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Lars Saabye Christensen: Der Halbbruder

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor
(prolog)
DAS LETZTE MANUSKRIPT
(das festival)
DIE FRAUEN
(der trockenboden)
(die wohnung)
(die taube)
(der ring)
(das telegrafenamt)
(der knopf)
(der frühling)
(die uhr)
(blåsen)
(der name)
EIN KOFFER VOLL APPLAUS
(der wind)
(das lachen)
BARNUM
(taufe)
(der name des schweigens)
(der nekrolog)
(die göttliche komödie)
(barnums lineal)
(der leberfleck)
(der nordpol)
(die tanzschule)
(der baum)
(das paket)
(akt)
(das labyrinth)
(der sarg)
(der unfall)
(diskus und tod)
(beerdigung)
(strafe)
(hunger)
DAS MÄSTEN
DAS ELEKTRISCHE THEATER
(das schild)
(die halbe finsternis)
(barnums divina commedia)
(noch ein leerer tisch)
(das letzte bild)
(sonnenschirm im schnee)
(reihe 14, platz 18, 19 und 20)
(peau de pêche)
(abschaum)
(der wikinger)
(der kormoran)
(tempelhof)
(epilog)
Copyright

Autor

Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Er ist vielfach preisgekrönt, seine Werke wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. “Der Halbbruder” wurde in ganz Skandinavien geradezu hymnisch aufgenommen und mit allen wichtigen Literaturpreisen des Nordens ausgezeichnet.

(epilog)

Boletta wartet in Fornebu. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit ich sie auf Blåsen verlassen habe. Sie ist älter geworden, als die Alte je war, es ist, als würde das Leben in ihr rückwärts laufen, sie wächst nach unten und ist kleiner als ich, eine krumme Runzel, und sie riecht wie trockenes Obst. Ihre Hand ist dennoch kräftig und ruhig, als sie mich beim Arm nimmt und hinausführt zu den Taxen, wo sie sich sofort in der Schlange vordrängelt und Wut auf sich zieht. Es schneit ein wenig, der Schnee schmilzt bereits in der Luft. Wir setzen uns auf die Rückbank. Boletta lehnt ihre Wange an meine Schulter. »Du bist jetzt ganz, Barnum«, sagt sie. »Was sagst du da?« Aber sie reagiert nicht, und ich denke, während wir die sanften Hügel bei Gaustad entlangfahren, dass ich nicht ganz sein will, ich will es nicht, ich drücke Bolettas Hand so fest, dass sie aufjammert. Das rote Backsteingebäude kommt zwischen den nackten schwarzen Bäumen zum Vorschein, es sieht aus wie ein Schloss, ein Märchenschloss mit seinen Türmen und Fenstern, und nicht wie ein Pflegeheim. »Warum ist er hier?«, frage ich. Boletta bezahlt den Fahrer. »Es ist deine Mutter, die hier ist«, antwortet sie leise. Sie dreht sich schnell um, als falle es ihr erst jetzt ein, zu spät. »Hast du gar kein Gepäck dabei, Barnum?« Ich schüttle nur den Kopf. »Das ist weg«, sage ich. »Weg?« »Das macht nichts«, flüstere ich. »Es war nur ein alter Koffer.« Dann gehen wir hinein zu ihnen. Das Erste, was ich sehe, in einer Art Wohnzimmer, ist ein kleiner Junge, in grauer Hose und blauem Pullover. Es ist das erste Mal, dass er mich sieht. Er sitzt auf einem Stuhl, der zu hoch für ihn ist. Er bewegt sich nicht. Das ist Thomas. Ich bleibe vor ihm stehen. Seine Augen sind ängstlich und neugierig zugleich, als wäre er vor allem und jedem auf der Hut. Ich kenne ihn nicht, aber ich erkenne mich in ihm wieder. Ich weiß nur, dass ich für diese Augen, dieses Dunkel, dieses Verletzliche, durch Feuer und Wasser gehen könnte. Hilflos und unbeholfen lege ich ihm die Hand auf den Kopf, aber der ängstliche Junge dreht sich nur weg, so wie ich es auch getan hätte. Vivian sieht uns an, und als ich ihrem Blick begegne, wird sie plötzlich rot. Sie trägt immer noch den Ring. Es ist, als müssten wir beide tief Luft holen, uns besinnen, um nicht unter dem Gewicht dieser Stille zu Boden zu sinken. Boletta hebt Thomas hoch und drückt ihn an sich. »Fred ist bei Vera«, flüstert Vivian. Ich gehe einen Flur entlang. Ein Pfleger wartet vor dem Zimmer. Er öffnet die Tür. Mutter liegt im Bett. Es sieht aus, als würde sie schlafen, aber sobald ich im Raum bin, lächelt sie. Ein magerer Mann steht am Fenster, mit dem Rücken zu uns. Mutter versucht, etwas zu sagen, aber ihr Mund bringt keinen Ton heraus, und sie fängt stattdessen an zu weinen. Der alte, magere Mann dreht sich um. Es ist mein Bruder. Seine Augen stehen still. »Warum bist du zurückgekommen?«, frage ich. Und ich weiß nicht, ob ich es bin oder Mutter, die Fred ansieht, als er antwortet: »Um dir das alles zu erzählen.«