
Autor
Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Er ist vielfach preisgekrönt, seine Werke wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman »Der Halbbruder« feierte er auch in Deutschland Triumphe. Zuletzt erschien in Deutschland »Nachtschatten«.
Vor der Nye Galleri war eine Schlange. Das Plakat hing in einer beleuchteten Vitrine: Peter Wihl: Écorché. Gemälde. Es war das gleiche Publikum. Peter erkannte sie wieder. Sie waren nur fünfundzwanzig Jahre älter geworden. Er saß am Fenstertisch, in dem Restaurant direkt gegenüber, hier hatte er auch vor fünfundzwanzig Jahren gesessen. Er wollte nicht als Erster erscheinen. Er wollte der Letzte sein, der kam, und der Erste, der ging. Das war sein Abend. Patrick stand in der Tür, zusammen mit Ben, und empfing die geladenen Gäste. Peter hatte Helene und Kaia noch nicht entdeckt.
Der Kellner schenkte mehr Kaffee ein.
»Beim ersten Mal war es Champagner«, sagte er.
Peter schaute auf.
»Wie bitte?«
»Als Sie Ihr Debüt hatten. Eimerweise Champagner. Ihr Mantel hing noch drei Wochen lang hier an der Garderobe.«
Peter lächelte.
»Ja, das waren Zeiten.«
Der Kellner beugte sich näher zu ihm und zündete die Kerze im Kerzenhalter an.
»Wie wäre es mit einem kleinen Stück Kuchen auf Rechnung des Hauses?«
»Nein, danke.«
Der Kellner zog sich leise zurück. Und Peter schaute wieder hinaus und konnte sie da drinnen sehen in der Galerie, die Gäste, die Eingeladenen, festlich gekleidet, mit Glas und Kanapees, sie glitten in einem langsamen Kreis an den Wänden entlang, an denen seine Bilder hingen. Helene und Kaia konnte er nicht entdecken. Er blieb sitzen. Die Straße lag plötzlich leer da. Die Pflastersteine waren feucht und glänzten unter den gekrümmten Laternenmasten. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass es geregnet hatte. Es schien, als wäre die Stadt weit, weit fort, oder als liefe sie Gefahr zu versinken. Die Gedanken und Nerven waren nicht miteinander verkoppelt. Sie bewegten sich in verschiedenen Kreisen. Er strich mit den Händen über die weiße Tischdecke und starrte auf die Flamme und das Wachs, das in fetten Tropfen auf das Kupfer hinunterlief. Er sah es, spürte es jedoch nicht. Er spürte die Tischdecke unter den Händen, nicht aber den Tisch. Dann kam Ben auf der Treppe zum Vorschein, er schaute ungeduldig in alle Richtungen, zum Schluss entdeckte er Peter, der aufstand, seinen Mantel nahm und zu ihm hinüberging, um das Ganze möglichst bald hinter sich zu haben.
Ben legte ihm den Arm um die Schulter.
»Und du trödelst wie üblich?«
»Alte Gewohnheit, weißt du.«
»Du bist der König, Peter. Komm, lass uns hineingehen und dich krönen.«
Peter hielt ihn zurück.
»Scheiße, was macht Patrick hier?«
Ben senkte seine Stimme. »Wollen wir das nicht als den Abend der Versöhnung ansehen?«
Peter ließ seinen Arm los.
»Kommen Helene und Kaia?«
Ben stand eine Stufe über ihm.
»Ich denke, ihr solltet einen langen Urlaub machen, Peter. Wegfahren. Bis Kaia mit der Schule anfängt. Ihr könnt es euch jetzt leisten.«
»Kommen Helene und Kaia?«, wiederholte Peter.
»Sie kommen.«
Dann gingen sie hinein.
Peter wurde mit Applaus empfangen, mit Hingebung, oder war es eine Art Mitleid, weil Helene und Kaia nicht da waren? Peter wusste es nicht. Er bemerkte die roten Zettel an mehreren Bildern. Die Preise im Katalog: 90 000 Kronen. Nummer acht war vom Riksmuseet eingekauft worden. Ein Gabentisch in der Ecke war mit Flaschen, Karten, Blumen bedeckt. Es war zu heiß. Es war zu voll. Die Luft im Raum stand. Er konnte kaum atmen. Jemand musste bald die Tür öffnen. Er begrüßte sie alle und sah niemandem in die Augen. Ben kam ihm endlich zu Hilfe, sie gingen beiseite, und die Gäste setzten ihre Wanderung entlang der Wände fort, die Geometrie der Vernissage: der Kreis und das Viereck.
»Die Rezensionen waren schon früh raus heute«, sagte Ben.
»Und war es das wert?«
Ben musste einen Moment lang überlegen, dann erinnerte er sich an seine eigenen Worte und gab Peter schnell einen Kuss auf die Wange, bevor er an sein Glas schlug und die Gäste stehen blieben, wie ein Karussell, das an Fahrt verliert. Peter trat einen Schritt zurück und dachte, dass es noch zu früh war, eine Rede zu halten, Helene und Kaia waren noch nicht gekommen. Ben zog einen dicht beschriebenen Bogen aus der Tasche.
»Da ihr sicher froh seid, einem alten warmen Bruder nicht lange zuhören zu müssen, der gern Peter feiern möchte, der trotz seiner fünfzig Jahre immer nur jünger wird, möchte ich stattdessen aus der Rezension vorlesen, die in der Morgenzeitung stehen wird!«
Ben wartete, bis sich das Gelächter gelegt hatte. Dann begann er zu lesen.
»Peter Wihl stellt seine neuesten Gemälde in der Nye Galleri aus. Und es ist nicht in Worte zu fassen, wie gut sie sind. Ein koloristischer Knock-Out.«
Ben machte eine Pause, schaute in die Runde.
»Und das war nur die Überschrift«, sagte er.
Und fuhr fort:
»Die zwölf Gemälde kreisen alle um das gleiche Motiv, das Mädchen, das Kind, in einer Landschaft, die gleichzeitig realistisch und mythisch ist, in der ein Riesenrad zu erahnen ist, Karussellpferde, Laternen, eine Art verlorenes Paradies. Und lassen Sie es mich gleich sagen: Wenn Peter Wihl in Bestform ist, und das ist er eigentlich die ganze Zeit, dann kann ihn keiner übertreffen, keiner sich mit ihm messen. Die Bilder geben den Eindruck, als wären sie in einem rasenden Tempo gemalt, und jeder einzelne Pinselstrich quillt über von einer selbstverständlichen Kompromisslosigkeit, für die die meisten Maler ihren rechten Arm geben würden. Peter Wihl hat ein historisches Bewusstsein und ist dennoch so cutting edge, dass er den größten Teil der Gegenwartskunst als museal erscheinen lässt.«
Ben faltete den Bogen zusammen, schob ihn in die Tasche und wandte sich Peter zu.
»Sprich zu uns«, sagte er.
Und der Applaus brach erneut los, noch kräftiger dieses Mal, im festen Takt, Peter wurde hervorgeklatscht, das war die Bürde der Ehrung, der Zwang des Applauses. Da sah er die Frau vom Blindenverein, sie war sein rettender Engel, gekleidet in dunklen Stoff, eine Tasche über der Schulter, das Haar war dieses Mal streng nach hinten gebunden, das Gesicht von der gleichen großen Sonnenbrille fast vollkommen verdeckt, der weiße Stock, der Regenmantel mit zwei Reflexstreifen auf jeder Seite, die noch leuchteten. Patrick hielt sie in der Tür auf, sie war nicht eingeladen, hatte keine Eintrittskarte. Peter ging zu ihnen, und er dachte, noch einmal dachte er das, während die Gäste ihm Platz machten und er die wenigen Schritte zu der offenen Tür ging, dass er ihr, dieser blinden Frau, alles erzählen könnte, dass es möglich war, und er legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie drehte sich schnell um, lächelte, sie hatte ihn trotz allem schon wiedererkannt, bevor er etwas gesagt hatte, sie erkannte ihn an seiner Hand. Und er beugte sich näher zu ihr und sagte:
»Lassen Sie uns gehen.«
»Was?«
»Lassen Sie uns gehen und das Interview machen.«
Und so verließ Peter Wihl seine Ausstellung, seine Vernissage, die verblüfften Gäste, in Triumph und Kälte, als wären seine Sinne zeitverzögert, und folgte der blinden Frau über die Straße in das Restaurant, und setzte sich wieder an den gleichen Fenstertisch, von dem aus er immer noch sehen konnte, ob jemand kam.
Sie schien sich nicht wohlzufühlen.
»Ich wollte Sie nicht stören.«
»Sie haben mir einen Dienst erwiesen.«
»Einen Dienst?«
»Wo sollen wir anfangen?«
Sie zog ihren Regenmantel aus.
»Wo Sie wollen.«
»Möchten Sie ein Glas Champagner?«
Wieder lächelte sie.
»Dann muss ich mit dem Taxi nach Hause.«
Peter lachte und winkte dem Kellner, der sofort bei ihnen war.
»Ein Glas Champagner und Kuchen auf Rechnung des Hauses.«
Der Kellner verbeugte sich und ging zur Bar, um das Gewünschte zu holen.
Peter drehte sich zum Fenster um. Einige waren bereits dabei zu gehen. Ben lotste sie aus der Galerie. Ben übernahm den Abwasch für ihn. Ben machte den Abwasch allein.
»Ist es in Ordnung, wenn ich ein Aufnahmegerät benutze?«
Peter dachte nicht nach, nickte nur.
Sie wartete. Peter wartete.
Dann fiel ihm ein, dass sie ja blind war.
»Natürlich«, sagte er.
Sie öffnete ihre Tasche und legte ein kleines, glänzendes Aufnahmegerät auf die Tischdecke.
»Haben Sie immer ein Aufnahmegerät dabei?«
»Es kommt vor, dass mir etwas einfällt, und dann ist es gut, es dabeizuhaben.«
Der Kellner brachte den Champagner und den Kuchen. Sie hob das Glas und trank vorsichtig, ein Tropfen lief ihr über das Kinn, als wären ihre Lippen so ein Getränk nicht gewohnt. Sie errötete. Peter reichte ihr eine Serviette.
»Ist es an?«, fragte er.
»Noch nicht.«
Sie drückte einen Knopf, und ein roter Punkt auf dem Gehäuse leuchtete auf. Plötzlich wusste Peter nicht mehr, wo er anfangen sollte. Er stach mit der Gabel in den Kuchen, durch den harten Überzug, der fast ganz mit Puderzucker bedeckt war, bis hinein in den weichen, dunklen Kern von warmer, flüssiger Schokolade.
»Helfen Sie mir«, sagte er schließlich.
»Warum malen Sie?«
»Weil ich sehe.«
Es entstand eine kleine Pause, Peter bereute seine Worte, er wollte etwas hinzufügen, aber sie kam ihm mit der nächsten Frage zuvor:
»Was sehen Sie?«
»Die Oberfläche.«
Sie drückte auf einen anderen Knopf und spulte zurück.
»Ich will nur überprüfen, ob es auch funktioniert.«
Kurz darauf hörte Peter seine eigene Stimme, es hätte genauso gut jemand anderes sein können, der da sprach: Die Oberfläche.
Er fuhr fort:
»Manchmal glaube ich, es war der Teufel, der die Farben von den Gegenständen befreit hat.«
Sie hörte zu, den Kopf leicht schräg gelegt, wirkte aber gleichzeitig ungeduldig, sie wartete auf mehr.
Peter schaute hinaus.
Eine Gruppe von Menschen verschwand die Straße hinunter.
Ben stand allein auf der Treppe, neben der Vitrine mit dem Plakat, schaute hinüber zum Restaurant.
Im Hintergrund konnte er Patrick erkennen, der herumlief und Gläser, Servietten und Reste wegräumte.
»Woher nehmen Sie Ihre Inspirationen?«, fragte sie.
Peter legte die Gabel hin, ein paar Krümel fielen auf die Tischdecke, er redete schnell.
»Die Welt ist wie ein Wörterbuch, nicht wahr? Aber ein Wörterbuch an sich ist noch kein Kunstwerk. Diejenigen, die keine Fantasie besitzen, malen nur das Wörterbuch. Aber diejenigen mit Fantasie setzen die Worte auf ihre eigene Art und Weise zusammen. Das ist es einfach, was ich zu tun versuche. Das zusammensetzen, was ich sehe. Auf meine eigene Art und Weise.«
Sie unterbrach ihn.
»Hatten Sie jemals Angst, nicht fertig zu werden?«
»Fertig?«
Sie wartete kurz, bevor sie fortfuhr:
»Fertig mit der Ausstellung, solange Sie noch sehen können.«
Peter schob den Teller zur Seite, beugte sich näher zu ihr und sagte dann so ruhig er konnte:
»Man vollendet kein Bild. Man verlässt es.«
In dem Moment kamen Helene und Kaia. Peter sah sie. Sie kamen auf der anderen Seite der Straße Hand in Hand den Bürgersteig entlang. Kaia trug ein großes Paket in gelbem Papier und mit rotem Band. Peter lächelte, natürlich kam Helene ganz zum Schluss, Helene kam, nachdem alle anderen gegangen waren. Es war der Abend der Versöhnung. Ben stand auf der Treppe und wartete auf sie. Peter sagte, während er aufstand:
»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Meine Frau und meine Tochter sind hier.«
Er trat hinaus auf den Bürgersteig.
Die Stadt näherte sich ihm wieder, der Verkehr, der Lärm, er hörte ein Auto, die Reifen auf den Pflastersteinen, sie kamen immer näher, in einer Geschwindigkeit, die er nicht begreifen konnte. Kaia sah ihn, ließ Helenes Hand los und lief über die Straße, mit dem Geschenk, direkt vor das Auto, er schrie und lief ihr entgegen, konnte gerade noch das Gesicht des Fahrers erkennen in all der Verwirrung und dem Chaos, es hatte etwas Bekanntes an sich, mehr war er nicht mehr in der Lage zu denken oder zu sehen, und die Strafe bestand darin, dass Peter Wihl nie erfahren sollte, ob es ihm gelungen war, Kaia zu retten.
Ein halbes Jahr zuvor hatte er sein Sehvermögen verloren.
Peter Wihl arbeitete im Atelier, an einem Oktobernachmittag, mit Gemälden für die Jubiläumsausstellung, zwölf große Leinwände. Er hatte seine Uniform angezogen, er war bereit für den Krieg: nackte Füße in ausgetretenen Sandalen, der lange, schmutzige Kittel, ein Schal um den Hals. Er war fertig mit der Grundierung. Jetzt fehlte nur noch die Kunst. Und er war in dieser kreativen Stimmung, die sich ab und zu einstellt, fast wie ein nüchterner Rausch. Die Hand war sicher und gehorchte. Die Gedanken waren deutlich. Er wusste, wohin er wollte. Es ging nur darum, den Weg zu finden. Er bewegte sich unangestrengt von Motiv zu Motiv, das langsam aber sicher Form annahm, anatomische Ausschnitte, Muskeln, ein Schulterblatt, eine Sehne, ein Fingerglied. Er konnte sich kaum daran erinnern, wann er das letzte Mal so eine Kontrolle erlebt hatte, jetzt beherrschte er sein Werkzeug, er beherrschte seine Arbeit, genau in dem Moment, in dem die Arbeit zu Kunst erhoben werden sollte, in dem Moment, in dem das Handwerk, die Mühe, zu glänzen beginnen sollte, und das ähnelte fast dem Zustand von Glück. Das war das Glück. Doch plötzlich spürte er einen schrecklichen Schmerz in den Augen, als würde etwas in ihnen zerbrechen und Risse bekommen, es war, als würden sich die Augen mit Staub füllen. Die Farben glitten übereinander, die Linien lösten sich auf, die Perspektive verschwand, ihm wurde regelrecht schwarz vor Augen, und er sank zu Boden. Es dauerte nicht lange. Es war schon gleich vorbei. Nur das Echo der Schmerzen konnte er hören, seinen eigenen, schweren Herzschlag. Peter Wihl kniete sich hin und stützte lange Zeit die Stirn in die Hände. Er kam wieder zu sich. Alles fiel an seinen Platz, ebenso schnell, wie es kaputtgegangen war. Er stand auf, langsam, und als er sich den hohen Fenstern zuwandte, konnte er Helene und Kaia hinten im Garten sehen, eingerahmt von den Fenstersprossen, im schwindenden Oktoberlicht, und all das, was er sah, erfüllte ihn mit einer Freude, oder einer Erleichterung, so tief, so umfassend, dass er fast zu weinen begann, weil er kurz zuvor in der Dunkelheit gewesen war. Helene saß auf der weißen Bank unter dem Apfelbaum und blätterte in einem Manuskript, ihr schwarzes, kurz geschnittenes Haar, die violetten Handschuhe ohne Finger, der ockerfarbene Mantel, nie zuvor hatte er sie deutlicher vor sich gesehen, während Kaia Laub harkte, mit einem Rechen, der viel zu groß für sie war. Und Peter Wihl dachte, dass er nie diese beiden Menschen gemalt hatte, weder seine Ehefrau noch seine Tochter.
Vielleicht war das der Grund: Sie standen ihm zu nah, er traute sich nicht.
Er zog seine Windjacke an und ging zu ihnen hinaus.
Kaia harkte weiter, das Laub lag in einem gelben Kreis um sie herum.
Der Zweig direkt über Helene war schwarz, an seinem äußersten Ende hing ein roter, verfrorener Apfel.
»Was liest du?«
»Was ich lese? Die Wildente natürlich.«
»Ja, natürlich. Und läuft es gut?«
Helene legte das Manuskript hin und schaute zu ihm auf.
»Was ist los?«
»Nichts.«
Eine Weile blieb sie sitzen und betrachtete ihn.
»Was ist los?«, wiederholte sie.
»Ich bin nur ein wenig müde.«
Eine Windböe fegte das Laub davon, und Kaia blieb mitten in einem gelben Sturm stehen. Peter ging zu ihr und versuchte, die Blätter einzufangen, einige waren ganz trocken und zerbröselten zwischen den Fingern zu Staub und verschwanden, andere waren feucht, entwischten ihm und fielen woanders im Garten wieder hinunter, es war unmöglich, alle zu erwischen. Zum Schluss hockte er sich vor seine Tochter.
Ihre Augen waren grün.
Sie hatte die Augen ihrer Mutter.
»Komm, wir lassen das Laub bis zum nächsten Frühjahr liegen«, sagte er.
»Wirklich?«
»Ja, dann können sich die Blätter unter dem Schnee ausruhen.«
Lachend zeigte Kaia auf ihn.
»Jetzt hast du dir wieder ins Gesicht gemalt.«
»Und welche Farbe?«
Sie ließ den Rechen fallen und drückte mit dem Zeigefinger auf seine Stirn.
»Blau.«
»Nur blau?«
»Schwarz auch.«
»Mehr nicht?«
»Doch. Ein bisschen braun.«
»Braun?«
»Ja. Da. Und weiß. Auf der Nase.«
»Wie sieht es aus?«
Kaia musste überlegen, während sie einander in die Augen sahen, und wieder einmal war Peter Wihl überwältigt von diesem grünen Blick, dem Blick seines Kindes, offen, unverfälscht, so unbenutzt, als würde alles immer zum ersten Mal gesehen.
Doch dann fiel ein Schatten über ihr Gesicht.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie leise.
»Du weißt es nicht?«
Kaia schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf.
Und dann sagte sie diese merkwürdigen Worte, ihre Stimme klang fast ängstlich, und Peter bekam tatsächlich Angst:
»Du siehst dir selbst nicht ähnlich.«
Er versuchte zu lachen, es wegzulachen.
»Ich sehe mir selbst nicht ähnlich?«
Kaia schüttelte wieder den Kopf.
Helene stand von der Bank auf, der Wind blätterte im Manuskript, Seite für Seite, sie kam zu ihnen. Peter richtete sich langsam auf. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.
Es war bereits dunkel geworden.
»Ruh dich noch ein bisschen aus, bevor sie kommen«, sagte sie.
»Kommen? Wer kommt?«
Kaia rief es zuerst:
»Onkel Ben!«
Peter seufzte.
»Onkel Ben.«
Helene lehnte sich an ihn.
»Hattest du es vergessen?«
»Jetzt fällt es mir wieder ein. Onkel Ben kommt.«
»Mit Begleitung.«
»Mein Gott. Schon wieder mit Begleitung?«
Kaia lachte, als wäre sie erleichtert, über etwas sprechen zu können, auf das sie sich schon gefreut hatte.
»Onkel Ben mit Begleitung!«
»Und Essen«, fügte Helene hinzu.
Und Peter tat, wie sie gesagt hatte, er ging ins Atelier und legte sich dort auf den Schlafboden. Bald war er eingeschlafen, in dem Geruch von Terpentin, nicht tief, nur direkt unter die Oberfläche getaucht, am Rande des Schlafs, dennoch reichte es, um zu träumen: Er steht allein auf dem Schulhof, an der Wasserfontäne, er ist vielleicht elf Jahre alt, er friert. Da kommt ein anderer Junge zu ihm. Peter, auch im Traum heißt er ja wohl so, bekommt Angst, tritt einen Schritt zurück, doch der Junge, der größer und schwerer ist als er, bleibt erst stehen, als er ganz nahe gekommen ist, direkt vor ihm. Der Junge fragt: Wenn du wählen könntest, würdest du lieber blind oder taub sein? Und in dem Moment wachte Peter auf, die Antwort auf die Frage des Traums auf der Zunge: Das ist keine Wahl. Das ist eine Drohung.
Und ebenso plötzlich erinnerte er sich an Kaias merkwürdige, erschreckende Worte: Du siehst dir selbst nicht ähnlich.
Er stand auf, duschte, anschließend beugte er sich dem matten Spiegel entgegen, der mit der Zeit wieder glänzend und klar wurde, sein Gesicht näherte sich, als käme er aus dem Nebel, und er konnte nichts anderes feststellen, als dass er der war, der er nun einmal war, Peter Wihl, fast fünfzig Jahre alt, einen Tag älter als gestern und eine Nacht jünger als morgen.
Aber in seinen Augen standen noch Reste der jähen Angst, der Panik, die ihn übermannt hatte, als sein Augenlicht für einige Sekunden verschwunden war.
Das war der Unterschied.
Peter Wihl dachte: Werde ich das jemals loswerden?
Er ging zurück ins Atelier und blieb dort in der Dunkelheit zwischen den Bildern sitzen.
Dann legte er einen gespaltenen Scheit in den Ofen, knüllte ein paar alte, schmutzige Zeitungen zusammen, entzündete sie, öffnete die Ofenklappe, die Wärme breitete sich sogleich von dem schwarzen Eisen her aus und ließ die Glastüren beschlagen.
Ben kam um halb acht. Er hatte eine Flasche Rotwein und ein Glas dabei. Er setzte sich auf den anderen Stuhl, es gab nur zwei Stühle im Atelier, einen, auf dem man gut sitzen konnte und einen, der unbequem war. Peter saß auf dem guten. Ben goss ein und trank. Ben war der Einzige, der das Atelier betreten durfte, während Peter arbeitete, nicht einmal Helene oder Kaia ließ er herein, das war eine Abmachung zwischen ihnen, das war Peters einzige Regel, abgesehen vom Alkohol, und die war absolut.
Peter trank Wasser.
Ben trank Wein und sagte den Satz, mit dem er immer das Gespräch einleitete:
»Du solltest dir hier mal eine Lampe anschaffen.«
»Du weißt, dass ich nur bei natürlichem Licht male.«
»Das werden aber bald kurze Arbeitstage, Peter.«
»Hast du Grund, dich zu beklagen?«
»Ich hoffe nur, dass deine Bilder nicht genauso düster werden wie die Umgebung.«
Peter stand auf und drehte eine der Leinwände zur Wand.
»Wo ist die Begleitung?«, fragte er.
»Die Begleitung unterhält Helene und Kaia.«
»Und wie heißt die Begleitung heute?«
Ben lachte kurz auf.
»Höre ich da eine gewisse Skepsis, oder vielleicht sollte ich besser sagen, Herablassung, in deiner einfachen Frage?«
»Ganz und gar nicht.«
»Oder eine monogame, heterosexuelle Kritik an meiner Lebensführung?«
Jetzt musste Peter lachen.
»Bist du heute Abend sensibel, Ben?«
»Er heißt Patrick und ist neunundzwanzig Jahre alt.«
»Wo hast du ihn gefunden?«
»Im Schwimmbad vom Grand am Sonntagmorgen. Oder genauer gesagt in der Sauna. Zufrieden?«
Benjamin Rav war letztes Jahr fünfundsechzig geworden, er war mager, durchtrainiert, jeden Morgen schwamm er seine tausend Meter im Bassin des Grand Hotels, zeitweise lebte er geradezu asketisch, er trug immer einen doppelreihigen Anzug, sein graues Haar war dicht, und als er achtzehn Jahre alt gewesen war, hatte er sich eine Perle im linken Ohrläppchen befestigen lassen, wie es Sinti, Seeleute und Schwule zu tun pflegten. Acht Jahre später war er in den spanischen Fischerort Cadaquez gefahren, hatte dort einen Koffer voll mit Lithographien von Salvador Dalí gekauft, wenn auch unsignierte, das Ganze für einen Spottpreis, und hatte sie an den neureichen, gelangweilten Jetset am Mittelmeer weiterverkauft und damit ein Vermögen verdient. So hatte es mit ihm angefangen. Ben, wie ihn seine engsten Freunde nannten, und davon gab es nicht viele, war jetzt seit fünfundzwanzig Jahren Peter Wihls Galerist, seit der Debütausstellung Amputationen.
»Helene macht sich Sorgen um dich«, sagte Ben.
Peter setzte sich wieder.
»Wirklich?«
»Und wenn Helene sich Sorgen macht, dann mache ich mir auch welche.«
»Ich bin nur etwas erschöpft.«
»Erschöpft? Es ist noch ein halbes Jahr hin bis zur Eröffnung. Am Tag danach, da darfst du erschöpft sein. Am Tag danach kannst du meinetwegen sterben.«
Peter schenkte sich sein Glas ein und trank.
»Das geht vorüber«, sagte er.
»Du weißt, was auf dem Spiel steht?«
»Ich weiß nur zu gut, was auf dem Spiel steht.«
»Dir wird nichts mehr geschenkt. Ganz im Gegenteil. Sie wollen dich gern zu fassen kriegen. Und dich am liebsten auf den Müllhaufen werfen.«
»Danke, Ben. Jetzt geht es mir schon viel besser.«
»Ich meine es ernst, Peter. Deshalb musst du ihnen ein paar Bilder zeigen, wie sie sie noch nie gesehen haben.«
»Das habe ich auch vor. Sie stehen hier.«
»Um es ganz offen zu sagen. Du kannst es dir nicht leisten, dich weiterhin selbst zu wiederholen.«
»Was meinst du damit?«
»Ich meine genau das, was ich sage, Peter. Weißt du, was böse Zungen momentan über dich behaupten?«
»Erzähl es mir, Ben.«
»Sie behaupten, wenn Peter Wihl weiterhin Körperteile malen will, dann muss er bald mit den Eingeweiden anfangen.«
Peter schaute in eine andere Richtung, lächelte.
»Und wer sind diese bösen Zungen?«
»Wer auch immer.«
»Wer auch immer? Wer zum Teufel ist wer auch immer?«
»Vergiss es, Peter. Was ich dir zu sagen versuche, ist, dass du es dir nicht leisten kannst, jetzt erschöpft zu sein. Hörst du, was ich sage? Hörst du mir zu?«
»Das geht vorbei«, wiederholte Peter.
Aber Ben ließ nicht locker.
»Helene hat mir erzählt, dass du erschüttert gewirkt hast, als du heute Nachmittag aus dem Atelier gekommen bist.«
»Erschüttert? Hat sie das gesagt?«
»Ja. Erschüttert. Das Wort hat sie benutzt. Ist etwas passiert?«
Peter stand wieder auf und stellte sich an die hohen Fenster, mit dem Rücken zu Ben, die Dunkelheit war ganz nahe, das Einzige, was er sehen konnte, waren einige Lichter, ein Stück entfernt von den Häusern, hier, am Stadtrand, wo er aufgewachsen war. Es regnete, doch das sah er nicht.
»Hast du gehört, was mit Beckers Titanweiß passiert ist?«, fragte er.
»Nein, erzähl es mir.«
»Der Chemiker ist gestorben, und das Rezept wurde nach China verkauft. Und dort haben sie es mit Sojaöl vermischt. Jetzt ist es unbrauchbar. Es glänzt nicht mehr.«
»Sind diese Bilder deshalb so dunkel?«
Peter drehte sich abrupt um, er konnte Ben in dem Schatten zwischen den Leinwänden kaum erkennen.
»Du besitzt die Wände. Ich male die Bilder. Wollen wir es dabei belassen?«
Ben trat zu ihm, aus einer anderen Richtung, als er erwartet hatte, hob sein Glas.
»Ich werde dir Weiß aus London beschaffen«, sagte er.
Sie tranken, und Peter begriff, dass Ben natürlich seiner Erklärung nicht glaubte, dass er erschüttert war, weil der Chemiker, der Erfinder seiner Lieblingsfarbe, des weißen Grundes, tot war. Sollte er lieber die Wahrheit sagen, dass er blind geworden sei, für einen Moment, und jetzt könne er wieder sehen, aber dieser Augenblick habe ihn in einer Art und Weise erschüttert, dass man es nicht in Worte fassen konnte, sich kaum vorstellen konnte, der Tod hatte seine Fühler ausgestreckt, ein halbes Jahr vor der Eröffnung, ein halbes Jahr, bevor er fünfzig wurde, sollte er das sagen?
Helene rief nach ihnen.
Sie gingen durch den Garten, das Laub, zu der Küche im Haupthaus.
Kaia half den Tisch zu decken, er stand voll mit kleinen Schälchen und Tellern, mit dieser neuen Art von Essen, Fingerfood, die Peter nicht ausstehen konnte, er wollte nicht mit den Fingern essen, schließlich gab es Geräte dafür.
»Hast du alles selbst gemacht, Onkel Ben?«, fragte Kaia.
Onkel Ben hob sie lachend hoch.
»Ich mache gar nichts selbst, meine Prinzessin. Alles, was ich besitze, das kaufe ich.«
Bens Begleitung saß bereits am Tisch und stand sofort auf, als er Peter sah, streckte beide Arme vor und ergriff dessen Hand.
»Es ist mir eine Ehre, hier sein zu dürfen, Sie kennenlernen zu dürfen.«
»Nun, nun«, unterbrach Ben ihn. »Hier herrschen normale Umgangsformen, auch wenn wir bei einem Genie zu Gast sind.«
Der Mann, oder besser der Junge, hielt die Hand weiterhin fest.
»Ich heiße Patrick.«
Er wirkte jünger als seine 29 Jahre, mit den runden, kindlichen Wangen, aber vielleicht in erster Linie aufgrund seiner Kleidung, weite Hosen, große Schuhe, T-Shirt mit russischen Buchstaben auf der Brust, ein Bauerntölpel, dachte Peter spontan, er sieht jedenfalls nicht aus wie ein Schwimmer, aber gleichzeitig wusste er ja, dass Ben sich diesen Jungen ausgesucht hatte, und damit für ihn einstand, ihn sozusagen zum Ritter geschlagen hatte, und dass dadurch er selbst, Peter Wihl, derjenige war, der außen vor stand, er wurde bald fünfzig und war nicht vertraut mit den Codes, die Signale waren für ihn bedeutungslos, er kannte nicht mehr den Unterschied zwischen Siegesgeschrei und Notruf, er hatte, mit anderen Worten, nicht mehr Schritt gehalten, ein Ausländer auf heimischem Feld, und er fühlte sich großartig dabei.
War es das, was Ben mit dem Müllhaufen gemeint hatte?
»Peter Wihl«, sagte Peter.
Patrick lächelte.
»Ich bin ein großer Bewunderer.«
»Das freut mich zu hören.«
Peter bekam endlich seine Hand von Patrick zurück, und sie konnten sich setzen. Helene schenkte Wein und Wasser in die Gläser, Kaia trank Apfelschorle, und eine Weile aßen sie das Fingerfood schweigend, es war ein Essen, dass massenweise Servietten und Küchenkrepp erforderte, ja, Badewannen und Duschkabinen sollten zur Verfügung gestellt werden, und Peter fragte sich, ob er sich nicht einfach Messer und Gabel holen sollte, als kleinen Fingerzeig auf Bens erkünstelten Modernismus, diese exotischen Gerichte, die Hausmannskost sind, dort, wo sie herkommen, oder vielleicht sollte er stattdessen einfach anfangen zu trinken, aber natürlich tat er das nicht, er wandte sich dem Jungen zu.
»Und womit beschäftigst du dich, Patrick?«
»Kommunikation«, antwortete Ben.
Peter schenkte sich erneut Wasser ein.
»Kann Patrick nicht selbst antworten?«
»Kommunikation«, sagte Patrick.
»Ja, damit beschäftigen wir uns ja wohl alle.«
Peter bemerkte, dass Helene und Ben ständig schnelle Blicke wechselten, mit anderen Worten, sie machten sich Sorgen um ihn, sie hatten miteinander gesprochen und hielten ihn jetzt unter Beobachtung.
»Was bedeutet Kommunikation?«
Kaia stellte die Frage.
Helene beugte sich zu ihr hinüber.
»Das bedeutet, dass man einander versteht.«
Kaia nickte mit ernster Miene, sah aber weiterhin Peter an.
»Ich habe Papa gefragt«, flüsterte sie.
»Das bedeutet, wenn ich bald sage, dass du ins Bett gehen sollst, dass du das dann auch tust«, sagte er.
»Nein!«, rief Kaia.
»Doch«, erklärte Peter. »Kommunikation bedeutet ganz einfach, dass ich Recht habe!«
Alle lachten, ein wenig zu laut, besonders Helene, dachte Peter, so witzig war er ja nun auch wieder nicht gewesen, und die Teller wurden herumgereicht, an ihm vorbei, die ganze Zeit an ihm vorbei, genau wie sie nach einer Weile sich an ihm vorbei unterhielten, und Peter mochte nicht weiter zuhören, er war abgekoppelt, als befände er sich in einem Waggon, der immer hinterherhinkte, um zum Schluss ganz anzuhalten, auf einem Nebengleis, auf dem Müllhaufen. Er spürte es ganz intensiv, dass er außen vor war, und was ihm normalerweise ein gewisses Vergnügen bereitete, sein freiwilliges Exil sozusagen, dass er sich in aller Ruhe mit seinen Dingen beschäftigen konnte, ganz gleich, wo er sich auch befand, und das einige mit charmanter Zerstreutheit verwechselten, das bereitete ihm jetzt keinerlei Freude und gab ihm keine Ruhe, denn heute Abend war er nicht Herr über seine eigene Abwesenheit, dieses Mal saß es tiefer, in der schrecklichen Dunkelheit, die ihn früher am Tag zu Boden geworfen und ebenso schnell wieder emporgehoben hatte.
»Amputation.«
Peter schaute schnell auf, alle saßen schweigend da und starrten ihn an.
»Was?«
Helene legte ihre Hand auf seine, ohne etwas zu sagen.
Patrick beugte sich näher heran.
»Amputation«, wiederholte er.
Peter verstand immer noch nicht.
»Amputation?«
Jetzt schauten die anderen einander an, nur Kaia sah weiterhin ihn an, enttäuscht und ungeduldig, wie es schien, ihren Vater so sehen zu müssen, so ausgeschlossen, vollkommen außen vor.
Ben schenkte sich mehr Wein ein.
»Patrick bezieht sich auf dein Debüt, mein Lieber. Deine erste Ausstellung bei mir. Die Ausstellung, die dich zu dem gemacht hat, was du jetzt bist. Erinnerst du dich, Peter? Es ist erst fünfundzwanzig Jahre her.«
»Ist es der Wein oder dieses eklige Fingerfood, das dich sentimental macht?«
Ben lachte.
»Und er ist total begeistert, wenn du es heraushören kannst.«
Ben war bereits lauter geworden, das wurde er immer ab einem gewissen Zeitpunkt, häufig schon gegen neun Uhr, nicht, weil er betrunken war, das wurde er nie, er wollte nur sicher sein, dass ihn alle hörten, das war eine schlechte Angewohnheit aus der Jugend, als die meisten in seinen Kreisen flüsterten, schwiegen oder logen.
Peter schaute auf die Uhr, drei Minuten nach neun, und er konnte sich nicht daran erinnern, dass die Zeit vergangen war, so schnell, so viel, war er wieder ohnmächtig geworden?
Er war verunsichert und lächelte.
»Wie alt warst du damals, Patrick? Drei? Oder warst du überhaupt noch nicht geboren?«
Helene riss schnell ein Stück von der Küchenrolle ab und legte es auf Kaias Schoß.
»Zwei der Bilder hängen immer noch in meinem Schlafzimmer«, sagte Ben.
Patrick schaute Peter geradewegs an.
»Bewunderungswürdig.«
»Bewunderungswürdig?«
»Ja. Die Körperteile, die ihrer Funktion beraubt wurden. Das ist brutal und schön. Warum malst du nicht mehr so?«
Einen Augenblick lang blieb es still; die Kritik war so deutlich, so erbärmlich schlecht kaschiert, in der Sprache der Höflichkeit, in dem in die Vergangenheit gerichteten Lob, dass selbst Ben den Blick senkte, beschämt, peinlich berührt, und sich sorgsam die Finger in dem abwischte, was noch von einer blauen Serviette übrig war.
Peter schaute Patrick direkt an.
»Weil ich es schon gemalt habe.«
Ben hob sein Glas und sagte, wie eine Anerkennung für Peter und ein Tadel für seinen jungen, modernen Freund:
»Die Antwort war weitaus besser als die Frage.«
Sie stießen an, und wieder wurde es still. Glücklicherweise brach Kaia die Stille.
»Was bedeutet Amputation?«, fragte sie.
Peter stellte sein Glas ab.
»Wenn dir beispielsweise ein Zeh wehtut, und er entzündet sich, und es besteht die Gefahr, dass sich die Entzündung ins ganze Bein hinein ausbreiten könnte, dann schneidet man den Zeh ab. Das ist eine Amputation.«
Helene lächelte.
»Hör nicht auf ihn.«
Kaia schaute nachdenklich drein.
»Und wenn mein Kopf wehtut?«, fragte sie schließlich.
Helene stand auf.
»Dann musst du ins Bett gehen«, sagte sie.
Kaia protestierte nicht, sie war dazu viel zu müde, folgte gehorsam ihrer Mutter. Die drei Männer blieben sitzen. Ben öffnete eine weitere Flasche Wein.
»Ich habe etwas Lustiges in einem Interview mit diesen Rembrandt-Damen gelesen. Sie behaupteten, dass wir immer gegenständlich träumen. Tut ihr das?«
Patrick zuckte nur mit den Schultern. Er war immer noch sauer.
»Ich kann mich nie an meine Träume erinnern«, sagte Peter.
Was natürlich gelogen war. Er erinnerte sich zum Beispiel ausgezeichnet an den Jungen, der ihm diese unmögliche Frage gestellt hatte, auf dem Schulhof, die ganze Gestalt, dieser dickliche Junge, war gut wiederzuerkennen, genau wie auch er, Peter, gut wiederzuerkennen war, in seiner Wildlederjacke, dem mit Wasser nach hinten gekämmten Haar, der Traum war mit anderen Worten gegenständlich, aber gleichzeitig nicht realistisch, er war verdreht, ihm fiel keine andere Beschreibung ein als verdreht, und plötzlich kam ihm in den Sinn, fast wie eine Eingebung, dass das Licht in den Träumen von innen heraus kommt, es gibt keine anderen Lichtquellen in den Träumen, so wie Beckers weiße Farbe auf dem Grund eines Gemäldes liegen kann, unter allen anderen Schichten, und sogar die schwarze Oberfläche zum Leuchten bringt.
Ben lächelte.
»Ist an diesem Anachronismus der Damen etwas dran? Sind wir ganz einfach altmodisch im Schlaf? Schaffensrealisten, sozusagen?«
Patrick sagte:
»Ich würde Träume lieber als Installationen bezeichnen.«
Ben schaute schnell Peter an, für einen Augenblick fast verschämt, für die Äußerung seines jungen Liebhabers, und eine Weile tranken sie weiter statt zu sprechen, das war am besten so, sie konnten den Regen hören, wie er auf das Dach prasselte, den Wind in den Bäumen unten am Zaun, Helene sang Kaia etwas vor.
Aber Peter wollte sich nicht damit begnügen.
»Dann träumst du also Installationen, Patrick? Unter meinen Amputationen in Bens Bett?«
»Nein, für so etwas bleibt selten die Zeit.«
Ben unterbrach ihn.
»Ich habe eine gute Neuigkeit, Peter.«
»Ja? Lass hören. Wollt ihr ein Kind adoptieren?«
Ben seufzte und wandte sich für einen Moment Patrick zu.
»Peter Wihl hat seine eigene Art von Humor. Es dauert nur ein wenig, bis man sich daran gewöhnt hat.«
Patrick schüttelte den Kopf.
»Ich finde, Peter ist witzig.«
Peter beugte sich zu ihm hinüber.
»Findest du, dass ich witzig bin?«
»Ich mag provozierenden Humor.«
Peter lachte.
»Provozierend? Ich versuche nur, nett und freundlich zu sein.«
Patrick lachte auch.
»Nett und freundlich wie eine Amputation«, sagte er.
Und ganz kurz sah Peter die Wut des Jungen aufblitzen. Er schwieg.
Ben legte ihm die Hand auf den Arm.
»Wenn du mit dieser Ausstellung fertig bist, wartet ein Portrait auf dich.«
Peter zog den Arm zu sich heran.
»Von wem?«
Ben zierte sich.
»Das kann ich nicht sagen, bevor nicht alles klar ist. Aber so viel kann ich verraten: Höher kommen wir nicht.«
Peter unterbrach ihn.
»Aber ich will vorher jemand anderen malen, Ben.«
»Wen?«
Peter beugte sich über den Tisch.
Im gleichen Moment kam Helene zurück und setzte sich. Sie schaute die Männer an, lächelnd, einen nach dem anderen, während Ben ihr einschenkte.
»Was für Geheimnisse habt ihr denn?«, fragte sie.
»Patricks Träume sind Installationen«, sagte Peter.
Und Patrick, der immer mehr einem zu groß geratenen Kind ähnelte, weich und glatt im Gesicht, vielleicht war es der viele Wein, der ihn dazu machte, rutschte auf seinem Stuhl hin und her, was nur gerecht war, wie Peter dachte, und Ben musste dem Jungen zu Hilfe kommen, er nahm seine Hand, wandte sich Helene zu und wechselte das Thema.
»Erzähl uns lieber, wie es mit der Wildente läuft«, sagte er.
»Es ist noch zu früh, etwas darüber zu sagen. Aber ich glaube, es wird anders.«
Ben seufzte.
»Das ist im Grunde genommen ein unerträgliches Stück. Ibsen, dieser Geizhals, lässt alles, was überhaupt nur schiefgehen kann, auch schiefgehen. Das ist unerträglich!«
Helene legte den Kopf schrägt.
»Und was hätte Ibsen deiner Meinung nach tun sollen?«
Ben wurde noch lauter:
»Er ist nichts weiter als ein dramatischer Blender. Diese widerlichen Dinge in der Familie Ekdal könnten doch ganz einfach aus der Welt geschafft und das Leben des Kindes gerettet werden! Egoistische Männer mittleren Alters sind ja wohl das Widerlichste, was es gibt.«
»Und was würde dann noch von der Dramatik bleiben?«
Ben schaute in die Runde.
»Ist Glück nicht dramatisch genug? Sind Geschlechtskrankheiten, Konkurs und ein plötzlicher Tod notwendig, um Dramatik zu erzeugen? Kann man sich nicht mit dem Glück begnügen?«
»Willst du das Idyll, Ben?«
»Ich würde auf jeden Fall ein offenes Bühnenbild vorschlagen. Damit das Publikum mit eigenen Augen Hedvigs Selbstmord sehen kann. Und dann hätte ich gern einen Kaffee.«
Wieder wurden sie unterbrochen, dieses Mal von Kaia, die nach Peter rief. Er ging zu ihr und setzte sich im Halbdunkel bei ihr auf die Bettkante, froh, bei seiner Tochter zu sein, und froh, für eine Weile davongekommen zu sein.
»Kannst du nicht schlafen?«
Kaia schüttelte den Kopf.
»Reden wir zu laut?«
»Besonders Onkel Ben.«
Peter stopfte die Bettdecke um sie fest und konnte das Gespräch aus der Küche hören, nicht die Worte, nur die Stimmen, er hätte bei solchen Geräuschen im Haus auch nicht schlafen können, da war es besser bei Regen, Regen auf dem Dach und an den Fensterscheiben, das ist die richtige Begleitung des Schlafs.
»Ja, besonders Onkel Ben«, wiederholte er.
Plötzlich nahm Kaia seine Hand, und es wunderte ihn, dass die kleinen Finger so viel Kraft hatten.
»Wem sehe ich ähnlich?«, fragte sie.
Und Peter erinnerte sich in dem Moment an seine eigene Frage, im Garten, als er aus dem Atelier gekommen war, erschüttert, und an Kaias Unruhe, weil sie keine Antwort gewusst hatte, und jetzt war sie an der Reihe zu fragen, denn Kinder vergessen nicht, Kinder müssen mit sich selbst zurechtkommen, und er beugte sich tiefer zu ihr und strich ihr mit einem Finger übers Gesicht, im Schatten, auf dem weißen Kopfkissen.
»Dir selbst natürlich. Wem denn sonst?«
Kaia lächelte.
»Du auch.«
Sie hatte es für sich entschieden und ließ seine Hand los. Jetzt konnte sie schlafen.
Peter gab ihr einen leichten Kuss auf die Stirn.
»Wovon willst du heute Nacht träumen?«
»Das weiß ich noch nicht.«
Er lächelte und richtete sich auf.
»Gute Antwort«, flüsterte er.
Doch als Peter die Tür schließen wollte, war da wieder ihre Stimme.
»Kann sie nicht ein bisschen offen bleiben?«
Peter drehte sich um. Kaia saß aufrecht im Bett, das Licht vom Flur ließ einen schmalen Streifen auf sie fallen.
»Aber dann wirst du Onkel Ben hören.«
»Ich kann aber nicht schlafen, wenn die Tür zu ist.«
Peter ließ sie einen Spalt offen, und während er zurück in die Küche ging, zu den anderen, dachte er beunruhigt, fast erschrocken, dass seine Tochter erst sechs Jahre alt war und schon jetzt wusste, was die Qual der Wahl bedeutete, nicht, zwischen zwei guten Dingen entscheiden zu müssen wie Eis oder Schokolade, sondern zwischen zwei schlechten, zwischen Dunkelheit oder Lärm, zwischen zwei Arten, nicht einschlafen zu können. Er blieb am Tisch stehen, sie tranken Kaffee, der Regen hatte aufgehört, es klang, als wäre ein Geräuschschleier zur Seite gezogen worden, Helene hatte eine Flasche Calvados hervorgeholt, Patrick schien sich zu langweilen, und Ben war noch nicht fertig, sich über Ibsen aufzuregen.
»Die Lebenslüge ist eine hochgejubelte norwegische Sportart! Verdammt, es stimmt nicht, dass Lebenslüge und Glück zusammenhängen! Seht doch nur mich an!«
Und Peter wusste, dass es natürlich nur eine Möglichkeit gab, Kaias Problem zu lösen, sie von der Qual der Entscheidung zu befreien, so dass sie in Frieden einschlafen konnte.
Er zeigte auf Ben, der ihn erst jetzt bemerkte.
»Unsere Tochter bittet dich, deine Stimme zu senken«, sagte Peter. »Oder ganz die Klappe zu halten.«
Ben schlug sich mit der Hand auf den Mund.
Patrick lachte, ein helles, kindliches Lachen. »Vielleicht ist es an der Zeit, dass ihr den Abwasch macht.«
Peter drehte sich um.
»Wie bitte? Was hast du gesagt?«
Patrick schaute Ben an, der errötete hinter seiner Hand, dieser magere, sich zierende, fast schon alte Mann errötete.
»Wieso, wascht ihr beide nicht immer zusammen ab?«