

FÜR RENÉ , IMMANUEL, LUDWIG UND ALAN
IST EINE SEELE MEHR ALS DAS SUMMEN IHRER TEILE?
DOUGLAS HOFSTADTER, EINSICHT INS ICH
Anax ging den langen Korridor hinunter. Es war vollkommen still bis auf das leise Zischen der Luftfilter über ihr. Die Lampen verströmten gedämpftes Licht, so wie es die neuen Bestimmungen vorschrieben. Sie erinnerte sich an hellere Tage, aber sie sprach nie darüber. Helligkeit als Vorzug der Vergangenheit zu betrachten, galt als einer der Großen Fehler.
Am Ende des Korridors bog Anax nach links ab. Sie überprüfte die Uhrzeit. Sie würden sie auf dem Weg zu ihnen beobachten, zumindest erzählte man sich das. Die Tür glitt auf, sanft und geräuschlos wie alles innerhalb der Räume der Akademie.
»Anaximander?«
Anax nickte.
Das Gremium bestand aus drei Prüfern, genau wie es in den Bestimmungen gestanden hatte. Anax war erleichtert. Die Einzelheiten der Prüfung waren streng geheim und unter den Bewerbern kursierten viele Gerüchte. »Fantasie ist das Mischlingskind von Zeit und Unwissenheit«, pflegte ihr Tutor Perikles zu sagen. Und dann fügte er jedes Mal hinzu: »Nicht dass ich etwas gegen Mischlinge hätte.«
Anax liebte ihren Tutor. Sie würde ihn nicht enttäuschen. Die Tür schloss sich hinter ihr.
Die Prüfer saßen hinter einem hohen Pult, dessen dunkle Holzoberfläche matt schimmerte.
»Bitte nehmen Sie Platz.« Der mittlere Prüfer sprach. Er war der größte von ihnen, größer und kräftiger als jeder, den Anax je gesehen hatte. Daneben sahen die beiden anderen alt und schwach aus, doch spürte sie ihren scharfen und stechenden Blick. Heute würde sie keine Vermutungen anstellen. Noch standen alle Türen offen. Alles war möglich. Anax wusste, dass das Gespräch aufgezeichnet wurde.
PRÜFER: Für Ihre Prüfung sind fünf Stunden vorgesehen. Sollten Sie eine Frage nicht richtig verstehen, können Sie nachfragen. Allerdings werden wir dies bei unserem Gesamturteil berücksichtigen. Haben Sie mich verstanden?
ANAXIMANDER: Ja.
PRÜFER: Gibt es noch etwas, das Sie wissen möchten, ehe wir mit der Prüfung beginnen?
ANAXIMANDER: Ich möchte gerne die Antworten wissen.
PRÜFER: Ich fürchte, ich verstehe nicht recht …
ANAXIMANDER: Das war nur ein Scherz.
PRÜFER: Oh. Ah ja.
Keine gute Idee. Keiner von ihnen zeigte auch nur den Anflug eines Lächelns. Anax fragte sich, ob sie sich entschuldigen sollte, doch der unbehagliche Moment war schon vorüber.
PRÜFER: Anaximander, ab jetzt läuft Ihre Zeit. Fünf Stunden über das Thema Ihrer Wahl. Das Leben und die Zeit von Adam Forde, 2058 bis 2077. Adam Forde wurde sieben Jahre nach Gründung von Platons Republik geboren. Können Sie uns die politischen Umstände erläutern, die zur Entstehung der Republik geführt haben?
War das ein Trick? Anax’ Spezialgebiet bezog sich ausdrücklich auf die Zeit, in der Adam gelebt hatte. Der Ausschuss hatte den Antrag ohne Änderung angenommen. Natürlich wusste sie einige Dinge über den politischen Hintergrund, die wusste jeder, aber es war nicht ihr Spezialgebiet. Alles, was sie dazu sagen konnte, waren ein paar Sätze, die sie in der Schule gelernt hatte und die jeder Schüler auswendig kannte. Damit konnte sie unmöglich beginnen. Sollte sie den Prüfern widersprechen? War es das, was sie von ihr erwarteten? Forschend betrachtete sie die Gesichter, doch die Mienen der Prüfer waren wie versteinert. Das half ihr nicht weiter.
PRÜFER: Anaximander, haben Sie meine Frage verstanden?
ANAXIMANDER: Natürlich. Bitte entschuldigen Sie, es war nur … Es ist nicht so wichtig …
Anax versuchte, ihre Bedenken zu verdrängen. Fünf Stunden. Genug Zeit, um zu zeigen, wie viel sie wusste.
ANAXIMANDER: Die Geschichte beginnt am Ende des dritten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends. Wie in jedem Zeitalter mangelte es auch damals nicht an Weltuntergangspropheten. Erste gentechnische Versuche hatten große Teile der Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Die internationale Wirtschaft stützte sich noch auf Erdöl, doch man war sich einig, dass die Ölvorkommen bald zur Neige gehen würden.
Die Region, die damals als Naher Osten bezeichnet wurde, war politisch instabil und die Vereinigten Staaten – ich benutze der Einfachheit halber die damals üblichen Bezeichnungen – hatten sich in den Augen vieler in einen Krieg verstrickt, den sie nicht gewinnen konnten, gegen eine Kultur, die sie nicht verstanden. Sie gaben vor, die Demokratie zu verteidigen, doch ihre Definition war engstirnig und auf ihr System zugeschnitten, sodass sie sich schlecht übertragen ließ.
So nahm der Fundamentalismus auf beiden Seiten dieser Kluft zu, und als es im Jahr 2032 in Saudi-Arabien die ersten unmissverständlichen Anzeichen für westlichen Terrorismus gab, war dies in den Augen vieler der zündende Funke für ein Feuer, das nicht mehr gelöscht werden konnte. Europa wurde vorgeworfen, es habe seinen moralischen Kompass verloren, und die Unabhängigkeitskrawalle von 2047 galten als weiterer Beweis des säkularen Niedergangs. Die wachsende internationale Bedeutung Chinas und seine sogenannte »aktive Diplomatie« weckte bei vielen die Angst vor einem weiteren globalen Konflikt. Die wirtschaftliche Expansion bedrohte das ökologische Gleichgewicht der Erde, der Artenreichtum ging in nie da gewesenem Ausmaß zurück und die letzten Zweifler am Modell des Beschleunigten Klimawandels wurden durch die Sandstürme im Jahre 2041 eines Besseren belehrt. Mit anderen Worten: Die Welt stand vor vielen Herausforderungen und am Ende des fünften Jahrzehnts dieses Jahrhunderts war der öffentliche Diskurs von tiefem Pessimismus und einem Gefühl der Bedrohung geprägt.
Im Nachhinein ist man natürlich immer klüger. Von unserem jetzigen Standpunkt aus betrachtet steht jedenfalls fest, dass das Einzige, wovor sich die Bevölkerung wirklich fürchten musste, die Furcht selbst war. Die wahre Gefahr, die in jener Zeit für die Menschheit bestand, war das Schwinden ihrer Zuversicht.
PRÜFER: Definieren Sie Zuversicht.
Die Stimme des Prüfers hatte sich leicht verändert, so wie man es mit einem einfachen Filter bewerkstelligen konnte. Nur dass es keine Technologie war, die Anax hörte, sondern schlicht und einfach Beherrschung.
Jedes Zögern, jedes Aufflackern von Unsicherheit – nichts entging den Prüfern. Gewiss gab dies den Ausschlag für ihre Entscheidung. Anax fühlte sich plötzlich schwerfällig und unscheinbar. Sie hatte noch immer Perikles’ letzte Worte im Ohr. »Sie wollen sehen, wie du auf die Herausforderung reagierst. Zögere nicht. Finde mit deinen Worten den Weg zum Verständnis. Vertraue den Worten.« Es hatte sich so einfach angehört. Nun spürte sie, wie sich ihre Gesichtsmuskeln anspannten, und sie musste sich einen Weg zu den Worten bahnen, so wie man im Gedränge nach einem Freund sucht, die Panik im Nacken.
ANAXIMANDER: Mit Zuversicht beziehe ich mich auf die vorherrschende Stimmung jener Zeit. Zuversicht ist die menschliche Fähigkeit, einer ungewissen Zukunft mit Neugier und Optimismus zu begegnen. Sie ist der Glaube daran, dass Probleme und Differenzen gelöst werden können. Sie ist eine Art Vertrauen. Und sie ist ein sehr zerbrechliches Gefühl. Furcht und Aberglaube können es leicht überschatten. Als der Konflikt im Jahr 2050 begann, war die Welt von Furcht und Aberglauben geprägt.
PRÜFER: Erzählen Sie uns mehr über diesen Aberglauben.
ANAXIMANDER: Aberglaube ist das Bedürfnis, die Welt in einfachen Zusammenhängen von Ursache und Wirkung zu sehen. Wie ich bereits erwähnt habe, nahm der religiöse Fundamentalismus stark zu, aber das ist es nicht, was ich mit Aberglaube meine. Der Aberglaube, der zu jener Zeit die Welt beherrschte, war der Glaube an einfache Ursachen.
Selbst das banalste Ereignis beruht auf einem Geflecht unzähliger Möglichkeiten und Verknüpfungen, doch diese Komplexität überfordert den menschlichen Verstand. Wenn in schwierigen Zeiten der Glaube an einfache Götter zerbricht, haben Verschwörungstheorien ein leichtes Spiel. So war es auch damals. Da die Menschen weder imstande waren, Unglücksfälle dem Zufall zuzuschreiben, noch dazu, ihre eigene Bedeutungslosigkeit im großen Ganzen zu akzeptieren, suchten sie nach Monstern in ihrer Mitte.
Je mehr die Medien die Angst anfachten, desto mehr verloren die Menschen die Fähigkeit, aneinander zu glauben. Für jedes neue Übel, das sie heimsuchte, fanden die Medien eine Erklärung und die Erklärung hatte immer ein Gesicht und einen Namen. Schließlich begannen die Menschen sich sogar vor ihren eigenen Nachbarn zu fürchten. Überall suchten sie nach Anzeichen für die Bosheit der anderen: beim Einzelnen, in der Gruppe und innerhalb des Landes. Und wohin sie auch blickten, immer entdeckten sie solche Anzeichen, denn wenn man sucht, dann findet man.
Darin bestand die wahre Herausforderung für die Menschen jener Zeit. Die Herausforderung, sich gegenseitig zu vertrauen. Und sie scheiterten. Das meinte ich vorhin, als ich sagte, dass die Zuversicht der Menschen schwand.
PRÜFER: Ich danke Ihnen für die Ausführungen. Kommen wir nun zurück zur Beschreibung der damaligen Zeit. Wie kam es zur Entstehung der Republik?
Es war genau, wie Perikles gesagt hatte. Der Klang ihrer eigenen Stimme trug Anax weiter. Deshalb war sie eine so gute Bewerberin. Ihre Gedanken folgten ihren Worten, jedenfalls sagte er das. »Jeder ist anders und das ist dein Talent.« Die Geschichte, die sie erzählte, kannte jeder. Zu oft schon war sie erzählt worden. Doch Anax hüllte sie in neue Worte und mit jeder neuen Schicht wuchs ihr Selbstvertrauen.
ANAXIMANDER: Der erste Schuss des Letzten Krieges wurde aufgrund eines Missverständnisses abgefeuert. Das war am 7. August 2050. Achtzehn Monate lang hatte die japanisch-chinesische Allianz versucht, ein Bündnis zur Bekämpfung der Erderwärmung zu schmieden. Durch die Emission von kühlenden Schwefelpartikeln sollte der Treibhauseffekt umgekehrt werden. Dass die Zusammenarbeit keine Fortschritte machte, lag an dem Misstrauen, das ich bereits erwähnt habe. Die USA blockierten die Initiative in dem Glauben, sie sei lediglich Teil eines größeren Plans mit dem Ziel, eine neue internationale Ordnung herbeizuführen. China wiederum glaubte, die USA trieben den Klimawandel absichtlich voran, um die chinesische Wirtschaft zu zerschlagen. Schließlich stellte China einen Plan für eine geheime unilaterale Maßnahme auf.
Das Flugzeug, das im Pazifik in amerikanischem Luftraum abgeschossen wurde, befand sich auf dem ersten Testflug zur Ausschüttung von Schwefelpartikeln, obwohl die USA, wie wir alle wissen, nie von ihrer offiziellen Erklärung abwichen, es habe sich um ein Militärflugzeug mit feindlichen Absichten gehandelt.
PRÜFER: Sie gehen besser davon aus, dass wir nichts wissen.
Anax senkte entschuldigend den Kopf und spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Sie wartete auf ein Zeichen, fortzufahren, aber nichts geschah. In jeder anderen Situation hätte sie sich über ihre Unhöflichkeit beschwert.
ANAXIMANDER: Platons Machtposition gründete auf seinem globalen wirtschaftlichen Interesse. Sein erstes Vermögen machte er mit Wasserstofftechnologie. Das wiederum investierte er gewinnbringend in der Bio-Aufbereitungsindustrie. Durch seinen Reichtum und seine Beziehungen war Platon besser als die meisten in der Lage, den Ausgang eines eskalierenden Konflikts zwischen den Supermächten vorherzusehen. Da er schon immer ein vorsichtiger Mensch gewesen war, begann er, sein Geld auf eine Inselgruppe am Ende der Welt namens Aotearoa zu transferieren. Als der Krieg ausbrach, besaßen er und seine Gefolgsleute über siebzig Prozent der Volkswirtschaft der Insel und wandelten diese bereits in einen autarken, auf Hochtechnologie basierenden Staat um. Als sich die internationale Lage zuspitzte, konnte Platon die Bevölkerung seiner Wahlheimat davon überzeugen, dass sie ein besseres Verteidigungssystem brauchten. Elf Monate nach Beginn des Krieges, also 2051, wurde der Große Meereszaun der Republik fertiggestellt, der bis heute als herausragende Leistung des Ingenieurwesens im einundzwanzigsten Jahrhundert gilt.
Als am Ende des Jahres 2052 die ersten Seuchenerreger freigesetzt wurden, hatte sich die Republik bereits von der Welt abgekapselt. Platon wurde als Retter Aotearoas gefeiert, und als die Berichte aus der restlichen Welt immer düsterer wurden, galt er gar als Retter der Menschheit. Dann wurde im Juni 2053 die letzte Nachricht aus dem Ausland empfangen und schließlich glaubten die meisten Bewohner der Republik, ihre Insel sei das einzige noch bewohnbare Land des Planeten.
Natürlich rechnete man mit Flüchtlingen, und als sie kamen, wurden sie beseitigt. Flugzeuge wurden ohne jede Kontaktaufnahme abgeschossen und anfangs stellten sich die Leute noch auf die Klippen und sahen zu, wie die Geisterschiffe am Horizont explodierten, wenn sie durch das Minenfeld im Meer trieben. Allmählich wurden die Explosionen seltener und auch die Laserwaffen für den Luftraum mussten immer weniger eingesetzt werden. Daraufhin wandten sich die Menschen an Platon und baten ihn, sie in eine bessere Zukunft zu führen.
PRÜFER: Eine korrekte Zusammenfassung, Anaximander. Und dies ist dann also die Republik, in die Adam Forde, den Sie als Schwerpunktthema gewählt haben, geboren wurde. Ehe wir zu seinem außergewöhnlichen Leben kommen, können Sie uns bitte etwas über die Republik erzählen, die Platon erschuf?
ANAXIMANDER: Laut den Historikern versteht man die Republik am besten anhand ihres Leitspruchs »Vorwärts in die Vergangenheit«. Platon oder besser gesagt Platons Berater – denn die meisten glauben, dass Helena maßgeblich für die Gesellschaftsordnung der Republik verantwortlich war – predigten eine neue Form des Konservatismus. Danach sei es nur deshalb zum Niedergang gekommen, weil sich die Menschen zu weit von ihrem natürlichen Zustand entfernt hätten. Sie hatten sich unkritisch der Maxime des Wandels unterworfen und dabei das wesentlichste wissenschaftliche Gesetz außer Acht gelassen, dass nämlich Veränderung Verfall bedeutet. Platon erklärte den Menschen, sie könnten nur zum Ruhm der großen Zivilisationen zurückkehren, indem sie eine Gesellschaft schufen, die auf Stabilität und Ordnung gründete.
Platon nannte ihnen auch gleich die fünf großen Gefahren für die Ordnung: Unreinheit der Herkunft, Unreinheit des Denkens, Individualismus, Handel und Außenseiter. Seine Lösungen waren radikal, doch die Menschen hatten Angst und klammerten sich verzweifelt an seine Versprechungen. »Der Staat hat euch gerettet«, sagte Platon zu ihnen. »Nun ist es an euch, den Staat zu retten.«
Die Menschen wurden auf der Grundlage ihres Erbguts in vier Klassen unterteilt: Arbeiter, Soldaten, Facharbeiter und Philosophen. Kinder wurden unmittelbar nach der Geburt von ihren Eltern getrennt und erfuhren nie, wer ihre Vorfahren waren. Im Alter von einem Jahr wurde jedes Kind getestet und entweder einer Klasse zugeteilt oder eliminiert.
Alle Kinder unterlagen einer strengen Erziehung, sowohl körperlich als auch geistig. Ringen und Turnen waren Pflichtfächer, genauso wie Mathematik und Genetik. In den Sommermonaten blieben die Kinder unbekleidet, weil man glaubte, dies würde ihr Bedürfnis nach Individualität mindern.
Die besten Athleten konnten unabhängig von ihrem Erbgut von der Arbeiterklasse in die Klasse der Soldaten aufsteigen. Ebenso bestand für die besten Denker die Möglichkeit, in die Klasse der Facharbeiter aufzusteigen, aber niemals weiter. Die Klasse der Philosophen blieb den wenigen Auserwählten vorbehalten.
Männer und Frauen lebten voneinander getrennt und aßen und schliefen in ihren Arbeitsgemeinschaften. Liebesbeziehungen waren erlaubt, und sobald das Ministerium für Genetische Variation einem Paar die Genehmigung erteilte, durfte es sogar heiraten. Doch auch nach der Heirat lebten die Ehepartner weiterhin in ihren jeweiligen Gruppen und mussten sich Gutscheine verdienen, um Zeit miteinander verbringen zu können.
Ich glaube, damit wären die wesentlichen gesellschaftlichen Aspekte der frühen Republik zusammengefasst.
Anax begriff allmählich, dass sie keinerlei Bestätigung vonseiten des Gremiums erhalten würde. Trotzdem konnte sie nicht anders, als zu ihnen aufzublicken, so wie ein Schulkind in der ersten Woche zu seinem Lehrer oder seiner Lehrerin aufsah. Natürlich erhoffte sie sich kein Lob von ihnen, aber wenigstens eine Spur von Anerkennung. Doch sie war nicht in der Schule. Sie war in der Akademie.
PRÜFER: Wer ist Ihr Tutor, Anaximander?
ANAXIMANDER: Perikles. Die meiste Zeit jedenfalls. Natürlich wurde ich auch in der Schule unterstützt. Außerdem habe ich sehr viele eigene Nachforschungen angestellt, aber –
PRÜFER: Perikles.
Der Prüfer sprach den Namen aus, als übe er besondere Macht über ihn aus. Anax konnte nicht sagen, ob das gut oder schlecht war. Sie wartete auf die nächste Frage, in der Hoffnung, dass sie bald zu dem Thema kommen würden, bei dem sie sich am besten auskannte: Adam Fordes außergewöhnlichem Leben.
PRÜFER: Hat Platon Ihrer Meinung nach seine Ziele erreicht?
ANAXIMANDER: Das kommt darauf an, wie man seine Ziele definiert. Wenn es ihm um persönliche Macht und Status ging, was meiner Ansicht nach eine berechtigte Einschätzung seiner Motivation ist, dann war er zumindest zu seinen Lebzeiten in der Lage, erheblichen Einfluss auszuüben. Wenn Sie jedoch wissen wollen, ob es ihm gelungen ist, einen idealen Staat zu schaffen, in dem das Volk und die Gesellschaft ihr Potenzial am besten verwirklichen konnten, dann ist die Antwort weniger einfach. Vielleicht wäre es den Historikern leichter gefallen, Platon zu beurteilen, wenn es Adam Forde nie gegeben hätte.
Allein seinen Namen auszusprechen, entspannte sie. Drei lange Jahre hatte sie sich fast unaufhörlich mit Adam beschäftigt. Obwohl er lange vor ihrer Geburt gestorben war, hatte Anax das Gefühl, ihn so gut zu kennen wie sonst kaum jemanden. Sie hatte so viele Protokolle studiert, so viele Aufzeichnungen heruntergeladen. Am wichtigsten war jedoch, dass sie, wie Perikles es nannte, ein »Gespür für ihn« hatte. Wenn es ihr jetzt nicht gelang, die Prüfer zu beeindrucken, dann würde es ihr nie gelingen. Und dann – aber darüber wollte sie sich keine Gedanken machen. Sie hatte Perikles fest versprochen, nicht darüber nachzudenken.
PRÜFER: Ja. Adam.
Anax war noch niemandem begegnet, der seinen Namen aussprechen konnte, ohne angesichts seiner Bedeutung kurz innezuhalten. Die neuen Denker begannen, ihm einen geringeren Stellenwert beizumessen. »Es muss nichts Besonderes an dem Streichholz sein, das das Feuer entzündet«, pflegten sie zu sagen. »Bis auf die Tatsache, dass es das Streichholz ist, das das Feuer entzündet.« Doch auch sie hielten kurz inne, wenn sie seinen Namen aussprachen.
PRÜFER: Anaximander, zuerst möchte ich etwas über Adams Hintergrund erfahren. Wer waren seine Eltern, wie sahen seine ersten Lebensjahre aus? Jeder weiß, was an jenem Abend geschah, als er Wache hielt. Jedes Kind kann die Geschichte Wort für Wort wiedergeben, doch Adams Leben begann nicht an jenem Abend. Erzählen Sie uns, wie er der Mann wurde, der er war.
ANAXIMANDER: Adam wurde im Jahr 2058 geboren. Sein erstes Lebensjahr verbrachte er in der Tana-Kinderkrippe. Der Legende nach ersann seine Mutter eine Methode, mit der sie ihr Baby kennzeichnete, und ließ sich anschließend in seine Krippe versetzen, um in seiner Nähe zu sein, aber das ist wahrscheinlich nur eine Geschichte. Auch so ein typisches Beispiel für den verzweifelten Versuch, einfache Erklärungen für ein Ereignis zu finden. Für jene, die gerne verstehen möchten, was Adam zu dem machte, was er war, ist die Antwort »Alles und deshalb nichts« nicht leicht zu akzeptieren.
Was wir wissen, ist, dass Adam in die Klasse der Philosophen geboren wurde. Am Ende seines ersten Jahres wurde er den üblichen physiologischen Tests unterzogen und auch sein Erbgut wurde untersucht. Sein Entwicklungsstatus war zufriedenstellend, allerdings wurde eine Warnung in seine Akte eingetragen. Mindestens zwei genetische Marker deuteten auf die Möglichkeit unberechenbaren Verhaltens hin. Clarks legendäre Aktennotiz verwies gar darauf, die Elimination in Erwägung zu ziehen. Unter normalen Umständen hätte man Adam zwei Monate später noch einmal getestet. Doch im Jahre 2059 verbreitete die zweite große Seuchenwelle Angst und Schrecken, und als Clark starb, vernichtete man vorsichtshalber ihren vollständigen Nachlass, sodass der Test niemals wiederholt wurde. Als man den Fehler schließlich entdeckte, hatte Adam bereits seine ersten Sprachtests absolviert und Elimination kam nicht mehr infrage. In der allgemeinen Verwirrung, die hinsichtlich Adams Akte herrschte, wurde der Warnhinweis auf die genetischen Marker übersehen und die Information wurde niemals an die Schulbehörden weitergeleitet.
PRÜFER: Das heißt, er nahm ohne Umschweife die Ausbildung der Philosophen auf?
ANAXIMANDER: Ja. Laut Aufzeichnungen war er ein herausragender Schüler mit beeindruckenden Leistungen, insbesondere in Mathematik und Logik. Außerdem war er ein ausgezeichneter Ringer. Mit dreizehn Jahren trat er für seine Stadt beim jährlichen Wettkampf an. Bei diesem Turnier fiel zum ersten Mal seine individualistische Neigung auf, die schließlich zu seiner bedeutendsten Rolle führen sollte.
Er begegnete einem Mädchen namens Rebekah, das ebenfalls am Wettkampf teilnahm, und beschloss, dass sie Freunde sein sollten. Dass sie nicht in derselben Stadt oder auch nur auf derselben Insel lebten, kümmerte ihn nicht. Adam verbarg sich zwischen Rebekahs Mannschaftsgepäck und es gelang ihm, siebenhundert Kilometer weiter nach Süden zu reisen, als ihm erlaubt war. Mit Rebekahs Hilfe blieb er drei Tage lang unentdeckt, bis ihn ein Koch im Vorratsraum von Rebekahs Kommune erwischte.
Adam bekam einen negativen Vermerk und wurde nach Hause geschickt. Nach diesem Muster verlief auch sein weiteres Leben. Er hatte sich als streitlustiger, impulsiver Junge erwiesen, der keine Angst vor Bestrafung hatte und sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlte. Normalerweise wäre ein Jugendlicher bei einer solchen Überschreitung automatisch in die Arbeiterklasse versetzt worden, doch Adams Lehrerin setzte sich für ihn ein und bat um eine Ausnahme, da sie ihren Schüler für außergewöhnlich begabt hielt. Die zuständigen Behörden willigten ein und beschlossen, ihn stattdessen an eine Elite-Militärakademie der Republikanischen Wache zu schicken. Wenn man so will, hat diese Entscheidung die Geschichte für immer verändern.