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IMPRESSUM

Die schöne Erbin erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

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Fax: +49(0) 711/72 52-399
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© 1999 by Mindy Neff
Originaltitel: „The Virgin & Her Bodyguard“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1202 - 2000 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Renate Moreira

Umschlagsmotive: denis tevekov / Thinkstock

Veröffentlicht im ePub Format in 10/2014 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733786755

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Cole Martinez war verflixt gut in seinem Job. Er konnte alles und jeden ausfindig machen und besaß einen Instinkt, der niemals versagte. Aber diesmal fragte er sich, ob er sich nicht doch geirrt hatte.

Er schaute noch einmal auf das Stück Papier, auf dem die Adresse stand, und dann wieder auf das kleine, mit Efeu bewachsene Haus, das in einem Städtchen oberhalb von Nizza lag. Es musste das richtige sein, aber es entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen.

Genauso wenig wie die Frau, die er durch die offene Tür im Haus sah.

Er hatte tiefschwarzes Haar erwartet, das ihr fast bis zur schmalen Taille reichte, elegante Designerkleidung und italienische Pumps.

Aber Raquel Santiago entsprach nicht diesem Bild. Ihr langes Haar war auf Schulterlänge gekürzt und sie hatte sich dunkelrote Strähnen eingefärbt. Sie trug ein Männerhemd, das ihr fast bis zu den Knien reichte, und Leggings.

Überrascht von dem lässigen Erscheinungsbild der schönen Erbin, brauchte er einen Moment, bis er den Rest seiner Umgebung wahrnahm. Erst jetzt bemerkte er, dass ihr das Haus auch gleichzeitig als Fotostudio diente und angefüllt mit Babysachen war. Eine Wiege stand an einer Wand, und unter dem offenen Fenster, an dem sich die Vorhänge in der sanften Septemberbrise bewegten, befand sich ein Schaukelstuhl, auf dem Stofftiere lagen. In der Mitte des Raumes stand ein Laufstall und auf dem Boden lag Spielzeug herum.

In einer Ecke standen übergroße pastellfarbene Stofftiere um ein Bett herum und in der Mitte lag ein Baby, das ein rosafarbenes Plüschkostüm trug, aus dem nur sein kleines Gesichtchen hervorschaute. Es war das niedlichste Geschöpf, das Cole je gesehen hatte.

Er lehnte sich gegen die Tür und schaute zu, wie Raquel das Baby fotografierte und sich dabei die größte Mühe gab, das Kind bei guter Laune zu halten. Er bewunderte ihre Geschicklichkeit und war wieder einmal von ihr überrascht.

Er war mit dem Auftrag hierher gekommen, sie wieder nach Hause in den kleinen Staat Valldoria zu bringen, wo man sie besser beschützen konnte. Aber instinktiv wusste er bereits jetzt, dass sie sich ihm widersetzen würde.

Obwohl er dem hübschen Duo noch stundenlang zuschauen konnte, wusste er doch, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. Er straffte sich, trat einen Schritt in den Raum und nahm sich vor, mit ihr darüber zu sprechen, dass sie niemals die Haustür offen stehen lassen sollte. Raquel, die ganz in ihre Arbeit vertieft war und sich dabei rhythmisch zu Madonnas neuestem Hit bewegte, hatte noch gar nicht bemerkt, dass jemand ihr Haus betreten hatte.

Bis Cole den zweiten Schritt tat und dabei auf einem Gummialligator landete, der laut aufquietschte.

Cole erstarrte, als ihn das Baby zwischen den riesigen Stofftieren mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Dann verzog sich das hübsche Gesicht, und das Kind begann zu weinen.

Gleichzeitig wirbelte Raquel herum und hätte dabei fast ihre wertvolle Kamera fallen lassen. Ihr Herz machte einen Satz, als sie den Mann anstarrte, der zwei Schritte von der Tür entfernt stand. Er war groß und dunkel. Ein leichtes Lächeln lag auf seinem Gesicht, ein Lächeln, das sie von früheren Begegnungen nur allzu gut kannte, und das er immer dann benutzte, wenn er jemanden von etwas überzeugen wollte. Er war zweifellos ein Prachtexemplar der männlichen Gattung, doch ihr war er ein Dorn im Auge.

Es war Cole Martinez.

Dios mío! Hast du mich erschrocken! Was suchst du hier?“ Sie kämpfte darum, ihre Fassung wieder zu gewinnen und ruhig und gelassen zu wirken. Sie ging zu dem Baby hinüber und nahm es auf den Arm. „Ma chérie, weine doch nicht.“ Ihr spanischer Akzent gab den französischen Worten eine rauchige Qualität, die das Interesse des Kindes erweckte.

Offensichtlich Coles auch, denn er stand immer noch da, ohne ein Wort zu sagen, und starrte sie nur an.

„Warum bist du gekommen, Cole?“, fragte sie erneut.

„Um dich nach Hause zu begleiten.“

Raquel schüttelte den Kopf, dankbar, dass das Kind auf ihrem Arm ihr Zittern verbarg. Seltsamerweise brachte Cole es immer wieder fertig, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Falls du es noch nicht bemerkt hast, ich bin hier beschäftigt.“ Sie griff zur Fernbedienung und stellte die Stereoanlage ab.

Er warf den Gummialligator in die Luft, fing ihn geschickt wieder auf und entlockte ihm ein weiteres Quieken, indem er das Tier kräftig auf den Bauch drückte.

„Ich warte“, sagte er dann freundlich.

Der Blick aus seinen tiefblauen Augen – die er seiner amerikanischen Mutter zu verdanken hatte – war so intensiv, dass er sich in ihre Seele einzubrennen schien und sie nicht in der Lage war, sich von der Stelle zu bewegen. Er trug einen dunklen Anzug mit einem hellblauen Hemd und einer Krawatte. Immer korrekt und elegant angezogen, wirkte Cole Martinez in ihrem kleinen Haus in diesem Provinzstädtchen eigenartig fehl am Platz. Sicherlich klingelte schon bald ihr Telefon und Nachbarn würden wissen wollen, wer dieser Fremde war.

Sie hob das Baby auf den anderen Arm und zog eine Augenbraue hoch. „Ich glaube, du wirst sehr lange warten müssen. Ich habe nämlich nicht die Absicht, in nächster Zeit nach Valldoria zurückzukehren.“ Ohne nachzudenken, drückte sie auf den Lautstärkeregler der Fernbedienung und stellte die Musik wieder lauter.

„Das ist offene Rebellion“, murmelte er.

„Ich versuche nur, meine Unabhängigkeit zu verteidigen“, entgegnete sie.

Er legte den Gummialligator auf den Tisch und ging auf sie zu, ohne auch nur einmal den Blick von ihr abzuwenden. Sie versuchte, ihn zu ignorieren und gelassen zu wirken, wusste aber, dass ihr das kläglich misslang.

Cole Martinez konnte man nur schwer etwas vormachen. Ihm entging fast nichts. Trotz seines gepflegten, eleganten Äußeren war er unbeugsam wie Stahl und gefährlich wie eine Raubkatze. Das war wohl auch der Grund, warum sie in seiner Gegenwart immer so nervös wurde.

„Ich frage mich“, dachte er laut, „ob es Rebellion oder dein Hang zur Unabhängigkeit war, die dich dazu veranlasst haben, dem Prinzen am Tag eurer Hochzeit den Laufpass zu geben.“

Ihr Herz setzte für einen kleinen Moment aus. Das war vor sechs Monaten geschehen, aber selbst jetzt war sie immer noch überrascht über ihre eigene Handlungsweise. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich getraut, so etwas Wagemutiges zu tun. Sie hatte ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen, um sich zum ersten Mal ihrer und der königlichen Familie zu widersetzen.

„Keines von beiden“, antwortete sie. Sie stützte das kleine Mädchen, das Carmen hieß, auf ihrer Hüfte ab und schob das Stativ hin und her, bis sie die besten Lichtverhältnisse fand. Sie wollte von dem Baby noch einige Fotos machen, bevor seine Mutter es wieder abholte. „Jeder konnte sehen, dass Briana und Prinz Joseph ineinander verliebt sind. Ich habe das Richtige getan und den Weg für die beiden frei gemacht.“

„Und hast damit den Ärger deiner Familie auf dich gezogen.“

Sie zuckte die Schulter. „Sie werden darüber hinwegkommen.“

„Das stimmt. Die Aufregung hat sich bereits wieder gelegt, aber sie möchten, dass du wieder nach Hause kommst.“

„Nein.“

Er zog die Augenbrauen zusammen, griff zur Stereoanlage hinüber und stellte die Musik leiser. „Glaubst du, dass Madonna für die Ohren eines Kindes das Richtige ist?“

„Carmen versteht die Worte nicht. Sie reagiert allein auf den Beat.“

„Genau wie du.“

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihre Hüften zu den Rhythmen von I’d rather be your lover bewegte und hielt abrupt inne. Ihr Gesicht rötete sich, als die Worte der Sängerin in ihr Bewusstsein drangen: Ich wäre gern deine Geliebte. Das ironische Lächeln auf Coles Gesicht sagte ihr, dass er Madonna ebenfalls aufmerksam zugehört hatte.

Ungeduldig wechselte sie das Kind von einem Arm auf den anderen. „Kümmere dich um deine eigenen Sachen, Cole. Ich bin beschäftigt. Ich muss jetzt weiterarbeiten.“

„Ich erinnere mich gar nicht daran, dich je so gereizt gesehen zu haben.“

„Du hast mich ja auch nie richtig gekannt.“

„Du würdest überrascht sein, wenn du wüsstest, wie gut ich dich kenne.“

Mit wachsender Wut atmete sie einmal tief durch und gab sich Mühe, Carmen vor Aufregung nicht zu sehr an sich zu drücken. Sein sanfter Tonfall ließ ihr Herz schneller schlagen. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie angenommen, dass er versuchte, mit ihr zu flirten.

Ihr wurde noch unbehaglicher zumute. Ihr ganzes Leben lang hatten die Leute gemeint, nett zu ihr sein zu müssen, weil sie die einzige Tochter einer berühmten, steinreichen Familie war. Lange hatte sie das nicht durchschaut, doch durch Lucian hatte sie ihre Lektion gelernt.

Er hatte ihre Liebe zur Kunst unterstützt, hatte ihr Mut gemacht, Valldoria zu verlassen, und sie hatte geglaubt, er würde sie wirklich lieben. Doch als ihr Vater, Carlos Santiago, wütend auf ihr Weggehen reagierte und ihr drohte sie zu enterben, hatte Lucian sein wahres Gesicht gezeigt und sich aus dem Staub gemacht. Er hatte ihr Geld gewollt. Nicht sie. Nur wegen ihres Erbes hatte er sich so rührend um sie gekümmert und war so nett zu ihr gewesen.

Diese Erfahrung hatte Raquel misstrauisch gemacht, und sie hatte einen Schutzwall um sich aufgebaut. Bei Cole würde sie diese Mauer noch erhöhen. Er war nicht nur ein äußerst attraktiver und charismatischer Mann, er stand auch noch auf der Seite ihrer Familie und vertrat alles, wovor sie geflüchtet war. Er war der Chef der königlichen Garde, ein Vertrauter von König Marcos und ihrem Vater. Es war bereits seit einiger Zeit seine Aufgabe, sie zu beschützen. Dafür wurde er bezahlt.

Das darfst du auf keinen Fall vergessen, warnte sie sich und ärgerte sich über das prickelnde Gefühl, das allein seine Gegenwart in ihrem Bauch auslöste.

Sie wollte und brauchte keinen Mann. Ende.

Nachdem sie fünfundzwanzig Jahre beschützt und behütet und von strikten Regeln fast erdrückt worden war, konnte sie jetzt endlich das Leben führen, nach dem sie sich immer gesehnt hatte.

Und sie war frei.

Cole unerwartetes Auftauchen bedrohte diese Freiheit. Und das würde sie nicht erlauben.

„Du bist nicht den ganzen Weg von Valldoria nach Frankreich gekommen, um irgendwelche Spiele mit mir zu spielen, oder?“

„Nein.“

„Was willst du also?“

„Dein Vater ist beunruhigt. Er wird bedroht, und er hat Angst, dass diese Bedrohung auch auf dich übergreifen könnte. Ich bin geschickt worden, um dich nach Hause zu bringen.“

Obwohl seine Worte Angst in Raquel hervorriefen, wischte sie sie mit einer lässigen Bewegung ihrer Hand weg. „Wenn mein Vater bedroht wird, warum bist du denn nicht bei ihm, um ihn zu beschützen?“

„Ich kann dir versichern, dass er in guten Händen ist. Und sobald du ein oder zwei Koffer gepackt hast, werde ich froh sein, mich wieder selbst um seine Sicherheit kümmern zu können.“ Er warf einen Blick auf die Platinuhr an seinem Handgelenk. „Der Jet wartet bereits am Flughafen von Nizza.“

„Dann musst du dich beeilen, dass du ihn nicht verpasst.“

Raquel hätte wissen müssen, dass Cole kein Mann war, den man so leicht loswurde. Wie oft hatte sie in der Vergangenheit versucht, sich unbemerkt vom Anwesen ihrer Familie davonzustehlen und war dann an Cole gescheitert. Nein, Cole loszuwerden, war nicht einfach. Besonders nicht, wenn er wie jetzt wie ein Panther auf der Jagd auf sie zuging.

Feige legte sie das Baby auf den anderen Arm und benutzte es als eine Art Puffer. Doch Cole dachte gar nicht daran stehen zu bleiben, sondern zog nur eine Augenbraue hoch.

Ihr Herz klopfte laut, und sie schluckte nervös. Die Phantasien ihrer Mädchenzeit stiegen in ihr auf und machten sie noch verlegener, als sie bereits war. Wie oft hatte sie ihn früher von ihrem Fenster aus beobachtet oder auch aus den Augenwinkeln heraus, wenn er neben ihr hergegangen war. Ihm zu entkommen, war damals für sie zu einer Herausforderung geworden, zu einem sinnlichen Spiel. Wie oft hatte sie sich Tagträumen hingegeben, in der Cole stets die Hauptrolle spielte.

Jetzt allerdings konnte sie ihm nicht entkommen. Es gab keinen Ausweg. Obwohl sie einen fast übermächtigen Drang verspürte, davonzulaufen, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Die Musik, die jetzt vom harten Beat zu einer sanften Melodie übergegangen war, schien die Luft im Raum mit etwas aufzuladen, was sie nicht benennen konnte, etwas, womit sie keine Erfahrung hatte. Sie wusste nur, dass es aufregend und prickelnd wie ein Glas Champagner war.

Er war jetzt vor ihr stehen geblieben. Sein männlicher, so vertrauter Duft umgab sie, und ihre Knie schienen auf einmal nachzugeben. Ihr Mund wurde trocken, als seine tiefe volltönende Stimme sie umgab.

„Du wirst nicht immer ein Kind haben, um dich dahinter zu verstecken, du kleiner Wildfang.“

Selbst wenn sie es wollte, hätte sie sich nicht der Faszination seiner tiefblauen Augen entziehen können. Sie mochte nicht viel Erfahrung haben, aber Coles Stimme hatte eindeutig einen sinnlichen Unterton angenommen. Sie war so erstaunt, dass sie für einen Moment sprachlos war. Ungewollt stiegen erotische Bilder in ihr auf, die ihr Blut so in Wallung brachten, dass ihr schwindlig wurde.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie alles dafür gegeben hätte, dass Cole Martinez sie nur einmal so anschaute, wie er es jetzt tat. Eine Zeit, in der sie sich ihn als ihren Prinzen vorgestellt hatte, ihren Helden, der sie von dem erdrückenden Einfluss ihrer Familie rettete. Aber das lag bereits eine kleine Ewigkeit zurück. Sie war jetzt ein anderer Mensch geworden.

Sie sah, wie sich sein Blick heiß und verlangend auf ihren Mund heftete und hielt unwillkürlich den Atem an. Ja! hätte sie am liebsten geschrien. Tu es!

Doch dann brach Carmen den Zauber, indem sie zu zappeln begann und ihre Arme zur Tür reckte.

Entsetzt über ihre eigenen Gedanken trat Raquel schnell einen Schritt zurück und spürte, wie ihre Wangen heiß vor Verlegenheit und Schuldgefühlen wurden.

Sasha St. Pierres amüsiertem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war ihrer Freundin das nicht entgangen. „Entschuldigt bitte. Habe ich euch gestört?“

Raquel lief um Cole herum auf Carmens junge Mutter zu.

„Nein, nein“, sagte sie rasch, erleichtert darüber, dass ihre Stimme tatsächlich noch funktionierte. „Ich bin für heute mit meiner Arbeit fertig. Das Licht ist nicht mehr das beste.“ Sie zog dem Baby rasch das Kostüm aus, drückte Carmen noch einmal an sich und reichte sie dann ihrer Mutter.

„Wer ist der Fremde in dem Armani-Anzug?“, flüsterte ihr Sasha mit einem verschwörerischen Lächeln zu. Die Nachbarn versuchten bereits seit einiger Zeit, Raquel an den Mann zu bringen und waren ganz verzweifelt, dass sie stets so uninteressiert wirkte.

„Ein Bekannter aus meinem Land“, erwiderte Raquel.

„Den Blicken nach zu urteilen, die er dir zuwirft, scheint er ziemlich ausgehungert zu sein.“

Raquel zog die Augenbrauen hoch. „Ausgehungert? Der Anblick der vielen Leckereien in eurer Bäckerei hat wohl schon deinen Verstand verwirrt.“

„Du weißt genau, welchen Hunger ich meine.“

Raquel sah ihre Freundin für einen Moment verständnislos an. Dann wurde ihr bewusst, worauf Sasha anspielte. Sie vermied es Cole anzusehen und spielte die Unschuldige. „Vielleicht hat der Flug ihn mitgenommen. Aber ausgehungert oder nicht, er ist nur ein Bekannter.“

„Oh, du weichst mir aus. Margo und ich werden dir später schon noch die Einzelheiten entlocken.“

„Es gibt keine Einzelheiten.“ Sie hatte gewusst, dass Cole in dem Städtchen Aufsehen erregen würde. Und sie hatte auch gewusst, dass Sasha und Margo, die Besitzerin der Bäckerei nebenan, Näheres über den Besuch erfahren wollten. Was sie noch nicht einmal geahnt hatte, war die Tatsache, dass dieser Mann sie so aus dem Gleichgewicht bringen würde.

„Wir werden sehen“, sagte Sasha mit einem schelmischen Lächeln. „Er sieht verflixt gut aus.“

Raquel wollte gerade den Mund öffnen, um zu protestieren, als ihr bewusst wurde, dass es sinnlos war. Cole war ohne Zweifel ein sehr anziehender Mann. Außerdem hatte er eine Ausstrahlung, die selbst die Aufmerksamkeit einer Nonne geweckt hätte.

„Soll ich morgen mit Carmen zum Vorsprechen kommen?“

Raquel, deren Gedanken immer noch bei Coles gutem Aussehen hingen, brauchte einen Moment, um sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. „Das ist nicht nötig. Carmen nehme ich auf jeden Fall. Sie ist so süß.“ Sie küsste die Finger des Babys und erntete dafür ein glucksendes Lachen. „Ich werde dich anrufen, wenn mein Zeitplan feststeht.“

Sasha schien nur ungern zu gehen. Sie warf noch einen letzten neugierigen Blick zu Cole hinüber und hauchte Raquel einen Kuss auf die Wange. „Wir werden reden, mon amie. Und zwar bald.“

Raquel sah zu, wie Sasha mit dem Baby im Arm hinausging und wandte sich dann wieder Cole zu.

„Kommen deine Nachbarn immer unangemeldet zu Besuch?“, fragte er.

„Ja, ganz besonders wenn ich ihre Babys hier habe.“

„Das ist nicht gut.“

„Du bist auch unangemeldet gekommen.“

„Genau das ist mein Punkt. Du scheinst dir noch nicht einmal Gedanken über die simpelsten Sicherheitsvorkehrungen zu machen. Ich glaube, ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen.“

„Mach dich doch nicht lächerlich. Das hier ist eine Kleinstadt. Ich habe hier viele Freunde. Ich brauche nicht über meine Sicherheit nachzudenken.“

„Sicherheit ist sehr wichtig, wenn es um dich geht.“

„Aber hier gibt es keine Probleme. Hier bin ich nicht Raquel Santiago, die steinreiche Erbin, sondern nur eine Freundin, eine Nachbarin und Geschäftsfrau.“

„Ich kann deine Einstellung nicht begreifen. Man hat dich dazu erzogen, vorsichtig zu sein. Du bist nie ohne Begleitung gewesen. Es sei denn, du hattest dich heimlich davongeschlichen und uns in Angst und Sorge versetzt“, erwiderte er trocken.

Raquel zuckte die Schultern und steckte ihre Kamera in die Schutzhülle. „Es war ein Spiel“, rutschte es ihr heraus. Eigentlich hatte sie das gar nicht zugeben wollen und jetzt hatte sie Angst, dass er eine genauere Erklärung wünschte.

Sie konnte ihm schlecht erzählen, dass es in ihrer Mädchenzeit ihr Hauptziel gewesen war, ihn zu einer Reaktion zu provozieren.

Einer sexuellen Reaktion.

Glücklicherweise ließ er das Thema fallen, aber der Ausdruck in seinen Augen verriet ihr, dass er es nur zur Seite gelegt hatte. Irgendwann würde er Fragen stellen, es sei denn, sie sorgte dafür, dass er so schnell wie möglich wieder nach Valldoria zurückkehrte.

Sie sah, wie er erneut einen Blick auf seine Armbanduhr warf. „Wie viel Zeit brauchst du?“, fragte er.

„Wozu?“

„Um zu packen.“

„Ich werde nicht mitkommen.“

Er atmete tief durch. „Dein Vater wünscht aber, dass du zurückkommst.“

„Ich weiß. Genau aus diesem Grund bin ich ja in Frankreich und nicht in Valldoria.“

„Kannst du diese Arbeit nicht auch zu Hause in eurem Landhaus machen?“

„Machst du Witze? Meine Familie denkt, das Fotografieren für mich nur ein Zeitvertreib ist. Sie sind fest davon überzeugt, ich würde irgendwann wieder meine Meinung ändern. Aber sie irren sich, es ist nicht nur ein Hobby für mich. Es ist meine Arbeit.“ Sie musste ihm begreiflich machen, warum es für sie so wichtig war, hier in dieser kleinen französischen Stadt zu bleiben. Ihre Familie war mächtig und einflussreich, und Cole war ihr verlängerter Arm. Sie würde nur ungern gegen ihn ankämpfen, aber sie würde es tun, wenn er ihr keine Wahl ließ.

„Bis jetzt habe ich mich auf Poster und Grußkarten beschränkt. Ich habe eigene Serien. Aber ich habe vor, bald auch Bildbände zu machen. Die Möglichkeiten sind endlos.“

„Ich schätze es, dass du deine Arbeit liebst, aber du brauchst doch gar kein Geld zu verdienen.“

„Hier geht es nicht um Geld. Hier geht es um Freiheit, um persönliche Entfaltung. Ich bin auf mich gestellt und allein für mein Leben verantwortlich. Ich brauche niemandem außer mir selbst zu gehorchen.“

„Und das ist wichtig für dich?“

„Sehr wichtig.“

Er betrachtete sie aufmerksam. „Ich nehme an, dass dein Name bei den Verkäufen hilft.“

„Da irrst du dich.“ Sie verbog fast ein Bein ihres Stativs, als sie es etwas zu heftig zusammenklappte. „Das ist eine Beleidigung. Ich bin gut in dem, was ich tue.“

„Ah, kleiner Wildfang. Ich meinte natürlich nicht, dass du nur Erfolg durch deinen Namen und deinen Status hast. Ich habe Augen im Kopf und kann sehen, dass du Talent hast.“ Sein Blick fiel auf Drucke von Babys, die im ganzen Raum an den Wänden hingen. „Ich meinte nur, dass dein Name sicherlich hilfreich ist.“

„Wie ich dir bereits sagte, weiß niemand hier, wer ich wirklich bin. Ich habe meine Herkunft geheim gehalten. Hier in Frankreich bin ich lediglich Mademoiselle Raquel.“

„Aber bereits deine Schönheit und dein Auftreten lassen vermuten, dass du etwas ganz Besonderes sein musst.“

Ihr Herz machte einen Satz, obwohl ihr klar war, dass er ihr bewusst Komplimente machte. Er wollte ihre Einwilligung, dass sie mit ihm nach Valldoria zurückging, und sie wusste, dass ihm jedes Mittel recht war, um die zu erhalten.

„Schmeicheleien werden dir nicht weiterhelfen.“

Er zuckte die Schultern und lächelte. „Man kann es ja versuchen. Ich dachte immer, Frauen lieben Komplimente.“

„Ja, wenn sie ehrlich gemeint sind, so wie die von den Jungen hier in dieser Gegend.“

Cole spürte, wie seine Brust eng wurde. Verflixt noch mal, war er etwa eifersüchtig? „Es gibt einen Unterschied zwischen einem Jungen und einem Mann, Raquel. Wenn du möchtest, kann ich ihn dir gern einmal demonstrieren.“ Er sah, wie sie leicht zusammenzuckte, wie ihre schlanken Hände zu beben begannen. Doch bevor er seine Genugtuung noch richtig genießen konnte, erstaunte sie ihn mit ihren nächsten Worten.

„Du bluffst ja nur.“

Raquel Santiago war erwachsen geworden. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihn durchschaute. Nur wenige taten das.

„Du glaubst, dass ich bluffe?“, fragte er leise und trat einen Schritt näher. Er sah, wie sie noch nervöser wurde und sich wappnete.

„Hör endlich mit dem Unsinn auf, Cole Martinez.“ Ihre Stimme bebte, aber sie schaute ihn unverwandt an. Unschuldige Augen, die darum baten, die verbotene Frucht zu kosten.

Und sie war eine verbotene Frucht. Er war ihr Leibwächter. Beruf und Vergnügen hatte er strikt zu trennen. Seine Aufgabe war es, sie zu beschützen.

Und das bedeutete auch, dass er sie vor ihm selbst schützte.

Trotzdem konnte er es nicht verhindern, dass er auf die Herausforderung reagierte. Er tippte ihr Kinn mit zwei Fingern hoch und berührte mit der anderen Hand ihr seidiges Haar. Als sein Blick sich auf ihren Mund heftete, fuhr sie unwillkürlich mit der Zunge über die Lippen, sodass sie noch glänzender und noch einladender wirkten.

Es war ein Spiel gewesen, hatte sie eben gesagt. War es möglich, dass Raquel Santiago sich zu ihm hingezogen fühlte? Nur der Himmel wusste, dass diese Anziehung nicht einseitig wäre. Diese Frau hatte bereits seit vielen Jahren seine Phantasie beflügelt. Phantasien, die niemals Wirklichkeit werden würden. Er riss den Blick von ihrem Mund los, der so verlockend wie eine reife süße Frucht war, und schaute ihr in die Augen.

„Du spielst mit dem Feuer, Kleines.“