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Claudia Pilling • Diana Schilling • Mirjam Springer

Friedrich Schiller

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

Über Claudia Pilling / Diana Schilling / Mirjam Springer

Claudia Pilling, geb. 1962, Studium der Anglistik, Deutschen Philologie und Publizistik in Münster. 1988 Magistra Artium, 1994 Promotion. Seit 1994 Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Deutsche Philologie II der Universität Münster.

Buchveröffentlichungen: zur Literatur des 19. Jahrhunderts, zur Prosa der Romantik, zur Dialoganalyse.

 

Diana Schilling, geb. 1964, Studium der Deutschen Philologie, Neueren Geschichte und Politikwissenschaft in Münster. 1992 Magistra Artium, 1996 Promotion. Seit 1996 Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Deutsche Philologie II der Universität Münster.

Veröffentlichungen zu Gottfried Keller, Otto Ludwig, Theodor Fontane und zur Editionsphilologie.

 

Mirjam Springer, geb. 1966, Studium der Deutschen Philologie, Slavistik und Musikwissenschaft in Münster, Tübingen und Wolgograd. 1994 Magistra Artium, 1998 Promotion in Münster. Seit 1998 Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Deutsche Philologie II der Universität Münster.

Veröffentlichungen u.a. zu Karl Immermann und Annette von Droste-Hülshoff.

Über dieses Buch

Rowohlt E-Book Monographie

 

Friedrich Schiller war ein freier Schriftsteller: zeitlebens angewiesen auf Zuwendungen der Freunde, auf aristokratische Mäzene, auf immer geschickter ausgehandelte Vorschüsse wohlwollender Verleger. Er war bürgerlicher Dichter und Intellektueller: Er schrieb von Räubern, Verbrechern, Geistersehern, Feldherren, Heroinen und eidgenössischen Hausvätern, verfasste avantgardistische ästhetisch-philosophische und historische, also politische Schriften.

In dieser kurzen Biographie erfährt der Leser alles Wichtige über Leben und Werk des großen Schriftstellers.

 

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Impressum

rowohlts monographien

begründet von Kurt Kusenberg

herausgegeben von Uwe Naumann

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2014

Copyright © 2002 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Das Bildmaterial der Printausgabe ist im E-Book nicht enthalten

Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier

Umschlaggestaltung Ivar Bläsi

(Abbildung: Schiller-Nationalmuseum/Deutsches Literaturarchiv, Marbach [Friedrich Schiller in seiner letzten Lebenszeit von Emma Körner, 1812])

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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Satz CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN Printausgabe 978-3-499-50600-0 (5. Auflage 2010)

ISBN E-Book 978-3-644-51701-1

www.rowohlt.de

 

Querverweise beziehen sich zwar im Wortlaut auf die Seitenangabe der Printausgabe, führen Sie jedoch per Klick auch im E-Book an die korrekte Stelle.

ISBN 978-3-644-51701-1

Anmerkungen

1

Streicher, S. 54

2

Wilpert, S. 38

3

Giacomo Casanova Chevalier de Seingalt: Geschichte seines Lebens. Hg. von Erich Loos, Bd. 6. Berlin 1985, S. 75

4

Franz Quarthal: Die ‹Hohe Carlsschule›. In: «O Fürstin der Heimath! Glükliches Stutgard». Politik, Kultur und Gesellschaft im deutschen Südwesten um 1800. Hg. von Christoph Jamme und Otto Pöggeler. Stuttgart 1988, S. 35

5

Alt I, S. 277

6

Alt I, S. 206

7

Streicher, S. 68

8

Streicher, S. 70

9

Jacob Minor: Christian Friedrich Schwan. Schillers Mannheimer Gönner. In: Preußische Jahrbücher 70 (1892), S. 537

10

Streicher, S. 85

11

Johann Wolfgang Goethe: Glückliches Ereignis, WA II 11,14

12

WA II 11,14

13

Deutsches Sprichwörterlexikon. Hg. von Karl Friedrich Wilhelm Wander, Bd. 2. Stuttgart 1987, Sp. 734

14

Alexander Košnina: «Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muß es eine eigene Hölle geben». In: Wiederholte Spiegelungen, S. 870

15

Siehe auch Alt I, S. 456f.

16

Siehe Schilling: Das Ideal und seine Bedingungen

17

Werke Goethes. Hg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin: Egmont. Bearbeiter des Bandes: Elisabeth Völker, Berlin 1957, S. 34

18

Claudia Pilling: Hebbels Dramen, Frankfurt a.M. 1998, S. 11

19

August Ludwig Schlözer: Vorstellung seiner Universal-Historie. In: Theoretiker der deutschen Aufklärungshistorie Bd. 2. Hg. von Horst Walter Blanke und Dirk Fleischer. Stuttgart/Bad Cannstatt 1990, S. 678

20

Siehe dazu Friedrich Schiller: Werke und Briefe, Bd. 6: Historische Schriften und Erzählungen I. Hg. von Otto Dann, Frankfurt a.M. 2000, S. 756758

21

Siehe Wehler I, S. 303316

22

Siehe Lexikon der Kunst, Bd. 4. München 1996, S. 556

23

Mahl (Hg.): Friedrich Schiller, S. 31, 58, 60 (Materialien)

24

Johann Caspar Schiller: Meine Lebens-Geschichte. Mit einem Nachwort von Ulrich Ott. Marbach am Neckar 1993, S. 9; siehe auch: Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller. Aufs Neue ans Licht geholt und mit Erkundungen zum Dichter- und Räuberleben der republikanischen Freiheit des lesenden Publikums anheimgestellt von Horst Brandstätter. Berlin 1984, S. 115

25

Aus dem in Stuttgart gefällten Urteil vom 21. Juli 1760, abgedruckt in: Brandstätter (Hg.): Der Verbrecher, S. 6163, hier S. 61

26

Brandstätter (Hg.): Der Verbrecher, S. 58f.

27

Aus dem Urteil, in: Brandstätter (Hg.): Der Verbrecher, S. 62. Die «Consignation» («Niederlegung und Deponirung bei Gerichten») ist abgedruckt in: Mahl (Hg.): Friedrich Schiller, S. 87f. (Materialien)

28

Mahl (Hg.): Friedrich Schiller, S. 33 (Materialien)

29

Nutz, S. 149

30

Mahl (Hg.): Friedrich Schiller, S. 71 (Materialien)

31

Nutz, S. 156

32

Geschichte Mannheims von den ersten Anfängen bis zu dem Übergang an Baden (1802). Bearb. von Friedrich Walter. Mannheim 1907, S. 671

33

WA I 26,237

34

Siehe Damm, S. 8194

35

Wehler I, S. 176f.

36

Alt spricht von einem «negativen Bildungsroman» (Alt I, S. 585).

37

Wehler I, S. 324f.

38

Richard Friedenthal: Goethe. Sein Leben und seine Zeit, München 1963. S. 183

39

Siehe Effi Biedrzynski: Goethes Weimar. Das Lexikon der Personen und Schauplätze. Zürich 1992, S. 478

40

Wilpert, S. 120

41

Richard Friedenthal: Goethe, S. 222

42

Wilson, S. 10f.

43

Effi Biedrzynski: Goethes Weimar, S. 34

44

Bruford 1966, S. 70

45

Siehe Alt I, S. 531

46

Herder Ende August 1785 in einem Brief an Knebel, in: Johann Gottfried Herder. Briefe, Bd. 5. Hg. von Wilhelm Dobbek und Günter Arnold. Weimar 1979, S. 135

47

Herder in einer Predigt am 4. Oktober 1791, in: Böttiger, S. 27

48

Johann Kaspar Riesbeck: Brief eines reisenden Franzosen. In: Weimar im Urteil der Welt, S. 26

49

Alt I, S. 531

50

V. Wölfling: Reise nach Weimar. In: Weimar im Urteil der Welt, S. 39

51

Joseph Rückert: Bemerkungen über Weimar. In: Weimar im Urteil der Welt, S. 81

52

Garlieb Merkel: Aus meinem Leben. In: Weimar im Urteil der Welt, S. 37

53

Joseph Rückert: Bemerkungen über Weimar. In: Weimar im Urteil der Welt, S. 82

54

Oellers/Steegers, S. 122

55

Literarische Zustände und Zeitgenossen. In: Schilderungen aus Karl August Böttiger’s handschriftlichem Nachlass. Hg. von K.W. Böttiger. Bd. 1, Leipzig 1838, S. 63

56

Andreas Szluchorinyi: Aus dem Tagebuche eines ungarischen Schulmannes. In: Weimar im Urteil der Welt, S. 95

57

Böttiger, S. 25

58

Wielands Briefwechsel. Hg. von Siegfried Scheibe, Bd. 16,1. Berlin 1997, S. 435

59

Wilpert, S. 251

60

In: Fambach (Hg.): S. 398

61

Böttiger: Nachrichten von dem Weimarischen Hof-Theater. In: Fambach (Hg.): S. 404

62

Zit. n. Richard Friedenthal: Goethe, S. 488

63

Böttiger: Nachrichten von dem Weimarischen Hof-Theater. In: Fambach (Hg.): S. 404f.

64

Claudia Pilling: Hebbels Dramen, S. 25

65

Claudia Pilling: Hebbels Dramen, S. 25

66

Siehe Borchmeyer 1988

67

Merseburger, S. 113

68

Dorothea Veit an Friedrich Schleiermacher, 11.10.1799. Zit. n.: J.W. Goethe: Begegnungen und Gespräche, Bd. 4. Hg. von Renate Grumach. Berlin/NewYork 1980, S. 116

69

Wahrscheinlich ist die Rezension «Über Bürgers Gedichte» gemeint. (42,636)

70

Clemens Brentano: Werke. Hg. von Friedhelm Kemp, Bd. 2. 2. Aufl. München 1973, S. 546

71

Alt II, S. 547

72

Herbert Kraft: Um Schiller betrogen. Pfullingen 1978, S. 256

73

Madame de Staël: Über Deutschland. Hg. von Monika Bosse. Frankfurt a.M. 1985, S. 98

74

Zit. n. Bosse, Nachwort: Madame de Staël und der deutsche Geist. In: Madame de Staël: Über Deutschland, S. 845

75

Goethe: Tag- und Jahreshefte, WA I 35,168

76

Übersetzung des Briefes aus dem Französischen in: Bosse: Nachwort, S. 837 (siehe WA IV 16,381f.)

77

Böttiger, S. 363, 507

78

Siehe Bosse: Nachwort, S. 827

79

Bosse: Nachwort, S. 832

80

Siehe Bosse: Nachwort, S. 834

81

Siehe Alt II, S. 406

82

Alt II, S. 390

83

Siehe Wehler I, S. 353362

84

Madame de Staël: Über Deutschland, S. 107f.

85

Borchmeyer 1982, S. 92

86

Wehler I, S. 263; siehe auch Koselleck, S. 63

87

Novalis: Glauben und Liebe oder der König und die Königin. In: Novalis. Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Hg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Bd. 2: Das philosophische Werk I, hg. von Richard Samuel in Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. Darmstadt 1965, S. 493. Siehe dazu Springer, S. 219, Anm. 410

88

Wehler I, S. 345

89

Siehe Springer, S. 219, Anm. 410

90

Borchmeyer 1982, S. 70

91

Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. Werkausgabe, Bd. 11, hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt a.M. 1977, S. 125172, hier S. 156. Siehe dazu Borchmeyer 1982, S. 9294

92

Borchmeyer 1982, S. 97

93

Alt II, S. 574

94

Borchmeyer 1982, S. 102

95

Springer, S. 113

96

Wolzogen, 2. Th. 1830, S. 267

97

Siehe Springer, S. 1517

98

Siehe Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Werkausgabe, Bd. 7, hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt a.M. 1974, S. 209f.

99

Friedrich Wilhelm Schelling: Über das Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung und Anmerkungen von Horst Fuhrmans. Stuttgart 1995, S. 81

100

Karlheinz Stierle: Der Mythos von Paris. Zeichen und Bewußtsein der Stadt. München/Wien 1993, S. 106f.

101

Johann Gottlieb Fichte: Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre. Mit Einleitung und Registern von Manfred Zahn. Neudruck auf der Grundlage der 2. von Fritz Medicus hg. Aufl. von 1922. 3. Nachdruck, Hamburg 1979, S. 296

102

Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Mit einem Nachwort von Robert Haerdter. Stuttgart 1987, S. 169

103

Siehe Springer, S. 168; siehe auch Schmidt, S. 451466

104

Springer, S. 161

105

WA II 1,339

106

Siehe Hucke, S. 11

107

Siehe Alt II, S. 609

108

Siehe etwa den Brief Wilhelm von Humboldts an seine Frau vom 9. Januar 1809, zit. n. Schillers Tod und Bestattung, S. 92

109

Wolzogen, 2. Th. 1830, S. 274

110

Wolzogen, 2. Th. 1830, S. 274

111

Siehe Schillers Tod und Bestattung, S. 3335

112

Siehe Schillers Tod und Bestattung, S. 55f.

113

Schillers Tod und Bestattung, S. 40. Der falsche Vorname kam durch die falsche Auflösung der Sigle «C» für den Namen «Christoph» zustande.

114

Zit. n. Damm, S. 317

115

Schillers Tod und Bestattung, S. 267

116

Schillers Tod und Bestattung, S. 113

117

Dritte Aufzeichnung Karl Schwabes über seine Durchsuchung des Kassengewölbes. In: Schillers Tod und Bestattung, S. 118

118

WA I 3,93

119

Siehe Paul Raabe: Nachwort. In: Andreas Streicher: Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782 bis 1785. Hg. von Paul Raabe, Stuttgart 1968, S. 201

120

WA IV 39,54

121

Brief von Karoline Herder anlässlich der Premiere von Goethes «Natürlicher Tochter» am 2. April 1803, zit. n. Damm, S. 295

122

Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente. Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, Bd. 2. Hg. von Hans Eichner. München/Paderborn/Wien 1967, S. 197

Klopstock lesen

Als Andreas Streicher am 28. September 1782 den berüchtigten Dichter der Räuber abholen will, um mit ihm außer Landes zu fliehen, bietet sich ihm folgende Szene: «Am lezten Vormittag sollte, nach der Abrede, um zehn Uhr alles bereitet seyn, was von Schiller noch wegzubringen war, und S[treicher] fand sich mit der Minute ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um 8 Uhr in der Frühe, von seinem letzten Besuch in dem Lazareth zu Hause gekehrt war, fielen ihm, bei dem zusammen suchen seiner Bücher, die Oden von Klopstok in die Hände, unter denen Eine ihn schon oft besonders angezogen, und aufs Neue so aufregte, daß er alsogleich – jezt, in einem so entscheidenden Augenblik – ein Gegenstük dichtete. Ungeachtet alles drängens, alles antreibens zur Eile, mußte S. dennoch zuerst die Ode, und dann das Gegenstük anhören […]. Erst am Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden und Abends 9 Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. mit einem Paar alter Pistolen unter seinem Kleide. Diejenige welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere mit zerbrochenem Schloß, in den Wagen gethan.»[1]

Erlebt hat Friedrich Schiller nicht viel; daher wollte er immer wieder wie in der Literatur leben, und das Missverhältnis zur Realität ergab dann Komik, zumal er sich nicht immer an den besten Texten orientierte. Man hat ihm diesen Hang zum Pathos übel genommen, früh schon; mit Erbitterung hat er auf die Vorwürfe geantwortet: Sagten Sie nicht immer, ich hätte das wahre Gefühl des Herzens nicht, alles sey Phantasey, Poesie, die ich mir durchs lesen Klopstocks angeeignet hätte, ich fühlte Gott nur im Gedicht und die Freundschaft liege nicht in meinem Innersten! […] Sie hielten mir vor […], daß ich bloß Dichter wäre, und ich wills übergehen […], da ich doch weiß wie ich hier von Ihnen verkannt werde, wie wenig mir Dichternahme gilt, wird gelten in der Stunde des Todes wo es bloß auf mein Herz ankommt (23,8). Das Letztere war gelogen, natürlich literarisch gelogen, klopstockisch sozusagen.

Literatur gehörte ja auch zum Leben; Klopstock lesen ist der Topos des Zeitalters. Alle taten es, in der Literatur wie im Leben: Werther und Lotte, Adelige und Bürger, Kaufleute und Dichter, Männer und sogar Frauen. Klopstock lesen war der Ausdruck von Protest, gehörte zum Lebensgefühl. «Aber du Frühlingswürmchen, / Das grünlichgolden neben mir spielt / Du lebst; und bist vielleicht / Ach nicht unsterblich! / […] / Auch das Würmchen mit Golde bedeckt, merkt auf! / Ist es vielleicht nicht seelenlos? ist es unsterblich?», heißen Verse aus Klopstocks berühmter Hymne «Die Frühlingsfeyer» (1750). Das Kleine, Unmajestätische, all die Würmchen und Fliegen der Klopstock’schen Lyrik, waren Metaphern für den Zeitgeist, für das neue Selbstbewusstsein des dritten Standes gewesen: Wenn Gott in allen ist, gibt es keine Unterschiede mehr, dann sind alle von hohem Rang. Solche Bildlichkeit meinte Rebellion, nicht Demut; Individualität auch, Intensität und befreites Gefühl: Beginn der Moderne.

Die Kunst formulierte nicht bloß die Werte, nicht bloß die politischen Interessen des dritten Standes, sie vermittelte ihm auch sein Lebensgefühl, konstituierte geradezu die Identität der Bildungsschicht. Die Kunst sollte nach der Vorstellung der Intellektuellen die neue Gesellschaft begründen und bestimmen, sollte nicht privat, sondern öffentlich sein, besonders das Genre, welches auch Schiller bevorzugte, das Drama. Sie war all dies natürlich nur im Bewusstsein einer verschwindend kleinen intellektuellen Schicht. Der für große Teile der bürgerlichen Literatur programmatische Gegensatz von Adel und Bürgertum existierte in der Realität niemals, die Intellektuellen, welche die kulturelle und politische Avantgarde bildeten, waren Bürger, aber auch Adlige und manchmal sogar Fürsten, und selten haben sich Intellektuelle so sehr als Repräsentanten einer neuen Gesellschaft gefühlt; es hat sie noch nicht sehr gestört, dass so wenige zu dieser Zutritt hatten. Die heterogene Bildungsschicht aus Adel und Bürgertum und der Niedergang der höfischen repräsentativen Kunst in den moderneren Zeiten bedingen, dass die bürgerliche Kunst durchaus von denen goutiert wird, die sie doch geißeln wollte. Auch die neue Kultur blieb noch meist den Höfen verbunden, auch finanziell.

Dass die Zöglinge seiner Militärakademie von den neuen moralischen Familienstücken profitieren könnten, fand auch der württembergische Herzog Karl Eugen. Er gründete 1779 ein Deutsches Nationaltheater, «das zweimal wöchentlich, dienstags und freitags um 16 Uhr im Herzoglichen Opernhaus, ab 11. Februar 1780 in einem eigenen ‹Kleinen Theater› aus Holz»[2] spielen musste, das Ensemble bildeten Schauspielschüler seiner Bildungsanstalten. Wahrscheinlich hat Schiller dort «Emilia Galotti» gesehen, das bürgerliche Trauerspiel Lessings, das für seine Fürsten- und Hofschelte berühmt war. Am 5. März 1784 findet die Stuttgarter Uraufführung der Räuber statt, die Schauspieler sind ehemalige Schüler der Akademie. Der Herzog ist anwesend. (33 II,72f.)

Aber später dann, einige Jahre nach der Französischen Revolution, erschien selbst Schiller die Literatur der frühen Empfindsamkeit gefährlich, besonders natürlich Klopstock: Kein Dichter […] dürfte sich weniger zum Liebling und zum Begleiter durchs Leben schicken, als gerade Klopstock, der uns immer nur aus dem Leben herausführt, immer nur den Geist unter die Waffen ruft, ohne den Sinn mit der ruhigen Gegenwart eines Objektes zu beruhigen. […] Ich bekenne daher unverhohlen, daß mir für den Kopf desjenigen etwas bange ist, der wirklich und ohne Affektation diesen Dichter zu seinem Lieblingsbuche machen kann; […] auch, dächte ich, hätte man in Deutschland Früchte genug von seiner gefährlichen Herrschaft gesehen. Nur in gewissen exaltirten Stimmungen des Gemüths kann er gesucht und empfunden werden; deswegen ist er auch der Abgott der Jugend, obgleich bey weitem nicht ihre glücklichste Wahl. (20,457) Da sprach schon der Klassiker.

Der Dichter der «Räuber»

Ich wolte nur Pfarrer werden – und bleibe hangen am Theater! (23,121) So beschreibt Schiller 1783 das Scheitern seiner bürgerlichen Karriere. Freilich hatte er statt Pfarrer schon längst lieber Professor werden wollen: Ich habe einmal in der Welt keine andre Aussicht als in meinem Fache zu arbeiten. D.h. Ich suche mein Glük und meine Beschäftigung in einem Amt wo ich meine Physiologie und Philosophie durchstudieren und nüzen kan, und wenn ich etwas draußen schreibe so ist es in diesem Fache. Schrifften aus dem Felde der Poesie, Tragödien usw. würden mir in meinem Plane, Profeßor in der Physiologie und Medicin zu werden hinderlich seyn. Darum such ich sie hier schon wegzuräumen. (23,16)

Die Zeiten änderten sich. Das feudalabsolutistische System hatte sich überlebt, die Moderne begann. Ein junger Bürgerlicher konnte im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts durchaus schon Karriere machen; selbst die kleinen Duodezfürstentümer brauchten effiziente, gut ausgebildete Beamteneliten für ihre Verwaltung. Christian Gottfried Körner, Schillers zukünftiger Freund und Förderer, ein gut situierter Bürgersohn, beschreibt 1785 seine Möglichkeiten: «Um diese Zeit mußte ich mich für eine der 3FakultätsWissenschaften bestimmen. Theologie würde mich gereitzt haben, wenn nicht die Philosophie schon Zweifel in mir erregt hätte, wodurch mir die Sklaverey eines symbolischen Lehrbegriffs unertraglich geworden war. Die unangenehmen Situazionen praktischer Aerzte verleideten mir die Medicin. Jurisprudenz blieb allein übrig. Ich wählte sie als Brodstudium.» (33 I,67) Jemand wie Friedrich Schiller, ein Kleinbürgersohn, konnte eigentlich nur Pfarrer werden, weil die Kirche die Kosten für die Ausbildung trug; ein anderes Studium wäre gar nicht zu bezahlen gewesen.

Dass aus Friedrich Schiller etwas werden würde, dass er die beste mögliche Ausbildung erhalten sollte, war schon beschlossen, als er am 10. November 1759 als einziger Sohn von Elisabetha Dorothea und Johann Caspar Schiller in Marbach geboren wird. Der Vater, ein ehrgeiziger, intelligenter Mann, ein orthodoxer Lutheraner, hatte selbst studieren wollen, nach dem vorzeitigen Tod des Vaters sich aber durchschlagen müssen, als Feldarbeiter, Barbierslehrling und Wundarzt, als Feldscher und militärischer Aushilfsgeistlicher, später als Hauptmann in Diensten des württembergischen Herzogs Karl Eugen und schließlich als Intendant in dessen Hofgärtnerei auf dem Lustschloss Solitude. Dies war schon ein bemerkenswerter sozialer Aufstieg gewesen, der Sohn sollte nun noch erreichen, was dem Vater verwehrt geblieben war: Er sollte studieren. Dass Schiller statt Theologie Jura und später Medizin studieren konnte, war, auch wenn er und seine Familie dies zunächst nicht so auffassten, eine ungewöhnliche Chance, die er der Begeisterung des württembergischen Herzogs für die Erziehungsideale der Aufklärung verdankte.

Die Kinder der Familie Schiller:

Christophine Schiller (17571847), seit 1786 verh. Reinwald

Johann Christoph Friedrich Schiller (17591805)

Louise Schiller (17661836), seit 1799 verh. Franckh

Maria Charlotte Schiller (17681774)

Christiane (Nanette) Schiller (17771796)

Herzog Karl Eugens kleiner Hof galt als «der glänzendste von ganz Europa»[3], mit einem herausragenden Ballett, einer italienischen Oper, einem französischen Theater und einem ausgezeichneten Orchester. Weil diese höfische Prachtentfaltung so teuer war, entstand die pragmatische Idee, eine «Militairische Pflanz-Schule» zu gründen, eine Bildungsanstalt, in der württembergische Landeskinder in den verschiedenen Kunstfächern unterrichtet wurden, im Zeichnen, Malen, Modellieren, in der Bildhauerei, der Musik und im Schauspiel, in allem also, was zur höfischen Kunst gehörte. Schon 1772 wurden neben den Künsten Wissenschaften gelehrt, 1775 siedelte die Institution von der Solitude nach Stuttgart um, von da an war sie Militärakademie.

Die Akademie, die Ende 1781 zur Universität, zur Hohen Karlsschule wurde, war als «Verbindung von militärischer Anstalt und fortschrittlich aufgeklärtem Unterricht, von Elementarschule und gelehrtem Fachunterricht, von traditionellem Fächerkanon und modernsten Lehrgebieten in der Tat im späten 18. Jahrhundert eine einmalige Institution», sodass «jeder bedeutende Reisende, der nach Süddeutschland kam, sich für sie interessierte, sie besuchte und sich literarisch über sie äußerte»[4]. Herzog Karl Eugen, der bis dahin gelebt hatte, als gelte es, den Absolutismus von Versailles zu übertreffen, wandelte sich zum aufgeklärten Herrscher nach dem Muster Friedrichs II. von Preußen oder Kaiser Josephs II. Dies entsprach dem Zeitgeist gewiss ebenso wie der finanziellen Notwendigkeit. Wie der Fürst den Zöglingen adliger und bürgerlicher Herkunft die Tugenden des dritten Standes beizubringen suchte, das war zuweilen nicht frei von Komik, etwa wenn er und seine Mätresse Franziska von Hohenheim sich nach dem Muster der bürgerlichen Familie um die Schüler bemühten. Friedrich Schiller hat einmal mit viel rhetorischem Geschick bei der Geburtstagsfeier Franziskas von Hohenheim, die alljährlich in der Militärakademie stattfand, eine Rede zum Thema Gehört allzuviel Güte, Leutseeligkeit, und große Freygebigkeit im engsten Verstand zur Tugend? gehalten. Zum Muster der bürgerlichen Tugend diente ihm dort die fürstliche Mätresse.

In die herzogliche Bildungsanstalt wurden Adlige sowohl als auch Bürgerliche aufgenommen, wie eine Gelehrtenrepublik sollte sie sein; die Ausbildung war kostenlos. Die Künstler allerdings, die an der Akademie ausgebildet wurden, zählten zu den Handwerkern; kein Adliger durfte Musiker oder Maler werden.

Die Kirche und viele orthodoxe Lutheraner betrachteten die fehlende konfessionelle Bindung mit Misstrauen, die Universität Tübingen fürchtete die potenzielle Konkurrenz; überhaupt wurden die hohen Kosten beklagt. Das Bürgertum schließlich glaubte, dass zu viele junge Männer zum Studieren verleitet würden, für die es dann keine Stellen gäbe.

Friedrich Schiller kam 1773 in die «Militairische Pflanz-Schule», er war sehr häufig krank dort. Er war ein schlechter Schüler, mindestens solange er Jura studierte, mit wenig genug Ehrgeiz und Neigung. Er fühlte sich nicht wohl hier und gewiss fehl am Platze. Dem, was man sich als Eleganz vorstellte, entsprach Schiller nicht. Er war groß und hager, zudem noch rotblond, für die Uniform, in der er bloß komisch ausgesehen hat, brauchte man eine ganz andere Figur. Tanzen, gar die höfischen Tänze, konnte er nicht. Er litt, wie alle anderen auch, unter den üblichen Verboten und Restriktionen einer Eliteschule; die rigorose militärische Ordnung hat dies gewiss noch verstärkt.

Juristische Studien betrieb er kaum, ihn interessierte nur Literatur. Viele seiner Kommilitonen schrieben auch, ein Freundschaftsbund wurde gegründet. Es entstand eine ganze Reihe von literarischen Versuchen, die natürlich auch gedruckt werden sollten. Manches wurde dann in Almanachen veröffentlicht, anderes in Schillers Anthologie auf das Jahr 1782. Auch der dichtende Freundschaftsbund ist im 18. Jahrhundert literarischer Topos und Realität zugleich: Die freie Gemeinschaft unter Gleichen war ein politisches Modell, die Vorstellung einer künftigen Gesellschaftsordnung; Klopstock hat sie in seiner berühmten Ode «Der Zürchersee» (1750) gefeiert. Schreiben war für die Schüler ein politischer Akt, war Rebellion, denn Literatur galt nicht viel in der Karlsschule, sie war die Ausdrucksform der gegen die alte Ordnung Protestierenden. So sehr der Herzog die Ideen der Aufklärung schätzte, so sehr sie seine Erziehungskonzepte beeinflussten, er zog die repräsentativen Künste vor. Freilich hat er dennoch erlaubt, dass 1780 zu seinem Geburtstag Goethes «Clavigo» aufgeführt wurde; in der Titelrolle Friedrich Schiller, der sich durch seinen grauenhaft pathetischen Vortragsstil lächerlich machte.

1775 übernahm Jakob Friedrich Abel den Philosophieunterricht, er lehrte die neuesten Theorien, er nutzte die Literatur, vor allem Shakespeare, sie zu illustrieren: Für Schiller fing ein neues intellektuelles Leben an. Seine Entwicklung zum Musterbürger seiner Epoche, der Aufklärung, begann; er bewegte sich auf den beiden bedeutendsten Feldern der bürgerlichen Emanzipation, der Literatur und der Philosophie, aus dem bisher miserablen Schüler wurde der poeta doctus. Und als ob er alle bürgerlichen Disziplinen beherrschen wollte, wird er Naturwissenschaftler, studiert nun Medizin statt Jura, als Arzt bleibt er allerdings immer ein Dilettant. Dennoch hat es ihn geärgert, dass er nicht richtig Griechisch gelernt hat, dass er also die antike Literatur nicht im Original lesen konnte.

Seine erste Dissertation lehnten die Professoren wegen mangelnden Fachwissens und polemischer Angriffe auf wissenschaftliche Autoritäten ab. Dem Herzog dagegen gefiel der forsche Ton. Schiller musste ein zusätzliches Jahr auf der Akademie zubringen, ein Los, das übrigens der gesamte medizinische Jahrgang teilte, da die weitere Ausbildung, die Voraussetzung für eine Zulassung als praktizierende Mediziner, die eigentlich in Tübingen promoviert werden mussten, noch nicht geregelt waren. Beim zweiten Versuch, eine Dissertation zu verfassen, schreibt Schiller eine lateinische Abhandlung über den Unterschied entzündlicher und fauliger Fieber (De discrimine febrium inflammatoriarum et putridarum), also eine strikt medizinische; dann aber sicherheitshalber noch eine Zusatzabhandlung, eine anthropologische Arbeit (Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen). Wieder konnte die fachwissenschaftliche Abhandlung nicht überzeugen, die anthropologische wurde schließlich angenommen. Mit diesen Prüfungsarbeiten hat er sich nur nebenbei beschäftigt, eigentlich hat er 1780 Die Räuber geschrieben.

 

Die Räuber machten Schiller zur Zelebrität. Die Begeisterung war stände- und generationsübergreifend, Adlige und Bürger, Mütter wie Söhne liebten das Drama und seinen Autor. Protest lag in der Luft in dieser Zeit, die Vignette der zweiten Auflage mit dem Motto «in tirannos», die Schiller nicht autorisiert hat, scheint dies zu illustrieren. In Wirklichkeit aber sind Die RäuberMir ekelt vor diesem Tintengleksenden Sekulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von grossen Menschen320.Den Josephus must du lesen.320