Spex
Das Buch
33 1/3 Jahre Pop
ISBN 978-3-8493-0034-0
Metrolit Digital,
veröffentlicht bei Metrolit, Berlin, März 2013
© Metrolit GmbH & Co. KG, Berlin
Die Originalausgabe erschien 2013 bei Metrolit GmbH & Co. KG
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Eines von mehreren möglichen Vorworten (Max Dax)
Joy Division (Peter Bömmels—9/1980)
Rock’n’Roll, Punk, New Wave, Spex, Ska – alles klar? (Gerald Hündgen—10/1980)
Welcome to Throbbing Gristle (Wilfried Rütten—12/1980)
Menschen und Maschinen im Neonlicht (Joachim Ody—07-08/1981)
1 Jahr Spex (Clara Drechsler—9/1981)
Beuys keep swinging (Gottfried Tollmann—09/1982)
Zeitgenosse Malaria! (Peter Bömmels—11/1982)
Böse Menschen haben keine Lieder (Gerald Hündgen, Clara Drechsler—1/1983)
Simple Minds (Gerald Hündgen—2/1983)
Madonna (Lothar Gorris—11/1983)
Northern Soul (Clara Drechsler, Gerald Hündgen—9/1984)
Neue Massen (Rainald Goetz—11/1984)
Duran Duran (Diedrich Diederichsen—2/1985)
Gerüste bauen (Clara Drechsler—11/1985)
Der politische Fernsehapparat (Joachim Lottmann—5/1986)
Kämpft für Boy George (»Kommando Oscar Wilde«—8/1986)
Busby Berkeley, Dirks Kumpel oder ein Pirol? (Dirk Scheuring, Clara Drechsler, »Kommando Marvin Gaye«—10/1986)
Das Tourtagebuch (Tobias Levin/Cpt. Kirk &—2/1987)
Beastie Boys (Lothar Gorris—5/1987)
Guns’n’Roses (Jutta Koether—11/1987)
Winzige Einheiten reinsten Klangs (Clara Drechsler—3/1988)
The Fall (Michael Ruff—5/1988)
Techno – the new dance sound of Detroit (Ralf Niemczyk—8/1988)
SST (Jutta Koether, Diedrich Diederichsen—10/1988)
Was ist eigentlich … INDIE-Musik? (Mayo Thompson—3/1989)
Wenn die Sonne untergeht, werde ich optimistischer (Detlef Diederichsen—3/1989)
Die Erde (CV Liquidsky—9/1989)
Reise nach Freedom (Michael Ruff—2/1990)
Children of the RAVE’O’LUTION (Sebastian Zabel—10/1990)
AC/DC (Mark Sikora—1/1991)
Dialog mit dem leeren Blatt (Mike McGonigal—5/1991)
My Bloody Valentine (Detlef Diedrichsen—3/1992)
Eurotika (Tom Holert—1/1993)
Aphex Twin (Sascha Kösch—3/1993)
Spiel oder stirb! (Christoph Gurk—12/1993)
Sind wir P.C.? (Manfred Hermes—1/1994)
Kurt Cobain – Der erste MTV-Tote (Diedrich Diederichsen, Kerstin und Sandra Grether, Christoph Gurk, Jörg Heiser, Mark Terkessidis—6/1994)
Kunststaat (Katja Diefenbach—10/1994)
Blur (Mark Terkessidis—9/1995)
Oasis (Sandra Grether—9/1995)
Pulp (Kerstin Grether—10/1995)
Beck (Tom Holert—6/1996)
Songs of a dead dream (Christoph Gurk—12/1996)
Hören, wiederhören, zitieren (Diedrich Diederichsen—1/1997)
Daft Punk (Hans Nieswandt—2/1997)
Aderlass (Dietmar Dath—10/1997)
Massive Attack (Mark Terkessidis—4/1998)
Techno sprach Dub und ging Reggae (Olaf Karnik—8/1998)
Blumfeld, das denkende Herz (Barbara Kirchner—2/1999)
How deep is your LOVE? (Tobias Thomas—9/2000)
Yves Saint Laurent (Tobias Thomas—12/2001)
Neues aus der Zwischenwelt (Wiebke Anabess Kuhn—5/2002)
Weihnachten im Kuckucksnest (Eric Pfeil—8/2002)
Solaris (Joachim Ody—1-2/2003)
Zeichen der Zeit (Michael Kerkmann—8/2003)
Das Spiel lesen (Michael Kerkmann—6/2004)
Kolossale Jugend (Tobias Levin—11/2004)
New Order (Felix Bayer—3/2005)
Arcade Fire—Funeral (Uwe Viehmann—4/2005)
Das Weiße Hemd (Oliver Tepel—4/2005)
Lagos (Annett Busch—3/2006)
Grinderman (Max Dax—3-4/2007)
Unzerstörbar, dunkel, opak (Max Dax, Jan Kedves—3-4/2008)
150 Jahre Pop: Michael Jackson (Arto Lindsay—7-8/2008)
Zur Klage der Nation (Thomas Hübener—9-10/2008)
Antony and the Johnsons (Jens Balzer—1-2/2009)
Pet Shop Boys (Tobias Rapp, Martin Hossbach—3-4/2009)
Wie Standbilder aus einem Film der Nouvelle Vague (Klaus Theweleit—5-6/2009)
Die zwei von der Enterprise (Georg Seeßlen—9-10/2009)
Überwindung des Theaters (Max Dax—9-10/2010)
Hustler mit Fußnoten (Tobias Rapp—3-4/2011)
Maxïmo Park (Torsten Groß—7-8/2012)
Penny Martin (Anne Waak—11-12/2012)
Autorinnen und Autoren
Register
Als Peter Bömmels, Gerald Hündgen, Clara Drechsler, Dirk Scheuring, Christoph Pracht und Wilfried Rütten im September 1980 die erste Ausgabe der Spex in Köln veröffentlichten, geschah dies, so Bömmels im Rückblick, »als Akt der Selbstvergewisserung und der Manifestation von Gegenöffentlichkeit«. Die RAF, Stammheim und die bleierne Zeit waren noch keine abgeschlossene Vergangenheit, lagen gerade einmal wenige Monate zurück. Eine flächendeckende Anti-Atomkraft-Bewegung, der Widerstand gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Hausbesetzerszenen in vielen westdeutschen Großstädten zeigten täglich, welche Kräfte in der Opposition zum herrschenden Elend lagen. Die Grünen wurden am 13. Januar 1980 von Rudi Dutschke, Joseph Beuys, Petra Kelly, Joschka Fischer und noch einigen anderen mehr als Partei gegründet. Wichtiger als alles andere aber war: 1980 markierte die Jahrzehntwende nach Punk. Throbbing Gristle, die Fehlfarben und die Simple Minds waren die Bands der Stunde. Über diese Bands zu schreiben bedeutete Geheimwissen zu teilen und Trennlinien zu ziehen. Vor diesem Hintergrund ist Clara Drechslers Ausspruch zu verstehen: »Es gab nur zwei Lager: Wir selbst und die Doofen.«
Und wie im Falle Punk (und wie bei Techno und dem Siegeszug des Internets ein und zwei Jahrzehnte später), lag dem tatsächlichen Akt der Selbstvergewisserung des richtigen Geschmacks und der Manifestation einer die Welt durch das Brennglas Pop betrachtenden Gegenöffentlichkeit 1980 eine technische Umwälzung zugrunde: Drucken war bezahlbar geworden. Die Preise in den Bereichen Reprotechnik, Schriftsatz, Lithos und Offsetdruck begannen ähnlich zu purzeln wie nach der Jahrtausendwende im Bereich der Digital- und Computertechnik. Für die Sechserbande um Hündgen, Drechsler und Bömmels bedeutete dies, dass es keines großen Verlages mehr im Hintergrund bedurfte, um eine eigene Zeitschrift unters Volk zu bringen, sondern vor allem Engagement, Leidenschaft, Haltung – und überschaubares Geld. Die Formel für das Magazin im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit lautete: Wir behaupten die Welt. Eine Weltsicht, die nachts in langen Diskussionen am Tresen bei DJ-Sets Gerald Hündgens kalibriert wurde.
In ihrer Gründungsphase beschränkte sich die Spex, Selbstvergewisserung hin und Gegenkultur her, weitgehend auf die Berichterstattung über die neue Musik aus den USA, aus England und aus Deutschland. Joachim Ody, Autor der ersten Stunde und als einziger ununterbrochen dabei: »Anfangs war Spex ein Fanzine, und aus dieser Perspektive wurde auch geschrieben.« In Spex wurde nur peripher über die Grünen, die Umwälzungen in der Bundesrepublik oder das nahende Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts berichtet. Die Befreiung fand statt, indem man sich Schritt für Schritt von journalistischen Zwangsvorstellungen entfernte. Es war im Rückblick vor allem der Gestalter Christoph Pracht – Inhaber des Kölner Designbüros Creative Communications Christoph Pracht / CCCP –, der in den ersten zwei Jahren die Anmutung und Haptik der großformatigen Spex stärker prägte als ihre Autorinnen und Autoren. Inhaltlich war die Spex zu diesem Zeitpunkt ein an abseitigen Künstlermodellen und neuer Musik interessiertes, gleichwohl unbedingt subjektives Magazin, dessen Autoren sich selbst und ihre bevorzugten Punk-, NDW-, Industrial- und New-Wave-Bands abbildeten. Ein diskursiver Umgang mit Popmusik fand, wenn überhaupt, in den letzten Jahren der anderen, der weit etablierteren Musikzeitschrift, der Hamburger Sounds statt. Sounds existierte von 1966 bis 1983, und blickte auf die Siebziger als verlängertes Jahrzehnt des Schreibens über Freejazz und Prog Rock zurück. Mit dem Aufkommen von Punk und Neue Deutsche Welle erlebte Sounds eine zweite Blütezeit. Nicht zuletzt griff der heutige Labelbetreiber und Musikproduzent Alfred Hilsberg in Sounds mit seiner gleichnamigen Kolumne »Neue Deutsche Welle«, in der er vor allen anderen über Bands wie Palais Schaumburg oder Einstürzende Neubauten berichtete, in die Entwicklung der Musik aktiv ein. Dass aus der von Hilsberg ausgerufenen Neuen Deutschen Welle kurze Zeit später – durch einen dreisten Namensklau seitens der Industrie – die auch von der Spex verhasste NDW mutieren sollte, ist eine andere Geschichte.
1983 kaufte der Schweizer Verleger Jürgen Marquardt sowohl Sounds als auch ihr Konkurrenzblatt, den Musikexpress. Beide Magazine wurden zusammengelegt und erfuhren eine neue, kommerziellere Ausrichtung. Etliche der Autoren, die für Sounds gearbeitet hatten, unter ihnen Diedrich und Detlef Diederichsen, aber auch Andreas Banaski, Michael Ruff und Olaf Dante Marx, wechselten im Verlauf der anschließenden 24 Monate zur Spex nach Köln. Diedrich Diederichsen wurde 1985 auf Einladung Jutta Koethers Chefredakteur: »Er nahm den Job sofort an.« Sie selbst war bereits im Winter 1980/81 von Christoph Pracht bei der Spex angeworben worden, um der Begeisterung für die Umwälzungen in der Popkultur mit Hilfe einer noch zu erfindenden Sprache Ausdruck zu verleihen. Koether: »Die Entscheidung, bei der Spex anzufangen, war auch eine Entscheidung für eine soziale Gemeinschaft, das Reden über Musik und eine politische Haltung.« Und nicht nur für Jutta Koether spielte eine Rolle, dass mit Spex erstmals in der deutschen Medienlandschaft die Berührungspunkte von Bildender Kunst und Musik erforscht werden konnten, Musik nicht als isolierte Entität, sondern als Teil eines größeren Kraftfelds begriffen wurde.
Spätestens mit dem Ende von Sounds und dem Exodus ihrer richtungsweisenden Autoren in Richtung Köln wurde deutlich, dass sich Selbstvergewisserung und Gegenöffentlichkeit in Spex vor allem als popkulturelle Alternativen definierten. Zunehmend wurde an Erzählperspektiven gefeilt, die man heute unter dem Begriff Poptheorie verhandelt. Die Sprache, in der über Musik und Kunst, Film und Literatur (und alle denkbaren Satelliten – von Fußball bis Fernsehen) bis dato in Deutschland geschrieben worden war, wurde von den Autorinnen und Autoren der Spex als unpassend und veraltet entlarvt. Da draußen, in den Feuilletons, gab es einerseits eine kunsthistorisch verquaste, elitäre Sprache, in der von Bayreuth bis zum neuen Wenders die sogenannte Hochkultur debattiert wurde – während andererseit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bis zum Sendeschluss eine uninformierte, affirmative Jugendsprache gepflegt wurde, die Klischees nicht hinterfragte, sondern in ihnen badete, sobald es um Pop ging. Wer sich über spannende Musik informieren wollte, hörte das deutsche Nachtradio — oder las Spex.
Denn eine Qualität der Reflexion und des Diskurses kam erst mit der Spex in den deutschsprachigen Journalismus und somit in die deutsche Sprache. Man kann es nicht deutlich und nicht laut genug formulieren: Jutta Koether, Clara Drechsler und Diedrich Diederichsen, Olaf Dante Marx, Michael Ruff und Andreas Banaski, Dirk Scheuring und all die anderen, die vom nächtlichen, noch brennenden Licht der Spex-Redaktion in der Severinsmühlengasse angezogen worden waren, haben eine neue Sprache erfunden, eine eigene, spezifische Sprache innerhalb der Sprache, die erste deutsche Sprache, in der über Musik zur Zeit geschrieben werden konnte – und Spex war das offene Versuchslabor, in welches der Leser Monat für Monat neu eintauchen konnte in einen wilden Sprachbach, der alles mitriss und keine überkommenen Regeln mehr kannte.
In der Spex wurden dem Leser Geheimwissen, die Uferlosigkeit universitärer Grammatik und abenteuerliche, nie zuvor gehörte Anglizismen zugemutet. Und im Zweifelsfalle, immer wenn die These unterstützende Argumente nicht zu finden waren, wurde behauptet. Ins kollektive Gedächtnis der Spex-Leser brannte sich eine Formulierung Diedrich Diederichsens ein: »Amerikanische Jazzwissenschaftler haben herausgefunden, dass …« Ein mit diesem Satz begonnener Artikel konnte jedwede noch so abstruse These vertreten.
Deutschland war Anfang der Achtziger ein geteiltes Land, das Köln dank des Booms der rheinländischen Kunstszene und der Entwicklung der Spex zur popkulturellen Hauptstadt ausrief (und nicht Bonn oder Berlin oder Düsseldorf ). Die Alleinstellung der Spex im deutschsprachigen Raum war auch bedingt durch einen Mangel an Konkurrenz. Wer sich nur über aktuelle Schallplattenveröffentlichungen informieren wollte (es gab noch keine Compact Discs, keine Downloads und auch keine retromanische Backkatalogverwertung), mochte beim Rough-Trade-Schallplattenladen um die Ecke mit Kauftipps versorgt werden. Wer in der Provinz wohnte oder überhaupt teilnehmen wollte am Diskurs, musste Spex lesen. Es gab noch kein Internet und keinen deutschen Rolling Stone, keine themenspezifischen Nischenblätter wie die Groove, und ebenso wenig gab es den in den Neunzigern rasant sich entwickelnden Markt der Gratismagazine mit Titeln wie dem Flyer, Frontpage oder Intro. Schließlich waren englische Magazine wie The Wire oder der NME bei weitem nicht so selbstverständlich im Bahnhofsbuchhandel erhältlich wie heute. Wenn überhaupt, gab es – zunehmend von Spex beeinflusste und infiltrierte – Musikseiten in Stadtzeitschriften wie dem Tip Berlin, der Kölner Stadtrevue oder der Szene Hamburg.
Ihr goldenes Zeitalter erlebte Spex unter Diedrich Diederichsen, der als Chefredakteur bis 1990 wirkte und anschließend die Geschicke des Magazins als Mitherausgeber bis 2000 beeinflusste. Die Spex war zu dieser Zeit in großzügige Büroräume in der Aachener Straße gezogen, schräg gegenüber vom Sixpack und einer italienischen Pizzeria – die Orte wurden zum überschaubaren Bermudadreieck der Urteilsfindung, zum verlässlichen Sammelplatz nach Konzerten und Auslandsreisen. Überhaupt ist anzumerken, dass die Welt in den Achtzigern noch überschaubar war, vor allem die Musikwelt. Und in der Warenwelt gab es noch Anzeigen, etwa der Tabakindustrie, die ohne Erwartung einer schleichwerberischen Gegenleistung geschaltet wurden. Und die Spex, da sie mit ihren Texten und Themen permanent Neuland betrat, war mit einer geradezu extraterrestrischen Narrenfreiheit ausgestattet. Abermals muss man es sich einmal vor Augen führen: Musik, für die etwa die Feuilletons noch gar keine Begrifflichkeiten entwickelt hatten, wurde in Spex nicht nur evaluiert und streitbar beurteilt, sondern zudem zunehmend mit auf den ersten Blick gar nicht so naheliegenden (aber im Rückblick umso schlüssigeren) Gedankensträngen kurzgeschlossen. Die Spex betrachtete die Musik als einen Teil der Welt, gleichermaßen beeinflusst von den Energielinien der französischen Dekonstruktivisten wie von den Katastrophen der Simpsons und Mrs. Benways Lageberichten aus der Kunstszene.
Die überschaubare Welt veränderte sich um die Jahrzehntwende 1989/90 radikal. Musikalisch gesehen teilte sich die Leserschaft der Spex nach dem Urknall von Detroit- und Berlin-Techno in zwei Lager – Gitarren und elektronische Musik. Hans Nieswand, heute erfolgreicher Musikproduzent, DJ und Romanautor, öffnete die Spex Anfang der Neunziger gegenüber den neuen Disziplinen – und legt Wert darauf, dass er »nur ausbaute, was Autoren wie Lothar Gorris, Dirk Scheuring und Hans Keller« vor ihm entdeckt, benannt und im deutschsprachigen Raum erstmals kontextualisiert hatten. Heute schwer nachvollziehbar, litt die Auflage der Spex unter der weitsichtigen und inhaltlich nur konsequenten Ausweitung der Kampfzone. Nieswand: »Auf meine Verantwortung geht die schlecht verkaufteste Ausgabe dieser Zeit – der Titel zeigte das Jungle-Duo Ragga Twins. Das legte die Deutung nahe, dass sich die Leute nicht für schwarze Musik interessierten. Ich war Redakteur und kein Buchhalter, deswegen wurmte mich das nicht ökonomisch. Aber mich ärgerte die Ignoranz der Leute gegenüber der damals heißesten Musik.«
Ein zweiter Umbruch der Jahrzehntwende waren der Mauerfall im November 1989, die deutsche Wiedervereinigung im Jahr danach, der kaum gebremste Siegeszug der Neonazis in Ostdeutschland, die Pogrome von Hoyerswerda 1991 und von Rostock-Lichtenhagen 1992. Das Selbstverständnis der Spex und ihrer Redakteure bedingte eine abermalige Positionierung, die 1993 nicht nur im »Ersten Kongress zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels« in Köln gipfelte. Die Spex nahm die Aufgabe an und verfolgte den Prozess der sich organisierenden Gegenwehr und berichtete regelmäßig über Künstler, die sich in den sogenannten Wohlfahrtsausschüssen gegen den Rechtsruck organisierten – zu ihnen gehörten die sich vom Funpunk zu distanzieren beginnenden Goldenen Zitronen sowie neu auf dem Parkett erschienene Protagonisten wie Blumfeld, Cpt. Kirk &, Absolute Beginner und etliche andere mehr.
Hans Nieswand: »1992 erschien Diedrich Diederichsens Schlüsseltext zum Abschied des Schreibens aus der Fanperspektive, ›The Kids Are Not Alright‹. Es erschien uns allen essentiell wichtig, diese Problematik im Heft zu positionieren.« Dass dieser Schlüsseltext nicht im Buch enthalten ist, war übrigens Diedrich Diederichsens eigener Wunsch. Dutzendfach sei der Artikel im Laufe der Jahre nachgedruckt worden, in den verschiedensten Kontexten – ein Kompendium wie dieses müsse auch Platz einräumen für Texte, die ansonsten vielleicht übersehen worden wären. Er wünschte sich Aufmerksamkeit für einen anderen Schlüsseltext, »Hören, wiederhören, zitieren« aus dem Jahr 1987, der eine der großen Debatten des neuen Jahrtausends deutlich vorweg nahm.
Überhaupt ist vielleicht nun der richtige Zeitpunkt gekommen, um einmal kurz zu rekapitulieren, warum es dieses Buch gibt. Die Kopplung »33 1/3 Jahre Pop« versammelt eine von mehreren möglichen Aggregationen von Texten aus 33 1/3 Jahren Spex – genauer gesagt handelt es sich um eine chronologisch sortierte Kombination von insgesamt 73 in Spex veröffentlichten Texten von 51 Autoren – unter besonderer Berücksichtigung des Umstandes, dass die Geschichte der Spex so vielstimmig wie möglich erzählt werden sollte. Doch zurück in die hässliche Realität der Neunziger.
Nach Rostock-Lichtenhagen war nichts mehr so unterkomplex und überschaubar, wie es bis dato einmal gewesen sein mag. Christoph Gurk, zuvor Chefredakteur der Szene Hamburg, verpasste der Spex ab 1993 in gleicher Funktion erstmals eine professionelle, journalistisch-blattmacherische Struktur. Die Spex erlebte eine zweite Blütezeit – die Gurk-Spex war so einflussreich und meinungsführend, dass selbst der letzte Feuilletonchef in Deutschland quasi gezwungen war, sich an der Spex zu orientieren (wenn er denn nicht sogar rübergemacht hatte von der Spex). Reflexartig versuchten die Nachfolger Christoph Gurks die Spex akademischer zu positionieren. Die zunehmend differenzierte Auseinandersetzung mit Musik, Rassismus, Gender Studies, französischem Dekonstruktivismus und Political Correctness bedeutete für die Autoren der Spex den Verlust von Leichtigkeit – und dass das Schreiben von nun an unter Beobachtung stattfand. Zu allem Überfluss war auch das Geschäftsmodell Spex mit ihren Herausgebern und Gesellschaftern, mit Geschäftsführung und Redaktion kompliziert, kompromissanfällig und unübersichtlich geworden – aus einer Krise der Verständlichkeit wurde Ende der Neunziger zunehmend eine finanzielle Krise, als der Spex die Leser abzuwandern begannen.
Dietmar Dath, heute erfolgreicher Romanautor, fiel schließlich die undankbare Rolle zu, im Jahr 2000 nach zwei Jahren Tätigkeit als Chefredakteur die letzte selbstverwaltete Ausgabe der Spex zu verantworten – die theorielastige Komplexität der Texte, ein unübersichtliches Layout und ein zunehmend auf Minoritäten zugeschnittenes Themenspektrum waren der Leserschaft zum Schluss nur noch schwer zu vermitteln. An diesem Scheitern wurde das Dilemma der Spex zur Jahrtausendwende offenbar: Die diversifizierten Inhalte des Internets, eine Schwemme von Gratismagazinen sowie ein Tageszeitungsmarkt, der längst die Themen der Spex adaptiert hatte, griff deren Meinungsmonopol an. Es gab sogar eine Abschiedsausgabe, die das Ende der Spex verkündete.
Umso überraschender kam in diesem Kontext die Wiederauferstehung unter dem Dach des Münchener Verlagshauses Piranha Media. Dessen Gründer und Geschäftsführer Alexander Lacher wurde neuer Herausgeber, und Uwe Viehmann, Mitglied der letzten Spex Redaktion, erster Chefredakteur der wiederauferstandenen Spex. Mit einem mittelständischen Verlag im Rücken konnte die Spex erstmals in ihrer nunmehr zwei Jahrzehnte umfassenden Geschichte ohne Existenzdruck agieren – Vertrieb, Produktionsabläufe, Anzeigenvermarktung und Abonnementverwaltung wurden auf ein bis dato unerreichtes Niveau gehoben, auch erwies sich der Schritt, der Spex eine Audio-CD beizulegen als auflagenstabilisierend. Der neue Stil war serviceorientiert, bunt, zuversichtlich und ornamental. Es gab eine regelmäßige Modestrecke und Leser wie mich, die in der neuen Spex eine neue Zeitschrift mit neuer Agenda sahen – und dem ihnen fremd gewordenen Blatt den Rücken kehrten. Zum 25. Geburtstag im Herbst 2005 schrieb ich in der Welt am Sonntag gar einen Nachruf auf die Spex. Im Rückblick bleibt die Erkenntnis, dass die vom Verlag betriebene Strategie der Stabilisierung de facto das Überleben der einflussreichsten Zeitschrift für Popkultur im deutschsprachigen Raum ermöglicht hatte.
Im Zuge der voranschreitenden Professionalisierung der Spex stand 2005 der Umzug von Köln nach Berlin auf der Agenda und wurde seitens des Piranha-Verlages gegenüber der Redaktion schließlich auch zur Bedingung gemacht – nicht zuletzt, weil es die rheinländische Kunstszene als austarierenden Gegenpol zur Musikszene in ihrer historisch einmaligen Fokussierung auf Köln nicht mehr gab. In der zunehmend emotional geführten Auseinandersetzung um den Wechsel des Redaktionssitzes kam es ein Jahr später zum offenen Bruch zwischen der letzten Kölner Redaktion und dem Münchener Verlag. Die Spex zog ohne Redaktionsmannschaft nach Berlin, und ich wurde im November 2006 als erster Berliner Chefredakteur mandatiert (und zugleich als erster Quereinsteiger, der anders als alle seine Vorgänger auf keine eigene Spex-Vergangenheit zurückblicken konnte), einen abermaligen Neuanfang des Titels mit neuem Konzept und neuer Redaktion zu wagen.
Zeitschriften müssen sich ändern, häuten, weiterentwickeln, um ihre Relevanz zu bewahren. Die Berliner Spex knüpfte einerseits an die journalistische Genauigkeit der von Diedrich Diederichsen und Christoph Gurk verantworteten Phasen an. Als Antwort auf die schnelle Taktung und die von persönlichem Geschmack dominierte Subjektivität des Internets setzte die Berliner Spex in neuer zweimonatlicher Erscheinungsweise auf einen entschleunigten, in die Tiefe gerichteten, abgeklärten, feuilletonistischeren Stil, dem Leidenschaft und Begeisterung ebenso suspekt waren wie der ich-fixierte Gonzo-Journalismus der Jahrtausendwende. Die bloße Ankündigung dieser Neupositionierung auf der Medienseite der Taz führte zu einer Welle von Anfeindungen und Vorabverurteilungen, die den sicheren Untergang des Magazins beschworen – bevor überhaupt das erste Heft produziert worden war. Die Vehemenz der Anfeindungen einerseits und der anschließende Erfolg der Berliner Spex andererseits ließen die Idee zu diesem Buch reifen. Wenn ein Magazin knappe dreißig Jahre nach seiner Gründung noch derart emotionale Reaktionen hervorzurufen imstande war, war es auch an der Zeit, die eigene Geschichte in Form eines Buches aufzuarbeiten. Und es erklärt auch, weshalb wir die Geschichte der Spex in diesem Buch nicht als Veteranengeschichte erzählen, sondern alle drei Jahrzehnte in all ihrer Widersprüchlichkeit gleichberechtigt abbilden – und nicht zuletzt die bewegte Gegenwart.
Zugleich kann dieses eine von vielen möglichen Vorworten die jüngste Gegenwart nicht abschließend beurteilen. Das kann erst in ein paar Jahren geschehen. Nichtsdestotrotz war es unstrittig, dass diese Textkopplung auch die letzten Jahre abbildet. Auch hier sind es wieder Schlüsseltexte, die dem Leser ein Gespür dafür geben wollen, wie sich der Fokus der Berichterstattung von Redaktion zu Redaktion veränderte – das letzte Interview mit Christoph Schlingensief etwa, aber auch Georg Seeßlens Star-Trek-Alphabet, Klaus Theweleits Text über Bob Dylan oder Jens Balzers Interview mit Antony Hegarty.
Ein wichtiger Text der Berliner Redaktion war das Interview, das Jan Kedves und ich mit Claude Lanzmann, dem Regisseur des Films »Shoah«, 2008 an zwei langen Nachmittagen in Paris führten – und von diesem für so relevant empfunden wurde, dass er es der Buchausgabe von »Shoah« anstelle eines Nachworts hinzufügte. Jan Kedves wurde mein Nachfolger als Chefredakteur und leitete die Spex von Oktober 2010 bis April 2012. Aktueller Chefredakteur ist Torsten Groß – zwei Texte aus seiner Zeit, einer von ihm selbst über Maxïmo Park, beschließen das Buch. Sie beweisen, dass die Spex unbeirrt weiter voranschreitet – neben der reflektierten Berichterstattung über zeitgenössische Musikzusammenhänge werden retrospektivisch Kunstbegriffe neu kontextualisiert. Wenn etwa Anne Waak in dem letzten Beitrag dieser Textsammlung mit der Gentlewoman-Chefredakteurin Penny Martin spricht, dann geht es ihr auch um die Offenlegung von Herkunft, Sozialisation und Quellcodes – und wie diese das künstlerische (oder in diesem Falle: editorische) Handeln grundieren.
In diesem Sinne versucht dieses Buch zweierlei: Kontinuitäten und Brüche einer über drei Jahrzehnte währenden Sprachfindung offenzulegen – einer kontinuierlichen Praxis der Selbstvergewisserung, die nicht nur veränderte, wie wir über die Musik und die Popkultur denken, sondern en passant auch unser Denken neu sortierte.
Max Dax
Berlin, im Januar 2013
PS: Eine kleine editorische Notiz bezüglich der nicht-einheitlichen Schreibweise von Texten, insbesondere von frühen Texten der Kölner Redaktion: Während wir die Rechtschreibung weitgehend angeglichen haben, wurden bewusst kreativ geschriebene Sprachweisen eins zu eins in den Satz des Buches übernommen.
Albumcharts von Peter Bömmels—1980
Talking Heads—Remain in Light
Grace Jones—Warm Leatherette
Captain Beefheart—Doc at the Radar Station
Suicide—Suicide
Young Marble Giants—Colossal Youth
Joy Divison
Peter Bömmels über das plötzliche Ende von Joy Division —Spex 9/1980
Ian Curtis, geb. 1956, Sänger der Manchester-Gruppe Joy Division, nahm sich Ende Mai 1980 das Leben. Die Gruppe hatte gerade die Aufnahmesession für die zweite LP »Closer« abgeschlossen und stand kurz vor einer größeren Amerikatournee. Die Zeit schien reif für den endgültigen Durchbruch – laut Äußerungen von Verantwortlichen ihrer Plattenfirma »Factory Records«. Aber die Zeit schien auch reif für Ian Curtis, aus welchen Gründen auch immer!
Nach seinem Tod stiegen Joy-Division-Platten – die Single »Love will tear us apart« und die beiden Alben »Unknown Pleasures« bzw. »Closer« – bis auf vordere Plätze in den allgemeinen britischen Hitlisten. In der englischen Musikpresse wird Ian Curtis von einigen Journalisten zum »Retter des Rock’n’Roll« hochstilisiert. Joy Divisions Musik wird beinahe zum Gradmesser von Qualität und Originalität.
Kommt da nur wieder die alte Business-Weisheit »Tote verkaufen sich besser« zum Zuge oder hat Joy Divisions Musik wirklich eine einzigartige Aussagekraft und Stärke?
Ende Januar dieses Jahres habe ich den Auftritt der Joy Division im Kölner Basement erlebt. Ich habe selten ein so eindrucksvolles Konzert gesehen. Von den ersten verhaltenen Synthesizerklängen bis zu den letzten »Dance, Dance, Dance to the Radio«-Schreien hat mich diese Musik nicht mehr losgelassen. Die Eindringlichkeit und Klarheit, mit der Joy Division das glitschige Gefühl zwischen Wut und Trauer, süß und bitter ausdrücken konnten, war einfach überzeugend. Und ich glaube, diesen Eindruck hatte nicht nur ich. Nach anfänglichem Zögern (Zuhören müssen) hatte Joy Division fast das gesamte Publikum auf ihre Musik gebracht. Es tanzte innen wie außen. Ian Curtis, zappelnd, beschwörend, ständig mit den Armen um sich rudernd, schreiend und dann wieder flüsternd, verkörperte die Seele der Gruppe, war ihr Brennpunkt. Schlagzeuger Steve Morris und Bassist Peter Hook bauten mit ihrem präzis-treibenden Spiel den rhythmischen Rückraum. Der Schlagzeuger gab mit kurzen, trockenen Schlägen (snare-drum-beat) die Geschwindigkeit vor, eingeholt von ständig wiederkehrenden einfachen Bassfolgen – leer, spärlich, unerbittlich –. Gitarrist Bernard Albrecht setzte – manchmal besänftigend, manchmal querschießend –, bescheidene, schnörkellose Soli dagegen, die er aus schrägen, rockigen Akkorden herausholte. Da waren schrille, ätzende und dumpfe Töne genauso wie sanfte und fließende, häufig sogar in einem Stück und genau an der richtigen Stelle. Ian Curtis verstand es, mit gleichmütiger, ruhiger Stimme diese Spannung aufzufangen oder, wenn nötig, herauszuschreien.
Wie in vielen einzelnen Stücken – z. B. »Day of the Lords«, »Shadowplay«, »Dance, Dance, Dance to the Radio« – hatte dieses ganze Konzert eine unmerkliche Steigerung in sich. Die weichen, melancholischen Töne färbten sich zu hartnäckigen widerspenstigen.
Während des Stücks »Dance, Dance, Dance to the Radio« brach Ian Curtis auf der Bühne zusammen. Solche Schwächeanfälle soll er öfters gehabt haben. Bei einigen Konzerten der Gruppe Anfang Mai konnte er nicht mitmachen. Darüber war Ian Curtis sehr unzufrieden. In Köln sagte er nach dem Konzert, dass er gerne weitergesungen hätte, aber … Überhaupt gaben sich die vier Musiker ohne Allüren, höflich und zurückhaltend. Sie nahmen ihren Auftritt selbst sehr wichtig und diese Ernsthaftigkeit bzw. Konzentration war an diesem Abend gut zu spüren.
Ihren ersten Auftritt hatten Joy Division im Mai 1977 im »Electric Circus« (Manchester). Sie spielten als Vorgruppe zu den Buzzcocks und hießen da noch »Warsaw«. Der Name stammt von einem Stück David Bowies (Low-Album), einem ihrer Lieblingsmusiker. – Übrigens, einen Sampler dieses Gigs gibt es neuerdings wieder zu kaufen, aha! – Zu dieser Zeit klangen sie eher Wire-ähnlich, nur noch ein bisschen unentschlossener und unbeholfener. Das ist auch zu hören auf ihrer ersten LP »An Ideal for Living«, die sie schon unter dem Namen Joy Division herausbrachten. Nicht schlecht, aber auch nicht gerade umwerfend! Der Name »Joy Division« war eine Bezeichnung für die Baracken der Prostituierten in den K Zs gewesen. 1978 traf die Gruppe ihren späteren Manager Bob Gretton und den Produzenten Martin Hannett, mit deren Hilfe sie ihren unverwechselbaren Sound entwickelten: – kein schepperndes Schlagzeug mehr, keine überflüssige Hektik, der Gesang bekam mehr Ausdrucksstärke, Steigerungseffekte laut/leise, schnell/langsam wurden gezielt eingesetzt, der Synthesizer erweiterte die Klangskala … Kurz: Ein spannungsreiches, aber klar ausgeprägtes Klangbild entstand. Die ersten Stücke dieser Art kamen auf dem »Factory-Sampler« heraus (»Digital«,»Glass«).
Das Debüt-Album »Unknown Pleasures« (1979) zeigt die ganze Fülle und Eigenheit der Joy-Division-Musik. Für mich eine der vielsagendsten LPs der letzten Jahre! Stücke wie »She’s lost control«; »Disorder«, »I remember nothing« … u. a. sind präzise und gehaltvolle Gefühlsbilder der eigenen Unsicherheit, Verwirrung, Suche … die Angst, ausgelöscht zu werden, verfolgt zu werden … kalter Stahl, Fensterreihen, Neon … Erinnerung an Kind-Sein, Sehnsucht nach Freunden, zu Hause fremd sein, kalte Wut.
Aber die Musik klingt keinen Moment nach Rocky-Horror oder billigem Grusel – so z. B . wie bei Punilux oder Bauhaus … –, sie ist keine Feier des Untergangs, schöne Dekadenz oder Koketterie mit Tod und Selbstzerstörung. Die Stücke sind so arrangiert, dass genügend Spannung und Distanz gewahrt bleibt; die nötige Portion Melancholie wird nicht zu selbstzufriedenem Mitleid oder bloßer Wehmut.
Mit einfachen, musikalischen Mitteln verarbeitet Joy Division eine ganze Menge Wirklichkeit (die ja bekanntlich sogar durch die Küchentür kommt …) und spiegelt sie auf nachvollziehbare (persönliche) Art und Weise wider. Von Resignation finde ich keine Spur.
Das zweite Album klingt verfeinert, glätter. Der Synthesizer bzw. das Klavier wird als Besänftiger eingesetzt (z. B . bei »Eternal«, »Heart and Soul«, »Decades«). Ian Curtis’ Gesang rückt noch mehr in den Vordergrund und wirkt auf manchen Stücken geradezu priesterhaft hingebungsvoll (z. B . bei »Eternal« und »Decades«). Dieses Stück »Eternal« ist mir einfach zu süß; ein entscheidender Schritt weg von der Spannung des ersten Albums. Meine ersten Assoziationen: Trauergesang, Kirche, Resignation, Aufgeben, es wird etwas zu Grabe getragen … Zu einem mitleidigen Piano singt Ian Curtis: »Die Prozession zieht weiter, das Geschrei ist verstummt« … Es zieht alles an einem vorbei. Die innere Wut bleibt innen: »try to cry out in the need of the moment, possessed by a fury, that burns from inside« … In Ian Curtis’ Gesang spüre ich keine Distanz mehr. Er schwimmt in der Stimmung mit. Eine Atmosphäre des Opferns! Die Erde ist nur ein einziges Jammertal, unser Schicksal liegt in anderen Händen. Brauchen wir wieder ein neues Mittelalter?
Hätten sich Joy Division in diese »Eternal«-Richtung entwickelt?
Zumindest einige Texte der »Closer«-LP sprechen dafür: »moving along on a God given away … God in his wisdom took you by the hand, God in his wisdom make you understand, in his colony« …
Dagegen sprechen Stücke wie »24 hours«, »A means to an end«, »Atrocity Exhibition«, »Colony«, »Isolation« eine andere Sprache – wenigstens musikalisch. In ihnen steckt genug Drängen, Energie und Ironie, den schönschaurigen Gefühlsfallen zu entgehen. Die traurige Stimmung wird in Bewegung gebracht, bevor sie einen überwältigt.
Auf eine dritte LP wäre ich gespannt gewesen. Beim jetzigen Erfolg der Gruppe ist schwer auszumachen, was der Ausdruckskraft ihrer Musik und was der Mythenbildung um Ian Curtis, sprich Vermarktung zuzuschreiben ist. Mit Etiketten wie »Retter des Rock’n’Roll« oder »Jim Morrison der 80er Jahre« sollte man vorsichtig umgehen. Genauso wenig, wie ein Einzelner allein den Rock’n’Roll hervorgebracht hat, genauso wenig wird ihn ein Einzelner retten. Joy Division ist nie die Ian-Curtis-Band gewesen. Alle Stücke wurden zusammen geschrieben bzw. arrangiert. Morris entwarf den Rhythmus, Hook und Albrecht komponierten die meisten Melodien und Curtis schrieb die Texte.
Ian Curtis war der Sänger genau dieser Gruppe. Ich glaube nicht, dass Hook, Albrecht und Morris ähnlich in der Versenkung verschwinden werden wie z. B. die restlichen »Doors«.
Joy Divisions Verdienst wird es bleiben, ein Stück näher an unsere »moderne Seele« gekommen zu sein.
Editorial von Gerald Hündgen—Spex 10 /1980
Nach der ersten Ausgabe von SPEX hat es einige Kritik gegeben, die meinte, das Spektrum der besprochenen Gruppen sei zu eng und zu sehr auf »Insider« zugeschnitten. Innerhalb der Redaktion gab es hingegen Stimmen, die anlässlich der neuen Ausgabe fragten, ob David Bowie und die Inmates nicht schon aus dem Konzept von SPEX fielen? Sprechen wir also vom »Konzept«!
(Dabei will ich mich hier bewusst auf die musikalische Seite beschränken. Die Frage, inwieweit auch Bereiche wie Bücher, Filme, politische Fragen … bei uns ihren Platz haben sollten, müsste gesondert besprochen werden.)
Klar, die erste Ausgabe lässt keinen Zweifel, wo’s langgeht. »New Wave« ist gemeint, wenn (leicht ironisch) »MUSIK ZUR ZEIT« versprochen wird. Gut, was ist denn New Wave?
»New Wave« (oder »Punk«) ist 1976/77 als Reaktion auf die »Supergruppen/-stars« entstanden, deren Welt der Cocktail-Bars und Nobel-Discos mit den Alltagserfahrungen der Jugendlichen genauso wenig zu tun hatte wie ihre stundenlangen Beschwörungen des Kosmos und allerlei mythischer Gestalten mit Rock’n’Roll.
Mit »Punk« bestimmten (wieder) Spontanität und Ideenreichtum die Musik – im Gegensatz zu hohlen Demonstrationen technischen Könnens. Die Würze: »Sag’s in drei Minuten oder halt den Mund! « Und darüber stand die alles entscheidende Frage »und, kann man dazu tanzen?«
Von Anfang an aber gab es Leute, die »New Wave« weiter/anders verstanden. Nämlich als neu gewonnene Freiheit, die es erlaubte, an die Grenzen konventioneller Rockmusik und darüber hinaus vorzustoßen.
Zu Beginn wurden diese unterschiedlichen Richtungen noch durch die gemeinsame Ablehnung »neuer Helden« und Ideologien zusammengehalten. Und vor allem standen sie zusammen gegen die noch übermächtigen »Boring Old Farts« und die Industrie. Heute jedoch, wo auch »New Wave« seine Helden produziert hat und selbst Business wurde, ist diese Klammer weggefallen.
»Punks« und »New Waver« verdächtigen sich gegenseitig des Verrats an den ursprünglichen Idealen. Wobei Erstere den Vorwurf der hoffnungslosen Erstarrung einstecken müssen und umgekehrt von den »neuen Hippies« die Rede ist.
Mittlerweile gilt es in bestimmten »kulturbewussten« Kreisen als schick, ein Schild vor sich herzutragen, auf dem »ROCK’N’ROLL IST TOT« prangt.
John Lydon (Ex-Rotten) hat das mit der Frage begründet, wie oft man denn noch denselben konventionellen 12-taktigen Rocksong schreiben wolle.
Auch ihm dürfte klar gewesen sein, dass alle Hitparaden zeigen, dass dies wohl noch eine ganze Zeit der Fall sein wird. Wenn er aber damit meinte, dass es sich hierbei mittlerweile um ein künstlerisch leeres Schema handele, das zu keiner Entwicklung mehr fähig sei (»Die Sex Pistols waren die letzte Rock’n’Roll-Band«), steht die Musik von Clash, Jam, XTC … dem entgegen. Neben vielen anderen beweisen sie, dass »Rock« immer noch zu sehr eindrucksvollen musikalischen Leistungen fähig ist.
Aber auch die Gruppen, die die herkömmlichen musikalischen Formen längst hinter sich gelassen haben, hören damit nicht auf, Rock’n’Roll zu sein. Ihre Platten werden von den Firmen über dasselbe Netz vertrieben wie die letzte Boney-M-Scheibe. Promotion für ihre Platten wird in den marktüblichen Musikgazetten gemacht und nicht in Kulturzeitschriften. Das Wichtigste jedoch ist der kulturelle Rahmen, in dem sie stehen: Das Publikum, das sie erreichen (wollen), ist wie sie selbst in der Tradition der Rockmusik groß geworden. »New Wave« meint doch wohl »neu« in Bezug auf diese Tradition – nicht Musik oder sogar Kultur schlechthin.
1968 galt es noch als ausgemachte Sache, dass »Psychedelia« die »Rock«musik im Unterschied zum »Pop« erst emanzipiert habe und diese nun ein Mittel der kulturellen »Revolution« (»progressiv«, »Underground«) sei.
Heute wissen wir einmal mehr, »dass Musik die Welt nicht verändert«. Jedes Rock’n’Roll nicht.
So werden denn Theorien über »neue Sachlichkeit«, »neue Ich-Strukturen«, »Musik, die stärker mit (…) dem technischen Display des modernen Alltags interferiert« u. Ä. verbraten, die in ihrer Verblasenheit die Ergüsse des Hippie-Propheten Timothy Leary geradezu volkstümlich erscheinen lassen.
Wer heute in einer Diskussion über »populäre« Musik das Wort ergreifen will, sollte mindestens über fundierte Kenntnisse in Soziologie und Philosophie verfügen. Wer denkt da nicht an die Zeiten zurück, als »Punk«/»New Wave« als Musik der Arbeiter- und arbeitslosen Jugendlichen galt und ihre Sprache die der Straße war?
Jede Diskussion darüber, was R’n’R ist und ob er noch was zu sagen hat, wird dann sinnlos, wenn man sich mit der »neuen Ernsthaftigkeit« den Boden der Erfahrungswelt der Masse der Jugendlichen selbst unter den Füßen wegzieht.
Kein Wunder denn auch, wenn die »Pogo Punks« die von ihnen initiierte Bewegung von typischen Mittelklasseschwätzern enteignet sehen und sich weigern, den Kalender von 1977 von der Wand zu nehmen.
Während die einen an alles die Messlatte der »Relevanz für die 80er« halten, lassen die anderen nur gelten, was mit 300 km/h im 4/4-Takt angebraust kommt.
Beides aber bedeutet nur ein Erstarren in neuen Formeln. Jeder auf seine Weise akzeptiert nur noch die Musik, die einmal als richtig erkannte (Vor-)Urteile bestätigt. Damit ist sie dann nur noch Mittel der Selbstbestätigung.
Wenn es jedoch eine Geschichte des Rock’n’Roll gibt und man daraus auch noch eine Lehre ziehen darf, dann die eine, dass sich alle Formeln in Schall und Rauch verwandeln. Um bei den viel gescholtenen Hippies zu bleiben: Sie sind ja ursprünglich als »revolutionäre« Bewegung angetreten, um sich später im Bremserhäuschen wiederzufinden. Mit ihren Begriffen verstanden sie die Welt da draußen nicht mehr und hatten selbst dieser Welt nichts mehr zu sagen.
Jeder, der Musik liebt, wird sich damit auseinandersetzen, wohin sie sich entwickelt. Aber es darf eben nicht darum gehen, an die Stelle der alten Klischees neue zu setzen.
R’n’R ist eine Freistildisziplin, in der alles erlaubt ist, wenn es lebendig ist, wenn es etwas in Gang setzt.
Dann ist es auch gleich, ob die Specials »Ska«, Clash »Rockabilly«, Jah Wobble »Reggae« oder PIL »Disco« aufgreifen, um mit Elementen anderer Stile eine »zeitgemäße« Musik zu machen.
Warum aber sollte dann nicht auch SPEX über Musik berichten, die vielleicht nicht einmal am Rande von »New Wave« liegt?
Liegt darin nicht gerade der Reiz von R’n’R, »Neues« zu entdecken, sich weiterzuentwickeln, seine Vorstellungen von Musik immer wieder neu zu sehen?
Wie gesagt, bei vielen Musikern ist diese Offenheit deutlich, indem sie »schamlos« die Archive der Rockmusik plündern oder bei anderen Formen, ja anderen Kulturkreisen nach Anregungen suchen – um damit eine eigene Musik zu machen.
Bei vielen Hörern – namentlich New-Wave-Puristen – erlaubt erst das auf die ein oder andere Art und Weise erworbene Gütesiegel »New Wave« (das richtige Aussehen, die richtige Plattenfirma …) den Zugang.
Leute, die sonst schon bei Erwähnung des Wortes »Jazz« das Weite suchen, finden an This Heat Gefallen. Ebenso werden die lange als kontinentale Ableger der US-Hippies gemiedenen »Deutschtöner« wieder gesellschaftsfähig, nachdem u. a. Johnny Rotten und Pete Shelley (Buzzcocks) Can lobend erwähnten. Die Reihe der Beispiele ließe sich lange fortsetzen (Disco, Funk, Soul …).
Auch eine Musikzeitung sollte sich deshalb von vornherein der Gefahr bewusst sein, sich rigoros auf einen Musikstil zu beschränken und sich damit freiwillig allem Alten/Neuen/Anderen zu verschließen.
Das soll nicht heißen, dass man ständig mit der Nase im Wind rumläuft, um ja nicht den neuesten Trend zu verpassen. Dann kann’s einem wie der englischen Musikpresse gehen, die 1978 die Power-Poper als den letzten Schrei feierte, um sie nur Wochen später nicht einmal mehr zu erwähnen. Oder als ihnen beim Anblick der ersten Typen in Parka und Anzug (›Mods‹) der Schrecken derart in die Glieder fuhr, dass einer tot geborenen Mode ellenlange Artikel gewidmet wurden. (Momentan ist »Psychedelia« dran.)
Es darf aber auch nicht bedeuten, dass man in Ausgrabungsmanie verfällt oder verzweifelt nach dem noch nie Dagewesenen sucht.
Rock’n’Roll ist eine Musik des Aufbruchs und der Auflehnung. Das klingt sehr allgemein. Aber allein daran gemessen, ist Heavy Metal Baujahr 80 mit seiner Unterwerfung unter den Status quo eine alte Musik im Vergleich zu manchen Platten, die mehr als 20 Jahre auf dem Buckel haben.
SPEX muss deshalb eine Haltung annehmen, die sich erst mal neugierig zeigt, allen Stilrichtungen gegenüber. Maßstab – so schwammig es klingen mag – sollte dabei sein, ob eine bestimmte Musik, so fern sie New Wave auch stehen mag, heute noch etwas zu sagen hat.
Klar, das klingt alles ziemlich vage und wenig griffig. Ansonsten wäre jedoch eine Doktorarbeit daraus geworden. Und dass wenigstens ein paar Leute den Artikel lesen und SICH DAZU ÄUSSERN, wollte ich doch sicherstellen. Mir zumindest sind nach dem Schreiben mehr Fragen gekommen als vorher. Aber Altbundeskanzler Konrad Adenauer hat den Wahlspruch des Rock’n’Roll schon treffend charakterisiert: »Wat stört mich mein dummes Geschwätz von gestern!«
Wilfried Rütten—Spex 12/1980
10 Martello Street, London E8 lautete die Adresse, die wir im NME bekommen hatten. Nach einer Stunde Busfahrt ins hinterste East-End & dem Fragen etlicher Anwohner standen wir schließlich vor einem verrotteten Lagerhaus. Von Büros, Lagerräumen oder auch nur 1 menschlichen Wesen keine Spur. Schließlich trafen wir 1 Fotografin, die allein im Komplex wohnte und uns zeigte, wo TG ihr »office« hatten: unten im Keller, Wasserlachen auf dem Boden, die Wände feucht und alles duster: Dort war also ihre Zentrale? Niemand da. Nur 1 Telefonnummer. Die Lust hatte mich zwar schon verlassen, in diesem Schuppen, die Wände plakatiert mit Fotos von Gaskammern, Leichen, Flugzeugabstürzen und Penisoperationen. Doch es hatte erst angefangen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Stimme, die zuerst mal fragte, welcher Tag denn sei. Sie hörte sich weit entfernt und lustlos an ob der Aussicht, mit irgendwelchen deutschen Journalisten (Barni und mir) eine Verabredung zu treffen.
Schließlich wurde zugesagt und fast im Handumdrehen erschienen 1 Typ und 1 Frau, beide in Kampfanzügen, der Mann mit zwei Uhren am linken Handgelenk – 1 x digital, 1 x Mickymaus –, 2 großen, totenkopfgeschmückten Ringen und einer undurchsichtigen Sonnenbrille. Genesis P. Orridge hatte seinen 1. Auftritt. Spontan verließ mich alle Lust, mit diesen Gestalten zu tun zu haben, und die Aussicht, mit ihnen im dunklen Keller rumzustolpern, fand ich nicht gerade toll. Seine Begleiterin blickte stets stramm zu Boden, sprach nur, wenn sie gefragt wurde, und der mitgebrachte Hund war auch nicht gerade vertrauenerweckend. Ab in den Keller also, doch G. P. O. schloss eine Tür auf und: Wir waren wieder im Freien! Beim folgenden Spaziergang hatte der Hund mehrmals zu beweisen, wie gut er abgerichtet war/sein sollte; wenn’s nicht funktionierte – ›discipline‹ war das Wort, glaub ich –, bekam er jedes Mal einen derben Tritt. Unser Spaziergang endete vor einem eher schäbigen Reihenhaus in Hackney, nach der vorgeschobenen Postadresse das wirkliche Domizil des pochenden Knorpels/der Industrial Records. G. P. O. war mir unheimlich, strömte etwas Dunkles, schwer Definierbares aus, das ich derart massiv noch nie verspürt habe, führte uns ins Büro und stellte uns Chris Carter vor, einem Mitglied von TG. Seine eigene Identität blieb zunächst unklar.
Chris, der Techniker/Bastler/Elektronikfan und Ober-Maschinist der Band war wohltuend normal, freundlich und redete ein wenig über seinen Job als Bürovorsteher der Industrial Records. Doch schon nach 5 Minuten verschwand er und Gen nahm seinen Platz ein, diesmal freundlich und unbefangener, so als hätte es die Situation kurz vorher nicht gegeben. Das Folgende sind Teile des Gespräches mit Genesis P. Orridge und Chris Carter in London sowie vor und nach ihrem Live-Auftritt in Frankfurt.