Antje Friedrichs
Letzte Lesung Langeoog
Langeoog Krimi
Prolibris Verlag
Handlungen und Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Für meine Betty, die mir alles gezeigt hat,
und für meinen Lieblingslektor Karl Heinrich!
Prolog
Freitag
„Das ist ja unerhört! So was hat’s hier früher auch nicht gegeben!“
Die Frau rang nach Worten, ihr Mann war sprachlos. Die Sandburg, die er gestern unter stundenlangen Mühen geschippt hatte, dieser Wall, der den rotweiß gestreiften Strandkorb umgab, ihr Zuhause für drei Wochen Urlaub an der See – verwüstet! Vandalen waren über Nacht eingefallen, Vandalen! Der Schwanz der Seejungfrau, den der Burgherr liebevoll aus Sand geformt und mit grauen Herzmuschelschuppen akkurat besetzt hatte, war zertrampelt, der aus schneeweißen Sandklaffmuscheln ebenso akkurat gebildete Name der Stadt Bielefeld, wo der Burgherr jahrzehntelang bis zu seiner Pensionierung als Richter am Landgericht gewirkt hatte, zerstört. Vandalen! Der Strandkorb klaffte inmitten einer Sandwüste.
Die Menschen standen ratlos. Eine Möwe schrie über ihren Köpfen, landete ein paar Schritte von ihnen entfernt und beobachtete sie lauernd.
„Hau ab, blödes Vieh!“ zischte die Frau. „Das hat es früher nicht gegeben! Diese Jugendlichen vom Zeltplatz, die besaufen sich da oben in der Disco oder nehmen Drogen, und dann machen die uns alles kaputt!“
„Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ rief es aus dem Strandkorb nebenan. Der Oberstudienrat in den mittleren Jahren, der an einer Gesamtschule im Hessischen wirkte, ließ seine Wochenzeitung sinken, stand auf und näherte sich teilnahmsvoll. Seine nackten Beine leuchteten aufdringlich weiß. Er selbst hatte nur die Andeutung eines Walls geschippt, sein Strandkorb stand nahezu frei. Glück gehabt, bei ihm war nichts kaputt zu machen.
„Da muss man doch was unternehmen! Wo ist der Strandwärter eigentlich? Wofür zahlen wir denn Kurtaxe?!“ schrillte die Stimme der Frau, während ihr Mann, über den Sand gebeugt, nach Spuren suchte. „Barfuß“, murmelte er, „und mittelgroß.“
Wieder schrie die Möwe. Machte ein paar Schritte auf die Menschen zu, dann hob sie die Flügel, stieg auf und glitt über die Reste der Seejungfrau und die verwüstete Burg hinweg. Kreischend. Spöttisch kreischend, so schien es.
Samstag
An diesem Morgen schien die Sonne. Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über der Insel, die in den letzten Tagen nicht gerade von Sonne verwöhnt worden war.
Die erste am Strand war eine 61jährige Frau aus Bottrop. Sie kam seit über dreißig Jahren hierher und war schon längst im Besitz des goldenen Treueabzeichens der Kurverwaltung. Erika Stracke schritt rüstig die Bohlen zum Strand hinunter. Flut! Unter ihrem dunkelblauen Bademantel trug sie bereits ihren dunkelblauen Badeanzug. So hielt sie es schon seit über dreißig Jahren. Sie musste sich nicht erst am Strand umziehen, sondern konnte gleich hinunterlaufen ans Meer, das jetzt in der Morgenfrühe einsam an den Strand rollte. Es war so früh, dass die ABM-Kolonne der Kurverwaltung, die den Meeressaum von Strandgut säuberte, noch nicht da gewesen war.
Erika Stracke war ganz allein. Das Wasser war wunderbar klar und wärmer als die Luft. 18 Grad, schätzte sie als erfahrener Badegast. So früh am Morgen war der Turm der Rettungsschwimmer noch nicht besetzt, offizielle Badezeit würde erst am späten Nachmittag sein. Am Horizont war die dunkle Silhouette eines einsamen Wanderers zu erkennen. Noch einer, der die Frühe liebte, wenn er sich auch nicht ins Wasser wagte. Keine Qualle im Wasser, für Quallen war die Witterung zu kühl. Erika Stracke ließ sich von den Wellen tragen. Tauchte unter, Gischt sprühte über ihren Kopf hinweg.
Allein sein, ganz allein, das war es, wonach sie sich sehnte, einen größeren Genuss gab es für sie nicht. Eine Riesenwelle türmte sich vor ihr auf, sie drehte sich um und ließ die Woge mit voller Wucht über sich hinwegrauschen, das Wasser schlug über ihr zusammen und zog ihr den Boden unter den Füßen weg, der Sog riss sie weiter und weiter. „Baden Sie nie außerhalb der Badezeiten und nicht außerhalb des abgeteilten Badestrandes“, ging ihr durch den Kopf. Überall auf der Insel war das zu lesen. Aber daran hatte sie sich dreißig Jahre lang nicht gehalten, und noch nie war ihr etwas passiert. Jetzt hatte sie Wasser geschluckt, sie hustete, keuchte. Als sie aus dem Wasser watete, sah sie das blaue quallige Riesenauge zu spät und trat mitten hinein. Blauer Glibber, der sie eigentlich noch nie geekelt hatte. Aber etwas war anders an diesem Morgen, anders als sonst in all den Jahren zuvor.
Etwas Unheimliches lag in der Luft. Sie schauderte, fühlte sich beobachtet, blickte sich um. Die blaue Rettungsstation war natürlich leer, keine Fahne war aufgezogen, nicht morgens um 6 Uhr. Da war niemand. Oder doch? Regte sich nicht etwas hinter den blauen Wänden des Turms? War da nicht hinter der Fensterscheibe ein Licht? Als ob ein Feuerzeug aufflammte, kurz nur, ganz kurz. Hinter ihr rauschte die See. Lauter als sonst, unnatürlich laut.
Die Sonne, noch tief im Osten, hatte sich jetzt hinter einer Wolke verborgen. Wo kam die Wolke her? So plötzlich? Eben war der Himmel doch noch ganz klar gewesen, ungetrübt blau. Der unbekannte Wanderer am Horizont, dort, wo der Strand in Nebel überging und die anderen Inseln, Spiekeroog und Wangerooge, lagen, war verschwunden.
Erika Stracke warf sich ihren Bademantel über, der sich klamm anfühlte, und hastete nach oben zur Düne. Nur schnell zurück in die Pension! Etwas war anders als sonst, sie konnte es spüren! Aber vorher schnell noch wie immer unter die Dusche, die am Dünenaufgang installiert war. Süßwasser natürlich, wofür zahlte man denn Kurtaxe. Bei aller Liebe zu Langeoog und zur See, Salz auf ihrer Haut konnte Erika Stracke nicht ertragen. Es verursachte ihr Juckreiz, gegen das Salz war sie allergisch, auch noch nach dreißig Jahren. Sie warf den Bademantel ab, trat ohne hinzusehen auf die Bohlen unter der Dusche, griff nach dem Hahn, um das Wasser aufzudrehen – und schrie. Schrie. Schrie. Stand wie angewurzelt, konnte sich nicht rühren, und schrie. Der Wasserhahn war blutverschmiert, Erika Stracke stand im Blut. Schreiend rot klebte es an den Holzbohlen, bedeckte den Sand, der feucht war, als wäre hier gerade eben, unmittelbar bevor sie ihren Fuß darauf gesetzt hatte, Blut geflossen und eingesickert.
Sie schrie. Nichts regte sich um sie herum, es blieb totenstill. Der große Zeiger auf der Uhr des Rettungsturms zeigte auf die fünf, der kleine Zeiger war gerade ein winziges Stück über die sechs hinausgerückt. Ungerührt rollten die Wellen weiter an den Strand. Um ein winziges Stück war die Flut näher gekommen.
Endlich hastete die Frau den Dünenaufgang hoch und schlug mit den Fäusten gegen die Tür des „Seekrugs“.
Sonntag
Als die Eheleute Walter und Ingrid Klöters aus Bremerhaven morgens um 8 Uhr 36 in ihren Strandkorb im Strandabschnitt C blickten, erstarrten sie.
Um sich für den Tag am Strand einzurichten, hatte Ingrid Klöters gerade das aufblasbare Gummikissen, das sie immer mit sich führte, in den Strandkorb legen wollen, um sich gegen die Kühle des Plastikpolsters zu schützen. Hilfesuchend tastete sie nach dem Arm ihres Mannes, der hinter ihr stand, sein eigenes Kissen in der Hand, die blauweiß gestreifte Badetasche abgestellt hatte und sich bückte, um die rechte Fußstütze des Strandkorbs herauszuziehen und die Schaufel herauszuholen, die er über Nacht immer unter dem Korb versteckt hielt.
„Nimm das weg!“ kreischte seine Frau. Auf dem blauweiß gestreiften Polster des Strandkorbs lag ein Vogel, eine Silbermöwe. Das Gefieder zerzaust, der gelbe Schnabel geöffnet. Die Augen blicklos. Die Flügel spreizten sich auf dem Polster. Die gelben Füße weggeknickt. Und offenbar war dieses Tier nicht hier gestorben und auch nicht erst vor kurzem. Es trug Spuren von Flut und langer Zeit im Gefieder, eine Wasserleiche, die schon tage- oder wochenlang irgendwo gelegen hatte, dann aufgelesen worden war und hierher geschleppt. „Nimm das weg, nimm das weg!“ kreischte Ingrid Klöters.
Walter Klöters, der vor seiner Pensionierung trotz eines leichten Sprachfehlers jahrzehntelang Standesbeamter in einer Kleinstadt im Emsland gewesen war, griff beherzt zu. Er warf das hellblaue Frotteebadehandtuch, das er gerade aus der Badetasche geholt hatte, um damit die Rückwand des Strandkorbs gegen Zugluft abzudichten, auf den Kadaver, so dass er nicht mehr zu sehen war, wenigstens das.
„Bist du wahnsinnig, doch nicht das gute Handtuch!“ kreischte seine Frau. Hysterisch war sie immer schon gewesen, und es wurde schlimmer von Jahr zu Jahr.
„Nun reg dich doch nicht auf, Mutti, das kann man doch wieder wassen“, sagte der Mann beruhigend. „Wozu haben wir die Wassmassine in der Wohnung?“
„Bist du wahnsinnig, bist du wahnsinnig!“ wiederholte die Frau unbeirrt.
Aus den benachbarten Strandkörben rundum schauten jetzt Köpfe heraus. Mit beherztem Griff packte Walter Klöters das hellblaue Bündel, er spürte den befiederten, leichenstarren Körper und den spitzen Schnabel durch den Frotteestoff hindurch und lief zum Steg am Fuß der Düne, öffnete den Deckel der grünen Tonne, die „Nur für organischen Abfall!“ bestimmt war – auch müllmäßig war auf der Insel alles vorbildlich geregelt, die Abfalltrennung funktionierte perfekt – und ließ den Kadaver in der Tiefe der Tonne verschwinden. Es plumpste, die Tonne war noch gähnend leer. Die ABM-Kolonne der Kurverwaltung war schon in aller Frühe tätig gewesen.
Das hellblaue Badetuch mit zwei spitzen Fingern von sich abhaltend, als wäre es aussätzig, lief er zurück zu seiner Burg, wo jetzt die Nachbarn sich eingefunden hatten und laut diskutierten. Man kannte sich schon seit Jahren, kam immer wieder im Urlaub hierher: eine eingeschworene Gemeinschaft.
„Ein dummer Jungenstreich“, sagte die freundliche grauhaarige Dame aus Lüdenscheid und stapfte wieder zu ihrem Strandkorb zurück.
„Das muss man doch anzeigen!“ empörte sich ihre Nachbarin, die strickend in ihrer Burg sitzen geblieben war und jetzt die Beine in den beigefarbenen Bleylehosen kämpferisch von sich streckte. „Aber wenn man mal einen Strandwärter braucht, ist natürlich wieder keiner da. Die machen doch immer nur Mittagspause!“ Ihre Stricknadel stach in die Luft.
„Unerhört!“ pflichtete ihr Mann ihr bei, der damit beschäftigt war, mit einem Brett seinen eigenen Wall makellos glatt zu klopfen.
Und refrainartig wiederholte sich vielstimmig der Satz: „Das hat es früher nicht auf Langeoog gegeben!“
Montag
Dunkel, dunkel am Meer. Nur das Rauschen der Flut war zu hören. Hand in Hand lief das junge Paar über den Steg zum Burgenstrand hinunter. Eine laue Sommernacht. Von „Düne 13“, der Jugendkneipe, wehte Musik herunter.
Am Strand drängten sich die Körbe wie eine Herde dunkler Tiere, stumm und regungslos im Mondlicht. Die beiden jungen Menschen stolperten durch den hohen Sand, steuerten einen Korb an, ließen sich auf das Plastikpolster fallen, das schon feucht war von der nächtlichen Kühle, die von der See hochstieg. Er legte die Arme um ihre Schultern, drückte sie an die Seitenwand des Korbs, suchte ihren Mund mit seinem – als sie plötzlich aufschrie, aufsprang wie von einer Qualle gebrannt oder von einem Seeigel gestochen, und ihn wegschob: „Hier liegt was! Au, verdammt noch mal!“
Beide beugten sich über den dunklen Innenraum des Korbs. Vorsichtig tastete er den Sitz ab.
„Eine Spritze!“
„Das kann doch nicht wahr sein! Das gibt es doch nicht! Verdammte Sch ... !“
Junkies am Strand. Womöglich noch Aids. Blanker Horror. Und das auf Langeoog. Das gab es doch gar nicht.
„Hast du dich gestochen?“ fragte er besorgt.
„Klar. An der Hand. Meinst du, ich mache aus lauter Spaß so ein Theater?“
„Blutet es?“
„Ein bisschen.“ Sie hielt den Finger schon im Mund und lutschte daran. „Komm bloß weg hier, wer weiß, was hier sonst noch für Dreck rumliegt. Das ist ja lebensgefährlich!“
Von oben wehten immer noch Musikfetzen herüber. „I’ve got you under my skin ...“ Die beiden rannten zurück, zurück zu „Düne 13“, wo jetzt gerappt wurde, sehr laut und einladend, trotz alledem.
Dienstag
Ein Dienstag wie alle Dienstage. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Und das seit Jahrzehnten, jedenfalls in der Saison. Am Dienstag steht Dünensingen auf dem Programm. Da versammeln sich die Eltern und Großeltern, die alle schon am Dünensingen teilgenommen haben, als sie selbst Kinder waren, mit ihren Babys und Kleinkindern in den Dünen unterm Wasserturm, und der Kantor der evangelischen Inselkirche singt mit ihnen. Er spielt Akkordeon dabei, Schifferklavier sagte man früher, und Erinnerungen werden wach. „Der Mond ist aufgegangen“, „What shall we do with the drunken sailor“, „Wenn die bunten Fahnen wehen“, „Guten Abend, Gut’ Nacht“ ... So war es immer, und so soll es auch bleiben.
Die Kinder, die hier mit ihren Eltern sitzen, werden immer jünger, immer früher wollen sie nichts mehr wissen vom deutschen Volksliedgut, hören stattdessen Pop und Rap und Hip-Hop. Aber solange sie hier in den Dünen sitzen, auf dem Schoß ihrer Eltern, ist die Welt noch heil. Dünensingen bedeutet Papa und Mama, Oma und Opa, Dünensingen bedeutet Familie. Von wegen Scheidungswaisen und wachsendes Gewaltpotenzial, von wegen No future, Null Bock und so weiter. Wer hier mitsingt in Papas oder Mamas Armen, ist behütet, hört das Meer von fern rauschen, spürt den Sand unter den nackten Zehen und wie der Strandhafer piekt, sieht die Sonne untergehen wie einen leuchtenden Ball im Westen und blickt dem Mond ins immer gleiche gleichmütige Gesicht, während man singt, dass der Mond aufgeht und so bleich und nur halb zu sehen ist, und die deutschen Volkslieder hört, von denen die meisten, für ausländische Ohren jedenfalls, die den Text nicht verstehen, von Weihnachtsliedern nicht zu unterscheiden sind. „Behüt uns Gott vor Strafen / und lass uns ruhig schlafen / und unsern kranken Nachbarn auch.“
Ein Dienstag wie jeder andere in der Saison. Die größte Sorge war seit jeher das Wetter, doch an diesem Dienstag war Kantor Wolfgang Moll dieser Sorge enthoben. Den ganzen Tag hatte die Sonne vom wolkenlosen Himmel gelacht. Temperatur 21 Grad, fürs Dünensingen ideal. Wolfgang Moll machte sich bereit zu gehen, packte sein Akkordeon in den Akkordeonkasten, steckte die Thermosflasche mit Kräutertee ein, den er brauchte, um die Stimmbänder geschmeidig zu halten. Denn die Abendkühle könnte ihm auf die Stimme schlagen, und am nächsten Sonntag würde er schon wieder den Ton im Kirchenchor angeben müssen. Und als er gerade auf dem Weg von seiner Wohnung hinüber zum Fahrradschuppen war, klingelte das Telefon. Es hörte nicht auf, es klingelte beharrlich weiter. Obwohl es Zeit wurde für ihn, es war fünf vor acht, lief er zurück, nahm den Hörer ab und meldete sich.
„Hallo.“ Eine männlich klingende Stimme, seltsam belegt, als ob sie eine dicke Watteschicht durchdringen müsste. „Ich muss Ihnen etwas Wichtiges mitteilen. Sie sind doch der Kantor, der das Dünensingen leitet? Hören Sie gut zu!“
Etwas an dieser Stimme jagte dem Kantor Angst in die Knochen, so dass ihm die Knie zitterten.
„Heute Abend geht eine Bombe hoch“, sagte die Stimme wie von weit her. „Beim Dünensingen. Haben Sie verstanden? Eine Bombe. Beim Dünensingen!“ Ganz sachlich hatte sich das angehört. Nüchtern. Und doch grauenerregend. Es klickte. Aufgehängt.Wolfgang Moll starrte auf den Hörer in seiner Hand. Eine Bombe. Das Wort hatte er gehört, doch nichts begriffen. Bis es ihm dämmerte. Der Nebel in seinem Kopf sich lichtete. Kinder, Eltern, Menschenmassen im Dünensand. Eine Bombe!
Er wählte eine Nummer. Nichts. Niemand antwortete. Mit fliegenden Fingern wählte er eine andere. 110, Notruf. Feuerwehr. „Eine Bombe! Beim Dünensingen!“
Es dauerte eine Ewigkeit, bis endlich die Sirene zu hören war und Motorenlärm.
Tjaden, übernehmen Sie!
„Hören Sie, Tjaden, da muss was geschehen! Auf der Insel ist der Teufel los!“ Kriminalrat Ebbo Geerken war erregt. Sein Gesicht war schon gefährlich rot angelaufen, auf der rechten Stirnseite trat eine dicke Ader hervor. Höchste Alarmstufe! Auf der Polizeiwache in Wittmund war die Spannung mit Händen zu greifen. „Die Leute reisen schon ab, Tjaden. Wenn sich das herumspricht! Die Insulaner wissen sich keinen Rat mehr. Die leben doch von den Gästen. Mensch, Tjaden – das wissen Sie doch am besten!“
Und ob Onno Tjaden das wusste. Seine Mutter hatte ihn längst angerufen und ihm alles erzählt. Mutter Antje mit dem unendlichen Redefluss, seine Mutter, der die Wörter und Sprüche nie ausgingen, komme was wolle. Er wusste längst, dass die Feuerwehr angerückt war und wie sie die Leute per Lautsprecher aus den Dünen geholt hatten („Verlassen Sie unverzüglich die Dünen, es besteht kein Grund zur Beunruhigung! Bewahren Sie Ruhe und kommen Sie unverzüglich aus den Dünen heraus!“). Er hatte gehört, wie die Kinder geschrien hatten und die Eltern mit ihnen weggerannt waren wie die Hasen – eine Bombe auf Langeoog, eine Bombe beim Dünensingen, während der Mond gleichmütig geglotzt und kein Wald schwarz und schweigend gestanden hatte, aber alle plötzlich den kalten Abendhauch gespürt hatten.
Er wusste längst, dass Knut Leiß von der Freiwilligen Feuerwehr und Hillrich Jansen, einer der drei Ortspolizisten, alle Papierkörbe in der Nähe untersucht hatten, und wie Knut Leiß ein unheimliches Ticken im Abfallkorb nahe dem Dünenaufgang zur Badeanstalt, Abschnitt C, entdeckt hatte, wie sie endlich, als alle evakuiert waren und die Gegend um den Wasserturm herum menschenleer war, einen Experten vom Festland per Seenotrettungskreuzer hatten herbeischaffen oder per Hubschrauber hatten einfliegen lassen wollen, aber als der Sprengstoffexperte offenbar aushäusig war am späten Abend, da hatte Knut Leiß – ein aufrechter Mann – „Wat mutt, mutt“ gesagt und war schon drauf und dran gewesen, in den Papierkorb zu fassen und dem Ticken ein Ende zu machen, doch war er von seiner Frau flehentlich davon abgehalten worden („Das hättest du sehen sollen, wie die Elke ihn angefleht hat“! ), aber dann, als das Ding endlich losrasselte, Punkt 12 Uhr Mitternacht, da hatte Knut Leiß sich ein Herz und in den Papierkorb gefasst, den Kasten gegriffen, den Deckel aufgemacht und einen altmodischen Wecker gefunden, so einen knallroten, der auf zwei Beinen steht, mit großem Zifferblatt, kräftigen Zeigern und zwei Metallarmen, die so lange gegen zwei glänzende Metalldeckel hämmern, bis sie nicht mehr können. Und das war’s.
Seine Mutter hatte ihm auch all das andere erzählt, sie erzählte leidenschaftlich gern am Telefon, was sie bewegte und was auf Langeoog passiert war. „Ist doch schließlich deine Heimat, Junge!“ Eine schreckliche Woche sei es gewesen. Strandburgen von Vandalen zerstört, tote Vögel in den Körben, Blut unter der Dusche ... „War zwar nur ein Farbbeutel, aber stell dir den Schock vor, den die arme Frau gehabt hat, ich kenn’ sie, die kommt seit dreißig Jahren zu Jansens Am Lütjen Pad, aber jetzt ist sie auf der Stelle abgereist, das kann ihr doch keiner verdenken! Und die Spritzen in den Strandkörben, die noch auf dem Festland untersucht werden, ob vielleicht AIDS-Viren dran kleben, nun stell dir das mal vor! Und obendrauf noch die Bombe beim Dünensingen – das geht so nicht weiter!“
Wer hatte das gesagt? Mutter Antje oder der Kriminalrat? Die Stimme seiner Mutter wurde von der seines Vorgesetzten überlagert. „Diese Bombendrohung, das ist doch kein Scherz mehr. Da hört der Spaß auf, von dem Telefonterror mit der Lebensmittelvergiftung ganz zu schweigen.“
„Wie bitte?“ Das war ihm neu, davon hatte seine Mutter kein Wort gesagt.
„Das bleibt unter uns, Tjaden. Die Kaufleute drüben haben es noch unter der Decke gehalten, damit ihnen nicht alle Kunden weglaufen. Da kauft doch kein Mensch mehr was, wenn das erst publik wird! Die versorgen sich lieber selber, per Bahn oder aus der Luft oder wie auch immer, aber bloß kein Pfund Butter, keine Konserve mehr aus den Läden vor Ort!“
Selbstversorgung? Manch ein Gast mochte dies angesichts der Preise auf der Insel längst erwogen haben. Die Vorfahren der Insulaner sollten ja See- und Strandräuber gewesen sein, wie manch einer behauptete, der zum „kritischen Hinterfragen“ erzogen worden war.
„Und wie sieht der Telefonterror aus?“ erkundigte sich Tjaden.
„Da ruft jemand an, dreimal hatten wir das nun schon, und sagt, dies und jenes Gläschen mit Babyobst wird vergiftet, wenn sie nicht die Preise heruntersetzen. Ganz knallhart. Von 2,80 auf 1,40 DM wie auf dem Festland.“
„Und? Haben die reduziert?“
„Nein. Die weigern sich. Da könnte ja jeder kommen. Aber jetzt sagt der Anrufer, er will in die Tüten fürs Ostfriesenmüsli auch was reintun. Die stehen überall rum, da kann jeder leicht dran, an diese Tüten. Das war die neueste Meldung von heute früh. Tjaden, Sie müssen rüber. Eh noch Schlimmeres passiert!“
Tjaden schluckte. Das musste ja so kommen. Wenn er schon mal Urlaub hatte. „Aber Maria – meine Frau“, setzte er an. „Das Kind kann jeden Tag kommen!“
„Ja, ich weiß, das ist so mit Kindern, aber Tjaden, da können Sie sowieso nicht viel machen. Wo ist sie jetzt?“
„Hier im Kreiskrankenhaus. Vorzeitige Wehen, liegt am Tropf.“
„Tjaden, die Lage ist ernst. Erpressung, Telefonterror et cetera, das treibt die Leute doch weg wie nix. Weiß man, was so einem Verrückten als Nächstes einfällt?“
„Aber ...“
„Ich bitte Sie, Tjaden, wofür gibt es denn den Seenotrettungskreuzer? Die ‘Hans Glogener’ liegt doch im Langeooger Hafen parat. Da lassen Sie sich vom Krankenhaus schnell per Handy anklingeln und sind sofort zur Stelle, um Ihrer Frau die Hand zu halten, wenn’s losgeht. Ich weiß doch, wie das ist. War bei meiner Frau genauso.“
Tjaden starrte das schwarze Telefon auf dem Schreibtisch seines Vorgesetzten an, als ob es gleich klingeln würde, um ihn in den Kreißsaal zu rufen. Wenn er ehrlich war, drängte er sich gar nicht danach, bei der Sache dabei zu sein. Vielleicht war er zu alt dafür mit seinen 41 Jahren. Die jüngeren Kollegen besuchten mit ihren Frauen sogar die Geburtsvorbereitungskurse bei diesen jungen flotten Hebammen, die gar nicht mehr so patent und stämmig aussahen wie früher. Das Pressen unter den letzten Wehen simulierend, lagen die Männer neben ihren hochschwangeren Frauen, zogen die Beine an den Leib und hechelten mit den werdenden Müttern im Takt – aber dazu hatte Maria ihn nun doch nicht überreden können. Er wäre sich einfach zu lächerlich vorgekommen. Irgendwo war Schluss. Er wollte Maria ja auch nicht dabeihaben, wenn er dienstlich unterwegs war und vielleicht sogar von der Schusswaffe Gebrauch machen musste. Was selten vorkam, zugegeben. Und vielleicht auch etwas ganz anderes war. Natürlich freute er sich auf sein Kind. Aber eigentlich wäre es ihm am liebsten, mit der ganzen Geburtssache nichts zu tun zu haben. Außerdem konnte er Maria nicht leiden sehen.
„Bis zur 34. Woche haben wir’s schon geschafft“, sagte er, und es klang eher hilflos als optimistisch.
„34. Woche? Na, das kann doch noch eine ganze Weile dauern“, entgegnete Kriminalrat Geerken munter. „Also, Sie fahren gleich rüber nach Langeoog. Das nächste Schiff“, er blickte auf die Uhr an der Wand „geht in 20 Minuten. Ich sage dem Kapitän Bescheid, dass er auf Sie wartet. Vergessen Sie Ihre Zahnbürste nicht, und halten Sie mich auf dem Laufenden.“
Ein ganz heißer Tag
Tjaden stand an Deck und biss in eine Bockwurst, dass es knackte. Sie war saftig wie immer und der Senf extrascharf. Immer wenn er quer übers Wattenmeer nach Langeoog fuhr, musste er eine Bockwurst mit Senf essen, das gehörte einfach dazu, ohne die lief gar nichts. Kaum dass er den Fuß aufs Schiff gesetzt hatte, das natürlich „Langeoog“ hieß, ob „Eins“, „Zwei“ oder „Drei“, war gleich, schon lief ihm das Wasser im Mund zusammen, und er musste als erstes die Treppe hinuntersteigen, um sich an der Minikombüse seine Wurst abzuholen. Jetzt schaute er oben der Insel entgegen. Die Sicht war gut, der Wasserturm kam immer näher. Hinter Wolken, die sich breit über dem Watt türmten, schaute ab und zu die Sonne hervor, von Westen wehte ein kräftiger Wind.
Auf dem Schiff lärmten Schulkinder, sie kreischten, wenn sich eine Möwe näherte, und warfen ihr Brotbrocken hin, bis eine tiefe Lautsprecherstimme ihnen das Möwenfüttern verbot, da diese eine besondere Art hätten, sich zu bedanken. Ein Gebrüll war die Antwort. Mussten Kinder so laut sein? Auch Babys schrien hier und da um ihn herum, die Fähre war vollgepackt mit jungen Familien. Halb irritiert, halb gerührt schaute er diese Winzlinge an, die von vorbildlichen jungen Vätern in einem Gestell auf dem Rücken oder in einem Tuch vorm Bauch getragen wurden. Gerade hielt einer dieser Väter seinem Kind, das über ihm thronte, eine Banane entgegen, und das Kind versuchte, seinen winzigen Mund darüber zu stülpen: Fütterung der Raubtiere. Bald würde er selbst auch so dastehen. Hoffentlich. Wenn es ein Junge würde, sollte er Tjado heißen. Alte Familientradition. Sein Vater hieß so, auch sein Großvater hatte so geheißen, und er selbst hieß mit zweitem Namen auch so. Maria war allerdings nicht begeistert davon, bei ihr zu Hause in Paderborn gab es diesen Namen nicht. Da hieß man Dennis oder Patrick, oder aber – wenn man sich zu den gehobenen Schichten zählte – Julian oder Maximilian. Meinolf und Liborius waren inzwischen auch schon out.
Das Schiff legte an, alles strebte zum Ausgang. In Scharen strömten die Urlauber, Kinderwagen schiebend, Rucksäcke und Reisetaschen schleppend, hinüber zu den kleinen bunten Wagen der Inselbahn, die darauf warteten, die ganze Schiffsladung vom Hafen mitten ins Dorf zu befördern. Dann bummelte die Bahn an Wiesen und Urlaubern vorbei. Jetzt das Wäldchen. Holunderwälder, Buschwerk aus Rosen. Rosen für Maria. Wenn es nur schon so weit wäre.
Er stand draußen auf der Plattform, um sich die vertraute Seeluft tief in die Lungen zu holen. Plötzlich roch er etwas, das ihm fremd vorkam. Es gehörte nicht hierher, ein merkwürdiger Geruch. Dann sah er Rauchschwaden über den Dünen aufsteigen. Dunkel quoll es auf und vermischte sich mit den Wolken, die sich dort türmten, wo die See war. Während die Inselbahn langsam an der Straße entlang fuhr, auf der Fahrradfahrer und eine Pferdekutsche, Reiter und Fußgänger sich miteinander zum Hafen und zum Dorf, hierhin und dorthin bewegten, hörte er plötzlich die Sirene der Feuerwehr. Es brannte! Es brannte tatsächlich! Am liebsten wäre er von dem gemächlich zuckelnden Wagen abgesprungenund sofort zur Feuerwache gestürzt, aber er musste abwarten, bis die Inselbahn in den kleinen Bahnhof einlief. Und dort stand kein Dienstauto für ihn bereit, abgesehen von Feuerwehr und Krankenwagen war die Insel autofrei. Und er hatte noch nicht einmal ein Fahrrad!
Tjaden kämpfte sich durch die Masse der Urlauber, die den Bahnhofsplatz überschwemmten, um ins Dorf auszuschwärmen. Als er einer jungen Mutter mit Baby im Buggy ausweichen wollte, stieß ihm etwas schmerzhaft ans rechte Schienbein. Neben ihm rollte eine mittelalte Frau mit dunklem dauergewellten Kopf einen riesigen giftgrünen Schalenkoffer über das Pflaster. Ein typisches Werbegeschenk, dieses Monster. Was sie wohl da mitschleppte von zu Hause? Den halben Kleiderschrank oder Konserven? Möglich war alles. Die Frau entschuldigte sich nicht, sie schien vielmehr auf seine Entschuldigung zu warten und starrte Tjaden nur an, vernichtend. Vernichtend! Diese Dame hatte den Urlaub wohl bitter nötig.
Er sprintete durch die Pferdekutschen hindurch, die vor dem Bahnhof auf Kunden warteten. Gegenüber war ein Fahrradverleih, ein rotgrün gestrichenes Kinderfahrrad thronte als Blickfang über dem Zaun. Er rannte hinüber, griff sich eines der Räder, die an der Hauswand lehnten, warf seine Reisetasche ab, „Komme nachher vorbei – Kripo!“ rief er, ohne sich um das empörte Gesicht der jungen Frau, die ihm entgegengelaufen kam, zu kümmern, und da tauchte sein alter Schulkamerad Heero Heerens auf, der ihm zurief: „Moin, Onno, was machst du denn hier?“, aber er trat schon in die Pedale, hetzte los – die Feuerwehr bog heulend um die Ecke, röhrte und ratterte mitten durch den Ort, wo die Urlauber sich vor den Geschäften drängten, hier war um diese Zeit, am hellen Nachmittag, noch nicht einmal das Fahrradfahren erlaubt, er folgte dem roten Wagen durch die Hauptstraße, am Hospizplatz vorbei, folgte der Sirene, die jetzt, Richtung Heerenhusstraße, links einbog. Über den Heerenhusdünen qualmte es, von hier also stieg der Rauch auf. Tjaden fand sich in einem bunten Gewirr von Buden und Menschen wieder, die Heerenhusstraße feierte ihr sommerliches Straßenfest, Musik dröhnte über den Platz, während die Feuerwehr Schläuche ausrollte, jemand brüllte: „Wasser marsch!“, Tjaden warf das Fahrrad weg, eilte im Laufschritt in die Dünen und stand vor einer Feuerwand. Die Flammen prasselten, knackten, fraßen gierig die trockenen Sträucher, das trockene Gras.
„Brandstiftung?“ fragte jemand.
„Oder Fahrlässigkeit“, sagte Feuerwehrmann Els Wilken, auch er ein Schulkamerad Tjadens. „Da hat wieder jemand ‘nen Zigarettenstummel weggeworfen, so ‘ne Kippe genügt doch schon. Diese dämlichen Urlauber, verdammich noch mal.“
Eigentlich war es gar nicht erlaubt, in die Dünen zu gehen, denn sie hielten die Insel fest, ohne Dünen wäre Langeoog längst weitergewandert, irgendwohin ins Meer. Wie die Nachbarinsel Baltrum, deren Kirche, bevor die Insel mit steinernen Dämmen befestigt worden war, einmal dort gestanden hatte, wo jetzt das Meer wogte, mitten in der Accumer Ee.
„Und? Habt ihr jemanden gesehen?“
„Nee. Natürlich nicht. Abber ...“
„Was – abber?“
Els Wilken wischte sich den Schweiß von der Stirn. Jemand brachte ihm eine Flasche Mineralwasser, die er an den Hals setzte und auf einen Zug fast ganz leerte. Prustend setzte er die Flasche ab. „Da war’n Anruf vorher.“
„Was für’n Anruf? Von wem?“
„Wissen wir nicht. Nur dass er beim Gemeindevorsteher ankam, das wissen wir. Da beschwerte sich einer, dass immer wieder Pärchen in die Dünen gingen. Das wär’ unsittlich, sagte der, widerlich wär’ das. Genau das hat der gesagt: Widerlich! Und jemand hätte heute morgen schon wieder ein Pärchen in den Dünen beobachtet: in den Heerenhusdünen, wohlgemerkt. Da lägen auch überall Kondome rum. Das wär’ ein Skandal. Und sie sollten aufpassen, das würde ein heißer Tag. Das hat er gesagt: Ein ganz heißer Tag. Passen Sie bloß gut auf!“
Das Feuer war gelöscht, aber es hatte fast die ganze hohe Düne geschwärzt. Trotzdem dröhnte die Musik immer weiter. Die Schaulustigen umlagerten längst wieder die bunten Stände, die entlang der Straße aufgebaut worden waren. Die Kinder waren zum Eierlaufen, zum Sackhüpfen und in die Schminkecke zurückgekehrt, die Erwachsenen hielten sich an ihren Biergläsern fest, und die Sonne schaute hinter einer dicken dunklen Wolke hervor und stach. Der Wind verebbte, plötzlich regte sich kein Lufthauch mehr. Für einen Augenblick hielt die Insel den Atem an, und es roch nach Brand.
Watt’n Friede
Tjado Tjaden stand vor seinem Haus und schnitt die Ligusterhecke. Auf seine alten Tage war er unter die Gartenkünstler gegangen: Er schnippelte an einer Seeschlange herum, die mit aufgerissenem Maul und wellenförmigem, gleichsam züngelndem Schwanz sich um „Haus Wattfried“ herumwand. Früher war Tjado Tjaden Kapitän auf einem Handelsschiff gewesen, und weit war er auf den Weltmeeren herumgekommen. Das Ungeheuer, das ihn früher in der Tiefe der See bedroht hatte, sollte jetzt, in Liguster gebannt, sein Haus auf der Insel schützen. Tiefenpsychologie, dachte Onno. Sein liebstes Fach auf der Polizeischule war Psychologie gewesen.
„Moin, Junge!“ begrüßte ihn sein Vater.
Hier in Ostfriesland sagte man den ganzen Tag über „Moin“, egal ob es Morgen, Mittag oder Abend war. Fremde lachten darüber, auch Maria hatte darüber gelacht, dabei war es ein Wort, das man mit den Holländern gemeinsam hatte und das einfach nur „schön“ hieß. Einen „schönen Tag“ wünschte man sich.
„Wie geht’s Maria?“ Tjaden senior mochte seine Schwiegertochter, weil sie als flotte Paderbornerin frischen Wind in die Inselfamilie gebracht hatte.
„Sie liegt in Wittmund am Tropf. Das Kind muss gehalten werden.“
„Na ja, Junge, wird schon gut gehen. Bei Mutter ist es auch immer gut gegangen. Und das waren noch andere Zeiten.“
Onno hatte noch zwei jüngere Schwestern. Helke, die Ältere, war auf Langeoog geblieben. Ihr Mann Udo war staatlich geprüfter Wattführer, Helke unterrichtete an der Inselschule, und natürlich vermieteten beide auch an Feriengäste. Fenna, die Jüngste, war die kleine Rebellin der Familie. Sie wohnte in einer WG in Oldenburg und studierte Germanistik. Aber nicht auf Lehramt, verkündete sie immer.
„Du wohnst doch bei uns Junge, nicht?“ sagte seine Mutter, zündete das Teelicht im Stövchen an und goss Tee ein. In der Tasse mit der ostfriesischen Rose knisterte der Kandis, wölkte Sahne.
„Aber ihr habt das Haus doch voll!“ vermutete Onno.
„Haus Wattfried“ war wie immer in den Sommermonaten mit Feriengästen gefüllt. Sogar im elterlichen Schlafzimmer waren sie einquartiert. Die Eltern schliefen unterdessen in einem kleinen Gästezimmer im Keller. „Souterrain“, sagte seine Mutter dazu, aber eigentlich war es nichts als ein Kellerraum. „Haus Wattfried“ stand in grünen Lettern am Haus. Dabei ging es hier gar nicht immer friedlich zu, es war mehr eine Beschwörungsformel.
„Also du wohnst bei uns“, wiederholte seine Mutter und schob ihm den Kuchenteller hin: Butterkuchen vom Blech. „Und dann kannst du mir gleich mal dein Hemd dalassen, zum Bügeln. Du siehst ja aus ... Na ja, wie so’n Strohwitwer eben.“
Tjaden griff nach der Rumflasche, die auf dem Büffet stand. Sie saßen in der Wohnküche, wo seine Mutter den Gästen immer das Frühstück richtete, der letzte Raum, der nicht vermietet war.
Er drehte am Verschluss der Flasche.
„Trink nicht so viel“, sagte Mutter Antje und strich ihm liebevoll über den Kopf. „Mein Gott, was siehst du schlecht aus! So spitz um die Nase herum. Zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf. Du bist ja richtig davon ab! Hier kannst du dich erst mal ausschlafen. Zur Ruhe kommen!“
Er musste grinsen. „Also Mutter, du weißt doch, was los ist. Ich bin dienstlich hier!“
„Ach ja, natürlich.“ Seine Mutter schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen, dass sie ja nun doch allmählich etwas „tüdelich“ wurde. „Wenn du mich fragst, das ist irgend so ein Verrückter. Total frustriert muss der sein. Einer, der keine Frau abbekommen hat. Impotent oder so.“
Er staunte über seine Mutter. In seiner Jugend hätte sie dieses Wort nie in den Mund genommen, schon gar nicht in seiner Gegenwart. Aber auch die Insulaner gingen eben mit der Zeit. „Impotent, sage ich“, wiederholte sie unbeirrt. „Oder einer, der Aids hat. Sieht man doch jeden Tag im Fernsehen. Und dieses eklige Zeug mit den Spritzen ... Aber das kommt natürlich alles vom Fernsehen. Die bringen die Leute doch erst richtig auf Gedanken! Da ist doch nichts anderes mehr drin als Sex und Mord und Totschlag. Ich seh’ ja nie fern, höchstens wenn so’n alter Film kommt aus den fünfziger Jahren und so. Aber unser Vater – der ist vom Fernsehen gar nicht mehr wegzuschlagen!“
„Wo soll ich denn schlafen?“ unterbrach Onno den Redefluss seiner Mutter. Wenn sie sich einmal ereiferte – und sie ereiferte sich gern – fand sie kein Ende mehr.
„Na, hier auf dem Sofa. Was anderes haben wir ja nicht frei, weißt du doch. Ist doch Hochsaison.“
Stumm betrachtete er den Grund seiner Teetasse. Draußen kamen die Feriengäste vom Strand zurück. Ein Baby schrie, schrie lauthals. Zwei andere Kinder zankten sich, und ihr Geschrei wurde noch von den Stimmen der Eltern übertönt, die ihre Kinder ermahnten, nun bitte endlich still zu sein, still und friedlich. Wie es sich für “Haus Wattfried“ gehörte. „Watt’n Friede“, sagte Maria immer, die nicht umsonst aus Ostwestfalen kam. „Hier kannst du doch mal richtig zur Ruhe kommen“, sagte die Mutter. „Du hast es nötig, das sieht man dir doch an!“
„Ich muss erst mal zu Ekki Behringer“, antwortete er.