Susanne Rode-Breymann

ALMA MAHLER-WERFEL

Muse – Gattin – Witwe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Biographie | C.H.Beck

Zum Buch

In den meisten Büchern über Alma Mahler-Werfel dominiert der männliche Blick: Alma als verführerische Nymphe, Alma als wahnhaftes Weib. Diese neue Biographie hingegen zeigt eine andere Frau. Eine Frau, die in regem Gedankenaustausch mit zahlreichen Komponisten, Dirigenten, Künstlern und Literaten stand, sie inspirierte, förderte und begleitete. Eine außergewöhnliche Frau, die Kultur mitgestaltete und so die Kraft zum Weiterleben in den Wirren des 20. Jahrhunderts fand.

Das Leben von Alma Mahler-Werfel war ein Reigen an der Seite berühmter Männer. Sie war eine Meisterin im Hören, Sehen und Lesen und eine Muse voller Energie und Empathie. Am Klavier und komponierend nahm sie teil am Aufbruch in das 20. Jahrhundert. Von Wien aus ging sie mit Gustav Mahler in die Neue Welt. Ihren späteren Mann Franz Werfel begleitete sie dorthin ins Exil. Susanne Rode-Breymann entwirft auf der Grundlage eigener Forschungen ein differenziertes und faires Bild dieser faszinierenden Frau, die es verstand, sich immer wieder neu zu erfinden.

Über die Autorin

Die Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann ist Präsidentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und Leiterin des Forschungszentrums Musik und Gender. Sie ist Mitherausgeberin der Tagebuch-Suiten 1898 – 1902 von Alma Mahler-Werfel.

 

 

 

 

 

 

 

HELWIG SCHMIDT-GLINTZER GEWIDMET

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I
1879–1902
KINDHEIT UND JUGEND

1. In meines Vaters Garten: Plankenberg

2. Theresianumgasse und Steinfeldgasse auf der Hohen Warte

3. Am Bücherschrank

4. Im Theater

5. Auf dem Spaziergang

6. Am Klavier

7. Obere Weißgerberstraße 12: «Beim Zemlinsky»

8. In der Oper

9. Wendepunkt: Der Brief

IM FOKUS: FRAUEN

II
1902–1911
EHE

1. Auenbruggergasse 2: Gustav Mahlers Muse

2. Gattin und Mutter

3. Hören – Sehen – Lesen

4. In der Sommerfrische

5. New York: Neubeginn

6. Vernetzungen in New York

7. Die Neuentdeckung des Eigenen in der fremden Kultur

IM FOKUS: MÄNNER

III
1911–1938
SUCHE NACH IDENTITÄT

1. Döbling: Pokornygasse 23

2. Erster Weltkrieg, in der Elisabethstraße 22

3. Mitte des Lebens

4. Breitenstein am Semmering

5. Italien

6. Radikalisierungen

IM FOKUS: KINDER

IV
1938–1964
SUCHE NACH DEM ORT

1. Flucht durch Europa und Ankunft in New York

2. Kalifornien

3. Verlorenes Europa

4. Witwe in New York

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweise

Namenregister

Einleitung

Alma Mahler-Werfel wurde am 31. August 1879 in Wien geboren und starb am 11. Dezember 1964 in New York. Zweimal verließ sie Wien. 1909 brach sie an der Seite von Gustav Mahler in die Neue Welt auf. Dem freiwilligen Aufbruch folgte die Flucht vor den Nationalsozialisten an der Seite von Franz Werfel im März 1938. Einen Weg zurück nach Wien gab es für sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht: Zu tief war ihre Traumatisierung, dass sie ihren Wiener Besitz, ihre Häuser, ihre Kunstsammlung, nicht zurückerhielt. Der von ihr begonnene Rechtsstreit endete erst 2006, fast sechzig Jahre später, mit der Rückgabe ihrer Gemälde an ihre Enkelin Marina Mahler.

Alma Mahler-Werfel war eine herausragende Frau des 20. Jahrhunderts, sie nahm aktiv am Aufbruch in die Moderne Anteil, erlebte die beiden Weltkriege, den Tanz auf dem Vulkan in den Goldenen Zwanzigerjahren dazwischen sowie das Misslingen der Rückkehr aus dem Exil nach Europa. In den Wirren dieses 20. Jahrhunderts erfand Alma Mahler-Werfel sich immer wieder neu und war eine Akteurin mit großer kultureller Kraft, sowohl im Netzwerk der Wiener sezessionistischen Kultur der Jahrhundertwende als auch in der amerikanischen Exilkultur. Als kulturell Handelnde stand ihr musikalisch, künstlerisch und literarisch ein profundes Urteilsvermögen zu Gebote.

Auf dem Weg ins amerikanische Exil begann Alma Mahler-Werfel ihr Leben zu erzählen: Gustav Mahler. Erinnerungen und Briefe erschien 1940 in Amsterdam, gefolgt von And the Bridge is Love (New York 1958) und Mein Leben (Frankfurt am Main 1960). Grundlage dieser autobiographischen Publikationen waren ihre Tagebücher. Sie schrieb fast lebenslang Tagebuch. Während ihre frühen Tagebücher im handschriftlichen Original erhalten sind,[1] kennen wir die Tagebücher nach 1902 nur in maschinenschriftlichen Abschriften aus verschiedenen Zeiten.[2] Wer Alma Mahler dabei beriet, wie viel und was darin gekürzt wurde – all das lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Wir kennen also den größten Teil von Alma Mahler-Werfels Leben nur in Form späterer Überschreibungen und Verkürzungen, wie sie in Mein Leben eingeflossen sind.

Dadurch verschärft sich etwas Grundsätzliches, das mit Worten von Karl-Heinz Ott angesprochen sei: «Das von der Zeit zerfressene Wirkliche läßt sich nicht, läßt sich jeden Tag anders, läßt sich von jedem immerzu anders erzählen. Jeder Blick ist ungerecht, weil er, um sich zu orientieren, Unendliches aussparen muß. Das Gedächtnis weiß nicht, ob es das Gewesene bewahrt oder erschafft, ob es sich erinnert oder das Zurückliegende mit nachträglichen Vorstellungen übermalt.»[3]

Es sind nicht erst die Biographen, die im Erzählen ausließen und auslassen. Alma Mahler-Werfel selbst tat das. Zwischen dem sicher nicht für die Öffentlichkeit gedachten Tagebuch-Schreiben der jungen Alma Schindler und ihrer Selbsterfindung in ihrer 1960 publizierten Autobiographie Mein Leben erstreckte sich eine lebenslange Erinnerungsarbeit, in der sie das Gewesene bewahrte und erschuf. Alma Mahler-Werfel selbst initiierte ein retuschiertes Bild ihrer selbst, das bis heute wirkungsmächtig und nicht eben einfach zu korrigieren ist. Die Gustav-Mahler-Biographik wie die Alma-Mahler-Werfel-Biographik sind bis heute diesem konstruierten Selbstbild gefolgt.

Das Undeutlichwerden der Bilder der Erinnerung und der Prozess der Überschreibung dieser Bilder ist im Falle von Alma Mahler-Werfel aber nicht nur Folge ihrer Selbstkonstruktion, sondern auch Folge zweier Dispositionen – ihrer Ambivalenz und dem Schlüsselerlebnis des verlorenen Ortes. Knapp dreizehnjährig erlebte Alma Schindler, als ihr Vater starb, dass im Moment des Verlustes eines engen Familienangehörigen ein Ort verloren ging und dass es danach für sie unmöglich war, jemals wieder diesen Ort zu betreten. Das wiederholte sich mit dem Tod ihrer Töchter Maria Anna Mahler 1907 und Manon Gropius 1935 und grub sich durch die Entwurzelung aus dem kulturell Eigenen im Exil tief in ihr ein.

Über Menschen mit starken Ambivalenzen sehr verschiedene Biographien zu schreiben ist ein Leichtes. Wird beim Erzählen eine der beiden Seiten geschwächt oder im Extremfall sogar ganz weggelassen, entstehen leicht Biographien, die kaum noch die gleiche Person zu beschreiben scheinen. Alma Mahler-Werfel war ein Mensch mit starken Ambivalenzen. Anna Mahler, die immer wieder schonungslos die schwierigen Seiten ihrer Mutter, deren politischen Extremismus, deren Härte, aufgedeckt hat, hat dies in den Blick gerückt und geschrieben: «kennt man nicht ihre beiden Seiten, so versteht man sie auch nicht; sie war eine unendlich leidenschaftliche Frau, die unendlich viel geben konnte. Wenn sie einen Raum betrat […], dann war da sofort eine Elektrizität spürbar […]. Und diese Begeisterungsfähigkeit für alles Künstlerische – sie war wie ein Vulkan! Und ging auf jeden Menschen wirklich ein, zu dem sie sprach. Und gab ihm Mut. Mut zu sich selbst und zu seiner Kunst.»[4]

Mit dieser Seite ihrer Persönlichkeit ist Alma Mahler-Werfel in die Geschichte eingegangen. Gustav Mahler (1902–1911), Walter Gropius (1915–1920) und Franz Werfel (1929–1945) war sie eine kongeniale Ehefrau, Gustav Klimt, Alexander Zemlinsky und Oskar Kokoschka inspirierte sie in glutvollen vor- bzw. außerehelichen Beziehungen, Alban Berg und Arnold Schönberg förderte sie finanziell – eine wahrlich illustre Reihe von Künstlern, die unter ihren inspirierenden Einfluss kamen. Dass Alma Mahler-Werfel allerdings heute nach wie vor fast ausschließlich in dieser Rolle als Muse wahrgenommen wird, wird ihrer tatsächlichen kulturellen Identität nicht gerecht.

Diese Biographie zeigt Alma Mahler-Werfel in vielfältigen Rollen und an vielfältigen Orten – und dies auf der Grundlage neuer Forschungsergebnisse in New York und auf der Grundlage der Publikation des Briefwechsels zwischen Alma Mahler-Werfel und Alban und Helene Berg,[5] 2008 von Martina Steiger herausgegeben, und des Briefwechsels zwischen Alma Mahler-Werfel und Arnold Schönberg,[6] den 2012 Haide Tenner herausgegeben hat. Diese beiden Briefwechsel führen mitten hinein in die Welt des geistigen Potentials von Alma Mahler-Werfel und ermöglichen, ihr Leben neu und ganz anders zu erzählen.

Die Biographie greift auf handschriftliche und zu sehr verschiedenen Zeiten gedruckte Quellen zurück, die entsprechend verschiedenen editorischen Prinzipien folgen. In den gedruckten Quellen finden sich alle nur denkbaren Genauigkeits-Abstufungen, mit denen Alma Mahler-Werfels an Unterstreichungen und Gedankenstrichen reiche Handschrift transkribiert ist. Um den Lesefluss dieses Buches zu erleichtern, sind alle derartigen Hervorhebungen vereinheitlicht kursiv wiedergegeben.

 

 

I


1879–1902

KINDHEIT UND JUGEND

Alma Schindler 1896

1
In meines Vaters Garten: Plankenberg

Die junge Alma Schindler komponierte viele Lieder, über hundert, gesammelt in einer Mappe, die sie als kostbaren Besitz mit in die Ehe mit Gustav Mahler brachte und die sie mitnahm, wenn es im Sommer von Wien aufs Land ging. Es sind Lieder einer empfindsamen jungen Frau, die in Tönen frei assoziierend Selbstgespräche führt. Die Lieder geben Einblicke in ihr Inneres, legen Bekenntnis ab, spiegeln Stimmungslagen. «Wo Du nur immer Texte herhast, die so auf Deinen Zustand passen», fragte denn auch Almas Halbschwester Margarethe, von Alma Gretl genannt, im Januar 1899: «Ich kenne Dich, und alle Menschen, die Deine Lieder hören werden, werden Deinen Zustand kennen.»[1]

Eines der schönsten dieser Lieder ist In meines Vaters Garten auf einen Text von Otto Erich Hartleben:

In meines Vaters Garten
– blühe, mein Herz, blüh’ auf.
In meines Vaters Garten
stand ein schattender Apfelbaum
– süßer Traum, süßer Traum!
Stand ein schattender Apfelbaum.

Drei blonde Königstöchter
– blühe, mein Herz, blüh’ auf.
Drei wunderschöne Mädchen
schliefen unter dem Apfelbaum
– süßer Traum, süßer Traum!
Schliefen unter dem Apfelbaum

In meines Vaters Garten ist komponierte Erinnerung an die Kindheit, Teil einer lebenslangen Erinnerungsarbeit, die sich zwischen dem Tagebuch-Schreiben der jungen Alma Schindler und ihrer Selbsterfindung in ihrer Autobiographie Mein Leben erstreckt. Mit diesem vermutlich 1901 komponierten Lied setzt Alma Schindler dem Plankenberger Paradies ihrer Kindheit ein Denkmal.

Emil Jakob Schindler mit seiner Familie im Park in Schloss Plankenberg um 1890

Alma Schindlers Vater, der 1842 in Wien geborene Landschaftsmaler Emil Jakob Schindler, hatte mit der Familie zunächst in der Mayerhofgasse gewohnt und diese Wohnung mit dem 1850 geborenen Künstler-Kollegen Julius Victor Berger geteilt. Als Emil Jakob Schindler 1881 mit dem Künstlerpreis ausgezeichnet wurde, verbesserte sich die finanzielle Situation der Familie deutlich, so dass der Umzug in eine Wohnung in der Mariahilferstraße 37 möglich wurde. Außerdem konnte Emil Jakob Schindler das Schloss Plankenberg zwischen Tulln und Neulengbach, etwa 50 Kilometer westlich von Wien, mieten. Das im Frühjahr 1885 bezugsfertige Haus war von einem 1200 Hektar großen Park umgeben, einer weitläufigen Garten-Anlage mit Grotten, eingebettet in die Felder und Wälder der ländlichen Umgebung. Einblicke in dieses Paradies geben verschiedene Fotos wie auch Gemälde von Emil Jakob Schindler. Auf einem, Parklandschaft in Plankenberg aus dem Jahre 1887, verewigte er die Mädchen. Alma und Gretl spielen im Park, in dem sie «ihren Puppen in den Jasminlauben Privatzimmer» einrichteten, so dass man sie «untertags» kaum sah, sondern «nur ihr Lachen und Singen»[2] hörte.

Alma Schindler verbrachte viel Zeit im Atelier ihres Vaters, sah ihm zu, wie er malte, hörte, wie er dabei sang, erinnerte sich an seine «wunderbare Singstimme, einen hellen Tenor», mit dem er «mit dem größten Können Schumann-Lieder»[3] sang. Obwohl die Mutter vor der Ehe professionelle Sängerin war, war es der Vater, der Alma ein Pianino besorgte, auf dem sie, so ihre Worte, das Ihre «entdecken» konnte, «ohne darauf gestoßen worden zu sein».[4]

Ihre Mutter, Anna Schindler, stand für das Rationale, bei ihr lernte Alma Schindler, die in keine Schule ging, das Rechnen. Der Vater stand für das Kreative, Freie, das Überschüssige, das zu Frühe. Gegen den Willen seiner Frau führte Emil Jakob Schindler seine Kinder an Goethes Faust heran und legte ihnen das Buch mit den Worten: «Das ist das schönste Buch auf der Welt, lest es, behaltet es»[5] ans Herz. Das hinterließ tiefe Spuren in Alma Schindler: «Mir blieb, wie eine fixe Idee: Ich muss den Faust wiedererlangen. Und so war die ganze Jugend. Voll Versuchen und ohne jedes System.»[6]

Knapp dreizehnjährig wurde sie aus dem Paradies des väterlichen Gartens vertrieben, als Emil Jakob Schindler am 9. August 1892 im Sommerurlaub auf der Insel Sylt an einer verschleppten Blinddarmentzündung starb. Alma Schindler erlebte erstmals, dass ein Ort im Moment des Verlustes eines engen Familienangehörigen verlorenging und dass es danach unmöglich war, jemals wieder diesen Ort zu betreten. Immer wieder musste sie in ihrem Leben Orte auf diese Weise hinter sich lassen: Nach dem Tod ihrer Tochter Maria Anna 1907 wurde das Haus in Maiernigg verkauft, weil es zu sehr mit der Erinnerung an den furchtbaren Verlust des Kindes verbunden und deswegen nicht länger betretbar war. Nach dem sozialen «Tod» von Gustav Mahler im Moment seiner Demission von der Wiener Hofoper brachen Alma und Gustav Mahler nach New York auf. Nach dem Tod von Manon Gropius 1935 wurde das Haus in Venedig verkauft.

Das mit dem Vater Verlorene war Alma Schindlers Utopia. Es prägte ihre innere Welt und gab den Maßstab für ihre Wertvorstellungen. Unweigerlich, eben wie unter einer fixen Idee, jagte sie diesem Verlorenen hinterher und sah im Familiensystem um ihre Mutter die Gegenwelt all dessen, was sie erstrebte.

In diesem Familiensystem taten sich vielfältige Abgründe auf: Die 1857 geborene Mutter, Anna Sofie Bergen, kam mit nichts aus Hamburg (Veddel) nach Wien. Ihre Familie hatte 1871 den Ruin erlebt, was zur Folge hatte, dass Anna Sofie (wie später ihre Tochter) im Alter von vierzehn Jahren ihren Herkunftsort verlor. Über ihre Geschichte erzählt Alma Schindler am 27. August 1900 in ihrem Tagebuch: «Wir saßen beisammen, und Mama erzählte uns aus ihrer Jugend – wie sie – (die ganze Familie Bergen) von der Insel Veddel, wo der Großpapa eine große Bierbrauerei hatte, eines Nachts fliehen mussten, weil nach dem Krieg Zahlungsstockungen eingetreten waren – der Großpapa aber den Concurs nicht auslegen wollte, und sie nicht einmal das Geld für die Miethe hatten – wie die Kinder ihre Mutter aus dem Bette, aus dem Haus trugen, die in schwerem Kindbettfieber lag und eben ihr 12tes Kind bekam – wie Mama mit 11 Jahren zum Ballet kam und als Statistin 1 Jahr darin mitwirkte und so die ganze Familie ernährte – wie sie später Kindsmädel wurde, Windeln waschen musste, bei der Köchin schlafen – wie sie Bonne [dann Cassirin in einer Badeanstalt] und zum Schluss Sängerin wurde. Es klingt fast wie ein Märchen.»[7]

Anna Sofie Bergen war musikalisch begabt, machte eine Gesangsausbildung am Wiener Konservatorium bei Adele Passy-Cornet, beendete aber ihre Karriere mit der Eheschließung mit Emil Jakob Schindler am 4. Februar 1879. Bei der Hochzeit trug sie Alma bereits unter dem Herzen.

«Und dann die ersten Jahre ihrer Ehe – die Schulden – und Papa, der, wenn die Noth am größten war, sich auf den Bauch legte und 24 Stunden schlief», so setzt Alma Schindler ihre Erinnerungen fort, wobei eine dritte Person ins Spiel kommt: «Und Carl, der von einem Wucherer zum anderen lief und Geld verschaffte und alles Bewegliche versetzte.»[8]

Carl Moll war 1881, zwanzigjährig, als Schüler zu Schindler gekommen und verbrachte die zehn Jahre bis zu Emil Jakob Schindlers Tod 1892 «in einer Arbeits-, oft auch Wohn- und Reisegemeinschaft mit dem Maler und seiner Familie».[9] Im November 1887 brach Carl Moll gemeinsam mit der Familie Schindler und einem Hausmädchen zu einer Reise nach Dalmatien (Triest, Pula, Split, Dubrovnik) auf, verbrachte den Winter auf Korfu und kehrte im Frühjahr über Opatija zurück nach Wien. Emil Jakob Schindler hatte den Auftrag, für Kronprinz Rudolf Tuschezeichnungen und Aquarelle von Küstenorten der k. u. k.-Monarchie anzufertigen. Es war eine für Schindler künstlerisch höchst erfolgreiche, vom Kronprinzen vorausfinanzierte Reise, nach der er als bedeutender Maler der k. u. k.-Monarchie galt, durch verschiedene Auszeichnungen (Silberne Staatsmedaille 1888, Goldene Staatsmedaille 1891) geehrt und bei der Jahresausstellung des Wiener Künstlerhauses im Frühjahr 1892, auf der der Kaiser eines seiner Bilder kaufte, gefeiert.

Korfu blieb für Alma ein Sehnsuchtsort, an den sie sich später intensiv erinnert. Das dort als Achtjährige Gesehene und Erlebte, sei es die Naturschönheit, seien es die Menschen, stand ihr (am 5. September 1899) lebhaft vor Augen – und dies im Sinne einer lichten, farbigen Gegenwelt zu dem für sie nicht erträglichen Familiensystem, in dem sie nun als Zwanzigjährige leben musste: «So eng war es in meinem Zimmer. Unsagbar! Fort, fort, nicht nach Wien, wo ein verliebtes Elternpaar und ein Säugling meiner harren. Nein, hinaus ins Leben, in die Ferne. Italien, Corfu. Unser liebes Haus am Sattel des Berges – 2 Stunden entfernt von der Stadt Corfu. Auf der einen Seite die Aussicht auf die Adria, auf der anderen Seite das jonische [ägäische] Meer.»[10]

Anna Schindler und Carl Moll hatten nicht nur am 3. November 1895 geheiratet, sondern sie bekamen auch noch ein gemeinsames Kind: Maria, die ausgerechnet am Todestag von Emil Jakob Schindler geboren wurde. Für Alma Schindler war das, als würde sie ein zweites Mal aus ihres Vaters Garten vertrieben: «Noch ein Mädel! Noch so ein armes, unglückliches Geschöpf mehr auf Erden! Ich könnte weinen!», schreibt sie am 9. August 1899: «Heute vor 7 Jahren starb mein lieber, lieber Vater, und heute kommt dieses Geschöpf auf die Welt. Es liegt eine graue Symbolik drin. Ich bin traurig, dass ich immer weinen muss.»[11] Als ihr die Mutter im Februar 1900 dann weismachen will, dass ihr Vater «auch Freude an der kleinen Maria» gehabt hätte, empört sich alles in ihr. Sie ist gekränkt, starr vor Wut «über Mamas Frivolität oder … Dummheit!»[12]

Die Gloriole um den verlorenen Vater wurde durch das von Alma Schindler nicht akzeptierte Handeln der Mutter umso leuchtender. Der Vater sei ihre «ständige Zuflucht», schreibt sie ebenfalls an einem Todestag des Vaters, an den nur sie gedacht habe, während alle anderen «darauf vergessen»[13] hätten. Alma Schindler lebte voller Unbehagen in dieser Familie, aus der der geliebte Vater herausgerissen worden war. Den achtzehn Jahre älteren Carl Moll, der beim Tod ihres Vaters einunddreißig Jahre alt war, vermochte sie nicht als Vaterersatz zu akzeptieren. Und der Mutter begegnete sie (vielleicht deswegen) mit moralischer Geringschätzung. Sie lebe «unter Fremden», schreibt sie am 1. Dezember 1898 und sehnt ihren Vater herbei: «Wenn ich doch meinen lieben Papa hätte, ich bin überzeugt, dass er mich verstehen würde. Gretl ist durch und durch Vernunftmensch, und Mama … mag mich nicht. Carl und Mama sind beide noch zu jung, um uns verstehen zu können, weil sie beide nur an sich denken.»[14]

Ob Alma Schindler schon zu dieser Zeit den Grund für das von ihr empfundene Anderssein ihrer Schwester Gretl ahnte, ist nicht bekannt: Margarethe Julie, geboren am 16. August 1880, war ihre Halbschwester, ein außereheliches Kind ihrer Mutter, gezeugt von Julius Victor Berger, dem Mitbewohner in der Wohnung in der Mayerhofgasse, der, während Emil Jakob Schindler nach einer Diphtherie zur Kur auf Borkum war, ein Verhältnis mit Anna Schindler begann.

Die Schwestern hatten also verschiedene Väter, so dass Alma Schindler ihren über alles geliebten Papa in gewissem Sinn für sich allein hatte. Möglicherweise ist das der Quell der besonderen Nähe zwischen Emil Jakob Schindler und seiner Tochter Alma. «Ich glaube», so schreibt sie am 5. November 1899, «es gibt wenig Menschen, die in meinen Jahren schon so viel gesehen haben. Denn ich sah damals schon mit Maleraugen. Unser lieber, lieber Papa […] machte uns auf alle Schönheit aufmerksam. Ach, wenn er doch lebte. Ich bin überzeugt, ich wäre ein ganz anderes Wesen geworden. Denn das war der einzige Mensch, der mich wahrhaftig und uneigennützig liebte. Damals schon! Und wie wäre es erst heute, wo ich ihn verstanden hätte.»[15] Die Stärke der Prägungen durch den Vater wird in den Tagebüchern von Alma Schindler an verschiedenen Stellen auf frappierende Weise deutlich, und immer sind es die Bilder Emil Jakob Schindlers, die die Brücke schlagen zu den Erinnerungen an die Welt der Nähe zwischen Alma und ihrem Vater: «Nachmittags [am 28. November 1898] erst ins Künstlerhaus, lediglich um Papas Bilder zu sehen. Ich werde sie sowieso nie mehr alle beisammen sehen. Mir ist immer, als spräche ich mit alten Freunden von der Vergangenheit, wenn ich die Bilder anseh. Jedes ist eine Erinnerung an mein Leben, ich sah sie ja entstehen. Wie oft habe ich zugeschaut [beim] Malen. Einmal erinnere ich mich, dass ichs auch that, und zwar im Plankenberger Garten. Es war ein heißer Sommertag, und Papa malte den Gemüsegarten auf Rudolfs Bild. Ich erzählte ihm, dass mich eine Collegin gefragt habe, wer und was mein Vater eigentlich sei. Ich antwortete darauf: ‹Ein Maler›, und sagte Papa, dass es ein so eigenthümliches Gefühl sei, zu sagen, ein Maler. Darauf sagte Papa: ‹Du hättest Dir gar nicht die Mühe geben brauchen, ihr auseinander zu setzen, wer Dein Vater sei. Wenn sie nicht weiß, wer der Maler ‹Schindler› ist, so braucht sie’s auch nicht zu erfahren.› Mir gefielen diese Worte so, dass ich sie mir tief einprägte: Sie sind voll des echten Künstlerstolzes.»[16]

In ihren Erinnerungen «lebte» der verlorene Vater für Alma Schindlers Jugend weiter: «Und nun», so schreibt sie am 17. Mai 1899, «denk’ ich fast täglich an ihn, wünsche ihn stündlich zu mir, liebe ihn mehr als in seinem Leben und trauere vielleicht am meisten noch immer, oder vielmehr jetzt erst, tief um ihn. Ja, ich habe so oft das wahnsinnige Bedürfnis, ihn zu sprechen, ihm zu klagen, mir bei ihm Tröstung zu holen, die ich auch gewiss immer bei ihm gefunden hätte.»[17]

In dieser Weise mit ihm verbunden zu sein, das war für sie das Wahre, die Friedhofsbesuche ihrer Mutter waren für sie unwahr, theatralisch: «Mama fuhr dann mit Carl – zum Papa auf den Friedhof …. [Pfui] Sind diese Menschen wirklich so einfältig, oder ist’s Frivolität? Ich dispensiere mich. I. ist der Friedhofgang u. alle ähnlichen Dinge für mich nur theatralisches – unwahre Sitten. U. dann zieht’s mich nicht hin – u. ich denke [bestimmt] öfter an Papa, wie Mama und Carl [jemals]. Ich blieb also zu Hause – arbeitete.»[18] Fügt man noch zwei ähnliche Passagen aus dem Vorjahr (1900) hinzu, dann wird ersichtlich, wo die Wurzeln ihrer späteren Unfähigkeit, am Grab zu trauern, lagen: «Heute [am 1. November 1900] am Centralfriedhof. Pflichtschuldigst gieng ich mit hin, sehr viele Leute standen an Papas Grab, Mama aber betete und weinte. Ich sah mir die Leute an, ich will wirklich mich nicht gewaltsam in ein Gefühl hinein puffen, den Leuten ein Theater vormachen. Mama genierte sich auch ein wenig vor mir. O übe diese falschen Empfindeleien. – Und dabei habe ich meinen Papa geliebt – und liebe ihn noch immer [und immer mehr] werde ihm dankbar sein und ihn lieben – so lange ich lebe.»[19] Und am 29. Juni 1900 trägt sie in ihr Tagebuch ein: Nachmittags «mit Mama und Gretl am Centralfriedhof – bei Papas Denkmal. Nichts kommt mir läppischer vor wie diese Friedhofsbesuche. Mein Herz bleibt kalt, meine Augen trocken – und ich starre nur immer auf Mama, die doch gewiss keinen Grund hat, sich als treue Gattin zu fühlen. Wie sie so dastand, in tiefster Andacht versunken – was mochte ihr durch den Kopf gehen? Betete sie? Ich kann nicht beten! Ich wüsste nicht an wen! Und doch liebe ich Papa, am meisten von allen! Muss ich aber erst auf den Friedhof gehen, um concentriert an ihn zu denken? Das kann ich zu Hause auch – und besser, ruhiger, ungestörter. – Ich hasse alle zur Schau getragenen Gefühle.»[20]

2
Theresianumgasse und Steinfeldgasse auf der Hohen Warte

Nach dem Tod des Vaters hätte Alma Schindlers Leben als Tochter einer alleinerziehenden Mutter eine triste Wendung nehmen können. Dass ihr ein solches Los erspart blieb, ist Verdienst von Carl Moll: «Zehn Jahre» sei ihm vergönnt gewesen, «an der Seite meines Meisters, im Kreise seiner Familie zu leben, und diese zehn Jahre haben mich geformt, mir den Weg ins Leben gewiesen, diesen zehn Jahren danke ich nicht nur eine zeitliche Schönheit, sondern die Schönheit meines ganzen Lebens»,[21] schrieb Carl Moll am Ende seines Lebens. Er machte sich unverzüglich daran, den künstlerischen Nachlass Emil Jakob Schindlers zu ordnen und zusammen mit dem Kunsthändler Hugo O. Miethke eine Nachlassausstellung zu organisieren. Und mehr noch: er nahm sich auch der Familie seines Meisters an und wies nun seinerseits dessen Töchtern den Weg ins Leben.

Alma Schindler blieb diesen Verdiensten von Carl Moll gegenüber stumm. Wir wissen nicht, ob sie sich je Rechenschaft darüber ablegte, wie ihr Leben ohne Moll verlaufen wäre. Carl Moll war nur achtzehn Jahre älter als sie und vier Jahre jünger als ihre Mutter. Ob wegen seines Alters, ob aus anderen Gründen: Alma Schindler konnte sich ihm nicht als Familienoberhaupt unterordnen, und es kostete sie Mühe zu akzeptieren, dass er den Platz an der Seite der Mutter einnahm, an dem zuvor der über alles geliebte Vater gestanden hatte. Die Halbschwester Maria, das gemeinsame Kind mit Carl Moll, das die Mutter noch fester an diesen band, vertiefte ihre Distanz Moll gegenüber: «Seitdem die Kleine auf der Welt ist», so schreibt sie am 13. Juni 1900, «sind wir 2 Familien: Carl, Mama, das Kind//Gretl und ich. – Carl thut alles, um uns diesen Zustand nicht fühlen zu lassen, aber gegen die Naturgesetze kämpfen selbst Götter vergeblich an. Er hat nur mehr Interesse für sein eigenes Kind. Und dann, kürzlich bei einem Streit, sagte er: ‹In meinem Hause darfst Du das nicht thun.› Dieses ‹in meinem Hause› zeigte mir im grellsten Licht meine Lage. Ich bin eine Fremde! Ich esse Gnadenbrot! Das Traurigste ist, dass Papa absolut keine Papiere hinterlassen hat, so dass alles Mamas Eigenthum ist, und wir von ihrer Schenkung abhängen. Also bettelarm! Alles Geschenk!»[22] Zeitlebens blieb Alma Schindlers Beziehung zu Carl Moll ambivalent.

Und doch war es Carl Moll, der der Witwe und deren Töchtern Möglichkeiten eröffnete und mit ihnen gemeinsam einen Weg sozialer und gesellschaftlicher Etablierung ging, der sich in zwei Ortswechseln spiegelt: Zunächst ließ Moll in der Theresianumgasse 6 im 4. Wiener Gemeindebezirk von Julius Mayreder ein Haus bauen, das er mit seiner Familie im Herbst 1895 bezog. Julius Mayreder, einer von vielen Architekten aus dem Freundeskreis von Carl Moll, der gemeinsam mit seinem Bruder Karl zahlreiche Mietshäuser und Villen in Wien baute, hatte im Garten dieses Anwesens ein freistehendes Atelier für Carl Moll errichtet. Dieses Atelier wurde «zum Treffpunkt einer illustren Künstlerrunde»[23] und zu einem Ort, an dem Anna Schindler-Molls Begabung als Gastgeberin zu voller Entfaltung kam. «In dem schönen Rahmen fügt sich rasch ein Gesellschaftsbild. Jeder Sonntag Abend vereint den engen Freundeskreis der Collegen, Klimt, Olbrich, Hoffmann, Moser, Kurzweil, List und, wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu»,[24] so erinnerte sich später Carl Moll. An diesem Ort des Ideenaustausches, der Diskussion, der gegenseitigen künstlerischen Inspiration bahnte sich die Wiener Secession an, die im April 1897 gegründet wurde, zunächst mit Gustav Klimt als Präsident und Carl Moll als Vizepräsident.

Alma Schindler lernte an diesem Ort durch Teilhabe am kulturellen Leben. Sie wurde vollkommen selbstverständlich in die an diesem Ort geführten Gespräche über Kunst, Musik und Literatur einbezogen. So ambivalent Alma Schindlers Einstellung zu Carl Moll auch gewesen sein mag, sie war als seine Stieftochter hineinverwoben in die im Wien der Jahrhundertwende künstlerisch den Ton angebende Künstlergruppe.

Carl Moll: Verschneites Atelier in der Theresianumgasse vor 1903

Ereignisse aus dem Umkreis der Secession ziehen sich denn auch wie ein roter Faden durch die frühen Tagebücher von Alma Schindler, die detailreich über die Ausstellungen der Secession, besonders deren Eröffnungen, schreibt. Es waren Höhepunkte des kulturellen Lebens, wie Almas Worte über die Vernissage der II. Ausstellung am 11. November 1898 vor Augen führen: «Mit neuen, feinen Hüten und Jacken bewaffnet giengen wir heute auf den Kampfplatz. Von Bildern war nicht viel zu sehen, so voll war es […]. Alle Bekannten waren da, eine Unmasse von Frauen, Malern, Bankiers. Gretl und ich machten Honneurs […]. Wir […] standen mit König und Klimt beisammen, auf einmal kam Bacher, dann Olbrich, dann Hoffmann. Zum Schluss waren alle Secessionisten bei uns, und wir trieben den gröbsten Ulk, den man sich denken kann.»[25] Zweifellos bezeugen diese Worte, dass die Vernissage ein Ereignis war, und zweifellos war es Alma Schindler sehr lieb, wenn sie innerhalb dieser Künstlerszene und innerhalb dieser Gesellschaftskreise Beachtung fand, ja Bewunderung erntete. Aber sie hatte fraglos auch echtes Kunstverständnis. Grundlage dafür war ihr geübter Blick: Der Vater habe sie früh gelehrt, «mit Maleraugen» zu sehen, so erinnert sie sich am 5. September 1899. Das dokumentiert sich in ihren ebenso eigenständigen wie differenzierten Urteilen über Bilder, mit denen sie sich als eine der Moderne gegenüber aufgeschlossene junge Frau erweist.

Was der Vater sie gelehrt hatte, wurde von Gustav Klimt ausgeweitet und vertieft. Er förderte Alma Schindlers Verständnis für Kunst ähnlich wie es Max Burckhard bezüglich der Literatur und Alexander Zemlinsky bezüglich der Musik taten. Mit ihm schaute sie in ästhetischem Seelengleichklang und daraus wachsender emotionaler Zugewandtheit Bilder an. In den Tagebüchern spiegelt sich das in zahlreichen Gedanken über Gustav Klimts in diesen Jahren entstandene Bilder, etwa die Philosophie, einem jener umstrittenen Fakultätsbilder für die Wiener Universität, das in der am 8. März 1900 eröffneten VII. Ausstellung der Secession zu sehen war und über das Alma Schindler schreibt: «In der Bahn von Verona nach Padua hat er sich es skizziert und mit mir darüber gesprochen. Und jetzt seh ichs – und er ist mit ein fremder. Aber schön ists – schön. So schön, dass die meisten nicht fassen, wie schön es ist. Eine Farbensymphonie, wie es keine 2te ist. Und eigentlich keine Malerei.»[26] Gustav Klimt führte Alma Schindler oft persönlich zu seinen Bildern, so zu Schubert am Klavier, in das sich Alma Schindler während der Ausstellungswochen noch wiederholt betrachtend versenkte. Klimts Bilder seien «unbestritten die schönsten» in der Ausstellung, resümiert sie am 23. Mai 1899: «Ich sah mir sie lange an und dachte über seine künstlerische Erscheinung nach. Der Schubert ist herrlich, doch hätte ich lieber den Schumann in die Umgebung gesetzt. Schubert sitzt am Clavier, um ihn herum stehn junge, hipermodern aussehende Mädchen und singen, und das Ganze ist in schummerigem Kerzenglanz – also eigentlich der Schubertschen Melodie, die so ursprünglich und gesund ist, vollkommen fremd. Schumann hat eher die krankhafte, hiperromantische und auch moderne Musik.»[27]

Gustav Klimt füllte für Alma Schindler die Lücke, die der Vater hinterlassen hatte, als bewunderter Künstler wie als Mentor in Malereidingen. Es ist kaum verwunderlich, dass sich für sie dabei die emotionale Grenze verschob. Sie verliebte sich in Gustav Klimt, der einer Affäre mit ihr Raum gab. Die 1898 einsetzende Annäherung der beiden fand auf der Italienreise der Familie Moll im Sommer 1899 ihre Fortsetzung. Gustav Klimt reiste der Familie hinterher, entbrannt von der Chance, die er bei Alma Schindler hatte. Nach einem Kuss in Genua war das Maß für Mutter und Stiefvater jedoch voll. Sie schritten ein, und Carl Moll beendete die «Bandelei», wie Alma Schindler am 15. Mai 1899 ihrem Tagebuch anvertraut: «Carl hat gestern mit Kl[imt] gesprochen: Er hat sich feige zurückgezogen, hat mich verrathen, hat zugegeben, dass er übereilt gehandelt hat, und hat sich als Schwächling erwiesen. […] Und das hat ein Mensch gethan, der mir das Höchste auf dieser Welt. – Gott im Himmel […] ich kanns nicht fassen […]. Er hat Carl das Ehrenwort gegeben, mit mir zu brechen. […] Ich habe keinen Gedanken als den einen: Er hat mich kampflos hingegeben, er hat mich verrathen. Carl und Mama sind beide lieb zu mir. Mama weint, dass ich kein Vertrauen zu ihr habe, und ich – kann nicht sprechen: mein Herz, mein ganzes Herz gehört ihm, das kann ich nicht hingeben.»[28]

Die verbotene Beziehung ging Alma Schindler lange nach, lähmte sie, oft bis ins Innerste: «Und ich stehe und ringe die Hände», schreibt sie am 22. Juli 1899, «und muss weinen, denn ich habe ja alles verloren, meinen Vater, meinen Klimt […]. Mir ist so elend, dass ichs gar nicht sagen kann … so verlassen und so einsam, und dabei muss ich lustig sein, denn man kennt nur die lustige Alma, die Fesche, die Übermüthige! Und wie sieht es in mir aus? Seit einer Woche habe ich keinen Ton componiert: Mir fehlt die innere und äußere Ruhe! Ach Ruhe – Schlaf! Tod! – Erstarrung!»[29]

Erst auf dem Fest der Secessionisten am 19. Januar 1900 nahm Alma Schindler wirklich Abschied von Gustav Klimt: Ich habe «geglaubt Kl. – nur Kl. Seit heute Abend, wo ich wieder mit ihm gesprochen habe, bin ich ganz ernüchtert. Sein Vorgehen ist bübisch. Sein Lächeln gemein. Er hat mich nicht anzulachen. […] Übrigens hat er seit kürzester Zeit ein Verhältnis mit der Rose Friedmann, mit dieser alten Scharteken! Er nimmt, wo er findet. Nein, schon gestern spürte ich, es ist aus! Ganz aus!»[30]

Dieses Secessionisten-Fest am 19. Januar 1900 im Atelier von Carl Moll, das Alma Schindler in ihrem Tagebuch detailreich schildert, war ein in jeder Hinsicht herausragendes gesellschaftlich-kulturelles Ereignis: «Unten saßen Hoffmann und Bernatzik», so Alma Schindler über die Festvorbereitungen, «welche berathschlagten, wie das Atelier zu arrangieren sei. Denn morgen ist eine Gesellschaft von 36 Personen bei uns – nicht bei uns, sondern bei der Secession. Carl stellt sein Atelier zur Verfügung, das nun fein mit Gobelins etc., etc. hergerichtet wird.»[31]

Bei uns – nicht bei uns: Diese Worte verweisen auf eine spezifische Lebenserfahrung von Alma Schindler, für die sich Privatheit und Öffentlichkeit auf ungewöhnliche Weise ineinander mischten. Sie wuchs nicht in einem privat-familiären Haus auf, in dem sie sich zurückziehen konnte, in dem sie unbeobachtet Klavier spielen oder komponieren konnte, sondern alles fand stets vor den Augen von Nichtfamilienmitgliedern statt, die im Hause Moll ein und aus gingen. Alma Schindler konnte also «zu Hause» bleiben und doch andauernd unzähligen Menschen mit verschiedensten Begabungen begegnen. Andererseits war das «Haus» von Carl Moll Ursprungsort der Institutionalisierung der Secession, d.h. aus dem zunächst nicht öffentlichen Raum des Ideenaustausches führten Wege hinaus in neue, öffentliche, institutionelle Räume: Zunächst waren es die Räume der Gartenbaugesellschaft, in denen die erste Ausstellung der Secession stattfand: «Mama, Carl und ich schauten uns die Räume» an, so schreibt Alma Schindler am 2. März 1898: «Macht einen sehr guten Eindruck. Große Räume, die leider nur einer gründlichen Reparatur bedürfen.»[32] Schließlich war es ein eigenes Gebäude der Secession, an dessen Errichtung Alma Schindler regen Anteil nahm: «Gleich in der Früh gieng Carl mit Mama und uns 2 auf den Getreidemarkt und zeigte uns die Secession. Mir gefällt sie entschieden, – Olbrich hat seine Aufgabe nicht vollkommen gelöst – der Bau wirkt unfertig, aber wenn man davor steht, kann man nicht leugnen, dass die Facade ungemein vornehm aussieht. Das Gold, Weiß und Grün gibt ein[en] selten feinen Farbeffect. Die leeren Mauern sind mit den witzigsten Verzierungen geschmückt. Und erst innen – es ist einfach reizend.»[33]

Infolge der wachsenden Erfolge der Wiener Secession, zu deren Präsident Carl Moll 1900 gewählt wurde, wurde der nächste Ortswechsel der Familie Moll-Schindler möglich: Kolo Moser hatte die Idee der Errichtung einer Künstlerkolonie auf der Hohen Warte in Döbling gehabt. Die Kunstfotografen Friedrich Victor Spitzer und Hugo Henneberg, beide zu den engsten Freunden der Molls gehörig, wurden als Mäzene zur Realisierung dieser Idee gewonnen. Im Januar 1900 begannen die konkreten Planungen, der Bauplatz wurde im Februar 1900 besichtigt. Zunächst von Joseph Maria Olbrich geplant, übernahm schließlich Josef Hoffmann den Bau der Häuser, denn Olbrich war unterdessen (im September 1899) als Gründungsmitglied auf die Darmstädter Mathildenhöhe berufen worden.

Die Familie Moll bezog ihre Doppelhaushälfte in der Steinfeldgasse 6–8 am 25. September 1901, die andere Hälfte wurde von Kolo Moser bewohnt. Im folgenden Jahr wurden auch die nahe gelegenen Einzelvillen von Friedrich Victor Spitzer in der Steinfeldgasse 4 und von Hugo und Marie Henneberg in der Wollergasse 8 fertig. Carl Moll malte vom Innern und Äußeren des Hauses wie auch von der neuen Umgebung eine ganze Reihe von Gemälden. Sie offenbaren die Schönheit des lichterfüllten Innern, die Klarheit der Weiß und Blau bevorzugenden Räume, den Zauber des Gartens, in dem die würfelförmigen Blumenkübel mit dem Weiß-Blau des Innern korrespondieren, wie auch die landschaftliche Weite am Stadtrand.

Auch auf der Hohen Warte im 19. Wiener Gemeindebezirk setzte sich das Leben in einem eng verwobenen Künstler- und Freundeskreis fort: Die Häuser Moll, Henneberg, Spitzer standen in einer heute nicht mehr leicht zu imaginierenden Weise wechselweise offen. Man verbrachte Abende hier oder dort, ging ein und aus, stand in regem Ideenaustausch, ging zusammen in die Oper und ins Theater oder traf sich dort ungeplant. Es war ein Leben mit vielfältigen kulturellen Schnittstellen.

In der gemeinsam verbrachten Zeit gab es reichlich Gelegenheit zum Gedankenaustausch, ohne dass wir wissen, worüber gesprochen wurde. Wir haben über diese mündliche Kultur nahezu keine Quellen. Es ist mithin problematisch, in Mutmaßungen über diese dialogische Kultur einzutreten. Andererseits liegt es auf der Hand, dass es gerade diese mündliche Kultur war, in der kultureller Austausch stattfand, Wertediskussionen geführt wurden, ästhetische Perspektiven abgesteckt wurden. Und sicher waren auch kulturelle Erfahrungen Thema, wie sie z.B. Hugo Henneberg während seines Studienaufenthalts in Amerika hatte machen können. Henneberg, promovierter Physiker und Fotograf, hatte während dieser Reise den New Yorker Fotografen und Kunstmäzen Alfred Stieglitz kennengelernt. Über viele Jahre korrespondierten beide miteinander. Inwieweit hier schon ein Amerika-Bild in Alma Schindler vorgeprägt wurde, das für sie abrufbar war, als sie selbst das erste Mal in New York war, lässt sich nicht belegen. Aber es ist kaum denkbar, dass nicht über ferne kulturelle Welten gesprochen wurde, denn innerhalb der Wiener Secession bestand großes Interesse an internationaler Kunst: «das Bestreben, die neuesten Entwicklungen im Bereich der internationalen Kunst in regelmäßigen Ausstellungsveranstaltungen vorzustellen» war zentrales Anliegen «der Secessionsprogrammatik», für das «Josef Engelhart, Carl Moll, Kolo Moser und Wilhelm Bernatzik» eine enorme Reisetätigkeit auf sich nahmen, weil sie «persönlich […] Kontakte mit den ausländischen Kollegen herstellen»[34] wollten. Was diese ‹Korrespondenten› über das auf ihren Reisen Gesehene zu berichten hatten, und das galt sicher auch für das von Hugo Henneberg in New York Gesehene, traf auf aufmerksame Zuhörer.

Josef Hoffmann: Wohnhaus Hugo Henneberg auf der Hohen Warte, Wien XIX, Wollergasse 8, 1900–1902, Halle

Hugo Hennebergs Ehefrau Marie, von Alma Schindler zärtlich Tante Mie genannt, war Alma eine mütterliche Freundin, bei der sie jederzeit – tat sich wieder einmal das Gefühl auf, von der eigenen Mutter unverstanden zu sein – ihr Herz ausschütten konnte. Marie Henneberg war eine Vertraute, mit der sie über wohl beinahe alles offen sprechen konnte. Außerdem scheint das kinderlose Ehepaar Henneberg Alma Schindler oft auch mit etwas Luxus, der aus der Familienkasse Moll nicht denkbar gewesen wäre, verwöhnt zu haben – sei es in Form von Opernkarten, Einladungen aufs Land oder Champagner mit Kaviarbrötchen im Anschluss an Opern- oder Theateraufführungen.

Ähnlich enge Kontakte bestanden zu Friedrich Victor Spitzer. Spitzer, Sohn eines mährischen Zuckerindustriellen und promovierter Chemiker, war einige Jahre Assistent an der Wiener Universität gewesen und hatte seine dortige Laufbahn beendet, als er die Zuckerfabrik seines Vaters erbte. Nun galt seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Kunstfotografie, der er sich bereits in den 1890er Jahren verschrieben hatte. Er ließ sich zunächst in der Schleifmühlgasse von Joseph Maria Olbrich eine Wohnung einrichten, über die sich am 29. November 1899 eine ausführliche und bewundernde Beschreibung in Alma Schindlers Tagebuch findet: «Abends bei Spitzer Hausnudel: Tante Mie, Onkel Hugo, Herr und Frau Engelhart, Hoffmann, Olbrich. Wir waren also zum ersten mal in der Spitzerwohnung – von Olbrich. Schlafzimmer, Speisezimmer, Musikzimmer. Das Schlafzimmer ist weiß mit hellgrauer Application – für den Spitzer etwas zu jungfräulich, aber in seiner Art herrlich! Von einer geradezu verplüffenden Einfachheit und Genialität. […] Speisezimmer und Salon blau. Ein eigenthümlich einen verfolgendes Blau, wie ein Wagner-Motiv. Auch fein in Detaillierung […]. Olbrich ist ein riesig interessanter Kerl. Mich erinnert er bei vielen Dingen an Wagner. Auch dieser maßlose Stolz, diese maßlose Eitelkeit, dieses maßlose Selbstbewußtsein. Auch dieses starre Festhalten und Verteidigen seiner Principien, mit Wort und Schrift. Und auch dieses vielseitige, rein auf die Nerven gehende Können. Ich bin neugierig, wie er sich entwickeln wird.»[35] Eine von Joseph Maria Olbrichs nächsten Wohnungseinrichtungen, für die Bankierstochter Flora Berl, geb. Zierer, eine Jugendfreundin von Alma Schindler, enttäuschte sie dann sehr. Am 21. Januar 1900 schreibt sie: «Sein Musikzimmer – ist zu vielsagend für Musik, zu aufdringlich, zu pompös. Sein Schlafzimmer, trotz pompösester Machweise, ärmlich und unfein. Schon das Lila stört, dann erst die übertriebenen Bögen – unwohnlich, unbehaglich. Ein Aus[s]tellungsobject, und als das nicht fein genug. Mir thats leid: Ich hatte nun mehr erwartet von Olbrich. Er ist total ausgerutscht. Sollte er doch nicht das sein, was man von ihm erwartet.»[36]

Ob bei Molls, Hennebergs oder bei Spitzer – es wurde Klavier gespielt oder zur Klavierbegleitung gesungen – und dies in öffentlicher Privatheit, denn es waren über den unmittelbaren Freundeskreis hinaus immer auch Komponisten, Künstler aus dem Umfeld der Secession und andere Gäste zugegen. Alma Schindler schildert diese Abende sehr lebhaft: «Nach dem Essen sangen Spitzer und Mama meine Lieder. Sie gefielen außerordentlich. Selbst Gound fand sie sehr fesch. Als man ihn später aufforderte, spielte er eine Paraphrase über mein Lied Gib dich darein.»[37] An diesem Abend waren der Komponist Robert Gound, Gustav Klimt und ein Jurist mit seiner Gattin anwesend. Einen Monat später, nun im Hause der Hennebergs, sang Friedrich Victor Spitzer von Alma Schindler begleitet einige ihrer Lieder. Dann war es wiederum ihre Mutter, die die Lieder ihrer Tochter, darunter Gleich und gleich und das wunderschöne Ich wandle unter Blumen, zu Gehör brachte. Hennebergs, dem Maler Josef Engelhart, den beiden Architekten der Künstlerkolonie Olbrich und Hoffmann und Spitzer gefielen die Lieder, notiert Alma Schindler, nicht ohne hinzuzufügen, Olbrich sei der Meinung, sie werde als Komponierende zu wenig anerkannt. Er brachte ihren Liedern ein großes Interesse entgegen: Am 24. Februar 1900 abends «bei Spitzer. Dort Kurzweil mit Frau, Monk, Bahr und Olbrich […] Ich wurde solange getreten, bis ich spielte. […] Olbrich saß neben mir auf der Bank, und ihm gefiel die Stumme Liebe sehr gut.»[38] Alma Schindlers Lieder kamen in diesem öffentlich-privaten Raum also häufig und keineswegs beiläufig zur Aufführung. Bemerkenswert ist dabei zweierlei: Zum einen spielte die Mutter als Sängerin eine wichtige Rolle, was Alma Schindler mit einer an Undankbarkeit grenzenden Selbstverständlichkeit übergeht. Während sie das Künstlertum des Vaters immer und immer wieder rühmt, übergeht sie die musikalische Begabung der Mutter. Sie scheint den Lebensweg der Mutter, die nicht mehr auf der Bühne stand, sondern nur noch in diesem Rahmen sang, nicht bedacht zu haben. Zum anderen hatte Alma Schindler die keinesfalls selbstverständliche Gelegenheit, ein kleines, aber alles andere als indifferentes und vor allem kunstverständiges Publikum mit ihren Liedern bekannt zu machen, und sie stieß dabei offensichtlich auf großes Interesse. Sie wurde im Hinblick auf ihr Komponieren möglicherweise ernster genommen als ihr bewusst war.

Die Berichte über weitere dieser Musikabende verdeutlichen, wie verflochten und über die unmittelbare Nachbarschaft hinausreichend die kulturelle Szene auf der Hohen Warte war: Im Haus ihres Stiefvaters in der Steinfeldgasse, so notiert Alma Schindler am 15. Oktober 1900, habe Alexander Zemlinsky «dem Spitzer den Wotansabschied, den dieser niederträchtig sang, herrlich schön»[39] begleitet, im Haus von Friedrich Victor Spitzer, so der Eintrag vom 22. April 1901, habe der Hausherr sehr schön Lieder von Alexander Zemlinsky gesungen. Diese Einträge sind mehr als Gesellschaftstratsch. Sie geben Einblicke in Akteursnetze. Zwischen den Akteuren bildeten sich kreative Kräftefelder. Man machte sich gegenseitig auf Neues aufmerksam, weckte Interessen – so auch im Fall von Alexander Zemlinsky, Friedrich Victor Spitzer und Alma Schindler: Sein noch nicht vollständig ausgeführtes Ballett Triumph der Zeit hatte Hugo von Hofmannsthal zunächst Richard Strauss zur Komposition angeboten. Nachdem dieser im Dezember 1900 eine Komposition abgelehnt hatte, bahnte Friedrich Victor Spitzer im März 1901 die Zusammenarbeit zwischen Hofmannsthal und Zemlinsky an. Möglicherweise widmete Alexander Zemlinsky 1901 Friedrich Victor Spitzer sein Lied Selige Stunde op. 10 Nr. 2, um diesem für die Vermittlung zu Hofmannsthal zu danken.

Friedrich Victor Spitzers Villa war der Ort, an dem Alma Schindler Alexander Zemlinsky persönlich kennenlernte: Der ausführlich in ihrem Tagebuch beschriebene Abend des 26. Februar 1900 wurde zu einer Wendestelle ihres Lebens: «Abends beim Spitzer. Mit dem größten Vorurtheil gieng ich hin. Und unterhielt mich großartig. Fast den ganzen Abend mit Alexander von Zemlinsky, dem 28jährigen Componisten von Es war einmal. Er ist furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn – und doch gefiel er mir ausnehmend. […] Erst unterhielten wir uns über [Erik] Schmedes – und kamen so ins Schimpfen hinein, dass Zemlinsky sagte: ‹Der erste Mensch, über den wir beide jetzt nicht schlechtes sprechen – dem weihen wir ein Glas Punsch.› Nach einer Weile kamen wir auch auf diesen Menschen: Gustav Mahler. Wir tranken ex. Ich erzählte ihm von meiner großen Verehrung und meiner Sehnsucht, ihn kennen zu lernen. ‹Gehen Sie doch ruhig einmal in seine Sprechstunde – er wird sich riesig freuen.› Und ich hatte gar nicht übel Lust, das zu thun […]. Bei Tisch fragte mich Zemlinsky ganz ruhig: ‹Und wie stehen Sie Wagner gegenüber?› ‹Na›, sagte ich ganz ruhig, ‹es war das größte Genie aller Zeiten.› ‹Und was ist Ihnen das liebste von Wagner?› ‹Tristan› – meine Antwort. Drauf war er so erfreut, dass er nicht wiederzuerkennen war. Er wurde ordentlich hübsch. Jetzt verstanden wir uns. Er gefällt mir sehr – sehr. – Ich werde ihn zu uns ins Haus bringen. Der Abend war kein verlorner für mich. – Ich habe gelebt.»[40]

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Am Bücherschrank

Erst auf der Hohen Warte bekam Alma, zweiundzwanzigjährig, ein eigenes Zimmer. Es sei «weiß mit hellgrün», so notierte sie im Tagebuch, und ein «großer Bücherkasten» sei «das Hauptmotiv des Ganzen».[41] Zuvor hatte sie sich ein Zimmer mit ihrer Halbschwester Margarethe geteilt, das sie 1899, als die kleine Halbschwester Maria geboren wurde, räumen musste. Sie müsse ihr «liebes, altgewohntes Zimmer hergeben»,[42] klagte sie am 3. Oktober 1899.

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