Susanne Wittpennig

Maya und Domenico

Schatten der Vergangenheit

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Meinem Vater,
den ich wieder neu fand.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Text nach der 5. Auflage 2011
© 2014 by `fontis – Brunnen Basel
Cover: Susanne Wittpennig, Basel
E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-618-3
ISBN (MOBI) 978-3-03848-619-0

www.fontis-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

1. Ja oder Nein …

2. Ein gefährliches Märchen

3. Besuch im alten Schulhof

4. Ein abgefahrener Plan

5. Reise durch die Nacht

6. In Mamas Garten

7. Weiter nordwärts

8. Am Hafen von Oslo

9. Eine überraschende Begegnung

10. Nordischer Straßenlärm

11. Drei Freaks

12. Rettung in letzter Minute

13. Hendriks Traum

14. Nur ein Autogramm?

15. Traum versus Realität

16. Der Junge ohne Familie

17. Triff deine Wahl

18. Schockierende Wahrheit

19. Tiefe Reue

20. Nittedal

21. Überwältigt

22. Flieg, Bruder, flieg

23. Mitternachtsparty

24. Halt mich fest

1. Ja oder Nein ...

Vor dem «Little Joe's» war mal wieder eine Menge los. Jugendliche strömten rein und raus, schubsten, drängelten, kreischten, grölten und lachten. In einem Bienenstock herrschte im Vergleich dazu die reinste Ordnung. Ich rutschte mal nach links und wurde gleich darauf wieder nach rechts gestoßen. Jemand trat mir mit seinen Latschen auf die Füße und haute mir seinen Rucksack um die Ohren. Endlich entdeckte ich ein sicheres Plätzchen in der Nische zwischen der Eingangstür und dem übervollen Mülleimer, wo ich gefahrlos stehen bleiben konnte, ohne über den Haufen gerannt zu werden.

Mittagszeit. Und eine Horde hungriger Schüler, die nicht nach Hause gehen konnten oder nicht wollten. Ich vertrieb mir die Wartezeit, indem ich mir ihre Geschichten zusammenfantasierte. Vielleicht arbeiteten beide Elternteile den ganzen Tag. Oder die Mutter war karrieresüchtig. Oder die Eltern hatten Zoff daheim. Oder die Kids hatten gar keine Lust, nach Hause zu gehen. Oder sie hatten gar kein richtiges Zuhause … oder eine Mutter, die weit weg von daheim eine Erholungskur machte. Und einen Vater, der zurzeit fast in seiner Arbeit ertrank.

So wie ich.

Mitten in meinen Grübeleien entdeckte ich sie. Einen bunten, hüpfenden und wirbelnden Punkt, der deutlich aus der Menge hervorstach, mit einem neugierigen Blick wie dem eines kleinen Kindes, das dabei ist, die Welt zu entdecken. Ich konnte mir trotz meines ungemütlichen Standortes ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wie war es möglich, dass man so banalen Alltagsübeln wie einer drängelnden Menschenmasse noch etwas Lustiges abgewinnen konnte? Das war unglaublich. Ein Überschuss an Glückshormonen vermutlich.

«Heyho täterää!»

Und da stand sie vor mir, ihr spitzes Gesichtchen mit den blassen Kulleraugen zu mir emporgereckt. Das pumucklrote Haar stand wie gewohnt in alle Richtungen ab.

«Hi Jenny!» Ihr Anblick war jedes Mal ein neues Abenteuer und riss selbst den depressivsten Menschen aus seiner Isolation. Diese unerschöpfliche Fantasie, wenn es darum ging, Kleidungsstücke zu kombinieren, die jegliche Stilregel außer Acht ließen, war einfach unerschöpflich.

Jenny hüpfte vor mir auf und ab und strahlte mich an. Sie konnte kaum eine einzige Sekunde lang still stehen.

«Wo hast du Patrik gelassen?»

«Der kommt ja schon!» Jenny machte mit ihrem handlosen Arm eine weitausholende Bewegung.

Patrik war nicht so schnell in der Menge ausfindig zu machen wie Jenny; er war die Unscheinbarkeit in Person. Im Gegensatz zu denen von Jenny sahen seine Klamotten immer ein bisschen aus, als hätte er sie von seinem Opa geerbt.

«H-hallo.» Patrik kam herangekeucht. Seine Wangen waren ziemlich gerötet. Jenny hielt ihn schwer auf Trab. Aber meiner Meinung nach war es genau das, was der schüchterne Patrik brauchte.

«Hallo!» Ich umarmte erst Patrik und dann Jenny.

«Hey, ick hab zwee Tests jehabt heute!», plapperte Jenny los, ehe Patrik und ich überhaupt wussten, was wir einander erzählen wollten. «In Bio und in Jeschichte. Du gloobst es nich, ick hab …» Und schon schnatterte Jenny uns die Ohren voll, während ich mich darauf konzentrierte, uns durch die Leute zu lotsen und das Ende der Menschenschlange am Tresen zu finden, wo wir uns anstellen mussten. Ich konnte Jenny nur mit halbem Ohr zuhören, weil ich mich darauf konzentrieren musste, dass sich keiner vor uns reindrängelte.

Ich war froh, als der kleine Kampf ausgestanden war und wir mit den vollen Tabletts den einzig freien Tisch ansteuerten – genau den Tisch, den ich gerne vermieden hätte, weil zu viele Erinnerungen an Nicki und Mingo daran hingen.

Doch ich verzog keine Miene – etwas, das ich in den letzten Monaten schwer geübt hatte. Es war meine Überlebenstaktik im Gymnasium geworden, seit ich in diese lange und dunkle Depression gefallen war. Cool bleiben. Sich keine Emotionen anmerken lassen. Das war die knallharte Regel, die Isabelle in der neuen Klasse gesetzt hatte. Wer sich nicht daran hielt, wurde als kindisch und gefühlsduselig abgestempelt.

«Hey, Maya, wat'n los mit dir?» Jenny hatte endlich gemerkt, dass ich ihr gar nicht mehr zuhörte.

«Nichts.» Ich biss in meinen Hamburger.

«Du kuckst so dusselig.»

«Jen, d-du weißt doch genau, dass sie es nicht leicht hat im Moment», tadelte Patrik sanft.

«Tschuldigung.» Jennys Kulleraugen sahen mich versöhnlich an. Es war unmöglich, ihr ernsthaft böse zu sein. «Wie lange bleibt denn deine Mutta noch wech?»

«Bis Ende Mai.»

«Du vermisst sie sehr, was?» Patrik sah mich mit seinen hellen Augen mitfühlend an.

Ich ließ mir Zeit, meinen Bissen hinunterzuschlucken, und sagte dann wohlüberlegt: «Klar, aber es sind ja nur acht Wochen. Und es war halt nötig. Sie war immer so müde. Sie hat ja auch wegen uns jahrelang auf so vieles verzichtet und immer allen geholfen und dabei nie an sich selbst gedacht. Ich hab's ihr ja auch regelrecht eingeredet, dass sie das machen soll. Schließlich bin ich mit siebzehn kein kleines Kind mehr!»

Das hörte sich gut an, richtig selbständig und erwachsen.

Patrik lächelte. «Ich b-bin sechzehn, und ich w-würde meine Mutter extrem vermissen.»

Patrik hatte nie versucht, cool zu sein. Er war viel zu aufrichtig. Er mochte vielleicht ein Genie sein in allem, was mit Technik und Wissenschaft zu tun hatte, aber er konnte nicht mal kochen. Patrik war ein Typ, der wahrscheinlich noch mit vierzig bei seiner Mutter wohnen würde – es sei denn, er würde eines Tages als Pilot um die Welt reisen oder tatsächlich mal heiraten. Zumindest war es schon ein Riesenfortschritt, dass er nun jeden Freitag nicht mit seiner Mutter im Supermarkt was aß, sondern mit uns zusammen in der Stadt.

In Tat und Wahrheit war es jedenfalls hundertprozentig so, dass ich Mama vermisste.

Und Fakt war ebenso, dass es nicht immer einfach war, mit Paps allein zu sein. Genau genommen war es sogar ziemlich schwierig.

«Wo jenau isse nun schon wieda?», fragte Jenny, die selbst nach all den Monaten ihren Berliner Akzent noch nicht verloren hatte.

«In einem Kurheim in Schleswig. Der Arzt hat ihr das empfohlen. Und Mama liebt Schleswig, den Frühling, die Rapsfelder und all das. Sie hat mir Bilder gemailt von dem Garten, den sie dort haben. Es muss traumhaft sein. Einfach fantastisch!» Gleich darauf schüttelte ich den Kopf. Als ob ich mich für all das rechtfertigen musste, was in unserer Familie passiert war!

«Ach ja, det gloob ick. Wir ham Schleswig in Jeografie …»

«Meinst du, d-dass es nachher wieder besser wird zwischen deinen Eltern?», unterbrach Patrik schnell, bevor Jenny schon wieder in die nächste Geschichte abdriften konnte.

«Das weiß ich nicht.» Die Pommes schmeckten auf einmal ziemlich fad. Oder vielleicht lag es an meinem Magen, in dem in Sekundenschnelle ein Geschwür wuchs. «Es ist ja nicht so, dass sie sich streiten. Im Gegenteil. Mama hat einfach immer alles runtergeschluckt … und … na ja, irgendwann kommt es dann halt raus. Man kann eben nicht immer alles in sich reinfressen.»

«Aba det war doch allet nur wejen dem Nico, wa?»

Musste diese Frage ausgerechnet jetzt kommen und mich an den zweiten Abgrund meines Lebens erinnern?

«Er war der Auslöser, weil er meine Mutter wieder an ihre Jugendträume erinnert hat», sagte ich vorsichtig.

Jenny biss kräftig in ihren Vegi-Burger und warf mir schon wieder einen ihrer treuherzigen Blicke zu, die selbst Steine zum Schmelzen brachten. «Aba deine Eltern werden sich doch hoffentlich mal nich scheiden lassen, oda? Ihr seid doch so 'ne dufte Familie. Ick fand det imma so toll, als ick damals 'ne Zeitlang bei euch jewohnt hab. Wie deine Eltern imma so vernünftig miteinander jeredet ham und so. Konnten meine ja nich.»

«Oh Mann, hör bloß auf, Jenny», stöhnte ich, während mein Magen die Pommes nun endgültig verweigerte. Ich tastete diesen Gedanken selten an, weil er sich so eiskalt anfühlte. Meine Eltern und eine Scheidung? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das war Neuland für mich und meine Sicht der Welt. Eine Welt, die dabei war, zu zerreißen …

Ich hoffte, Jenny würde mit der Fragerei aufhören. Sie brauchte nicht zu wissen, wie es zurzeit zwischen Paps und mir stand. Es verging kein Tag, an dem ich nicht in eine hitzige Diskussion mit ihm geriet. Paps war momentan unausstehlich. Vielleicht ich selber auch. Umso mehr sehnte ich den Montag herbei. Denn dann würde Paps für eine ganze Woche zu einem Seminar reisen, und ich hatte satte sieben Tage lang meine Ruhe. Ich wusste, es war irgendwie gemein, so zu empfinden, aber ich konnte im Moment nicht anders …

«Ich hol mir noch ein Eis», sagte ich und stand auf. «Will sonst noch jemand was haben?»

«Ich n-nehm auch ein Eis», sagte Patrik, und auch Jenny war dabei. Ich warf Patrik einen beschwörenden Blick zu, und er verstand. Mir ging es nicht um ein Eis. Mein Magen war momentan sowieso nicht mehr aufnahmefähig. Nein, ich brauchte lediglich etwas Abstand vor der neugierigen Jenny und ihren Fragen.

Das erneute Anstehen in der Schlange kam mir gerade recht. So konnte ich in Ruhe meinen Luftschlössern nachhängen. Ich hatte angefangen zu verstehen, warum Domenico es so hasste, wenn man ihn ausfragte. Es erging mir nun ebenso. Ach, Nicki … Ich schloss meine Augen und gestattete mir einen flüchtigen Gedanken an ihn. Bald würde er zurückkommen – und wie würde es dann weitergehen? Eine weitere schwierige Entscheidung, die auf mich zukommen würde …

«Hallo Maya! Das ist ja 'ne Überraschung!»

Ich schreckte auf. Vor mir standen auf einmal zwei bildhübsche, schwarzhaarige Mädchen. Suleika und Gina!

«Hey!» Ein aromatischer Duft nach Honig und Kokosmilch strömte in meine Nase, als die beiden zur Begrüßung ihre geschmeidigen kaffeebraunen Arme um mich legten. Ich hatte mich mit meinem eher durchschnittlichen Aussehen ja mittlerweile arrangiert und versuchte, das Beste daraus zu machen, aber der Anblick dieser beiden exotischen Schönheiten konnte mein erarbeitetes Selbstbewusstsein manchmal schon ins Wanken bringen.

«Hey, wie geht's denn so?», strahlte Suleika mich an. «Ewig nicht gesehen.»

«Gut, danke. Und euch?» Obwohl ich die beiden mochte, war mir nicht nach Strahlen zumute. Aber Suleika ließ sich nicht beirren.

«Auch gut. Na, freust du dich, dass Nicki wieder da ist?»

«Wieso, er ist doch noch gar nicht da! Er kommt erst Ende Mai wieder.»

«Wie? Sag bloß … du weißt gar nicht, dass er schon zurück ist?» Suleika tauschte einen vielsagenden Blick mit ihrer Schwester und schüttelte den Kopf. «Also ehrlich. Manchmal versteh ich ihn ja wirklich nicht.»

«Moment mal!» Ich packte Suleika einfach am Arm. «Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass er …»

«Tut mir leid, Maya, ich wusste nicht, dass er sich gar nicht bei dir gemeldet hat. Gina und ich sind ihm vor etwas mehr als einer Woche begegnet. Er ist schon seit Ende April zurück.»

Ich stand da wie ein Bleipfosten. Wie bitte? Das war ja wohl nicht möglich, oder?

«Hey!» Suleika legte vorsichtig ihre Hand auf meine Schulter. «Es tut mir so leid. Ich konnte ja nicht ahnen … aber …» Wieder wechselte sie einen stummen Blick mit Gina.

«Na ja … wer versteht ihn schon?», meinte Gina vage.

«Wo hast du ihn denn getroffen?» Ich musste mir Mühe geben, dass meine Stimme sich nicht wie ein Knurren anhörte.

«In der Stadt. Vorletzte Woche. Aber ehrlich gesagt, ich habe gar nicht lange mit ihm gesprochen. Er war gerade mit dem kleinen Manuel unterwegs und hatte es wohl ziemlich eilig.»

«Hat er was erzählt?»

«Nicht viel. Du kennst ihn ja. Nur, dass er vorübergehend bei Mike Castello wohnt. Und dass er bald 'ne eigene Wohnung kriegt. Jedenfalls sah er hammergut aus. Richtig erholt. Ich glaube, die Therapie hat's voll gebracht. Er hat ja wieder 'ne ziemliche Krise geschoben vorher, nicht wahr?»

Ich erinnerte mich nicht gern an diese Zeit. Die letzten beiden Wochen im September waren echt der Horror gewesen. Nachdem Domenico aus London zurückgekehrt und meine Eltern in eine Krise gefallen waren, waren auch Nickis Nerven total am Ende gewesen. Er hatte sich kaum noch getraut, uns zu besuchen, und hatte deshalb wieder mit dem Kettenrauchen und sogar mit dem Ritzen angefangen. Wir hatten uns dauernd gestritten, wenn wir uns sahen. Er hatte mich ständig angebrüllt und war deswegen jedes Mal hinterher so fertig gewesen, dass er sich wieder Wunden zugefügt hatte. Doktor Bonaventura hatte bei ihm ja ernsthafte seelische Erkrankungen wie bipolare Störungen und psychotische Depressionen festgestellt. Eine der Ursachen war gewiss Mingos Tod, aber auch Domenicos traumatische Vergangenheit, die er lange Zeit mit seinem hemmungslosen Lebensstil verdrängt hatte.

Vermutlich hatte einfach alles zusammen wieder zu einem Nervenzusammenbruch geführt. Der Vorfall in London, wo er im Zorn einen Jungen und zwei Polizisten körperlich verletzt und sich damit weiteren Ärger aufgehalst hatte, das Erlebnis bei Madame Tussauds, wo er seinem Vater als lebensgroße Wachsfigur begegnet war, und danach der sechswöchige Knastaufenthalt in London – das waren keine leicht verdaulichen Dinge gewesen. Und dazu der unglückliche Umstand, dass er quasi ungewollt der Auslöser für die Krise meiner Eltern gewesen war.

Nur die Aufgabe, dass er für den kleinen Manuel sorgen musste, hatte ihn davor bewahrt, dass er nicht noch schlimmer abgestürzt war. Zumal auch Mama ihm in dieser Zeit keinen Halt mehr bieten konnte. So hatte er sich mit aller Kraft an diese eine Aufgabe geklammert. Auch ich war nur noch ein einziges Nervenbündel gewesen, so dass ich letztendlich nur noch froh war um die Trennung, als Domenico dann früher als ausgemacht, nämlich schon Anfang Oktober, in die Therapie gehen konnte. Ich hatte mir schlussendlich schweren Herzens eingestehen müssen, dass auf dieser Basis eine Beziehung zwischen uns beiden nicht funktionieren konnte. Und deswegen hatte Paps auch angeordnet, dass Domenico und ich nur einmal pro Monat miteinander telefonieren durften, damit ich wieder zur Ruhe kommen konnte.

«Maya?»

«Ja? Äh … ja … es ging ihm schlecht», beantwortete ich rasch Suleikas Frage.

«Hat er dir denn erzählt, was er in der Therapie so gemacht hat?»

Ich seufzte. Nun war ich tatsächlich vom Regen in die Traufe gekommen. Meine Eltern und Nicki, beide Themen waren zurzeit ungefähr gleich schwierig.

«Er geht … oder besser gesagt, er ging zur Schule und war Teamleiter in der Mensa. Und er hat Sport gemacht, so gut er eben konnte mit seinen Lungenproblemen. Und halt viele Therapiesitzungen und Gruppenarbeiten und Kurse und so. Er hatte anscheinend ein ziemlich volles Programm.»

«Das klingt ja schon mal super», sagte Suleika. «Aber ihr seid schon noch zusammen, ja?»

«Ich weiß es nicht, aber wir haben uns zumindest versprochen, dass wir einander treu bleiben, bis er zurück ist, und dann nochmals über die Beziehung reden werden», antwortete ich matt.

«Ah ja?» Sie zog schnippisch ihre Augenbrauen hoch.

«Sula …» Gina hielt sie fest.

«Nein, im Ernst: Wenn du ihn nicht mehr willst – dann nehme ich ihn eben wieder!» Suleikas Augen blitzten zornig auf.

«Aber ihr habt doch auch ständig nur gezofft», wandte Gina ein.

«Ja, aber ich kann es einfach nicht mitansehen, wenn sie ihn fallen lässt! Und ihm wehtut. Er braucht eine Freundin, die zu ihm hält.»

«Lass sie das doch selber entscheiden, Schwesterherz. Du musst dich nicht überall einmischen.»

«Ja, okay, tut mir leid.» Suleika berührte meinen Arm. «Auf jeden Fall müsst ihr euch in Acht nehmen. Ein paar von seinen Ex-Freundinnen sind ziemlich sauer auf ihn und überlegen, wie sie sich an ihm rächen können. Alles wegen Mila. Die hat ganz schön intrigiert.»

«Mach ihr jetzt nicht auch noch Angst», warnte Gina.

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Was konnte mich denn noch abschrecken? Es war ja alles schon so normal und gehörte zu Domenicos Alltag.

«Der kleine Manuel ist eine richtige Berühmtheit in der Szene geworden», wechselte Gina schnell das Thema. «Die Junkies sind ganz hingerissen, wenn sie ihn sehen.»

«Ja, ich weiß», seufzte ich. Es war kein Geheimnis, dass Carrie sich oft mit Manuel in der Drogenszene bei ihren alten Freunden aufhielt. Ich hatte das Domenico nicht erzählt, um ihn nicht unnötig aufzuregen, aber wahrscheinlich wusste er es längst.

«Heyho Maya!» Jenny kam herangestürmt. «Wo steckste denn? Du wolltest uns doch 'n Eis bringen!»

Ich hatte tatsächlich ganz vergessen, mich in der Schlange anzustellen!

«Sorry, Jenny.»

«Tja, dann verziehen wir uns mal wieder.» Suleika gab mir zwei Küsschen auf die Wange. «War nett, mit dir geplaudert zu haben. Mach's gut! Und ich hoffe, Nicki meldet sich bald mal bei dir.»

«Wat denn?» Jenny starrte mich an. Auch Patrik war aufgetaucht. Ich winkte den beiden Schwestern zum Abschied und wandte mich dann der neugierigen Jenny zu. Ich wusste, sie würde nicht eher Ruhe geben, bis wir das Ganze durchdiskutiert hatten.

«Oh-oh», stöhnte Jenny, nachdem ich die Neuigkeiten losgeworden war. «Sieht dem ja ma wieda ähnlich.»

«Er wird sicher seine G-gründe haben», mutmaßte Patrik.

«Ja, wat wohl? Hat bestimmt 'ne andere, oda?»

«D-das glaube ich nicht», sagte Patrik.

Jenny zeigte ihm einen Vogel. «Also, wenn bei dem Nico irjendwo 'ne Schraube locker is, dann isset bei dem seenem Mädchenverschleiß.»

«Jen! Mach ihn d-doch deswegen nicht immer schlecht. Er hat m-mir selber mal gesagt, d-dass er unter seinem eigenen V-verhalten leidet und dass er noch nie so ein M-mädchen wie Maya getroffen hat.»

«Tschuldigung. Will ja nur nich, dass sie ständig traurig is wejen dem Nico. Sie lacht doch so selten.» Jenny tätschelte freundschaftlich meinen Arm mit ihrer einzigen Hand.

«Aber w-warum ist er bloß früher zurückgekommen?» Patrik sah mich an, als ob ich diese Frage beantworten könnte. Dabei hätte ich selber viel darum gegeben, wenn ich das gewusst hätte!

Ich war froh, als Jenny das Fußball-Plakat entdeckte und unser Gespräch wieder in harmlosere Gefilde abdriftete, indem sie uns voller Begeisterung das letzte Bundesliga-Spiel von Hertha BSC Berlin schilderte, obwohl weder Patrik noch ich etwas mit Fußball am Hut hatten. Jenny hatte durch ihre eigene schwere Vergangenheit fast so viel aufzuholen wie Nicki, aber offensichtlich benutzte sie dazu ein anderes Ventil als er, nämlich indem sie unaufhörlich plapperte.

Ich kam erst um halb sechs nach Hause. Ich zögerte meine Heimkehr immer so lange wie möglich raus, weil ich Papas Kontrollen entgehen wollte. Seit Mama weg war, wollte er noch genauer als je zuvor wissen, was ich machte, mit wem ich mich traf und wann ich nach Hause kommen würde. Es schien mir, als wolle er Beweise dafür sammeln, dass es mir besser ging, wenn ich von Domenico getrennt war. Und ich hatte den Eindruck, dass er von Tag zu Tag nervöser wurde, je weiter der Mai voranschritt. Immerhin hatte ich bis um Viertel nach sechs Uhr abends jeweils sturmfreie Bude – bis dahin musste Paps ja arbeiten.

Doch an diesem Abend war es nicht wie sonst still im Haus, als ich die Tür aufschloss. An diesem Abend hörte ich lebhafte Stimmen aus dem Wohnzimmer. Ich verharrte und lauschte. Da war eine hitzige Diskussion im Gange. Wer war bei uns zu Besuch? Und warum hatte Paps schon Feierabend? Vorsichtig schlich ich mich etwas näher an die Tür, um wenigstens ein paar Wortfetzen aufschnappen zu können. Doch Paps' aufbrausende Stimme war laut genug, so dass wenig Anstrengung dafür erforderlich war.

«Hans, bitte versteh mich doch. Ich habe einfach den Eindruck, dass sie sich immer weiter von mir entfernt. Seit sie Domenico kennt, hat sie sich so verändert, und nicht immer zum Positiven. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Er wird bald zurückkommen, und ich möchte nicht, dass es so weitergeht wie bisher. Wenn ich bedenke, was vor seiner Abreise wieder alles vorgefallen ist. Er hat sie dauernd angeschrien und sich selber wieder mit dem Messer verletzt. Meine Tochter war dermaßen am Ende. Wir haben dann alles drangesetzt, dass Domenico früher in die Therapie kann.»

Eine warme Stimme antwortete, die mein gemartertes Herz wie ein langersehnter Lichtstrahl wärmte.

«Tja, ein heimatloser Junge mit einem sehr verwundeten Herzen», sagte die Stimme sanft, und ich klammerte mich regelrecht an ihr fest. Es war eine Stimme, die ich schon lange nicht mehr gehört hatte und die mir in dem Moment mehr Hoffnung gab als alles andere in den letzten Monaten. Ich wusste nicht, warum, aber immer, wenn ich Pfarrer Siebold begegnete, hatte ich das Gefühl, Gott nahe zu sein. Wie lange hatte ich das vermisst! In letzter Zeit war es mir nur allzu oft so vorgekommen, als ob meine Gebete nicht viel weiter als bis zur Zimmerdecke gingen, obwohl ich ab und zu mit Mama wieder in die Kirche gegangen war.

«Hans, er ist gewalttätig», sagte Paps. «Er ist manisch-depressiv. Das darf man nicht unterschätzen.»

«Aber Martin, du hast den Jungen doch trotz allem auch gern bekommen, oder nicht?»

«Natürlich, das tut ja nichts zur Sache. Ganz bestimmt hat er auch viele Stärken, und er hat sich in meinem Haus auch immer tadellos benommen. Trotzdem …»

«Verlier jetzt nicht die Geduld mit ihm, nur weil nicht alles nach deinem Kopf geht. Gib ihm die Zeit. Vergiss nicht, was für ein schweres Trauma er durchgemacht hat.»

«Nun, ich erhoffe mir jedenfalls einiges von dieser Therapie», murmelte Paps. «Nein, ich erwarte es sogar.»

«Die Therapie ist sicher eine hilfreiche Sache, doch die tiefen Verletzungen kann sie nicht heilen, Martin», sagte Pfarrer Siebold ernst. «Was der Junge braucht, ist eine Familie, die ihm Wärme und Geborgenheit gibt. Ganz unter Freunden, Martin: Es ist ein Jammer, dass du so stur und dickköpfig bist. Esther konnte ihm so viel geben. Aber wegen deiner Sturheit fällt das nun weg. Und wer wird dem Jungen dann den Halt geben, wenn er wieder zurück ist?»

Ich verschluckte beinahe die Luft, die ich eingeatmet hatte. Dass Pfarrer Siebold so mit meinem Vater redete!

«Ja, wunderbar, nun bin ich wieder der Sündenbock! Dabei habe ich doch wirklich alles Erdenkliche für ihn getan! Ich bin mit meiner Tochter extra nach Sizilien gereist, um ihn zu finden, weil sie kaum mehr gegessen hat vor lauter Liebeskummer. Ich habe den Jungen bei mir zu Hause aufgenommen, als es ihm gesundheitlich dreckig ging. Ich habe ihn finanziell unterstützt. Ich habe die Beerdigung seines Bruders finanziert und eine Menge mehr! Was soll ich ihm denn noch alles geben? Ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust, mein letztes Hemd zu opfern. Ich bin auch nur ein Mensch. Das soll auch Maya bitte endlich mal einsehen. Ich habe so viel getan, Herrschaft nochmal! Aber keiner scheint es mir zu danken. Im Gegenteil, ich bin immer der Bösewicht! …»

Papas Stimme hatte einen grimmigen Ton angenommen: «Aber interessiert es eigentlich auch mal jemanden, was in mir vorgeht? Bevor Nicki kam, schien alles in bester Ordnung zu sein. Jetzt habe ich zwei Frauen im Haus, die ständig heulen und unglücklich sind. Esther hat offenbar ihre Träume nicht richtig ausgelebt. Gut, dafür kann der Junge ja nichts. Anscheinend verstehe ich zu wenig von Liebe und Zärtlichkeit. In Sachen Romantik hat mir der Jungspund wohl einiges voraus. Aber Herrschaft nochmal, ich habe mein Bestes getan, und ich will meine Familie wiederhaben!»

Paps' leidenschaftliches Plädoyer hatte mich regelrecht an die Wand gedrückt. Mein Herz polterte so heftig, dass es fast aus meinem Körper sprang.

«Da widerspreche ich dir keineswegs, Martin. Ich weiß, dass du viel für den Jungen getan hast, und das streitet dir auch keiner ab. Ganz im Gegenteil, du hast gewiss mehr getan, als manch ein anderer tun würde. Aber mit dem Jungen scheint euch nun mal eine besondere Aufgabe zugefallen zu sein. Er hat in euch und besonders in Esther und deiner Tochter endlich das gefunden, was er sein Leben lang vermisst hat. Ist dir denn nicht klar, dass du mit deinem knorrigen Verhalten bei deinen Frauen nur das Gegenteil erreichst? Weißt du, im Leben zählt nicht in erster Linie, wie viel man geleistet hat. Es ist nicht das Wichtigste, ob du ein hervorragender Arzt warst und deiner Familie ein schönes Haus gebaut hast. Was deine Frau und deine Tochter sich wünschen, ist dein Herz, Martin. Du hast da in den letzten Jahren vor lauter Arbeit und Pflichtbewusstsein im Beruf leider im privaten Umfeld einiges übersehen und vernachlässigt. Beziehungen sind wichtiger als Verantwortungsgefühl und Ehre und Arbeit, glaube mir! Domenico ist nicht gekommen, um dir deine Familie zu zerstören. Im Gegenteil, du solltest ihm dankbar sein, dass er in London so für deine Tochter gekämpft hat.»

«Das bin ich ja, aber sein Jähzorn macht mir Angst. Er ist so unberechenbar.»

«Ich weiß. Aber Angst war noch nie ein guter Motivator. Du wolltest, dass ich Domenico unter meine Fittiche nehme. Aber mal ganz ehrlich, Martin: Domenico war längst nicht so ein stures Gegenüber wie du. Im Gegenteil: Der Junge ist sogar weitaus offener und empfänglicher für Korrektur, als du es bist. In ihm liegt sehr viel Tiefe und Potenzial. Ich kann dir nur raten: Lass deine Tochter nach ihrem Herzen entscheiden. Sie ist immerhin siebzehn und ein intelligentes Mädchen. Und bedenke auch, dass es in diesem Alter ganz normal ist, dass sie sich langsam von ihrem Elternhaus abnabelt. Wobei ich dir mein vollstes Verständnis zolle, dass das alles andere als einfach ist. Als unser Sohn langsam erwachsen wurde, ging es mir auch nicht besser. Aber du gewinnst viel mehr, wenn du dich nicht dauernd an sie klammerst.»

Paps brummte missmutig. Mit Sicherheit hatte er darauf gehofft, dass ihm Pfarrer Siebold, sein Freund, härtere Maßnahmen empfehlen und rundum beipflichten würde.

«Ein Letztes noch, Martin. Schau, ich habe so viele Menschen bis zum Sterbebett betreut, habe mit ihnen gesprochen, habe sie begleitet, habe mit ihnen geweint und gebetet, habe sie zu trösten versucht. Manchmal habe ich auch gestaunt, wie gefasst, ja sogar gespannt und voller Staunen und Offenheit sie diese letzte Wegstrecke meisterten. Ich habe aber auch viel Notvolles gehört an den Sterbebetten. Aber eines, Martin, eines habe ich dort nie vernommen. Niemals habe ich von einem Menschen in den letzten Minuten seines Lebens den Satz gehört: ‹Ach, hätte ich doch mehr Zeit im Büro verbringen können! …› Denn nicht wahr, Martin, am Ende des Lebens zählen andere Dinge als unsere Zeiten im Büro. Und wenn du so weitermachst, dann verlassen dich hier bald mal die Kräfte. Dann hast du einen Burn-out oder einen Infarkt, aber deine Frau hat dann ein Leben lang viel zu wenig von dir gehabt. Das ist nur so mein Eindruck. Denk drüber nach und mach damit, was du willst. Ich werde immer dein Freund sein, egal, zu welchen Schlüssen du kommst. Und ich gebe dir jederzeit das Recht, deinerseits auch in mein Leben so hineinzureden. Dafür sind Freunde doch schließlich da, oder?»

Mir klappte fast die Kinnlade runter. Am liebsten hätte ich dieses Gespräch auf Tonband aufgenommen und Mama vorgespielt, aber das ging ja nicht. Ich wusste nicht, wie lange die Unterhaltung noch dauern würde, doch ich konnte es nicht riskieren, entdeckt zu werden. Also huschte ich schnell in die Küche und gratulierte mir kurz darauf zu dieser Entscheidung, denn nun hörte ich nämlich, wie die beiden sich vom Sofa erhoben. Schnell holte ich eine Pfanne hervor, stellte sie auf den Herd und goss ein wenig Öl hinein.

Als sie im Flur waren, betrat ich die Bildfläche, um Pfarrer Siebold wenigstens noch kurz zu Gesicht zu bekommen.

«Oh, grüß dich, Maiglöckchen.» Der Pfarrer strahlte mich an und schüttelte mir die Hand. Sein Gesicht sah jedes Mal aus, als würde die Sonne darin aufgehen. «Wie geht es dir?»

«Danke, gut.»

«Ich habe gehört, dein Freund kommt Ende des Monats zurück, nicht wahr?»

Ich nickte hastig, obwohl ich vor wenigen Stunden etwas anderes erfahren hatte. Doch ich wollte eine unnötige Diskussion mit Paps erst mal vermeiden.

Pfarrer Siebold sagte: «Bestell ihm jedenfalls meine besten Grüße. Er soll sich bald bei mir melden.»

Paps entschuldigte sich kurz und verschwand im Bad, und dadurch hatte ich ein paar wertvolle Minuten Zeit mit dem Pfarrer allein. Und schließlich fasste ich mir ein Herz.

«Pfarrer Siebold, ich hätte eine Frage», sagte ich schüchtern, und der Pfarrer lächelte freundlich.

«Ich … habe vorhin zufällig mitgehört … wie Sie mit meinem Vater geredet haben … und ich habe gehört, wie Sie sagten, dass eine Therapie die tiefen Wunden nicht heilen kann. Meinen Sie, dass Nicki … dass Domenico … dass er je in seiner Seele ganz gesund werden wird?»

«Tja … die Frage ist nicht leicht zu beantworten, mein Kind.» Pfarrer Siebold war mir offenbar nicht böse, dass ich gelauscht hatte. «Er hat gewiss keinen leichten Weg vor sich, aber wie sagt doch unser König David in einem seiner Psalmen? Und wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, so fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir. Gott ermutigt uns ja in der Bibel immer wieder, dass wir unsere Zuversicht nicht wegwerfen sollen. Weißt du, ich persönlich glaube, dass da noch ein paar ganz besondere Überraschungen auf deinen Freund warten.»

«Meinen Sie?»

«Aber natürlich. So, wie ich unseren Gott kenne, hat er sich bestimmt was Besonderes für ihn einfallen lassen. Ach, übrigens … hab Verständnis mit deinem Vater. Er hat es im Moment auch nicht leicht. Und er hat schon mal ein Kind verloren, vergiss das nicht.»

Ich nickte, und in dem Moment kam Paps wieder zurück.

Nachdem sich Pfarrer Siebold verabschiedet hatte, machte ich mich endgültig ans Abendbrot. Ich hatte diese Rolle übernommen, um meinen Vater zu entlasten. Paps half mir ein wenig, indem er den Tisch deckte. Ich holte das Omelett, das ich zubereitet hatte, vom Herd. Es glich allerdings eher einem zerquetschten Rührei; die Kochkünste hatte ich eindeutig nicht von Mama geerbt. Domenico war viel geschickter im Kochen, er konnte das Omelett sogar hochwerfen und mit der Pfanne wieder auffangen. Ich hatte es einmal versucht und war hinterher damit beschäftigt gewesen, die Überreste vom Boden, aus meinem Pullover und meinen Haaren zusammenzukratzen, während Nicki sich erst halb kaputt gelacht und mir anschließend das Haar gewaschen und gefönt hatte.

Bei solchen Erinnerungen traten mir meistens Tränen in die Augen. Ich wusste nicht, ob es schmerzhafter war, an die schönen Dinge zu denken oder an die schlimmen. Es tat beides weh, wenn auch auf andere Weise. Die Tatsache, dass mir das Wiedersehen mit ihm wahrscheinlich schneller bevorstand, als ich mich darauf vorbereitet hatte, flößte mir ein wenig Unbehagen ein. Es würde ganz bestimmt nicht leicht werden.

Wir aßen eine Weile lang ziemlich wortkarg, Paps und ich, und ich spürte, dass er sich innerlich auf etwas vorbereitete.

«Hast du dir schon überlegt, wie es Ende Mai weitergehen soll, wenn Domenico zurückkommt?», kam schließlich die befürchtete Frage.

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste es wirklich nicht, und ich war immer noch unschlüssig, ob ich Paps überhaupt sagen sollte, dass Domenico schon zurück war. Wahrscheinlich war es sicherer, diese Neuigkeit erst mal für mich zu behalten und genauer zu analysieren. Nicht, dass Paps noch falsche Schlüsse zog.

«Du weißt, wie ich zu eurer Beziehung stehe, Maya, nicht wahr?» Paps bemühte sich um einen milden Tonfall.

«Ja», sagte ich gehorsam. Paps hatte natürlich keinen Schimmer, dass ich mitgehört hatte.

«Ich würde es natürlich schon viel lieber sehen, wenn ihr zwei euch auf eine freundschaftliche Basis einigen könntet.»

«Paps … ich kann diese Frage jetzt wirklich noch nicht beantworten», stöhnte ich. «Ich habe ja keine Ahnung, wo Domenico überhaupt steht.»

«Gut, einverstanden.» Er räusperte sich und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. «Ich verstehe ja, dass du in einem Alter bist … aber, nun, ich wollte trotzdem sagen, es gibt auch noch andere nette Jungs. Ich meine … du und Leon, da war doch …»

«Paps, mit Leon und mir ist es wirklich vorbei. Und können wir das Thema bitte verschieben, bis ich mit Nicki geredet habe?», bat ich leise und seufzte in mich hinein. So ähnlich lief das fast jeden Tag, seit Mama in ihrer Kur war. Schnell suchte ich eine Ablenkung.

«Übrigens, Paps, ich habe deinen neusten Artikel gelesen. Er ist super, ehrlich! Sehr eindrücklich geschrieben!»

«Ja?» Paps lächelte, der Themenwechsel war mir gelungen. «Danke. Das freut mich. Übrigens fände ich es sehr schön, wenn du wieder öfters in meiner Praxis vorbeischauen würdest. Ich meine, das wäre doch sicher auch interessant für dich?»

«Ja, natürlich», sagte ich und nahm es mir dieses Mal fest vor. Vermutlich hatte ich als Kind eine Überdosis Medizingeruch abgekriegt, so dass es mich da einfach nicht mehr hinzog. Aber klar, Paps hatte ja Recht … Ich sollte mich wieder mehr auf meine zukünftige Ausbildung konzentrieren.

«Mach ich doch, Paps.»

Paps wünschte sich nun mal eine Tochter, die sich mit den realen Fakten des Lebens beschäftigte und nicht ständig in den Wolken schwebte und mit einem Jungen herumhing, der in ihr die wirrsten Gefühle auslöste.

«Übrigens, wegen nächster Woche: Kommst du wirklich alleine zurecht?», fragte mein Vater.

«Klar. Das ist doch überhaupt keine Sache, Paps.»

«Aber ich möchte nicht, dass du dich ständig irgendwo rumtreibst.»

«Mann, Paps, du tust ja so, als wäre ich irgendein Flittchen. Ich mache doch überhaupt nichts Schlimmes. Wir gehen nur ein bisschen zusammen in die Stadt, Manu, Delia, ein paar andere und ich, trinken was, plaudern …»

Ich hatte angefangen, die Stadt zu entdecken, seit Nicki mich herumgeführt hatte. Auch ein Fakt, der Paps nicht gefiel. Seiner Meinung nach ein weiterer Beweis für Nickis negativen Einfluss auf mein Leben.

Paps seufzte. «Na gut, aber du könntest zum Beispiel Delia am Mittwochabend auch zur Abwechslung mal hierher einladen. Ihr müsst ja nicht dauernd in der Stadt herumspazieren.»

«Ja, mach ich, Paps», willigte ich schnell ein.

«Und sieh bitte zu, dass du gesund und vernünftig isst während meiner Abwesenheit, ja? Nur weil deine Mutter nicht da ist, brauchst du dich ja nicht nur von Fast Food und Keksen zu ernähren. Kauf dir viel Gemüse und Obst. Und vergiss nicht, die Pflanzen zu gießen.»

«Klar», sagte ich artig. Ich wollte Paps nicht noch nervöser machen, als er ohnehin schon war, und nahm mir deshalb fest vor, mich strikt an seine Anweisungen zu halten.

«Mir stinkt es ja auch ein wenig.» Ein vages Lächeln zeichnete sich auf den Lippen meines Vaters ab. «Diese Seminare sind nicht immer sehr … spannend. Aber meine Teilnahme wird nun mal erwartet.»

Ich liebte es, wenn Paps solche Dinge zugab. Wenn er nicht immer nur Perfektion von mir erwartete.

«Tja, genauso, wie die Schule nicht immer spannend ist, Paps.»

«Ja, wahrscheinlich …» Er trug seinen Teller zur Spüle.

«Ich mach den Rest schon, Paps.»

«Danke. Ich habe leider noch viel zu tun. Ohne Sekretärin bin ich fast aufgeschmissen …»

«Na ja …»

«Nein, ich werde jemanden einstellen, keine Frage. Esther muss das nicht mehr alles machen.» Er murmelte irgendetwas zu sich selbst und verzog sich dann.

Ich dachte wieder an das Gespräch mit Pfarrer Siebold. Für meinen Vater war die Situation wirklich alles andere als einfach, und es stimmte, er hatte wahnsinnig viel für Domenico getan. Ich wollte ihm nicht noch zusätzlich Kummer bereiten …

Nachdem die Küche sauber war, konnte ich mich endlich in meine eigenen vier Wände verziehen, nach denen ich mich schon den ganzen Tag gesehnt hatte. Ich musste mir nun unbedingt diese unerhörte Tatsache vorknöpfen, dass Domenico früher als erwartet zurückgekehrt war und mir nicht den geringsten Wink gegeben hatte.

Mir fiel es nie leicht, einen klaren Gedanken zu fassen, wenn es um Domenico ging. Nicki verwandelte sich immer in einen Mythos, wenn ich von ihm getrennt war. Alles, was mit ihm zu tun hatte, kam mir vor wie ein gefährliches Märchen, das mir nicht nur süße Rosen, sondern auch bittere Wermutstropfen beschert hatte.

Er war also zurück. Was war der Grund? Und warum durfte ich das nicht wissen? Warum alle anderen und ich nicht? Hatte er tatsächlich eine andere Freundin? Oder hatte er sonst wieder irgendwas angestellt, das ich nicht erfahren durfte? Egal, was es war, Nicki war ein viel zu komplexer Typ, als dass ich mir die Antwort darauf so ohne weiteres geben konnte. Es war mir nicht mal nach unserer intensiven Freundschaft gelungen, ihn vollständig zu erfassen.

Ich legte mich auf mein Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ganz vorsichtig tastete ich mich in Gedanken an ihn heran und versuchte herauszufinden, was ich für ihn empfand. Ich stellte mir vor, seine Wangen mit den kleinen, von früheren Schlägereien stammenden Narben zu streicheln, an seinem weichen Haar zu schnuppern, seine samtigen Lippen mit den meinen zu berühren und dann ganz langsam und vorsichtig die Hand auf seine Brust zu legen und sie abwärts zu seinem Bauch mit den Messerschnitten zu bewegen … Sofort fühlte ich, wie sich eine Hitze in meinem Körper ausbreitete. Das passierte jedes Mal, wenn ich mit meinen Vorstellungen in diesen Bereich eintauchte. Ich hatte sogar sämtliche Zeichnungen und Liebesbriefe von Domenico wegräumen müssen, weil sie mich so durcheinandergebracht hatten.

Während seiner Zeit in der Therapie hatte er mir keinen einzigen Brief mehr geschrieben, aber es war ihm auch nicht erlaubt gewesen …

Schnell schwenkte ich meine Gedanken wieder auf die andere Seite, ließ seine Jähzorn-Ausbrüche Revue passieren und all die schlimmen Szenen, in denen er mich angebrüllt hatte. Ich erinnerte mich an den Zigarettenqualm, der sein ständiger Begleiter war und in den extremsten Zeiten an all seinen Sachen haftete: an seinen Klamotten, seinen Haaren, seinen Zeichnungen und Briefen, seinen Taschen, einfach überall.

Und dann wieder zurück auf die schöne Seite. Zu seinen zarten Küssen. Zu seinen unbeschreiblichen Zeichnungen. Zu der Leidenschaft, die in ihm erwachte, wenn es darum ging, mich zu beschützen. Seinen zärtlichen Worten. Seiner Freundschaft. Und zu dem Versprechen unter der Laterne.

Ach, Nicki …

Ich wusste ja selber nicht mehr, ob ich dieses Wirrwarr in meinem Leben wieder zulassen wollte. Ob ich tatsächlich bereit war, mich noch einmal auf die wackelige Brücke zu wagen, mit der Gefahr, wieder in die Tiefe zu stürzen und am Boden zu zerschellen. Nicht umsonst war ich von so vielen Seiten gewarnt worden …

Erst als es draußen langsam dunkel wurde, stand ich von meinem Bett auf und ging ans Fenster. Ich richtete meinen Blick auf die vielen Lichter im Park und besonders auf dieses eine Licht, das wie ein heller Stern leuchtete.

Die Laterne. Das Symbol unseres Versprechens. Und unserer Liebe.

Ich legte meine Hand auf die silberne Herzkette, die ich um meinen Hals trug. Nickis Worte, die an diesem Geschenk hingen, klingelten wie ferne, liebliche Glocken in meinen Erinnerungen: goldene Klänge, die sich im Lärm der in mir durcheinander wirbelnden Stimmen fast verloren…

Damit du weißt, dass ich dich für immer lieben werde.

Ich schloss traurig die Augen. Manchmal hatte ich mir überlegt, wie wohl das Leben in all diesen Märchen weiterging, nachdem das Liebespaar sich endlich gefunden hatte. Aber diese Geschichten hörten immer im schönsten Moment auf. Das Liebespaar küsste sich am Strand oder unter einer Laterne, versprach sich ewige Liebe und lebte glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit.

Hin und wieder ertappte ich mich bei dem Wunsch, unsere Geschichte hätte damals unter der Laterne auch aufgehört. Wäre einfach wie ein Buch gewesen, das man zuklappen konnte, wenn es am schönsten war. Wie in einem Märchen. Mit einem Happy End.

Aber das Leben war kein Buch, das man einfach zuklappen konnte. Das Leben ging weiter, und nicht immer gab es ein Happy End. Es gab noch viele Kapitel zu schreiben.

Und ich kehrte nun in mein gefährliches Märchen zurück.

2. Ein gefährliches Märchen

Dieses Mal hatte ich die Entscheidung nicht allzu lange rausgezögert. Ich wollte wissen, was Sache war! Da Domenico seit der Therapie kein Handy mehr besaß und ich ihn somit telefonisch nicht erreichen konnte, hatte ich kurzerhand beschlossen, ihn gleich am Montag nach der Schule bei Mike aufzusuchen. Es war wirklich ein perfektes Timing, dass Paps gerade in dieser Woche zu dem Seminar reisen musste.

Ich hatte mich in mein neues blaues T-Shirt geschmissen, das ich letzte Woche mit Delia zusammen gekauft hatte. Besonders warm war es allerdings nicht draußen; ich kam also um eine Jacke nicht herum. Und um keinen unnötigen Ärger zu riskieren, hatte ich extra den Umweg mit der U-Bahn durch die Stadt gemacht, damit ich nicht durch den ominösen Parkausgang musste und Gefahr lief, von einem Dealer angemacht zu werden. Ich hatte mir ausgerechnet, dass die Mittagszeit die beste Zeit war, um Nicki zu treffen: Die Chance, dass er dann ausgeschlafen hatte, war relativ groß, und die Wahrscheinlichkeitsquote, dass er um die Uhrzeit das Haus noch nicht verlassen hatte, lag um mindestens siebzig Prozent höher als am Abend. Es sei denn, er war in der Therapie zum braven Stubenhocker mutiert. Aber bei seinem Adrenalinüberschuss war diese Vorstellung ziemlich unrealistisch.

Auf dem Weg zu Mike kam ich unweigerlich an dem Erotik-Shop vorbei, wo Domenico und Mingo damals mit ihrer Mutter gelebt hatten, doch ich hatte nicht den Nerv, stehen zu bleiben. Mike wohnte nur ein paar Straßen weiter in einem dieser eintönigen Betonklötze mit den dreckigblauen Jalousien und den hässlichsten Balkonen, die man sich nur vorstellen kann.

Ich schaute zu den Fenstern hoch, und richtig, im dritten Stockwerk waren überall die Rollläden unten. Ich konnte nicht verhindern, dass die Nervosität meine Knie zum Schlottern brachte, als ich die Treppe runter zum Eingang lief. Auch wenn wir uns so nah gewesen waren, auch wenn wir uns unheimlich geliebt hatten – ich hatte meinen Respekt vor Domenicos unberechenbarer Seite nie ganz verloren.

Meine Nervenstränge rissen fast durch, als ich den Klingelknopf drückte, doch in die Furcht mischte sich auch wilde Vorfreude. Ich raste schnell wieder ein paar Schritte die Treppe hoch, weil ich wusste, dass Mike immer erst prüfte, mit wem er es zu tun hatte. Prompt wurde der Rollladen hochgezogen, und das Gesicht eines glatzköpfigen jungen Mannes erschien.

Ich winkte. «Hallo! Ist Domenico da?»

Mike kratzte sich an seinem kahlen Schädel und schrie etwas in die Wohnung. Und dann tauchte Domenicos kupferbrauner Haarschopf neben ihm auf.

«Nicki!» Ich winkte stürmisch. «Darf ich raufkommen?»

«Maya?» Er starrte mich an, als wäre ich eine Fremde. Genau, wie ich befürchtet hatte … Sofort ließ ich meine Arme sinken und sah zu, wie er etwas zu Mike sagte. Dann rief er: «Warte, ich komm zu dir runter!»

Ich setzte mich auf die Treppe und wartete. Es dauerte ziemlich lange, bis Domenico erschien. Ich bemühte mich währenddessen, den Tumult in meinem Körper einigermaßen in den Griff zu bekommen – von Kopf bis Fuß war jede einzelne Zelle in vibrierender Aufregung. Ich schalt mich selber dafür, aber ich konnte es nun mal nicht ändern.

Und dann ging die Tür auf, und Domenico stand vor mir.

«Nicki!»

Sein Anblick haute mich mal wieder völlig von den Socken, obwohl ich es mir verboten hatte, mich davon beeindrucken zu lassen. Aber er stand so lässig da, die Hände in den Hosentaschen vergraben und den Kopf leicht zur Seite geneigt, dass ich gar nicht anders konnte.

Sein Haar war immer noch ungebändigt, lang wie eh und je, und fiel ihm tief ins Gesicht. Er brauchte das, um ab und zu seine Augen dahinter verstecken zu können. Auf jeden Fall hatte Suleika Recht gehabt: Er sah hammergut aus, viel gesünder als vor der Therapie. Richtig erholt und auch schön braungebrannt. Er war zwar nach wie vor dünn, doch seine gut trainierten Oberarme sahen richtig zum Anbeißen aus. Er hatte sogar wieder ein klein wenig zugenommen, was ihm in Anbetracht der Tatsache, dass er nach dem Knast in London ziemlich ausgemergelt gewesen war, nur gut stand.

Weiter fiel mir auf, dass er Mingos Nietengürtel nicht mehr trug, sondern einen neuen Ledergürtel mit einer trendigen Schnalle. Dazu ein Paar recht intakte Jeans und ein dunkelgraues, ärmelloses Tank Top.

Ich erhob mich und wollte zu ihm runtergehen, doch seine graublauen Augen musterten mich, als würden sie sich einen Stuhl ansehen.

«Hallo Maya», sagte er nur.

Ich blieb abrupt stehen. In seiner Stimme war nicht die geringste Tonlage zu hören. Keine Nuance von Freude oder Erregung, aber auch keine Wut, einfach überhaupt nichts.

«Freust du dich nicht, mich zu sehen?»

«Klar freu ich mich.» Er breitete seine Arme zu mir aus und stieg die paar Stufen hoch, bis nur noch wenige Zentimeter uns trennten und ich seinen mir so vertrauten Geruch wahrnehmen konnte.

«Was ist mit dir los?»

«Nichts. Lass dich endlich umarmen.»

Zaghaft überwanden wir auch diese letzten Zentimeter, und er schloss seine Arme um mich. Ich legte mein Gesicht auf seine Schulter und fühlte, wie er seine Wange, die etwas rauer geworden war, an die meine drückte. Sein Atem, der leicht nach Rauch roch, kitzelte mich im Nacken.

Was war anders? Was war in der Therapie passiert? Was stimmte nicht? Wo waren unsere Herzschläge? Wo die zarten Töne, die nur wir beide hörten? Und die Fähigkeit, auch ohne Worte miteinander zu kommunizieren? Warum strömte keine Hitze aus seinem Körper wie sonst immer, wenn er mich in seinen Armen hielt?

«Gibt's keinen Kuss?», dröhnte Mikes Stimme von oben herab. Den hatte ich ganz vergessen!

«Klappe, Mike!», rief Domenico und ließ mich sachte wieder los. «Verzieh dich. Ich geb hier keine Gratisvorstellung!»

Er sah mich unschlüssig an, als müsse er irgendwas in seinem Kopf abwägen. Mike gab sich nicht so schnell geschlagen.

«Ey, wollt ihr nicht raufkommen, Alter?»

«Nee, besser nicht.»

«Und warum nicht?», fragte ich prompt. Was gab es wieder zu verbergen?

«Weil's da oben zu … chaotisch ist.»

«Aha.»

«Ich wohn nur vorübergehend hier», beeilte er sich zu erklären. «Ließ sich auf die Schnelle nix anderes finden. Aber ich hab bald was Besseres.»

«Eine eigene Wohnung?» Ich dachte an das, was Suleika mir erzählt hatte.

«Nein.» Er verzog keine Miene. «Eine WG mit zwei Studenten. Das mit der eigenen Wohnung … ist noch zu früh.»

«Warum? Aus finanziellen Gründen?»

«Sie haben mir in der Therapie davon abgeraten», sagte er mit seiner leicht heiseren Stimme, die das Resultat von zu vielen Zigaretten in der Vergangenheit war. «Ich brauch 'ne WG mit Regeln, sonst hau ich wieder ab oder bau Chaos. Ist halt 'ne Gefahr bei mir. Und in ein Wohnheim will ich nicht mehr, also ist das irgendwie die beste Lösung.»

Er ließ sich auf der Treppe nieder und schlang seine Arme um die Knie, so dass mein Blick unvermeidlich von seinen neuen Lederarmbändchen angezogen wurde, die er sich massenweise um die Handgelenke gebunden hatte. Einige waren richtig kunstvoll ineinander verflochten, und in dem Geflecht steckten sogar kleine Muscheln. Er bemerkte die Frage, die auf meinen Lippen lag, und zog die Hände schnell weg. Ich setzte mich neben ihn.

«Warum hast du mir nicht gesagt, dass du früher zurück bist?», fragte ich leise. «Wolltest du mich denn nicht sehen?»

«Doch, klar wollte ich dich sehen.» Wieder diese emotionslose Stimme, diese sonore Tonlage. «Aber ich wollte vorher noch etwas erledigen.»

Ich zwang mich zur Ruhe. «Und das wäre?»

«Eigentlich möchte ich das niemandem erzählen.»

«Aber ich bin doch deine Freundin!»

Er sah mich schweigend an.

«Oder etwa nicht?»

«Doch, klar», meinte er.