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© mixtvision Verlag, München 2011

www.mixtvision-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Grafik, Gestaltung und Illustrationen: Julia Dürr

ISBN 978-3-944572-41-3

 

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

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‚Juli 2031, Tag 15 unserer Zeitreise.

Wölfe sind groß, viel größer als man denkt. Sie haben gelbe Augen und starren einen an, dass man Angst kriegt, wenn man sie aus der Nähe sieht.’

Jochanan kaute an seiner Lippe, drehte das Schreibpad gerade und musterte die krummen, leuchtenden Buchstaben, die er gerade fabriziert hatte. Dann drückte er auf den Enter-Knopf. Die krakelige Schrift ruckelte, richtete sich in Form, verblasste. Schönschreiben war die Pest. Nur gut, dass es das Pad gab!

Wieder hob er den E-Stift. ‚Mama sagt, ich muss alles aufschreiben, was ich erlebt habe, damit ich davon erzählen kann, wenn wir wieder zurück sind. Zurück in der Zukunft, sozusagen. Ist schon komisch, so eine Zeitreise …’

Ein Sonnenstrahl fiel auf das Pad und blendete ihn. Was noch komisch war, überlegte Jochanan, das waren seine Eltern. Da saß er nun hier in der schönsten Sommerhitze, die vor hundert oder so Jahren geherrscht hatte, und anstatt in einem der vielen Seen zu baden oder wenigstens auf dem nahe gelegenen Abenteuerspielplatz herumzuklettern, musste er diesen blöden Reisebericht schreiben. Das hätte er doch genauso gut zu Hause machen können.

Jochanan warf einen Blick auf den hohen Zaun, der das Gehege vor ihm umgab. Der Wolf, der ihn eben noch angestarrt hatte, war verschwunden. Jochanan seufzte. Wenn er seinen Bericht jetzt fertig schrieb, kam er vielleicht morgen darum herum. Am letzten Urlaubstag wollte er ausnahmsweise einmal faul sein. Zumal seine Eltern versprochen hatten, dass sie ans Meer fahren würden. Ergeben beugte Jochanan sich wieder über das Pad.

‚Heute haben wir einen Wildpark besucht, wo es ein Rudel zahmer Wölfe hinter einem Zaun gibt. Hier ist ein Foto.’

Mit einem Knopfdruck lud er das Bild hoch.

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Darunter krakelte er: ‚Papa sagt, früher gab es überall auf der Welt Wölfe und andere wilde Tiere, so wie hier in der Ukermak.’ Sein Pad blinkte und verbesserte: ‚Uckermark.’ Jochanan zog eine Grimasse und schrieb weiter:

‚Die Wölfe leben im Wald – wie im Märchen. Hier in dieser Zeit gibt es …’

„Was schreibst du denn da?”

Erschrocken sah Jochanan auf. Neben ihm stand ein fremder Junge und sah ihm neugierig über die Schulter. Er war blass und rotblond und trug eine Brille. Hastig schaltete Jochanan das Pad aus. Genau wie das neue Holo-Game und das Lasermesser durfte er es auf der Reise eigentlich nur verwenden, wenn keine Gefahr bestand, dass irgendjemand aus dieser Zeit zusah.

„Cooles Teil”, sagte der Junge anerkennend. „Vor allem die Leuchtbuchstaben! Und die Rechtschreibfunktion. Könnte ich auch gebrauchen! Willst du was über die Wölfe wissen?”

„Warum fragst du?”, hörte Jochanan sich sagen und hätte sich im selben Moment auf die Zunge beißen können. Das war dumm. Er sollte doch nicht mit anderen Kindern reden. Keine Kontakte mit irgendwelchen Leuten!, hatte der Reiseführer ihnen immer wieder eingeschärft. Sonst lief man Gefahr, die Zukunft zu verändern und vielleicht nie mehr nach Hause zurückzukommen.

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Jochanan konnte sich zwar nicht vorstellen, wie ein harmloses Gespräch die Zukunft verändern sollte, aber man konnte ja nie wissen. Hilfe suchend sah er sich um, doch Mama und Papa waren nirgends zu sehen. Stattdessen drängte sich unversehens eine ganze Gruppe Kinder unterschiedlichen Alters lärmend vor dem Wolfsgehege.

„He, Merlin”, rief ein Mädchen, „wo ist denn jetzt dein Wolf?”

„Kommt mit!”, antwortete der Junge neben ihm. „Ich zeig ihn euch!”

Die ganze Horde stürmte auf den Zaun zu. Zögernd schloss Jochanan sich den fremden Kindern an. Wenn Mama ihn dabei erwischte …

Der Junge namens Merlin schlüpfte unter der Absperrung durch, die den Zaun vom Zuschauerbereich trennte. Er legte die Hände vor den Mund und gab ein lang gezogenes, klagendes Heulen von sich.

„Und was soll das jetzt?”, fragte das Mädchen.

„Abwarten!”

Sie warteten. Nichts geschah. Jochanan wollte sich schon abwenden, als plötzlich ein hellgrauer Wolf völlig lautlos aus dem Gebüsch trat. Ganz dicht vor ihnen blieb er stehen und sah sie durch den Zaun hindurch an.

„Das ist Diva”, sagte Merlin. Seine Stimme klang zärtlich und fast ein bisschen stolz. „Sie ist zwei Jahre alt.”

„Woher weißt du das?”, fragte Jochanan. Er war so neugierig, dass ihm das Verbot, mit den anderen Kindern zu reden, völlig egal war.

„Mein Vater hat sie mit der Flasche aufgezogen, bei uns zu Hause. Na ja, die ersten Wochen. Danach war sie im Zoo. Und jetzt ist sie hier, weil sie Junge kriegen soll. Guck mal, siehst du den weißen Fleck auf der Nase?”

Tatsächlich, da war ein Fleck! Jochanan war neidisch. Er hätte auch gern mal einen Baby-Wolf gehabt. Oder überhaupt ein Tier.

„Behaltet ihr die Jungen?”, fragte er.

„Quatsch. Das geht nicht. Wölfe sind wild, die werden nie richtig zahm.”

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Merlin zog ein Stück blutiges Papier aus seiner Hosentasche und wickelte etwas aus, das verdächtig nach totem Tier aussah. In dieser Zeit aß man so was, erinnerte Jochanan sich. Fleischessen war normal. Er schüttelte sich innerlich. Niemand in seiner Zeit würde auf die Idee kommen, Tiere zu essen. Nicht nur, weil es gar nicht genug Futter oder sauberes Wasser gab, um irgendwelche Nutztiere zu ernähren. Sondern auch, weil lebendige Tiere etwas ganz Besonderes waren. Nur das Pack draußen vor der Mauer würde sie töten und essen. Darum gab es dort ja auch keine Tiere mehr.

Angewidert besah Jochanan sich das rohe Stück Fleisch in Merlins Hand. Es roch unangenehm. „Willst du das wirklich essen?”, fragte er.

„Quatsch”, antwortete Merlin und warf den Brocken über den Zaun. Mit einem hohen Satz schnappte die Wölfin sich den Leckerbissen und verschwand im Laufschritt ins Gebüsch.

In diesem Moment spürte Jochanan eine Hand auf seiner Schulter, die ihn sanft, aber bestimmt von den anderen Kindern wegzog. Mama war nicht erfreut. „Kann man dich nicht mal fünf Minuten aus den Augen lassen, ohne dass du Blödsinn machst?”, schimpfte sie leise. „Nicht mal aufs Klo gehen kann man. Wie oft habe ich dir gesagt …”

Ja, ja, dachte Jochanan.

„… kein Kontakt zu den Kindern! Komm mit.”

Sie gingen ans andere Ende des Geheges zurück zu ihrer Gruppe. Mama setzte sich neben Jochanan auf eine Bank und seufzte. „Du weißt doch, was der Edukator von dir erwartet, Jochanan. Sei vernünftig. Bitte schreibe diesen Bericht fertig. Und zwar auf Papier! In Ordnung?” Damit stand sie auf und ging wieder zu Papa hinüber, der zusammen mit Onkel Leon und Tante Hannah vor dem benachbarten Wildkatzengehege stand.

Mürrisch zog Jochanan einen nagelneuen Zettelblock und einen altmodischen Bleistift aus seinem Rucksack. Mama nahm immer alles so genau. Manchmal war es wirklich blöd, eine Mathematikerin zur Mutter zu haben! Als sie ihm den Rücken zuwandte, schaltete er heimlich das Pad wieder ein und ergänzte die Zeilen, die er zuletzt geschrieben hatte:

‚Hier in dieser Zeit gibt es jede Menge Wald.’

Und jede Menge Mücken, dachte er und schlug nach einem Riesenbiest, das um seinen Kopf surrte. Dort, wo er herkam, gab es keine Mücken. Auch keinen Wald und keine Wölfe oder irgendwelche anderen Raubtiere. Eben überhaupt keine wilden Tiere mehr. Darum musste man in die Vergangenheit reisen, wenn man welche sehen wollte. Jochanan grinste. Das würde er aufschreiben! Kam immer gut, so was zu schreiben, das mochten die Erwachsenen.

‚Wenn man Natur erleben will, dann muss man in der Zeit zurückreisen. Und darum sind wir jetzt hier im …’

Suchend sah er sich um. Auf einer Tafel stand ‚Wolfszentrum Wildpark Schorfheide’. Das genaue Datum wusste Jochanan nicht, nur, dass sie ins Jahr 2031 zurückgereist waren. War aber eigentlich auch egal. Die ganze Reise war durchorganisiert bis auf die letzte Minute. Sie mussten sich um nichts kümmern, nur ihrem Reiseführer hinterherlaufen. Und die Klappe halten, wenn Leute in der Nähe waren. Darum war der Urlaub bisher auch ziemlich langweilig gewesen, eine Art Dauerbesichtigung von Kirchenruinen, verlassenen Dörfern und Kiefernwäldern. Wenn man ihrem Reiseleiter glauben konnte, sollte es in diesen Wäldern von Wölfen und anderen Wildtieren nur so wimmeln. Gesehen hatten sie aber nur Vögel und ein paar Spuren, und einmal einen Haufen Wolfskacke. Darum hatten sie heute diesen Tierpark besucht, wo man die Wölfe ganz aus der Nähe sehen konnte. Eigentlich hätte Jochanan zwar lieber Löwen, Giraffen oder sogar Elefanten beobachtet, aber dafür hätten sie nach Afrika reisen müssen. Und zwar in Echtzeit, denn Zeitreisen funktionierten nur von einem Ort zum selben Ort in der Vergangenheit. Und Afrika war weit weg. Außerdem war es in seiner Zeit eine öde Wüste. Also waren Reisen dahin unbequem und teuer.

„Du kannst froh sein, dass du überhaupt mit in die Vergangenheit darfst!”, hatte Papa ihn gescholten. „Du solltest dich dafür interessieren, wo du herkommst!”

Das tat Jochanan allerdings überhaupt nicht. War doch egal, wie die Welt früher ausgesehen hatte. Dass sie heute, in seiner Zeit, ziemlich kaputt war, ließ sich ja eh nicht ändern. Papa hingegen interessierte die Vergangenheit brennend. Kein Wunder, er war ja Historiker. Darum hatte er auch darauf bestanden, in die Uckermark zu fahren. Hätte es nicht wenigstens der Strand sein können, irgendein Strand, Nordsee, Ostsee, Südsee? Nein, die Südsee war woanders.

Jochanan versuchte, sich das Europa-Puzzle ins Gedächtnis zurückzurufen, das er vom Edukator bekommen hatte. Am dichtesten dran war hier wohl die Ostsee. Morgen würden sie endlich dahin fahren! Zum ersten Mal in seinem Leben würde er barfuß im Sand laufen, Muscheln sammeln und in einem echten Meer unter freiem Himmel baden. Zu Hause ging das nicht, weil man nie aus der zivilisierten Zone herausdurfte – viel zu gefährlich. Außerdem waren die Küsten verseucht. Außerhalb der Stadt lief gar nichts, schon gar kein Strandausflug. Aber in dieser Zeit …

Während er sich noch ausmalte, was er am Meer so alles machen würde, hörte Jochanan Schritte und blickte auf. Ein älterer Mann spazierte langsam am Wolfsgehege entlang auf ihn zu. Er hatte einen grauen Bart und trug eine schwarze Sonnenbrille, sodass man seine Augen nicht erkennen konnte. Schnell ließ Jochanan das Schreibpad wieder im Rucksack verschwinden. Nur nicht auffallen, sonst gab es noch mehr Ärger und der Ausflug ans Meer würde vielleicht gestrichen.

Der Fremde kam näher. Jochanan bemühte sich, unauffällig zu wirken. Der Mann schien sich nicht sonderlich für die Wölfe zu interessieren. Stattdessen warf er Jochanan einen undurchsichtigen Brillenblick zu und sah dann lange zu Mama und Papa hinüber, die gerade eine Infotafel lasen. Ein Punkt an seiner Brille leuchtete sekundenlang rot auf. Schließlich drehte er sich um und schlenderte gemächlich in Richtung Ausgang.

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Einen Augenblick später löste der Reiseführer sich von der Gruppe und folgte dem Mann. Unruhig beobachtete Jochanan seine Eltern. Sie sahen besorgt aus. Leise und schnell redeten sie mit Onkel Leon und Tante Hannah. Gleich würden sie ihm winken und mal wieder überstürzt aufbrechen. Das war schon ein paarmal passiert. Da kam Mama auch schon auf ihn zu! Jochanan hatte ein flaues Gefühl in der Magengrube: Hoffentlich würden sie nicht den Tag am Meer streichen!

Draußen auf dem Parkplatz kletterten die Zeitreisenden in den kleinen Campingbus mit den dunklen Scheiben, der die letzten drei Wochen ihr Zuhause gewesen war, und fuhren los, um wieder irgendwo in der Wildnis zu übernachten.

Den schwarzen Wagen, der ihnen in gebührendem Abstand folgte, bemerkten sie nicht.

Am nächsten Morgen wachte Jochanan früh auf und krabbelte leise aus dem Vorzelt. Im kühlen Morgenlicht veranstalten die Vögel einen Heidenlärm. Das Vogelkonzert würde er vermissen. In seiner eigenen Zeit waren auch Vögel selten geworden. Vermutlich, weil es keine Mücken mehr gab. Die wiederum würde er nicht vermissen. Er war allergisch gegen Insektenstiche und es juckte ihn überall. Nun, heute am Meer würden sie Ruhe haben. Zumindest hatte der Reiseführer ihnen das gestern Abend versprochen, als Mama sich mal wieder bitter über die lästigen Insekten beklagt hatte.

Zum Glück hatten sich die Pläne für diesen Tag nicht geändert und so brachen sie gleich nach dem Frühstück auf in Richtung Küste. Da sie schon am Abend ein Stück weit nach Norden gefahren waren, war es nicht mehr weit. Auf einem schmutzig-gelben Schild las Jochanan im Vorbeifahren ‚Zecherin – 10 km’. Kurz darauf wurde das Land flacher, der Himmel weiter und schließlich fuhren sie über eine lange Brücke aus stahlblauen Metalldreiecken. Das war ein bisschen so, als würde man zwischen zwei riesigen Zahnreihen in einen aufgesperrten Rachen fahren.

„Jetzt sind wir auf der Insel Usedom”, erklärte Papa. „Vor 15.000 Jahren war hier das Ende eines Gletschers, darum findet man überall große Steinblöcke.”

„Wie weit ist es noch, Jorge?”, unterbrach Mama.

„Eine halbe Stunde, schätze ich”, antwortete Papa und dozierte weiter: „Früher gab es ganz in der Nähe eine riesige Eisenbahnbrücke. Da, guckt mal auf der rechten Seite!” Mitten im Fluss stand ein haushoher Metallbogen, der sich schwarz gegen die Vormittagssonne abzeichnete.

„Den Bogen kann man wohl nicht als Zeittor benutzen”, witzelte Onkel Leon, „da würde man nasse Füße kriegen!”

„Wo liegt eigentlich das Tor für unsere Rückreise morgen?”, fragte Tante Hannah.

„Etwa hundert Kilometer südlich, in Sähle”, antwortete der Reiseleiter von vorn. „Dort gibt es eine versteckte Kirchenruine im Wald.”

Jochanan verdrehte die Augen.

„Aber jetzt fahren wir erst mal an die Küste. In dieser Zeit kommen hier manchmal Urlauber her, also seid vorsichtig, wenn wir da sind!”

Es dauerte nicht mehr lange, bis sie ihr Ziel erreichten. Jochanan rannte die Strecke vom Parkplatz durch dichtes Gebüsch bis zum Strand und blieb mit offenem Mund stehen. Vor ihm dehnte sich das dunkelblaue Meer bis zum Horizont. Ein frischer Seewind brachte den Geruch nach Salz und Seetang mit sich. Links und rechts erstreckte sich Sand so weit das Auge reichte, gesprenkelt mit Steinen, Muscheln und Treibgut. Jochanan riss sich die Schuhe von den Füßen.

„Lauf nicht so weit weg!”, warnte Mama und ließ sich bäuchlings in den warmen Sand fallen. „Hast du deine Kette um?”

„Klar!”, rief Jochanan zurück und tätschelte die kleine Engelsfigur, die an einer goldenen Kette um seinen Hals hing. „Ich gehe nur bis dort hinten. Kann ich baden?”

„Später!”, kam die zerstreute Antwort. Papa hatte schon ein Buch vor der Nase und Mama die Augen geschlossen.

Barfuß schlenderte Jochanan den menschenleeren Strand entlang. Die Sonne schien ihm ins Gesicht. Der Wind frischte auf. Er fand einen Schuh mit einer Krabbe drin, einen herzförmigen Stein mit Loch und ein Stück Schnur mit einem großen Haken. Rechts von ihm stieg der sandige Boden immer weiter an, bis er zur Steilküste wurde. Oben wuchsen Bäume. Jochanan kletterte ein Stück hoch und sah zurück zu seinen Eltern. Ganz in der Ferne lagen sie faul im Sand. Er hatte offenbar noch reichlich Zeit.

Ein Stück weiter entdeckte er eine Stelle, an der ein Teil der Küste abgerutscht war und einen großen Baum mitgerissen hatte. Ausgebleicht lag er nun quer über dem Strand wie ein Gerippe. Das war der perfekte Platz für ein Lager!

Genau das fanden allerdings offenbar auch andere Leute. Jochanan hatte es sich gerade bequem gemacht und seine Schätze ausgebreitet, als er Stimmen hörte. Kinderstimmen.

„Wie weit ist es noch?”

„Ich will baden!”

„Ich auch!”

Beunruhigt und neugierig zugleich sah Jochanan den Ankömmlingen entgegen, die aus der anderen Richtung zielstrebig auf ihn zukamen. Ihm fiel nichts Besseres ein, als zu bleiben, wo er war.

„Na das ist ja ein Zufall! Kennen wir uns nicht? Was machst du denn hier?” Vor ihm stand Merlin, der rotblonde Junge aus dem Tierpark!

„Urlaub!”, antwortete Jochanan und grinste. Stimmte ja. „Und du?”

„Auch Urlaub”, antwortete Merlin. „Meine Eltern müssen arbeiten, aber zum Glück gibt es ja Ganztagsschulen mit Ferienservice. Wir bleiben leider nur noch bis übermorgen.”

„Wir bis morgen. Ist das deine Schulklasse?” Jochanan warf einen staunenden Blick auf die Menge Kinder unterschiedlichster Haut- und Haarfarbe, die nach und nach herbeikamen und sich sofort ins Wasser stürzten.

„Klar. Kommst du mit schwimmen?”

Jochanan zögerte. Später, hatte Mama gesagt. Nun, jetzt war es ja später … Er hatte zwar so eine Ahnung, dass es Ärger geben würde, wenn er mit den anderen Kindern zusammen badete. Andererseits wäre es doch auch auffällig, wenn er jetzt einfach davonlief! Und wer wusste schon, ob seine Eltern sich überhaupt ins Wasser trauen würden?

„In Ordnung!”, sagte Jochanan und zog sich aus. Zum Glück hatte er das Badezeug schon druntergezogen. Aufgeregt folgte er den anderen Kindern in die Brandung. Das Wasser rauschte an Reihen großer Steine entlang, die in regelmäßigen Abständen ins Meer ragten. Ob das die Eiszeitblöcke waren, die Papa erwähnt hatte? Die Strömung sog an Jochanans Füßen. Er warf einen kurzen Blick zurück und watete dann entschlossen durch die sich brechenden Wellen hinter Merlin her. Weiter draußen blitzten weiße Wellenkämme auf. Ein schwimmender Vogel schaukelte geruhsam über die unruhigen Wogen. Jochanan überquerte eine Sandbank, hinter der das Wasser deutlich kälter und tiefer wurde. Noch ein Stück weiter, da, wo die anderen Kinder planschten, schien es dagegen wieder flach zu sein. Das war gut, denn Jochanan konnte nicht schwimmen. Und sein Badeanzug war zwar UV-sicher, aber nicht mit einem Auftriebssystem versehen. Allerdings fiel ihm jetzt ein, dass das Badehemd genau wie seine Mikrochip-Kleidung einen Sensor hatte, der die Körpertemperatur und andere lebensnotwendige Daten maß. Es würde also nicht lange dauern, bis Mama mitkriegte, dass er im Wasser war.

„Jochanan! Jochanan!!”

Das kam schneller als erwartet. Er sah sich um. Am Ufer stand seine Mutter und winkte hektisch. Egal, wenigstens einmal wollte Jochanan Spaß haben! Dort vorne wollte er hin, wo Merlin und die anderen Kinder wild in den Wellen herumtollten. Nur noch ein kleines Stück weiter …

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Auf einmal war der harte, wellige Grund verschwunden. Jochanan tauchte unter und schluckte Wasser. Wild paddelnd versuchte er, wieder Fuß zu fassen. Eine Woge ergoss sich über seinen Kopf. Das Salzwasser brannte ihm in den Augen und in der Nase. Voller Panik schlug er um sich. Jemand packte ihn am Haar und zerrte ihn ein Stückchen weiter. Jetzt hatte er wieder Boden unter den Füßen. Prustend und spuckend schob Jochanan sich auf die Sandbank.

„Idiot!”, brüllte Merlin ihn an. „Sag doch, wenn du nicht schwimmen kannst!”

„Kann doch nicht wissen, dass es so tief ist!”, keuchte Jochanan. Ihm war nach Weinen zumute, aber das kam natürlich nicht infrage. Er drehte sich zum Ufer um. Weit entfernt liefen seine Eltern aufgeregt hin und her. So ein Mist.

„Idiot!”, sagte Merlin noch mal und spritzte mit der flachen Hand Wasser in seine Richtung. „Du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt.”

„Tut mir leid”, murmelte Jochanan. Er hopste, um einem Brecher zu entgehen, wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und beäugte beklommen die Strecke bis zum Ufer. „Wie komme ich denn jetzt zurück?”

„Willst du etwa schon wieder raus?”

„Na ja, meine Eltern …”

Merlin warf einen Blick auf den fernen Strand und zuckte verständnisvoll mit den Schultern. „Da kann man wohl nix machen. Kein Problem, ich helfe dir.” Er legte den Arm um Jochanan und gemeinsam überwanden sie die tiefe Stelle. Dann drehte Merlin sich um, tauchte elegant unter einer Welle durch und drehte sich auf den Rücken. „Bis nächstes Mal! Keinen Stress, okay?”

„Okay”, antwortete Jochanan halbherzig und paddelte schicksalsergeben ans Ufer zu seinen Eltern.

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Der Rest des Tages verlief erwartungsgemäß öde. Jochanan musste in Sichtweite der Erwachsenen bleiben und seinen Bericht für den Edukator fertig schreiben. Sie picknickten, badeten einmal kurz gemeinsam im flachen Wasser und faulenzten. Onkel Leon und Tante Hannah lagerten ein Stückchen entfernt und spielten virtuell Beachball mit ihren Holo-Handschuhen. Obwohl kein Mensch zu sehen war, durfte Jochanan noch nicht mal das Pad auspacken. Eine Zeit lang schnitzte er heimlich mit seinem Lasermesser, bis Papa es bemerkte und ihm befahl, das Messer in die Tasche zu stecken. Vor Langeweile begann Jochanan, Bilder in den feuchten Sand zu malen.

Im Laufe des Nachmittags stand ihr Reiseführer immer wieder auf und verschwand für kurze Zeit. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen. Und in der Tat:

„Wir müssen sofort aufbrechen!” Aufgeregt stand er vor ihnen und atmete schwer, so, als sei er gerannt.

Onkel Leon kam herbei. „Was ist denn los?”

„Der Mann aus dem Zoo ist wieder aufgetaucht. Das ist kein Zufall. Sie sind uns auf der Spur!”

„Wer?”, fragte Jochanan, doch keiner antwortete ihm. Er zog seine Mutter am Ärmel. „Wer ist uns auf der Spur?”

„Keine Ahnung, Schatz. Komm, beeil dich, du hast doch gehört. Zieh dich an. Wir müssen los.” Hastig sammelte sie ihre Sachen zusammen.