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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2015

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ISBN Printausgabe 978-3-499-26894-6 (1. Auflage 2015)

ISBN E-Book 978-3-644-52991-5

www.rowohlt.de

 

Die Seitenangaben im Quellenverzeichnis beziehen sich auf die Seitenzahlen der Printausgabe

ISBN 978-3-644-52991-5

Egal, wer dir das Herz gebrochen hat und wie lange es braucht, um zu heilen – du schaffst es niemals ohne deine Freundinnen.

Carrie Bradshaw, Sex and the City

September

Sanne

«Was verlangt sie von uns?», fragte Mona am anderen Ende der Leitung.

«Sie verlangt überhaupt nichts. Sie bittet uns, Isas Haus leer zu räumen, damit es verkauft werden kann.» Sanne nahm den Hörer in die linke Hand, um sich mit der rechten noch etwas Tee nachzugießen.

«Also, ich finde, da erwartet sie ganz schön viel», sagte Mona mit ihrer tiefen, immer etwas heiseren Stimme.

«Ja, das wird sicher viel Arbeit, aber Brigitte sagt, sie bringt das nicht fertig, und das verstehe ich auch.»

«Aber … für uns ist das doch auch nicht leicht!»

«Mona … sie ist Isas Mutter. Wir waren nur Isas Mitbewohnerinnen, und das ist auch schon fünfzehn Jahre her. Für sie wäre das sehr viel härter als für uns.» Und das wusste Mona auch ganz genau, dachte Sanne, die ihre Freundin gut genug kannte, um zu ahnen, warum sie sich so ablehnend verhielt. Mona war weder arbeitsscheu, noch mangelte es ihr an Hilfsbereitschaft, ihr Problem lag woanders. «Ich sag dir, warum du so biestig reagierst. Aus dem gleichen Grund, aus dem du damals Isas Beerdigung geschwänzt hättest, wenn wir dich gelassen hätten.»

«Und der wäre?»

«Panik.» Sanne trank einen Schluck Tee. «Du hast Friedhöfe und Krankenhäuser doch schon immer gemieden wie die Pest. Ich schätze, du bekommst schon bei dem Gedanken an Isas verlassenes Haus Beklemmungen.»

«Aha.» Mona seufzte, widersprach jedoch nicht, was bei ihr praktisch einem Eingeständnis gleichkam. «Aber …», sagte sie schließlich beinahe kleinlaut, «gibt es nicht für genau so was eigentlich Entrümpelungsunternehmen, oder wie die heißen?»

«Ja, so was gibt es. Nur geht es jetzt erst mal darum, Isas Sachen durchzusehen und zu entscheiden, was überhaupt mit ihnen geschieht. Was aufgehoben wird, was weg soll. Brigitte war nach Isas Beerdigung nur ein Mal im Haus und hat sich um das Nötigste gekümmert, Müll und Kühlschrank und so. Sie hat gesagt, ein paar Dinge, an denen ihr Herz hängt, hätte sie an sich genommen, aber ansonsten hat sie wohl einfach alles weiterlaufen lassen, weil es ihr nach Isas Tod so schlecht ging. Sie hat nicht mal Wasser und Strom abgemeldet. Das heißt, es muss eine ganze Menge getan werden, bevor so ein Entrümpelungsunternehmen anrücken könnte.»

Sanne setzte sich an den Küchentisch und brach sich noch ein Stück von der Kuhflecken-Schokolade ab, von der sie heute schon viel zu viel gegessen hatte. Wenn die Tafel erst mal alle war, konnte sie sie wenigstens nicht mehr ständig in Versuchung führen – besser also, sie aß sie jetzt ganz auf.

«Also, wenn ich mir vorstelle, dass da alles noch so ist, wie es war, als Isa noch da war …», sagte Mona, «und dann kommen wir und durchwühlen ihre Sachen, grabbeln alles an und überlegen, wer was kriegt – das ist so respektlos. Und makaber. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter, wenn ich nur daran denke!» Monas Feuerzeug klickte, dann setzte sie ausatmend hinzu: «Tut mir echt leid, aber ich kann das nicht.»

«Ich versteh dich ja. Aber versuch doch, die Sache nüchtern zu betrachten», sagte Sanne. «Es ist einfach eine Haushaltsauflösung. Das steht nun mal an, wenn Menschen gestorben sind. Für mich wird das auch schwierig, aber ich finde, wir sind es Isa schuldig.»

Der Autounfall, bei dem Isa gestorben war, lag inzwischen beinahe ein Jahr zurück, aber Brigitte hatte sich von dem Schlag noch nicht erholt, das war vorhin am Telefon spürbar gewesen. Wie sollte sie auch? Etwas Schlimmeres, als das eigene Kind zu verlieren, konnte einer Mutter nicht passieren. Zumal Brigitte auch sonst niemanden mehr hatte. Aber nun hatte sie sich schweren Herzens dazu durchgerungen, Isas Haus zum Verkauf anzubieten, und Sanne hatte auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnte, zusammen mit den anderen WG-Freundinnen von früher die nötigen Vorbereitungen zu treffen, sofort ja gesagt – in der Annahme, dass Mona, Fritzi und Kirsten genauso entschlossen zustimmen würden wie sie.

In der Leitung war es still geworden. Sanne hörte Mona rauchen.

«Es kommt noch hinzu, dass Brigitte in Süddeutschland wohnt, während wir alle im Norden leben», schob Sanne nach. «Und sie ist fast siebzig. Wir vier dagegen …»

Wir vier, dachte Sanne. Nicht mehr Wir fünf.

«Genau», sagte Mona auftrumpfend, als hätte Sanne ihr das Argument geliefert, nach dem sie die ganze Zeit gesucht hatte. «Wir sind vierzig und stehen voll im Berufsleben. Wir haben anderes zu tun!»

Sanne schwieg, denn sie stand weder voll im Berufsleben, noch hatte sie besonders viel anderes zu tun.

«Was ist mit Dirk? Das wäre doch eine Aufgabe für den Ehemann.»

Sanne rollte mit den Augen. Mona schien wirklich nicht so schnell aufzugeben. «Exmann», korrigierte sie. «Den möchte Brigitte nicht fragen, die beiden scheinen total zerstritten zu sein. Ist ja auch kein Wunder, nach dem, was passiert ist. Aber er hat mit dem Haus auch gar nichts mehr am Hut, es hat ja Isa gehört. Mona, komm schon. Gib dir einen Ruck. Wir müssen das machen, Isa war unsere Freundin.»

Mona seufzte. «Ich weiß. Du hast ja recht. Also gut. Ich bin dabei.»

«Na endlich.» Sanne lächelte zufrieden und trank noch einen Schluck Tee.

«Und Fritzi und Kirsten machen auch mit?»

«Bestimmt. Die werde ich als Nächste anrufen.»

«Fritzi kann ich übernehmen, ich wollte mich sowieso bei ihr melden.»

«Sehr schön. Also, Brigitte sagt, das Haus muss bis Ende Februar leer sein», sagte Sanne. «Dann wird es dem Makler übergeben, bei dem auch der Schlüssel hinterlegt ist. Ich würde vorschlagen, dass wir uns so bald wie möglich in Kiel treffen. Sollen wir schon mal einen Tag festlegen?»

«Einfach so? Das wird bestimmt schwierig, schließlich wohnt keine von uns in Kiel. Ich kann auf keinen Fall vor Oktober, weil ich die Jubiläumssendung vorbereiten muss, und Fritzi wird auch tausend Termine haben. Wahrscheinlich geht es sowieso nur an irgendeinem Wochenende.»

Ja, klar, alle anderen hatten tausend Termine, nur sie nicht, wie konnte Sanne das nur vergessen? Rieb Mona ihr das eigentlich absichtlich immer wieder unter die Nase?

«Lass uns das lieber über Doodle machen», sagte Mona.

«Über was?»

Mona lachte. «Du lebst wirklich hinterm Mond, oder? Ich schick dir einen Link, dem brauchst du dann nur zu folgen. Einen E-Mail-Account hast du ja immerhin.»

Sanne schob sich die letzten beiden Schokoladenstücke auf einmal in den Mund. Solche Sprüche musste sie sich von ihren Kindern auch ständig anhören. Kauend fragte sie in den Hörer: «Dann sag ich Kirsten also …?»

«Guten Appetit. Dass ich mich wegen des Termins bei ihr melde.»

«Gut.» Sie schluckte die Schokolade hinunter und knüllte das Papier zusammen. Die war erledigt.

 

Sanne schob die schwere Glastür auf und betrat blinzelnd die Terrasse. Vor ihr lag der riesige Garten, dessen gepflegte Rasenfläche zum Birksee hin leicht abfiel. Die Sonne stand tief und überzog das Gras und die zahllosen Rhododendren, die den Garten säumten, mit einem goldenen Leuchten. Jetzt, Ende September, war der Sommer so gut wie vorbei. Sanne zog ihre Strickjacke fester um sich und ging über den Rasen zum See hinunter.

Nach dem Gespräch mit Mona hatte sie mit Kirsten telefoniert. Sie war zwar kurz angebunden gewesen, hatte aber ihre Hilfe zugesagt, woran Sanne keine Sekunde gezweifelt hatte, denn Kirsten war so ziemlich der pflichtbewussteste Mensch, den sie kannte. Und Fritzi wäre bestimmt auch dabei. Sanne freute sich, dass sie sich auf diese Weise endlich mal wieder alle zusammen treffen würden, auch wenn es ein trauriger Anlass war. Viele Jahre hatten sie zu fünft in ihrer Studenten-WG in Isas Haus an der Kieler Förde gewohnt. Eine schöne, aufregende und prägende Zeit, an die Sanne gern und oft zurückdachte, obwohl all das mittlerweile so weit weg schien, als gehörte es zu einem anderen Leben. Inzwischen traf sie sich eigentlich nur noch mit Mona regelmäßig, sooft es die Entfernung zwischen Hamburg und Birksee eben zuließ, die unter anderthalb Stunden kaum zu schaffen war. Mit Kirsten telefonierte sie ab und zu, aber gesehen hatte Sanne sie zuletzt auf Isas Beerdigung, genau wie Fritzi.

Sie setzte sich auf die Holzbank am Ufer und streckte die Beine aus. Der See lag ruhig in der Nachmittagssonne, Roberts altes Ruderboot wippte am Ende des langen Holzstegs träge vor sich hin. Ans Ufer grenzte ein gutes Dutzend Grundstücke, die praktisch alle fest in Rentnerhand waren. Nur in einem Garten auf der anderen Seite sah Sanne manchmal Kinder spielen.

Den Anruf von Isas Mutter vor einem Jahr würde sie nie vergessen. Robert, sie und die Kinder waren gerade hergezogen, in das Dörfchen Birksee, das zwischen Kiel und Lübeck mitten in der Holsteinischen Schweiz lag. Sanne war gerade dabei gewesen, oben im Schlafzimmer die Schränke einzuräumen, als ihr Handy klingelte und Brigitte ihr mitteilte, dass Isa ums Leben gekommen war.

Eine Woche zuvor hatten sie sich noch gesehen, in Kiel. Isa hatte plötzlich unangekündigt in der Tür zu Sannes Altbauwohnung gestanden und war mitten in die Umzugsvorbereitungen geplatzt. Zwischen Stapeln von Geschirr hatten sie einen Kaffee getrunken und sich unterhalten. Es war das letzte Mal gewesen. Ein paar Tage später verunglückte Isa nachts auf der Landstraße zwischen Kiel und Rendsburg, ihr kleiner Fiat flog bei Regen aus der Kurve und überschlug sich mehrere Male. Sanne war wie gelähmt gewesen, und Brigitte hatte so seltsam gefasst gewirkt – wahrscheinlich eine Schockreaktion –, dass sie nicht mehr viel gesprochen hatten. Keine von ihnen hatte über das Naheliegende hinaus etwas zu sagen gewusst. Ewig hatte Sanne danach im Schlafzimmer gesessen, auf dem Boden, an einen der hohen Kleiderkartons gelehnt, und versucht, zu begreifen, was geschehen war. Bis Robert irgendwann nach Hause gekommen war und sie in die Arme genommen hatte.

Sanne fuhr zusammen, als plötzlich direkt vor ihr ein Frosch in hohem Bogen ins Wasser sprang. Sie fröstelte. Es war Zeit, Abendessen zu machen. Sofie würde Hunger haben, wenn sie kam. Sanne stand auf und ging Richtung Haus – ein weißer Kubus, den Roberts Großvater, ein Architekt, in den dreißiger Jahren nach den ästhetischen Prinzipien des Bauhauses hatte bauen lassen. Alles hier war funktional und von äußerster Schlichtheit. Keine Verzierungen, kein Schnickschnack, nur gerade Linien und rechte Winkel, wohin das Auge blickte. Eine große Terrasse aus Holzbohlen verlief einmal um das ganze Haus herum, sodass es vom Ufer aus wirkte, als wäre ein Tablett mit einem weißen Würfel mitten im Grünen abgestellt worden. So traumhaft das Grundstück war – das Haus war nicht ganz Sannes Geschmack. Sie mochte es ein bisschen verwinkelter und gemütlicher.

Auch an die Dimensionen ihres neuen Zuhauses hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Die letzten fünfzehn Jahre hatten sie in Kiel gelebt, in einer rumpeligen Vier-Zimmer-Altbauwohnung, die ihr im Vergleich zu ihrem WG-Zimmer anfangs – jung verheiratet mit Baby – riesig erschienen war. Zuletzt, mit zwei pubertierenden Kindern, war es dann doch etwas eng geworden. Sanne ging am Haus vorbei und bog zum Küchengarten ab, den sie etwas abseits angelegt hatte, damit er den Ausblick vom Haus zum See nicht störte.

Wenn es nach Sanne gegangen wäre, hätten sie jetzt, da die Kinder langsam flügge wurden, genauso gut in ihrer Kieler Wohnung bleiben können. Aber diese Rechnung hatte sie ohne ihre Schwiegermutter gemacht, die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes beschlossen hatte, nach Berlin zu ziehen und ihrem einzigen Sohn das Haus schon vor ihrem Tod zu vererben. Robert, der wie sein Großvater Architekt und beruflich in den letzten Jahren voll durchgestartet war, hatte den Vorschlag begeistert angenommen. Und von da an hatten die Ereignisse eine Eigendynamik entwickelt. Kaum war zum ersten Mal von der vorgezogenen Vererbung die Rede gewesen, hatte Robert schon tausend Pläne im Kopf gehabt und sie bald auch zu Papier gebracht. Seine Eltern hatten die klare Designlinie des Hauses, in dem er aufgewachsen war, seiner Ansicht nach verschandelt – durch mit Ornamenten verzierte Einbauschränke und -regale, Biedermeiermöbel, Jugendstillampen, bunte Tapeten und Teppiche. Es wurden also Bodenbeläge herausgerissen, Tapeten abgekratzt, die Elektrik neu gemacht, und und und. Robert war ständig zur Baustelle gefahren, und dann waren auch schon die Umzugskartons angeliefert worden. Viel hatte Robert allerdings bisher nicht von seinem Anwesen gehabt, dazu war er zu häufig unterwegs. Dabei war er der Einzige, der den Umzug aufs Land unbedingt gewollt hatte. Dass die Kinder mit fünfzehn und sechzehn Jahren lieber in der Stadt geblieben wären, konnte Sanne gut verstehen. Ergebnis war gewesen, dass Alex, ihr Ältester, sich auf eigene Faust bei einem Internat in der Nähe von London beworben hatte. Seit drei Wochen war er jetzt schon dort, für ein ganzes langes Jahr. Sanne hatte von Anfang an gewusst, dass es hart für sie werden würde, aber dass sie ihn so schmerzlich vermissen würde, hätte sie nicht gedacht. Robert und Sofie gegenüber wagte sie gar nicht zu sagen, wie sehr sie sich nach Alex’ lautem Jungenlachen sehnte, nach seinem verschlafenen Gesicht am Frühstückstisch, sogar danach, wie er Schlagzeug übte und mit seinen Freunden rumjohlte. Es war wie dieses Ziehen im Bauch, als sie ihn damals die ersten Male im Kindergarten zurückgelassen hatte. Nicht zu fassen, dass das schon dreizehn Jahre her sein sollte. Hoffentlich beschloss er nicht als Nächstes noch, gleich bis zum Abitur in England zu bleiben …

Sanne betrachtete einen Rhododendron näher. Die Blätter sahen gar nicht gut aus. Viele waren blass, die Ränder dunkel und vertrocknet. Vielleicht Schädlinge, sie sollte mal einen Gärtner zu Rate ziehen. Sie öffnete die kleine Pforte, die in den Küchengarten führte. Der Zaun sollte das Gemüse vor Kaninchen und anderem Kleingetier schützen, die sich jedoch immer wieder als schlauer erwiesen. Sie sah sich um. Die Tomaten waren fast alle abgeerntet, die Blaubeeren ebenfalls, aber ein paar Himbeeren hingen noch an ihrem Strauch, und der Apfelbaum, der dem Beet Schatten spendete, bog sich unter reifen Äpfeln. Heute Abend würde sie Kräuterrisotto machen, das mochte Sofie so gern. Sanne ging in die Hocke und strich durch die dichten Büschel. Ein wunderbar satter, würziger Geruch stieg ihr in die Nase, und sie schloss für einen Moment die Augen.

Sie pflückte ein paar Stängel Petersilie, Salbei und Thymian, leerte einen kleinen Korb über dem Kompost aus, dessen Inhalt längst vertrocknet war, und legte die Kräuter hinein. Bis zu sieben verschiedene durften es für das Risotto ruhig sein, nur sollte keines die anderen allzu sehr dominieren. Sanne brach einen Rosmarinzweig ab und legte ihn ebenfalls in den Korb. Basilikum und Minze gehörten auch unbedingt dazu, aber die hatte sie in Töpfen auf der Terrasse stehen, weil sie sie im Sommer ständig gebraucht hatte.

Auf das Abendessen mit Sofie freute sie sich. Ihre Tochter mit ihrem Dickkopf hatte sich rundweg geweigert, hier in der Pampa zur Schule zu gehen, und so saß Sofie jetzt jeden Tag mehr als zwei Stunden im Bus und war weniger zu Hause denn je. Aber immerhin – sie war noch da.

Sanne ließ die Pforte des Küchengartens hinter sich ins Schloss fallen und ging zurück zum Haus. Als sie durch das Wohnzimmer in die Eingangshalle kam und über die großen Schachbrettfliesen ging, nahm sie einen Hauch von After-Shave wahr.

«Robert?», rief sie und warf im Vorbeigehen einen prüfenden Blick in den Spiegel über der Kommode. Wie sah sie denn aus? Sie blieb stehen und stellte den kleinen Korb ab. Die Schokolade hatte Spuren hinterlassen in ihrem Gesicht, das nach dem ersten Sommer im eigenen Garten so sommersprossig war wie lange nicht. Sie wischte sich mit den Fingern die Flecken vom Kinn und fuhr sich durch die braunen Locken, die ihr schon fast bis auf die Schultern reichten. Sie musste dringend zum Friseur.

«Im Schlafzimmer», rief Robert von oben.

Sanne ging die ersten Stufen der freischwingenden Treppe hinauf und fragte: «Willst du noch einen Kaffee, bevor du fährst?»

Robert erschien in T-Shirt und Anzughose auf dem oberen Treppenabsatz. «Ich fürchte, das schaff ich nicht mehr, ich bin schon so spät dran.» Er zerrte an seinem Gürtel. «Ach, Mist, hier stimmt was nicht …»

Sanne ging die Treppe ganz hoch, um ihrem Mann zur Hand zu gehen. Sie stellte sich hinter ihn, zog pragmatisch den Gürtel aus der Hose und fädelte ihn neu ein. Robert maß einen Meter fünfundneunzig und war damit gut dreißig Zentimeter größer als sie, was Mona zu WG-Zeiten mit den Worten kommentiert hatte: «Süß seht ihr aus. Wie Pat und Patachon.» Aber er wirkte nicht mehr so schlaksig wie früher, war ein bisschen kräftiger geworden, was ihm ziemlich gut stand. Der Gürtel saß inzwischen wieder, wo er hingehörte.

«Danke», sagte Robert, schon auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer. «Sofie noch gar nicht da?»

«Theater-AG

«Ah.» Robert nahm ein Paar Socken aus einer Schublade des Schranks, der die gesamte Wand zwischen den beiden Türen einnahm. «Ich hab vielleicht eine Lust auf dieses Essen heute Abend …», sagte er genervt und setzte sich auf das schlichte weiße Kingsize-Bett, um sich die Socken anzuziehen. Sanne hob das getragene Hemd vom Boden auf.

Seit Robert vor anderthalb Jahren den Wettbewerb für die Gestaltung eines Areals in der Hamburger Hafencity gewonnen hatte, zu dem ein Hotel, ein Büro- und ein Wohnhaus gehörten, war er ständig unterwegs und regelmäßig bei irgendwelchen Baulöwen, Lokalpolitikern und Museumsdirektoren eingeladen. Nebst Gattin. Anfangs war Sanne ein paar Mal mitgegangen, aber inzwischen blieb sie fast immer zu Hause. Mit diesen Männern, die sich voreinander aufplusterten und keine Welt jenseits des Business zu kennen schienen, konnte sie nichts anfangen, und auch mit deren Ehefrauen wusste sie nichts zu reden. Robert verstand das nicht und hatte sie lange gedrängt, mitzukommen. Als hätte ich keine Frau, hatte er mal gesagt. Aber dass er jetzt endlich gut verdiente und seine Entwürfe Erfolg hatten, tat ihm sichtlich gut.

«Ach», sagte sie, «das sagst du so oft. Und dann kommst du doch ganz gutgelaunt zurück. Das wird schon.»

Robert sah Sanne mit hochgezogenen Augenbrauen an, als wollte er sagen Das sagst ausgerechnet du. «Es kommt immer auf die Leute an.» Er stand auf und ging zum Kleiderschrank. «Ich dachte, den Nadelstreifenanzug wolltest du in die Reinigung bringen?»

«Ach, das hab ich vergessen.» Sanne nahm den Anzug aus dem Schrank und legte ihn aufs Bett, damit sie daran dachte, ihn wegzubringen.

Robert nahm ein frisches weißes Hemd vom Bügel. «Aber dieser Gräfe ist wirklich unangenehm. Neureicher Hamburger. Oberschnösel. Nur leider sehr einflussreich.» Er seufzte.

«Übrigens hat mich vorhin Isas Mutter angerufen. Sie bittet mich und die anderen ehemaligen Mitbewohnerinnen, Isas Haus für den Verkauf vorzubereiten.»

«Ah ja?», sagte Robert.

Unten fiel die Haustür ins Schloss.

«Erzähl ich dir später in Ruhe», sagte Sanne und ging wieder nach unten, um ihre Tochter in Empfang zu nehmen. Sofie saß auf der Bank im Windfang, zog sich die Turnschuhe aus und ließ sie an Ort und Stelle liegen.

«Hallo, Söfchen.» Sanne legte ihr die Hand auf den Kopf und ließ den glänzenden dunkelblonden Pferdeschwanz langsam durch ihre Finger gleiten.

«Hallo», sagte Sofie etwas lahm und sah zu ihr auf. «Ich hab so einen Hunger, Mama, ich fall gleich um.»

«Bitte nicht», sagte Sanne. «Ich fange sofort an zu kochen.»

Robert kam mit flatternden Hemdsärmeln die Treppe heruntergeeilt. «Na, wie war die Probe?», fragte er seine Tochter, die wie immer Jeans und T-Shirt trug. Er blieb vor Sanne stehen und hielt ihr das linke Handgelenk vors Gesicht. Sanne nahm ihm die Manschettenknöpfe aus der Hand und befestigte sie an seinen Hemdsärmeln.

«Seit wann interessiert dich das?», sagte Sofie und ging an ihm vorbei.

«Hey, nicht so patzig, ja?», erwiderte Robert.

Sanne seufzte. Robert konnte im Moment machen, was er wollte – Sofie war schlecht auf ihn zu sprechen. Ständig fand sie, dass er zu viele Vorschriften machte und ihr seine Entscheidungen aufzwang. Sofie machte aus ihrem Kaugummi eine Blase von der Größe einer Grapefruit, ließ sie platzen und verschwand in der Küche.

«Fertig», sagte Sanne.

Robert griff nach dem dunkelgrauen Jackett, das an der Klinke der Wohnzimmertür hing, und wandte sich zum Gehen.

«Du wolltest dich noch um Pellets für die Heizung kümmern», sagte Sanne. «Es ist ziemlich kühl geworden.» Seit sie zu ebener Erde wohnten, hatte sie ständig kalte Füße, und wenn es nach ihr ginge, konnten sie langsam anfangen zu heizen.

«Ja, das mach ich schon», sagte Robert leicht gereizt. «Ich muss jetzt los.» An der Haustür drehte er sich noch einmal um. «Grüß Alex von mir, falls er sich meldet. Kuss!»

Und weg war er.

Sanne ging in die geräumige Küche, die vor ihrem Umzug neu eingebaut worden war – topmodern und bis ins letzte Detail durchgestylt. Sie hätte Holzfronten zwar gemütlicher gefunden als Weiß und hätte auch diesen ganzen Edelstahl nicht unbedingt gebraucht, aber sie kochte für ihr Leben gern und hatte schon lange von einer Profiküche mit viel Arbeitsfläche und Stauraum geträumt. Und da auch Robert sich manchmal an den Herd stellte – dann gab es immer gleich Wildschweinbraten, selbst geangelten Karpfen oder ähnlich maskuline Spezialitäten –, hatten sie sich schließlich auf seine Einrichtungslinie geeinigt. Immerhin konnte sie ihn von einer Sache überzeugen: Der Kachelofen seiner Großeltern war geblieben. In der modernen Küche wirkte er wie ein Fremdkörper, aber Sanne fand das alte Stück wunderschön. Zum Glück waren seine Kacheln hellgrau, das ließ sich gerade so noch mit Roberts Vorliebe für Schwarz und Weiß vereinbaren.

«Ich muss schon mal was essen», sagte Sofie und nahm ein Brötchen aus dem Brotkasten, das vom Frühstück übrig geblieben war. «In der Schule gab’s so ’ne eklige Pampe, die hab ich nicht runtergekriegt.»

Sanne ging zu dem hohen Kühlschrank, um Sofies Lieblingskäse herauszunehmen, und legte ihn ihr hin. «Es gefällt mir gar nicht, dass du den ganzen Tag lang Hunger hast. Wenn du in Plön zur Schule gehen würdest, könnte ich mittags für dich kochen. Und dann wärst du auch nicht immer so spät zu Hause. Überleg dir das doch noch mal.»

«Da gibt es nichts zu überlegen, Mama, echt nicht. Ich würde schon wegen der Theater-AG nie die Schule wechseln.» Sie machte den Mülleimer auf und spuckte ihr Kaugummi hinein. «Hattest du heute Besuch?»

«Wieso?» Sanne war mit den Dorfbewohnern noch nicht warm geworden, und ihre Freundinnen wohnten alle in richtigen Städten und damit zu weit entfernt, um mal kurz vorbeizukommen.

«Ich dachte nur, wegen dem Schokoladenpapier und der leeren Kekstüte da im Müll.»

Sanne ignorierte die Bemerkung seufzend, schüttete die Kräuter in ein Sieb und wusch sie unter dem laufenden Wasserhahn. Sie sortierte ein paar gelbe Stängel aus und stellte Sofie dann Brett und Wiegemesser auf den Tisch. «Hier, du kannst die Kräuter klein hacken.»

Sofie zog beides zu sich heran. «Morgen bin ich schon gegen drei zu Hause, da könnten wir zusammen ausreiten.»

«Hmm …» Sanne schnitt ein großes Stück Butter ab und ließ es in die Pfanne gleiten.

«Wolltest du doch immer.»

«Ja, aber … im Moment ist mir irgendwie nicht danach.» Sie nahm den Multihacker aus der Schublade und begann lautstark, Schalotten zu hacken. Vielleicht würde Sofie das Thema fallenlassen.

«Sag nicht, dass du jetzt doch wieder Angst hast», sagte Sofie etwas lauter, um den Lärm zu übertönen.

Sanne hielt inne. «Wieso? Wovor sollte ich denn Angst haben?»

«Äh – vor den Pferden? Wegen deinem Unfall als Kind?»

«Ach so. Nee, nee.» Im Moment gab es andere Gründe, nicht zu reiten. Gründe, von denen sie Sofie allerdings nichts erzählen würde. Sie hackte schnell weiter.

«Na dann nicht.» Sofie schob die gehackten Kräuter in der Mitte des Bretts zusammen. «Übrigens … wir haben ja im Dezember Premiere, und vorher wollen wir noch zwei Probenwochenenden machen, im November sogar schon mit Kostümen. Paulina hat gesagt, ich kann an den beiden Wochenenden bei ihr schlafen, das ist doch okay, oder?»

Sanne ließ die Schalotten zischend in der heißen Butter landen, und sofort duftete es in der ganzen Küche so gut, dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief. «Im Prinzip schon. Ich werde am Wochenende auch öfter mal weg sein in nächster Zeit.» Sie schüttete zwei Tassen Risottoreis in die Pfanne.

«Warum das denn?», fragte Sofie, so überrascht, als hätte Sanne gerade angekündigt, zum ersten Mal überhaupt das Haus zu verlassen.

«Weil Isas Haus in Kiel verkauft werden soll und ihre Mutter mich und die anderen drei gebeten hat, es für die Übergabe fertig zu machen. Und dafür werden wir vermutlich ein paar Wochenenden brauchen. Die anderen können unter der Woche ja nicht.»

«Ach so. Sag mal, kommt Mona da auch?»

«Ja.» Sanne löschte den Reis mit Weißwein ab und griff nach dem Kochlöffel.

«Was genau macht Mona beim Fernsehen noch mal?»

«Sie ist für so eine Kochshow verantwortlich. Was witzig ist, weil sie vom Kochen nicht die geringste Ahnung hat. Aber sie ist auch eher dafür zuständig, dass Promis in die Sendung kommen und gut betreut werden.» Tatsächlich betreute Mona manchen Studiogast ausgesprochen gewissenhaft. Den ein oder anderen Schauspieler oder Sänger hatte sie nicht mal in der Nacht nach der Aufzeichnung der Show allein gelassen.

«Ich hab mir nämlich überlegt …», sagte Sofie, «wenn ich Schauspielerin werden will, dann ist es bestimmt praktisch, jemanden beim Fernsehen zu kennen.»

Sanne schob die Inseln aus Reiskörnern in der Pfanne herum. An dem Plan, Schauspielerin zu werden, hielt Sofie jetzt schon seit Monaten fest, sehr zu Roberts Leidwesen. Sanne wusste nicht so recht, wie sie sich dazu verhalten sollte. Sie wollte ihrem Mann nicht in den Rücken fallen, zumal sie diese Schauspielsache auch nicht gerade für eine grandiose Idee hielt. Andererseits wollte sie ihr Kind unterstützen und fand es nicht gut, dass Robert Sofies Wünsche so abbügelte.

«Das ist doch alles noch hin. Mach erst mal Abi. Das dauert ja alles noch, und dann sehen wir weiter.» Sanne kniff die Augen zusammen, und innerlich schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Wann hatte das angefangen, dass sie mit ihren Kindern auf diese anmaßende Weise redete, die sie selbst als junges Mädchen so genervt hatte?

«Na ja …» Sofie stand auf, brachte Sanne das Brett mit den Kräutern, stellte es auf die kurze Seite des L-förmigen Tresens und blieb auf der anderen Seite stehen. «Man braucht ja nicht unbedingt Abi, um auf die Schauspielschule zu gehen.»

Sanne legte den Kochlöffel beiseite und sah Sofie an. Das war neu. Gut, dass Robert das nicht hörte. «Ich dachte, das wären alles Hochschulen», sagte sie. «Also …» Sanne räusperte sich. «Söfchen, ich glaube nicht –»

«Du sollst mich nicht immer Söfchen nennen! Mamchen

Sanne wandte sich ihrer Tochter ganz zu und atmete einmal tief durch. «Sofie», sagte sie dann ernst. «Du bist klug und weißt bestimmt, wovon du redest, und du sollst im Leben machen, was du machen möchtest.»

«Aber?» Sofie sah sie abwartend an.

«Bitte, verbau dir nichts. Du bist so jung. Berufswünsche ändern sich, Prioritäten ändern sich. Und vor allem –» Sanne zögerte. So pathetisch hatte sie eigentlich gar nicht werden wollen. Aber das Thema war nun mal ihr wunder Punkt, und jetzt war es sowieso zu spät.

«Ja?»

«Du sollst nicht enden wie ich, Schatz. Mach Abitur. Und dann bring dein Studium zu Ende oder deine Ausbildung, oder was immer du machen willst.»

«Aber … das ist doch was ganz anderes», wandte Sofie ein. «Du hast doch Abitur. Und wenn du nicht mitten im Studium schwanger geworden wärst, dann –»

«Dass ich schwanger geworden bin, war zwar nicht geplant, aber das bereue ich keine Sekunde», fiel Sanne ihr ins Wort. «Was ich bereue ist, dass ich das Studium nicht später noch abgeschlossen habe, als ihr beide größer wart. Irgendwie wäre das schon gegangen.»

«Ja, wenn Papa dich mehr unterstützt hätte.»

«Nein, Sofie, Papa hat –»

«Doch, klar!», rief Sofie. «Papa fand, dass du bei uns bleiben sollst und nicht arbeiten musst, das hast du selbst mal gesagt. Und da immer alles so laufen muss, wie er sich das vorstellt, weshalb wir jetzt auch hier draußen in Omas Haus hocken und –»

«Sofie …», sagte Sanne beschwichtigend.

«Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass ich ende wie du. Außerdem bist du gerade mal vierzig, du kannst doch noch alles Mögliche machen.»

«Aber ich hab ja keinen Beruf», sagte Sanne und war selbst erschrocken, wie verzagt ihre Stimme klang.

«Na und? Ist doch egal! Dann such dir einen. Mach was, Mama. Irgendwas! Statt hier rumzusitzen und unglücklich zu sein.»

«Ich bin doch gar nicht un–»

«Aber glücklich bist du auch nicht.» Sofie griff über den Tresen nach Sannes Hand. «Mama. Alex und ich ziehen irgendwann aus. Alex ist ja praktisch schon weg. Und wenn ich auf der Schauspielschule genommen werde …» Sofie hielt inne, und auch Sanne schwieg. Beide Kinder aus dem Haus – das wagte sie sich nicht mal vorzustellen.

«Willst du dann den ganzen Tag alleine hier rumsitzen und Schokolade essen?», fragte Sofie. «Und warten, dass Papa nach Hause kommt, damit du ihm mit den Manschettenknöpfen helfen kannst, bevor er wieder fährt?»

In der Küche herrschte Stille. Bis auf ein Knistern, das immer lauter wurde. Sanne sah sich um, und jetzt roch sie es auch. Sie hatte vergessen, Brühe nachzugießen. Das Risotto war angebrannt.

Oktober

Mona

Fast wäre Mona an Isas Haus vorbeigefahren. Sie machte eine Vollbremsung, legte den Rückwärtsgang ein, fuhr surrend ein paar Meter zurück und parkte ihren roten Mazda X5 Cabrio auf dem Bürgersteig vor dem alten Backsteinbau in der Kieler Kanalstraße. Natürlich war sie mal wieder zu spät dran. Mona stieg aus, schlug die Fahrertür zu, ging um das Auto herum und auf die üppige Apfelrosenhecke zu, die den winzigen Vorgarten von der Straße trennte. Hier und da waren noch ein paar der pinkfarbenen Blüten zu sehen, die im Sommer so verschwenderisch dufteten, und die ganze Hecke war voll von großen roten Hagebutten. Dahinter erhob sich das schmale Backsteinhaus mit dem geschwungenen Giebel, in dem Mona gut sechs Jahre lang mit den anderen zusammengelebt hatte. Links neben der taubenblau gestrichenen Haustür aus Holz rankten rosarote Kletterrosen empor, zu denen sich weiter oben wilder Wein gesellte, der ein Fenster im ersten Stock fast vollständig bedeckte.

Mona ging die Stufen zur Haustür hinauf. Ihr war mulmig dabei, nach all den Jahren wieder vor diesem Haus zu stehen, jetzt, wo Isa nicht mehr da war. Sie war ein paar Jahre lang richtig eng mit ihr befreundet gewesen, hatte nach dem Studium aber immer mehr das Gefühl gehabt, Isa hätte sich bewusst zurückgezogen. Alles in ihr sträubte sich dagegen, dieses Haus zu betreten. Sanne hatte schon recht – die Tatsache, dass man durch einen Unfall einfach so aus dem Leben gerissen werden konnte, löste in Mona Panik aus.

Aber es half ja nichts. Die Klingel schnarrte noch genauso durchdringend wie früher. Im Haus tat sich nichts, auch nicht beim zweiten Läuten. Mona drehte sich um und sah die Straße hinunter, die parallel zum Nord-Ostsee-Kanal verlief, kurz bevor dieser in die Kieler Förde mündete. Von den Autos der anderen war nichts zu sehen. Sehr merkwürdig. Als Mona in ihrer großen Handtasche endlich die Zigaretten gefunden hatte, setzte sie sich auf die oberste Stufe und zündete sich eine an. Das Wetter war heute unbeständig, der Himmel voller grauer Wolken, die nur ab und zu mal die Sonne hindurchließen. Im Moment lag die Kanalstraße im Schatten, aber immerhin regnete es nicht. Auf dem Bürgersteig war nicht viel los, nur vor der Hafen-Apotheke unterhielten sich eine ältere Frau und eine junge Mutter mit Kinderwagen, und vor dem kleinen Eckladen drehte ein Mädchen im Grundschulalter etwas wackelig auf Inlinern seine Runden.

Hier ist echt der Hund verfroren, dachte Mona, sie könnte hier nicht leben. In Ottensen, ihrem Hamburger Lieblingsstadtteil, wo sie in einer charmanten, kleinen Dachgeschosswohnung lebte, war es hübsch und trotzdem lebendig. Sie zog an ihrer Zigarette und strich ein paar Ascheflocken von ihrer Jeans. Sie hätte damals eigentlich lieber auf der anderen Seite des Kanals gelebt, da war einfach mehr los, und zur Uni hatten sie immer mit der Fähre übersetzen müssen – aber dafür hatte sie die besten Mitbewohnerinnen der Welt gehabt. Sanne, Fritzi und Isa waren zu wirklichen Freundinnen geworden, nur mit Kirsten hatte Mona nie besonders viel anfangen können. Und natürlich war es wunderbar gewesen, so nah am Wasser zu wohnen. Sie und die anderen hatten damals abends oft lange an der Förde gesessen. Mona lächelte. Und auch mit dem ein oder anderen Typen hatte sie es dort ganz schön gehabt. Besonders mit Matze römisch zwei. Einer der Anwohner hatte sie beide mal nachts auf der Lotsentreppe erwischt und sie doch tatsächlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angezeigt. Mona grinste. So was war jetzt auch schon länger nicht mehr vorgekommen. Sie zog an ihrer Zigarette und blies langsam den Rauch in den Himmel, als sich von links Sannes schwarze Familienkutsche näherte. Das Beifahrerfenster glitt herunter, und Sanne rief vom Fahrersitz: «Was machst du denn schon hier?»

Mona drückte ihre Kippe auf der Treppenstufe aus. «Und wieso kommst du jetzt erst?»

«Wir sind doch überhaupt erst in zehn Minuten verabredet.»

Das erklärte natürlich einiges. Sie hatte sich in der Zeit vertan. Das war ihr neulich mit Peter schon mal passiert. Besorgniserregend.

Sanne ließ die Fensterscheibe wieder hochfahren und parkte hinter Monas Mazda. Dann kam sie die Stufen hoch, beugte sich zu Mona hinunter, gab ihr einen Kuss auf die Wange und drehte sich wieder um.

«Ah, es ist so herrlich hier! Dieser weite Himmel und der Duft nach Meer – großartig!» Sie breitete die Arme aus, atmete lautstark ein und aus und drehte sich dann mit verzücktem Gesichtsausdruck wieder zu Mona um. «Oder?»

«Hmm», machte Mona halbherzig und sah mit wachsender Unruhe zu, wie Sanne den Schlüssel aus einer kleinen Seitentasche zog und ins Türschloss steckte. Bevor sie ihn umdrehen konnte, sprang Mona auf und ergriff Sannes Arm. «Lass uns doch erst mal in die Bäckerei gehen, ich brauch dringend ’n Kaffee!» Sie zog Sanne die Treppe runter.

«Nicht nötig, ich hab Kaffee dabei.» Sanne entwand ihr den Arm und blieb stehen, aber Mona ging unbeirrt weiter. «Du willst da ja nur nicht rein!», rief Sanne ihr hinterher.

Unwillig drehte Mona sich um. «Ich will einfach nur ’n Kaffee. Ist gestern spät geworden. Bitte.»

Ja, gut, das war vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Wenn sie erst einmal im Haus wäre, würde es ihr unmöglich sein, zu ignorieren, dass Isa nicht mehr da war. Was sie sonst immer zu tun versuchte. Aber die anderen waren da gnadenlos mit ihr – Kirsten war letztes Jahr sogar extra von Lübeck nach Hamburg gefahren, um Mona so lange zu bearbeiten, bis sie doch mit zu Isas Beerdigung kam. Kirsten hatte ihr einfach nicht geglaubt, dass sie zu krank war. Dabei hatte sie Fieber gehabt. Mindestens 37,6 °C.

Sanne seufzte. «Na, wenn du so schön Bitte sagst.» Als sie auf Monas Höhe war, fragte sie: «Hattet ihr denn gestern Aufzeichnung?»

«Nein, die Show wird immer dienstags aufgezeichnet, aber Peter ist nach seiner Vorstellung noch vorbeigekommen.»

«Ach so. Der Peter.» Sanne grinste auf diese Weise, auf die, wie Mona fand, nur seit langem verheiratete Frauen grinsten, wenn es um die Männergeschichten ungebundener, abenteuerlustigerer Freundinnen ging: neugierig, aber auch ziemlich süffisant. Ja, sie war nicht gerade für langjährige Beziehungen bekannt, die letzte war genau genommen in die Brüche gegangen, als sie Anfang zwanzig war, aber das nach immerhin zwei Jahren, acht Monaten und drei Wochen.

«Das geht ja jetzt schon dermaßen lange … Pass bloß auf, sonst wirst du noch monogam», fügte Sanne überflüssigerweise noch hinzu.

«Da pass ich schon auf, keine Sorge. Schon deshalb, weil Peter verheiratet ist, wie du weißt. Und wenn ich eins garantiert nicht mache, dann die klassische Geliebte geben.»

Die Rolle der klassischen Geliebten neu zu interpretieren hatte sich in der letzten Zeit allerdings als ziemliche Herausforderung erwiesen. Es fiel Mona zwar nicht schwer, sich Peter gegenüber immer schön cool und kiebig zu geben und auf keinen Fall jemals duldsam und lieb (was ihr ohnehin nicht so lag) – aber man musste sehr aufpassen, nicht gerade dadurch zum Klischee zu werden, nämlich zu dem der unzufriedenen Geliebten. Alles nicht so einfach. Jedenfalls würde sie sich von Peter nicht die Regeln diktieren lassen, schon aus Prinzip nicht. «Ich pflege schön auch weiterhin meine anderen Kontakte. Und knüpfe auch mal neue.»

«Ach, so nennst du das», sagte Sanne und drückte die Tür zur Bäckerei auf.

Sie bestellten zwei Kaffee zum Mitnehmen, denn der etwas vernachlässigt aussehende Raum wirkte nicht gerade einladend. Als sie wieder auf der Straße standen, fragte Sanne: «Habt ihr eigentlich mal darüber gesprochen, ob er sich vorstellen kann, seine Frau zu verlassen?»

Mona verdrehte die Augen gen Himmel. «Jetzt sei doch nicht so spießig.»

«Ich frag ja nur. Ihr habt doch bestimmt mal darüber geredet.»

«Also, ich schlage ihm ganz bestimmt nicht vor, seine Frau zu verlassen!»

War es denn so schwer zu verstehen, dass sie sich weigerte, die weibliche Hauptrolle in einem bürgerlichen Trauerspiel zu übernehmen? Sie sah ihr Leben nicht als Drama, eher als Episodenfilm. Mit schnellen Schnitten. Urban, modern und amüsant, dabei aber nicht völlig ohne Tiefgang.

«Und er hat das Thema auch nie angesprochen?», fragte Sanne, während sie die Straße hinunter auf Isas Haus zugingen. «Kinder haben die nicht, oder?»

«Sie haben Arthur.»

«Wie alt?»

«Keine Ahnung.»

«Du musst doch wissen, wie alt sein Sohn ist! Darüber wird er doch mal geredet haben!»

Mona lachte. «Arthur ist ein Labrador.»

«Ach so. Na, umso besser.» Sanne nippte an ihrem Kaffee.

«Sag das nicht. Ich hab das Gefühl, dass Peter an dem Hund mehr hängt als an seiner Frau. Er hat sogar mal gesagt, der Hund würde eine Trennung nie verkraften. Der ist wohl sehr sensibel.»

Sanne prustete los, und Kaffee spritzte in alle Richtungen. «Das war ja wohl ein Witz!» Sie wischte sich mit dem Handrücken die Spritzer vom Kinn.

«Ich weiß es nicht», sagte Mona lachend. Tatsächlich fragte sie sich bis heute, wie ernst er das gemeint hatte.

Sie waren wieder an der Apfelrosenhecke angekommen. Sanne zog erneut den Hausschlüssel hervor.

«Wir können den Kaffee ja auch hier auf den Stufen –», hob Mona an, aber Sanne ließ sie nicht ausreden.

«Komm», sagte sie und nahm ihre Hand. «Keine Angst. Einfach reingehen.»

Sanne betrat als Erste das Haus und zog Mona hinter sich her. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Der Flur war klein, wirkte aber hell und einladend, denn Wände und Bodendielen waren weiß gestrichen. Neu war das Brett links von der Tür, auf dem ein großes Glas mit Muscheln und das Modell eines Segelschiffs standen und das gleichzeitig als Garderobe diente. Darunter stand eine alte hellblau gestrichene Truhe, auf der blau-weiß gestreifte Kissen lagen, und am Ende des Flurs, neben dem Treppenaufgang, sah Mona in einen bodentiefen Spiegel. Mona folgte Sanne, die direkt in die Küche gegangen war, und blieb im Türrahmen stehen.

Die Küche war früher so etwas wie ihr Gemeinschaftsraum gewesen. Auch Mona hatte sich hier lieber aufgehalten als im Wohnzimmer, oft hatte sie hier sogar ihre Seminararbeiten geschrieben. Eine von ihnen war immer gerade dabei gewesen, Kaffee oder was zu essen zu machen, und auch das Telefon hatte in der Küche gestanden – damals, im Telekommunikationsmittelalter, waren sie tatsächlich zu fünft mit einem einzigen Apparat ausgekommen. Das Telefon, das jetzt auf dem kleinen Regal stand, war ein neueres Modell. Der Anrufbeantworter leuchtete nicht, offenbar war er ausgeschaltet. Ein Glück. Jetzt Isas Stimme zu hören oder irgendwelche womöglich noch ahnungslosen Anrufer von vor Monaten – das hätte Mona den Rest gegeben. Sie lehnte sich an den Türrahmen, ihr war irgendwie nicht gut.

«Oh nein, guck mal!», rief Sanne aus und nahm ein gerahmtes Foto zur Hand, das neben dem Telefon gestanden hatte. Mona sah ihr über die Schulter. Es war ein leicht verblichenes Farbfoto der WG-Mitbewohnerinnen, aufgenommen im sommerlichen Garten: fünf sonnengebräunte junge Frauen, die um einen Tisch voller Weingläser, Flaschen und halbleerer Teller saßen.

«Ich hatte ganz vergessen, dass Isa sich die Haare mal so kurz geschnitten hatte», sagte Mona und betrachtete Isa, die in der Mitte des Bildes zwischen ihr und Kirsten saß. Hellblonder Kurzhaarschnitt, Ringel-T-Shirt, Sonnenbrille im Haar, großer, lachender Mund. Mona konnte Isas herausplatzendes Lachen beinahe hören. Von ihrem eigenen Gesicht war auf dem Foto nicht so viel zu sehen, weil es von einer Weinflasche halb verdeckt wurde, außerdem trug sie den cowboyartigen Sonnenhut, der immer noch irgendwo bei ihr zu Hause rumflog, auf den damals noch langen Haaren, die sie nun schon seit Jahren zum kinnlangen Bob geschnitten trug.

«Und ich hatte vergessen, dass ich mal so schlank war», sagte Sanne.

Mona beschloss, das lieber nicht zu kommentieren. Tatsächlich war sie etwas überrascht gewesen, weil ihre Freundin in den letzten Monaten so zugelegt hatte. Wenn Sanne nicht aufpasste, konnte man das bald nicht mehr pummelig nennen. Andererseits … irgendwie stand es ihr auch. Es betonte ihre Sinnlichkeit, dieses Lebensfrohe, Sommersprossige, das sie auch auf dem Foto ausstrahlte, nur in einer jüngeren, schmaleren Version. Auf dem Bild trug Sanne ein ausgeblichenes rotes T-Shirt, hatte die braunen Locken nachlässig hochgesteckt und lächelte mit leuchtend blauen Augen direkt in die Kamera. Anders als Kirsten, die nicht in die Kamera sah, sondern in die Runde – mit einem so warmherzigen, zufriedenen Blick, als wäre sie die Großmutter, die all ihre Kinder und Kindeskinder um sich versammelt hatte. Nie im Leben wäre man anhand dieses Fotos darauf gekommen, dass sie auch die strenge Gouvernante sehr gut draufhatte.

«Dies Blümchenkleid, das Fritzi da anhat, das mochte ich immer so gern, das fällt so schön», sagte Sanne.

«An der Frau fällt alles schön», sagte Mona und nahm ihr den Bilderrahmen aus der Hand. «Ich mein, guck dir mal diese Haare an!» Mona deutete auf Fritzis honigblondes Haar, das dick und glänzend fast bis zum Po reichte. «Und dieser Alabasterteint – sie hat immer so was Makelloses! So sehen andere nur aus, wenn die Bilder mit Photoshop bearbeitet wurden.»

Sanne lächelte. «Ja. Sie hat einfach den Grace-Kelly-Faktor. Vielleicht liegt’s daran, dass sie adelig ist, wer weiß …» Sanne zeigte auf den leeren Stuhl in der Mitte des Bildes. «Wer saß da?»

«Vermutlich der, der das Bild aufgenommen hat.»

Sanne nickte. «Dann wahrscheinlich Robert. Der hat seine Fotos eine Zeitlang immer mit diesem weißen Rand abziehen lassen.»

«Seid ihr da denn schon zusammen gewesen?»

«Das Foto müsste aus dem Sommer sein, in dem wir uns kennengelernt haben.» Sanne trank einen Schluck Kaffee. «Aber ob das Foto nun ein paar Tage vor oder nach dem ersten Kuss gemacht wurde, kann ich echt nicht sagen …»

«Er hat ja damals ganz schön gebaggert.» Mona stellte das Bild wieder an seinen Platz.

Sanne nickte lachend. «Lang ist’s her.» Sie setzte sich an den alten Küchentisch, stellte ihren Kaffeebecher darauf ab und strich mit der flachen Hand über die etwas unebene Oberfläche, wobei sie eine beträchtliche Staubschicht zusammenschob. Es war noch derselbe Tisch wie damals, voller Wasserränder und Macken, die zum Teil Jahrzehnte alt sein mussten. Den kleinen Kronleuchter mit echten Kerzen, der an der Decke hing, hatten sie damals im Keller entdeckt und wieder mit nach oben genommen, daran erinnerte sich Mona noch. Er passte allerdings überhaupt nicht zu der dunkelgelben Siebziger-Jahre-Küche, die Isa nie ersetzt hatte. Aber daran hatte sich früher niemand gestört. Sanne klatschte sich den Staub von der Hand, stand auf und ging zur Spüle, um sich die Hände zu waschen. Das Wasser, das aus dem Hahn kam, war braun.

«Weißt du noch, der Tag, an dem wir beschlossen haben, unsere Seminare zu schwänzen und einfach zu Hause zu bleiben?», fragte Sanne. «Es hat wie aus Kübeln geschüttet, und wir sind einfach den ganzen Vormittag im Schlafanzug am Frühstückstisch sitzen geblieben und haben uns gegenseitig die Nägel lackiert.»

«Nicht alle.»

«Nein, Kirsten natürlich nicht.» Sanne lachte und hielt die Hände unter das noch immer braune Wasser. «Die hat schön ihre Büchertasche geschultert und ist zur Uni gegangen.»

«Und ihren Geigenkoffer. Den hatte sie doch eigentlich immer dabei.» Mona setzte sich auf einen der alten Holzstühle. Dabei fiel ihr Blick auf ein Post-it, das auf einer Handarbeitszeitschrift klebte.

bl. Reißverschluss (12 cm)

d.rotes Garn

Gummizug 50 cm

Vlieseline

noch ½ m Pünktchenstoff

Sie schluckte. Diese Sachen hatte Isa nicht mehr kaufen, den Plan, daraus etwas zu nähen, nicht mehr in die Tat umsetzen können. Wenn es im Haus wenigstens nicht so still wäre, es war ja nicht mal eine tickende Uhr zu hören. Sie blickte zu Sanne, die den Wasserhahn wieder zugedreht hatte und erschrocken das Handtuch in ihren Händen ansah.

«Was ist?», fragte Mona.

«Es ist, als wäre sie nur kurz weg und würde gleich wiederkommen.»

Schnell ging sie zur Terrassentür und ließ einen Schwall feuchter Herbstluft herein. Die Wolken waren noch dichter geworden, es nieselte, aber die frische Brise war angenehm. Hinter ihnen fiel mit einem Knall die Wohnzimmertür zu.

Mona drehte sich um und ging wieder hinein.

Mona ging näher heran. «Hat Isa das gemalt?»

«Wahnsinn.» Isa war mit Abstand die Kreativste von ihnen gewesen, das hatte Mona immer bewundert. Ihr schienen die Ideen und Pläne nie auszugehen, ständig hatte sie gemalt, irgendein Möbelstück gestrichen oder wieder abgebeizt, neue Vorhänge und Kissenbezüge genäht und ihr Haus so immer wieder aufs Neue verwandelt.

Inzwischen sah das Zimmer ganz anders aus, nur wenig erinnerte noch an früher. Auf den weißen Dielen lag ein pinkfarbener Teppich, darauf standen das große helle Sofa, ein schlichter dunkler Holztisch und ein Ohrensessel, bezogen mit zerschlissenem, nachtblauem Samt voller bunter Blümchen. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein halbhohes, breites weißes Regal mit Schallplatten und einer modernen kleinen Anlage, die teuer aussah und an die auch ein Plattenspieler angeschlossen war. Neben der Schiebetür zu dem kleineren Nebenzimmer, in dem Mona jetzt den großen alten Koffer entdeckte, stand immer noch das wunderschöne Vertiko von Isas Oma.

Mona schüttelte den Kopf. «Unser Kontakt war so gut wie eingeschlafen. Ich habe sie zuletzt bei der Konfirmation von Alex gesehen.»

«Ja. Sie hat sich überhaupt nicht mehr gemeldet. Dabei standen wir uns früher echt nah. Nachdem du ausgezogen warst, hab ich mich mit ihr am besten verstanden.»

«Das kam erst später. Hast du Isa denn noch oft gesehen?»

«Wo kommst du denn her?», fragte Mona.

«Schön, dass du da bist», sagte Sanne.

Sanne und Mona sahen sich leicht irritiert an. «Äh, nein, wir sind ja auch gerade erst gekommen», sagte Mona. «Wir haben uns erst mal ein bisschen umgesehen.»

Kirsten zog ihren Anorak aus, ging in den Flur und hängte ihn an die Garderobe. «Wart ihr schon oben?» Mona fiel auf, dass ihre Nase ein paar Mal hintereinander leicht zuckte, fast wie bei einem Kaninchen. Die beiden schüttelten den Kopf.

Mona ging Richtung Terrasse. «Also, ich geh erst mal eine rauchen, wenn du nichts dagegen hast.»