Cover

ZUM BUCH

Olivia Townsends reiche Cousine Marissa hat alles, was man sich nur wünschen kann – sie hat ihren Traumjob gefunden, der sie erfüllt, führt ein Leben voll Glanz und Glamour und ist überall beliebt. Zumindest bei allen, deren Freundschaft für Geld zu kaufen ist.

Doch eines Tages gerät Marissas heile Welt durch eine Verwechslung aus den Fugen, und sie landet schließlich in den Armen des heißesten, aber auch gefährlichsten Mannes, der ihr je begegnet ist. Er ist für Marissa ein Buch mit sieben Siegeln; gleichzeitig fühlt sie sich magisch von ihm angezogen und kann ihm einfach nicht widerstehen.

Mit ihm offenbart sich ihr eine ganz neue Welt: eine lustvolle und freie Welt, in der jedoch viele dunkle Geheimnisse lauern und nichts wirklich ist, wie es scheint. Nur eines weiß Marissa sicher: Der leidenschaftliche Rausch macht sie blind, und sie kann nicht entkommen – vielleicht nicht einmal überleben …

DIE AUTORIN

Die New York Times und USA Today-Bestsellerautorin Michelle Leighton wurde in Ohio geboren und lebt heute im Süden der USA. Sie verfügt bereits seit ihrer frühen Kindheit über eine lebhafte Fantasie und fand erst im Schreiben einen adäquaten Weg, ihren vielen Ideen Ausdruck zu verleihen. Mittlerweile wurden zahlreiche Romane von ihr veröffentlicht. Bedingungslos ist der dritte Band der ADDICTED TO YOU-Serie.

LIEFERBARE TITEL

Atemlos

Schwerelos

M. LEIGHTON

ADDICTED TO YOU

BEDINGUNGSLOS

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Kerstin Winter

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

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Die Originalausgabe Everything For Us,
erschien 2012 bei The Berkley Publishing Group, New York.


Vollständige deutsche Erstausgabe 09/2014

Copyright © 2012 by M. Leighton

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Anita Hirtreiter

Covergestaltung: Nele Schütz Design
unter Verwendung von shutterstock/KaiMook Studio 99 (Glitzer), kiuikson

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-13249-1
V005


www.heyne.de

Meinem Gott.

Ohne dich gäbe es weder Inspiration

noch Davenport-Jungs.

N

1

NASH

Der Traum ist immer derselbe. Am Anfang steht das Gefühl, dass ich etwas Schweres absetze. Dadurch weiß ich, was kommt. Ich schaue an mir herab und sehe, wie meine Hände die Proviantkiste loslassen, die ich getragen und auf den ausgebleichten Planken des Bootsstegs abgestellt habe.

Ich richte mich auf, nehme mein Handy aus der Tasche und drücke mit dem Daumen auf die Taste, die den Bildschirm aufleuchten lässt. Ich rufe die Kamera-App auf und halte das Telefon ganz nah vor mein Gesicht, bis ich das Mädchen mittig im Rahmen des beleuchteten Rechtecks sehen kann.

Es liegt auf dem Deck einer Jacht, nicht weit entfernt. Das Boot schwankt leicht. Es ist ein prächtiges Boot, aber es ist nicht das, was mich im Augenblick interessiert. Mich interessiert die Kleine. Sie ist jung, blond und sonnt sich oben ohne.

Die Haut glänzt vom Sonnenöl, die festen, runden Brüste schimmern im Licht. Sie passen wunderbar in eine Männerhand, locken mich und wollen liebkost werden, bis ihre Besitzerin stöhnt. Ein leichter Wind erhebt sich, und obwohl es warm ist, richten sich ihre Nippel auf. Sie sind prall und rosa, und mein Schwanz beginnt zu pochen.

O Mann, ich liebe den Jachthafen.

Jemand stößt mich an der Schulter an, und das Mädchen rutscht aus dem Rahmen des Suchers. Ich wende mich um und starre den alten Mann, der das Pier hinuntertrottet, wütend an. Nur mit Mühe verkneife ich mir eine scharfe Bemerkung. Cash hätte diese Probleme nicht. Cash verkneift sich niemals etwas. Doch ich bin nicht Cash.

Ich lasse den alten Mann ziehen und wende mich wieder der Jacht – der Kleinen mit dem großartigen Vorbau – zu. Aber bevor ich sie wieder im Sucher habe, erregt etwas anderes meine Aufmerksamkeit.

Am Ende des Wegs am Ufer steht ein Mann. Er lehnt lässig an der Rückwand eines kleinen Schuppens, in dem die Leute, die hier im Hafen anlegen, Grundnahrungsmittel und Gas kaufen können. Eigentlich benimmt sich der Mann ganz unauffällig, irgendetwas stimmt allerdings mit seiner Kleidung nicht. Er hat eine Stoffhose an, wie man sie zum Anzug trägt. Und er zieht etwas kleines Rechteckiges aus seiner Tasche. Es sieht eigentlich aus wie ein Handy. Ist es aber nicht. Durch die Vergrößerungsfunktion meiner Kamera erkenne ich, dass es sich um ein schwarzes Kästchen handelt. Ein schwarzes Kästchen mit einem roten Knopf.

Ich sehe noch, wie sich sein Daumen über diesen Knopf schiebt, dann trifft mich plötzlich etwas mit solch einer Wucht, dass es mich von den Füßen reißt und ich rückwärts ins Wasser hinter mir plumpse.

Dann nichts mehr.

Ich weiß nicht, wie viele Minuten, Stunden, Tage ich bewusstlos bin, als ich mit dem Gesicht nach oben im Wasser treibend erwache, weil mein Kopf immer wieder gegen einen mit Seepocken überzogenen Pfeiler stößt.

Mühsam zwinge ich meine schmerzenden Glieder in Bewegung und drehe mich auf den Bauch. Steif schwimme ich auf eine der Leitern zu, die in gewissen Abständen zum Steg hinaufreichen. Tropfend steige ich aus dem Wasser und sehe mich benommen um, um herauszufinden, was die Explosion erzeugt hat, durch die ich ins Wasser geschleudert wurde.

Als ich zum Steg blicke, an dem der Schoner meiner Familie gelegen hat, entdecke ich eine Ansammlung von Menschen. Mein Verstand braucht gute dreißig Sekunden, um zu interpretieren, was ich sehe: eine leere Anlegestelle, brennendes Holz auf dem Steg, zerborstenes Bootsmobiliar im Wasser. Qualm. Viel Qualm. Schockierte Stimmen. Und fernes Sirenengeheul, das näher kommt.

Und dann fahre ich wie immer aus dem Albtraum hoch. Ich bin schweißgebadet und atme schwer, wie immer, und mein Gesicht ist tränennass. Ich habe diesen Traum so lange nicht mehr geträumt, dass ich vergessen habe, wie verzweifelt, wie niedergeschmettert und wie … wütend ich danach immer bin.

Nun weiß ich es wieder. Und zwar genauer, als mir lieb ist. Dieser Traum gießt nur Öl ins Feuer.

Ich setze mich im Bett auf und ringe um Luft. Ein Schmerz jagt mir durch die Seite und erinnert mich daran, was gestern geschehen ist. Alles stürzt wieder auf mich ein und schürt meinen Zorn.

Bis eine schmale, kühle Hand meine Schulter berührt. Ich drehe mich um und sehe Marissa, die sich hinter mir auf einen Ellenbogen stützt und mit verschlafenem Blick zu mir aufschaut. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, werden all die Bitterkeit, all der Zorn und die aufgestaute Aggression in reine Lust kanalisiert. Das Bedürfnis, etwas ganz für mich zu beanspruchen und mich darin zu verlieren, überlagert plötzlich alles andere, und ich stürze mich ohne zu zögern darauf. Buchstäblich.

Ich drehe mich um, greife nach ihr und drücke ihren warmen Körper in die Matratze. Sie keucht auf, als meine Lippen sich auf ihre drücken. Ich schlucke den Laut, ihre Furcht, ihr zögerliches Begehren und nähre damit das Tier, das in mir steckt und hinaus will.

Meine Zunge dringt in ihren Mund. Sie schmeckt süß wie Honig. Ich dränge mein Knie zwischen ihre Beine, und sie öffnen sich, sodass ich mich zwischen sie schieben kann.

Erst als ich meine Hand unter den Saum ihres T-Shirts schiebe, spüre ich, dass sie sich versteift hat. Ich hebe den Kopf und sehe sie an. Ihre Augen sind geweitet. Vor Überraschung? Oder vor Angst?

M

2

Marissa

Nash lässt von mir ab, bevor ich mich in ihm verlieren kann. Gerade noch rechtzeitig. Alles andere wäre schlimm gewesen.

Oder?

Ich halte den Atem an, als er auf mich herunterschaut. Sogar im trüben Licht kann ich sehen, wie sein Blick sich klärt. Etwas hat ihn gerade in den Fängen gehabt. Und etwas in mir hat es gefallen, was ganz und gar untypisch für mich ist. Aber seit ich entführt wurde, ist ohnehin nichts mehr, wie es einmal war. Wieso sollte dieser Moment hier eine Ausnahme sein?

Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob mein Leben jemals wieder wie früher sein wird. Und ob ich das überhaupt will.

Ich bin ein bisschen enttäuscht, als Nash sich von mir hebt, sich neben mir wieder auf den Rücken fallen lässt und einen Arm über die Augen legt.

»Du solltest dich am besten von mir fernhalten.« Seine Stimme klingt tief und grollend in der Dunkelheit.

»Ich weiß«, sage ich ehrlich. Und so ist es tatsächlich. Er hat recht. Ich sollte mich unbedingt von ihm fernhalten. Aber ganz tief in meinem Inneren, wo etwas geweckt wurde, von dessen Existenz ich bisher noch nichts wusste, weiß ich ebenso, dass ich es nicht tun werde. Nicht tun kann. Ich fühle mich so stark zu ihm hingezogen, als ginge es um Lebensnotwendiges wie Luft oder Wasser. Ich habe keine Ahnung wieso, und es kommt mir fast lächerlich vor, doch ich bin klug und vernünftig genug, um es mir selbst gegenüber einzugestehen und zu begreifen, dass ich mich damit auseinandersetzen muss. Die Frage ist nur – wie?

Nach ein paar Sekunden Stille nimmt Nash den Arm von seinem Gesicht, dreht den Kopf und starrt mich an. »Was zum Henker hast du dann noch hier zu suchen?«

Ich blicke in seine vor Zorn funkelnden Augen und kann mich einfach nicht dazu durchringen, aufzustehen und zu gehen. Trotz der Gefahr, die er, wie ich genau weiß, mit sich bringt. Ich kann nicht. Noch nicht jetzt, jedenfalls.

»Ich brauche dich«, sage ich schlicht. Und es stimmt. Er beschützt mich. Er gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.

Nash macht den Mund auf, als wolle er etwas sagen, tut es aber dann doch nicht. Er schaut mich nur an, und seine eisigen Augen scheinen direkt in mich hineinzusehen. Sie sind denen von Cash – denen von Nash, den ich zu kennen glaubte – so ähnlich und doch vollkommen anders.

Wie alles, was mit Nash zusammenhängt, anders ist, als ich es kenne.

Nach einer langen Weile sagt er: »Dich auf mich einzulassen bedeutet nur Ärger.«

»Ich weiß.«

Wieder entsteht eine lange Pause.

»Und nachher wirst wahrscheinlich du diejenige sein, die darunter leidet.«

Ich schlucke. Mir ist klar, dass er recht hat, aber es ausgesprochen zu hören, ist etwas ganz anderes. »Ich weiß«, gebe ich zu.

»Auf jeden Fall kannst du nicht sagen, ich hätte dich nicht gewarnt.«

»Ich weiß«, wiederhole ich und frage mich unwillkürlich, ob ich außer meinem Verstand auch mein Vokabular verloren habe. Nachdem er mich noch eine Weile wortlos angestarrt hat, rollt er sich vorsichtig auf seine nicht verletzte Seite. »Rutsch rüber«, sagt er barsch.

Keine Ahnung, warum ich tue, was er von mir will. Insgeheim bin ich mir sicher, dass ich tatsächlich den Verstand verloren habe. Anders kann es wohl nicht sein.

Ich liege mit dem Rücken zu ihm auf der Seite und schiebe meine zusammengelegten Hände unter meine Wange. Mein Verstand wird überschüttet von Fragen, auf die ich keine Antworten habe, von Bildern, die aus der Finsternis kommen. Als mir mulmig wird und ich in Panik gerate, legt Nash plötzlich einen Arm über meine Taille, zieht mich zu sich und hält mich an seinem Körper fest. Er tut es grob, fast widerstrebend. Es fühlt sich weniger so an, als wolle er mir ein Gefühl von Geborgenheit geben, sondern als sei er es, der schließlich einknickt und sich den nötigen Trost verschafft. Vermutlich verweigert er sich normalerweise der Gefühle anderer. Er ist ein Einzelgänger, der auf einer einsamen Insel gestrandet ist und dort seinem Zorn und seiner Bitterkeit freien Lauf lässt. Er muss gerettet werden. Er weiß es nur noch nicht.

Doch was immer dahintersteckt, das Ergebnis bleibt gleich. Der Gedanke, dass er mich genauso brauchen könnte, wie ich glaube, ihn zu brauchen, verstärkt die Wirkung sogar noch: Sofort kommt mein Verstand zur Ruhe und die Panik lässt nach. Und das ist der Moment, in dem ich begreife, dass er mir tatsächlich Ärger machen wird. Und dass das kein Grund ist, mich von ihm fernzuhalten. Nichts wird das bewirken.

Keine Ahnung, warum.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlage, blitzt Sonnenlicht unter den Säumen meiner Vorhänge hervor. Ich lausche den Geräuschen um mich herum.

Nashs Atem ist tief und gleichmäßig, und ich spüre ihn an meinem Hals. Ein Schauder rinnt mir das Rückgrat herab, als ich mir seines harten Körpers an meinem Rücken bewusst werde.

Ich habe keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Noch nie habe ich derart auf einen Mann reagiert, nicht einmal annähernd, und dabei war ich mit seinem Bruder zusammen!

Trotzdem war es nicht … so. Das hier ist mehr. Etwas Ungezähmtes. Etwas … anderes.

Ich höre das Klicken einer zufallenden Tür. Es klang wie Olivias Zimmer. Einer von beiden scheint auf zu sein.

Olivia.

Beim Gedanken an Olivia überkommt mich erneut das schlechte Gewissen. Wieso sie so gut zu mir ist und derart viel riskiert hat, um mich zu retten, nachdem ich sie so mies behandelt habe, kann ich nicht nachvollziehen. Am liebsten würde ich etwas tun, um mir so viel Großherzigkeit zu verdienen, obwohl ich fürchte, dass ich es ohnehin niemals schaffen kann.

Ich habe eine Idee, also rücke ich vorsichtig von Nash ab, schlüpfe aus dem Bett und tappe barfuß in die Küche. Erfreut sehe ich, dass Olivia den Kühlschrank gut bestückt hat, während ich fort war. Ich hole Eier aus dem Fach in der Innentür, dann mache ich die Tiefkühlklappe auf und nehme Hacksteaks und Rösti heraus. Ich lege alles auf die Küchentheke, hole eine Schüssel aus dem Schrank und stelle drei verschieden große Pfannen auf den Herd. Zufrieden krempele ich meine Ärmel hoch und mache mich daran, für uns alle ein Frühstück zuzubereiten.

Ein Räuspern hinter mir lässt mich zusammenfahren.

In der Erwartung, Olivia in der Tür stehen zu sehen, drehe ich mich um. Mein strahlendes Lächeln lässt bedeutend nach, als ich stattdessen Cash dort lehnen sehe.

»Was machst du denn da?«

»Frühstück«, sage ich und gebe mir größte Mühe, meine Stimme von Sarkasmus frei zu halten. »Wonach sieht’s denn aus?«

»Du kannst doch nicht kochen«, sagt er ohne Umschweife.

»Tja, es ist nie zu spät, es zu lernen.« Ich wende mich ab und konzentriere mich darauf, die Eier in die Schüssel zu schlagen.

»Spar dir die Show, Marissa. Im Augenblick sind hier nur du und ich, und mir kannst du nichts vormachen. Nicht vergessen – ich kenne dich ziemlich gut.«

»Vielleicht hast du mich mal gut gekannt, sofern zwei Leute wie du und ich sich kennen können. Aber das war in der Vergangenheit. Inzwischen hat sich etwas verändert.«

»Oh, tatsächlich?« Er tut so, als sei das vollkommen unmöglich. Und das macht mich wütend.

Ich fahre zu ihm herum und richte meinen Quirl anschuldigend auf ihn. »Tu bloß nicht so, als seiest du besser als ich. Du hast jeden, den du kanntest – jeden, den du Freund oder Kollege genannt hast – belogen. Du hast mich benutzt, um dir eine Stelle in der Kanzlei meines Vaters zu verschaffen, du hast ohne Skrupel getan, was immer nötig war, um deine Ziele zu erreichen. Kehr jetzt ja nicht den Unbescholtenen raus. Vergiss nicht, dass auch ich dich ziemlich gut kenne.«

Dass er keinesfalls betroffen wirkt, macht mich nur noch wütender. »Vielleicht. Aber das war nicht mein echtes Ich. Das hast du nie kennengelernt. Du hast nur das gesehen, was ich dich sehen lassen wollte. Die Person, die ich für alle Welt gespielt habe.«

»Denk doch, was du willst. Und wenn du meinst, du könntest das, was du getan hast, einfach so rechtfertigen – meinetwegen. Eigentlich ist es mir egal, ob du mich verurteilst. Ich bin nur Olivia etwas schuldig. Solange ich ihr beweisen kann, dass ich nicht nur ein Biest bin, ist es mir vollkommen schnuppe, was du von mir hältst.«

Und damit kehre ich ihm den Rücken zu. Ich ramme den Schneebesen in die Schüssel mit rohen Eiern und quirle, was das Zeug hält.

Was mich aber am wütendsten macht, ist die Tatsache, dass Cash recht hat. Ich habe keine zweite Chance verdient. Ich habe nicht verdient, dass man an mich glaubt oder mir vertraut. Jeder weiß, was für ein Mensch ich war. Ich habe überall einen schlechten Eindruck hinterlassen, und vermutlich habe ich allen für immer ein falsches Bild von mir vermittelt.

Aber ich kann es wenigstens versuchen. Ich gebe nicht einfach auf. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem mir nur noch wenige Meinungen wichtig sind, und auf die werde ich mich konzentrieren.

Ich höre das Tappen von Cashs nackten Füßen, als er die Küche verlässt. Dann bleibt er allerdings noch einmal stehen, und ich höre auf zu quirlen und warte ab.

»Was passiert ist, tut mir leid, Marissa«, sagt er leise. »Diese verdammte Geschichte betrifft nur meine Familie, und du hättest nicht reingezogen werden dürfen. Das hat niemand verdient. Nicht einmal jemand wie du.«

Ich antworte nicht, rege mich nicht, wende mich ihm nicht noch einmal zu. Er wartet eine Weile auf eine Antwort, doch als nichts kommt, geht er schließlich. Ich versuche zu ignorieren, wie sehr mich seine offensichtliche Abneigung kränkt. Es ist eigentlich nicht wichtig, was er von mir hält, aber es trifft mich doch, dass andere eine derart schlechte Meinung von mir haben. War ich wirklich so ein Miststück?

Bevor ich mich weiteren selbstverachtenden Gedanken hingeben kann, höre ich eine andere Stimme hinter mir.

»Mach dir nichts draus, Marissa.« Diesmal ist es Olivia, die im Türrahmen steht, als ich mich umdrehe. Sie sieht zerzaust und verschlafen aus – und wie immer lieb und freundlich. Dennoch ist es mir peinlich, dass sie seine Bemerkung gehört hat. »Heute Morgen ist er wie ein Bär, der sich einen Dorn in die Tatze getreten hat. Ich weiß auch nicht, was er hat.« Sie lächelt, aber dass sie sein Verhalten zu entschuldigen versucht, macht es mir irgendwie noch unangenehmer. Hat sie mich immer schon verteidigt? Und habe ich es immer schon so wenig verdient?

Mein Magen zieht sich zu einem harten Klumpen zusammen. Ich kenne die Antwort auf die Frage sehr gut.

Ja.

»Du musst ihn nicht entschuldigen. Es fällt bestimmt nicht gerade leicht zu glauben, dass jemand quasi über Nacht eine Hundertachtzig-Grad-Wende hinlegt.«

Sie schlendert in die Küche und setzt sich auf einen der Barhocker an der Kücheninsel. »Das mag normalerweise stimmen, aber hier war etwas … etwas Drastisches im Spiel. Marissa, du bist entführt worden. Ich meine, du wusstest nicht einmal, was gespielt wird, dass du überhaupt in Gefahr geraten könntest. Keiner von uns wusste das. Gekidnappt zu werden … Also, wenn das nicht ausreicht, um jemanden zu verändern!«

Ich schenke ihr ein Lächeln, bevor ich mich wieder den Eiern widme. Ich quirle sie noch einmal kurz, dann gebe ich sie in die heiße Pfanne, in der ich Butter zerlassen habe. »Wahrscheinlich werde ich es wohl nur mit der Zeit beweisen können.«

Sie antwortet eine ganze Weile nicht, und dann steht sie plötzlich an meiner Seite und beugt sich über den Herd, bis ich ihrem Blick begegne. »Du musst niemandem irgendwas beweisen. Du hast einiges durchgemacht. Konzentrier dich lieber darauf, dein Leben wieder in Ordnung zu bringen.«

»Es ist nicht in Unordnung geraten.«

»Na ja, du bist verfrüht von einer Reise zurückgekehrt, warst ein paar Tage verschwunden und bist gestern nicht zur Arbeit erschienen. Ein paar Fragen wirst du bestimmt beantworten müssen.«

Ich zucke mit den Schultern. »Ja, vielleicht. Aber ich bin niemandem Antworten schuldig. Keiner von den Menschen in meinem Leben macht sich wirklich etwas aus mir.« Allein es auszusprechen fühlt sich an, als würde jemand ein glühendes Eisen auf mein Herz drücken. Denn es stimmt. »Im Übrigen geht jeder davon aus, dass ich noch gar nicht wieder in der Stadt bin, daher …«

»Marissa, ich mache mir etwas aus dir, ich hoffe, du glaubst mir das. Und dein Vater tut das auch. Und deine Mutter. Du wirst Freunde haben, denen nicht egal ist, was dir zustößt. Es sieht vielleicht im Augenblick nicht so aus, aber –«

»Es ist lieb, dass du versuchst, mich aufzumuntern, Liv, aber du hast gesehen, mit welchen Leuten ich mich bisher umgeben habe. Du warst da bei der Kunstausstellung. Ich kenne und arbeite und verbringe ziemlich viel Zeit mit diesen Leuten. Sie sind schrecklich, Liv – schrecklich! Du hast sie ja kennengelernt.«

Sie setzt an, um etwas zu sagen, will ganz offensichtlich etwas sagen, doch es gibt nichts, was sie sagen könnte. Denn sie weiß, dass ich recht habe.

»Schau, Marissa, du bist in der einzigartigen Position, eine zweite Chance zu bekommen – du kannst noch einmal durchstarten, neue Entscheidungen treffen und ein besseres Leben führen. Jeder Mensch hat … bescheuerte Bekannte, mit denen er sich auseinandersetzen muss, verstecken kann man sich vor ihnen nicht. Man muss einfach lernen, sie zu tolerieren.«

»Ich weiß, dass ich mich nicht verstecken kann. Jedenfalls nicht ewig. Aber ich denke, ich bin noch nicht wieder bereit, mich alldem zu stellen. Vielleicht in ein paar Tagen …«

»Du willst heute also nicht zur Arbeit gehen?«

»Nein. Ich denke, ich rufe an und gebe Bescheid, dass ich mir Urlaub nehme. Wie ich schon sagte: Man hat mich noch gar nicht so früh zurückerwartet, und ich war ohnehin gerade keinem besonderen Projekt zugewiesen. Ich schnuppere überall mal rein, denn Daddy ›präpariert‹ mich gerade.« Ich male Anführungszeichen in die Luft und verdrehe die Augen.

»Aber ich dachte, das gefällt dir.«

Ich überlege einen Moment, während ich an der Pfanne rüttele. »Ja, das hat es auch. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, was genau ich will.«

Das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Es gibt da etwas … etwas, das mich nicht mehr loslässt, seit ich betäubt, verschleppt und gegen meinen Willen festgehalten worden bin. Doch für dieses Etwas müsste ich mein Leben vollkommen umkrempeln, und ich kenne niemanden, der das gutheißen würde. Außer Liv. Und Nash wahrscheinlich. Fragt sich nur, ob ich den Mut dazu habe, und dessen bin ich mir ganz und gar nicht sicher. Aber habe ich eine Wahl? Mir kommt es nicht so vor.

N

3

NASH

Der Duft von gebratenem Fleisch weckt mich. Ich fühle mich wie ein ausgehungertes Raubtier.

Ich schlage die Augen auf und stelle fest, dass ich allein im Bett liege, was vermutlich gut so ist. Obwohl ich nichts gegen einen morgendlichen Quickie hätte, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dazu. Marissas gestrige Zärtlichkeit hat mir ein Gefühl von Geborgenheit gegeben, und das ist gefährlich für mich. Ich habe keinerlei Bedürfnis, mich fest auf eine Frau einzulassen, und deshalb ist es nur gut, dass sie nicht mehr in diesem Bett liegt.

Ich drehe mich auf den Rücken, und ein scharfer Schmerz in meiner Seite durchfährt mich. Es ist nicht so schlimm, wie es sein könnte, aber es ärgert mich, dass ich überhaupt etwas spüre. Eigentlich bin ich hart im Nehmen und habe darüber hinaus ein Medikament bekommen, daher ist selbst das bisschen Schmerz, das ich jetzt verspüre, eine Überraschung. Und eine sehr unwillkommene dazu.

Ich beschließe, die Wunde in meiner Seite zu ignorieren, setze mich auf und schwinge die Füße über die Bettkante. Mir ist etwas schwummrig, und ich bleibe sitzen, bis der Schwindel nachlässt.

Was zum Henker hat der Mistkerl an seinem Messer gehabt? Hat er es in gerade so viel Gift getaucht, dass ich richtig lange etwas davon habe, ohne dass es mich umbringt?

Ich stehe auf und wanke unsicher ins Bad, um zu pinkeln, bevor ich mich einem Haus voller Leute stelle, denen ich nicht traue. Ich muss körperlich so fit sein wie möglich, und es macht mich höllisch sauer, dass mir noch immer etwas wehtut und ich benommen bin. Benommenheit bedeutet Schwäche, und Schwäche jeglicher Art ist nicht akzeptabel. Unter keinen Umständen.

Nachdem ich mir mit kaltem Wasser das Gesicht gewaschen habe und mein Körper sich ans Stehen gewöhnt hat, fühle ich mich wieder etwas wie ich selbst. Ich betrachte mich im Spiegel. Ich habe keine Zeit, mich langsam zu erholen, also bin ich jetzt wieder fit, basta! Dennoch sorgt der dumpfe Schmerz in meiner Seite dafür, dass ich mies gelaunt meiner Nase in die Küche folge.

Am liebsten würde ich knurren, als ich Marissa am Herd stehen sehe, wo sie gerade Wurststückchen zum Abtropfen auf Haushaltspapier legt. Sie ist verdammt sexy, sogar wenn sie etwas so Alltägliches macht wie Kochen. Aber das ist es gar nicht, was mich so aufregt. Es ist die Tatsache, dass es mir gefällt, sie bei einer derart simplen Hausarbeit zu beobachten. Ich bin lange fort gewesen – fort von der Zivilisation, die ich einmal gekannt habe, fort von einem liebevollen Zuhause und dem Leben, wie ich es damals gehabt habe. Ich habe gelernt, nichts zu vermissen.

Bis jetzt.

Ich sperre mich gegen jedes Gefühl außer dem Wunsch, ihr das Höschen runterzureißen, sie auf die Küchentheke zu hieven und sie zum Frühstück zu vernaschen, bevor noch der Toast aus dem Toaster springt. Ich mache mir noch einmal klar, dass Marissas offensichtliches Interesse an mir gut und schön ist, solange alles auf körperlicher Ebene bleibt. Von meiner Seite aus jedenfalls. Was von ihrer Seite aus passiert, kümmert mich nicht. Das kann ich mir nicht leisten.

Meine einzige Sorge muss es sein, mich nicht zu sehr auf sie einzulassen. In dem Augenblick, in dem ich etwas fühle, was … tiefer geht, bin ich hier weg. Ich habe seit Jahren keine Frau mehr gebraucht – zumindest auf keiner anderen Ebene als einer sehr, sehr körperlichen –, und ich habe auch jetzt keine Absicht, einem weiblichen Wesen zu erlauben, in mir Gefühle zu wecken, die über die reine Lust hinausgehen.

Sie sieht über die Schulter und lacht über etwas, und erst jetzt sehe ich Olivia an der Kücheninsel sitzen. Als Marissa sich wieder zum Herd umwenden will, bleibt ihr Blick an mir hängen. Ihr Lächeln steigt auf der Strahlkraftskala ein paar Striche aufwärts, und sie grüßt mich. »Guten Morgen.«

Ich schenke ihr ein Brummen, marschiere zum Kühlschrank und ziehe die Tür auf. Ich starre betont lange hinein, dann mache ich die Tür wieder zu. Während ich jedes Gefühl in Zorn kanalisiere, wie ich es seit sieben Jahren tue, lehne ich mich mit der Hüfte gegen die Küchentheke und richte meine volle Aufmerksamkeit auf Marissa.

»Also – was soll das? Willst du dich einschleimen?«

Ihr Lächeln flackert, und sie senkt hastig den Blick und widmet sich wieder den Würstchen. Es ist so still in der Küche, dass das Brutzeln der letzten Stücke Wurst in der Pfanne ohrenbetäubend klingt.

»Nash, das war total unfair. Du –«

Marissa unterbricht Olivia. »Lass gut sein, Olivia.«

Nach einer langen Weile, in der Olivia sichtlich darum kämpft, die wütende Bemerkung zurückzuhalten, die sie mir gerne an den Kopf werfen will, räuspert sie sich. »Na gut. Dann geh ich jetzt mal, zieh mich an und hole Cash. Ich komme gleich zurück und decke den Tisch, okay?«

Sie wartet nicht auf eine Antwort, sondern steht auf und marschiert hinaus. Sie hält sich steif wie ein Brett, und ich schätze, wenn sie aufblickte, würden ihre Augen Funken sprühen.

Heißblütiges kleines Ding.

Das mag ich. Bis zu einem gewissen Grad.

Heißblütigkeit kann aber auch irrational und wankelmütig bedeuten, was ich bei Frauen wenig anziehend finde. Vielleicht ist das eine der wenigen Eigenschaften, die ich von meinem ehemaligen Ich behalten habe. Ich schätze kluge Frauen, die wissen, was sie wollen, und einen kühlen Kopf bewahren. Außer im Bett. Da darf sie gerne heißblütig sein. Heißblütig und willig. Es gibt nichts Besseres als eine Frau, die für alles zu haben ist.

Das Klappern des Pfannenhebers lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf Marissa zurück. Ihre Lippen sind zu einem Strich zusammengepresst, und ich habe den Eindruck, dass sie mir etwas zu sagen hat.

Sie hat.

»Du weißt nicht, was für ein Mensch ich bisher war«, bemerkt sie ruhig. »Du weißt nicht, was man von mir erwartet hat, was mein Vater aus mir machen wollte.«

»Meinst du nicht, dass ich ein Auge auf meinen Bruder gehabt habe, wann immer ich in die Stadt gekommen bin? Ich weiß genau, was für ein Mensch du bisher warst.«

Sie blickt zu mir auf, und ich sehe eine ganze Reihe verschiedener Emotionen über ihr Gesicht huschen. Scham ist auch dabei.

»Dann weißt du auch, dass ich viel gutzumachen habe.«

»Und du glaubst, das klappt, wenn du anderen den Hintern küsst?«

»Nein, ich … ich möchte wahrscheinlich einfach etwas Nettes tun. Vor allem für Olivia.«

»Und dann ist alles wieder okay? Nachdem du sie wie den letzten Dreck behandelt hast? Nachdem du jeden wie den letzten Dreck behandelt hast?«

Ihr Kopf fährt zu mir herum, und ich sehe Zorn in ihren hellen blauen Augen aufblitzen. »Natürlich nicht! Aber ihr immer wieder zu zeigen, dass ich mich ändern will, kann sicher nicht schaden.«

Ich nicke. Vermutlich hat sie recht. »Warum willst du dir die Mühe machen? Was interessiert dich, was sie denkt? Was interessiert dich, wer überhaupt was denkt?«

Sie sieht mir direkt in die Augen und hebt das Kinn ein Stück an. »Es ist einfach so.«

»Klar, schließlich hat dich das ja schon immer interessiert, nicht wahr? Ist das nicht deine Achillesferse? Wie man dich wahrnimmt? Hast du nicht immer schon vor allem den Schein gewahrt?«

Sie macht den Mund auf, als wolle sie widersprechen, dann klappt sie ihn wieder zu. Sie kann nicht. Denn ich habe recht.

In diesem Augenblick kehrt Olivia mit Cash zurück. Schneller als es mir passt.

»Wir werden ja sehen, wie lange deine guten Vorsätze anhalten, wenn du dich wieder in der wahren Welt bewegst«, flüstere ich ihr zu.

»Hm, das riecht großartig, Marissa«, sagt Olivia etwas zu fröhlich. »Ich habe einen Bärenhunger, und diese zwei Neandertaler bestimmt auch.« Marissa reißt sich sichtlich zusammen und erwidert Olivias aufgesetztes Strahlen. Wie mir scheint, bin ich hier in eine Versammlung von Schauspielern geraten. Bis mein Blick Cashs begegnet. Er wirkt besorgt. Und das sollte er auch. Solange Männer wie Duffy – solange Mörder und skrupellose Verbrecher da draußen frei herumlaufen, ist keiner von uns sicher. Je eher Cash das kapiert, umso schneller wird er mir zustimmen, dass wir uns um ein paar Dinge kümmern müssen.

Und zwar auf meine Art.

Stumm starren wir einander an, während die Frauen den Tisch decken. Als wir uns setzen und ich sehe, wie sich die anderen Servietten auf den Schoß legen, fühle ich mich stärker denn je als Außenseiter. Es ist lange her, dass ich mit Leuten, die nichts mit Hochseekriminalität zu tun haben, an einem Tisch gesessen habe. Ich habe nicht vergessen, wie man sich benimmt, es erinnert mich bloß daran, was mir in den vergangenen Jahren entgangen ist – nämlich das Leben, das Cash in meiner Abwesenheit geführt hat. Und auf diese Art von Erinnerung kann ich verzichten.

»Also, Nash – was hast du vor, nun, da du wieder unter den Lebenden weilst?«, fragt Olivia mich im Plauderton.

»Wie es aussieht, habe ich eine schicke Wohnung am Stadtrand. Ich habe überlegt, dort wieder einzuziehen.« Ich sage das im herausfordernden Tonfall. Mal sehen, ob Cash es wagt, mir zu widersprechen.

»Wirklich? Ich dachte, du würdest vielleicht noch ein bisschen hierbleiben. Wenigstens, bis diese Sache geklärt ist. Ich meine, Marissa könnte noch immer in Gefahr sein. Ich dachte …«

»Du dachtest, weil sie dumm genug war, mit meinem Bruder zusammen zu sein, der sich als mich ausgegeben hat, müsste ich bleiben und die Scherben zusammenfegen?«

Mir ist klar, dass meine Bemerkung nicht besonders nett war, aber da sie den Tatsachen entspricht, wagt es niemand, sich mit mir zu streiten. Und ich könnte mir vorstellen, dass sie das am meisten ärgert. Ich lüge nicht. Ich spiele niemandem etwas vor. Ich ziehe auch keine Samthandschuhe an. Ich nenne die Dinge beim Namen. Nicht mein Problem, wenn jemand die Wahrheit nicht hören will. Allerdings sollten die drei sich daran gewöhnen. Ich habe viele Jahre mit der schrecklichen Realität gelebt. Ja, es war bescheiden. Ja, es war verdammt bescheiden. Aber wenigstens war ich immer vorbereitet. Die Wahrheit zu vertuschen hat noch niemandem genutzt. Niemals. Niemandem.

»Ich komme gut allein klar«, meldet sich Marissa zu Wort, bevor die Spannung unerträglich wird.

Ich betrachte ihr schönes Gesicht, ihre angespannten Züge, in denen sich das Unbehagen deutlich abzeichnet, und es tut mir plötzlich fast ein bisschen leid, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, während sie versucht, es allen recht zu machen.

»Na ja, ich könnte wohl ein paar Tage bleiben. Man weiß ja nie. Wenn jemand kommt und was von dir will, habe ich vielleicht die Möglichkeit, ein paar Dinge zurechtzurücken, ohne mir von dem lieben Brüderchen hier die Erlaubnis einholen zu müssen.«

Ich werfe Cash ein rasches, selbstzufriedenes Lächeln zu. Ich weiß, dass es ihm genauso wenig passt, wenn ich die Sache in die Hand nehme, wie mir der Gedanke gefällt, diese Psychopathen am Leben zu lassen. Aber persönliche Präferenzen hin oder her – im Augenblick bin wohl ich derjenige, der Kompromisse macht. Die Kerle sind nicht tot, und ich bin immer noch hier und halte mich an Cashs Spielregeln. Ich weiß nicht genau, warum ich es tue. Vielleicht steckt in mir ja doch noch ein winziges Stück von dem netten Burschen, der ich einmal war, und hält mich zurück. Aber das wird nicht immer so sein. Ein Weilchen mache ich das noch mit, doch Cash müsste nicht alle Tassen im Schrank haben, wenn er meint, dass ich auf meine Rache verzichte. Duffy und die Schweine, die ihn beauftragt haben, das Boot meiner Eltern in die Luft zu jagen, werden für alles bezahlen, was sie uns angetan haben. Es ist nur eine Frage der Zeit.

»Dann hoffen wir mal, dass das nicht geschieht, bevor wir mit Dad gesprochen haben. Wir brauchen mehr Informationen, und wir brauchen einen neuen Plan.«

»Ich habe eine Schnittwunde in meiner Seite, die mir verrät, dass diese Kerle keine Geduld haben und längst noch nicht fertig sind«, rufe ich ihm in Erinnerung und reibe mir unwillkürlich über die Naht. »Also sollten wir uns besser beeilen mit dem Plan.«

»Also sollten wir schnell zu Dad.«

»Sehe ich auch so. Worauf warten wir noch? Lass uns die Dinge ins Rollen bringen.«

»Ich habe heute Morgen noch einiges zu erledigen, aber gegen Mittag habe ich frei. Ich muss nur früh genug zurück sein, um Olivia von der Schule abzuholen.«

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich –«, will Olivia einwenden, doch Cash schneidet ihr das Wort ab.

»Ich weiß, was du gesagt hast, aber da gibt es keine Diskussion. Nichts ist wichtiger als deine Sicherheit. Sei froh, dass ich nicht in deine Seminare mitkomme.«

Er beugt sich vor und drückt ihr ein Küsschen auf die Wange, und sie grinst. »Ich würde nichts mehr lernen, wenn du in meiner Klasse säßest.«

»Ach, das würde ich später wieder ausbügeln. Mir fallen schon ein paar Dinge ein, die ich dir beibringen könnte.«

Sie kichert, und er knabbert an ihrem Ohr. Wieder gibt es mir einen Stich, dass er in einer heilen Welt gelebt hat, während ich im Exil war. Mir ist unendlich viel entgangen.

Dennoch verbeiße ich mir jede sarkastische Bemerkung, räuspere mich und fahre fort, als würden die beiden sich nicht praktisch aufessen.

»Tja, dass ich nicht gerade einen vollen Terminplan habe, ist wohl klar.« Zufällig werfe ich Marissa einen Blick zu. Sie wirkt, als würde sie sich ziemlich unwohl fühlen, aber ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ihr Ex mit ihrer Cousine turtelt, oder an etwas anderem. »Es sei denn, Marissa, du musst heute etwas Dringendes erledigen. Dann komme ich mit und passe auf dich auf.«

»Das ist nicht nötig«, sagt sie würdevoll. Sie senkt den Blick auf ihre Hände. »Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich tun soll.«

»Was – keine Arbeit?«

»Außer meinem Vater denken alle, dass ich noch unterwegs bin, daher dachte ich, ich könnte mir ebenso gut ein paar Tage Urlaub nehmen.«

»Um was zu tun?«

Ich stehe nicht auf Leute, die ihre Zeit vertrödeln.

Sie zuckt die Achseln. »Vielleicht ein bisschen recherchieren.«

»Zu …?«, hake ich nach.

Marissa räuspert sich. Aus welchem Grund auch immer scheint meine Fragerei sie nervös zu machen. »Strafgesetzfragen.«

»Ah«, sage ich und lehne mich auf meinem Stuhl zurück. »Ich bin also nicht der Einzige, der sich rächen will.«

Sie sieht zu mir auf. »Das habe ich nicht gesagt.«

»War auch nicht nötig.«

»Genau wie Cash bin ich der Meinung, dass der legale Weg der richtige ist, um all unsere Ziele zu erreichen.«

»All unsere Ziele?«

Ihre Wangen werden rosig. »Ob es dir nun passt oder nicht – in dieser Sache stecken wir alle mit drin.«

»Ganz genau«, sagt Olivia mit Nachdruck. »Und deswegen müssen wir auch unbedingt zusammenhalten.«

»Man sollte es zwar kaum glauben«, meldet sich Cash zu Wort, »aber Nash ist tatsächlich immer schon der kluge Kopf unserer Familie gewesen. Er könnte dir bei deinen Nachforschungen bestimmt helfen. Allerdings müsstest du in der Kanzlei schon eine gute Erklärung anbringen.«

»Ich … ich hatte eigentlich vor, in die Bibliothek zu gehen. Damit … na ja, damit mich niemand sieht.«

Ja, Marissa will sich definitiv vor etwas verstecken. Oder vor jemandem. Aus irgendeinem Grund fasziniert mich das. Sie wirkt nicht wie jemand, der bei Schwierigkeiten wegläuft. Und die wenigen Male, die ich sie mit Cash beobachtet habe, kam sie mir immer sehr beherrscht vor, sodass es mich nun überrascht, sie so ratlos zu erleben. Andererseits hat man sie entführt. Und sitzen gelassen. Und das alles innerhalb weniger Tage.

Verdammt. Wenn das keine miese Woche für sie ist.

»Umso besser«, sagt Cash. »Jeder wird wahrscheinlich denken, dass Nash irgendein Gangster ist, der an einem Fall mitarbeitet. Verzeih mir, Kumpel, aber du siehst wirklich etwas gruselig aus.«

Er verzieht das Gesicht, und ich lache. »Zum Glück liegt mir nichts ferner, als es anderen recht zu machen oder meiner Umgebung etwas vorzuspielen. Ich weiß, wer und was ich bin, daher …«

Mein ungeschönter Verweis auf das Leben voller Lügen, das Cash jahrelang geführt hat, ernüchtert ihn schlagartig. Ich weiß, dass ich unter die Gürtellinie gezielt und getroffen habe, doch mein Geduldsfaden reißt in letzter Zeit verdammt schnell. Eigentlich seit sieben Jahren schon.

Und nach den vergangenen Tagen habe ich anscheinend noch miesere Laune als üblich. Vielleicht muss ich einfach mal Dampf ablassen, Spannung loswerden.

Ich brauche Sex.

Mein Blick und meine Gedanken wandern direkt zu Marissa. Bevor das alles hier vorbei ist, werde ich sie kriegen. Und sie wird mich anflehen, es zu tun, ehe ich mit ihr fertig bin. Ich hoffe nur, dass sie es schafft, auf der körperlichen Ebene zu bleiben. Sie hat schon genug durchgemacht, Herzschmerz sollte nicht noch dazukommen. Andererseits ist das nicht mein Problem.

Cash hat recht. Du bist wirklich ein Arschloch, Mann.

Das Problem ist bloß, dass es mir völlig egal ist.

M

4

Marissa

Mindestens zum zehnten Mal kontrolliere ich mich im Spiegel, obwohl ich mich auch diesmal frage, warum es mich überhaupt kümmert, wie ich heute aussehe. Ich gehe schließlich bloß in die Bibliothek, keine große Sache also. Aber auch mindestens zum zehnten Mal zieht mir als Antwort nur ein Bild durch den Kopf.

Nash.

Er lässt mich nicht los. Ich weiß nicht, warum. Und ich weiß auch nicht, warum ich mich nicht vehement dagegen wehre. Es ist absolut untypisch für mich, dass ich mich auf etwas einlasse, das ich nicht kontrollieren kann. Und doch stürze ich mich kopfüber in diese … diese Affäre, die noch nicht einmal eine ist.

Ich seufze, während ich mein langes Haar betrachte, das in einer platinblonden glänzenden Welle auf meiner Schulter liegt, meine blauen Augen, die ich mit rauchgrauem Lidschatten betont habe, meine vollen Lippen, auf denen dunkler Lipgloss glänzt. In meinen Augen sehe ich besser aus als seit Monaten. Vielleicht sogar seit Jahren. Wieso das so ist, ist mir ein Rätsel, aber was immer momentan mit mir los ist, fühlt sich seltsamerweise gut an. Es fühlt sich gut an, mich auf Nash zu konzentrieren, mich auf Dinge zu konzentrieren, die mir nicht vertraut sind. Und es fühlt sich gut an, mich vor meinem bisherigen Leben und den Menschen zu verstecken, die darin seit Jahren eine große Rolle spielen. Fast wünsche ich mir, alles Alte loszuwerden und Neues zu suchen. Und das ist vielleicht das Seltsamste von allem.

Für jemanden, der so pragmatisch ist wie ich, ist es vollkommen unsinnig, eine derart drastische Maßnahme zu ergreifen. Aber vielleicht ist es genau das, was mir so reizvoll erscheint: Es passt einfach nicht zu der Person, die ich bisher war, die ich bisher gekannt habe. Vielleicht ist das die neue Marissa. Und vielleicht will ich die alte Marissa einfach loswerden und ganz in die neue schlüpfen.

Das sind ziemlich viele Vielleichts, ich weiß, aber im Augenblick habe ich keine definitiven Antworten, und daher gebe ich mich gerne damit zufrieden. Denn es ist allemal besser als Ratlosigkeit und totales Nichtwissen.

Ich zupfe am Saum des sportlichen schwarzen Rocks, richte den Kragen der fast durchsichtigen roten Bluse, die ich dazu trage, schlüpfe in schwarze Pumps und mache mich auf den Weg ins Wohnzimmer.

»Ich wäre dann so weit«, sage ich, als ich an dem kleinen Tisch an der Tür stehen bleibe, auf dem meine Tasche steht.

»Wow«, sagt Nash hinter mir. Ich drehe mich um und sehe ihn vor der Couch stehen. Er hat die Arme vor der Brust gekreuzt, als warte er schon eine Weile ungeduldig auf mich. »So ziehst du dich für einen inoffiziellen Besuch in einer öffentlichen Bücherei an?«

Ich blicke an meinem Outfit herab, über das ich eine Ewigkeit gegrübelt habe. »Stimmt mit der Kleidung irgendwas nicht?«

Er bewegt sich langsam auf mich zu. Mir kommt das Bild eines Löwen, der sich an sein Opfer anschleicht, in den Sinn, und ein Schauder jagt mir über den Rücken.

»Ich habe nicht gesagt, dass damit etwas nicht stimmt. Ich frage mich bloß, wie sich jemand in deiner Nähe konzentrieren soll.« Dicht vor mir bleibt er stehen. Er ist mir nah genug, dass ich seine Wärme spüren kann, aber noch weit genug weg, dass ich halbwegs normal atmen kann. Nur halbwegs, weil er mich mit seinen aufregenden schwarzen Augen von Kopf bis Fuß betrachtet, statt mir ins Gesicht zu schauen. »Durch die Bluse kann ich vage deine Nippel sehen – sehr aufreizend. Am liebsten würde ich sie dir aufreißen. Und der Rock schmiegt sich an deinen Hintern, wie ich es gerne tun würde. Ich möchte ihn packen, ihn kneten, reinbeißen. Und die Schuhe … damit sehen deine Beine endlos aus.« Seine Stimme wird zu einem Flüstern, als er endlich seinen Blick hebt und mir in die Augen sieht. »Am liebsten würde ich deine Beine um meine Hüften legen und dir zeigen, wie gut ich mich in dir anfühle.«

Jetzt atme ich stoßweiße und flach, und meine Finger umklammern den Riemen meiner Tasche so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Mein Mund ist knochentrocken, und ich weiß nicht, ob ich mich auf ihn zubewegen oder lieber abwartend stehen bleiben soll.

Ohne es bewusst zu entscheiden, verharre ich absolut reglos, während in mir eine Schlacht tobt – der Engel auf der einen Schulter, der Teufel auf der anderen. Die Frage ist nur, welcher sagt was?

Du machst einen Fehler, wenn du ihm erlaubst, so mit dir zu reden. Nur eine Nutte lässt so was zu.

Unsinn. Indem du die Initiative ergreifst, zeigst du ihm, dass du eine Frau bist, die weiß, was sie will. Und die keine Angst hat, es sich zu holen.

Oder dass du eine Schlampe bist, die kein Problem damit hat, sich flachlegen zu lassen.

Na und? Warum denn nicht? Jeder hat Bedürfnisse. Warum holt ihr euch nicht beide, was ihr braucht, und spart euch das elende Gequatsche um die Etikette?

Etwas mehr Selbstachtung bitte.

Etwas mehr Feuer bitte.

Hin und her fliegen die Argumente meiner beiden Ansichten. Sie vereinnahmen mich, bis der Moment vorbei ist und ich keine Wahl mehr treffen kann.

»Du möchtest dich nur allzu gerne darauf einlassen, aber der Anstand verbietet es dir, richtig?« Er lässt mich nicht erst antworten. »Okay. Wie wäre es damit: Ich lasse dir eine Weile Zeit, um dich an den Gedanken zu gewöhnen, dass du genießen könntest, was ich mit dir machen will. Lass mich nur nicht allzu lange warten.« Und damit beugt Cash sich vor und greift um mich herum, um meinen Autoschlüssel vom Tisch hinter mir zu nehmen. Mir stockt der Atem, als seine Lippen nur Zentimeter vor meinen Halt machen. Aus dieser Nähe wirken seine Augen dunkler als die seines Bruders. Sie sind sogar so dunkel, dass ich nicht erkennen kann, wo die Pupille aufhört und die Iris anfängt. Sie sind schwarz. Und unergründlich. Bodenlos. Es wäre nur allzu leicht, mich in ihnen zu verlieren. Alles und jeden um mich herum zu vergessen. Die Verlockung ist immens.

»Dann los«, sagt er ruhig und bedeutsam, bevor er sich leicht zur Seite lehnt, um die Tür zu öffnen und für mich festzuhalten.

Als ich die ersten Schritte hinausgehe, muss ich feststellen, dass meine Knie weich wie Gummi sind.

Es überrascht mich mehr als nur ein bisschen, wie entspannt ich bin, als Nash meinen Wagen vor dem Gerichtshof einparkt, in dessen Gebäude sich die Fulton County Law Library befindet. Die Fahrt hierhin ist genauso anregend wie aufschlussreich gewesen. Nash hat einen scharfen Verstand. Einen sehr scharfen.

Ich war komischerweise der irrigen Annahme, dass Nash in intellektueller Hinsicht … na ja, seinem Bruder unterlegen wäre, doch jetzt würde ich sagen, dass es genau umgekehrt ist. Was ziemlich viel sagt, da es allgemein hieß, Cash sei brillant. Deshalb hat mein Vater ihn damals unter dem Namen Nash ja auch eingestellt.

Während Nash untergetaucht war, hielt er sich praktisch über alles, was in der zivilisierten Welt geschah, auf dem Laufenden, wobei sein Schwerpunkt auf dem Süden und Atlanta im Besonderen lag. Logischerweise, da er Cash im Augen behalten wollte. Cash und mich.

Ich schaudere.

Der Gedanke daran, dass er mich aus der Ferne beobachtet hat, ohne dass ich auch nur eine Ahnung hatte, ist irgendwie gruselig und aufregend zugleich. Obwohl natürlich keine voyeuristische Neigung dahintersteckte, hat es dennoch etwas Grenzüberschreitendes. Aber ich muss zugeben, dass es mich gar nicht so sehr stört. Eigentlich sehne ich mich sogar danach, dass er mir zu nah kommt. Ich sehne mich nach allem, was er repräsentiert. Er ist wie eine Rebellion. Wie Freiheit. Vielleicht ein bisschen wie eine Rettung. Bis vor Kurzem wusste ich nur noch nicht, dass ich gerettet werden muss.