Für meine Frau

In der Liebe steckt immer auch großes Leid.

– Marilynne Robinson –

Teil 1

Eins

Im Frühjahr 1947 – ich war damals zwölf Jahre alt – stürzte in der Nähe von Narragansett Bay ein Passagierflugzeug ab. Es war eine kleine Turboprop-Maschine, fabrikneu, und sie trug das Logo einer aufstrebenden Fluggesellschaft namens Boston Airways. Auf Farbfotos sieht man, dass sie an der Spitze und am Heck in einem Gelbton lackiert worden war, der aussah wie das Osterkleid eines kleinen Mädchens. Im Hangar wurde sie deshalb Häschen genannt oder Täubchen; im Untersuchungsbericht tauchen beide Namen auf. Die Flugroute an jenem Nachmittag sah vor, dass sie zunächst über New York nach Miami fliegen sollte und dann, wenn die Wetterlage es zuließ, die Atlantikküste entlang zurück nach Baltimore.

Irgendwann habe ich angefangen, Überbleibsel des Unglücks zu sammeln: die verkohlte Schnalle vom Sicherheitsgurt des Piloten, ein blank poliertes abgebrochenes Rotorblatt vom Propeller, den erstaunlich gut erhaltenen Klappdeckel einer Packung Fatima-Zigaretten, einen quer über den sichelförmigen roten Mond des Logos verschmierten Handabdruck. Auf meinem Computer habe ich bruchstückhafte Aufnahmen vom Funkverkehr an jenem Nachmittag. Die Piloten hatten die Ruhe bewahrt, bevor sie starben. Ich gebe zu, dass ich sie mir Dutzende, wenn nicht Hunderte Male angehört habe. Alles in meiner Geschichte hängt auf irgendeine Weise mit diesem Absturz zusammen.

Abflug: mittags um zwölf Uhr acht von Logan. Voraussichtliche Ankunftszeit: halb zwei.

Sechzig Menschen waren an Bord, darunter fünfzehn Kinder; alle kamen ums Leben.

 

Zu der Zeit, als der Absturz geschah, lebten wir in New Haven. Ich war draußen im Garten, als sich ein Mann auf einem Fahrrad näherte. Er trug einen grauen Anzug und einen schwarzen Filzhut. »Vor Providence ist ein Flugzeug runtergekommen«, sagte er, während er abbremste, um mir die Neuigkeit mitzuteilen. In seinem Mundwinkel klemmte eine Calabash-Pfeife, von der ein süßer Bratapfelduft ausging. »Ich schätze, sie ist in Boston abgehoben und hat den Aufstieg nicht geschafft. Ist irgendwie noch über die Bäume geschlingert und dann in Rhode Island zu Boden gegangen.« Er hob die flache Hand und machte damit einen Sturzflug nach, wobei er die Bewegung mit den passenden Lauten untermalte. Einen Moment später war er wieder fort, das Ende seines Sakkos flatterte im Wind, als er auf seinem Fahrrad weiterradelte.

Meine Mutter stand in der Küche. Ich konnte sie von der Wiese in unserem Garten aus sehen. Hinter einem rechteckigen, von einer weizengoldenen Schmuckleiste umrahmten Fenster. Die Scheiben waren geöffnet und Insekten tummelten sich vor dem Fenstergitter, durch das ein leichter Wind ging. Ihre Wangen waren gerötet. Der Dampf von einem Kessel in der Küche. Vielleicht ein Hauch von Zimt, vom Backwerk im Ofen. Vor zwei Monaten hatte sie ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert, aber wenn man genau hinschaute, bei gutem Licht, sah sie immer noch wie ein Collegemädchen aus. Mein Vater hatte ihr zu diesem Anlass einen unechten Saphirring gekauft, ein einzelner Modeschmuck-Stein auf einem Ring aus Zinn; er hatte ihn drei Dollar gekostet, und sie hatte ihn seitdem nicht abgenommen.

Als ich hereinkam, um ihr die Neuigkeit zu berichten, wusste sie es schon. Im Radio sprach eine ernste Männerstimme in tiefem Bariton. Er leierte herunter, was zum Zeitpunkt bekannt war, der Flugzeugtyp, der vermutliche Absturzort, die geschätzte Anzahl der Todesopfer.

Meine Mutter – das werde ich nie vergessen – wurde wütend, als sie das hörte.

»Wie kann etwas so Großes einfach vom Himmel fallen?«, fragte sie mich und schlug mit der flachen Hand auf den Küchentresen. Sie briet gerade ein Ei. Ihr Ring klatschte laut auf das Resopal. »All die Kinder! Wer fliegt diese Dinger eigentlich?«

 

Mein Vater war mittelbar von dem Absturz betroffen. Der Bruder eines Klassenkameraden von ihm war an Bord gewesen. Es wurde telefoniert, unendlich viel, gefolgt von Verwünschungen meines Vaters, die zwei Wochen später in einer wilden Hetztirade in einem Büro in Hartford gipfelten, nachdem er sich bereit erklärt hatte, zehn der betroffenen Familien zu vertreten. Zu diesem Zeitpunkt hatte mein Vater genügend Informationen gesammelt, von denen er glaubte, dass sie für eine Anklage ausreichten: Es gab Beweise, dass leitende Angestellte der Fluglinie gewusst hatten, dass die Triebwerke der Maschine beschädigt gewesen waren; auf den Flughäfen entlang der Küste hatte es sich bereits herumgesprochen: mangelnde Sicherheitsstandards, technische Unkenntnis, Piloten, die einen sechs Tonnen schweren Bomber fliegen konnten, aber mit den Feinheiten der Navigation einer solch kleinen Maschine nicht vertraut waren. Eines Abends, bevor die ganze Sache richtig losging, sah ich meinen Vater in Unterwäsche an unserem Küchentisch sitzen, auf dem wild verteilt technische Zeichnungen, Aktennotizen und Zigaretten lagen.

»Kannst du gewinnen?«, fragte ich ihn.

Er machte etwas Platz auf dem Tisch und bat mich, mich zu setzen. »Was siehst du hier?«, fragte er und zeigte auf die technische Abbildung eines Flugzeugmotors.

»Gekritzel«, sagte ich. »Linien und Schnörkel.«

Er lachte. »Ich auch.«

Mein Vater war nicht der beste Anwalt für diesen Prozess, wahrscheinlich behielt er das lieber für sich. Er hielt sich damals mit kleineren Zivilklagen über Wasser – die üblichen Ich-habe-mir-auf-dem-Weg-zur-Arbeit-das-Bein-gebrochen-Fälle –, und wenn meine Mutter ihn wegen irgendeiner dringenden Sache suchte, konnte sie sicher sein, ihn in der Notaufnahme des städtischen Krankenhauses zu finden, wo er sein Biwak mit Kaffee, Zigaretten und einem Stapel Visitenkarten aufgeschlagen hatte. Seine Arroganz wurde ihm fälschlicherweise oft als Genialität ausgelegt: als Talent oder Fähigkeit oder eine Kombination aus beidem. Er berechnete für gewöhnlich nur eine geringe Bearbeitungsgebühr, die ausreichte, um unsere Miete und das Essen zu bezahlen und ab und zu mit uns ins Kino zu gehen. Im Gegenzug verlangte er mehr als den üblichen Anteil an potenziellen Gewinnen. Er behauptete dann vor seinem neuen Kunden, es würde schwer werden, vor Gericht zu bestehen. In der Summe sei das Arrangement für ihn aber eine todsichere Sache.

Die Zahl der Kläger wuchs stetig. Zuerst riefen nur wenige bei uns an, mitten in der Nacht eine verzweifelte Mutter, die sich zum Telefon geschlichen hatte, während ihr Ehemann schlief; er war Obergefreiter der Armee und in Okinawa stationiert. Sein Vater lebte nicht mehr und sein Bruder war auf dem Flug verschollen. Es kamen auch Briefe. Zwei kubanische Frauen hatten auf dem Flugfeld in Miami auf die Ankunft der Maschine gewartet, als die Nachricht sie erreichte. Die Leiterin eines Waisenhauses in Connecticut schrieb in ihrer Eigenschaft als Vormund eines der Kinder; das Mädchen sei auf dem Weg nach New York zu seinen neuen Eltern gewesen. Mit jedem Anruf wurde der Fall größer, die Summe potenzieller Schadenersatzleistungen umfangreicher, die Betriebsamkeit in unserem kleinen gemieteten Häuschen stärker und lauter, und jeden Abend wurde geflüstert, dass vielleicht, eventuell, wenn alles gut liefe und der Richter einen bestimmten Sachverhalt richtig beurteilte oder die gegnerische Seite eine bestimmte Richtung einschlüge, dass wir dann – es war immer ein Wir –, dass wir dann gewinnen könnten.

 

Das erste Pressefoto mit meinem Vater erschien im New York Herald, im August 1947. Er posiert darauf wie einer von Hoovers berüchtigten FBI-Leuten: ein tief ins Gesicht gezogener Filzhut, ein – sorgfältig gebundener – doppelter Windsorknoten, ein schwarzes Jackett, schwarze Hose, schwarzer Gürtel, schwarze Schuhe; zwischen den Lippen eine Old-Gold-Zigarette; über dem Arm einen tiefschwarzen Trenchcoat, in der Hand eine Aktentasche aus Leder.

»Was glauben Sie, hier bewirken zu können?«, wird die Frage eines Reporters zitiert. »Haben Sie vor, die gesamte Passagierluftfahrt zum Absturz zu bringen? Wollen Sie uns wieder an die Schiene ketten? Ist es das, was Sie wollen, Mr Wise?«

»Zum Absturz bringen!«, sagte mein Vater und lachte. »Was für eine schreckliche Wortwahl!«

 

Mein Vater war ein gut aussehender Mann. Das hat man mir mein ganzes Leben lang gesagt, aber ich hatte nie einen Beleg dafür gesehen, bis sein Bild in den Zeitungen auftauchte: sein schmales Gesicht, die hervorstehenden Wangenknochen, das charmante Lächeln, die ersten weißen Strähnen in seinem herzförmigen Haaransatz. Als wir ihn zum ersten Mal so sahen, sagte mir meine Mutter, dass öffentliche Aufmerksamkeit einen Mann schöner mache. Sie legte ihren Finger auf ein Foto von ihm. »Seine Wimpern«, sagte sie. »Sieh nur, er hat die Wimpern einer Frau.« Meinen Vater überraschte der Medienrummel nicht. In seinen Augen lag ein Glanz, der zu sagen schien, er habe schon sein ganzes Leben lang etwas Derartiges erwartet.

Er hatte das Glück, dass einer Sammelklage damals noch etwas Revolutionäres anhaftete. Der Gedanke, große Unternehmen könnten Leben gefährden, ohne in Regress genommen zu werden, schien nach dem Krieg bei den Leuten irgendeinen ursprünglichen Nerv zu treffen. Die Menschen haben nichts lieber als einen gemeinsamen Feind, und da die Deutschen und die Japaner aus dem Rennen waren, war mein Vater schlau genug, diese Rolle der Boston Airways zuzuschreiben. In einem Times-Artikel aus ebenjenem Sommer 1947 untermalte er seinen Standpunkt tatsächlich mit den Worten: »Man kann schon jetzt behaupten, dass dies die größte Gefahr für die Zivilbevölkerung seit dem Blitzkrieg der Deutschen ist.«

Der Name seines Partners war Robert Ashley. Sie hatten sich bei der Infanterie kennengelernt, in Cherbourg, wo Robert meinem Vater einmal das Leben gerettet hatte – eine Tat, die ihn für immer in dessen Schuld versetzte. Später haben sie sich gemeinsam für Jura eingeschrieben. Robert war ein netter Typ, einen Kopf größer als jeder, den ich bis dahin kannte, blass und schlaksig. Er hatte einen breiten Kansas-Akzent, trank gerne Roggenwhisky und seine allseits bekannte Freundlichkeit sorgte für ein Gegengewicht zu der oft abweisend wirkenden Kaltschnäuzigkeit meines Vaters. Soweit ich wusste, war es Roberts primäre Aufgabe, die schlimmsten Affekte meines Vaters – die ebenso zahlreich wie berüchtigt waren – im Zaum zu halten. Es lohnt die Anmerkung, dass es aus dieser Zeit keine Fotografien von Robert gibt und auch keine Interviews, nur die Nennung im Namen der Kanzlei: Wise und Ashley. Bei meiner Recherche stoße ich kaum auf ihn. In den Gerichtsprotokollen ist er wie ein Schatten, der hin und wieder die Befragungen meines Vaters unterbricht.

Ein typischer Einwurf, er stammt aus der ersten Prozesswoche, lautet: »Mein Kollege gibt mir gerade ein Zeichen, Euer Ehren. Entschuldigen Sie. Gestatten Sie mir einen Augenblick.«

 

Das Verfahren zog sich endlos in die Länge. Ich war zwölf, als das Flugzeug abstürzte, dreizehn, als wir zum ersten Mal gewonnen zu haben schienen, und siebzehn, als das Berufungsverfahren endete. Weil mein Vater näher am Berufungsgericht in New York sein musste, mietete er uns für die Dauer des Prozesses ein Haus in Wren’s Bridge, einer Pendlerstadt stromaufwärts von Manhattan. Ich hatte nicht gehen wollen. In New Haven war ich Pitcher in unserem lauen Verschnitt einer Baseballmannschaft gewesen. Meine besten Freunde bevölkerten den Rest des Innenfeldes. Ich war so populär, wie die meisten Pitcher eben populär sind, und für einige Saisons hatte ich dort etwas von dem, was meinem Vater selbst in einem Raum voller Fremder ein so natürliches Selbstvertrauen verschaffte. Wenn Leute dir vertrauen, ist es nicht so schwer, sich in seinem Handeln von dieser Hoffnung und diesem Vertrauen lenken zu lassen. Ich stellte mir vor, dass ich mit etwas Glück nach meinem Abschluss in einer der kleineren Collegemannschaften würde spielen können. Oder ich würde zur Armee gehen, so wie mein Vater es getan hatte. New Haven verlassen zu müssen, meine Freunde, meinen Baseballklub, besagtes Innenfeld – schmetterte mich völlig nieder. Ich war siebzehn, da ist man leicht niedergeschmettert.

Unser neues Haus war einfach und schlicht, es stand auf einem Viertelmorgen wilder Wiese. Der Rasen lag in einer Senke, wie eine flache Suppenschüssel, die im Winter mit Regen und Schnee volllief und dann zufror, sodass meine Mutter darauf Schlittschuh laufen konnte. Wir waren, da bin ich mir sicher, die erste jüdische Familie in unserer Straße. Andere Jungs ärgerten mich manchmal und versuchten mich zu provozieren, indem sie etwas über Öfen oder Deutschland erzählten. Oder sie warfen Geldstücke nach mir und forderten mich heraus, sie aufzuheben. Das war im Herbst 1951. Die Leute sind manchmal überrascht, wenn ich ihnen so etwas erzähle, aber selbst Kriege können die kindliche Grausamkeit nicht aus der Welt schaffen. In meiner ersten Woche geriet ich in ein halbes Dutzend Prügeleien. In den meisten konnte ich mich ganz gut behaupten, nur einmal holte ich mir eine aufgeplatzte Lippe und eine blutige Nase. Das soll nicht heißen, dass Wren’s Bridge an sich kein schöner Ort gewesen wäre. Es gab ein paar gute Restaurants, ein anständiges Kino, und von Traverstock aus, dem höchsten Punkt der Stadt, konnte man über das Blätterdach hinweg in der Ferne so etwas wie eine Spitze sehen, in der manche Leute das Endstück des Empire State Buildings zu erkennen glaubten. Die Jungs dort nahmen wirklich alles sehr genau.

Am westlichen Stadtrand, so weit von unserem Haus entfernt, wie es nur ging, gab es eine überdachte Kunsteisbahn, wo man an kalten Tagen gegen geringes Eintrittsgeld aufs Eis konnte. Wenn man ein bisschen was konnte, so war dies eine gute Gelegenheit, Eindruck bei den Mädchen zu machen. Meinen ersten Kuss habe ich hier bekommen, an der Gäste-Strafbox, von Pauline McNamee. Zugegeben, die zwölfte Klasse war etwas spät für einen ersten Kuss, aber davon habe ich Pauline nichts gesagt. Bevor sie mich küsste, beschlich mich das ungute Gefühl, dass sie mich nur mochte, weil sie wusste, wer mein Vater war, dass sie ihn in der Zeitung gesehen hatte, wie er mit ernster, wichtiger Miene etwas über Motoren oder technische Defekte schwadronierte. Ich hatte recht. Denn hinterher, als sie sich von mir löste, uns aber noch Speichelfäden miteinander verbanden, da fragte sie mich, ob sie ihn mal treffen könnte. »Nur einmal vielleicht? Niemand weiß es bisher, aber ich möchte wirklich später einmal Anwältin werden. Ich finde Perry Mason einfach großartig

Kurz nachdem ich auf die Schule in Wren’s Bridge gekommen war, wurde ich für unseren Debattierklub angeworben. Auch dies geschah wieder hauptsächlich wegen der Reputation meines Vaters. Ich war ein lausiger Debattierer. Ich hätte gern Baseball gespielt, aber wir waren zu spät angekommen, als dass ich noch einen Platz in einer der Mannschaften hätte bekommen können. Und so wanderte ich an den meisten Nachmittagen, wenn unsere Übungssitzungen beendet waren und ich mich mit schwachen Ausführungen zu Stalin, Trujillo oder Happy Chandler verausgabt hatte, hinüber zu den Warren Fields und sah der heimischen American-League-Mannschaft beim Schlagtraining zu. Das Einzige, was ich je gewollt hatte, war Ball spielen oder dabei zuschauen oder eine Möglichkeit finden, mich damit zu beschäftigen. Aber alles in Wren’s Bridge drehte sich um unseren Prozess. Während dieser ersten Monate tat mein Vater nichts anderes als arbeiten und Klagen führen und in regelmäßigen Abständen in den Zeitungen auftauchen. Ich wollte zurück nach Hause, nach New Haven. Aus dem normalen, sogar beliebten Kind, das ich gewesen war, war plötzlich der Sohn eines großmäuligen, aufwieglerischen Anwalts geworden. Ich konnte die Menschen, die ich kannte, in zwei Lager aufteilen: jene, wie Pauline McNamee und der Leiter des Debattierklubs, die etwas von mir wollten, die hofften, dass etwas von dem Glanz meines Vaters auf sie abstrahlte; und alle anderen, die darin Heuchelei und Arschkriecherei sahen und mich dafür hassten oder ausschlossen oder mir auf dem Nachhauseweg Pennys an den Hinterkopf warfen. Ich vermisste New Haven, die Beständigkeit unserer Wohngegend, die Italiener in unserer Straße, die auf ihren Veranden herumlungerten, quatschten und ihre Gehaltsschecks auf die Spiele der Giants verwetteten. Ich vermisste das bogenförmige Portal am Hauptgebäude der Eisenbahngesellschaft, auf dem die Tauben gerne nisteten, und ich vermisste das stinkende Seegras auf dem Quinnipiac. Ich hasste die Boston Airways, dass eines ihrer Flugzeuge abgestürzt war, dass mein Vater den Fall übernommen hatte. Schon bald taten sich erste Risse auf. Ich traf mich nicht mehr mit Pauline, ließ meine Hausaufgaben schleifen und zettelte eine Schlägerei mit einem Klassenkameraden an, der für das Highschool-Team pitchte. Ich wollte, was er hatte – in der Schulauswahl spielen und jeden dritten Tag Bälle werfen. Wir waren in der Cafeteria. Ich stellte ihm ein Bein. Als er aufstand, um mich zur Rede zu stellen, verpasste ich ihm mit einer ordentlichen Geraden eins aufs Kinn, verließ das Schulgebäude und ging ein paar Blocks weiter bis zur Adams Street, wo ich ein Taxi anhielt. Zehn Minuten später stieg ich in einen Zug nach New Haven.

Mein Vater holte mich an jenem Tag ab. Als er sah, wie ich in meinem kurzen Mantel zitternd auf der Elm Street stand und mich nach einem vertrauten Menschen umsah, irgendeinem vertrauten Gesicht, lachte er. Er war stolz auf meinen Grips. Ich stand an der Straßenecke am Triumph-Theater und schaute auf das Filmplakat für High Noon, auf dem Gary Cooper seinen Revolver schwang. Offenbar war ich von dem Kerl, dem ich eins übergezogen hatte, angeschwärzt worden, und mein Vater kam nicht einmal eine halbe Stunde nachdem ich aus dem Zug gestiegen war, um mich einzusammeln.

»Ich weiß, du hasst es in der Stadt«, sagte er, sobald wir im Auto saßen. »Aber du kannst nicht einfach aufspringen und wegrennen, wenn es unangenehm wird.«

Ich drehte das Radio lauter. Ich hatte das ganze Jahr über mitangehört, wie er in der Küche seine Beweisführung einübte. Meine Mutter diente ihm dabei als Geschworene. Und immer, wenn er mit mir sprach, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mich als seinen Gegenanwalt ansah.

»Ist doch egal«, sagte ich. »Du solltest mich wieder hier in New Haven zur Schule gehen lassen. Ich bin alt genug. Ich kann auf eigenen Beinen stehen.«

»Das wird ganz sicher nicht passieren.«

»Warum nicht? Es ist eine perfekte und schöne Stadt. Ich mag es hier. Wir alle mochten es hier einmal.«

Ich hasste ihn dafür, mit uns von hier weggezogen zu sein. Dies war der Anfang von allem, was danach zwischen ihm und mir geschah. All unsere Probleme erwuchsen aus dieser einen Entscheidung. Und ich glaube, er wusste das noch vor mir. Er rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Was er mir sagen wollte – das ist mir jetzt klar –, war, dass New Haven zu klein für ihn war. Er hatte bereits damit begonnen, auf Angebote von den führenden Anwaltskanzleien in Manhattan zu reagieren, jene Art von Firmen, die einem einen himmelblauen Lincoln Cosmopolitan vorbeischickten, leihweise, damit du ein Gefühl dafür bekamst, wie es sein würde, Teil des Unternehmens zu sein. Er freute sich über die Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbrachte. So viel war klar. Jedes Angebot wurde zu Hause auf irgendeine Weise gefeiert. Sie tranken billigen Champagner aus Kaffeebechern, weil wir nichts anderes hatten als Kaffeebecher. Oder Moxie-Limo aus Flaschen. Einmal gab es ein Abendessen auf der Mulberry Street, Spaghetti mit Hackbällchen. Meine Mutter schien berauscht von dem Gedanken, dass ihr Leben an der Armutsgrenze nun vorbei war, zumindest fast vorbei. Was für uns definitiv vorbei war, war unser Leben in New Haven, und als wir aus der Stadt hinausfuhren, musste ich mich davon abhalten, mich umzudrehen, um nachzusehen, wie es nach und nach verschwand.

Wir fuhren eine lange Weile schweigend, passierten das Flusstal des Connecticut River und Bridgeport und dann in Stamford weiter Richtung Westen, wo wir den Hudson bei Wren’s Bridge überquerten und gemächlich nach Hause glitten. Hinter uns ging die Sonne unter. In meiner Erinnerung ist es ein spektraler Sonnenuntergang, voll glühender Hitze, als würde ganz Neuengland in Flammen aufgehen. Außer unserem Auto und dem Ehering meiner Mutter besaß mein Vater einen Anzug, zwei Paar Halbschuhe, eine protzige englische Armbanduhr und seinen alten Armeerevolver. Alles andere, sogar die Nahrungsmittel, die wir aßen, war auf Pump gekauft. Alles in unserem Leben hing an der einen Vorstellung, dass dieser Prozess unmöglich zu verlieren war.

»Was würdest du tun, wenn du, sagen wir mal, mehr Geld zur Verfügung hättest, als du je für möglich gehalten hättest?« Er fragte mich das, als wir die Einfahrt zu unserem Haus hinauffuhren. Meine Mutter saß in einem gestreiften Schürzenkleid auf der Verandatreppe und rauchte eine Zigarette, die in einem kurzen schwarzen Halter steckte. Ich sah, wie sie sich mehr und mehr diese kleinen Manieriertheiten zu eigen machte, von denen sie glaubte, sie seien distinguiert. Wie es wäre, reich zu sein, das wusste ich damals schon, war für sie reine Fantasie. Sie hatte nie einen reichen Menschen gekannt.

Ich zuckte die Schultern. »Ich würde mir Tickets für ein paar Baseballspiele kaufen«, sagte ich.

Neben mir versuchte mein Vater erwartungsvoll, seine Freude zu unterdrücken. »Wie wäre es dann mit einem Geschenk? Wenn ich dir ein Geschenk machen würde. Egal, was du wollen würdest. Alles. Was würde das sein? Eine Auslandsreise vielleicht? Oder wie wäre es mit einem Auto?«

Anscheinend konnte es ihm nicht groß genug sein, also fragte ich: »Wie wäre es mit einem Baseballteam?« Er lachte. Dann lachte ich. »Du hast mich gefragt, oder?«

In dem Moment trat Robert Ashley aus dem Haus und auf die Treppenstufen. Er hielt eine Ausgabe der Zeitung in der Hand. Mein Vater war auf dem Titelbild, ein Foto von seinem Gesicht war neben einem von der verunglückten Boston-Airways-Maschine. Robert lächelte zu uns herüber und ließ beide Daumen nach oben springen.

»Weshalb ist er so glücklich?«, fragte ich.

»Bald ist es so weit. Deshalb.«

 

Eine Woche später – ich stand gerade eine Debatte über John Keats und seine Tuberkulose durch – kam der Direktor in mein Klassenzimmer, flüsterte meinem Lehrer etwas ins Ohr, bahnte sich dann seinen Weg an den Holztischen vorbei bis zu mir und übergab mir einen kleinen Briefumschlag. Auf seinem Gesicht lag ein seliges Lächeln, als hätte er soeben erst einen Lachanfall überstanden, bevor er hierher zu mir gekommen war. Der Brief war handgeschrieben und bestand aus nur drei Wörtern: Wir haben gewonnen! Ich wusste sofort, was das bedeutete, natürlich, und weil mein Sitznachbar ihn mir aus der Hand riss und ihn in der ganzen Klasse herumgehen ließ, wussten alle anderen es auch.

Stunden später hatte die Nachricht sich herumgesprochen, und während ich versuchte, mein Mittagessen in der Cafeteria zu essen, bildete sich um mich herum ein kleiner Auflauf. Mein Name ist Hilton Samuel Wise – benannt nach meinen beiden Großvätern –, aber ich wurde von allen immer Hilly genannt. An jenem Nachmittag in der Kantine fingen alle an, in die Hände zu klatschen und meinen Namen zu rufen – Hilly, Hilly, Hilly –, als ob ich, und nicht mein Vater, etwas Außergewöhnliches vollbracht hätte. Als ich an jenem Tag die Schule verließ und die kurze Strecke zu unserem Haus an der Hamilton ging, drehte ich mich auf dem Weg noch einmal zu meinen Klassenkameraden um, die vor dem Gebäude herumstanden, um mich gehen zu sehen. Pauline McNamee stand dort und winkte. Auch Anthony Jackson, der Pitcher der Schulmannschaft, dem ich ein paar Wochen zuvor noch eins auf die Nase gegeben hatte. Sie alle hatten sich versammelt, um Zeugen dessen zu werden, was sich wie ein Lauffeuer in der gesamten Schule verbreitet hatte: Die Familie Wise hatte gewonnen.

Bei meinen Recherchen bin ich auf ein Interview zum Erntedankfest aus dem Jahr 1952 gestoßen. Ich will die interessanteste Stelle hier kurz wiedergeben:

Frage: Was haben Sie nun vor, Mr Wise? Werden Sie es weiterhin mit der Luftfahrtindustrie aufnehmen?

Antwort: (Lachen) Wenn sie mich weiterhin so auf Trab hält.

 

Frage: Glauben Sie, dass Sie der berühmteste junge Anwalt Amerikas sind?

Antwort: Berühmt? Ich weiß gar nicht, was das bedeutet. Wer kann das schon beurteilen? Denjenigen würde ich gerne einmal kennenlernen. Können Sie es? Sind Sie derjenige?

 

Frage: Wie wäre es dann mit »bester«? Sind Sie der beste junge Anwalt Amerikas?

Antwort: Nein, definitiv nicht. Ich habe hier ja nichts Außergewöhnliches vollbracht. Leute wie mich gibt es in jeder Stadt. Ich bin nicht mal annähernd der Beste.

 

Frage: Der glücklichste?

Antwort: Wie wär’s mit der reichste? Wie wäre das? Schreiben Sie das. Ich bin wahrscheinlich der reichste. Das stimmt wahrscheinlich.

Zwischen 1948 und 1952 stürzten über die Welt verteilt Hunderte Flugzeuge ab. Einige davon waren Militärflugzeuge, darunter viele Frachtmaschinen mit Minimalbesatzungen, die gerade ausreichten, um die fliegenden Container von A nach B zu bringen. Aber es gab auch eine Menge Verkehrsflugzeuge mit unschuldigen, nichts ahnenden Passagieren an Bord. Durch diese Unglücksfälle wurde mein Vater der führende Anwalt in Dutzenden Sammelklagen, die in Art und Umfang jener ähnelten, die zum Ruin der Boston Airways geführt hatten. Er hatte eine gut funktionierende Strategie entwickelt, und die Leute wollten ihn auf ihrer Seite haben. Anstatt sich mit ihm vor Gericht herumzuschlagen, boten die großen Anwaltsfirmen der Konzerne sofort einen lukrativen Vergleich an, sobald mein Vater auch nur Klage einreichte. Sie wollten nichts mit ihm zu tun haben. Sie zahlten schnell – und viel. Wir waren reich.

Ich erinnere mich noch an den plötzlich einsetzenden Wohlstand: Mäntel von Harrocourts; Schuhe von Dunbartons; Seidenschals von Saks oder Bloomingdales; Schuhe direkt aus Italien, die per Paket eintrafen; ein afghanischer Pashminaschal für meine Mutter; ein Gehstock aus brasilianischem Tropenholz für meinen Vater – er sah ihn sich an, lachte und legte ihn weg, bis er, wie er sagte, ihn vielleicht einmal brauchte. Wir aßen Steaks bei Honey’s auf der Fifth Avenue; Hummer bei Nero’s; Kaviar aus der Dose als Mitternachts-Snack; Spaghetti und Muscheln bei Lucitti’s. Da waren die Zigaretten meiner Mutter von Nat Sherman, in einer schiefergrauen Klappschachtel und in den Farben des Regenbogens sortiert. Sie rauchte sie immer von Violett nach Rot, von rechts nach links, so wie man den Text der Tora las. Dann der versilberte Revolver, den Robert meinem Vater gekauft hatte, nicht zu vergessen das dazu passende Exemplar, nur in Gold, das mein Vater kurz darauf Robert schenkte. Ich erinnere mich an ledergebundene altgriechische Ausgaben von Heraklit, Herodot und Sophokles. Ich weiß nicht mehr genau, wer was wann bekam und von wem. Aber es gab immer mehr. Pelze, die, soweit ich weiß, nie aus ihrer Schachtel genommen wurden. Zwanzig Jahre später waren sie immer noch da, eingelagert im Keller von Bergdorf’s. Und Kunst: Chagall. Wir waren Juden, also kauften wir Chagall. Schmuck: Armbänder mit äthiopischen Türkisen; Diamanten aus den Minen Westafrikas; Hämatit, importiert aus New South Wales, aufgezogen auf eine geschmeidige Goldkette; chinesische Jade; handverlesene Perlen aus Bora Bora; sibirischer Lapislazuli, zu Ringen gegossene Nuggets vom Goldrausch am Mount Shasta.

Nicht zu vergessen die Immobilien. Zuerst war da das Haus am Riverside Drive, das meine Mutter aussuchen durfte: ein frei stehendes Ungetüm auf der 107. Straße, das einmal einem türkischen Tabakmagnaten gehört hatte; weißer Marmor überall; ein riesiges Wohnzimmer mit einem venezianischen Kronleuchter; ein halbes Dutzend Kamine und eine Kalksteinterrasse mit Blick auf das weite, flache Land bei Edgewater. Meine Mutter hielt dieses Fleckchen Erde in Riverside für besonders schön, mit dem Park vor der Tür, im Süden ganz Manhattan, im Westen New Jersey und, vom Dach aus, das graugrüne Band des Atlantiks.

Aufgrund dieses Hauses bin ich ein New Yorker, leicht zu verärgern, schwer abzuschütteln, in der Lage, unbemerkt in einer Menschenmenge zu verschwinden, und mit der Fähigkeit ausgestattet, gleichzeitig ein Sandwich zu essen, die U-Bahn zu wechseln und einen Krimi zu lesen. Aber was mein Vater dann kaufte – das ganz große Ding, das beste und mir liebste, die einzige Sache, die er jemals wirklich zu kaufen verlangte –, war der Grund dafür, dass ein Teil von mir sich bis heute in Neuengland zu Hause fühlt. Damals gaben Männer wie mein Vater ihren Häusern Namen, so wie sie ihren Hunden Namen gaben, aber, aus welchem Grund auch immer – nicht so mein Vater. Er wickelte den Kauf übers Telefon ab, und ich weiß noch, wie er danach den Hörer auflegte, sich zu mir umdrehte und sagte: »Mein Großvater hat im kältesten, hässlichsten Winkel Polens Kühe gemolken. Deine Enkelkinder, Hilly, werden ihr eigenes verdammtes Stück Land an der amerikanischen Küste ihr Heim nennen können.« Und dann lehnte er sich zurück, nahm seine Brille ab und lachte. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Es war, als hätte er soeben ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert. »Was sagst du dazu, Hilly? Gefällt dir das?«

Zwei

Als wir das Haus in Bluepoint zum ersten Mal sahen, schrie meine Mutter. Mit einem lauten Reifenknirschen war der Wagen auf den Kieselsteinen in der Einfahrt zum Stehen gekommen. Sie stieg aus dem Auto, sah zu dem Haus hinüber, hinter dem sich der Ozean abzeichnete und über dem weiße Möwen kreisten. Dann rückte sie ihre Sonnenbrille auf ihre Nasenspitze und stieß einen gellenden Schrei aus. Ihre Reaktion erfreute meinen Vater. Er stand mit einem Fuß auf dem Trittbrett des Wagens. »Ein echtes Schmuckstück, was, Ruthie?«

Sie wandte sich zu meinem Vater um und hielt dabei die Hand vor den Mund gepresst. Er strahlte. Dann sprang er von der Seitenkufe. »Ich wusste, dass es dir gefallen wird«, sagte er. Die Stadt Bluepoint lag am äußersten Zipfel des geknickten Arms von Cape Cod, ein auf die Landkarte gesprenkelter Punkt zwischen Wellfleet und Truro. Wir waren an jenem Morgen von Wren’s Bridge aus losgefahren und hatten die Strecke in weniger als sechs Stunden zurückgelegt. Das Haus war schlicht, ein einfaches kleines Saltbox-Haus mit zwei Schlafzimmern. Die Dachschindeln waren fleckig, sodass das Holz aussah, als sei es nass. Es hatte eine rote Haustür. Der Rasen war lange nicht gemäht worden. Überall schwirrten Mücken. Alles in allem war es ein Haus wie jedes andere in Wren’s Bridge oder New Haven – und doch: Meine Mutter schrie, als wir auf der steinigen Einfahrt standen.

Er wandte sich mir zu. »Was denkst du?«

Ich zuckte die Schultern. »Nicht übel«, sagte ich.

»Nicht übel, Hilly? Es ist viel besser! Es ist verdammt noch mal viel besser als nicht übel!«

Der Rasen war groß genug, um darauf Baseball spielen zu können. Das fand ich schon mal gut. Die Straße war ruhig, aber staubig. Die Luft war voller Salz, und der Wind hatte meine Haare gepackt und aufgestrubbelt. Mein Vater trug seine Sommerkluft, eine graue Weste, eine lange Hose und ein weißes Oxford-Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte. Bis auf die Weste hatte ich exakt die gleichen Sachen an. Es war Ende Juni 1952, sechs Wochen nachdem der Boston-Airways-Fall endgültig abgeschlossen worden war. In ein paar Monaten sollte mein Unterricht am Dartmouth College beginnen, und mein Vater versuchte, mich dafür herzurichten oder zu unterweisen oder die Voraussetzungen zu schaffen, dass ich niemanden blamierte, wenn ich mit seinem Namen in die Welt hinausging. Er war es, der Dartmouth für mich arrangiert hatte, meine Noten entsprachen nicht einmal annähernd den Zulassungsbedingungen. Aber er war jetzt berühmt. Er wollte seinen Sohn in der Ivy League sehen, und dort würde ich hingehen. Er hatte versucht, mich in Yale einzuschreiben, aber anscheinend gab es dort eine Art Ehrenkodex und man war, was die Aufnahmebedingungen anging, nicht zu Zugeständnissen bereit.

Er legte mir eine Hand auf die Schulter und führte mich zu den Felsklippen, die sich über dem Strand auftürmten. Ich kannte den Ozean bis dahin nur von New Haven, wo der Long-Island-Sund an die Stadt stieß, dort war alles gnadenlos grau, der Horizont eine Kette von Wasserkraftwerken. Wir standen eine Weile zusammen dort am Ende unseres Rasens, wo die Erde hangabwärts in lockeren Sand überging, dann kam ein schroffer Felsen und danach der Atlantik. Er zeigte auf einen Punkt strandabwärts, ein von Gras freigelegtes und urbar gemachtes Stückchen Land. Darauf stand ein von der Sonne beschienenes weißes Häuschen, das dem unseren ähnelte. »Dort wird Robert einziehen«, sagte er. Seine Hand lag noch immer auf meiner Schulter, und alle paar Sekunden murmelte er mir zu: »Was sagst du dazu, mein Sohn?« Ich zuckte wieder nur mit den Schultern. Ich war siebzehn und hatte keine Ahnung, was es bedeutete, ein Stück Land unmittelbar am Meer zu besitzen, vom Status, den es einem brachte, und wie es die Meinung der Leute über ihn bestimmte. Wenn sein bisheriges Leben eine Schlacht gewesen war, dann kennzeichnete dieses Haus seinen Sieg. Mein Vater trug damals eine Halbrandbrille, und ich sah, wie er sie abnahm, sie in seinen Händen zusammenklappte und sich über die Augen wischte.

Irgendwann erschien ein Trio aus Delfinen an der Wasseroberfläche, ihre silberfarbene Haut tauchte halbmondförmig zwischen den Wellenkräuseln auf. Mein Vater schob seine Brille langsam wieder auf die Nase, rückte sie zurecht und tat einen Schritt in Richtung Meer, indem er zunächst die Festigkeit des Hangbodens mit der Schuhspitze prüfte und dann seinen Hals vorstreckte.

»Die sind doch nicht echt«, sagte er, drehte sich grinsend zu mir um und lachte dann. »Die können doch nicht echt sein oder, Hilly?«

»Warum sollten sie nicht echt sein?«, fragte ich. »Das ist doch das Meer, oder nicht?«

»Nee«, sagte er kopfschüttelnd.

»Natürlich sind die echt«, sagte ich. »Was ist los mit dir?«

Er hörte mir nicht zu. Er machte einen weiteren Schritt auf den sandigen Abhang zu. Er hatte Angst, der Boden könne nachgeben, und streckte seine Hand nach mir aus, damit ich ihn festhalten konnte. Das Seegras reichte ihm bis zu den Knien. Jeder seiner Schritte scheuchte eine Wolke von Mücken auf. Er spähte hinaus aufs Meer. »Nee«, sagte er und drehte sich zu mir um. »Die sind ganz sicher nicht echt.«

»Glaubst du, jemand hat unechte Delfine ins Meer geworfen – nur für dich?«

Er grinste breit. Er zog mich auf. Für ihn war jeder Tag wie eine Bühnenshow. »Hübsch hier, nicht wahr? Hoffe, dir gefällt’s. Ich habe es ja für uns alle getan.«

Inzwischen hatte meine Aufmerksamkeit sich auf eine kleine zweistöckige Garage hinter dem Haus verlagert. Es war ein sonniger Tag, und ich konnte durch das Fensterglas in die zweite Etage hineinblicken, wo ich einen vornehm gekleideten dunkelhäutigen Mann stehen sah, der mich geradewegs so anstarrte wie ich ihn. Ich schaffte es, ihm schwach zuzuwinken, und nach einer geraumen Weile winkte er zurück.

Mein Vater bemerkte meine Handbewegung.

»Hätte nicht gedacht, dass sie das wirklich tun«, sagte er. Er schien im Geiste immer noch bei den Delfinen zu sein.

»Dass sie was tun?«, fragte ich.

»Die Vorbesitzer haben uns ihren Boy vermacht.«

»Ihren was?«

»Ihren Hauswart«, sagte er, fuchtelte dabei mit den Händen vor seinem Gesicht herum und gab mir so zu verstehen, dass er nicht sicher war, was der Begriff dafür sei. Er ging zurück vor unser Haus, wobei er weiter nach dem richtigen Wort zu suchen schien, zumindest einem, bei dem er sich nicht schlecht fühlte. Bediensteter, Butler, Hausverwalter, Hausdiener. Dann wandte er sich zu mir um und legte den Kopf schief. »Sie sagten, wenn es nach ihnen ginge, könne er ausziehen. Genauso gut könne er aber auch hier wohnen bleiben. Ich hab gesagt, lasst ihn hierbleiben, wenn er will. Wenn er gut ist, übernehme ich ihn. Ich weiß zwar nicht, wie viel Arbeit es für ihn sein wird, uns dreien hinterherzuputzen, aber er ist billig. Und mit billig meine ich sehr billig.«

Als wir zur Vorderseite des Hauses zurückkamen, stand meine Mutter noch dort, wo wir geparkt hatten. Sie hatte ihre Sandalen ausgezogen und trug sie in der Hand. Ich rannte zu ihr, um ihr von den Delfinen zu erzählen. Als ich noch jünger war, war sie mit mir oft in ein Aquarium in der Nähe von New Haven gegangen. Sie liebte diese Dinge – an die Fensterscheibe zu klopfen und zu sehen, ob der Fisch reagierte, sich kleine Wissenshäppchen über jede neue Spezies anzuhören. Sie hatte immer den Eindruck eines Kindes erweckt, wenn wir im Aquarium oder in einem Museum waren und die Neugierde in ihr aufstieg. Das war das Beste daran, eine junge Mutter zu haben: Sie konnte sich daran erinnern, wie aufregend es war, auf etwas Neues und Unbekanntes zu stoßen.

Ihre Jacke, ihre Schuhe wie auch ihr Schmuck waren nagelneu, und im Sonnenlicht sah sie einfach nur schön aus. Sie hatte vor der Fahrt ihr Haar gelockt, und es fiel noch immer in festen Wellen an ihr herab. Da bemerkte ich, dass sie bis jetzt nicht aufgehört hatte zu schreien, sie tat es nur nicht mehr laut. Sie hielt die Hand vor ihren Mund. In dem, was ich zuerst als Freude interpretiert hatte – meine Mutter schrie zu dieser Zeit wegen jeder Kleinigkeit auf: ein Schokoladenkuchen, ein neuer Bluessong, der ihr gefiel, jedes Mal, wenn etwas über meinen Vater in der Zeitung stand –, erkannte ich nun einen Ausdruck echter Angst. Sie hob ihre Hand und zeigte auf das Haus.

»Was ist?«, fragte mein Vater. Er rannte zu ihr hinüber. »Ruthie?«

Ich sah es noch vor ihm: Auf dem Fensterbrett, direkt hinter dem Wohnzimmerfenster, lag eine tote Katze. Es war eine große schwarze Katze mit weißem Brustlatz, offenbar ein Haustier. Im Augenblick ihres Todes hatte sie die Pfoten an die Fensterscheibe gepresst, als ob das arme Ding noch versucht hatte, sich aus dem Haus zu retten. In unserer Gegenwart traute meine Mutter sich, nun wieder laut zu schreien. »Eine Katze! Eine Hauskatze!« Sie stolperte vorwärts und sackte auf der Kühlerhaube des Cadillacs zusammen.

Mein Vater und ich sahen nervös zu dem Fenster hinüber. Keiner von uns beiden konnte gut mit Tieren, und schon gar nicht wollte einer von uns beiden eine tote Katze wegschaffen. Zumindest darüber konnten wir uns auch ohne Worte verständigen.

»Wahrscheinlich ein Geschenk von einem meiner Verehrer«, sagte mein Vater schließlich. »Was meinst du?«

»Was für eine Scheiße«, erwiderte ich.

»Ich kann nicht glauben, dass sie sie hiergelassen haben«, hörte ich da plötzlich eine Männerstimme rufen. Es war der dunkelhäutige Mann, den ich zuvor in dem Schuppen gesehen hatte. Er kam auf das Haus zugerannt. Er trug eine graue Hose aus feinem Stoff und ein weißes Hemd, das er im Laufen aufknöpfte.

»Ich hab ihnen gesagt, sie sollen das nicht tun«, sagte er und nahm die Schlüssel meines Vaters an sich. »Ich hab ihnen gesagt, ich finde ein neues Zuhause für sie.«

Einige Augenblicke später wickelte er sein Hemd als behelfsmäßigen Leichensack um die Katze. Es war ein Sonntagmorgen, und er war, wie mir jetzt klar wurde, für die Kirche gekleidet gewesen.

 

Sein Name war Lem Dawson. Er war klein gewachsen, die Fingernägel an seinen winzigen Händen waren abgekaut, von einer Schläfe zur anderen zog sich ein weißer Haarkranz, und in seiner Aussprache lag ein Hauch von Südstaatenakzent. Er war Raucher, was seine Kleidung verriet, wann immer er an mir vorbeiging. Es war sein Auftrag gewesen, alles für unsere Ankunft vorzubereiten, und er hatte den gesamten Garten umgegraben, Strandflieder und rosa blühende Tulpen und weiße Hortensien mit bauschigen Blüten so groß wie Softbälle gepflanzt. Weil die Türschlösser ausgewechselt wurden, sagte er, habe er den Kühlschrank nicht mit Marmelade und frischen Venusmuscheln auffüllen können, die wir doch so gerne äßen. Er sagte uns das bei unserer ersten Begegnung, die Hand zu meinem Vater ausgestreckt, der die Geste jedoch ausschlug. »Wie schmecken denn Venusmuscheln?«, fragte mein Vater. »So wie Hühnchen?« Meine Mutter verweigerte ihm ebenfalls den Handschlag. Alles, was sie von ihm wollte, war, dass er zwei Mal ins Haus ging, um sicherzustellen, dass sich keine weiteren verlassenen Haustiere darin befanden. »Bitte«, sagte sie mit bebender Stimme. »Sorgen Sie dafür.«

Das Haus selbst war spärlich eingerichtet, makellos weiß, die Dielen abgeschliffen und gebleicht, die Fenster an der Rückseite waren offen und gingen aufs Meer hinaus. Salzige Luft in der Küche, im Wohnzimmer eine Sofagarnitur aus Korb, eine Seemannslaterne auf einem Beistelltisch. Ein zwei Jahre alter Gezeitenkalender lag wie eine Straßenkarte zusammengefaltet auf einem beschädigten Heizofen. Wir gingen zurück in die Küche, wo mein Vater stand, eine Hand am Ofengriff, die andere am Gürtel, und kraftvoll einatmete, sodass seine Nasenflügel sich wölbten. »Ich mag dieses Haus jetzt schon«, sagte er und zog sich zuerst die Schuhe aus und danach die Socken. Er krempelte seine Hose bis zu den Knien hoch, während Lem Dawson und ich dastanden und ihm zusahen, und dann ging er geradewegs durch die Hintertür hinaus, ließ sie offen stehen und stapfte durch das hohe Gras und die schwirrenden Mücken. Seine Silhouette zeichnete sich noch vor der Küste ab, als er stehen blieb und auf das Meer hinausblickte, dann verschwand er aus meinem Sichtfeld in Richtung Strand.

Meine Mutter telefonierte mit Robert, der noch in New York geblieben war, um die Mietverträge für die Häuser in Wren’s Bridge zu kündigen. Er wollte eine Woche später zu uns in den Norden nachkommen und alles mitbringen, was meine Mutter für unser neues Heim gekauft hatte: französische Bettwäsche, neues Frühstücksporzellan, die Taschenbuch-Liebesromane, die sie so gerne las, auch wenn sie jetzt reich war, und Unmengen an Strandkleidung, die sie bei Abercrombie & Fitch ausgesucht hatte. Ich konnte sie von der Küche aus im Flur hören. »Es ist schön hier«, sagte sie. »Aber mitten im Nirgendwo. Ich hab ihm gesagt, wir sollten in die Catskills gehen, dahin, wo alle anderen auch sind. Aber Arthur weiß ja immer alles besser. Oh, Robert, mir ist jetzt schon langweilig. Und dann diese Katze. Hab ich dir schon von der Katze erzählt? Vielleicht solltest du mir einen Wagen schicken, der mich abholt.«

Ich war allein mit Lem Dawson in der Küche. Er hatte sich umgezogen. Er lehnte am Tresen und trug jetzt ein aufgeknöpftes blaues Arbeitshemd, darunter ein fleckiges weißes T-Shirt, eine Kakihose, bis über die Knöchel hochgezogen, und blau-grün gestreifte Socken. In der Hand hielt er eine Packung Zigaretten. Er hatte einen dünnen Oberlippenbart, der aussah wie ein mit Filzstift gemalter feiner Strich. Er sah mich an, schaute hinab auf seine Hände und hob dann die Augenbrauen.

»Lässt dein Papa dich rauchen?«, fragte er. »Oder glaubt er, du bist zu jung dafür?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Besser nicht.«

Er hielt mir die Packung trotzdem hin. Ich sah mich um, ob mein Vater in der Nähe war, bevor ich mir eine herauszog.

Das waren die ersten Worte, die wir miteinander wechselten. Schon damals konnte Lem sehen, wie stark der Einfluss meines Vaters auf mich war.

Drei

Die erste Woche war hart, die Hitze schlug in Wellen von den stählernen Bootsstegen herüber, die Vögel tauchten ihre Köpfe in die aufziehende Flut, um sich abzukühlen. In unserem neuen Haus kamen wir vor Hitze fast um. Sogar mit offen stehenden Fenstern gab es keine Erleichterung. Meine Mutter wurde zunehmend gereizt, zuerst wegen der Hitze, dann wegen des Hauses selbst. Nachdem sie entschieden hatte, dass ihr die vorhandene Einrichtung nicht gefiel – die Korbmöbel und die weißen Dielen und Tische und der ganze nautische Schnickschnack –, brach sie bald nach Boston auf, um etwas zu kaufen, was ihrem Stil entsprach. Wie auch immer dieser Stil aussah; bis jetzt hatte sie nie genug Geld gehabt, um es zu wissen. Sie hatte immer ein Faible für Wohnkultur-Magazine gehabt, schon in New Haven sammelte sie sie und bewahrte die Bilder, die sie besonders mochte, sorgfältig geordnet in einer Reihe von Alben auf. Unser neues Heim entsprach in keiner Weise denen, die in Better Homes and Gardens oder House Beautiful zu bewundern waren, diese offenen Räume mit Tiffany-Lampen oder wachsverlaufenen Kerzenleuchtern. Das hier war wirklich rustikal. Es war spärlich. Einige Fenster waren mit Farbe zugekleistert. Die Insekten hier, so nahe am Meer, gingen ihr auf die Nerven. Wie auch der Geruch des Seegrases und die feinen Sandspuren, die plötzlich überall im Haus auftauchten. Meinen Vater dagegen störte das alles nicht. Er hatte sich in einem der Schlafzimmer im Obergeschoss eingerichtet und brachte darin haufenweise Papierkram unter, einen antiken Rolltop-Sekretär, eine Underwood-Universal-Schreibmaschine und einen lautstarken Deckenventilator, unter den er Lem stündlich eine frische Schale mit eiskaltem Wasser stellen ließ. Zuerst nannte mein Vater ihn noch bei seinem Namen, so wie man einen bekannten Barkeeper begrüßen würde: Mr Lem Dawson! Mr Lem Dawson! Aber am letzten Tag dieser Woche, als wir alle der Ankunft meiner Mutter und Robert Ashleys entgegenfieberten, fing er an, ihn einfach Boy! zu rufen.

Was Lem betrifft: Am ersten Abend in unserem neuen Haus nahm mein Vater mich beiseite und sagte mir, ich solle mich von ihm fernhalten oder mich zumindest in seiner Gegenwart zurückhalten. Lem sollte nichts von mir erfahren, ich sollte keine Einzelheiten über unseren plötzlichen Reichtum preisgeben, ebenso wenig über unsere Anschrift in New York oder unsere Familiengeschichte, nicht einmal, dass wir Juden waren. Er sagte mir das im Wohnzimmer. Es war dunkel. Er hatte getrunken. Er sorgte sich, wie er sagte, um seine Privatsphäre. Bluepoint war nicht gerade ein bevorzugtes Ferienziel für jemanden mit der neu erlangten Reputation meines Vaters, aber es sei perfekt geeignet, sagte er mir, wenn man nichts als seine Ruhe haben wollte. »Du willst deine Ruhe haben?«, fragte ich ihn.

»Wenn ich hier bin, dann will ich, dass keiner mich finden kann.«

»Warum?«, fragte ich.

»Weil Männer manchmal eben einen solchen Ort brauchen. Um sich zurückzuziehen. Um weg zu sein. Deshalb habe ich dieses Haus gekauft.« Er erzählte mir, dass sogar gute Landkarten Bluepoint nur selten verzeichneten und dass, selbst wenn uns jemand unbedingt finden wollte, er kaum