
AUTOR: Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Sein Roman »Der Halbbruder«, für den er den Nordischen Literaturpreis erhielt, wurde auch in Deutschland zum Bestseller. Der Autor lebt in Oslo.
Ich hatte eine schöne Kindheit. Mutter ging früh zu Bett. Vater starb, als ich zwölf Jahre alt war. Ich war Einzelkind. Wir wohnten in einer großen Wohnung in der Straße hinter dem Schloss. Ich kann mich an die drei Stuben erinnern, die ineinander übergingen, durch breite Schiebetüren geteilt, die immer offenstanden, und an die schweren Portieren mit Quasten, die zur Seite gerafft waren, wie ein dunkler Bühnenvorhang. Vater saß im Sessel in der hintersten Stube und las in der Life. Das Licht von den hohen Fenstern — entweder waren es die Straßenlaternen oder der Mond im Herbst oder aber die Sonne, die sich in grünen Bündeln durch den wilden Wein ihren Weg bahnte, wenn der Frühling kam — ließ seine weißen Handschuhe leuchten, als wären es nur diese Hände, die von ihm sichtbar waren. Ab und zu schaute er auf, bemerkte mich und zögerte einen Moment lang, bevor er weiterblätterte. Ich stand so weit entfernt, dass ich nicht sehen konnte, ob er lächelte oder sich gestört fühlte.
Als er tot war, fühlte ich keine Trauer, nur eine Art Erschöpfung. Es war meine Tante, die mir mitteilte, dass er tot war. Ich kam aus der Schule, Ende September, an einem Tag, an dem schon etwas Merkwürdiges geschehen war, denn ich hatte die brutale Einsamkeit meiner Mutter gesehen, es regnete, und da war dieses dürre Klappergestell, meine unverheiratete Tante, Vaters ältere Schwester, die so alt war, dass sich viele fragten, ob die beiden wirklich gleichen Ursprungs sein konnten, und jedes Mal, wenn ich sie sah, kam mir in den Sinn, wie unmöglich doch die Vorstellung war, dass Vater von irgendjemandem der kleine Bruder war.
Sie knackte mit den Fingern, das war eine schlechte Angewohnheit von ihr, fünf Mal ein trockenes Knacken.
»Er ist tot«, sagte die Tante.
»Wer?«
»Dein Vater.«
Dann strich sie mir schnell mit der Hand übers Gesicht, das vom Regen ganz nass war, vielleicht glaubte sie ja, ich hätte angefangen zu weinen. Sie folgte mir zu meiner Mutter nach drinnen. Deren Weinen war echt. Es war übrigens das erste Mal, dass ich in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer war, das jetzt ihr allein gehören sollte. Ein breiter Nachttisch stand zwischen den Betten. Vaters Handschuhe lagen unter der Lampe. Jetzt konnte ich sehen, dass sie fleckig waren, die Finger ganz grau, von Druckerschwärze oder vom Tabak. Sie leuchteten nicht mehr.
»Kann ich die Hefte haben?«, fragte ich.
Mutter schaute mich an, verwundert.
»Was meinst du?«
»Life. Kann ich sie jetzt haben?«
Mutter setzte sich im Bett auf, hob die Hand, und ich glaubte, sie wollte mich schlagen, und duckte mich, aber meine Tante konnte sie aufhalten.
»Nun, nun, das war doch nicht so gemeint«, flüsterte sie.
Aber ich hatte es genau so gemeint. Ich wollte die Hefte haben. Es gab keine Hintergedanken in meinen Worten, keine Bosheit in meinem frommen Wunsch. Mutters Augen wurden trocken und kalt. Sie war seiner Ideen überdrüssig, und sie war meiner überdrüssig, als wenn alles, was passiert war, meine Schuld gewesen wäre.
»Du solltest dich schämen«, sagte sie. »Schäm dich!«
Und vielleicht war es genau da, in diesem Augenblick, als Mutter sagte, ich solle mich schämen, dass mir meine Schamlosigkeit ungewohnt deutlich vor Augen stand. Es ist mein Gebrechen, und es ist vorgekommen, dass ich mich gefragt habe: Ist das der Punkt, wo das Licht eindringt, oder ist es der Punkt, wo das Dunkel hervorquillt?
Ich habe kein Schamgefühl.
Vater wurde sieben Tage später im Vestre Krematorium beigesetzt. Erst da beschloss Mutter aufzustehen. Sie weinte und kleidete sich schwarz. Es war die Tante, die alles organisiert hatte, Blumen, Anzeige, Telefonate, Anwälte, Polizei. Sie war diejenige, die ins Krankenhaus fuhr, um meinen Vater zu sehen, ihren Bruder, zum letzten Mal, aber das wurde ihr nicht erlaubt, der Sarg, in dem er lag, war bereits verplombt. Es war Vaters Arzt, Doktor Ask, der es ihr abschlug, er sagte, er tue das aus Rücksicht auf uns alle, denn Vater war kein schöner Anblick.
Doch das, was man nicht zu sehen bekommt, wird vor unseren Augen nur noch schlimmer. Es wächst. Es verschwindet nie. Unwissenheit ist ein Treibhaus, in dem die schrecklichsten Blumen wachsen.
Das Wetter war an dem Tag gar nicht so schlecht.
Ich saß in der ersten Reihe zwischen Mutter und Tante. Mutter hatte aufgehört zu weinen. Die Tante war immer noch wütend. Den ganzen Mittelgang hinunter lagen Blumen, als wäre der Sarg an einem Seil aus Blumenstängeln vertäut. Hinter mir hörte ich Stimmen, die kraftvoll sangen, Stimmen, die schwiegen, und einige, die nur flüsterten. Es gab nicht einen freien Platz. Einige mussten sogar unter den Bogengängen an den Wänden stehen. Der Pfarrer sagte, dass mein Vater, der Patentingenieur, zweiter Vorsitzender im Norwegischen Erfinderverein von 1955—59, im Gedächtnis bleiben und niemals vergessen werden würde. Da war es ganz still im Krematorium. Der Pfarrer sagte, dass mein Vater Spuren hinterlassen habe. Und während der Pfarrer das sagte, hatte ich das Gefühl, als rede er von jemand anderem, einem, von dem ich nicht wusste, wer es sein sollte. Und ich dachte weiter, dass wir wohl auf der falschen Beerdigung gelandet waren, dass das nur einer von Mutters Einfällen war, ihre verrückteste Idee bis jetzt, es war gar nicht mein Vater, der da im Sarg lag, die Blumen waren nicht für ihn bestimmt. Aber vielleicht kannten ja alle, die an diesem Tag im Krematorium waren, meinen Vater jeweils auf andere Art und Weise? Was hätte ich geantwortet, wenn mich jemand gefragt hätte, wer mein Vater war? Ich hätte gesagt: der Mann mit den schmutzigen Handschuhen in der hintersten Stube.
Die Feier fand ihren Abschluss am Grab, wie es so schön heißt. Ich sah kein Grab, nur den Sarg, der sich langsam zwischen Blumen und Kränzen hinuntersenkte, und gleichzeitig hörte ich das Geräusch einer Art von Motor, vielleicht waren es auch nur die Flammen im Keller darunter. Aber nein. Das Geräusch kam von meiner Mutter. Sie war die Einzige, die nicht aufgestanden war. Sie saß da, die Kiefer fest zusammengepresst, und knirschte mit den Zähnen, ihr Gesicht schien schief und viel zu kurz zu sein, es war, als hätte sie den Mund voller Grashüpfer und Angst, sie könnten herausspringen. Sie schaute nach unten und war nicht mehr in der Lage, jemandem in die Augen zu sehen. Sie schämte sich wegen Vaters Tod.
Mutter war Witwe geworden. Und ab jetzt werde ich sie nur noch so nennen: die Witwe.
Ich beugte mich vor und schaute in das längliche Loch im Boden, dort, wo der Sarg gestanden hatte. Es sah aus wie ein Fahrstuhlschacht, voll mit Blumen, aber es fuhren hier keine Kabinen hoch und runter.
Vater unser.
Einer von Vaters Erfindern, ich glaube, er hieß Holmsen, warf eine Rose hinein. Sie fiel und fiel und erreichte nie den Boden. Er trug eine Sonnenbrille, sein Haar war grau geworden, innerhalb eines einzigen Monats war es dünn und grau geworden, ich konnte sehen, dass es verwelkt war.
Am liebsten hätte ich ihn über den Rand geschubst.
Stattdessen flüsterte ich:
»War nett letztes Mal.«
Es durchzuckte ihn.
Jetzt stand auch die Tante da.
»Dass Sie es wagen! Verschwinden Sie!«
Der Mann, der Holmsen hieß und eine neue Skibindung erfunden hatte, behielt die Sonnenbrille auf, holte tief Luft und ging, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.
Der du bist im Himmel.
Doktor Ask, Vaters Freund und Arzt, dieser lange, dünne Mann mit den traurigen Augen, aber heute nicht, heute gab es einen anderen Glanz in ihnen, er blieb an seinem Platz stehen, als sich die Kapelle endlich geleert hatte. Dann kam er zu uns. Die Witwe war bereits in ihrer eigenen Welt, und er konnte nichts tun, als ihr vorsichtig auf die Schulter zu klopfen. So blieb er lange Zeit stehen, als wäre auch er aus dieser Welt verschwunden, bis sich die Tante laut räusperte.
Doktor Ask wandte sich uns zu.
Er nahm die Hand der Tante, während er mich ansah.
»Wenn ich irgendetwas tun kann, zögern Sie nicht, es mir zu sagen«, flüsterte er.
Die Tante zog ihre Hand zurück.
»Danke. Aber ab jetzt brauchen wir Sie nicht mehr.«
Er stutzte.
»Entschuldigung, was meinen Sie damit?«
»Genau das, was ich gerade gesagt habe. Dass wir Sie nicht mehr brauchen.«
»Das können Sie doch nicht ernst meinen?«
»Doch. Das meinen wir ernst.«
Doktor Ask zögerte einen Moment lang, nickte, vielleicht enttäuscht, und ging dann den Mittelgang hinunter, bis er im Regen verschwand, der eingesetzt hatte.
Anschließend nahmen wir ein Taxi bis zur Straße hinter dem Schloss. Der Mund der Witwe war wieder entspannt geworden. Sie versuchte, meine Hand zu finden. Die Scheibenwischer schoben sich langsam über die Windschutzscheibe. Die Tante saß vorn auf dem Beifahrersitz.
»Warum warst du sauer auf Holmsen?«, fragte ich.
»Sei leise«, sagte die Tante.
Ich musste innerlich lachen.
»Aber warum denn?«, beharrte ich.
»Weil er deinen Vater mit seiner Erfindung reingelegt hat. Und jetzt bist du still!«
Fünf Finger, die knackten.
Wir waren angekommen, in der breiten Straße hinter dem Schloss.
Die Tante bezahlte. Ich lief ins Treppenhaus. Ganz unten auf der Treppe saß Emilie. Sie saß immer dort, in den blauen Schatten. Sie ging in die gleiche Schule wie ich, zwei Klassen unter mir. Ich blieb stehen. Emilie hatte einen offenen Gaumen und weiße Augenbrauen. Sie konnte die Sonne nicht vertragen. Sie starrte mich mit ihren farblosen Augen an, stand auf und ging zu ihrer Tür. Bestimmt wusste sie schon, was passiert war mit Vater, denn alle wissen das, worüber man nicht redet. Ich lächelte ihr zu. Da wurde sie rot. Das Blut schoss für einen Moment unter die blasse Haut, und ihr fiel der Schlüssel auf die Fußmatte. Sie versuchte auch zu lächeln, schaffte es aber nicht so recht, die Lippen waren zu fest zusammengenäht, es wurde nur zu einem gespaltenen Lächeln. Ich beugte mich hinunter, meine Hand nahe an der ihren.
»Erinnerst du dich noch, was du mich gefragt hast?«
Emilie schüttelte den Kopf.
»Du hast mich gefragt, warum ich so gemein bin.«
»Das habe ich nicht so gemeint.«
Ihre Stimme war genauso zart wie ihre Augen.
Nicht so gemeint?
War ich derjenige, der einem leidtun musste?
»Was hast du dann gemeint?«
Sie schüttelte weiter den Kopf.
Ich kam ihr noch näher. Das weiße Haar roch nach Kampfer.
»Ich bin nicht gemein«, sagte ich.
Ich fürchtete, sie könnte anfangen zu weinen.
Und ich wiederholte die Worte der Witwe.
»Ich habe nur keine Scham im Leibe.«
Emilie zog die Hand zu sich heran und versteckte sie auf dem Rücken.
»Du Armer.«
Das hätte sie nicht sagen sollen.
Ich ging hinter den anderen in unsere Etage hinauf, in die oberste. Im Eingang roch es nach Blumen, obwohl doch auf der Todesanzeige gestanden hatte: Bitte keine Blumen ins Trauerhaus. Die Tante schloss die Tür und zog ins Mädchenzimmer, den schmalen Raum hinter der Küche. Da hatte keiner mehr gewohnt, seit die letzte Haushaltshilfe gefeuert worden war, ich kann damals nicht älter als drei gewesen sein, ich kann mich nicht mehr an sie erinnern, nur an den Tonfall ihrer Stimme, der einem dunklen Gesang ähnelte. Es gab eine Glocke an der Wand, direkt über dem Bett, die eine Verbindung zur gesamten Wohnung hatte, so dass sie jederzeit gerufen werden konnte, auch mitten in der Nacht, wenn es nötig war. An das Geräusch kann ich mich besser erinnern, ein schriller Ton, fast wie eine Fliegersirene. Zum Glück läutete niemand nach der Tante. Und die Witwe ging noch früher zu Bett. Sie verlor den Halt. Die Nachbarn in der breiten Straße hinter dem Schloss behaupteten, sie hätte den Verstand verloren, was nur zu gut zu verstehen sei. Schließlich ging sie so früh zu Bett, dass sie nicht mehr aufstand. Sie hatte glücklicherweise nicht alles über Vaters Tod erfahren, aber die knappen Informationen, die die Polizei ihr gegeben hatte, und die versteckte, aber dennoch erschütternde Notiz in der Aftenposten waren mehr als genug, denn die Gerüchte waren nicht misszuverstehen, Gerüchte lassen sich nicht aufhalten, sie sind wie Tiere, die sich am Kadaver fettfressen.
Vaters Tod wurde heruntergespielt, aber alles, was heruntergespielt wird, kommt wieder hoch, an anderer Stelle, vielleicht direkt hinter dir, umso schärfer, grausamer, dichter.
Die Tante versuchte mich zu trösten.
»Wir müssen wohl froh sein, dass wir ihn nicht gesehen haben«, sagte sie.
Später hörte ich sie des Nachts, als es angefangen hatte zu schneien und die Straßen im spärlichen Licht der Straßenlaternen leer und weiß wie eine fremde Landschaft dalagen, in der sich Reste einer Skispur wie eine Narbe entlang dem Bürgersteig zogen, vielleicht war es Emilie gewesen, die am Abend zuvor draußen gewesen war, denn der Mond war das einzige, was sie ertrug.
»Es ist deine Schuld«, flüsterte die Tante.
Die Witwe schluchzte und riss etwas zu Boden, die Lampe oder ein Glas.
»Räum das auf!«, schrie die Witwe.
Die Stimme der Tante:
»Ich bin nicht mehr dein Dienstmädchen! Dass du es nur weißt!«
Dann wurde es wieder still. Die Tante ging schlafen. Aber noch vor Weihnachten hatten sie die Zimmer getauscht. Die Witwe zog ins Mädchenzimmer, und die Tante schlief in Vaters Bett. Sie sollte meine neue Mutter werden. Ich brauchte sie nicht. Sie war unnötig. Ich brauchte keine von beiden, weder die Tante noch die Witwe. Ich wäre sie gern losgeworden.
Oft dachte ich an das, was der Pfarrer gesagt hatte, dass Vater Spuren hinterlassen hatte. Er hinterließ ein Paar Handschuhe, zwölf Jahrgänge von Life, ein Patent und einen Fotoapparat. Die Handschuhe legte die Tante in eine braune Tüte, die sie eigenhändig hinuntertrug und in den Mülleimer im Hof warf. Der Fotoapparat lag in einer Tasche auf dem Bücherregal in der mittleren Stube. Vater war der Einzige, der ihn benutzt hatte. Und er machte nur im Sommer Fotos, wenn wir auf dem Lande waren, in dem weißen Haus im Schatten, ganz am Ende des Fjords.
Bald sollte alles mir gehören, ich würde die Hefte übernehmen, das Patent und den Fotoapparat. Aber die Handschuhe wollte ich nicht haben.
Zu meiner großen Verwunderung bekam ich meinen Willen. Es war tatsächlich, als bräuchte ich nur an etwas zu denken, und schon gehörte es mir.
Ich war ein Kind, dessen Träume in Erfüllung gingen.
Und eines Abends, gar nicht lange nach Vaters plötzlichem, unpassendem Tod, während die Kälte wie ein leuchtendes Rad um den Mond stand und einen frühen Winter ankündigte, ging ich durch die drei Stuben und setzte mich in den tiefen Sessel, wo er immer gesessen hatte. Die Armlehnen waren abgewetzt, fast zerfetzt. Der wilde Wein hing wie dünne, gekappte Kabel am Fenster. Es roch nach Stearin, ganz stark, ich konnte nicht sagen, woher er kam, dieser Geruch nach Kerzenwachs, in der Luft erstarrt, wie eine Skulptur. Ich schaltete die Lampe ein. Die Hefte lagen auf einem Stapel auf dem Fußschemel. Ich legte mir die letzte Nummer, die Vater erhalten hatte, auf den Schoß. Und diese Titelseite kann ich einfach nicht vergessen: Life, August 1963. Da ist ein Foto von Elizabeth Taylor und Richard Burton, ein Standfoto aus dem Film Kleopatra. Burton trägt Taylor, und sie trägt nur ein dünnes Tuch, Seide, fast durchsichtig. Der Umriss ihres Körpers tritt deutlich zutage, die Kleidung enthüllt mehr, als dass sie verdeckt, die Brüste, den Hüftbogen, die Schenkel, den Schatten zwischen den Beinen, die Rundung des Bauches, und dieses Bild wirkte so erregend auf mich, so intensiv und überwältigend, dass ich sofort die Hand in die Hose schieben musste und meinen ersten Erguss hatte. Es war magnetisch, es war animalisch. Ich wurde bis zum Rande von einer ruhigen Erschöpfung erfüllt, wie ich sie nach Vaters Tod gespürt hatte. Doch im gleichen Moment wurde ich mir auch meiner Unruhe bewusst, denn ich wusste, dass ich mehr wollte.
Ich legte das Heft wieder auf den Hocker, und da entdeckte ich sie. Die Tante. Sie wartete in der hintersten Stube, im Schatten unter dem Kronleuchter, und sie starrte mich an. Ich dachte: Da habe ich gestanden und Vater beobachtet. Ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen, nur die Augen, sie war zu weit entfernt, aber diese magere, dunkle Gestalt hatte etwas Lächerliches an sich, ein schiefes, unmögliches Gewicht, das sie fast umwarf — Neugier und Verachtung. Ich blieb sitzen, bis sie gegangen war. Die Uhr im Eingang schlug zehn Mal. Ich ging ins Bad, verschloss die Tür und wusch mich lange.
In dieser Nacht träumte ich. Ich träumte, dass ich Vaters Handschuhe im Mülleimer auf dem Hinterhof fand. Als ich sie überziehen wollte, gab es keinen Platz für meine Hände, und ich sah, dass Vaters Hände immer noch drinnen waren, in den Handschuhen. Ich wachte auf, unruhig. Der Traum hatte mich erschüttert. Ich ging nicht zur Schule. Ich hörte, wie die Tante fortging, um einzukaufen, vielleicht wollte sie auch auf den Friedhof. Die Urne musste in die Erde, bevor der Boden fror. Die Witwe stand auch an diesem Tag nicht auf. Ich schlich mich in die Küche und trank ein Glas Milch. Es hatte angefangen zu schneien. Ich fühlte mich bereits besser. Mir gefiel die Ruhe an so einem Morgen, wenn ich die Wohnung für mich hatte. Die Zeit bekam eine andere Geschwindigkeit. Ich konnte sie herunterschrauben, meinem Rhythmus anpassen. Einen Moment lang horchte ich: Das Atmen der Witwe im Mädchenzimmer, dünn wie der Schnee, der sich wie eine unruhige Haut auf den Hinterhof gelegt hatte, über die Mülleimer, die Wäscheleinen, die Fahrräder, wie ein Pelz aus Schnee, dachte ich.
In dem Moment kam Emilie die Hintertreppe herauf, mit einem karierten Ranzen auf dem Rücken. Ihr Gesicht war so weiß unter der blauen Kapuze, weißer als alles um sie herum, als wollte sie den Winter nachahmen.
Vorsichtig schaute sie zu dem Fenster hoch, hinter dem ich stand. Ich hob die Hand. Sofort senkte sie den Blick, vielleicht wurde sie geblendet, und lief schnell weiter. Dann ging ich in die hinterste Stube und setzte mich hin, in Vaters Sessel. Ich legte mir das gleiche Heft auf den Schoß, Life, August 1963. Aber das Bild auf der Titelseite hatte keine Wirkung mehr. Es war aufgebraucht, ausgeleert, und ich fühlte eine verblüffende Trauer über den Verlust des Genusses. Vielleicht war das das Schlimmste, dass ich wusste, was mir entging, jetzt, nachdem ich es kennengelernt hatte, den Magnetismus, die scharfen Ränder der Erregung. Ich sehnte mich bereits zurück, zu der Zeit davor, doch es war zu spät, es war passiert.
Ich nahm alle Hefte und warf sie in den Mülleimer auf dem Hof. Ich war fertig mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Sie waren verbraucht.
Ein scharfer Geruch von Verwesung entfaltete sich wie ein Blumenstrauß, als ich den Deckel öffnete.
Ich schaute hinein.
Vaters Handschuhe waren schon lange fort.
Ich sah sie vor mir, an irgendeinem Betrunkenen draußen in der Stadt, die grobschlächtigen Vögel, die über dem Schlamm kreisten und in alle Finger bissen.
Und auch Emilies Spur wurde langsam ausgelöscht, wie Schnee im Schnee.
Ich fror, unpässlich, unzufrieden.
Ich ging wieder nach oben.
Die Tante saß in der Küche und wartete.
»Was hast du gemacht?«
»Vaters Hefte weggeworfen.«
Die Tante lächelte und legte mir ihre Hand auf die Schulter.
»Das ist gut. Dann muss ich es nicht mehr tun.«
Dann kündigte sie das Abonnement für Life. Das empörte mich. Sollten wir auch kein Radio mehr hören? Sollten wir die Aftenposten nicht mehr hereinholen? Sollten wir nicht mehr leben, weil Vater tot war? Er war derjenige, der tot war, nicht wir. Konnte sie nicht lieber das Schild an der Tür abschrauben, auf dem immer noch Vaters Name stand, und stattdessen unsere Namen darauf schreiben, zumindest den Namen der Witwe? Sie hatte nie ihren Namen an die Tür geschrieben, hinter der sie wohnte. Sie lebte unter einem anderen Namen, in Vaters Namen, war gefangen in seinem Titel.
Doch ich sagte nichts. Die meiste Zeit saß ich in meinem Zimmer und versuchte, Hausarbeiten zu machen, konnte mich aber an nichts mehr erinnern, wenn ich das Buch schloss. Die Zeit rannte mir davon. Ich war aus dem Gleichgewicht geraten. Und des Nachts lag ich wach da. Ich sehnte mich. Die Haut unter meinen Augen bekam blaue Schatten, die nie wieder ganz verschwanden. Die anderen glaubten, ich würde immer noch trauern. Ich ließ sie in diesem Glauben. Es ist ehrenvoll zu trauern. Die Trauer war wie ein Heiligenschein. Aber es war keine Trauer. Es war eine Art Heiligenschein. Es war dieses Unbefriedigte. Ich war voll von diesem Unbefriedigten.
Ich dachte an Emilie.
Eines Morgens, es war übrigens der erste Weihnachtstag am ersten Weihnachten ohne Vater, schlich ich mich in die zweite Stube und holte den Fotoapparat, ich hob ihn vorsichtig vom Regal, und in dem Moment gehörte er mir.
Einen Moment lang zögerte ich.
Über dem niedrigen Bücherregal, zwischen den gelben Wandlampen, hing ein Foto, das Vater gemacht hatte, im letzten Sommer oder in einem anderen Sommer, denn alle Sommer waren gleich gewesen. Es war vom Ferienhaus, der Schatten des Fahnenmastes im Gras war eine scharfe Diagonale, die das Motiv in zwei Teile teilte, die Terrasse, in Licht gebadet, auf der niemand saß, es standen nur drei Gläser auf dem Tisch, dazu eine Sonnenbrille und ein leerer Saftkrug, wie ein Stillleben, all das Tote, abgesehen von mir, der ich im Fenster im ersten Stock wartete, wenn man genau hinschaute, halb verborgen hinter der Gardine, die einem abgenutzten, fast durchsichtigen Flügel ähnelte, mit den krummen Stichen einer scharfen Sonne an meinem Arm und meiner Schulter festgenäht.
Dann lief ich zurück in mein Zimmer und zog den schweren, massiven Apparat aus seiner Tasche. Es war ein Film eingelegt, ein neuer Film, der Zähler stand immer noch auf eins. Vater hatte es nicht mehr geschafft, ihn zu benutzen. Ich schaute durch die Linse, vorsichtig, als liefe ich Gefahr, etwas kaputt zu machen. Ganz schwach konnte ich Vaters Atem spüren, den Geruch seiner Haut, den Mund, seinen trockenen Mund, als atmete er mich an. Alles, was ich sah, flackerte und war schief, wie Schatten und Staub, das Bett, der Schulranzen, die Schuhe, alles zog langsam vorbei, fremd und nicht wiederzuerkennen, Gegenstände, aus ihrem Zusammenhang gelöst. Ich drehte mich zu dem Spiegel in der Schranktür um, und plötzlich, als wären Wolken von einer heftigen Windböe weggerissen worden, konnte ich mich selbst sehen, deutlich, nahe, ich konnte die Hand vorstrecken und mein eigenes zerstörtes Gesicht berühren.
Aber das hatte ich nicht sehen wollen.
Ich wollte alles andere sehen, das, was nicht sichtbar war.
Ich verstaute den Apparat wieder in seiner Tasche und versteckte ihn in der Schublade, unter den alten Puppen, die ich immer noch nicht weggeworfen hatte.
Ich musste immer wieder an Emilie denken, die weiße Emilie.
Ich wusste, dass ich damit leben konnte. Ich konnte warten.
Doch es kam ein Nachmittag, an dem ich es nicht länger aushielt.
Es war bereits Frühling, der Anfang vom Frühling, die schönste Zeit, dieses tastende Grün, dieses Vorfühlen. Die Tante war wieder auf dem Friedhof. Die Witwe schlief wie üblich. Ich sah Emilie unten auf dem Hof. Sie stand im Schatten am Zaun, in einem neuen Kleid, ab und zu drehte sie sich, als wollte sie sich zeigen, zeigen, wie hübsch sie war, ein schmächtiges Mannequin mit dünnen, weißen Gliedern und roten, tränenden Augen. Doch es war niemand sonst da, niemand, dem sie sich hätte zeigen können, nur ich, am Fenster, und sie wusste nicht, dass ich dort stand. Ihr Heiligenschein war weiß. Er leuchtete kalt. Er hielt die Menschen auf Abstand. Niemand war einsamer als Emilie. Aber ich hatte sie zum Erröten gebracht. Jetzt stand sie ganz still, als sonnte sie sich in dem tiefen Schatten, in dem weichen Luftzug, dem Atem des Frühlings, ich konnte ihn bis zu mir hinauf spüren, süß und schwer, und ihre Röte hing ihr noch in den Augen, den roten Pupillen, wie Glas und Blut.
Ich holte den Fotoapparat und hängte ihn mir um den Hals. Ich schlich mich die Küchentreppe hinunter, mit jedem Schritt, den ich ihr näher kam, aufgeregter. Es ist vielleicht nicht richtig zu behaupten, dass ich es nicht mehr aushielt. Es ist besser zu sagen, dass die Zeit reif war. Ich hatte keine Pläne. Ich hatte nur Lust. Es war ein merkwürdiger Nachmittag, so still, wie eine Stadt nur sein kann.
Als ich auf den Hof hinauskam, war Emilie nicht mehr da. Die Tür zum Keller, hinter den Mülleimern, stand offen. Ich lief hin. Die Treppe war dunkel. Ich ging hinunter ins Dunkle. Es roch vermodert, feucht, nach alten Blumen, nach Resten, solchen Dingen, die verrotten und zu Erde und Zeit werden. Unser Verschlag war verschlossen. Ich ging weiter. Eine Glühbirne leuchtete am Ende des Ganges von der Decke. Mir gefiel diese feuchte Kälte. Ich blieb vor der letzten Tür stehen. Emilie stand an der massiven Mangel, in dem kühlen und doch gleichzeitig feuchten Waschkeller. Sie strich mit der Hand über ein Laken, genauso weiß wie sie selbst. Nach einer Weile hörte sie mich und drehte sich plötzlich um. Jetzt konnte ich sehen, dass sie eine Sonnenbrille trug, hier unten, in der feuchten Dunkelheit. Flammende Röte stieg in dem mürrischen, trockenen Gesicht auf, bevor sie wieder erlosch und die Haut noch bleicher wurde, als wäre Asche über sie gestreut worden.
»Was machst du?«, flüsterte sie.
Auch die Stimme war weiß, wie ein dünner, undeutlicher Strich im Mund. Gott hatte es nicht geschafft, sie einzufärben. Gott hatte sie vergessen. Wir ähnelten uns.
»Ich fotografiere«, sagte ich.
Und ich sah Emilie durch die Linse hindurch. Sie schien keine Angst zu haben. Wovor sollte sie auch Angst haben? Sie schien eher verwirrt zu sein, aber als ich sie endlich im Fokus hatte, konnte ich noch etwas anderes sehen, ich sah die Eitelkeit. Sie war verwirrt und eitel. Das erregte mich. Sie legte den Kopf zur Seite, lächelte, mit ihren kaputten Lippen, und sie war es sicher nicht gewohnt, so viel zu lächeln, es ähnelte eher einer Grimasse, als wäre ihr Mund zu fest zusammengenäht worden, und ich dachte, dass Emilie jetzt bestimmt glaubte, sie wäre hübsch, und ich werde dieses Lächeln nie vergessen, das wie eine Saite in ihrem Gesicht vibrierte, zum Zerreißen gespannt.
Ich erinnere mich an sie.
»Findest du wirklich, dass ich hübsch bin?«, fragte sie plötzlich.
Der Zweifel hatte sich in die Frage geschlichen, und warum sollte sie nicht zweifeln, die sie doch von Spiegeln und Schweigen umgeben war. Wie lange halten Lügen? Darauf gibt es eine einfache Antwort: genau so lange, wie man wünscht, an sie zu glauben.
Doch auch das stimmt nicht.
Ich nickte.
»Zieh dich aus«, sagte ich.
Emilie trat einen Schritt zurück und stand mit dem Rücken an der Mangel. Ich folgte ihr. Es kam etwas Trotziges über sie, was mir gefiel, und ich wusste bereits, dass sie es tun würde, sie machte sich nur rar, und auch das gefiel ihr.
»Warum?«, fragte sie.
»Es ist ein Spiel«, erwiderte ich.
Sie legte wieder den Kopf schräg, diese kokette Emilie, es war ihr Moment, das weiße, dünne Haar rieselte über die Schulter, die Augen glänzten.
»Was für ein Spiel?«
»Es heißt Kleopatra.«
Und Emilie schob die Sonnenbrille auf die Stirn, blinzelte einen Augenblick lang, hier in der Dunkelheit, und dann begann sie sich auszuziehen, das neue Kleid rutschte auf den Boden, das enge, graue Hemd, das sie über den Kopf zog, ihr Körper war noch weißer, ohne Kurven, ohne Höhen, sie war mager und einsam, ein verlassenes Gerüst. Sie behielt den Slip an und legte sich die Hände vor die Brüste, die noch gar nicht da waren. So blieb sie stehen, ihre Lippen zitterten, ein gebogener Faden in ihrem Gesicht, kurz vorm Zerreißen, meine weiße Emilie.
»Leg dir das Laken um«, sagte ich.
Sie tat, was ich sagte. Ich trat näher. Ich sah sie durch die Linse, Emilie mit dem um sich geschlungenen Laken. Ich hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um sie zu berühren. Aber das war es nicht, was ich wollte. Wieder wurde sie unruhig. Mein Finger auf dem Auslöserknopf. Das Licht, das aus dem schmalen Fenster auf sie fiel. In diesem Augenblick gab es niemanden außer uns auf der Welt. Ich spürte diesen herrlichen Schmerz, das Magnetische.
Sie lehnte sich an die Wäschemangel.
Ich trat näher.
Bald könnte ich sie mit meinem Auge berühren.
»Lächle«, flüsterte ich.
Und wieder lächelte Emilie, die Weißgeborene, sie lächelte mit ihrem verkrüppelten Mund, und er sah aus wie ein stramm gezogenes, schiefes Herz.
Anschließend ging ich wieder auf den Hof hinauf. Ich ließ die Tür angelehnt. Wolken zogen auf. Ich spürte eine Art Erleichterung. Ich war leer, neutral, vielleicht sollte ich lieber sagen: entladen. Alles war still in mir. Es war zur Ruhe gekommen. In den Straßen auf der anderen Seite, dort, wo die Straßenbahnschienen abbiegen, hörte ich den Spielmannszug der Schule, der für den siebzehnten Mai übte, genauso falsch wie alle Fahrradklingeln.
Die Tante war nach Hause gekommen. Sie stand am Küchenfenster, dieser magere, schwarze Schatten, und schaute auf den Hof hinunter. Ich nahm den Film heraus, steckte ihn in die Tasche und versteckte den Fotoapparat unter dem Hemd.
Des Nachts bin ich ein Junge. Des Morgens bin ich ein Mädchen, ein kleines Mädchen.