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Tiziano Scarpa

Stabat
mater
Roman

Aus dem Italienischen von
Olaf Matthias Roth

Verlag Klaus Wagenbach   Berlin

Die italienische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel

E-Book-Ausgabe 2014

© 2008 Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino

Covergestaltung Julie August unter Verwendung des Gemäldes Ansicht von Venedig von Giovanni Antonio Canal © Bridgeman Art Library.

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978 3 8031 4158 3

Frau Mutter, es ist tiefe Nacht, ich bin aufgestanden und hierhergekommen, um Euch zu schreiben. Zur Abwechslung, hat mich doch auch heute Nacht die Angst gepackt. Mittlerweile kenne ich dieses böse Tier schon recht gut, ich weiß, wie ich es anstellen muss, um mich nicht unterkriegen zu lassen. Ich bin zur Expertin meiner eigenen Verzweiflung geworden.

Ich bin mir Krankheit und Heilung zugleich.

Eine Flut bitterer Gedanken steigt in mir auf und schnürt mir die Kehle zu. Es ist sehr wichtig, sie zu erkennen und sofort zu reagieren, ohne ihr Gelegenheit zu geben, sich meines gesamten Geistes zu bemächtigen. Die Welle wächst rasch an und überschwemmt alles. Es ist eine schwarze, giftige Flüssigkeit. Sterbende Fische schwimmen an der Oberfläche, mit aufgerissenen Mündern schnappen sie nach Luft. Da ist wieder einer, keuchend kommt er nach oben, er stirbt. Dieser Fisch bin ich.

Ich sehe mich sterben und schaue mir vom Ufer aus dabei zu, meine Füße stehen bereits in der schwarzen, giftigen Flüssigkeit.

Ein weiterer Fisch treibt im Todeskampf nach oben, das ist der Gedanke an mein Scheitern, und wieder bin ich es, ich sterbe ein weiteres Mal.

Warum kommst du nach oben? Stirb lieber unter Wasser. Ich werde hinabgezogen, fühle, wie ich ertrinke. Alles ist dunkel.

Dann stehe ich wieder am Ufer, wieder bin es ich, wieder lebe ich, schaue aufs giftige Meer, schwarz bis zum Horizont, es wimmelt von toten Fischen, mit aufgerissenen Mäulern. Das bin ich, wir sind ich, tausend Mal, tausend Fische im Todeskampf, tausend Gedanken an Zerstörung, ich bin tausend Male tot, ständig sterbe ich, ohne den Kampf je aufzugeben. Das Meer schwillt an, es steigt, es ist giftig, schwarz.

Ich bin der Fisch mit dem glasigen Blick, der zum Sterben an die Oberfläche getrieben ist. Ich schaue nach oben, oberhalb meines Kopfes. Der Horizont ist blassblau, die Wolken sind dunkel, wie ein auf den Kopf gestelltes Meer besteht der wolkige Himmel aus unbeweglichen, verschwommenen Wellen.

Ich sehe das Ufer einer winzigen Insel, dort in der Ferne steht ein Mädchen und blickt sich um. Es sieht mir zu, während ich sterbe, es kann nichts für mich tun – dieses Mädchen bin ich.

Tu etwas für mich, du Mädchen am Ufer, tu es für dich selbst. Lass die Verbitterung über das, was du in dir fühlst, nicht zu. Wohin du dich auch wendest, siehst du deine Niederlage. Die schwarze Flut steigt, sie ist voll toter Fische. Reagiere doch, gib nicht nach.

Nun heißt es eilen, solange ich noch nicht vollkommen überwältigt bin, solange es noch ein Eckchen in meinem Hirn gibt, das fähig ist zu begreifen, was da mit ihm geschieht. Es gilt, sich mit letzter Gewalt dort hinzuschleppen, sich in den Winkel zurückzuziehen, der noch in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, und ich sagen kann.

Ich bin nicht diese Zerstörung selbst, ich kann es noch schaffen, noch bin ich stark, ich will mich nicht in diesem schwarzen Gift auflösen, ich bin nicht dieser ganze Tod, den ich da sehe, ich will dieses Meer nicht schlucken, werde nicht zulassen, dass dieses ganze Dunkel in mich eindringt und mich auslöscht.

Ich bin noch da, irgendwo, ich bin hier, getrennt von jener zerstörerischen Gewalt, die Angst hat mich noch nicht völlig überwältigt, es gibt da noch einen Fleck, an den ich mich zurückziehen, an dem ich sagen kann.

Wenn es mir noch gelingt, dies zu tun, so bin ich zumindest diese Nacht gerettet, ich bin noch in der Lage, aufzustehen und mein Bett der Qualen hinter mir zu lassen und hierherzukommen, um Euch zu schreiben.

Frau Mutter, zur Abwechslung habe ich heute Nacht wieder einmal mit aufgerissenen Augen an die Decke gestarrt. Eigentlich ist es keine Decke, denn über mir ist das Bett von Maddalena. Hier drin schlafen wir in Betten, die wie Regale an der Wand aufgereiht stehen. Wer unten schläft, hat eine Art persönliche Decke über sich, die aus den Brettern des oberen Betts besteht.

Meine Decke, das sind die Bretter des Betts von Maddalena. Sie ist ziemlich niedrig, wenn ich die Hand ausstrecke, kann ich sie berühren. Das tue ich natürlich nicht, denn mittlerweile kenne ich mich, ich bin zu zerstreut. In der Vergangenheit habe ich etwa den Arm ausgestreckt, während ich an etwas anderes dachte. Ich berührte die Bretter mit den Fingerspitzen, ohne es zu bemerken, zog ich einen Holzsplitter aus einer Kante und begann, noch immer ganz in Gedanken, mit den Fingernägeln am Holz zu kratzen.

»Was willst du?«, fragte Maddalena mich plötzlich und beugte sich über die Bettkante, ihr ganzer Kopf lugte herab. Ich zuckte zusammen. In der Dunkelheit konnte ich die Umrisse ihrer zerzausten Haare erkennen, es sah aus wie schwarze Schlangen.

»Wolltest du mir etwas sagen?«, fragte sie mich. Ich blieb stumm, ich hatte ihr nichts zu sagen.

Ich habe niemandem etwas zu sagen. Ich bin mit niemandem befreundet, hier drin.

Entschuldigt, ich erzähle Euch völlig unwichtige Dinge. Die Holzsplitter in den Brettern des Betts! Ich schäme mich, Frau Mutter, und bitte Euch um Verzeihung. Aber irgendwo musste ich doch anfangen, Ihr wisst nichts über mich, rein gar nichts wisst ihr.

Wenn die Angst kommt, wie fast jede Nacht, darf man keinesfalls im Bett bleiben. Also stehe ich auf und komme hierher, um Euch zu besuchen. Sommers wie winters. Vor allem im Winter tut es mir gut aufzustehen, das vertreibt mit einem Schlag alle Düsternis, wie ein Eimer mit Eiswasser. Dass mir dabei kalt wird, spielt keine Rolle. Mein Körper hat sich an diese bitterkalten Nächte gewöhnt. Immer noch besser, als in dem stickigen, ungesunden Bett von bösen Gedanken geplagt zu werden. Ich gehe die Treppe hinauf, bis ich hier oben angelangt bin, setze mich auf die oberste Stufe und lehne mich an diese Mauer, die gerade ausreichend Wärme abstrahlt. Das ist mein Geheimplatz. Für unterwegs lege ich mir einen Schal um, der mich beschützt, bei dem ich an Euch denken muss. Frau Mutter, ich hülle Euch mit meinen Gedanken ein, könnt Ihr mich spüren?

Ich habe den Arm ausgestreckt, berühre die Bretter des Betts über mir, breche einen kleinen Span ab, kratze an der rauen Oberfläche, als sich ein Frauenkopf über die Bettkante herabbeugt, anstelle der Haare sind da viele, viele schwarze Schlangen.

»Was ist, du hast mich gerufen?«

»Wer bist du?«, frage ich.

»Ich bin dein Tod«, sagt der Kopf mit den Schlangenhaaren. Die Stimme ist freundlich.

»Würdest du mir Gesellschaft leisten?«, frage ich.

»Soll ich dich mitnehmen?«

»Wenn es dir recht ist, möchte ich noch nicht sterben«, sage ich.

»Ja, was willst du dann?« Der Frauenkopf spricht weiterhin ganz freundlich zu mir, er hat die Geduld noch nicht verloren.

»Ich möchte, dass du immer bei mir bleibst.«

»Und worüber sollen wir denn reden?«

»Ich weiß es nicht«, sage ich.

»Ich mach nicht viele Worte.«

»Das ist egal.«

»Außerdem gibt es auch nicht viel zu sagen«, sagt das Schlangenhaupt.

»Es genügt mir schon, wenn du bei mir bist.«

»Wozu?«

»Ich möchte, dass du mir dabei hilfst, dich nie zu vergessen.«

Frau Mutter, erinnert Ihr Euch noch an mich? Wisst Ihr, wie ich heiße? Darf ich mich vorstellen: Cecilia. Gefällt Euch mein Name? Wie hättet Ihr mich denn genannt? Dachtet Ihr an einen Namen, als Ihr mich unter dem Herzen trugt?

(»Während meines kurzen Aufenthalts in Eurem Bauch«, hätte ich beinahe geschrieben.)

Ja, ich bin mit dem Dunkel vertraut, aber ich bin alles andere als stolz darauf. Gern würde ich meine Vertrautheit mit dem Dunkel hernehmen und sie gegen ein paar Stunden Schlaf eintauschen, um meinen Geist wieder zur Ruhe kommen zu lassen und ihm ein wenig Frieden zu gönnen. Wann ich begonnen habe, nachts aufzustehen, könnte ich Euch nicht sagen. Eines weiß ich jedoch gewiss: Die erste Erinnerung, die ich an mich habe, die am weitesten zurückliegende Erinnerung ist das Dunkel. Es ist so, ich übertreibe nicht, meine erste Erinnerung als kleines Mädchen sind meine im Dunkeln weit aufgerissenen Augen. Man könnte sagen, dass meine Kindheit eine einzige Folge ununterbrochener Dunkelheit ist. Ich sage Euch das nicht, um mich zu beklagen, und auch nicht, damit Ihr Euch schlecht fühlt. Es ist so, es ist nun mal einfach so.

Frau Mutter, habt Ihr Euch jemals vorgestellt, wie ich wohl bin? Habt Ihr Euch je gefragt, wie ich meine ersten Lebensjahre verbracht habe? Wenn Ihr wollt, dass Eure Vorstellung mit der Wirklichkeit übereinstimmt, müsst Ihr Euch ein kleines Mädchen denken, das die Nächte mit offenen Augen verbringt, von Angst gepeinigt.

Ihr müsst nicht glauben, dass mir das Dunkel Angst macht. Oder die Stille. Hier gibt es nie vollkommene Stille. Tagsüber sind die Zimmer voller Stimmen und Musik. Nachts hört man die Atemzüge der schlafenden Mädchen. Jedes hat seine eigene Art zu atmen, und wenn ich nicht von anderen Gedanken gequält werde, bringe ich gern die Nacht damit zu, ihren unterschiedlichen Atemzügen zu lauschen. Einige schnarchen, doch das stört mich nicht. Jedes hat seine eigene nächtliche Persönlichkeit, die manchmal im Widerspruch zu der Person steht, die sie im Licht des Tages darstellt.

Jeden Morgen lässt die Sonne die Gesichter erblühen, wie Blumen.

Wenn sie schläft, atmet Maddalena schwer, zu ruhen scheint ihr große Mühe zu machen, wo doch tagsüber ihr Schritt leicht ist, ihre Worte zart sind und sie gerne lächelt. Vielleicht hat sie schwere Träume, in denen ihr all das wiederbegegnet, dem sie tagsüber aus dem Weg gegangen ist.

Ab und zu, wenn ich im Dunkel in meinem Bett liege, höre ich in der Ferne einen leisen, undefinierbaren Knall. Er scheint mich daran erinnern zu wollen, dass wir hier drin in einem riesigen, verwinkelten Gebäude voller Zimmer, großer wie kleiner, sind, dessen Treppen sich wie Stollen zwischen den einzelnen Räumen winden und dessen Stiegen in Diagonalen über architektonische Schlünde klettern.

Ich versuche mir vorzustellen, welchen Weg dieser Laut hinter sich gebracht hat, um bis an mein Ohr zu dringen, wie er wohl die Treppen hinaufgestiegen ist, Flure überquert, sich durch Ritzen gezwängt hat, durch Schlüssellöcher und Türen geschlüpft ist. Geräusche, selbst die unheimlichsten, waren mir immer ein Trost, weil sie mich von meinen Gedanken ablenken. Wenn ich die Ohren spitze und angespannt lausche, versetze ich mich weit weg von mir selbst.

Geräusche sind meine äußeren Gedanken. Sie sind der Teil meines Geistes, der sich außerhalb von mir befindet, jenseits meiner Umrisse, von meinem Körper entfernt. Sie sind mein umfassendstes Ich.

Wollt ihr wissen, was ich denke, wenn es mir schlecht geht? Ich kann es nicht genau sagen. Ich fühle mich verloren, vollkommen verloren. In diesen Augenblicken habe ich die Gewissheit, dass es eben so sein muss, alles ist bitter.

»Du darfst dich nicht immer so ängstigen«, sagt das Schlangenhaupt zu mir.

»Was kann ich denn tun?«

»Ich weiß nicht.«

»Glaubst du, es ist besser, wenn ich sterbe?«, frage ich.

»Kann sein. Versuch dir vorzustellen, du wärst tot.«

»Wie denn?«

»Wie es dir am besten gelingt.«

»Ich sehe einen reglosen, kalten Körper.«

»Und du, wo bist du?«

»Außerhalb dieses Körpers, irgendwo, in der Luft. Das stelle ich mir vor.«

»Das genügt nicht. Du hast dir nur einen anderen Platz ausgesucht. Du musst dir dich innerlich tot vorstellen.«

»Soll ich mir vorstellen, dass ich mir mich nicht mehr vorstellen kann?«

»Genau.«

»Das ist unmöglich.«

»Dann lass es sein, wenn du dazu nicht in der Lage bist. Geh und schreib deiner Mama, na los!«

»Aber du … Du …!«

Ich rufe nach ihr, immer, immer wieder, leise, doch das Schlangenhaupt antwortet mir nicht.

Manchmal, im Dunkeln, habe ich das Gefühl, etwas über mir zu sehen, eine große Kugel voller Dornen. Es ist eine steinerne Kugel voll langer Stacheln, wie ein Igel, aber aus Stein. So stelle ich mir das Leben vor, mein Leben, das Böse.

Frau Mutter, ich habe gelernt, dass ich, wenn es mir passiert – und es passiert mir jede Nacht –, auf keinen Fall im Bett liegen bleiben und mich quälen lassen darf, ich muss aufstehen und hierherkommen.

Ich schleiche mich aus dem Zimmer, laufe über einen langen Korridor, schlüpfe in einen beinahe unsichtbaren Quergang, den nur ich kenne, und steige die kleine Treppe hinauf, die auf einen Treppenabsatz führt, vor eine verschlossene kleine Tür. Es ist eine der zahlreichen Treppen hier im Gebäude. Ich setze mich auf diese Stufen dort oben. Im Winter lehne ich mich an die Mauer, hinter der ein Ofenrohr entlangführt, die Steine sind warm. Ich bleibe dann ganz oben ein wenig sitzen, bis die Angst vorübergeht. Unter mir fühle ich die Stufen, die bis hinunter ins Zentrum der Erde führen. Ich klammere mich ans Geländer, damit ich nicht auch hinabstürze.

Wenn Ihr wüsstet, wie oft ich mich in all den Jahren an dieses kalte Metall geklammert habe! Ich wäre in der Lage, es mit geschlossenen Augen zu modellieren, aus Ton, wenn man es von mir verlangte, könnte ich es haargenau nachbilden. Ich kenne seine Form auswendig, die kleinen, ein wenig scharfkantigen Eisenblätter, die als Zierde dienen.

Gerade habe ich Unsinn geschrieben. Warum sollte mich jemand bitten, das Geländer aus Ton zu modellieren? Was hat es mir denn genützt, diese eisernen Blättchen zu kennen? Was hat es mir genützt, all die Einzelheiten auf der Welt auswendig zu lernen?

Frau Mutter, Ihr müsst Geduld mit mir haben, immer wieder komme ich auf unsinnige Gedanken, aber hier drin ist es nun einmal so, die Dinge wiederholen sich, und wir freunden uns mit zahlreichen Kleinigkeiten an.

Immer wieder dieselbe Blattform am Treppengeländer spüren. Immer wieder auf dieselbe lose Bodenfliese treten, jeden Morgen, auf dem Weg von der Kirche zum Refektorium, die dritte Fliese des ersten Korridors im zweiten Stock. Eine Scharte auf dem Messingknauf im Speisesaal erkennen.

Frau Mutter, was für ein dummes Ding ich doch bin. Ihr wisst noch nichts von mir, und ich verliere mich in Einzelheiten. Denkt Euch nur, was mir gerade wieder eingefallen ist: Ich war noch klein, es wird vor sieben oder acht Jahren gewesen sein. Seit drei Tagen hatte ich einen Wackelzahn, oben, ein Schneidezahn. Es war der erste Zahn, der mir ausfiel. Meine Kameradinnen sagten, ich müsse mir einen groben Faden besorgen oder aus drei langen Haaren einen flechten, ihn um meinen Zahn legen und das andere Ende an eine Türklinke binden, um dann ganz schnell die Tür zuzumachen. Das war mir nicht so geheuer, ich hatte Angst. Ich riss mir zwar ein Haar aus, um den Zopf zu flechten, doch dann überlegte ich es mir und steckte es zwischen die Lippen, sog es nach und nach in meinen Mund und zerbiss es in kleine Stücke.

Dann eines Nachts, als ich wieder auf den Stufen saß, steckte ich die Finger in den Mund, drückte Daumen und Zeigefinger wie eine Zange zusammen und machte eine ruckartige Bewegung. Ein Mal genügte, und schon hielt ich den Zahn in der Hand. Sein geriffelter Rand schillerte im Dunkeln. Ich wollte ihn übers Geländer werfen, in den Treppenschacht. Bestimmt hätte ich bis tausend zählen müssen, bevor er unten hörbar aufgeschlagen wäre, im Zentrum der Erde. Stattdessen aber steckte ich, ohne zu überlegen, mein totes Zähnchen in den Mund und schluckte es hinunter. Wollt Ihr wissen, was ich dabei empfunden habe? Für mich war es ganz so, als hätte ich es in den Treppenschacht geworfen: Etwas fällt hinab, verschwindet und verliert sich im unergründlichen Dunkel. Ein Stückchenvonmirfielin
mirhinab und tauchte ins Nichts ab. In jener Nacht fühlte ich, dass ich mir nicht selbst gehörte, dass ich nicht mein Eigen war und dies auch nie sein würde.

Als kleines Kind verstrichen meine Nächte immer auf ein und dieselbe Weise. Ich war wie hypnotisiert; ich blieb auf der obersten Stufe vor dem Treppenabsatz sitzen, im obersten Stockwerk.

Genau dort sitze ich auch jetzt. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, sie arrangieren sich mit dem bisschen Licht, das es dort gibt.

So starrte ich dann in die Ecke, wie betäubt, zuweilen stundenlang. Die Linie, an der die beiden Wände zusammentrafen, kam mir vor wie eine Narbe. Der offene Raum, da draußen, war eine Wunde. Jemand musste diese Wunde geschlossen haben, indem er jene Wände errichtet hatte.

Ich malte mir aus, was da draußen wohl gewesen sein mochte, vor so vielen Jahrhunderten, als es weder Mauern noch Häuser oder sonst etwas gab, als da nur offener Raum war, Wasser und schlammige Inseln voller Gestrüpp. Der Wind fegte über sie hinweg, die Frauen hatten Angst, sie leisteten einander in der Nacht Gesellschaft, die Kinder lagen zwischen sie gekuschelt.

Von irgendwoher drang Helligkeit, vom Absatz oberhalb der Stufen. Es bleibt immer irgendwo ein wenig Licht, in der Nacht. Aber in die Ecken dringt es nie, es ist nicht wie ein Staubfläumchen, sondern ist leichter als die Luft. Es ist eine Grundierung.

Das Dunkel ist nur Schein, der wahre Untergrund ist das Licht.

Der Gedanke, dass ich ihn mir nur vorstellte, den schwachen Lichtschimmer, gefiel mir, denn auch im dichtesten Dunkel, so stellte ich fest, brauche ich nur die Augen zu schließen und sehe das Licht, und dann ist es, als würde mein Kopf zu leuchten beginnen, von innen, heimlich kann ich mir das Licht herbeidenken und ein Licht in mir drin anzünden.

Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal aufgestanden bin und die Nacht oben an den Stufen verbracht habe. Wenn ich es mir recht überlege, hat es gar kein erstes Mal gegeben. Ich meine nämlich, es war schon immer so. Ich habe alle meine Nächte auf diese Weise verbracht, schon als ich noch ganz klein war, seit ich hier bin. Ich möchte beinahe sagen, dass ich nicht diejenige wäre, die ich bin, hätte ich nicht diese schlaflosen Nächte. Sie sind ein Teil von mir, und ich frage mich, wie ich weiterleben sollte, wenn ich nicht dieses allnächtliche Rendezvous mit meiner eigenen Nichtigkeit hätte.

Frau Mutter, ich schreibe Euch im Dunkeln, ohne Kerze, ohne Licht. Meine Finger eilen über das Papier auf meinen Knien. Ich tauche die Feder in die Tinte, tunke sie ins Herz der Nacht. Nur mühsam erkenne ich die Worte, die sich auf der Seite entrollen, vielleicht sind auch sie nichts anderes als Klumpen aus Dunkel. In diesen Worten statte ich Euch jede Nacht einen Besuch ab. Ihr könnt mich nicht sehen, aber meine aufgerissenen Augen beobachten Euch.

Gerade habe ich geschrieben, dass die Worte sich entrollen, aber vielleicht verknoten sie sich. Sie entrollen sich und verknoten sich, in ein und derselben Bewegung. Vielleicht bin ich dabei, mich zu befreien, vielleicht kerkere ich mich selbst ein.

Frau Mutter, vielleicht seid Ihr ja die Gefangene, die in diese Worte verstrickt ist. Vielleicht schreibe ich Euch, um Euch zu befreien. Umsonst lasse ich mein Seil um Euch kreisen, obwohl Ihr nicht da seid, in der Hoffnung, Euch zu fangen. Vielleicht wird ein Knäuel daraus, und plötzlich werde ich eine Stimme hören, die darin zu ersticken droht und mich um Hilfe anfleht, mich verflucht, mich beschwört, um Vergebung bettelt, mich trotzig beschuldigt. Das werdet Ihr sein, Ihr werdet irgendetwas sein, ein Klumpen, ein Geräusch, ein Lächeln.

»Wie geht’s?«, fragt mich das Schlangenhaupt.

»Du bist wieder da!«

»Ich war ja nie weg.«

»Ich hatte schon den Eindruck.«

»Weil du mich nicht siehst, deswegen. Ich habe versprochen, an deiner Seite zu bleiben, und habe mich nicht von der Stelle gerührt.«

»Tatsächlich?«

»Ich halte mein Wort, auch wenn ich wenig rede.«

»Bist du eifersüchtig auf meine Mutter?«

»Wieso denn?«

»Hast du nichts mehr gesagt, weil ich lieber ihr schreibe?«

»Du machst alles ganz wie du willst. Ich habe nicht protestiert, habe dir keine Vorwürfe gemacht, nichts von alledem.«

»Dein Schweigen klang so vorwurfsvoll.«

»Du bist wirklich ein kleines dummes Ding. Ich habe dich überschätzt. Ich verschwende meine Zeit mit dir.«

Gibt es auf der Welt ein einsameres Wesen als mich? Ich verschwimme mit den anderen Mädchen. Wir sind Hunderte, bestimmt sehen wir für einen Außenstehenden alle gleich aus. Und ich mitten unter ihnen falle überhaupt nicht auf, bin etwas ganz und gar Gewöhnliches. Ich esse mit ihnen zusammen, bete mit ihnen, werde gemeinsam mit ihnen unterrichtet, musiziere mit ihnen. Ich bin eine von ihnen, nicht mehr und nicht weniger. Und doch hat ausgerechnet dieses Leben in der Gemeinschaft meine Einsamkeit verfestigt, hat sie unzerstörbar gemacht.

Ich bin ein glühendes Metall im Wasser, meine Einsamkeit ist zu Stahl geworden. Sie haben mich gestählt, indem sie mich in ihr Geplapper getaucht haben, in die Gruppe, ins ununterbrochene Gemeinschaftsleben. Ich bin die Unbesiegbare, die Einsame.