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Karin Bachmann, Adrian Tobler

Unter Verdacht

Reihe: Krimi

Mittelstufe

Als Herr Scholl sich bückte, sah er, wie auf der anderen Seite des Regals ein Junge Zigaretten in der Jackentasche verschwinden liess. Das Gesicht konnte er nicht erkennen, nur die Jacke. Den Kerl wollte er schnappen!

Die Autorin, Karin Bachmann

Schreiben ist nicht mein Beruf, sondern ein Hobby, das ich sehr liebe. Gelernt habe ich Augenoptikerin. Meine grossen Leidenschaften sind Sprachen und das Reisen. Die Freundschaften, die ich mit Menschen aus verschiedenen Ländern knüpfen konnte, sind mir sehr wichtig. Besonders mit Neuseeland und Japan fühle ich mich stark verbunden.

Der Illustrator, Adrian Tobler

Geboren 1965. Grafikausbildung an der Schule für Gestaltung, Zürich. Lebt und arbeitet als Grafiker und Illustrator in Zürich.

E-ISBN 978-3-7269-0720-4

© 2005 SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk Abdruck des Inhalts, auch auszugsweise und fotomechanisch, nur mit Einverständnis des Verlags

Schweizerisches Jugendschriftenwerk

www.sjw.ch

E-Mail: office@sjw.ch

Unter Verdacht

geschrieben von Karin Bachmann

illustriert von Adrian Tobler

Auf dem Bahnhofplatz drängten sich Lehrer und Kinder mit Eltern, Skiern, Boards und Taschen. Fünf Klassen fuhren gleichzeitig ins Skilager. Etwas abseits hielten Chris, Nina, Michael und Emi Ausschau nach Stefan Bichsel. Endlich schob er sich mit einem altertümlichen Tramperrucksack auf dem Rücken durch das Gewirr zu ihnen vor.

«Sorry, dass ich so spät bin», keuchte er. «Mein Wecker ist nicht losgegangen.»

«Kein Problem», meinte Michael. Emi reichte ihm ihre Skier. «Hier», sagte sie und betrachtete ihn. «Die Jacke steht dir besser als mir.»

Stefan hatte bisher nie ins Skilager fahren können. Die Familie war arm. Trotzdem hatte sein Vater den Gemeindebeitrag immer abgelehnt. Jetzt lebten seine Eltern getrennt, und vieles hatte sich geändert. «Danke, dass ich deine Ausrüstung benutzen darf», sagte Stefan zu Emi.

«Schon gut. Wir haben etwa die gleiche Statur, und ich brauche sie ja nicht.»

«Ausgerechnet du bist bei unserem letzten Skilager nicht dabei», beschwerte sich Nina. «Wie soll ich es mit den dreien aushalten?»

«Als ob du dich nicht durchsetzen könntest», lachte Emi.

«Ich denke an euch, wenn ich morgen im Flugzeug nach Tokio sitze.»

«Zwei Wochen Japan», schwärmte Chris. «Das sollte mir passieren!»

Emi senkte mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. Ihre Tante aus Nagoya hatte letzte Woche angerufen, die Grossmutter sei schwer erkrankt. Emis Vater hatte sofort gebucht.

Nina umarmte ihre Freundin. «Es wird alles gut.»

Emi schluckte. «Hoffentlich.»

«Dein Rucksack sieht höllisch schwer aus, Stefan», wechselte Michael das Thema. «Wo hast du das Ding her?»

«Der gehört meinem Bruder. Ich darf ihn benutzen.»

Die anderen sahen sich betreten an. «Ein weiteres Fettnäpfchen», zischte Chris Michael ins Ohr.

Im vorletzten Herbst hatten die Freunde zur Aufklärung von Tiefgarageneinbrüchen beigetragen (SJW, Nr. 2201). Stefans Bruder sass als Mitglied jener Bande noch in Haft.

«Wie geht es Markus denn so?», fragte Michael schliesslich. Stefan zuckte die Schultern. «Anscheinend gefällt ihm die angefangene Ausbildung. Er hat sogar eine Anstellung in Aussicht, wenn er nächstens rauskommt.»

«Hallo! Sherlock Holmes und Co. üben sich in Sozialhilfe.»

Kevin, ein schmächtiger Blondschopf mit Bürstenschnitt, und der rothaarige Pascal hatten sich an die Gruppe herangeschlichen. Niemand in der Klasse mochte Kevin. Seine Eltern verhätschelten ihn, wo sie nur konnten. Ausserdem wirkte er zerbrechlich, weshalb ihn die Lehrer immer in Schutz nahmen. Das hatte ihn zu einem doppelzüngigen Grossmaul gemacht. Sein Freund Pascal liebte es, seinen Mut an Schwächeren zu kühlen. Stellte man sich ihm aber entgegen, gab er klein bei. Es ärgerte Kevin, dass Stefan eine gleiche Jacke trug. Er strich seinem Klassenkameraden über den Ärmel und fragte:

«Tolles Teil, Bichsel. Hat das die Fürsorge bezahlt?»

«Ich hab sie ihm geliehen, wenn du‘s wissen willst», gab Emi zurück.

«Stimmt ja! Tanaka-san hat dieses Jahr eine Extrawurst.»

«Wo steckst du denn wieder, Kevin?», rief seine Mutter herüber.

Die fünf Freunde schauten ihm nach, als er brav mit Pascal zu seinen Eltern zottelte. Die Mutter nestelte an Kevins Jackenreissverschluss, zupfte die Mütze zurecht und sprach ununterbrochen auf ihn ein.

«Mir wäre das peinlich», bemerkte Chris.

«Wenn du die Eltern und Lehrer dafür um den Finger wickeln kannst, lässt du dir manches gefallen», sagte Emi.

In diesem Moment erklärte eine Lautsprecherdurchsage, welche Wagen den Klassen zugeteilt worden waren. Die Lehrer versuchten, ihre Schüler auf dem Bahnsteig entsprechend einzuordnen. Winkende und rufende Eltern bildeten beim Wartehäuschen eine Gruppe. Der Zug fuhr ein, und mit Sack, Pack und Ski-Mikado drängten sich alle in die Wagen. Nina, Chris, Michael und Stefan teilten sich ein Abteil. Sie zogen das Fenster auf, um noch mit Emi plaudern zu können.

«Passt auf euch auf und denkt bei besonders guten Abfahrten an mich», sagte sie.

«Dito. Iss etwas Sushi für uns mit», antwortete Nina.

«Richte Japan einen Gruss aus. In ein paar Jahren komme ich auch», rief Stefan. «Und nochmal danke für alles!»

Der Zug fuhr an, und Emi winkte ihm nach. «Einen Gruss an deinen Onkel, Michael. Ich finds toll, dass er unserer Klasse geholfen hat.»

«Mach ich!»

Dann wurde der Zug schneller, und sie schlossen das Fenster.