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GEO
Die Welt mit anderen Augen sehen
Gruner + Jahr AG & Co. KG, Druck- und Verlagshaus,
Am Baumwall 11, 20459 Hamburg
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Rituale: ein Quell mächtiger Kräfte
Von Fred Langer
Zusatzinfos:
Ritualarchäologie in der Türkei
Was den Alltag zusammenhält
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Sie versprechen Kontinuität, verlaufen stets gleich und ändern sich doch. Rituale sind von gestern – und sehr aktuell: Ein Quell mächtiger Kräfte, deren Wirken die Forschung mit nie dagewesenem Aufwand zu entschlüsseln sucht
Drei Wünsche für die Menschheit?“ Harvey Whitehouse lehnt sich zurück in seinem abgeschabten Ledersessel, blickt auf die Bäume im Park vor dem Institut. „Ein Ende aller Bürgerkriege. Ein achtsamer Umgang mit unserem Planeten. Die Beseitigung allen Elends.“ Und mit jungenhaftem Lächeln fügt er hinzu: „Wir arbeiten daran.“
Whitehouse ist ein Träumer, gewiss, vor allem aber: Er ist Forscher, Ethnologe. „Warum wohl stellen wir Menschen Gemeinwohl so oft vor Eigennutz?“, fragt er. „Warum fühlen wir uns anderen verbunden, vertrauen immer wieder Fremden, opfern uns gar für sie auf?“ Die Antwort gibt er gleich selbst: „Weil es einen sozialen Kitt gibt, der uns zusammenhält. Und den wollen wir nutzen. Zum Wohle aller.“
Es ist ein vielschichtiger Stoff, dem Whitehouse nachspürt. Einen wesentlichen Bestandteil des Wundermittels aber hat er bereits isoliert in seinem Laboratorium des Geistes: die Rituale.
Whitehouse dirigiert von der englischen Universität Oxford aus ein weltweites Forschungsprojekt. Unter dem Titel „Ritual, Gemeinschaft, Konflikt“ vereint es das geballte Wissen aus einem halben Dutzend Fachbereichen; 17 Hochschulen sind beteiligt, unter anderem in Kanada, den USA und Neuseeland. Psychologen untersuchen, wie Kinder Rituale annehmen; Ethnologen erforschen, auf welche Weise Rituale die Gruppendynamik bei Südseevölkern fördern; an Fundstätten in der Türkei spüren Archäologen nach Zeugnissen für die Entstehung unserer Zivilisation – natürlich in Ritualen.
Und es ist keineswegs das einzige Großprojekt, das den Ursprüngen dieser neu entdeckten Kraft nachspürt. An der Heidelberger Universität hat der Sonderforschungsbereich „Ritualdynamik“ mit mehr als 90 Wissenschaftlern aus 15 Disziplinen seine Mission gerade vollendet. Ein Ergebnis der fast zwölfjährigen Arbeit: Rituale sind alles andere als starr und stereotyp, wie lange angenommen. Sie sind vielmehr eine treibende Kraft der gesellschaftlichen Veränderung.