Der Tuchhändler von Lennep
Kapitel 1
Langsam schienen die ersten zarten Sonnenstrahlen über die Bergkuppen in das vernebelte Tal. In der Quellmulde des Baches Linepe lag die Stadt Lennep, die man langsam durch den Frühdunst in der Ferne erkennen konnte. Die weißen Nebelschwaden hingen wie Spinnweben über der kleinen Stadt. Ein tiefer Wallgraben und die dahinter liegende Stadtmauer umspannten den Ort. Rund um den Ort breiteten sich große Wiesen aus, die von einem dichten Wald umschlossen wurden.
Mit müden, schleppenden Schritten gingen zwei im Nebel versunkene Gestalten auf die Ortschaft zu. Die Schäfer, Herbert und sein Freund Roland, waren auf dem Handelsweg von Köln nach Lennep gekommen, weil sie hofften, bei einem Tuchhändler Arbeit zu finden. Sie zogen einen größeren Handkarren hinter sich her, in dem sie ihre Kleider und das Werkzeug verstaut hatten – es war ihr gesamtes Hab und Gut. Seitlich am Wagen waren zwei kräftige Holzstangen befestigt, an deren Ende ein kurzer Stab nach unten ragte und die Form eines riesigen Angelhakens hatte. Mit den so geformten Stöcken konnte man Schafe am Hinterbein festhalten und einfangen, wenn man ihnen die Klauen schneiden musste. Hinter dem Karren trottete Zieto, der ausgebildete Schäferhund und ihr treuer Gefährte.
Die beiden Schäfer waren seit Jahren befreundet. Roland, eine Handbreit größer als Herbert, hatte einen an den Rändern ausgefransten Strohhut auf seinem Kopf, Herbert den typischen filzigen Schäferhut. Beide trugen ihr braunes Haar offen bis auf die Schultern; an ihren Schläfen zeigte sich das erste Grau. Ihre Gesichter waren durch den ständigen Aufenthalt in der Natur vom Wetter gezeichnet. Ein dichter Schnauzbart zierte ihre Oberlippe.
„Das muss die Stadt sein“, murmelte Roland verschlafen. Sie waren die ganze Nacht unterwegs gewesen und kamen von den Rheinwiesen. Sie waren aber nicht nur Schäfer von Beruf – sie verstanden es auch, mit fachmännischer Schnelligkeit Schaf für Schaf zu scheren und die anfallende Wolle zu kardieren, und genau mit diesem Handwerk verdienten sie seit Jahren ihr täglich Brot. Da die Arbeit am großen Fluss knapp geworden war, versuchten sie nun ihr Glück im Bergischen Land, in der Stadt, die nun vor ihnen lag: Lennep.
Von Reisenden hatten sie erfahren, dass die Tuchmacher im Bergischen dringend Arbeitskräfte benötigten. In den letzten Jahren hatte sich der kleine Ort Lennep zu einer aufstrebenden Tuchmacher- und -händlerstadt entwickelt. Mit großen Schafzuchten, mit Webstühlen und Färbereien ist hier der Ursprung eines sich entfaltenden Handwerks gelegt worden – und die Nachfrage war groß, somit die Auftragsbücher der Händler voll.
Frühnebelschwaden umhüllten die Stadt, doch mit der aufgehenden Sonne verzogen sie sich langsam, lösten sich auf. Wie mit Zuckerguss überzogen lag die Stadtmauer vor ihnen, und dahinter war die Kirchturmspitze zu sehen, die sich durch den Dunst zum Himmel emporreckte. Langsam wurden beim Näherkommen die Silhouetten der ersten Häuser sichtbar. Das Schreien der Krähen durchpflügte die morgendliche Stille. Auf einem Hausdach machten sich zwei Störche an ihrem Gefieder zu schaffen. Sauber und geputzt wollten sie sein, bevor der neue Tag begann.
Geografisch günstig an einer Handelsstraße gelegen, die Richtung Norden führte, war Lennep durch die Mitgliedschaft im Städtebund der Hanse bedeutungsvoll geworden. An den Küsten im Norden des Landes unterhielten die Kaufleute und Händler zahlreiche Handelsniederlassungen, die in regelmäßigen Abständen beliefert werden mussten. Das Auffüllen der Lager mit selbst produzierten Waren, aber auch der Tauschhandel und der Verkauf gehörten zu ihren Tätigkeiten.
Gut 70 Städte hatten sich nach und nach zur Handelsorganisation der Hanse vereinigt. Ihre Schiffe kreuzten durch das Nord- und Ostmeer, doch die Hanse stand erst am Anfang einer erfolgreichen Geschichte. Die Hauptmetropolen waren die Städte Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund und Greifswald. Lübeck war nach Köln die zweitgrößte Stadt deutscher Lande; dort lebten über 20000 Menschen. Die Lenneper Kaufleute unterhielten eigene Kontore. Eigens für die Lagerung von Stoffen wurden geräumige Tuchhallen gebaut, die wegen der großen Nachfrage ständig erweitert werden mussten. Die neue Stadt Lübeck lag ein gutes Stück vom Meer entfernt, sodass Piraten sie nur beschwerlich überfallen konnten, doch sie war durch den Fluss Trave mit dem Ostmeer verbunden und lag zudem in unmittelbarer Nähe von Hamburg, dem Tor zum Nordmeer. Lübeck und Bergen in Norwegen waren die großen Metropolen des Tuchhandels, wobei die bergsichen Tuche eine große Rolle spielten.
Herbert und Roland überquerten einen Holzsteg, der einer Zugbrücke ähnelte, und standen vor dem verschlossenen Kölner Tor der Stadt Lennep. Das Tor wurde so genannt, weil man von hier aus auf direktem Weg die Stadt Colonia am Rhein erreichen konnte.
„Die Wachen liegen bestimmt noch auf ihren Strohsäcken und schlafen“, meinte Herbert. „Wenn wir sie durch unser Klopfen wecken, dürften sie schlecht gelaunt und unfreundlich sein. Warten wir noch eine Weile, ist ja auch noch sehr früh, außerdem spielt meine Blase verrück, ich müsste sie dringend entleeren“, gab Roland zurück. Herbert bestätigte mit einem Kopfnicken: „Komm, Alter, wir werden erst einmal eine Stange Wasser in den Graben stellen.“ Sie gingen an den Rand der Holzbrücke, öffneten ihre Brouche und erleichterten sich in den Graben der Stadtmauer.
„Hab ich einen Druck auf meinem Schäferstab“, kicherte Herbert. „Nun machen wir aus dem Wallgraben einen Wassergraben“, ulkte Herbert weiter. Roland musste lachen, und sein Wasserstrahl schoss in Schlangenbewegungen in den Graben. „Wegen deiner blöden Sprüche pinkele ich mir noch auf die Schuhe“, gab er zurück.
„So schmutzig, wie die aussehen, würde denen eine Reinigung ganz gut tun“, lachte Herbert.
Rund um den Wallgraben erstreckten sich ausgedehnte Wiesen, auf denen Kühe und Schafe grasten. Die beiden gingen zu ihrem Handwagen und entnahmen ihm zwei Kuhfelle, die sie gegen die Feuchtigkeit in das Gras legten, wo sie es sich bequem machten und auch sofort einschliefen. Es dauerte nicht allzu lange, bis sie durch das Geräusch des quietschenden, sich öffnenden Stadttores geweckt wurden. Als Schäfer waren sie es gewohnt, mit nur „einer Hälfte“ ihres Körpers zu schlafen, um mit der anderen stets auf der Lauer zu liegen, damit sie auch im Schlaf die leisesten Laute wahrnehmen konnten. Wer ständig mit den Schafen im Freien schlief, der konnte das, und diese Begabung hatten beide. Für sie gab es nichts Schlimmeres als Schafe zu verlieren – sei es durch Diebsgesindel, streunende Hunde oder irgendwelche Raubtiere. Sie wurden bei Verlusten von Tieren von den Eigentümern der Herde zur Verantwortung gezogen.
Eine Wache kam durch das Tor.
„Oh, schon Besucher? Was verschlägt euch zu dieser unchristlichen Zeit nach Lennep?“ Die beiden setzten sich auf ihrem Fell auf, rieben sich mit der Hand durch die Augen, standen auf und fuhren sich mit gespreizten Fingern durch ihre Haare. Zieto sprang auf und knurrte den Wachhabenden an. „Aus, Sitz!“, rief ihm Roland zu. Der Hund gab ein leises Knurren von sich und nahm Platz.
„Guten Morgen, Conradis, Vorsicht bitte!“, rief laut jemand von einem sich nähernden Fuhrwerk herunter und meinte damit einen der Wachhabenden. Ein zweirädriger Karren, von einem Gaul gezogen, kam durch das Kölner Tor gerollt. Der Wachmann winkte ihn durch und machte mit den Schäfern den Weg frei, danach sah er die beiden Fremdlinge fragend an. Roland erkannte den forschenden Blick der Wache und sagte: „Herr Wachsoldat, wir sind auf der Suche nach Arbeit. Wer ist denn hier zuständig für die Schafwirtschaft und für die Tuchherstellung?“ Der Wachmann überlegte kurz und kratze sich am Kopf, dann drehte er ihn nach beiden Seiten, um die Müdigkeit aus den vom Schlaf steif gewordenen Knochen zu vertreiben.
„So – arbeiten wollt ihr? Es gibt hier verschiedene Tuchmacher und Händler, aber ich würde euch den Edelmann Wüllenweber empfehlen. Der Herr ist hier ein hohes Tier in der Stadt und Mitglied im Stadtrat, auch einer der größten Tuchhändler mit eigener Schafzucht vor Ort“, sagte der Wachhabende, eine bullige Erscheinung mit breitem Stiernacken.
„Und wo können wir den Herren finden?“, fragte Herbert.
„Geht hier links durch die Wallstraße, bis ihr an ein Haus gelangt, wo aus dem Giebel ein dicker Holzbalken hervorragt, an dem eine Seilwinde befestigt ist. Mit der ziehen sie die Tuchballen hoch zur Lagerung; das ist das Haus der Wüllenwebers“, erklärte der Wachmann.
Ein zweiter Soldat rief aus dem Wachhäuschen: „Rechts herum solltet ihr nicht gehen, da ist das Armenviertel, der Kraspütt, wo sich nur Diebe, Beutelschneider und Tagelöhner herumtreiben. Alles Insekten und Gewürm. So schnell könnt ihr gar nicht hinsehen, wie die euren Karren leer geräumt haben.“
Die beiden Schäfer wunderten sich über den zweiten Wachmann – der schien wohl schlecht geträumt zu haben.
„Vielen Dank für die freundliche Auskunft“, sagte augenzwinkernd Roland, dann griff er nach dem Handwagen und die Schäfer verließen das Stadttor und folgten der Wallstraße. Zieto trottete hinter ihnen her. Schnell fanden sie das Haus des Tuchhändlers und Herbert meinte: „Ich glaube, es ist noch zu früh, um anzuklopfen. Die Herrschaften schlafen sicherlich noch.“
„Da wir nun wissen, wo wir hin müssen, würde ich sagen, wir sehen uns ein wenig in der Stadt um und kehren später hierher zurück, um unser Glück zu versuchen. Sicherlich gibt es hier einen Marktplatz und vielleicht eine Bank, auf der wir uns etwas ausruhen können“, schlug Roland vor. Herbert sah ihn von der Seite an: „Drei Tage könnte ich durchschlafen, bin müde wie ein Siebenschläfer.“
Sie durchquerten eine enge Gasse und standen auch schon auf dem Alter Markt; sie fanden eine Holzbank, auf der sie sich niederließen. Von den Lenneper Bürgern war noch niemand zu sehen, die meisten schienen noch zu schlafen.
„Meine Güte, war das ein anstrengender Fußmarsch! Ich könnte pennen wie ein Fuchs in seinem Bau“, gab gähnend Roland von sich. „Frag mich mal, mein Freund, aber das mit dem Fuchs ist ein gutes Beispiel.“
Roland ließ seinen Blick über den Markt schweifen: „Ist dir eigentlich noch gar nichts aufgefallen?“ – „Was meinst du denn, Roland?“, fragte Herbert.
„Es kommt mir vor, als wäre ich hier in der Stadt der Brunnen. Überall stehen diese Pumpen herum. Wofür brauchen die Leute all diese Brunnen nur?“ Zu weiteren Gesprächen reichte ihre Ausdauer nicht mehr; ihr Kopf fiel ihnen auf die Brust und leichte Schnarchgeräusche drangen über den Marktplatz.
Anneliese Wüllenweber wurde richtig böse. Sie fauchte ihren Mann an wie eine Katze. „Ihr seid alle zu brav und zu lieb. Ständig machen euch die Handwerker und ihre Gilden einen Strich durch die Rechnung. Viel zu viel lasst ihr euch von ihnen gefallen. Dabei seid ihr es doch, die Kaufleute und Händler, die den Wohlstand nach Lennep gebracht haben. Was wären wir und sie denn alle ohne die Hanse?“
„Dein bezauberndes Lächeln versüßt mir den Morgen, aber du hast ja recht, Lieschen“, sagte Tilmann zu seiner Frau. Lieschen nannte er sie zärtlich, wenn er wusste, dass sie im Recht war. Aber einem Streit mit Lieschen ging man am besten aus dem Weg. Seine kleine, zierliche, süße Frau konnte auch ganz anders auftreten, wenn sie in Rage geriet. Wenn sie gereizt und wütend war, erinnerte sie ihn an den Drachen der Nibelungensage.
Beruhigend sprach Tilmann auf sie ein: „Heute wird es eine Entscheidung geben. Der Hasenclev, der Frauenknecht, der Rautzenberg und noch mehrere Ratsherren sind auf meiner Seite und werden für die Hanse stimmen. Gerold vom Steinberg, unser Medicus, wird ebenfalls anwesend sein. Er ist zwar nicht direkt betroffen und hat mit dem Handel nichts zu tun, doch auf seinen Rat hören die Leute.“
Tilmann Wüllenweber war der größte Tuchhändler des Kreises Lennep mit direktem Anschluss an die Hanse. Er hatte Zugang zu mehreren Kontoren in verschiedenen Städten am Ostmeer. Seit Jahren war er mit Anneliese verheiratet, die ihm zwei Söhne und eine Tochter geboren hatte. Jacub, sein Ältester, hatte soeben seinen 18. Geburtstag gefeiert und nichts lag ihm näher, als seinen Vater bei dessen Arbeiten zu unterstützen. Simon war drei Jahre jünger und Tochter Maria gerade 11 Jahre alt. Anneliese war eine kleine, zierliche Frau mit rotblondem Haar, und ja, man konnte sagen: Sie war die Herrin im Haus. In Tilmanns Geschäfte mischte sie sich nur selten ein, aber heute Morgen musste sie sich Luft verschaffen. Die drei Geburten sah man ihr nicht an. Sie hatte grüne Augen, ihr Haar war zu einem langen Zopf geflochten, der ihr bis zu den Hüften reichte. Geschickt hatte sie ihr Haar mit bunten Schleifen geschmückt – das gab ihr ein liebliches, weibliches Aussehen.
Darüber hinaus gab es noch weitere Personen, die im Wüllenweber-Haus wohnten: Da waren noch die Magd Gerlinde, einige Stallknechte und sein Vorarbeiter Karl.
Tilmann sah aus dem Fenster seiner Wohnstube. Kreisrund reihten sich die Häuser in Lennep aneinander. Durch kleinere enge Gassen, die alle zur Stadtmitte führten, wurde die Ansicht unterbrochen. In der Mitte des Ortes stand die Stadtkirche zum Heiligen Nikolaus. Von fast allen Gassen aus konnte man den Kirchturm sehen.
„Meine Stadt ist eine schöne Stadt“, dachte er, in Gedanken versunken. Dann ging er die hölzerne Stiege hinauf in sein Lager. Dies war einer seiner Lieblingsplätze; von hier oben aus hatte er einen wundervollen Überblick über seine Stadt Lennep, die er so liebte. Er entriegelte das Giebeltor, setzte sich mit verschränkten Beinen hin und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Über der Luke ragte der Tragebalken quer zur Gasse; an seinem Ende hing eine Seilwinde. Mit einem darüber laufenden Seil konnten seine Leute die Tuchballen von der Gasse aus zur Dachluke hinaufziehen. Hier lagerten seine Tuche trocken – furztrocken, wie er unter seinen Freunden zu sagen pflegte. Bei dem Wort Furz dachte er sogleich an Luft und Wind. Sein Speicher wurde gut durchlüftet und das hielt die Feuchtigkeit fern. Ein Grinsen huschte über seine Lippen. Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit, in seine Kindheit zurück, als er fünf Jahre alt war. Sein mittlerweile verstorbener Vater hatte ihm eine kleine, hölzerne Weihnachtsstadt gebaut. Stadt war vielleicht zu viel gesagt, eher eine Scheune mit einigen Nebengebäuden. Davor befanden sich von Hand geschnitzte Figuren, und in einer Krippe lag das Jesuskind, auf Stroh gebettet. Dahinter standen Josef und Maria mit den Heiligen Drei Königen aus dem Morgenland.
Beim Anblick der kleinen Lenneper Häuser und der alten Kirche dachte er an das geschnitzte Geschenk seines Vaters. In den letzten Jahren war es üblich geworden, zur Weihnachtszeit Krippen zu basteln und aufzustellen. Auch Tilmann hatte für seine Kinder, als sie noch kleiner waren, so etwas Ähnliches geschnitzt. Ihm hatte es weniger gefallen, denn er merkte schnell, dass er für Schnitzarbeiten wenig Talent besaß, aber seine Kinder hatten ihre Freude an den Holzfiguren gehabt. Irgendwo hier auf dem Speicherboden hatte Anneliese seine Holzarbeiten verstaut. Erneut flog ein Lächeln über sein Gesicht; wie konnte er nur Lennep mit Bethlehem vergleichen – und das jetzt im Sommer? „Manchmal hat man schon seltsame Gedankengänge“, dachte er.
Dann schloss er die Giebeltür, erhob sich und ging zur anderen Seite seines Speichers. Dort öffnete er eine Dachluke, die wesentlich kleiner war als das gegenüberliegende Fenster. Auch von hier war die Aussicht berauschend schön. Mit seinem Oberkörper stützte er sich im Fensterrahmen ab, und vor seinen Augen erstreckten sich die saftigen, grünen Wiesen der Täler und Hügel und der in der Ferne zu erkennende dichte Wald. Er konnte bequem über die alte Stadtmauer sehen, die mehr eine Einfassung darstellte als eine wehrhafte Befestigungsanlage. An manchen Stellen bröckelten die ersten Steine. Schon vor langer Zeit hatten die Lenneper Bürger den Wald gerodet, zumindest einen Teil davon, um ihn den Züchtern zu überlassen. So grasten die Schafs- und Ziegenherden vor der Stadtmauer, immer unter Kontrolle der Schäfer und ihrer Hunde, deren Kläffen an sein Ohr drang. Der größte Teil der Schafe, die er von der Dachluke aus beobachten konnte, gehörte ihm. Er war sehr gerne hier an seinem Lieblingsplatz, nur um nachzudenken oder seine Fantasie schweifen zu lassen. Wie erfolgreich er doch in den letzten Jahren gewesen war!
Ein Geräusch weckte ihn aus seinem Tagtraum, und nach einigen weiteren Minuten verließ er seinen Speicher und ging in seine Wohnstube zurück, um auch von hier aus dem Fenster in die Gasse zu sehen, als hätte er nichts Besseres zu tun.
Lennep war eine von vier Hauptstädten im Bergischen Land, neben Weperevorthe, Ratingen und Dusseldorp. Gutes, mildes Wetter in den letzten Augusttagen 1324 ließen Tilmanns Stimmung in die Höhe schnellen. Er pflegte ein gutes Verhältnis im täglichen Umgang mit seinen Mitbürgern; nur in Bezug auf die Hanse, den Städtebund, waren die Meinungen unterschiedlich. Hier gab es immer häufiger diverse Streitpunkte, sodass sich zwei verschiedene Parteien gebildet hatten. Die Steinmetze, die Zimmerleute, Wagenbauer und Schmiede, Gürtler und Fleischhauer sahen nicht ein, warum man unbedingt Mitglied in der Hanse sein musste. Sie waren der Meinung, dass sie keinen Vorteil dadurch hätten, oder – wie einige sagten – nichts abschöpfen könnten. Unterstützt wurden sie von ihren Gilden und Zünften.
Das Wort Handwerker brannte Tilmann auf der Zunge. Einige waren ja ganz nette Burschen, doch viele von ihnen waren grobschlächtige, einfach denkende Menschen. Mit ihren Händen etwas herstellen, das mochte ihnen liegen, aber dann hörte die Kunst auch schon auf. Der Begriff Handel war für sie ein Fremdwort, Geschäftsleute waren sie alle nicht, aber er hatte sich die richtigen Worte schon parat gelegt. Er würde ihnen einige deftige Sätze um die Ohren hauen. Ihr Neid auf die Händler war hässlich und unschön. Das war auch der Grund, warum sich Tilmann ihnen gegenüber in einen Kokon der Arroganz einhüllte. Heute musste er es den dümmlichen Handwerkern zeigen. Heute würde er sich mit seinen Leuten durchsetzen. In zwei Stunden fing die entscheidende Ratssitzung im Städtehaus an.
Er wurde durch ein rollendes Geräusch aus seinen Gedanken gerissen.
Zwei kräftige Männer mit einem Hund und einem Karren kamen die Wallstraße entlang und legten vor seinem Haus eine Pause ein.
„Gott zum Gruße, wir suchen den edlen Herrn Wüllenweber, den Tuchhändler“, sagte der eine. Tilmann betrachtete sie von oben bis unten, sah ihre Messer am Gürtel stecken sowie die alten Hüte auf ihren Köpfen.
„Der steht direkt vor euch, meine Herren“, gab er zur Antwort.
Roland übernahm das Wort. „Oh, wir hörten im Rheinland, wo wir bis jetzt beschäftigt waren, dass hier gute Schäfer gesucht würden. Wir sind erfahren und suchen eine neue Aufgabe.“
„Einen Moment, ich komme vor die Tür“, sagte Tilmann und verschloss das Fenster von innen mit einer Lederhaut. Er trat hinaus auf die Gasse, um den beiden die Hand zu geben. Sie wechselten einige Worte, und dann bat er sie in sein Haus.
„Ihr habt die Jahreszeit nicht besonders gut ausgewählt. Eine Anstellung im Frühjahr wäre besser gewesen, wenn die Lämmer geboren werden. Doch was zeichnet euch aus?“, wollte er wissen.
„Nun, wir sind nicht nur Schäfer, wir beherrschen auch das Scheren und Kardieren, und der beste Schäfer ist unser Schäferhund Zieto, der draußen auf unseren Handwagen aufpasst“, sagte Roland mit einem freundlichen Lächeln. „Vielleicht noch eines, Herr: Wir haben jahrelang auf den Rheinwiesen gearbeitet, aber die Schafzucht ist seit einiger Zeit stark rückläufig. Südlich von Colonia werden überall nur noch Weinreben angepflanzt und die ausgeprägten Wiesen verschwinden, sodass unsere Arbeit immer knapper wurde.“
„Gut“, sagte Tilmann, „ich werde es mir bis zum Abend überlegen. Ich muss gleich zu einer Sitzung und würde euch bitten, am späten Nachmittag noch einmal bei mir vorbeizuschauen. Ihr könnt euch in der Zwischenzeit etwas in der Stadt umsehen.“
Tilmann schlenderte mit ruhigen Schritten Richtung Alter Markt, wo sich das Ratsgebäude direkt neben der Kirche befand. An einem Brunnen legte er eine kurze Pause ein, um etwas Wasser zu trinken. Der Fluss, die Linepe, floss unterhalb der Stadt vorbei, speiste aber unzählige Brunnen mit seinem Wasser.
Die Gassen waren wie leer gefegt, denn fast alle Bürger hatten sich auf dem Marktplatz eingefunden. Der Punkt, der heute auf der Tagesordnung stand, erweckte bei den Bürgern große Neugierde. Von Weitem sah er schon, wie sich die Gruppierungen vor dem Rathaus aufgeteilt hatten. Kaufleute, Händler und Befürworter der Hanse standen gemeinsam zusammen, und gegenüber auf dem Platz ihre Gegner, die Handwerkergilden. „Meine geliebten Handwerker, da stehen sie rum und reden dummes Zeugs“, dachte Tilmann, als er sie erblickte. Viele Köpfe schnellten herum, als sie ihn kommen sahen. Er ging auf einige Ratsherren und Kaufleute zu, um sie zu begrüßen.
„Guten Tag, verehrte Bürger von Lennep“, empfing er sie. Sie schüttelten einander die Hände und wünschten sich Glück für die heutige Sitzung. Hier und dort wurden noch schnell ein paar Ratschläge ausgetauscht und es folgte ein aufmunterndes gegenseitiges Schulterklopfen.
Gegenüber den Handwerkern waren die Amtsmänner, Kaufleute und Händler elegant und nach der neusten Mode gekleidet. Tilmann betrachtete aufmerksam die Handwerker in ihren verdreckten und verschwitzten Hemden und Hosen. „Wenigstens ihre dreckigen Hände hätten sie sich waschen können“, dachte er. Nun sah Tilmann, dass auch der Pfarrer aus der Nikolaus-Kirche kam und den Platz überquerte; womöglich durfte und wollte er nichts versäumen. Hochwürden Rufus von Bechen war ein strenger Vertreter des Katholizismus, der nur für seinen Glauben lebte, den Bürgern Lenneps fortwährend den Spiegel vorhielt und über Ungläubige und Sünder schimpfte, den aber auch stets seine Neugierde plagte. Es gab rein gar nichts, in das er sich nicht hätte einmischen wollen.
Tilmann unterhielt sich mit Robert Frauenknecht. „Wir Tuchmacher, Händler und Kaufleute sorgen für eine angenehme Zukunft und für Reichtum in dieser Stadt, nicht die Schreihälse von Handwerkern“, flüsterte er Tilmann zu, der ihm nickend recht gab. Die Türe des Rathauses wurde vom Ratsdiener geöffnet, der laut die Glocke schlug, um den Wartenden zu vermitteln, dass sie eintreten können. In ihre Unterhaltungen vertieft, schlenderten die Männer durch das Portal ins Ratsgebäude.
Im alten geräumigen Versammlungssaal teilte man sich in zwei Lager auf. Rechter Hand nahmen die Befürworter der Hanse Platz, gegenüber die Männer, die sie ablehnten. Je mehr Bürger den Saal betraten, desto lauter wurde das Stimmengewirr. Wegen der hohen Temperaturen stand die Hitze förmlich in dem großen Raum und unwirtliche Gerüche verbreiteten sich rasch. Durch die heftig geführten Debatten und das wilde Gestikulieren mit den Händen geriet so manch einer ins Schwitzen und verbreitete unangenehme Ausdünstungen, denen man besser auswich.
Der Fußboden bestand aus schweren Eichenbalken, und in der Mitte des Saales stand ein Rednerpult, auf dem sich eine gusseiserne Glocke befand. Jeder Redner, der sich zu Wort melden wollte, musste sie betätigen. Auf einer ausladenden Wandfläche hatte sich ein Maler verewigt. Das Bild stellte eine blutige Jagdszene nach. Viele Ritter und Knappen hielten Saufedern in ihren Händen, um einem in die Enge getriebenen Hirsch den Garaus zu machen. Eine wild kläffende Hundemeute hielt das Tier in Schach. Etliche Pfeile steckten in seinem Rücken, und aus den Wunden quoll Blut und rann über sein Fell. Der Hirsch stand angsterfüllt mit weit aufgerissenen Augen und gesenktem Kopf in Verteidigungsstellung. Vor ihm hatten sich die größten Hunde aus der Meute aufgebaut. Würde man als Betrachter des Bildes den Verlauf nachvollziehen, müsste der Hirsch jeden Moment auf die Knie sinken und hätte den Kampf verloren.
Ein lautes Gemurmel und Tuscheln durchdrang den Saal. Jeder redete mit jedem, und keiner hörte wirklich zu. Der Pfarrer hatte neben der Tür am Eingang auf einem Stuhl Platz genommen, von wo aus er seine Schäfchen im Blickfeld hatte. Eine Frau suchte man vergebens in diesem Hause, denn hier regierten die Männer. Vertreter von über dreißig verschiedenen Berufsgruppen waren anwesend. Man sprach zu zweit, zu dritt oder in kleineren Gruppen, und mit der Zeit wurde es immer lauter, bis man sich gegenseitig anschrie. Plötzlich erklang die Glocke erneut. Am Rednerpult stand Ratsherr Bruno vom Nagelsberg. Deutlich hörbar rief er in den Saal:
„Meine edlen Herren, meine Herren, bitte um Ruhe, Ruhe bitte!“
Langsam nahm der Geräuschpegel ab und es wurde etwas leiser, bis dann nach einigen Minuten Ruhe einkehrte.
„Danke, meine Herren. Wir haben uns hier eingefunden, um über das Für und Wider der Hanse abzustimmen. Wir wollen eine sachliche Auseinandersetzung führen und uns nicht gegenseitig niederschreien. Zu Wort meldet sich nun der Vertreter der Gilde der Wagenbauer, Meister Winfried Feldmann.“ Ein Bär von einem Mann erhob sich von seinem Stuhl und ging zum Rednerpult. Tilmann sah seine schmutzigen Hände und dachte: „Noch nicht einmal ihr Meister hat sich seine Griffel gewaschen.“ – „Männer, ihr kennt mich alle“, fing Winfried Feldmann an, „ich rede stellvertretend für uns Wagenbauer. Wir sind der Meinung, dass eine Mitgliedschaft im Städtebund überflüssig ist. Es verursacht nur Kosten und bringt uns nicht viel weiter. Kontore müssen unterhalten werden, dann die Transporte, Überfälle durch Wegelagerer und Raubritter, Diebstähle und einiges mehr, und was haben wir Handwerker davon? Nichts, rein gar nichts! Die Einzigen, die an der Hanse verdienen, das seid ihr.“
Er zeigte mit seinem Arm auf die Seite der Händler. „Ihr tragt zum größten Teil zwar das Risiko, steckt euch gleichzeitig aber die Taschen voll. Ihr Tuchmacher, Händler und Kaufleute seid doch die reichen Pfeffersäcke mit den dicksten Häusern in unserer Stadt. Deswegen wollt ihr unbedingt Mitglieder in der Hanse bleiben. Ihr habt doch sicherlich genug Geld auf der hohen Kante liegen. Es ist doch immer das Gleiche, der Teufel scheißt auf den dicksten Haufen“, rief er bösartig in den Saal.
Einige Leute bekreuzigten sich, als das Wort Teufel fiel. Der Pfarrer griff nach dem dicken Silberkreuz, das um seinen Hals hing, faltete die Hände und stieß ein Gebet in den Himmel. Die Handwerker riefen: „Genau, richtig, so ist es doch.“ Der Fleischhauer Albrecht erhob sich und rief in die Runde: „Was glaubt ihr, wie der Hanse das egal ist, ob ich hier ein Schwein schlachte oder nicht.“ Lautes Gelächter erklang und hob die Stimmung. Steinmetze, Zimmerleute, Kessler und die Schmiede unterstützten Meister Winfried Feldmann; immer wieder warfen sie ähnliche Meinungen in die Runde.
Angespannt lauschte Tilmann den Worten der Kontrahenten. Er hatte schon im Voraus gewusst, dass diese sich immer wiederholenden Argumente kommen würden.
Die Spinner, Weber und Färber verhielten sich eher neutral, weil sie wiederum von den Tuchmachern und Kaufleuten abhängig waren. Brach der Umsatz aus dem Verkauf der Tuche ein, so blieb für sie auch weniger übrig. So ging es erst einmal weiter. Nun redete ein Kaufmann auf die Bürger ein, dann wieder ein Repräsentant der Gilden, und nach zwei Stunden legten die Männer eine kurze Pause ein.
Während sich die Männer im Ratssaal die Köpfe heißredeten, saßen am Alter Markt auf dem steinernen Rand des Brunnens drei leicht beschürzte, stadtbekannte Lenneper Hübschlerinnen. Sie waren auf dem Sprung, warteten die Sitzung ab. Danach würden die meisten Männer in den Gasthof „Zum goldenen Löwen“ schlendern, und wenn sie später angetrunken über den Marktplatz gingen, dann würden sie sich auf sie stürzen wie Katzen, die zum Mäusesprung bereit waren. Bei einigen männlichen Bürgern fanden die drei Damen Wohlgefallen, bei den Lenneper Frauen, und zwar bei allen Frauen, nur Verachtung. Die Huren arbeiteten ohne Weiberwirt, sie betrieben selbstständig ihr eigenes Gewerbe und hatten zu diesem Zwecke eine kleine Wohnung am Gänsemarkt auf Dauer angemietet, zur Schande vieler Ehefrauen. Doch ihr Vorteil war: Sie brauchten kein Kerbholz zu benutzen, um mit einem Weiberwirt abzurechnen. Lohnen tat es sich allemal – so mancher lustige, alleinstehende Geselle landete auf einem ihrer Strohsäcke, um seine schwer verdienten Pfennige zu verschleudern, wobei auch noch andere Dinge verschleudert wurden. Auch streitsüchtige Ehefrauen trieben den einen oder anderen in die Fänge der Huren, deren Gewandungen mit verschiedenen gelben Bändern gekennzeichnet waren, die sie als Hübschlerinnen auswiesen. Mit Genehmigung des Ratsherrn Bruno vom Nagelsberg war es ihnen erlaubt, ihrem Gewerbe zu frönen, aber sie mussten ihm versprechen, sich einigermaßen sittlich zu kleiden und vor allen Dingen äußersten Wert auf ihre Reinlichkeit zu legen. Er empfahl ihnen ein monatliches Bad beim Bader.
Die „Damen“ am Brunnen alberten miteinander und kicherten. Die Jagd hatte noch nicht begonnen und so vertrieben sie sich mit lustigen Episoden die Zeit.
Die größte von ihnen war die rothaarige Brunhilde, neben ihr saßen die dunkelhaarige Bernadette und die blonde Ursula. Die hoch aufgeschossene Brunhilde war gebürtig aus Weperevorthe. Ihre Eltern waren Bauersleute und ihr Vater hatte sie wie eine Sklavin gehalten, ausschließlich als auszunutzende Arbeitskraft. Durch die letzten Missernten wurde seine Laune immer übler. Oft schlug er sie mit seinem Bundgürtel grün und blau. Als sie sechzehn Jahre alt war, schnürte sie ihr Bündel und flüchtete in der Nacht. So war sie nach Colonia gekommen, wo sie die anderen beiden Damen kennengelernt hatte.
Bei Bernadette verhielt es sich etwas anders. Nach der Enttäuschung ihres Vaters darüber, dass sie kein Junge geworden war, schickte er sie ohne Umwege direkt in ein Kloster. Als Novizin lernte sie die Liebe kennen und beging Verfehlungen. Sie entdeckte unbekannte Gefühle, die sie zu schätzen lernte; ihr Herz schlug Purzelbäume, sodass sie sich entschlossen hatte, eine ganz andere Laufbahn anzustreben. Nach ihrem Verweis aus dem Kloster landete auch sie in Colonia.
Ursula, die Dritte im Bund, kam aus einem überchristlichen Elternhaus. Hier wurde bis zu zwanzig Mal am Tage gebetet. Sie stand zur Laudes mit Jesus auf, verbrachte den Tag mit ihm und ging zur Komplet mit Jesus zu Bette. Wie in einem zu engen Mantel wurde sie vom Christentum und von der Frömmigkeit ihrer Eltern eingeschnürt, und das alles nahm ihr die Luft zum Atmen. Irgendwann war sie der Meinung, Jesus sei Mitglied ihrer Familie, so eine Art älterer Bruder von ihr. Eines Tages wurde es ihr zu viel und sie verschwand bei Nacht und Nebel.
Aufnahme fanden die drei in einem gut geführten Hurenhaus. Eine ältere Dame nahm sich ihrer an und führte sie in die Tradition des Hurens ein. Anfängliche Gegenwehr wurde von ihr schnell gebrochen. Als sie dahinterkamen, was sie erarbeiteten und was für sie danach übrig blieb, fanden sie, dass es besser wäre, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Da es in Colonia zu viele Hübschlerinnen und Hurenhäuser gab, beschlossen die drei, die mittlerweile Freundinnen geworden waren, ihr Glück in der Flucht zu suchen, und begaben sich vor einigen Jahren in die Hansestadt Lennep.
Am Brunnenrand sprachen sie über ihre Freier und deren Namen.
„Ich hatte vorige Woche einen Bäckerburschen, der Probleme mit seiner Potenz hatte. Seine Manneskraft hatte ihn verlassen und er bemühte sich vergebens. Was glaubt ihr, wir der hieß?“, fragte Ursula ihre Mitstreiterinnen. Beide schüttelten den Kopf. „Keine Ahnung“, sagte Bernadette. „Ihr werdet es nicht glauben, aber er hieß tatsächlich Gotthilf!“
Nun ging das Gekicher erst richtig los. Nach einigen Minuten wischten sie sich die restlichen Lachtränen aus ihren Augen. „Meine Güte, welch ein Name“, meinte Bernadette.
„Wo kommt denn eigentlich dein Name her?“, fragte Brunhilde und sah Ursula an. Die überlegte kurz: „Ich glaube, meine Eltern haben ihn von der Heiligen Ursula von Colonia übernommen. Im Dom der Stadt beteten sie ihre Reliquien an und verehrten sie sehr.“
„Meinen Namen haben mir meine Eltern nach dem Heiligen Bernhard von Clairvaux gegeben. Als ich das Licht der Welt erblickte, bekam mein Vater einen Schreikrampf, denn er hatte felsenfest mit einem Jungen gerechnet. So wurde aus Bernhard in abgewandelter Form Bernadette.“
„Jetzt bin ich wohl an der Reihe“, sagte die Letzte im Bunde. Die beiden Freundinnen sahen sie erwartungsvoll an.
„Ich bin nach einem Brunnen genannt worden: ‚Brunhilde‘.“ Nach dieser Erörterung war das Gelächter auf dem Alter Markt fast lauter als das Gerede der Männer im Ratssaal.
Tilmann sah in die Gesichter der Anwesenden und verfolgte gespannt die Verhandlung. „Meine Güte, so grob, wie die Handwerker arbeiten, so reden sie auch“, dachte er weiter. Er wollte vor der Abstimmung als Letzter das Rednerpult betreten. Bruno vom Nagelsberg ging noch einmal zum Pult. Er war eine geachtete, seriöse Persönlichkeit der Stadt Lennep, das bestätigte er in seinem Amt als Bürgermeister, und leitete deshalb auch die Versammlung.
„Meine Herren, wir sind mit zweihundertzehn Stimmberechtigten vertreten, um mit erhobener Hand abzustimmen. Vorher möchte ich jedoch noch das Wort an Tilmann Wüllenweber geben.“
Tilmann ging zum Rednerpult. Er hatte sich seine Worte vorher wohl überlegt, denn es ging nicht nur um seine Existenz. Er eröffnete seine Rede nicht wie seine Vorredner mit den Worten „Bürger von Lennep“ oder „Meine Herren“, sondern sah erst einmal in aller Ruhe durch den Saal, um einigen wichtigen Personen in die Augen zu sehen. Eine weitere Minute ließ er die Leute warten. Es wurde ruhig im Saal. Dann holte er tief Luft:
„Freunde, nicht Gegner oder Feinde, nein, wir leben alle gemeinsam in dieser schönen Stadt und sind Freunde.“