Titel: Mein zweites Ich
©2014 Die Rechte des veröffentlichten Textes liegen bei Stephanie Strauch
&
Verlag:
Mondschein Corona – Verlag
Finisia Moschiano und Michael Kruschina GbR
Teckstrasse. 26
73207 Plochingen
www.mondschein-corona-verlag.de
Erst-Lektorat:
Astrid Pfister
Zweit-Lektorat:
Stephanie Strauch
von
Stephanie Strauch
Ich freue mich sehr, dass du mein Buch in der Hand hältst.
Bevor du aber völlig eintauchst in diese Geschichte und dich davon gefangen nehmen lässt, schreibe ich noch ein paar wichtige Worte vorweg.
Es erwartet dich die Geschichte einer jungen Frau.
Dana lässt uns teilhaben an ihren Leben und an den Umständen, die sie an genau diesen Punkt bringen, an dem sie jetzt ist.
Nichts wird verschwiegen, alles erzählt. Gedanken, Gefühle und Worte.
Dies ist eine einfache Geschichte. Keine schöne Geschichte. Keine lustige Geschichte, doch voller Emotionen.
Du bist herzlich eingeladen, freue dich mit ihr, leide mit ihr und höre ihr gespannt zu.
Denke daran … es ist nur eine Geschichte. Alle Namen, Handlungen, die Namen der handelnden Personen sowie alles Weitere ist rein fiktiv und frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder schon verstorbenen Personen sind reiner Zufall und unbeabsichtigt. Dies betrifft sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft.
Immer wieder begegnet man Menschen, die einen faszinieren. Manchmal bewegen diese Menschen nichts Großes. Es ist einfach faszinierend, wie sie leben, was sie erlebten. Die einen kämpfen um Macht, die anderen ums Leben. Man sucht sich nicht aus, wen man kennenlernt. Es ist dieser eine Augenblick, der entscheidet, ob ein Mensch wichtig ist oder nicht. Man kann sich nicht dagegen wehren, denn das Herz trifft diese Entscheidung. Ohne uns zu fragen, ob wir damit einverstanden sind.
So geschah es auch Bastian Müller. Nach seinem Psychologie-Studium arbeitete er in einer Psychiatrie. Dort traf er auf Dana Hardy, ihre Geschichte fesselte ihn.
Da saß sie nun diese Frau. Direkt vor ihm, ohne ihn nur einmal anzusehen. Schweigend, dürr, völlig am Ende. „Nun, Dana, warum sind Sie hier?“ Diese Frage stellte er nun schon seit sechs Wochen jeden Tag. Und wie jeden Tag gab es auch diesmal keine Antwort auf seine Frage.
Irgendwie musste er das Eis brechen. Er wollte ihr helfen. Seitdem sie hier war, nahm sie immer mehr ab. Sie zeichnete mit Kohle. Bilder von einer Frau, von einer Maske und von Gräbern. Ihre Finger waren schwarz, sie schienen schon lange nicht mehr mit Wasser in Kontakt gekommen zu sein. Die Haare verfilzt. Sie wurde ruhiggestellt mit Tabletten.
Bastian Müller nahm sich ihr an, nie gab er auf. Er hatte Talent, schaffte es immer wieder Menschen zu erreichen, die sich völlig verschlossen hatten, doch bei Dana biss er sich die Zähne aus. Auch dieses Mal endete eine schweigende Therapiestunde. Nicht mit einem Blick würdigte Dana ihn, auch nicht, als sie von den Pflegern wieder auf ihr Zimmer gebracht wurde.
Bastian studierte ihre Akte, wobei ihm immer wieder die gleichen Worte auffielen.
Enttäuschung
Missbrauch
Hoffnungslosigkeit
Auch abends zu Hause widmete er sich ihrer Akte und fand einen Hinweis, wie er an sie herankam. Der nächste Tag würde ein Erfolg werden, da war er sich sicher. Endlich Zugang zu Dana.
Dana stand auf, ging schweigend zur Tür, dort warteten bereits zwei Betreuer auf sie. Den Blick starr auf den Boden gerichtet. „Na Dana, heute bereit?“ Alle wussten, dass sie seit sechs Wochen nichts mehr erzählt hatte. Ein typischer Fall, um Schmerzen zu verdrängen. Wenn man nicht redet, braucht man auch nicht darüber nachdenken und somit auch nicht daran erinnern.
Es regnete, dennoch blieb Dana kurz stehen, schaute sich den Himmel an und lächelte kurz.
Es regnet. Wie passend das Wetter doch heute ist. Ich mag den Regen. Er ist alles, was mir geblieben ist. Der Betreuer ermahnte sie weiterzugehen, sonst würden sie alle nass werden. Erneut richtete sie den Blick zum Boden und ging weiter. Wieder zur Therapie, wieder mit Bastian Müller reden, doch er war noch nicht da.
Dana setzte sich auf den Stuhl. Die beiden Betreuer ließen sie alleine. Das erste Mal, dass sie sich den Raum anschauen konnte. Sofort fiel ihr ein Blatt Papier auf. Passend dazu lag daneben ein Bleistift. Ein kurzer prüfender Blick zur Tür, dann richtete sie sich auf und ging zum Tisch. Den Bleistift in der Hand starrte sie auf das Papier und fing an, ein paar Striche zu malen.
Der Psychologe kam herein und total erschrocken warf sie den Bleistift weg und zerknüllte das Papier. Im gleichen Zuge eilte sie auf ihren Stuhl. Den Blick wieder nach unten gerichtet.
„Guten Morgen, Dana.“ Übertrieben gute Laune klang aus diesen Worten. Bastian ging zu ihr, kniete sich vor sie und nahm ihr Kinn in die Hand. Langsam hob er ihren Kopf an und blickte das erste Mal in ihre klaren grünen Augen. Jeglicher Lebenslust beraubt, traurig und ausgebrannt. Ein Schauer durchfuhr Bastian Müller. „Ich habe eine Überraschung für dich Dana … Ich weiß doch, was heute, für ein Tag ist.“ Noch immer hielt sie das Papier in der Hand, sah ihm in die Augen und gleichzeitig durch ihn hindurch. „Komm mit, wir fahren an einen schönen Ort.“ Mit diesen Worten nahm er ihre Hand und ging mit ihr zum Auto.
Der Regen hatte sich verzogen, einzelne Lücken in den Wolken ließen ein paar Sonnenstrahlen hindurch. Wärme auf ihrer Haut, die sie nicht wollte. „Du bist sicherlich schon riesig aufgeregt, wo es hingeht, stimmt es?“ Fröhliche Worte. Dana schaute aus dem Fenster und schüttelte den Kopf. Das erste Mal seit sechs Wochen, dass sie wieder frei war. Raus aus den Mauern der Psychiatrie. Endlich wieder Mensch sein.
„Da sind wir. Ich hoffe, du magst den Ort.“ Bastian Müller hielt an und stieg aus. Dana blickte nach vorne und erkannte die Staumauer. Ihr Herz blieb stehen, jeder Atemzug schmerzte in ihrer Brust, Tränen rannen über ihre Nasenspitze. Er ging zu ihr hinüber und öffnete ihre Tür. Eine Hand griff nach Dana und löste sie somit aus ihrer Schockstarre. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“
Einmal die Woche fuhren die beiden an diesen Ort und von Mal zu Mal öffnete sie sich mehr.
„Ist es schön hier?“, wiederholte er seine Frage. Währenddessen setzten sie sich auf die Staumauer und blickten auf den darunter liegenden See. „Warum sind wir hier?“, fragte Dana. Erschrocken über diese Worte blickte Bastian zu Dana und verschluckte sich am Kaffee. Schmerzerfüllte Worte, die mehr heraus gepresst wurden als normal gesprochen. „Ich dachte dir gefällt dieser Ort vielleicht. Mir gefällt er, er ist so schön ruhig, und trotzdem beeindruckend. Ist das nicht Wahnsinn, dass so ein bisschen Stein solche Wassermassen zurückhalten kann? Es ist gewaltig, wie groß die Staumauer ist … und dann noch dieser unbeschreiblich schöne Ausblick.“ Er schaute sie an, beobachtete ihre Augen. Jedes Mal schaute sie in die gleiche Richtung. „Was siehst du da, Dana?“ Ohne den Blick abzuwenden, antwortete sie: „Nichts!“ „Das Papier auf dem du damals gezeichnet hast und dann zerknüllt, was hast du da darauf gemalt?“ Dana blickte ihn an und erwiderte: „Ich habe Hunger.“
Sie wich seiner Frage aus, dennoch blieb er hartnäckig. „Beantworte meine Frage und wir gehen etwas Essen.“
Ihr Blick wanderte über den See und blieb wieder an einer Stelle stehen. „Ich habe ihre Lippen gemalt.“
„Wessen Lippen?“
„Ihre Lippen … denn sie ist es, die ich vermisse.“
Bastian schaute fragend zu Dana, entschloss sich aber doch nicht weiter nachzufragen. „Was willst du Essen?“
„Ich weiß nicht, irgendetwas, was es nicht täglich gibt. Das Essen da ist scheußlich. So etwas gibt man doch noch nicht einmal Tieren.“
Bastian musste lachen. „Ja da hast du recht, das Essen ist da wirklich nicht gut. Ich habe eben ein Italiener gesehen, Lust auf Pasta?“ Dana schaute ihn an, abwägend, dann nickte sie.
Immer besser verstanden sich Dana und Bastian, so kam es dazu, dass Dana ihm vertraute und bereit war, ihm ein wenig zu erzählen. „Waren sie schon mal mit einem Mann zusammen?“, kam eine direkte Frage von Dana.
Bastian erschrak und sagte: „Nein … nee das ist nichts für mich.“
Dana lächelte ihn an: „Da haben wir was gemeinsam.“ „Dana, erzählst du mir, was passiert ist? Ich meine, warum du hier bist?“
Sie verfiel in Gedanken, wägte ab und nickte. „Aber nicht hier, die Staumauer, da will ich reden, sie ermöglicht mir einen Blick auf einen sehr speziellen Ort.“
Aufgeregt führ Bastian zur Arbeit, jetzt war es soweit, Dana würde ihm endlich erzählen was passiert war, wer sie war. Immerhin hatte es fast fünf Monate gedauert, ehe sie ihm so weit vertraute. Vor dem Eingangstor stand sie. Sie sah deutlich besser aus als beim ersten Treffen der zwei. Schon kurze Zeit später waren sie auf dem Weg zur Staumauer. Sie hielt ihren Kakao in der Hand und steuerte auf ihren Lieblingsplatz zu. Nach einigen verschwiegenen Minuten fing sie an zu lächeln und begann. Bastian nahm sein Diktiergerät aus der Tasche und drückte auf Aufnahme. „Von hier aus sehe ich die Blockhütte. Dahinten, neben den gelben Boot, sehen sie.“
Nur mit Anstrengung konnte Bastian die Hütte sichten. „Was hat es auf sich mit dieser Hütte?“
„Dazu komme ich später. Ich würde nur allzu gerne noch mal dahin.“
Sie sah ihn an, ihr Lächeln verflog.
„Na dann erzähl mir deine Geschichte, wer bist du?“
„Wer ich bin?
Ich heiße Dana Hardy, bin siebenundzwanzig Jahre alt und bin ein Nichts.
Naja, das dachte ich bis vor Kurzem.
Jetzt bin ich ein Jemand, erfolgreich, glücklich.
Glücklich?
Wie es dazu kam? Ich erzähle es euch …“
Es klingelte mein Wecker, mit kleinen Augen und einem steifen Nacken quälte ich mich morgens aus dem Bett. Ab ins Bad, Toilettengang, Zähne putzen, duschen, anziehen … eben das Übliche, wie immer.
Nach einer morgendlichen warmen Schokolade und den verzweifelten Versuch mir was zu essen startete ich den Tag.
Ein Auto konnte ich mir nicht leisten und naja mein Fahrrad brachte mich auch eher schlecht als recht auf die Arbeit.
So wirklich Spaß machte mir meine Arbeit nicht, was ist denn auch schon aufregend daran, jeden Tag acht Stunden auf den Bildschirm zu sehen, Tabellen zu kalkulieren und dem Chef in den Allerwertesten zu kriechen. Was man eben so tat, um die schlecht bezahlte Arbeit zu behalten.
Wirtschaftskrise nennen es die Politiker. Aber die denken eh, dass sie alles mit uns machen können. Wir, das kleine steuerzahlende Fußvolk.
Aber nun zurück zu mir.
Mein Boss war eine Frau, Diane Parker, streng, elegant und bewachend. Ein echter Chef eben. Meine erste Aufgabe am Morgen bestand darin, ihr einen Kaffee zu kochen. Vom Bäcker Brötchen zu holen und in ihrem Büro Ordnung machen. Tag ein Tag aus. Jeden Morgen ab acht Uhr das Gleiche. Um neun Uhr dann kam sie auch und beschwerte sich meistens über das viel zu krosse Brötchen, wenigstens ein Guten Morgen kam über ihre Lippen. Und seit zwei Wochen schmeckte ihr auch mein Kaffee. Sie war eine groß gebaute und schlanke Frau. Sie war nicht vergeben, ab und zu telefonierte sie mit einer Freundin oder wurde von ihr abgeholt. Diese Freundin grüßte mich immer, wenn ich noch im Büro war und unterhielt sich mit mir, wenn Frau Parker noch etwas zu tun hatte. Ich sollte es nicht verraten, aber ich mache es einfach, sie ist vierunddreißig Jahre alt, achtet sehr auf ihr Äußeres und ist den Kunden gegenüber immer nett und zuvorkommend. Oft wünschte ich mir, ich sei ein Kunde aber nein, das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Von meinen Kollegen bekam ich auch nur Spott. Eine Arschkriecherin sollte ich sein. Fehlte nur noch, dass ich mich hochschlafe, sagten sie oft. Ein Kameradenschwein sollte ich sein. Aber wenn sie was brauchten, dann war ich wieder die Beste. Und was habe ich gemacht? Ich habe es ertragen. Mich nicht gewehrt.
Ich war wie ein Computer. Ich lebte nicht, ich funktionierte!
Was gemacht werden musste, machte ich, egal ob ich wollte oder nicht.
Überstunden? Ich meldete mich freiwillig, auch am Wochenende. Natürlich unbezahlt und nicht gewürdigt.
Unser Büro war schlicht und kalt eingerichtet. Weiße Wände, nur zwei Blumen auf dem Fensterbrett versprühten so etwas wie … nein eigentlich passten sie ins Büro, sie waren verwelkt; Unkraut.
Der Raum war groß, ungefähr sechs mal zehn Meter. Wie in einem Klassenzimmer waren unsere Tische angeordnet, fünf Stück. Ich saß ganz hinten, konnte auf die Monitore vor mir schauen. Hinter meinem Tisch kam das Extrabüro unserer Chefin. Mit Klimaanlage und Stressless-Sessel ausgestattet. Ein paar Blumen im Raum belebten das Büro ungemein. Ihr Tisch war immer sorgfältig aufgeräumt und geordnet. Kein Wunder, machte ich dies ja jeden Morgen sauber. Der Ausblick aus ihrem Büro war atemberaubend. So manch einen Abend habe ich hier gesessen, ganz alleine während meiner Überstunden und habe schöne Sonnenuntergänge gesehen. Das weite Feld, am Horizont der Wald, manchmal habe ich auch Rehe gesehen. Ganz anders als aus unserem Büro. Wir schauten auf eine graue Betonwand unseres Nachbargebäudes. So nah an unsere Fenster gebaut, dass auch bei bestem Wetter keine Sonne zu uns durchdrang. Jeden Tag das Kunstlicht.
Dann ist mein Fahrrad kaputtgegangen und ich hatte nicht einen Cent für ein neues. Ich musste den Schritt ins Chefbüro wagen. Ich war aufgeregt, wusste eigentlich schon, dass ich mit leeren Händen zurückgehen würde, aber ich versuchte es. An diesen Tag machte ich mal wieder Überstunden.
Frau Parker kam oft zu mir und gab mir Tabellen mit der Bitte, diese schon gestern überarbeitet zu haben. Ich sprach sie kurz vor der Mittagspause an, sagte ihr, dass ich sie dringend sprechen müsste, sie vertröstete mich auf den Feierabend hin: „Jetzt nicht, Frau Hardy, ich habe zu tun, das sehen sie doch, oder? Kommen sie heute nach Feierabend zu mir!“ Meine Kollegen verdrehten schon wieder die Augen und verspotteten mich. „Na, willst du wieder etwas Besseres sein als wir?“
Irgendwas war anders als sonst mit der Chefin, das merkte ich. Sie trank ihren Kaffee nicht, das Brötchen lag auch unberührt da. Dann kam der Moment; Feierabend, meine vier Kollegen gingen nach Hause. Punkt sechzehn Uhr werden alle Stifte fallen gelassen und um eine Minute nach vier ist keiner mehr da. Ich drehte mich um und schaute zur Tür von Frau Parkers Büro. Stand auf, ging auf die Tür zu und wollte klopfen, da vernahm ich ein Schluchzen, es kam aus ihrem Büro. Ich klopfte an. „Moment bitte“, erklang eine nervöse Stimme. Mein Herz klopfte. „Ja, bitte, herein.“
Ich öffnete die Tür und sah sie an, sie saß auf ihren Sessel vor dem Tisch, schaute aus dem Fenster. Ihr Profil verriet mir, dass irgendetwas nicht stimmte, mit all meinem Mut sprach ich sie an: „Ist alles in Ordnung? Ich vernahm ein Schluchzen und dachte das irgendwas nicht O.K sei.“ Sie drehte sich mit dem Stuhl um, von mir weg, stand auf und ging zum Fenster. Aus ihrer Hand fiel ein Taschentuch, sichtlich benutzt. Sie stützte ihre Hände auf die Fensterbank und schaute hinaus. „Ja. Ist es nicht ein schöner Ausblick? Die Natur, so unberührt, so schön.“
Was wollte sie damit bewirken? Lenkte sie vom Thema ab? Aber sie sagte doch Ja, also muss alles in Ordnung sein. Aber das Taschentuch? Ich ging zu ihr und hob das Tuch auf, stellte mich neben sie, schaute auch aus dem Fenster, dann gab ich ihr das Taschentuch wieder und sagte: „Ja … das ist es, ich liebe diesen Ausblick, manchmal, wenn ich länger mache, stelle ich mich hier hin und schaue den Sonnenuntergang an.“ Sie nahm das Taschentuch wieder in die Hand und knüllte es zusammen: „Sonnenuntergang? So lange arbeiten Sie? Haben Sie denn kein Privatleben? Keinen Menschen, der auf Sie wartet? Gehen Sie nach Hause, genießen Sie das Wetter, keine Angst die Arbeit wartet auch bis morgen auf Sie.“ Sie sah mich nach wie vor nicht an. Ihre Hand drückte das Taschentuch fester. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter, war mir aber nicht sicher, ob es richtig war. „Ich … habe niemand der auf mich wartet, ich habe nur die Arbeit. Manchmal ist es gut mal mit jemanden zu reden, einfach so … ohne Zwänge … machen Sie es, sonst enden Sie so wie ich“, ich drehte mich um und ging. Mein neues Fahrrad musste warten.
Ich hatte noch nicht einmal Geld für die Busfahrt und so lief ich die sieben Kilometer bis nach Hause. Viel Zeit, um nachzudenken. Der Weg führte mich an einem Zeitungsladen vorbei, kurz hielt ich an und las die ausgehangene Zeitung. Karneval, überall dieser Mist über besoffene, scheinbar erwachsene Leute. Dann entdeckte ich einen Artikel, ganz klein, in der unteren linken Ecke. Zwischen all den bunten Bildern.
Junge Frau stirbt bei einem Verkehrsunfall
Die 29- jährige befuhr gestern Vormittag eine Landstraße,
als aus der Gegenrichtung ein Auto mit überhöhter
Geschwindigkeit kam. Bei dem Frontalzusammenstoß
starb die junge Fahrerin. Der Fahrer des anderen Autos
überlebte schwer verletzt. Unfallursache unklar.
Zeugen bitte bei der Polizei melden.
Ich ging weiter, musste an das Unfallopfer denken, aber nur kurz. Dann schwirrte mir wieder das Gespräch mit meiner Chefin durch den Kopf. Warum ist sie so traurig gewesen? Was ist los, was ist passiert? So kenne ich sie nicht, sonst ist sie immer so kühl, professionell, keine Chance nur eine private Info über sie zu entlocken. War es richtig von mir, ihr meine Hand auf die Schulter zulegen? Sie ist mein Chef, da macht man so etwas nicht! War es richtig ihr zu gestehen, dass ich Niemanden hatte? Habe ich mich als Niemand geoutet? Was denkt sie jetzt über mich? Das Fahrrad kann ich jetzt wohl komplett vergessen. Dass heißt, dass ich morgen noch früher aufstehen muss.
Ich wurde aus den Gedanken gerissen. Zwei Frauen mit Nordic-Walking-Stöcken kamen an mir vorbei. „Hast du das gehört von der Frau? Ist das nicht schrecklich? Da soll sich doch der Typ von der Brücke stürzen, wenn er nicht mehr leben will, aber doch nicht Unschuldige in den Tod reißen und selbst überleben!“
„Unfassbar!“
Mehr bekam ich von deren Unterhaltung nicht mit. Dann versank ich wieder in meiner Gedankenwelt, und ehe ich mich versah, war ich zu Hause. Ich zog meine Schuhe aus, schaltete meinen Computer ein und recherchierte über den Unfall. Tatsächlich wollte der sich umbringen, sogar mit Abschiedsbrief. So ein Schwein, das der überlebt. Wahnsinn, was es doch für bescheuerte und kranke Leute gibt. Ob die Chefin sie gekannt hatte?
Am nächsten Morgen wachte ich wieder völlig unausgeschlafen und verspannt auf. Hatte von dem Unfall geträumt. Um Viertel vor sieben ging ich dann aus dem Haus. Auf zur Arbeit.
Pünktlich um acht Uhr war ich auf Arbeit, der Vorteil daran, dass ich lief, war, dass ich das Brötchen für die Chefin schon kaufen konnte. Vor dem Bürokomplex stand das Auto von Frau Parker. Sonst war der Parkplatz noch frei. Huch? Ist die Chefin schon da?, dachte ich und ging die Treppen hoch. Auf halben Weg kam Max mir entgegen: „Guten Morgen Dana. Vorsicht heute hat die Chefin schlechte Laune.“ Dann war er auch schon wieder weg.
Max war einer meiner Kollegen, der Einzige, der auch mal mit mir redete, ich meine so richtig vernünftig redete. Er stichelte nicht an mir herum, er findet es schade, dass ich so einsam bin und nicht akzeptiert werde. Max ist echt ganz O.K, aber eben auch nur ein Mann, der auf der Suche nach sexuellen Abenteuern ist. Ich meine, er baggerte alles an, was ihm über den Weg lief, eben ein richtiger Gigolo. In mir sah er nicht eine Frau, sondern einen Kumpel. Wir redeten ab und zu mal in der Pause über Frauen und ihre Eigenheiten. Waren die anderen Kollegen dabei, redete er nicht mit mir. Er wollte kein Außenseiter sein.
Ich betrat unser Büro. Nach einen flüchtigen Guten Morgen zu meinen Kollegen steuerte ich auf die Tür meiner Chefin zu. „Warte, nein, geh da nicht rein. Das hast selbst du nicht verdient.“ Lena hielt mich am Arm und schüttelte den Kopf.
„Sie ist schon vor uns hier gewesen. Heute hat sie echt schlechte Laune, wir mussten alle Termine absagen, sie will keinen sehen und hören. Bleib lieber hier.“
„Was ist passiert? So früh ist die Chefin doch sonst nie hier“, fragte ich. Keiner wusste eine Antwort.
Ich atmete tief ein und klopfte an. Keine Antwort, ich klopfte nochmals an. Wieder nichts. Ich öffnete einfach die Tür und ging schnell hinein.
„Ich habe nicht herein gesagt. Also gehen Sie wieder raus.“ Wieder saß sie in ihrem Sessel mit dem Rücken zu mir. „Ich habe hier Ihr Brötchen, ich lege es einfach auf den Tisch. Wollen Sie noch einen Kaffee?“
„Bitte gehen Sie raus, sonst muss ich laut werden! Und den Kaffee können Sie sich sonst wohin stecken.“
Das war mal eine Ansage. Was ist denn jetzt los? Was ist passiert? Kannte sie etwa die Frau vom Unfall? Ich muss nachher irgendwie mit ihr sprechen. Ich drehte mich herum und sagte: „Wenn ich irg…“, weiter kam ich nicht. „RAUS!“ Ich öffnete die Tür und ging mit schnellen Schritten weg. Meine Kollegen schauten mich nur erstaunt an. Ich schaltete meinen PC ein und schaute nach Terminen, die heute noch anstanden, ich musste alle absagen, denn so sollte keiner mit unserer Chefin in Kontakt treten. Im Terminkalender entdeckte ich eine Notiz.
16:30 Michaela
Das war ihre Freundin, die sie ab und zu abholte. Sollte ich sie anrufen und ihr abraten heute mit ihr weg zu gehen? Ich tat es nicht, ist ja nicht mein Privatleben, sondern Frau Parkers. Der Tag raste mal wieder nur so an uns vorbei. Heute war so wenig zu tun, das ich pünktlich Feierabend machen könnte, aber ich entschied mich zu bleiben.
Die Uhr verriet mir, dass es schon 16:35 war. Mensch, sie kommt später? Das macht sie sonst nie. Was ist mit Michaela los? Geht es Frau Parker schon besser? Ich schau mal nach ihr. Ich wollte gerade aufstehen, da öffnete sich die Bürotür der Chefin; das erste Mal heute, doch keiner kam heraus.
Ist Michaela vielleicht die Frau von dem Unfall? Sie ist sonst nie zu spät gekommen. Ich stand auf und klopfte an die offene Tür: „Darf ich reinkommen?“
Es kam keine Antwort. „Chefin? Ist alles in Ordnung? Sie sind heute so ruhig.“
Ich ging in ihr Büro, sie stand wieder am Fenster, schaute hinaus. Die Hände wieder krampfhaft auf die Fensterbank gestützt. „Sind die anderen weg?“, fragte sie.
„Ja, die sind schon lange weg“, ich nahm meinen Mut zusammen: „Die Frau … ich meine den Unfall … ist es Michaela?“
Sie brach in Tränen aus.
Oh mein Gott, es ist Michaela … nein … Scheiße.
Wie ein nasser Sack senkte sich ihr Körper zu Boden. Ich ging zu Frau Parker und setzte mich neben sie. „Das tut mir leid, ich … ich weiß nicht was ich sagen soll. Es tut mir so leid.“
Nach beunruhigender und lang andauernder Stille sagte sie: „Sie wissen doch gar nicht, wie schlimm das ist, wenn man jemanden verliert, der einem alles bedeutet hat.“
Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und erwiderte: „Oh doch, mir hat man alles genommen, wirklich alles.“
Sie hob den Kopf und schaute mich an. Ihre braunen Augen waren erfüllt von Trauer und Wut.
Ich schaute sie an und versuchte sie zu trösten: „Was ist sie für Sie gewesen?“
„Entschuldige, aber das ist privat … ich … sie war meine Freundin. Seit zehn Jahren kenne ich sie, wir wollten in ein paar Wochen nach Bali fliegen … nur wir zwei. Da habe ich mich schon so lange drauf gefreut. Sie war mein Halt.“ Entschuldige? Hat sie mich gerade geduzt? Soll ich sie auch ...? Nein, das mache ich nicht, ich kenne sie nicht, ich habe nicht das Recht dazu. Soll ich ihr meine Geschichte erzählen? Soll ich mich ihr anvertrauen?
„Es ist schön solch einen Menschen zu haben und umso grausamer, wenn er oder sie dann geht. Möchten Sie darüber reden?“
Sie schaute mich fragend an. „Warum? Sie sind meine Mitarbeiterin, ich bin Ihr Chefin. So was wie das hier, sollte gar nicht passieren. Was Sie jetzt wohl über mich denken? Ich muss stark sein, das gehört hier nicht hin, nicht auf die Arbeit.“ Frau Parker wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf, schaute wieder aus dem Fenster. Ich stand auch auf und stellte mich neben sie. „Seit einer Stunde ist es keine Arbeit mehr. Es ist Feierabend. Ich sagte doch bereits gestern, dass es gut ist, einfach mal mit jemanden zu reden, der nicht im privaten Umfeld vorhanden ist, eine zweite Meinung; jemand der ohne Vorurteile, ohne zu wissen, wer die Person ist ... einfach mal fallen lassen. Das tut gut, das tat auch mir gut … damals.“ Meine Stimme wurde weicher bei den Gedanken an meine Vergangenheit. Ich schaute sie an, sah ihr in die Augen und sagte: „Was ich über sie denke? Sie sind eine wahnsinnig starke, hübsche Frau, ein Mensch mit Gefühlen, jemand den ich mag. Egal ob Sie meine Chefin sind oder nicht, ich respektiere Sie, schaue zu Ihnen auf. Und … ich sehe Sie nicht gerne so wie jetzt“, mit meiner Hand wischte ich ihr eine Träne aus dem Gesicht „dieses traurige Gesicht, das steht Ihnen nicht.“
Da war sie, diese Stimmung, dieses Gefühl das Richtige gemacht zu haben.
„Wenn Sie aber nicht reden wollen, nicht mit mir, das ist kein Problem, dann gehe ich jetzt. Nehmen Sie sich frei. Ruhen Sie sich aus, ersticken Sie sich nicht selbst in Arbeit … das würde Sie nur verrückt machen, glauben Sie mir.“ Ich wartete auf eine Antwort, Sekunden vergingen, nichts kam, also drehte ich mich um und steuerte auf die Tür zu. „Danke.“
Ich erschrak, als sie das Wort sagte, ein kalter Schauer durchfuhr mich. Ein letztes Mal drehte ich mich zu ihr und sah, wie sie versuchte, mir ein Lächeln zu schenken.
„Nicht dafür“, kopfschüttelnd ging ich aus ihrem Büro und zog mir die Jacke an.
Auf dem Weg nach Hause setzte ich mich auf eine Parkbank, ich konnte nicht mehr, fing an zu weinen.
Kathy, ich vermisse dich. Warum ist das Leben so unfair zu mir? Was habe ich gemacht? Habe ich es wirklich verdient? Und nun das mit Michaela. Ich kenne sie ja nicht, aber sie muss eine sehr wichtige Person für Frau Parker gewesen sein. Oh man, ich bin so durcheinander …
„Guten Abend, schöne junge Frau.“ Ich schrak aus meinen Gedanken und schaute rechts neben mich. Da saß ein Mann, ich schätzte, dass er so um die vierzig sein musste. Ich musterte ihn von oben bis unten. „Entschuldigen Sie, aber sollte ich Sie kennen?“, fragte ich verwundert.
„Nein wir kennen uns nicht. Sie sahen so traurig aus, haben geweint, da dachte ich mir schau ich mal, ob ich Sie etwas aufheitern kann. Traurige Menschen finde ich nicht gut, jeder hat ein Recht darauf glücklich zu sein. Ach ja, wie unverschämt von mir, ich bin Dr. Oliver Schmidt. Ich gehe hier gerne spazieren. Ist so schön ruhig hier.“ Er reichte mir seine Hand. Doktor Oliver Schmidt, kenne ich nicht, und dann noch diese billige Anmache. Was mache ich jetzt nur? Ich gehe, ich stehe auf und gehe, aber wenn er mich verfolgt? Dann weiß er, wo ich wohne. Sehe ich schon wieder nur das Böse im Menschen? Was ist, wenn er nett ist, mich wirklich nur aufmuntern will? Ich sah zu ihn und gab ihn meine Hand: „Dana Hardy, ohne Doktortitel.“ Er fing an zu grinsen. Ich auch. „Na das ist doch mal was. Erfreut, Sie kennenzulernen, ich dachte, Sie rennen gleich weg. Was verschlägt Sie hierher? Ich meine, hier im Dunkeln auf diese Bank. Haben Sie keine Angst, dass hier jemand kommt und Sie verschleppt? Ich meine nicht, dass Sie jetzt denken, ich wollte das. Nein ich bin nur ein verrückter Wissenschaftler, keine Angst, ich beiße nicht, ich will mich hier nur mal wieder inspirieren lassen. Oh, Sie merken bestimmt, dass ich oft und viel rede.“
Wieder lächelte er. „Warum sind Sie so traurig?“
Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich etwas besser, hatte ein gutes Gefühl bei seiner Anwesenheit, also erzählte ich: „Nun, ich hatte ein Scheiß-Tag auf Arbeit. Haben Sie von dem Unfall gehört?“ Er nickte. „Nun, das ist eine Freundin meiner Chefin. Und dementsprechend ist auf Arbeit echt Stunk. Und dann kamen noch ein paar Erinnerungen von früher hoch. Das war zu viel für heute. Ach ja, mein Fahrrad ist seit ein paar Tagen kaputt, muss also immer laufen. Aber das soll ja fit halten.“
„Na das ist aber ein fürchterlicher Tag gewesen, der hoffentlich nicht so schnell wieder kommt. Mein Tag war heute auch nicht gut. Arbeite an einem Projekt und naja, habe die falsche Software installiert und dadurch zwei Millionen Euro Schaden angerichtet, aber morgen ist ein neuer Tag und dann behebe ich den Fehler.“ Er gab mir ein Taschentuch, mit dem ich meine Tränen aus dem Gesicht wischte. „Wow, und? Jetzt sind Sie gekündigt worden? An was arbeiten Sie denn?“
Er fing an zu lächeln und erwiderte: „Ich kann mich selber nicht kündigen, ich entwickele gerade eine, hm, einfach gesagt, eine zweite Realität, ist ein Computerspiel, aber auf einer völlig neuen Ebene. Man sitzt nicht nur stur auf den Stuhl vorm PC. Nein man loggt sich ein, mit einen Interface, also einem Helm und dann taucht man ein in eine andere Welt. Man kann sie sich gestalten, wie man will. Man erstellt einen eigenen Charakter und lebt mit diesen dort, bis man sich ausloggt.“
Ich fuhr dazwischen: „So etwas gibt es doch schon, seit Jahren, also das mit der zweiten Welt, ich habe das Spiel auch gespielt. Vor lauter Verzweiflung.“
„Ja, das stimmt aber nicht so, wie ich es entwickele. Bei dem Spiel was sie meinen, sitzen sie vor dem PC, sehen alles, was im Raum ist. Bei meiner Erfindung tauchen sie völlig ein in diese Welt.“ Euphorisch berichtete er über seine Erfindung.
Völlig eindringen in eine andere Welt? Ein neuer Mensch. Klingt mal nach einen interessanten Spiel.
„Und es kann eine völlig andere Ablenkung sein, wenn man mal einen schlechten Tag hatte. Ich selber sitze auch vier Stunden täglich online im Spiel. Bin da ein anderer Mensch. Habe mir einen Millionär entwickelt ... nie mehr arbeiten, den ganzen Tag nur Genießen. Ausschlafen, schön frühstücken und vor allem mit anderen Menschen zusammensitzen. Leute, die ich im richtigen Leben nie treffen würde. Wissen sie was? Ich gebe Ihnen mal meine Karte, rufen Sie an oder besuchen Sie mich mal, dann zeige ich Ihnen mein Spiel. Ganz exklusiv. Dann können Sie gerne auch mal einen Charakter erstellen. Mal ausprobieren, natürlich nur, wenn Sie wollen. Hier meine Karte.“
Ich nahm die Karte in die Hand und schaute darauf. „Danke, ich werde bestimmt mal bei Ihnen vorbei schauen. So ich muss jetzt auch weiter. Habe noch einen strammen Marsch bis nach Hause vor mir.“ Wir verabschiedeten uns und gingen getrennte Wege.
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, Tausende Gedanken verfolgten mich, mein Kopf brannte.