mann, den sie »die Maschine« genannt hatten, wirkte plötzlich verwundbar, und Doug Case ließ nicht locker.

»Du hast deinen Coup wohl nicht gut genug vorbereitet, Kumpel. Keine Einsatztruppe im Van. Kein Notfallplan. Das sieht mir ziemlich notdürftig und spontan aus. Du hättest es so sorgfältig planen sollen wie deine Jobs für Cons Ops. Du hast doch selbst genug zu tun mit deinem Weg der Besserung. Warum willst du mich da auch noch geradebiegen?«

»Mehr als das. Wir sorgen dafür, dass du ganz von vorn anfängst. Ein neues Leben.«

»Ein neues Leben? Willst du mich zuerst vom Perc runterbringen, damit die Seelenklempner anschließend meinen Kopf reparieren können? Und wenn die Ärzte fertig sind, verschaffst du mir eine Karriere, in der meine tollen Talente zur Geltung kommen? Geh zum Teufel!«

»Du sollst einfach wieder du selbst sein.«

»Vielleicht findest du auch noch ein Mädchen für mich?«

»Wenn du’s willst, wirst du selbst eins finden.«

»Herrgott, Paul, du bist genauso kaputt wie ich. Was stellst du dir denn vor, wer deine ganzen Fantasien bezahlen soll?«

»Bei meinem letzten Job hat jemand einen Haufen Geld auf eins meiner Auslandskonten überwiesen, damit es so aussieht, als wär ich zum Verräter geworden. Dieser Jemand lebt nicht mehr. Das Geld ist also kein Problem.«

»Falls du’s jemals schaffst, irgendeinen armen Narren für deine Hirngespinste zu gewinnen, brauchst du mehr als nur Geld. Du bräuchtest Hilfe. Ein ganzes Team. Verdammt, eine ganze Firma, die sich um alles kümmert.«

Erneut wirkte Janson unsicher. »Ich weiß nicht recht. Von Firmen hab ich irgendwie genug. Von Institutionen überhaupt. Ich werd misstrauisch, sobald mehr als zwei Leute zusammenkommen.«

»Armer Paul. Willst die Welt verbessern, indem du den schlimmsten Kerl rettest, den du kennst, und das ganz allein. Wie nennst du dein Projekt? Das ›Paul Janson Institut zum Aus-der-Scheiße-Ziehen ehemaliger Feldagenten‹? Oder besser: die ›Phönix-Stiftung‹?«

Janson stand auf. »Gehen wir, mein Freund.«

»Ich geh nirgendwohin. Und dein Freund bin ich auch nicht.«

»Mag sein. Aber wir haben immerhin zusammengearbeitet, und ich könnte heute genauso hier sitzen, also sind wir Brüder.«

»Brüder? Sag mal, kneift dein Heiligenschein eigentlich sehr?« Doug Case schüttelte den Kopf, kratzte sich unter der Achsel und schlug seine schmutzigen Hände vors Gesicht. Nach einer Weile ließ er die linke Hand sinken und sprach durch die Finger der rechten. »Sie haben dich ›die Maschine‹ genannt. Weißt du noch? Manche von uns haben sie ›Tier‹ genannt, manche ›Maschine‹. Die Maschine ist normalerweise dem Tier überlegen. Aber nicht immer.«

In einer einzigen fließenden Bewegung – zehntausendmal trainiert – schnellte Cases linke Hand aus dem Rucksack hoch, den Lauf einer 9-mm-Glock zwischen Daumen und Zeigefinger haltend. Seine rechte Hand schloss sich um den Pistolengriff, der Zeigefinger legte sich um den Abzug, und die linke Hand zog blitzschnell den Schlitten zurück, um eine Kugel in die Kammer zu laden.

Janson kickte ihm die Pistole aus der Hand.

»Scheiße!«

Doug Case rieb sich das Handgelenk. Jansons Stiefel hatte ihn hart getroffen. Er hätte sich an den alten Spruch erinnern sollen, der innerhalb von Cons Ops kursierte: schnell, schneller, Janson.

Janson hob die Waffe auf. Er grinste von einem Ohr zum anderen, nunmehr überzeugt, dass der Mann kein hoffnungsloser Fall war. »Ich sehe, du bist noch nicht total im Arsch.«

»Wie kommst du darauf?«

Janson tippte auf die Glock. »Du hast auf dem Ding ein Ringvisier montiert.«

Er zog das Magazin heraus und steckte es ein, nahm die Patrone aus der Kammer, schnappte sich den Rucksack von Cases Schoß, zog zwei Ersatzmagazine aus einer Seitentasche und ein drittes aus Cases Hosenbund, ehe er ihm die leere Pistole zurückgab.

»Wann krieg ich den Rest?«

»Wenn du den Weg zurück geschafft hast.«

Erster Teil

GIGANTISCHE ERDÖLVORKOMMEN

Heute

1°19' N, 7°43' O

Golf von Guinea, 260 Meilen südlich von Nigeria, 180 Meilen westlich von Gabun

1

»Du kennst die Regel: Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas.« Janet Hatfields Stimme klang ruhig und fest in der Stille des verdunkelten Ruderhauses. Sie war Kapitänin der Amber Dawn, eines Offshore-Serviceschiffs, das in der dunklen Nacht durch die schwere See des Golfs von Guinea rollte und stampfte. »Und was du auf der Amber Dawn gesehen hast, bleibt auch auf der Amber Dawn.«

»Das hast du mir schon erklärt, als wir in Nigeria ausgelaufen sind.«

»Ich mein’s ernst, Terry. Wenn die Firma erfährt, dass ich dich an Bord geschmuggelt hab, feuern sie meinen Arsch.«

»So einen hübschen Arsch feuert man doch nicht.« Terrence Flannigan, der als Firmenarzt und Frauenheld um die Welt reiste, hob die rechte Hand zum Schwur und schaute Janet Hatfield mit einem verschlafenen Lächeln an. »Okay, ich schwör’s noch mal. Die Geheimnisse der Amber Dawn sind bei mir sicher, kein Wort über Erdöl oder Erkundungsbohrungen. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich irgendwas ausplaudere.«

Kapitänin Hatfield, eine athletisch gebaute fünfunddreißigjährige Blondine, wandte ihm den Rücken zu und studierte leicht beunruhigt den Radarschirm. Seit ein paar Minuten tauchte immer wieder ein undefinierbares Echo auf, um gleich wieder zu verschwinden. Der Lichtpunkt war zu schwach für ein Schiff, doch hell genug, um Janets Aufmerksamkeit zu erregen. Das Radar war durchaus zuverlässig, ein neues Furuno-Modell. Doch sie trug immerhin die Verantwortung für zwölf Menschenleben: fünf philippinische Besatzungsmitglieder, sechs amerikanische Erdölspezialisten und einen blinden Passagier. Dreizehn, wenn sie sich mitzählte, was sie eher nicht tat.

War es vielleicht nur ein Stück Müll oder ein Ölfass, das da auf dem Wasser tanzte, manchmal obenauf, manchmal zwischen den Wellen verborgen? Oder doch etwas Größeres, vielleicht ein halb versunkenes Wrack, gegen das man besser nicht mit fünfzehn Knoten krachte?

Erneut leuchtete es auf, nun etwas näher, so als würde es nicht bloß dahintreiben, sondern sich auf sie zubewegen. Sie drehte an den Einstellungen für Entfernung und Auflösung. Außer ein paar großen Öltankern etwa zwanzig Meilen westlich war weit und breit nichts zu sehen. Ganz oben hatte sie den knapp zweitausend Meter hohen Vulkan Pico Clarence auf der Île de Forée im Bild, das Ziel ihrer Reise.

Sie warf einen Blick auf die anderen Instrumente. Kompass, Autopilot und die Anzeigen für die Dieselgeneratoren, welche die zwei 3000-PS-Elektromotoren antrieben, lieferten normale Werte. Sie spähte durch die nachtschwarzen Fenster der Brücke. Schließlich griff sie sich ein Nachtsichtgerät, drückte die schwere, wasserdichte Tür mit der Schulter auf und trat auf die Brückennock hinaus in die feuchte tropische Hitze und den ohrenbetäubenden Lärm der Generatoren.

Der Dieselrauch wurde vom Südwestmonsun verweht. Die schwere See hob das Heck des Bootes empor und tauchte den Bug fast bis zum Vorderdeck ins Wasser. Die feuchte Hitze trieb ihr binnen Sekunden den Schweiß aus den Poren.

Ihr Nachtsichtgerät war ein achtzehnhundert Dollar teures Geburtstagsgeschenk, das sie sich selbst gemacht hatte, um kleine Boote und andere Hindernisse rechtzeitig erkennen zu können. Es lieferte zwar keine Vergrößerung, durchdrang die Dunkelheit jedoch wunderbar. Sie suchte die See ab, doch nichts als Schaumkronen auf der dunklen Meeresoberfläche. Wahrscheinlich doch nur ein Fass. Sie kehrte in das angenehm klimatisierte Innere zurück. Der rote Lichtschein der Instrumente spiegelte sich in Flannigans aufforderndem Lächeln.

»Das kannst du vergessen«, ermahnte sie ihn.

»Ich will dir doch nur meine Dankbarkeit zeigen.«

»In vier Stunden kannst du das bei den Damen in den Massagesalons von Porto Clarence erledigen.«

Inzwischen hatten vor allem osteuropäische und chinesische Kreuzfahrtschiffe die Hauptstadt der Insel für sich entdeckt. Die Armut des Landes, ein Diktator, der dringend auf ausländisches Geld angewiesen war, und die legendäre Schönheit der Einwohner mit ihren westafrikanischen und portugiesischen Wurzeln ließen den Sextourismus in der alten kolonialen Hafenstadt boomen.

Terry schritt im Ruderhaus auf und ab. »Ich bin schon länger als Arzt unterwegs und weiß, wann es besser ist, den Schnabel zu halten. Aber eine solche Geheimniskrämerei wie auf dieser Fahrt hab ich noch nie erlebt.«

»Lass das Gerede.«

»Ihr habt die ganze Woche Hydrophone und Airguns hinter euch hergezogen. Wann wurde dein Kahn das letzte Mal zu einer solchen Erkundungsmission eingesetzt?«

»Letzten Monat.« Janet Hatfield ärgerte sich über sich selbst, kaum dass sie es verraten hatte.

Terry lachte. »Der Fluch des Käpt’ns. Du liebst dein Schiff einfach zu sehr, um ein Geheimnis für dich zu behalten. Dann ist es also nicht das erste Mal? Hör mal, das ist doch kein Ölsuchschiff. Was geht da vor sich?«

»Vergiss, was ich grade gesagt hab. Okay, es ist ein bisschen ungewöhnlich, na und? Wenn mich die Firma mal zur Vizepräsidentin ernennt, werd ich fragen, was wir hier genau gemacht haben. Aber bis dahin konzentriere ich mich nur auf mein Schiff. Und jetzt halt den Mund. Herrgott, ich hätte dich in Nigeria lassen sollen.«

»Dann wär ich jetzt tot.«

»Da hast du recht.« Es war extrem gefährlich heutzutage im Niger-Delta. Immer wieder wurden Bohrarbeiter von irgendwelchen Milizen verschleppt, betrunkene Soldaten feuerten auf ihre eigenen Checkpoints, und Fanatiker trieben im Namen von Jesus und Mohammed ihr Unwesen. Doch der Arzt und passionierte Frauenheld Terry Flannigan wäre um ein Haar auf die altmodische Weise ums Leben gekommen: durch einen eifersüchtigen Ehemann mit einer Machete – einen reichen Stammesführer mit ausreichenden politischen Verbindungen, um ungestraft jemanden in Stücke hacken zu können, der sich an seiner Frau vergriffen hatte.

»Janet, warum ist aus uns eigentlich nichts geworden?«, fragte Terry mit einem sehnsuchtsvollen Lächeln.

»Unsere Beziehung ist an ihrem fehlenden Gewicht zerbrochen.«

Er war ein besserer Freund als Geliebter. Für eine Beziehung war er einfach zu flatterhaft und unzuverlässig. Dafür war Terry Flannigan ein umso treuerer Freund, der für einen Kumpel das letzte Hemd hergab. Und deshalb hatte Janet Hatfield auch nicht gezögert, ihn an Bord zu nehmen, bevor ihn der wütende Ehemann umbringen konnte. Seit zehn Tagen hielt sie ihn vor der Mannschaft versteckt und gewährte ihm nur Freigang, wenn sie selbst die Wache innehatte.

Die Brücke und ihre Kabine befanden sich ganz oben im Deckshaus. Darunter lagen die Mannschaftskajüten, Messe und Kombüse sowie der Aufenthaltsraum, den die Petrologen zu ihrer Computer- und Kommunikationszentrale umfunktioniert hatten. Die Wissenschaftler ließen niemanden von der Mannschaft herein; sie hatten darauf bestanden, dass sogar Kapitänin Hatfield erst um Erlaubnis fragen musste, wenn sie die Sperrzone betreten wollte. Janet hatte geantwortet, sie werde sich ohnehin von dem Raum fernhalten, außer im Brandfall, und dann würde sie sicher nicht vorher anklopfen.

»Weißt du, was die Petrologen hier machen?«

Terry blickte durch das Fenster auf das dreißig Meter lange Frachtdeck hinaus, das heute leer war, bis auf die Winsch, den Deckskran und die Ankerwinden.

»Geh weg von den Fenstern, bevor sie dich noch sehen.«

»Sie werfen irgendwas über Bord.«

»Was die tun, ist ihre Sache.«

»Einer kriecht mit einer Taschenlampe rum … Jetzt hat er etwas ins Wasser fallen lassen.«

»Was werfen sie denn über Bord?«, fragte sie, nun doch neugierig.

»Computer.«

Unter Deck zogen freudestrahlende Petrologen ihre schweißnassen Hemden aus und vollführten Freudentänze in dem nun leeren Computerraum. Zehn Tage hatten sie rund um die Uhr gearbeitet, auf einem Schiff, das den Besitz von Alkohol oder Drogen unter strengste Strafen stellte: Schon eine Flasche Bier hätte ausgereicht, um nie wieder im Ölgeschäft arbeiten zu dürfen. Nun fuhren sie einer wohlverdienten Party in den Bordellen von Porto Clarence entgegen, nachdem sie mit Hilfe von 3-D-Seismik die interessantesten Messwerte erhalten und ausgewertet hatten, die es gegenwärtig auf dem Planeten gab.

Die Datenerfassung war abgeschlossen und das seismische Modell für den Klienten entwickelt. Die Ölvorkommen überstiegen alle Erwartungen. Der Klient hatte den Erhalt des verschlüsselten Materials bestätigt und ihnen die Anweisung gegeben, alle Computer ins Meer zu werfen. Jeden Laptop, jeden PC, sogar die fünfzigtausend Dollar teure Workstation zur seismischen Modellierung, die sie zu zweit hatten über Bord hieven müssen. Auch die Monitore mussten weg, damit niemand fragte, wozu sie gedient hatten, ebenso die Hydrophone und Airguns sowie der Satellitensender.

In wenigen Stunden würden die Petrologen die Entdeckung eines gigantischen Ölvorkommens feiern: viele Milliarden Barrel Erdöl und viele Billionen Kubikmeter Erdgas, die Île de Forée zu einem westafrikanischen Saudi-Arabien machen würden.

»Hey, Janet. Wie viele Dinosaurier mussten eigentlich für so eine Erdöllagerstätte sterben?«

»Algen. Nicht Dinosaurier.«

Terry Flannigan blickte in die Dunkelheit hinaus. Bei dem großen Geheimnis konnte es sich eigentlich nur um Erdöl handeln. Das Meer war zwar hier einige Kilometer tief, doch erdgeschichtlich betrachtet stellte der Meeresgrund die Fortsetzung der afrikanischen Küste dar. Über Hunderttausende Jahre hinweg hatte der Niger-Fluss Sedimente in den Atlantischen Ozean transportiert. Gleichzeitig wurden abgestorbene Meeresorganismen auf dem Grund abgelagert und von immer neuem Material überdeckt. In diesen Sedimentschichten kamen unter hohem Druck und hoher Temperatur jene Prozesse in Gang, die zur Entstehung von Erdöl führten.

»Und was ist aus den Dinosauriern entstanden? Kohle?«

»Kohle ist aus Bäumen entstanden«, antwortete Janet Hatfield geistesabwesend, die Augen auf den Radarschirm gerichtet. Sie schaltete die starken Anlegelichter ein. Augenblicklich wurde die Meeresoberfläche im Umkreis von hundert Metern um das Offshore-Serviceschiff erhellt. »Oh, Scheiße!«

»Was ist?«

Ein gut fünf Meter langes Festrumpfschlauchboot mit einem starken Mercury-Außenbordmotor tauchte aus der Dunkelheit auf, gespickt mit Sturmgewehren und Raketenwerfern. Janet Hartfield reagierte blitzschnell, übernahm das Steuer und setzte den Autopiloten außer Kraft. Das Schlauchboot hatte Mühe in der schweren See. Vielleicht konnte sie die Kerle abhängen. Sie änderte den Kurs, rammte den Fahrthebel ganz nach vorn und riss das Funkmikrofon von der Decke.

»Mayday, Mayday. Hier ist die Amber Dawn, Amber Dawn. Ein Grad, neunzehn Minuten Nord, sieben Grad, dreiundvierzig Minuten Ost.«

»Ein Grad, neunzehn Minuten Nord. Sieben, dreiundvierzig Ost. Ein Grad, neunzehn Minuten Nord«, wiederholte sie ihre Position, »sieben Grad, dreiundvierzig Minuten Ost.« Sie konnte keine Hilfe erwarten, wenn man sie nicht fand.

»Piratenangriff auf Amber Dawn. Piratenangriff auf Amber Dawn. Ein Grad, neunzehn Minuten Nord. Sieben Grad, dreiundvierzig Minuten Ost.«

Es gab keine Garantie, dass es irgendjemand hörte. Doch der 406-MHz-EPIRB-Seenotrettungssender draußen auf der Brückennock würde ihre Position weiter durchgeben, auch wenn sie sinken sollten. Sie eilte hinaus, um ihn einzuschalten.

Das Schlauchboot war bereits so nah, dass sie acht Soldaten in Tarnanzügen erkennen konnte. »Dschungeltarnanzüge auf einem Boot?«

Sie müssen von der Île de Forée kommen, dachte sie. Jede andere Küste wäre für das kleine Boot außer Reichweite gewesen. Wenn es keine Regierungstruppen waren, dann musste es sich entweder um Piraten oder um Kämpfer der aufständischen Milizen handeln. Aber was wollten sie? Das einzig Wertvolle auf einem Offshore-Hilfsschiff war die Mannschaft. Es kam immer wieder vor, dass Geiseln genommen und Lösegeld gefordert wurde. Das hieße, sie würden ihre Leute nicht töten. Zumindest nicht sofort.

Mündungsfeuer erleuchtete das Schlauchboot wie einen Christbaum, und die Fenster der Amber Dawn zersplitterten. Janet Hatfield spürte einen jähen Schmerz im Bauch. Es riss ihr die Beine weg, und sie fiel in Terrys Arme. Fast hätte sie gelacht und gesagt: »Du gibst nicht auf, was?«, doch die Angst ließ sie verstummen.

Ein Ladenetz mit Enterhaken wurde auf die Amber Dawn geworfen, wo es sich auf dem Deck verkeilte. Sieben FFM-Rebellen kletterten mit ihren Sturmgewehren an Bord. Nur ein Mann blieb mit den Raketenwerfern im Schlauchboot. Die schlanken, athletischen Kämpfer mit harten Gesichtern von der typischen Milchkaffeefarbe der Einwohner der Île de Forée nahmen ihre Befehle von einem breitschultrigen südafrikanischen Söldner namens Hadrian van Pelt entgegen.

Van Pelt warf einen Blick auf die Mannschaftsliste der Amber Dawn.

Er schickte zwei Mann zum Maschinenraum. Die Feuerstöße von automatischen Gewehren hallten von unten herauf, und die Generatoren verstummten, bis auf einen, der die Lichter mit Strom versorgte. Die Männer blieben unten und öffneten die Seeventile. Meerwasser strömte herein.

Zwei andere traten die Tür zu dem behelfsmäßigen Computerraum auf. Van Pelt folgte ihnen mit der Liste der Crew. »Alle an die Wand!«

Die Petrologen, die eben noch ihre Hemden ausgezogen und gefeiert hatten, stellten sich zu Tode erschrocken an die Wand und tauschten ungläubige Blicke aus.

Van Pelt zählte sie ab. »Fünf!«, rief er. »Wer fehlt?«

Die Augen der Wissenschaftler sprangen zu einem Wandschrank. Van Pelt nickte einem seiner Männer zu, der die Schranktür mit einem kurzen Feuerstoß zerfetzte. Die Leiche des versteckten Mannes fiel heraus. Van Pelt nickte erneut, und seine Männer exekutierten auch die anderen.

Gewehrschüsse aus den Quartieren über ihnen kündeten vom Ende der philippinischen Schiffsmannschaft. Elf waren erledigt. Blieb nur noch die Kapitänin. Van Pelt zog seine Pistole und stieg die Treppe zur Brücke hinauf. Die Stahltür war verschlossen. Er gab einem Soldaten ein Signal, der sogleich mit einem Klebeband eine Ladung Plastiksprengstoff an der Tür anbrachte. Sie gingen auf der Treppe in Deckung und hielten sich die Ohren zu. Der Sprengsatz riss die Tür mit einem lauten Knall auf, und van Pelt stürmte hinein.

Zur Überraschung des Söldners war die Kapitänin nicht allein. Sie lag am Boden, eine hübsche Blondine mit blutdurchtränkter Hose und Bluse. Ein Mann kniete bei ihr und kümmerte sich ruhig und entschlossen um sie; er verfügte als Arzt offenbar über einige Felderfahrung.

Van Pelt hob seine Pistole. »Sind Sie Arzt?«

Terry Flannigan hielt den Tod in seinen Händen, und als er von Janets blutenden Wunden aufblickte, blickte er dem Tod ins Gesicht.

»Was für ein Arzt?«, fragte der Bewaffnete.

»Unfallchirurg, du Arschloch. Wonach sieht’s denn aus?«

»Komm mit.«

»Ich kann sie nicht allein lassen. Sie liegt im Sterben.«

Van Pelt trat näher und schoss Janet Hatfield in den Kopf. »Nicht mehr. Steig ins Boot.«