
Mary Kay Andrews
Ein Ja im Sommer
Roman
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer
FISCHER E-Books

Mary Kay Andrews wuchs in Florida, USA, auf. Sie studierte Journalismus in Georgia und arbeitete dann einige Jahre als Redakteurin. Inzwischen hat sie mehrere Romane veröffentlicht und leitet Seminare für Kreatives Schreiben. Andrews lebt mit ihrer Familie in Atlanta. Im Sommer aber zieht es sie zu ihrem liebevoll restaurierten Ferienhaus auf Tybee Island, einer wunderschönen Insel vor der Küste Georgias. Die Autorin schreibt Bestseller für jede Jahreszeit: Ihre Sommerbücher ›Die Sommerfrauen‹, ›Sommerprickeln‹ und ›Sommer im Herzen‹ sind die ideale Strandlektüre; die Winterromane ›Weihnachtsglitzern‹ und ›Winterfunkeln‹ versüßen selbst die kältesten Monate.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
SAGST DU JA ZUM SOMMER?
Kein Sommer ohne Andrews: der neue Roman der amerikanischen Erfolgs-Autorin.
Cara versucht Fuß auf dem Heiratsmarkt zu fassen. Natürlich nur beruflich. Als Floristin entwirft sie romantische Blumenarrangements für den großen Tag. Privat glaubt Cara schon lange nicht mehr an die Liebe, und mit ihrem Ehemann ist es aus. In ihrem Leben läuft es wirklich alles andere als rund: Ihr Assistent will lieber für die Konkurrenz arbeiten, ihr strenger Vater fordert sein Geld zurück, und ein Hundedieb hat es auf ihren Vierbeiner abgesehen. Warum nur sieht der Kerl so unverschämt gut aus?
Sommerflair, Blumen und viele Hochzeiten – zurücklehnen und einfach genießen.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel ›Save the Date‹ im Verlag St. Martin’s Press LLC, New York.
© 2014 by Whodunnit, Inc.
Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Press LLC durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
Covergestaltung: bürosüd°, München
Coverbbildung: Paul Viant / Calaimage / Getty Images
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403326-6
Irgendetwas stimmte nicht. Cara Kryzik konnte zwar nicht hellsehen, doch in dem Moment, als sie an jenem Morgen die nackten Füße aus dem Bett schwang, spürte sie es.
Sie sog ahnungsvoll die Luft ein und roch als Erstes den süßen Duft des kleinen Gardenienstraußes – ihre Lieblingsblumen –, den sie am Vorabend in die Silbervase auf ihrer Kommode gestellt hatte.
Hatte sie verschlafen? Nein. Die großen Glocken der Kathedrale St. John the Baptist läuteten acht Uhr, als sie aus der Wohnung im ersten Stock hinunterstieg zum Geschäft im Erdgeschoss.
Cara schlurfte durch den schmalen Gang nach vorne in den dunklen Blumenladen. Sie drückte den Wandschalter, und die zahlreichen auf dem Trödel erstandenen Kronleuchter, die sie in unterschiedlichen Höhen aufgehängt hatte, erstrahlten zu hellem Glanz. Das Licht fing sich in vielen kleinen Spiegeln. Eigentlich war der Raum eher übersichtlich, aber Cara fand, die Kronleuchter und die Spiegel vergrößerten ihn optisch.
Siehst du, da ist nichts!, spottete sie in Bezug auf ihre düstere Vorahnung. Alles war gut.
Cara zog die Jalousien vor dem Schaufenster hoch und lächelte. Es war ein strahlend blauer Freitagmorgen. Nicht lange, da drückte ihr junger Hund Poppy die Nase gegen die Glasscheibe der Ladentür und beobachtete zwei Eichhörnchen, die über den Bürgersteig der Jones Street huschten.
Ein blinkendes Licht auf dem Anrufbeantworter zeigte Nachrichten an. Liebevoll tätschelte Cara den Apparat. In letzter Zeit war nicht viel los gewesen, aber jetzt begann der Mai. Am kommenden Sonntag war Muttertag, außerdem nahten nun die Abschlussbälle und Hochzeiten. Dies schlug sich bereits in der Auftragslage nieder.
Ein Schweißtropfen lief Cara über den Rücken. Sie runzelte die Stirn. Warum war es so warm im Laden? Selbst für die Verhältnisse in Savannah war der Raum stickig und überhitzt. Sie ging zum Thermostat an der Wand und versuchte mit zusammengekniffenen Augen, die Anzeige zu lesen.
Bevor sie am Vorabend ins Bett gegangen war, hatte sie die Temperatur der Klimaanlage hochgedreht, auf genau 27 Grad, denn sie hoffte, damit ihre ständig steigenden Stromkosten ein wenig zu senken. Die Klimaanlage war im besten Fall launisch, und ihr Vermieter zeigte keinen großen Eifer, wenn es um Reparaturen ging. Cara hatte heute mehrere Termine im Laden und konnte es sich nicht leisten, dass die Bräute mit ihren Müttern in der Hitze zerflossen.
Eine Weile nestelte sie an der Einstellung herum und lauschte mit angehaltenem Atem, ob der Kompressor ansprang. Als er einsetzte, atmete sie erleichtert aus. Siehst du? Alles gut.
Bevor sich Cara hinsetzen konnte, um ihre E-Mails abzurufen, klingelte das Telefon. Sie wusste sofort, wer am anderen Ende war.
»Guten Morgen, Lillian«, flötete sie. »Wie geht es unserer Braut heute? Wird sie langsam nervös?«
»Sie schläft noch, Gott sei Dank«, sagte Lillian Fanning, die nie viel Zeit mit Höflichkeiten verlor, sondern direkt zur Sache kam. »Hören Sie, Cara, ich habe nachgedacht. Ich weiß, dass wir uns auf weiße Kerzen für den Altar geeinigt haben, aber da die Trauung am frühen Abend ist, glaube ich, Elfenbein oder Cremefarbe würde sich viel besser machen.«
Genervt verdrehte Cara die Augen. Sie hatte bereits eine Sonderbestellung für zwei Dutzend handgezogene weiße Kerzen aus natürlichem Sojawachs für die morgige Hochzeit von Torie Fanning in Auftrag gegeben. Aber es wäre sinnlos, der Brautmutter beibringen zu wollen, dass sie in so kurzer Zeit unmöglich Kerzen in einer anderen Farbe besorgen konnte.
Die Türglocke klingelte; Caras Mitarbeiter Bert trat ein, in einer Hand hielt er einen großen Kaffee, in der anderen seinen Fahrradhelm.
»Lillian Fanning?«, artikulierte er lautlos.
Cara nickte. In den letzten zwei Wochen hatte Lillian mindestens zweimal täglich im Blumenladen angerufen.
»Ich schau mal, was ich tun kann«, antwortete Cara betont vage.
»Cremefarben oder Elfenbein, kein Weiß«, wiederholte Lillian.
Cara seufzte. »Natürlich.«
»Was ist mit den Blumen? Wurde alles geliefert? Und Sie haben doch den Tafelaufsatz von Tories Großmutter für den Brauttisch aufpoliert, oder?«
»Ich habe alles im Griff«, versicherte Cara. »Die Sträuße für die Brautjungfern sind fertig; den für Torie fange ich heute Nachmittag an, dann ist er frischer als frisch. Ach, Lillian? Ich muss wirklich sagen, Sie und Ihre Tochter haben die erlesenste Blumenauswahl getroffen, die ich je in dieser Stadt gesehen habe.«
»Das will ich hoffen – bei dem, was uns diese Hochzeit kostet«, gab Lillian Fanning zurück. »Wir sehen uns morgen in der Kirche!«
Cara legte auf und streckte dem Telefon die Zunge aus.
»Ist es ungewöhnlich warm hier drin, oder liegt das an mir?«, fragte Bert mit Blick aufs Thermostat und fächelte sich mit einem Umschlag Luft zu, den er von einem Stapel Rechnungen auf Caras Schreibtisch genommen hatte.
»Ich hab die Klimaanlage gestern Abend eigentlich hochgestellt, bevor ich ins Bett gegangen bin, aber irgendwie spinnt sie. Ich glaube, jetzt kühlt sie langsam wieder runter«, sagte Cara.
»Also, ich schmore vor mich hin«, behauptete Bert und betrachtete seine Chefin näher. »Du hast doch nicht wieder Schüttelfrost, oder?«
»Nein, mir geht’s gut! Letzten Dienstag habe ich zum letzten Mal dieses blöde Antibiotikum nehmen müssen. Ich kann es mir nicht leisten, noch mal krank zu werden.«
Cara nahm Berts Hand und legte sie auf ihre Stirn. »Siehst du? Eiskalt. Kein Fieber, keine Temperatur, nichts.«
Aber Bert hörte gar nicht zu. Er starrte auf die Glastür des Blumenkühlschranks. Selbst durch die mit Kondenswasser beschlagene Scheibe bot sich ein furchtbarer Anblick. »Oh-oh.«
Cara riss die Tür auf. »O nein!«
Sie traute ihren Augen nicht. Sämtliche zu Sträußen verarbeiteten Blumen im Kühler waren verwelkt, schlaff, tot. Die Bouquets für die Brautjungfern von Torie Fanning, voller Sorgfalt in Seidensatin gehüllt, waren hinüber. Cara warf einen kurzen Blick auf das Thermometer, das am obersten Regal hing, und hätte heulen können. Am Vorabend, ehe sie nach oben gegangen war, hatte es zwei Grad angezeigt. Jetzt stand es auf dreißig.
Cara ließ die Tür zufallen und drückte das Gesicht gegen das Glas. Das tröstliche Summen des Kompressors war nicht zu hören.
»Der Kühlschrank ist kaputt«, sagte sie. »Und die Blumen sind es ebenfalls. Der Motor muss irgendwann in der Nacht schlappgemacht haben.«
Bert griff nach der Rolodex-Kartei auf dem Schreibtisch. »Ich rufe den Kundendienst an. Haben die das Teil nicht vor gut sechs Wochen repariert?«
Cara nickte düster. »Allerdings. Zum Preis von satten dreihundert Dollar. Aber der Techniker hat mich damals schon gewarnt, er wüsste nicht, wie lange das Ding noch durchhalten würde. Ich hab es bei der Eröffnung des Ladens erworben, aber es stammt noch von einer Pizzeria, die Pleite gemacht hat. Später stellte sich heraus, dass es für so einen alten Kasten nicht mal mehr Ersatzteile gibt. Der Techniker konnte ihn nur notdürftig mit Teilen flicken, die er noch in der Werkstatt rumliegen hatte.«
»Und was machen wir jetzt?«
Cara schloss die Augen, hoffte auf eine Eingebung. »Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass Lillian Fanning unter die Decke geht, wenn sie das herausbekommt. Du hast doch gehört, dass ich ihr gerade versichert habe, wir hätten alles im Griff. Ihre Tochter ist die anspruchsvollste Braut, für die ich je gearbeitet habe – und dann passiert so was.«
Sie öffnete die Kühlertür wieder und nahm den erstbesten Eimer heraus, in dem drei Dutzend langstielige weiße Eisbergrosen die Köpfe hängen ließen. »Kaputt.«
Cara warf eine Handvoll Rosen in den Müll, griff nach dem nächsten Eimer, dem übernächsten und wiederholte ein ums andere Mal ihre Diagnose. Anschließend war der große Plastikmülleimer bis oben hin voll, und auf der Arbeitsfläche lag nur noch ein Bund Lederfarn: »Den kriegst du nicht tot, selbst wenn du willst«, sagte Cara. Abgesehen davon gab es lediglich eine bunte Mischung einzelner Blumen, die es irgendwie geschafft hatten zu überleben.
Bert nahm eine blassblaue Gartenhortensie in die Hand und schnitt mit seiner Gärtnerschere den Stängel ab. Er drehte den Wasserhahn am Arbeitstisch auf, ließ das Wasser kalt werden und in einen leeren Eimer laufen. Dann warf er die erste Hortensie hinein und griff zur nächsten.
»Die können wir noch retten«, sagte er. »Ich bearbeite sie alle noch mal, schneide die Blätter ab, kürze die Stängel und tue Floralife ins Wasser. Die sind nicht alle hinüber.«
Cara trat mit der Sandale gegen den Mülleimer und zuckte vor Schmerz zusammen. »Das waren Blumen im Wert von zwölftausend Dollar – und jetzt sind sie kaputt! Selbst wenn wir ein paar retten können, bekommen wir aus diesem Schrott nicht mal die Anstecksträußchen für die Herren zusammen, geschweige denn die Sträuße für Torie, acht Brautjungfern oder die Blumen für Kirche und Empfang. Und um noch rechtzeitig für morgen Blumen aus Kalifornien zu bekommen, ist es zu spät.«
Bert sah sich im Geschäft um, als würde jeden Moment wie aus dem Nichts eine Lieferung frischer Ware auftauchen. »Was ist mit dem Großhandel? Kannst du da nicht anrufen? Wir könnten auch hinfahren und gucken, was sie im Angebot haben.«
»Bei Breitmueller? An einem Freitagmorgen im Mai? Wo gerade überall in der Stadt Hochzeiten und Abschlussbälle stattfinden? Die werden längst ausverkauft sein. Außerdem haben die eh nicht die Blumensorten, die wir mit Torie abgesprochen haben. Maiglöckchen? Ranunkeln? Casablanca-Lilien? Pfingstrosen?«
»Was ist mit Lamar?«, fragte Bert. »Ich weiß, dass er normalerweise donnerstags kommt, aber vielleicht, wenn du ihn anrufst und ihm erzählst, was passiert ist …«
Cara blinzelte ihre Tränen fort. »Lamar sitzt oben in Atlanta, Bert. Er wird nicht die weite Strecke hier runterfahren, nur um mir den Allerwertesten zu retten …«
Bert wies auf das Telefon. »Komm, Cara. Der alte Mann liebt dich. Vielleicht macht er eine Ausnahme und setzt sich doch in den Wagen, wenn du ihm erklärst, was auf dem Spiel steht.«
Achselzuckend griff Cara nach der Rolodex-Kartei. Doch ehe sie Lamars Karte suchen konnte, klingelte das Geschäftstelefon. Sie nahm ab, schaute auf die Nummer im Display und erstarrte. Die Vorwahl kannte sie auswendig: 614 für Columbus, Ohio. Und natürlich kannte sie auch den Anrufer nur zu gut.
Es wäre klüger gewesen, den Anrufer auf die Mailbox umleiten zu lassen, aber er würde es wieder versuchen, und zwar so lange, bis sie dranging. Warum also das Unvermeidliche aufschieben? Viel schlimmer konnte dieser Tag nicht werden. Cara schluckte und drückte auf die grüne Taste.
»Hallo, Dad.«
»Cara? Ist alles in Ordnung?«
Die Stimme ihres Vaters dröhnte so laut, dass sie den Hörer mehrere Zentimeter vom Ohr entfernen musste. Wenn Lieutenant Colonel Paul Kryzik leise zu sprechen glaubte, hielten sich die meisten Menschen die Ohren zu.
»Alles gut, Dad. Und wie geht’s dir?«
Sie merkte, dass sie einen Kloß im Hals bekam, denn sie wusste nur zu gut, warum der Colonel anrief; genau genommen rechnete sie seit Wochen mit diesem Gespräch.
»Hör zu, Dad, ich weiß, dass ich mit meinen Zahlungen ein bisschen im Rückstand bin …«
»Seit drei Monaten habe ich weder einen Anruf noch einen Scheck von dir erhalten«, rief er. »Was ist bei dir los?«
Cara schluckte. »Hier fängt gerade die Hochsaison an. Weißt du, das habe ich dir doch erzählt! Ich bin den ganzen Frühling und Sommer ausgebucht mit Hochzeiten. Aber vorher habe ich halt viele Ausgaben. Ich musste den Lieferwagen kaufen, meine Website entwerfen lassen, den Laden herrichten und mir Einrichtung anschaffen …«
»Wir hatten vereinbart, dass du im Februar mit der Rückzahlung des Darlehens anfängst. Am Valentinstag musst du doch eine Menge Geld eingenommen haben, oder?«
Cara verspürte einen Stich zwischen den Augen. »Ja, der Valentinstag ist wirklich ziemlich gut für uns gelaufen. Aber der gesamte Gewinn ging wieder in den Laden. Ich musste einen neuen Computer kaufen …«
»Nicht mein Problem«, gab ihr Vater zurück. »Wenn du einen richtigen Geschäftsplan erstellt hättest, wie ich es dir vorgeschlagen habe, hättest du gewusst, dass ein fünf Jahre alter Computer bald seinen Geist aufgibt. Für so was braucht man einen Notfallplan. Das gehört dazu, wenn man ein Geschäft hat, Cara.«
»Ich weiß, aber …«
»Wenn du mit deinem Laden Umsatz machst, würde ich doch meinen, dass du zumindest in der Lage wärst, die Zinsen deines Darlehens zurückzuzahlen«, fuhr er fort.
»Dad, wenn du mich einfach mal ausreden lassen würdest«, setzte Cara an.
Aber der Colonel interessierte sich nicht für Erklärungen. Nicht von ihr. »Ich hätte wissen müssen, dass es so kommt. Es ist nie eine gute Idee, Verwandten Geld zu leihen, vor allem nicht, wenn sie nicht mal einen vernünftigen Geschäftsplan für ihren Laden haben.«
»Das stimmt so nicht«, gab Cara scharf zurück. »Ich habe einen Businessplan erstellt. Ich habe Kalkulationen und Marktstudien durchgeführt, habe die Kosten für Miete, Wasser und Strom recherchiert, ich habe gemacht, was ich konnte. Aber wie sollte ich damit rechnen, den Computer ersetzen zu müssen? Oder dass mir ein abgebrannter Gastwirt drei Monate lang seinen Blumenschmuck nicht bezahlt? Heute Morgen kam ich nach unten, und die Kühlung war kaputt. Zusammen mit ihrem Inhalt im Wert von zwölftausend Dollar. Dabei brauche ich diese Blumen eigentlich morgen für eine Hochzeit. Manche Dinge habe ich einfach nicht in der Hand, Dad. Gerade du müsstest das wissen.«
»Schnee von gestern«, unterbrach er sie. »Tatsache ist, wenn du nach einem halben Jahr nicht mal die Zinsen deines Kredits zurückzahlen kannst, gibt es keine Hoffnung für dein Geschäft. Das musst doch selbst du einsehen, oder?«
»Nein, das sehe ich nicht ein! Ich habe Woche für Woche mehr zu tun. Wir bekommen ständig neue Kunden, auch Geschäftskunden. Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit, bis das Ganze so richtig am Laufen ist. Diese Hochzeit morgen, Dad, die bringt mir zehntausend Dollar.« Cara verachtete den flehenden Ton, der sich in ihre Stimme schlich.
»Für die dir die Blumen fehlen, wie du gerade zugegeben hast«, schoss der Colonel zurück. »Hör zu, Cara, das beweist doch nur, was ich gesagt habe. Du bist ein kluges Mädchen und kannst hart arbeiten, das lass ich dir. Aber jemand wie du hat kein Händchen dafür, ein Geschäft zu führen. Nehmen wir mal diese Sache mit dem Gastwirt: Glaubst du, ich hätte einem Neukunden drei Monate lang Kredit gewährt? Im Leben nicht!«
Caras linkes Auge begann zu zucken, ihre Kopfschmerzen erwachten zum Leben. Sie zog die Schreibtischschublade auf, holte eine Packung Aspirin heraus und schob sich drei Tabletten in den Mund, die sie mit einem Schluck kalten Kaffee hinunterspülte. Sie musste dieses Gespräch beenden, bevor ihr Kopf explodierte.
»Dad? Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Wir müssen die Blumen ersetzen, die kaputtgegangen sind, und gleich habe ich noch einen Termin mit einer Braut. Bis Ende nächster Woche schicke ich dir einen Scheck, versprochen. Und danach kommt der Rest. Monatliche Raten, so wie wir es vereinbart haben, okay?«
»Nein, nicht okay«, erwiderte ihr Vater. »Ich weiß, dass das hart für dich ist, Cara, aber gib einfach zu, dass deine Floristenidee nicht funktioniert. Du hast kein Händchen dafür. Es ist dasselbe wie bei deiner Ehe. Und ehrlich gesagt, bin ich mit meiner Geduld am Ende. Ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich bin kein Bankautomat, verstehst du? In zwei Jahren gehe ich in den Ruhestand. Ich muss langsam an meine eigene Absicherung denken. Zwanzigtausend Dollar sind in meinem Alter kein Pappenstiel. Tut mir leid, aber ich muss jetzt die Notbremse ziehen.«
Cara fiel die Kinnlade runter. »Die Notbremse? Was soll das heißen?«
»Das, was ich gesagt habe. Das mit deinem kleinen Unternehmen ist vorbei, Cara. Keine Ausreden mehr. Ich will mein Geld zurück. Mach den Laden dicht. Der Monat Mai hat gerade erst angefangen. Ruf deine Vermieterin an und teile ihr mit, dass du den Mietvertrag auflösen willst. Wenn du es ihr früh genug sagst, musst du vielleicht nur einen Teil der Monatsmiete zahlen.«
»Den Mietvertrag auflösen?« Caras Mund wurde trocken. Ihre Finger umklammerten den Hörer so fest, dass die Nägel weiß wurden. »Den Laden dichtmachen?«
Auf der anderen Seite des Raumes hatte Bert aufgehört so zu tun, als ob er nicht lauschte. Er wirkte ebenso entsetzt wie Cara.
»Es gibt keinen Grund für dich, noch länger da unten in Savannah zu bleiben«, fuhr ihr Vater fort, als wäre es schon beschlossene Sache. »Du hast da doch gar keine Verbindungen. Leo nimmt dich nicht wieder zurück, und ansonsten …«
»Leo?«, rief Cara. »Dad! Ich habe Leo verlassen, nicht umgekehrt.«
»Reine Formsache«, erwiderte der Colonel ruhig. »Ich denke, es wäre besser, wenn du dir eine kleine Stelle suchen würdest. Wahrscheinlich könnte ich dir bei mir an der Schule was besorgen, aber wenn du meinst, dass du unbedingt weiter was mit Blumen machen musst, findest du bestimmt auch irgendwas hier in der Stadt …«
»Dad!«, brüllte Cara in den Hörer. »Hör auf! Hör einfach nur auf!«
»Junge Dame, deshalb musst du mich nicht gleich anschreien«, sagte der Colonel streng. »Ich bin nicht taub.«
Wirklich nicht?, dachte Cara. Du bekommst nichts von dem mit, was ich sage. Hast du noch nie. Ich bin 36 Jahre alt, wie du so gerne betonst, und du hast mir nicht ein einziges Mal richtig zugehört. In meinem ganzen Leben nicht.
»Darüber will ich jetzt nicht sprechen«, brachte sie hervor.
Am anderen Ende der Leitung breitete sich Schweigen aus. Dann ertönte der Wählton. Selbst wenn der Colonel nicht mit Cara sprach, gelang es ihm, das letzte Wort zu haben. Cara knallte das Telefon auf die Werkbank.
Es war still im Laden, man hörte nur das Tropfen des Wasserhahns in der Spüle. Bert kam auf Zehenspitzen herüber, stellte sich hinter Cara und legte ihr seine kräftigen langen Finger auf die Schultern. Wortlos begann er, ihre verhärteten Muskeln zu massieren. Poppy kroch aus ihrem Versteck unter der Werkbank hervor und legte zögerlich die Vorderpfoten auf Caras Knie.
Zumindest wusste sie jetzt, was nicht stimmte, dachte sie sarkastisch. Nämlich alles. »Ich bin geliefert«, flüsterte sie.
Cara biss sich auf die Lippe und bemühte sich, die Tränen der Enttäuschung zurückzuhalten, die ihr nach einem Gespräch mit ihrem Vater unweigerlich in die Augen schossen. Sie schaute hinüber zu dem traurigen Häufchen Blumen auf der Werkbank. Ohne nachzudenken, griff sie nach einer Rose, die überlebt hatte. Sie schnitt den Stängel ab, entfernte die restlichen Blätter und stellte sie zu den Hortensien, die im Eimer Wasser zogen.
Sie sah sich in ihrem Laden um. Er war zwar nur 28 Quadratmeter groß, aber er gehörte ihr. Wie hatte der Colonel ihn noch genannt? Ihr »kleines Unternehmen«? Nicht dass er jemals hier gewesen wäre. In den fünf Jahren, die Cara in Savannah lebte, hatte ihr Vater sie genau einmal besucht, und zwar kurz nachdem sie mit Leo von Ohio hergezogen war.
Erst vor drei Jahren hatte sie ihren ersten Job bei einem Floristen angenommen, als Telefonistin. Ihre Chefin, eine resolute 80-jährige Dame namens Norma Poole, führte den Laden seit 30 Jahren. Ihre Spezialität waren Beerdigungen und Blumenschmuck für Krankenhäuser. Normas Gestecke waren ebenso steif und starr wie ihr Erkennungszeichen, der auftoupierte orangerote Haarschopf. Trotz allem hatte die nörgelige Kettenraucherin eine Schwäche für ihren jungen Schützling entwickelt, und ehe Cara sich versah, durfte sie nicht nur Sträuße ausliefern, sondern auch selbst binden.
Vor knapp zweieinhalb Jahren war Norma in den Laden gekommen und hatte einen Schlüsselbund auf die Werkbank geknallt, an der Cara jetzt stand. »Heute ist es so weit, Cara Mia«, sagte sie mit ihrer rauchigen Stimme.
»Was ist so weit, Norma?«
»Heute ist mein letzter Tag. Und dein erster.«
»Hä?« Cara sah die alte Frau fragend an.
»Gehört jetzt alles dir«, sagte Norma mit einer ausholenden Geste. »Die gesamten 28 Quadratmeter.« Sie klopfte sich auf die Brust. »Komme gerade vom Arzt. Er hat meine Lunge geröntgt, sieht nicht besonders gut aus.«
»Oh, Norma!« Cara umarmte die alte Dame. »Doch nicht …?«
»Allerdings.« Norma zuckte mit den Achseln. »Er will, dass ich eine Chemo mache, aber ich bin 82, verdammt nochmal. Ich hab ihm gesagt: ›Nix da!‹ Meine kleine Schwester hat eine hübsche Vier-Zimmer-Eigentumswohnung unten in Sarasota.« Sie lächelte. »Ich habe immer davon geträumt, auf meine alten Tage – eigentlich die letzten – runter nach Florida zu ziehen.«
Cara musste schlucken. »Doch nicht wirklich die letzten Tage!«
»So gut wie«, entgegnete Norma fröhlich.
»Das tut mir unglaublich leid«, sagte Cara. »Was kann ich tun? Den Laden ausräumen?«
»Warum solltest du?«, fragte Norma. »Ich überlasse ihn dir, Süße. Also, nicht das Haus, das gehört ja Bernice und Sylvia Bradley. Aber mein Pachtvertrag läuft noch ein Jahr. Jetzt haben wir Oktober, und die Miete ist schon bis Januar bezahlt. Die ganze Einrichtung, das Inventar, so wie es hier steht, ist bezahlt. Du kannst es gerne haben.«
»Im Ernst?« Cara konnte es kaum glauben. Sie wusste, dass Norma sie gernhatte – aber ihr gleich das ganze Geschäft schenken?
Norma musste husten und setzte sich, um wieder Luft zu bekommen. »Ich habe keine Kraft mehr, um den Laden auszuräumen. Und alles zu verkaufen, wäre verdammt nervig. Außerdem sind die Sachen gar nicht so viel wert. Der Lieferwagen zum Beispiel: Der Kilometerzähler hat bei dreihunderttausend den Geist aufgegeben, das ist ein Schrotthaufen, wenn du es genau wissen willst. Aber ein abgezahlter Schrotthaufen. Wenn du den Laden haben möchtest, sage ich meinem Anwalt Bescheid, damit er die Übernahme abwickelt und dir den Wagen schriftlich überträgt. Für alles andere stellt er eine Kaufurkunde aus.«
»Ähm, Norma?« Cara wollte eigentlich nicht über Geld sprechen, aber Tatsache war, dass sie nicht viel besaß. Leo kümmerte sich um ihre Finanzen, und er hielt die Stelle im Blumenladen eher für ein Hobby als für einen Beruf.
Norma musste ihre Gedanken gelesen haben. »Ich dachte an einen Dollar. Wäre das in Ordnung für dich?«
»Ein Dollar? Soll das ein Witz sein? Norma, dieses Geschäft ist Tausende von Dollar wert.«
»Und was soll ich mit dem ganzen Geld?« Normas blassblaue Augen spähten über den Rand ihrer Glitzerbrille. »Gemäß der Diagnose bleiben mir noch ein paar Monate. Meine kleine Schwester ist die einzige Verwandte, die ich noch habe, und sie ist gut versorgt. Hat mehr Moos, als ich mir jemals hätte träumen lassen.«
»Du könntest es doch einer wohltätigen Einrichtung spenden.«
»Pah!« Norma verzog das Gesicht und hustete erneut. »Wohltätigkeit beginnt vor der eigenen Haustür«, sagte sie, als sie wieder genug Luft bekam. »Ich habe nicht viel, aber das will ich keinem Fremden geben.« Sie klopfte Cara auf die Schulter. »Capito? Sieht aus, als wärst du zur sofortigen Erbin aufgestiegen. Sozusagen.«
Cara atmete mehrmals tief durch. Bert stand mit besorgtem Gesichtsausdruck ein wenig abseits.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte er sich.
»Frag mich später.« Sie griff zum Telefon und tätigte endlich den Anruf, den sie bereits hatte erledigt haben wollen – bevor der Colonel ihr die Woche ruinierte.
Lamar Boudreau war Caras Geheimwaffe. Sie hatte ihn auf einer Fachmesse in Atlanta kennengelernt, kurz nachdem sie Normas Blumenladen in Bloom umgetauft hatte. Jede Woche fuhr Lamar mit seinem Kühlwagen zu einem Großhändler am Flughafen von Atlanta und bestückte seinen Blumenexpress mit ausgesuchter Importware in ungewöhnlichen Farben und Varianten. Mit seinen Einkäufen belieferte er weniger als ein Dutzend Floristen im ganzen Bundesstaat, aber so kam der Großmarkt in Savannah an Produkte, die sonst nicht im Angebot waren: Tulpen, Lilien, Gerberas, Freesien und Löwenmäulchen aus Holland; Rosen, Rittersporn und Astern aus Ecuador; Chrysanthemen und Inkalilien aus Kolumbien.
Unter normalen Umständen kam er mit seinem Blumenexpress am Mittwoch nach Savannah. Soweit Cara wusste, war sie dort seine einzige Kundin, und so sollte es von ihr aus auch bleiben. Inzwischen gaben sich die jungen Bräute nicht mehr mit den altmodischen Nelken und Sweetheart-Rosen ihrer Mütter zufrieden. Sie wollten die schicken und ausgefallenen Züchtungen, die sie in Hochglanz-Brautmagazinen und zunehmend auch auf Pinterest sahen. Und dafür hatte Cara Lamar Boudreau.
»Lamar? Hier ist Cara aus Savannah.«
»Wie geht’s dir, Mädel?«
»Nicht so gut«, gab sie zu. »Mein Kühler hat mich heute Nacht im Stich gelassen, und die meisten Blumen, die du Mittwoch geliefert hast, sind buchstäblich im Eimer. Und morgen habe ich eine riesige Hochzeit. Kannst du mir vielleicht helfen?«
»Ach, Cara«, stöhnte er. »Ich kann heute nicht noch mal die weite Strecke zu euch runterkommen. Ich hab noch andere Kunden außer dir, weißt du?«
»Natürlich, Lamar, aber keine, die du so liebst wie mich.«
Auf der anderen Seite des Ladens verdrehte Bert die Augen.
»Das stimmt«, sagte Lamar schmunzelnd. »Aber erzähl bloß meiner Frau nichts davon.«
»Bestimmt nicht. Komm, bitte, bitte! Das ist ein großer Auftrag, der wird sich für dich lohnen.«
»Hast du eine Ahnung, wie viel Sprit mein Wagen schluckt, wenn ich bis runter an die Küste fahre? Also, so gerne ich dir auch helfen würde – heute geht es nicht.«
»Wie weit in den Süden fährst du denn?« Cara ließ nicht locker.
»Als Nächstes muss ich nach Macon«, erklärte er. »Letzte Station heute.«
»Perfekt! Ich komme dahin. Die Blumen sind für die pingeligste Braut der Welt, und ihre Mutter ist noch schlimmer, also halt die guten Sachen für mich zurück, ja?«
»Tu ich doch immer!«, sagte Lamar. »Dann treffen wir uns um zwei im Cracker Barrel am Riverside Drive.«
Cara schickte Bert zum Großhändler, um dort weitere Ware zu holen, und verbrachte den restlichen Vormittag damit, Anrufe entgegenzunehmen und Termine mit Bräuten zu koordinieren.
Als Bert gegen zwölf ins Bloom zurückkehrte, wartete Cara schon in der Tür. »Ich fahre jetzt nach Macon und treffe dort Lamar«, teilte sie ihm mit. Dann warf sie einen kurzen Blick auf Poppy, die auf dem Boden lag und sie nicht aus den Augen ließ. »Kannst du mir einen Gefallen tun und ein bisschen auf Du-weißt-schon-wen aufpassen? Ich würde sie ja mitnehmen, aber nach 15 oder 20 Minuten wird ihr immer schlecht im Auto, und ich hatte nicht genug Zeit, ihr vorher die Medizin zu geben.«
»Kein Problem«, erwiderte Bert.
»Ach, falls Lillian Fanning noch mal anruft, und das wird sie tun, dann lüg das Blaue vom Himmel herunter und behaupte, wir hätten ihre bescheuerten cremefarbenen Kerzen.«
»Verstanden.«
Nachdem Cara die ganze Nacht lang die zweite Version des Hochzeitsschmucks für Torie Fanning fertiggestellt hatte, hielten sie am Samstagmorgen nur noch Red Bull und ihr Durchhaltevermögen auf den Beinen. Für eine Stunde Schlaf hätte sie alles gegeben. Aber es war nun mal Mai, und sie nahm sich vor, ausgiebig zu schlafen, wenn die Hochzeitssaison vorbei war.
Um zehn Uhr hatte sie einen Termin. Heimlich nahm sie noch einen Schluck Red Bull, dann schenkte sie Orangensaft in zwei Champagnerflöten und füllte sie mit Sekt auf. Vorsichtig stellte sie das Silbertablett mit den Gläsern auf die große Werkbank im Laden und strahlte das Paar vor ihr an, Michelle und Hank.
»So, ihr Lieben!«, sagte sie in der Hoffnung, fröhlich zu klingen. »Dann unterhalten wir uns mal über euren großen Tag!«
Michelle schob ihr iPad über die Zinkoberfläche der Werkbank. Ihr rosa lackierter Finger schwebte über dem Display, das eine virtuelle Pinnwand bei Pinterest zeigte. »Das sind meine Vorstellungen für das Altargesteck. Wie Sie sehen, möchte ich etwas Locker-Lässiges in Blau- und Violetttönen, die Blätter eher silbrig grau. Als Vasen hätte ich gerne große Krüge aus Eisenstein, wie diese hier.« Sie tippte auf den Bildschirm, glitt mit dem Finger über ein Bild. »Hier. So ähnlich stelle ich mir meinen Strauß und den der Brautjungfern vor. Weiße Teerosen, weiße Stargazer-Lilien, blassgelbe Kranzschlinge. Handgefärbte Bänder in der Farbe der Kleider.« Sie rief das nächste Bild auf. »Das sind die Kleider der Brautjungfern. Ich habe zehn Begleiterinnen. Mir hätten ja acht gereicht, aber seine Mutter« – sie warf ihrem Verlobten Hank, der ein Controller war, einen Seitenblick zu – »hat herumgezickt und will unbedingt, dass ich seine Schwestern dazunehme. Und es tut mir leid, Spatzi, aber Geneva ist krankhaft fett, und Leanne hat dieses unpraktische rote Haar, so dass ich nichts in Rosa nehmen kann …« Sie seufzte schwer, dann griff sie zur Hand ihres Verlobten und kräuselte die Stupsnase. »Findest du doch auch, Hank, oder?«
Hanks Haar hatte ebenfalls diese »unpraktische« rote Farbe, fand Cara, aber er nickte dennoch zustimmend.
»Geneva überlegt, ob sie sich den Magen verkleinern lassen soll. Wenn sie das diesen Sommer machen lässt, können wir damit rechnen, dass sie bis Oktober Kleidergröße 46 hat. Wie auch immer, Rosa passt nicht in Michelles Farbschema. Deshalb wollten wir eher Blau und Violett und ein bisschen Silbergrau in der Kirche.«
»Genau«, bestätigte die Braut. »Zum Empfang anschließend im Saal des Westin wollen wir zu dunkleren, dramatischeren Farben übergehen.«
»Zeig ihr mal die Bilder von den Tischdecken«, drängte Hank. »Goldombré! Michelle hat im Netz ein Superangebot für den Stoff entdeckt.«
Die Braut schob den Finger über den Bildschirm, und eine neue Fotokollektion von Pinterest erschien. Sie hieß »Ideen für den Hochzeitsempfang«.
Cara Kryzik nickte und machte sich Notizen. »Okay. Blau, Silber, Violett. Kein Rosa. Locker gesteckt. Für die Brautjungfern hauptsächlich Weiß. Machen wir noch irgendwas in der Kirche? Bankschmuck oder dergleichen? Sie sagten doch, die Trauung ist in St. John, oder?«
»Kein Bankschmuck«, sagte Hank mit Nachdruck. »Das ist so … neunzigermäßig.«
Michelle klappte ihr iPad zu. »Ich denke, das ist es für heute. Stellen Sie einen Entwurf für mich zusammen? Und einen Kostenvoranschlag? Bis, sagen wir, … Mittwoch?«
»Mittwoch ist in Ordnung«, erwiderte Cara. Sie warf einen kurzen Blick zu Bert hinüber, der während der zweistündigen Besprechung ebenfalls Notizen gemacht hatte. »Ich maile Ihnen alles zu, dann können wir es besprechen.«
Braut und Bräutigam erhoben sich und machten sich händchenhaltend auf den Weg. Die Glocken an der Ladentür klingelten fröhlich, als das Pärchen verschwand.
Cara verdrehte die Augen. »Hübsches Paar. Sie ist ein Kontrollfreak, er passiv-aggressiv. Denen geb ich maximal drei Jahre.«
»Hm«, machte Bert, der noch immer schrieb. »Oder weniger, wenn sie erst mal herausfindet, dass sie einen ausgemachten Schwulen geheiratet hat.«
Cara Kryzik hob die Augenbraue. »Meinst du wirklich?«
»Ich muss es ja wohl wissen.«
Im Mai und Juni war im Bloom immer viel zu tun, aber dieses Jahr, dachte Cara, schien außergewöhnlich. Wenn die Wirtschaftsexperten ein deutliches Zeichen für das Ende der Rezession brauchten, mussten sie nur einen Blick in Caras Terminkalender werfen. Der Mai war jetzt schon überbucht, dabei war es bloß der erste Samstag des Monats. Im Juni würde noch mehr zu tun sein. Das Auftragsbuch war voll mit Brautpartys, Probeessen und Hochzeiten.
Das bedeutete aber nicht automatisch, dass Cara auch viel verdiente. Wenn es ihr gelingen sollte, weitere Pannen mit ihrer Ausrüstung zu vermeiden, konnte sie bestenfalls genug Geld zusammenkratzen, um dem Colonel zum Ende des Monats einen dicken Scheck zu senden.
An diesem Vormittag hatte sie um neun Uhr bereits die Tischgestecke für einen Brautjungfern-Brunch ausgeliefert und sich mit Michelle und Hank getroffen. Um ein Uhr hinkte sie ihrem Zeitplan bereits hinterher und musste sich gewaltig sputen, um noch den Strauß für die anspruchsvollste Braut zu binden, für die sie je gearbeitet hatte.
Cara wickelte grünen Blumendraht um eine weiße Rose und schob sie in ein bereits überbordendes Arrangement aus weißen Ranunkeln, orangen Papageientulpen und grün-blauen Hortensien, das aus einer für das Büfett bestimmten silbernen gregorianischen Suppenterrine quoll, ein Familienerbstück.
»Und, was meinst du?«, fragte sie ihren Angestellten.
Bert legte die Schere beiseite und betrachtete das imposante Gesteck über den Rand seiner Opabrille. »Ganz reizend und entzückend«, urteilte er. »Aber du kennst ja unsere kleine Torie. Bei der muss es immer ein bisschen mehr sein.«
»Ich weiß«, sagte Cara mit einem Seufzer und zog noch eine Blume aus dem Eimer neben sich. »Die Hälfte der Blumen würde reichen, aber das kann ich Torie einfach nicht klarmachen. Sie will unbedingt die prunkvollste Hochzeit in der Geschichte von ganz Savannah. Es ist schade, dass wir so viel Mühe und Aufwand für ein Mädchen betreiben müssen, das keine Petunie von einem Stiefmütterchen unterscheiden kann.«
»Als ob Torie Fanning sich jemals dazu herablassen würde, an so was unerhört Profanem zu riechen wie an einer Petunie oder einem Stiefmütterchen«, bemerkte Bert.
Das Telefon klingelte, Cara schielte auf die Nummer im Display. »Wenn man vom Teufel spricht: Das ist die Mutter der Braut.« Ihre Hand schwebte über dem Hörer. »Ich schwöre dir, wenn Lillian jetzt noch irgendwas will, drehe ich komplett durch.«
»Denk einfach an die Rechnung, die wir ihr vorlegen, wenn der ganze Zirkus vorbei ist«, riet Bert.
»Nein. Ich denke lieber an das Gesicht des Colonels, wenn er den Umschlag mit dem Scheck öffnet«, gab Cara zurück.
»Genau!« Bert nickte. »Augen zu und durch.«
Das Telefon klingelte erneut.
»Bräute!«, murmelte Cara verächtlich. »Bert, falls ich jemals in Erwägung ziehen sollte, noch einmal zu heiraten, hast du schon jetzt die Erlaubnis, mir eins auf die Rübe zu geben und mich einweisen zu lassen.«
»Sag das nicht!«, warnte ihr Kollege.
»Das ist mein Ernst«, bekräftigte Cara und schaute auf. »Poppy, komm her!«
Der wuschelige Goldendoodle kam zu ihr gelaufen und setzte die Vorderpfoten auf Caras Knie. Sie beugte sich vor, und die Kleine leckte ihr durchs Gesicht. »Hundeliebe, mehr brauche ich nicht. Keine Männer und ganz bestimmt keine Hochzeiten.«
Bert wies auf das Telefon, das immer noch klingelte. »Meinst du nicht, du gehst besser mal dran?«
»Ich geh da nicht ran«, sagte Cara trotzig, erhob sich von ihrem Hocker und streckte sich. »Und ich stopfe nicht noch mehr Blumen in dieses Gesteck. Basta! Die Hochzeit beginnt in weniger als fünf Stunden, und wir müssen mit dem beladenen Lieferwagen vor drei Uhr auf der Isle of Hope sein. Was auch immer Lillian noch von uns will, es wird einfach war…«
Doch bevor sie ihren Satz beenden konnte, klingelten die Glocken an der Ladentür. Poppy stellte die Ohren auf und flitzte hinüber.
»Tür zumachen!«, brüllte Cara. »Achtung, der Hund!«
Aber es war zu spät. Die sieben Monate alte Poppy witterte ihre Chance und rannte der Freiheit entgegen.
»Halten Sie den Hund fest!«, rief Cara dem überraschten Mann zu, der den Laden betrat.
Den Bruchteil einer Sekunde blieb er verdattert stehen, dann warf er sich auf Poppy und hielt sie am Halsband fest. Doch die Hundeschulenabbrecherin Poppy, ebenso willensstark wie undiszipliniert, wand sich einfach aus dem Halsband heraus, schoss wie der Blitz durch die Tür und raste fröhlich die West Jones Street hinunter.
»Scheiße!«, rief Cara.
»Nicht schon wieder«, stöhnte Bert. »Nicht heute.«
»Tut mir leid«, sagte der Kunde und blickte von Cara zu Bert, das Halsband in der Hand. »Ich wollte meiner Schwester im Krankenhaus gerne einen Strauß schicken …«
»Kannst du ihn bedienen?« Cara sah Bert flehend an. »Ich gehe Poppy suchen. Wenn ich in einer Viertelstunde nicht zurück bin, lade einfach alles ohne mich ein.« Ohne seine Antwort abzuwarten, sprintete Cara aus dem Laden. »Poppy!«, rief sie, die Hände zu einem Trichter um den Mund geformt. »Poppy, komm her!«
Cara lief an den restaurierten Stadthäusern aus dem neunzehnten Jahrhundert und den eleganten Ladenlokalen in ihrer Nachbarschaft vorbei und überquerte die Barnard Street, wo sie beinahe mit einem Auto zusammenstieß.
Eine Touristenfamilie mit ausgeklappten Stadtplänen und Kameras um den Hals stand an der Ecke und diskutierte lautstark, wo sie zu Mittag essen sollte.
»Nicht schon wieder Gegrilltes«, motzte das ungefähr 20 Jahre alte Mädchen, das Batikshirt und weiße kurze Pants trug.
»Haben Sie gerade einen Hund vorbeilaufen sehen?«, unterbrach Cara das Gespräch. »Weißes Wuschelfell, um die 15 Kilo?«
»Da runter.« Der Vater des Mädchens wies gen Osten. »War ganz schön schnell unterwegs.«
Cara blieb auf der Jones Street und hielt sich in östlicher Richtung. Bei Mrs Wilkes’ Boarding House, wo eine Horde von Menschen für das Mittagessen anstand, blieb sie erneut stehen. »Ist hier ein Hund vorbeigelaufen?«, fragte sie atemlos.
»Da entlang«, rief eine Seniorin mit Brille, die die Plastikkarte eines Touristikunternehmens um den Hals hängen hatte.
Cara hastete weiter, überquerte erst die Whitaker, dann die Bull, danach die Drayton und dann die Abercorn Street. Die dünnen Sohlen ihrer Sandalen klatschten auf den heißen Bürgersteig. Ihr Gesicht glänzte vor Schweiß, das T-Shirt klebte ihr am Körper.
»Hast du eben einen herrenlosen Hund gesehen?«, fragte sie einen Schüler, der sein Fahrrad vor dem Kunst-College an einen Strommast kettete.
»Hm?« Der Junge blickte sie entgeistert an.
Es waren schon zwanzig Minuten vergangen, es gab niemanden mehr, der den Hund gesehen hatte. Zögernd lief Cara zurück zum Laden, schwer atmend und aus allen Poren schwitzend. Als sie das Bloom erreichte, hatte Bert bereits den Lieferwagen vorgefahren.
»Und?«
»Nichts«, sagte Cara, den Tränen nahe. »Hör zu, warte bitte hier. Ich fahre los und gucke, ob ich sie vom Auto aus entdecken kann.«
»Cara! Lillian hat schon zweimal angerufen, und jetzt ruft auch noch Torie an. Ihre Hochzeitsplanerin will wissen, warum wir noch nicht draußen an der Kirche sind. Du weißt doch, dass wir noch mindestens eine halbe Stunde raus bis zur Isle of Hope brauchen …«
»Halt sie hin«, rief Cara. »Ich kann Poppy nicht einfach durch die Stadt laufen lassen. Sie wird noch von einem Auto oder einem Touristenbus überfahren. Und selbst wenn sie jemand finden sollte, weiß keiner, wer sie ist, weil sie ihr Halsband nicht umhat. Bitte, Bert!«
Ihr Assistent zuckte mit den Achseln und ging wieder in den Laden, um die Braut zu beschwichtigen.
Mit ihrem rosa-weiß gestreiften Lieferwagen fuhr Cara in nordöstliche Richtung. Sie suchte die Seitenstraßen ab, beugte sich aus dem Fenster und rief den Namen ihres Hundes. Vergeblich hielt sie Ausschau nach dem weißen Kuschelfell. Währenddessen klingelte, summte und bimmelte ihr Handy – eingehende Anrufe, SMS und E-Mails, die sie allesamt ignorierte.
Sie war auf dem Rückweg in den Laden, bog gerade von der East Charlton in die Habersham Street ab, als sie einen großen Mann mit nacktem Oberkörper sah, der einen mittelgroßen, wuscheligen weißen Hund an einem Strick hinter sich herzog. Er trug eine kurze Laufhose und teuer wirkende Sportschuhe. An einer Seitenstraße bog er ein.
»Poppy!«, rief Cara und bog ebenfalls links in die Straße ein.
»He!«, rief sie dem Mann zu und lehnte sich aus dem Autofenster. »Entschuldigung, aber das ist mein Hund.«
Er war Mitte dreißig – der Mann, nicht der Hund. Sein dunkles Haar trug er aus der Stirn gekämmt, die Brust glänzte vor Schweiß. Trotz ihrer Notlage entging Cara nicht, dass er sehr muskulös war.
Der Jogger runzelte die Stirn. »Von wegen! Das ist mein Hund.«
»Wie bitte?« Cara stellte den Lieferwagen in die Parkposition. »Wirklich, das ist Poppy. Mein Goldendoodle.«
»Nein«, gab der Fremde ungeduldig zurück und wollte weitergehen. »Das ist Shaz. Und leider mein Goldendoodle.«
Cara stieg aus dem Auto und eilte ihm nach. »Das kann nicht sein. Es gibt nicht viele Hunde dieser Rasse in Savannah. Ich bin bis nach Atlanta gefahren, um meinen vom Züchter zu holen. Und das hier ist meiner.« Sie suchte in den Taschen ihrer kurzen Hose nach den Leckerlis, die sie immer dabeihatte. »Hier, Poppy!«
Die Kleine schaute zu Cara auf und wedelte begeistert mit der Rute.
»Shaz!«, rügte der Mann den Hund, der daraufhin noch schneller wedelte.
»Sehen Sie?«
»Das macht sie bei jedem«, erklärte Cara mit Verzweiflung in der Stimme. »Sie ist zu allen Leuten freundlich.«
»Wenn das Ihr Hund sein soll, wo ist dann der Adressanhänger?«, wollte der Jogger wissen.
»In meinem Blumengeschäft auf der West Jones Street. Sie ist mir nämlich entlaufen. Ein Kunde kam rein und versuchte noch, Poppy festzuhalten, aber sie schaffte es, sich aus ihrem Halsband herauszuwinden.« Cara hielt dem Hund das Leckerli erneut unter die Nase. »Hier, Poppy!«, lockte sie das Tier. »Komm zu Mama!«
Der Goldendoodle stellte die Ohren auf und stürzte sich auf Cara, doch der Mann zog ihn am Strick zurück.
»Sehen Sie?«, sagte Cara triumphierend. »Das ist Poppy.«
»So ein Blödsinn«, widersprach der Jogger und klemmte sich den zappelnden Hund zwischen die Beine. »Das ist doch ein billiger Trick. Shaz würde für ein Leckerli die eigene Oma verkaufen.«
»Wenn das Ihr Hund ist, wo ist dann das Halsband?«
»In meinem Pick-up, bei mir zu Hause. Ich wollte gerade mit ihr zum Hundefrisör, aber den kann sie überhaupt nicht leiden, und da das Fenster vom Pick-up offen war, sprang sie einfach raus und lief weg. Komm, Shaz.« Er ging los, und der Junghund trottete gehorsam hinter ihm her.
»Poppy!«, rief Cara. Sie war den Tränen nahe. »Komm her, mein Mädchen! Wir müssen nach Hause.«
»Netter Versuch«, sagte der Mann mit einem Blick über die Schulter. »Aber ich hab keine Zeit für so was. Viel Glück bei der Suche nach Ihrem Hund.«
Die Kleine sah sich noch einmal um, aber der Mann verfiel in einen Trab, so dass Cara nichts anderes übrigblieb, als hinters Steuer ihres Lieferwagens zu springen. »Hey!«, rief sie durch das offene Fenster und drückte auf die Hupe. »Kommen Sie zurück!« Der Mann lief ungerührt weiter die Straße entlang, Cara rollte hinter ihm her, drückte alle paar Meter auf die Hupe und brüllte aus dem Fenster: »Stehen bleiben! Komm her, Poppy!« Sie wusste, dass sie wie eine Verrückte wirken musste, aber es war ihr egal.
Poppy, das kleine Mistvieh, schien durchaus zufrieden damit, ihrem neuen Freund hinterherzutrotten. Sie zog weder an der improvisierten Leine, noch wich sie zur Seite aus, wie sie es manchmal tat, wenn Cara morgens mit ihr Gassi ging.
Schließlich erreichten sie einen Abschnitt auf der Macon Street, wo die Häuser einfacher waren als die eindrucksvollen Backsteinbauten weiter westlich im historischen Viertel. Man nannte sie »Freedman’s Cottages«, weil sie ursprünglich nach dem Bürgerkrieg von ehemaligen Sklaven erbaut worden waren. Es waren größtenteils einstöckige Häuser auf Holzständerwerk.
Der Jogger blieb vor einem der unauffälligsten Cottages stehen. Farbe blätterte von der klapprigen weißen Holzverschalung, einem Fensterladen fehlten mehrere Querstäbe, die verblichene wasserblaue Tür schien von Isolierband zusammengehalten zu werden. Unter dem Doppelfenster war ein Blumenkasten aus Holz, aber die Blumen waren vertrocknet. Der Mann stellte den Fuß auf die oberste Stufe zur Veranda und zog einen Schlüssel aus einem Fach in der Lasche des Laufschuhs. In dem Moment sah er sich um und entdeckte Cara, die mit laufendem Motor am Bordstein wartete.
»Weg hier!«, rief er.
Sie hob ihr Handy hoch. »Geben sie mir meinen Hund zurück, sonst rufe ich die Polizei.«
»Entfernen Sie sich lieber von meinem Haus, sonst rufe ich selbst die Bullen«, gab er zurück. Er nahm Poppy auf den Arm und trug sie hoch zur Tür. Dann schloss er auf.
Cara sprang aus dem Lieferwagen und lief zu der winzigen Veranda, aber der Typ war schneller. Er schlüpfte ins Haus und schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Dann wurde ein Riegel vorgeschoben.
»Hundedieb!« Cara trommelte mit der Faust gegen die Tür. »Geben Sie mir meinen Hund zurück!«
»Verrückte Stalkerin, hau ab!«, lautete die dumpfe Antwort von innen.
Sie hämmerte gegen die Tür und sah sich nach einer Klingel um, doch die baumelte an einem ausgefransten Draht im verrotteten Türrahmen. Hilflos trat Cara gegen das Holz, was ihr lediglich einen stechenden Schmerz im großen Zeh bescherte.
»Ich rufe die Polizei!«, schrie sie durch den Türspalt.
»Hab ich schon selbst erledigt!«, ertönte die Stimme aus dem Haus.
Cara lief vor dem Cottage auf und ab und wartete auf das Eintreffen der Polizei. In der Zwischenzeit rief Bert an, und sie gab ihm Anweisung, so viele Blumen wie möglich in seinen eigenen Wagen zu laden und schon mal zur Kirche rüberzubringen. Torie und Lillian Fanning riefen ebenfalls an, aber Cara ließ die Mailbox anspringen.
Ihre Augen ruhten ohne Unterlass auf dem Haus in der Hoffnung, der Jogger würde aus irgendeinem Grund klein beigeben und Poppy freilassen. Das Cottage war ihr wirklich ein Rätsel. Es hatte ein keckes, neues rotes Zinkdach, aber im Glas der Fensterscheiben waren Risse. Zwei oder drei Schindeln würden über kurz oder lang abfallen.
Erneut wählte Cara die Nummer der Polizei. Diesmal teilte ihr der gelangweilte Beamte von der Leitstelle mit, dass seine Kollegen richtige Verbrechen aufzuklären hätten und es daher noch eine Stunde dauern könne, bis jemand vor Ort sei.
»Aber er hat meinen Hund«, protestierte Cara. »Und er will nicht mal die Tür aufmachen und sich meine Erklärung anhören.«
»Ma’am?«, sagte der Mann. »Benehmen Sie sich doch bitte wie erwachsene Menschen, ja?«
Sie legte auf und ging zurück zum Haus, wo sie auf die oberste Stufe stieg und durch ein verstaubtes Fenster spähte. Innen sah sie eine durchgesessene Ledercouch und davor einen Flatscreenfernseher auf einem Sperrholzbrett, das von zwei Sägeböcken getragen wurde. Überall war Holz gestapelt, Werkzeuge und Farbeimer waren wild über den Raum verstreut. Von Poppy war nichts zu sehen. Cara hätte heulen können, aber sie hatte sich um eine Hochzeit zu kümmern.
»Und, hast du Poppy gefunden?«, fragte Bert, als sie in den Blumenladen zurückkehrte.