Danksagung
Ein großer Dank geht an den Bergischen Verlag für die
tatkräftige Unterstützung.
Eine wichtige Hilfe war mir Herr Zagermann vom Kunsthandwerkerhaus in Schloss Burg.
Besonderer Dank gilt meinem Freund Michael Schumacher, der mich zu diesem Buch mit den Worten ermutigte: „Mach es einfach!“
Ich bedanke mich bei meiner Frau für ihre unermüdliche Unterstützung und Geduld.
Ein weiterer Dank geht an Herrn Dr. Norbert Orthen aus Odenthal, der mir als Historiker zur Seite stand.
Außerdem möchte ich mich bei Herrn Hans Drewning, meinem ausdauernden Zuhörer und Berater, bedanken.
Für die Recherche verbrachte ich viele Stunden in der Stadtbücherei Remscheid, wo ich mittlerweile Dauergast bin.
Hier gilt mein Dank besonders Frau Schlesener.
Peter vom Falkenberg
Peter vom Falkenberg
lebt mit seiner Familie in Remscheid.
Seine Freizeit verbringt er gerne mit den Enkelkindern, oder er fährt mit seinem Motorrad durch das schöne Bergische Land,
häufig auf der Suche nach neuen Ideen.
Zur Recherche seiner Bücher besucht er Burgen und mittelalterliche Märkte. Dabei gilt seine besondere Aufmerksamkeit den Grafen von Berg und deren Nachfolgern.
In den Sommermonaten sitzt er gerne in Straßenkaffees, wo er immer wieder Gesten, Dialoge und insgesamt das Verhalten seiner Mitmenschen studiert.
Ein Zitat von Charlie Chaplin begleitet sein Leben:
Ein Tag an dem Du nicht gelacht hast, ist ein verlorener Tag.
Impressum
Peter vom Falkenberg – Der Waldläufer
Historischer Roman Bergisches Land
ISBN 978-3-943886-73-3
1. Auflage E-Book 09/2014
© Bergischer Verlag, © by Peter vom Falkenberg
Bergischer Verlag
RS Gesellschaft für Informationstechnik mbH & Co. KG
Verleger Arndt Halbach, Martin Czialla
Konrad-Adenauer-Str. 6, 42853 Remscheid
E-Mail: info@www.BergischerVerlag.de/www.BergischerVerlag.de
Titelfoto/Fotos: Thomas Wunsch, www.thomas-wunsch.com
Gesamtherstellung: Bergischer Verlag, Ernst-Wilhelm Bruchhaus
E-Book Herstellung: ncc-medien
Lizenzbedingungen
Dieses E-Book ist für Sie persönlich lizenziert. Sie dürfen dieses E-Book nicht verkaufen oder an Dritte weitergeben. Wenn Sie dieses E-Book mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Kopie/Lizenz für jeden Leser. Falls Sie dieses E-Book lesen sollten und es nicht erworben haben oder es nicht für Sie erworben worden ist, dann kaufen Sie es bitte bei www.bergischerverlag.de. Danke, dass Sie die mühsame Arbeit des Autors bzw. des Verlegers respektieren.
Die Abrechnung
Will war in seiner Werkstatt mit dem Schleifen eines Bogens beschäftigt, als Ewald zur Tür hereinkam. Sofort wollte der Bogner wissen, wie es ihm ergangen war.
„Prächtig, der Büttel ist uns voll auf den Leim gegangen!“ „Allein wird er heute Abend sicherlich nicht auftauchen. Meistens hat er seinen Helfer, den schlaksigen Franz, im Schlepptau“, gab Will zu bedenken, „sie sind zwar keine Kämpfer, doch durchtrieben und hinterlistig. Daher sei auf der Hut!“
„Wenn diese Sache überstanden ist, werde ich die Gaukler suchen. Andrea muss so schnell wie möglich erfahren, dass sie Karl nicht getötet hat. Ich werde mich überall durchfragen, doch spätestens in Colonia müsste ich die Truppe finden“, sagte Ewald.
In diesem Moment trat Adele herein. In der einen Hand hielt sie einen Holzteller mit duftenden Pfannkuchen, in der anderen einen Tontopf mit Mus. Die Männer stärkten sich und besprachen ihren Plan.
Gegen Abend band Ewald sich sein Schwertgehänge um die Hüfte. Will trat zu ihm und fasste ihn an den Arm. „Bitte gib auf dich acht, ich würde dich ja gerne begleiten, aber die beiden kennen mich.“ „Es wird schon werden, keine Sorge“, antwortete Ewald und machte sich auf den Weg. Ruhigen Schrittes ging er über die Wiese zum Wepersteg. Von den Bütteln war noch nichts zu sehen und so nutzte er die Zeit, um sich noch einmal die Umgebung einzuprägen, falls es zu einem Kampf kommen würde. Er lehnte sich an den Stamm der alten Eiche, atmete tief durch und ging im Geiste noch einmal alle denkbaren Möglichkeiten durch. Jetzt musste er seinen Verstand gebrauchen, durfte nicht an seine Eltern denken und sich von Hassgefühlen leiten lassen, das wusste er. Dann nahm er Schritte wahr und sah die beiden Büttel den Weg hinaufkommen. Er trat auf die Planken des Stegs, um auf sie zu warten. Nun deutete der Büttel Franz mit dem Finger auf ihn.
„Da steht jemand!“
„Ja doch, ich sehe ihn, aber wer ist das?“, entgegnete Michael.
„Keine Ahnung, Berthold ist es jedenfalls nicht. Vielleicht hat er uns einen neuen Spannmann geschickt.“
„Sei gegrüßt!“, rief Michael Ewald zu, „was willst du von uns?“
„Vor allen Dingen Aufklärung über die Taten eines wahrlich dreckigen Lumpenpacks, wie ihr es seid“, schrie sie Ewald an.
„Wie kannst du es wagen! Spricht man so mit einem Büttel, der für die Grafschaft tätig ist?“, konterte Michael.
„Ihr Hohlköpfe seid der Lügengeschichte des eifersüchtigen Schmiedesohns Karl aufgesessen“, fuhr Ewald erregt fort, „jagt seit Monaten einen unschuldigen Bogner und dessen Freundin durch die Lande. Ihr habt die drei Söldner angeheuert, die meine Eltern brutal und feige ermordet, ihnen eiskalt die Kehle durchtrennt und unser Haus niedergebrannt haben. Dafür werde ich euch zur Rechenschaft ziehen!“
„Einen Dreck wirst du!“, brüllte Franz und wollte gerade sein Schwert ziehen. Doch genau damit hatte Ewald gerechnet. Bevor der Büttel wusste, wie ihm geschah, schlug Ewald ihm seine rechte Faust mitten ins Gesicht und streckte ihn zu Boden und schnell merkte Franz, dass ihn die Faust eines Schmiedes erwischt hatte. Entsetzt starrte Michael auf seinen Spannmann, der mit blutendem Gesicht auf der Wiese lag und vor Schmerz aufschrie.
„Er hat mir die Nase gebrochen, dieser Hundsfott!“
Ewald stellte sich drohend vor Michael. „Greif erst gar nicht nach deiner Waffe, sonst bist du schneller tot, als du dir vorstellen kannst!“
Michael wurde kreidebleich, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Glaube mir, ich habe das alles nicht gewusst! Die drei sollten den Bogner und das Mädchen unverletzt bei mir abliefern. Mit Mord haben wir beide nichts zu schaffen“, winselte er.
Franz kauerte noch immer im Gras und hielt die Hände vor das Gesicht, aus Nase und Mund tropfte Blut auf sein Hemd. „Ihr werdet sofort die Verfolgung einstellen und die Söldner zurückpfeifen. Habt ihr das verstanden?“, herrschte Ewald den Büttel weiter an, „und die unbescholtenen Eltern, die dort drüben ihrer Arbeit nachgehen, werdet ihr fortan nicht mehr belästigen! Sollte mir auch nur die kleinste Beschwerde zu Ohren kommen, bin ich sofort wieder hier, um euch beiden den Bauch aufzuschlitzen. Wenn dir dein Leben lieb ist, teilst du deinem Burgvogt mit, dass die Gesuchten spurlos verschwunden sind und ihr die Suche aufgegeben musstet. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“
„Oh ja, selbstverständlich! Und die Sache mit deinen Eltern bedaure ich zutiefst“, gab Michael kleinlaut zurück.
„Spar dir dein Mitgefühl und halte dich lieber an unsere Vereinbarung, sonst wird dich der Leibhaftige holen!“ Dann drehte Ewald sich um und kehrte zurück zur Werkstatt des Bogners.
„Wie mir scheint, bist du mit ihnen einig geworden“, grinste Will, doch seine Erleichterung war ihm deutlich anzumerken.
„Die Hosen hatten sie voll! Die lange Bohnenstange musste feststellen, welcher Druck in einer ausgefahrenen Schmiedefaust steckt. Und der aufgeblasene Michael versprach mir, wenn auch nicht ganz freiwillig, keine weiteren Untersuchungen anzustellen. Sollten sie Euch zukünftig in irgendeiner Form drangsalieren, so lasst es mich wissen, ich werde mich darum kümmern“, gab Ewald zu verstehen.
Dann setzte er sich und reckte seine Glieder. „Könnte ich die Nacht vielleicht noch einmal hier bei Euch verbringen?“
„Natürlich, Martins Freunde sind auch unsere Freunde“, meinte Will, „komm, lass uns noch ein kleines Nachtmahl einnehmen, bevor wir schlafen gehen. Du willst doch sicherlich morgen in aller Frühe aufbrechen.“
Herkules
„Diese elenden Raben und Elstern“, murrte Martin, den die Vögel wieder einmal aus dem Schlaf gerissen hatten. Er drehte sich zu Andrea, legte den Arm um sie und knabberte an ihrem Ohrläppchen.
„Lass uns lieber aufstehen, ich habe fürchterlichen Hunger“, sagte sie etwas verschlafen, „außerdem sind die anderen bestimmt schon wach.“
„Erst gibst du mir einen Kuss“, beharrte Martin.
„Oh, das kenne ich, dabei bleibt es bei dir nie! Aber wir sind nicht allein, sondern umgeben von all den anderen Wagen.“
Martin drehte sich auf den Rücken. „Ja, ja, du hast ja recht, immer stehen wir unter Beobachtung.“
„Höre doch mit dem Gejammer auf. Es kommen noch genug andere Tage, wenn sie denn überhaupt noch kommen.“
Martin verstand nicht, was Andrea mit ihrem letzten Satz hatte sagen wollen, doch bevor er fragen konnte, kletterte sie schon aus dem Wagen. Er folgte ihr nach.
„Ich gehe mit unserer Lisa noch auf die Wiese, damit sie etwas Gras fressen kann“, sagte er.
„Ja, aber bleib nicht zu lange fort, wir brechen bestimmt gleich auf!“ Nach dem Frühstück empfahl Harald seinen Leuten, die Planen der Wagen mit Schweinefett einzuschmieren. „So perlt das Wasser besser ab, falls wir in einen Regenschauer kommen.“
Am späten Vormittag fuhren die Gespanne zurück auf den Heerweg in Richtung Greverode. Harald sollte mit seiner Befürchtung recht behalten, denn schon bald bauten sich bedrohliche, schwarze Wolken vor ihnen auf. Der Regen ließ nicht lange auf sich warten. Zunächst fielen einzelne, dicke Tropfen, dann öffnete der Himmel seine Schleusen und es ergossen sich wahre Sturzbäche auf die Erde. Der Weg weichte mehr und mehr auf, wurde schlammig und rutschig.
„Solange wir auf dem Höhenpass sind, wird es keine Probleme geben, aber wenn wir bergab in die Talsenken fahren, müssen wir höllisch aufpassen, nicht ins Rutschen zu kommen“, tönte Harald.
Wind und Regen peitschten ihnen ins Gesicht, die Pferde leisteten Schwerstarbeit.
„Mir wird übel“, stöhnte Andrea plötzlich, sprang vom Kutschbock und erbrach sich sogleich.
„Halt!“, brüllte Martin und stoppte seinen Wagen. Die anderen taten es ihm gleich. Maria und Freia kamen herbei und kümmerten sich um Andrea. Bleich und angeschlagen kletterte sie eine Weile später zurück auf den Wagen. „Diese verfluchte Wackelei macht einen ganz krank.“ Nass bis auf die Knochen kamen sie am Spätnachmittag in Greverode an. Auf einem kleinen Marktplatz inmitten der Stadt stellten sie ihre Wagen im Halbkreis auf. Oberhalb, auf einer Anhöhe, war das Augustinerinnenkloster und eine Kirche zu sehen. Der Ort war menschenleer und glich einer Geisterstadt, die Einwohner hatten sich bei diesem Wetter in ihre Häuser und Hütten verzogen.
Harald rief alle zusammen.
„Bei dem Sauwetter sollten wir einen Zahn zulegen. Männer, ihr bringt die Pferde in den Mietstall! Robin weiß den Weg. Ich werde mit den Frauen zum Kloster hinaufgehen, denn ich kenne die Mutter Oberin, vielleicht kann sie ihnen Unterschlupf für die Nacht gewähren.“ Er klatschte in die Hände. „Auf, auf, beeilt euch, damit wir ins Trockene kommen. Ich möchte hier nur ungern feuchte Damen sehen!“ Er zwinkerte mit seinem rechten Auge und zog sich sofort einen strafenden Blick von Freia zu. „Wenn ihr fertig seid, treffen wir Männer uns hier im Gasthof.“
Mit Peter und den Frauen eilte Harald den kleinen, steilen Berg hinauf. Am Kloster angekommen, schlug er mit seiner Faust mehrere Male kräftig gegen die Holztür. Zuerst tat sich nichts, doch dann vernahmen sie schlürfende Schritte. Eine kleine Klappe in der oberen Türhälfte öffnete sich und eine freundliche Stimme sagte: „Gott zum Gruße! Was führt Euch zu so später Stunde noch hier her?“ „Ist die verehrte Mutter Oberin zu sprechen, Schwester?“
„Da müsstet Ihr Euch einen Moment gedulden.“ Sprach´s und verschloss die Klappe. Die Frauen schlotterten vor Kälte, den kleinen Peter hatten sie in ihre Mitte genommen. Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür, vor ihnen stand eine Frau im Augustinerinnengewand. „Ihr wolltet mich sprechen?“
„Mein Name ist Harald, ich bin der Anführer der Schauspieler- und Gauklertruppe Schelmenspiel. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an mich, verehrte Mutter. Ich brachte Euch in den letzten Jahren des Öfteren verschiedene Dinge von meinen Reisen für Euer Kloster mit. Wir sind den ganzen Tag durch dieses sau... – entschuldigt! – furchtbare Wetter gefahren und alle nass wie die Fische, deshalb möchte ich Euch bitten, unsere Frauen im Kloster übernachten zu lassen.“
„Der hilfsbereite Spielmann – ich kann mich noch gut an Euch erinnern“, sagte die Oberin, „vor zwei Jahren wart Ihr wohl zum letzten Mal hier.“
„Das ist richtig, verehrte Mutter. Es liegt daran, dass wir unterschiedliche Reisestrecken befahren; somit kommen wir nicht jedes Jahr in dieselben Städte“, antwortete Harald. „Hattet Ihr nicht getrocknete Kräutersträuße und einige Setzlinge für unseren Klostergarten mitgebracht? Schwester Ulrike sprach neulich noch davon.“
„Oh, es freut mich, dass sie immer noch bei Euch ist“, gab Harald zurück, „als sie damals ins Postulat eintrat, war sie noch ein junges Mädchen.“
„Ja, ja, nach sechs Monaten begann ihr Noviziat und im vorigen Jahr legte sie dann ihr Gelübde ab. Sie ist eine Bereicherung für unseren Orden und in unserem Augustiner- Chorfrauenstift tätig. Mit Freude leitet sie die Krankenabteilung“, erklärte die Oberin.
„Ich hätte noch eine Bitte“, hörte man nun Harald sagen, „könntet Ihr vielleicht in puncto Herrenbesuche eine Ausnahme machen und diesen im Kampf erprobten Mann aufnehmen?“ Er schob den kleinen, schmächtigen Peter vor sich, dann wies er auf Maria. „Dieses Mädchen hier kümmert sich liebevoll um ihn. Doch auch alle anderen möchten ihn nicht mehr missen.“
„Männer in unserem Kloster, na so etwas“, lachte die Oberin. Die Nonne streichelte Peters Kopf und nahm ihn an die Hand. „Auf geht’s, kleiner Herkules! Dann folgt mir, wir haben im Kloster einen großen Gästeraum. Unsere Schwestern werden das Kohlebecken anzünden, wo Ihr Eure Kleider trocknen könnt, und später werde ich Euch eine heiße Suppe kommen lassen. Und Ihr, Harald, dürft Euch jetzt verabschieden.“
Harald ging zurück zum Dorfplatz, um sich mit den Männern zu treffen.
„Ihr seid ja durchnässt bis auf die Knochen“, stellte er fest, als er in die Runde blickte. „Das schon, aber dafür sind unsere Kehlen furztrocken“, gab Edwin von sich. Harald hatte verstanden.
„Die Frauen sind im Kloster bestens versorgt. Wir sollten die Gelegenheit beim Schopfe packen und uns heute ein bis zwei Gläschen erlauben.“
„Da werdet ihr ohne mich auskommen müssen, so recht auf dem Posten bin ich wohl doch noch nicht. Ich hau mich lieber aufs Ohr und schlafe mal richtig aus“, meinte Ranulf. Dann marschierte der Rest der Gaukler zielstrebig in den nächsten Dorfkrug.
Auf der Suche
Bevor Ewald zur Rückreise aufbrach, hatte Adele ihm noch etwas Wegverzehr eingepackt. „Ihr werdet sehen, alles wird gut“, sagte er zum Abschied, winkte noch einmal und ließ den Zelter laufen. Nach einem strammen Ritt war er schon in kürzester Zeit zurück in Huckengeswage und betrat Ottos Schankstube. Der wollte sofort wissen, wie es dem Freund ergangen war, und so schilderte Ewald sein Erlebnis mit den Bütteln.
„Nicht schlecht, nicht schlecht, ich hoffe, sie werden sich an deine Worte halten“, meinte Otto, „doch heute wirst du deine Reise nicht fortsetzen können, es wird wohl noch heftigen Regen geben.“ Der Wirt ging vor die Tür und richtete einen skeptischen Blick gen Himmel. „Dann bleibe ich über Nacht hier und wir sehen morgen weiter. Ein wenig Zeit zum Überlegen kann mir nicht schaden“, dachte Ewald laut, „doch morgen früh geht es weiter, ich muss Martin und Andrea finden.“
Otto gab sich zuversichtlich. „So eine Schauspielertruppe sorgt doch immer für viel Aufmerksamkeit. Du musst dich nur von Stadt zur Stadt durchfragen, dann wirst du sie in einigen Tagen schon aufgespürt haben.
„Ob ich auch die schöne Maria wiedersehe?“, setzte Ewald hinzu.
„Als Weissagerin wird sie es ja wissen. Vielleicht ahnt sie auch schon, dass ihr einmal fünf Kinder haben werdet“, grinste Otto. „Was du nur redest! Ich gehe lieber zu meinem Wotan und sehe nach, wie es ihm geht.“
Armer Ranulf
Wankend verließen die Männer die Gaststube. Robert und Edwin stützten sich gegenseitig und versuchten, ein vierstimmiges Lied zu zweit anzustimmen. Auch Harald torkelte ein wenig, bemühte sich jedoch trotz schwerer Zunge, den laut tönenden Männern Einhalt zu gebieten.
„Verschreckt mir die Leut nicht, sonst kommt morgen keiner mehr zur Vorstellung!“ Martin hielt einen leeren Becher in der Hand, drehte diesen um und schüttelte ihn, bis ein letztes Tröpfchen herauslief. „Mist, schon wieder leer“, lallte er.
„Ich muss dringend pinkeln, sonst platzt mir gleich die Blase“, meldete sich Edwin. Die fünf stellten sich nun nebeneinander vor die Abwasserrinne und entschwanden anschließend schnell in ihre Wagen.
Am nächsten Morgen ließ der Regen endlich nach. Die ersten Dorfbewohner wagten sich wieder vor die Tür und fünf verkaterte Gaukler krochen mit dicken Schädeln aus ihren Wagen.
„Wenn auch der Kopf brummt, wir müssen mit dem Aufbau beginnen, sonst verlieren wir noch die heutigen Einnahmen“, drängte Harald.
„Robert, treib irgendwo ein Brot und eine Kanne Milch zum Frühstück auf! Ihr anderen macht euch an die Arbeit! Ich gehe zum Kloster und hole die Frauen und den Jungen. Wir brauchen jede Hand, die zufassen kann.“
Auf halbem Weg kamen ihm die Frauen bereits entgegen, Maria hatte Peter an die Hand genommen. Zum wiederholten Male fragte er: „Was ist denn nun ein Herkules?“
„Das erkläre ich dir später, dazu ist jetzt keine Zeit.“ Maria wandte ihren Kopf zur Seite und raunte Andrea zu.
„Weißt du vielleicht, was das Wort bedeutet?“ „Ich hörte einmal, dass Herkules ein Halbgott mit enormen Kräften gewesen sein soll.“
„Was du alles weißt!“, staunte Maria. Dann trafen sie auf Harald. „ Einen guten Morgen, großer Anführer! Um Eurer Neugier zuvorzukommen: Ja, die Nonnen haben sich bestens um uns gekümmert, das Feuer hat uns gewärmt und die Suppe wohlgetan. Sonst noch Fragen, der Herr?“, lachte Maria.
Sie und Freia lagen Harald besonders am Herzen. Als Waisenkinder sollten sie seinerzeit in das Kinderhaus eines Klosters gebracht werden, doch er hatte sie bei sich aufgenommen und wurde ihnen mit der Zeit wie ein Vater. Er war zwar stets um Strenge bemüht, doch die beiden wussten um seine herzensgute Seele. Haralds Frau war sehr jung am Fieber verstorben, und da sie kinderlos geblieben waren, betrachtete er die Mädchen als seine Töchter.
Am Dorfplatz angekommen, ging Lore zu ihrem Mann, um nach ihm zu sehen. Kurz darauf hörte man sie rufen:
„Bitte kommt schnell!“ Alle eilten sofort herbei, Harald stieg als Erster in den Wagen. „Verdammt, er hat hohes Fieber! Der Kerl hat sich doch gestern tatsächlich in die feuchten Felle eingewickelt. Sein ganzer Körper ist nass geschwitzt. Wir müssen ihn schnell ins Kloster bringen, damit die Nonnen sich seiner annehmen können. Sie wickelten Ranulf in trockene Decken; er war zu schwer, um ihn die Anhöhe hinaufzutragen, und so rannte Robin zum Mietstall, um eines der Pferde zu holen, das sie schon kurz darauf vor den Wagen spannten.
Erneut klopfte Harald an die schwere Klostertür und wieder hob sich die Klappe.
„Ihr schon wieder?“, fragte die Nonne.
„Wir haben einen Notfall! Im Wagen liegt einer von uns, der dringend Eure Hilfe benötigt, Schwester.“ Sie öffnete das große Tor, schritt zum Wagen und schob die Plane beiseite. „Das sieht wirklich nicht gut aus. Fahrt direkt in den Hof, ich hole die Mutter!“ Einen Augenblick später eilten die Oberin und Schwester Ulrike herbei. Unter anderen Umständen wäre Harald sehr erfreut gewesen, die junge Ordensfrau wiederzusehen. „Folgt mir und tragt ihn in die Krankenstation!“, ordnete die Mutter an. Die Männer trugen Ranulf durch einen langen Gang, an dessen Ende sich ein großes Krankenzimmer befand. In dem Raum standen fünf Liegen an jeder Längsseite, zwei davon waren belegt, auf eine dritte betteten sie nun Ranulf. Leise und unbemerkt waren zwei Novizinnen hinzugekommen. Die eine hielt einen Stapel sauberer Tücher in Händen, die andere einen Eimer mit Wasser.
„Wascht ihn kalt ab und legt ihm anschließend Wadenwickel an, ich werde einen Kräutertee zubereiten. Vergesst nicht, die Wickel regelmäßig zu wechseln, damit das Fieber sinkt!“, sagte Ulrike und verschwand. Nun wandte sich die Oberin an Harald:
„Ihr könnt hier nichts mehr für ihn tun. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.“
Die Idee
Als die Aufbauarbeiten beendet waren, trommelte Harald seine Truppe zusammen.
„In den vergangenen Tagen haben wir viel erlebt. Es steht heute wohl niemandem von uns der Sinn nach einer Aufführung, aber wir brauchen jede einzelne Münze. Also lasst uns ans Werk gehen!“
Der Markplatz füllte sich mit Besuchern und auch Marias und Freias Zelte wurden bereits von den ersten Neugierigen aufgesucht. Andrea kümmerte sich um den kleinen Peter. „Weißt du, was ich mir wünsche?“
„Nein, aber du wirst es mir gleich gewiss verraten“, lächelte Andrea.
„Ich würde so gerne einmal auf einem richtigen, großen Pferd reiten!“ Andrea überlegte kurz, dann sagte sie: „Na, dann komm, wir holen die gute Lisa aus dem Stall!“
„Au ja!“ Peters Augen strahlten. Sie gingen in die Scheune, wo die Pferde untergebracht waren, und Andrea zäumte die Stute auf. Dann hob sie den Jungen hoch, der flink wie ein Wiesel auf den breiten Pferderücken kletterte. Andrea führte die brave Stute am Zügel zum Dorfplatz, wo sie mehrere Runden drehten.
„Das ist großartig!“, rief Peter begeistert. Es dauerte nicht lange, da erweckte er bei der anwesenden Kinderschar mehr Aufmerksamkeit als die Spielleute.
„Darf ich mal?“, rief ein kleiner Bursche. „Oh bitte, ich möchte auch!“, bettelte ein Mädchen. Ein anderer Junge fragte: „Wie viel kostet das?“ Edwin, der gerade vorbeikam, schaute dem Treiben belustigt zu.
„Hör zu, alter Herold“, sprach Andrea ihn an, „die Kinder möchten so gerne reiten. Warum machen wir damit nicht ein kleines Geschäft? Du könntest es doch gleich in deiner Ansprache verkünden.“
„Keine schlechte Idee, versuchen wir es doch einfach“, stimmte er zu, „ich werde das gleich mit Harald besprechen und mir etwas Passendes einfallen lassen.“
Knapp eine Stunde später kam Edwins großer Auftritt. Er betrat die Bühne und rief ins Publikum:
„Die Kinder hier von nah und fern,
die spielen und die reiten gern,
für wenig Geld seid ihr dabei
bei dieser Kinderreiterei.“
Der Andrang war so groß, dass Harald noch ein zweites Pferd aus dem Stall holen ließ und Lore bat, Andrea bei den Kindern zu unterstützen.
„Das klingelt die Kasse!“, freuten sich die Gaukler und auch Harald war begeistert von der neuen Idee. Am späten Abend verkündete er:
„Das sollten wir jetzt generell anbieten. Die Bauern hier haben zwar nur wenig Geld, weil sie eine Hälfte ihrer Erträge als Zehnt an die Kirche und die Grafschaft abtreten müssen, aber dafür ist unser Vorrat an Brot, Eiern, Käse, Schinken und Speck wieder aufgefüllt.“ Andrea hakte nach:
„Warum sind die Bauernkinder eigentlich so versessen auf das Reiten?“ „Wenn du denkst, sie hätten eigene Pferde auf dem Hof, irrst du. Im besten Fall besitzen sie ein oder zwei Ochsen. Einen Ackergaul können sich nur die wenigsten erlauben, obwohl ein Arbeitspferd doppelt so viel leistet wie ein Rindvieh und auch viel umgänglicher ist“, erklärte Harald. Nun meldete sich Lore zu Wort. „Wenn wir fertig sind, würde ich gerne zum Kloster gehen und nach Ranulf sehen.“ Harald nickte. „Natürlich, geh ruhig! Den Rest schaffen wir auch ohne dich.“
Schlechte Neuigkeiten
Schwester Ulrike öffnete Lore das Tor.
„Ihr seid die Frau unseres Patienten, nicht wahr? Folgt mir bitte! Es steht leider nicht gut um ihn, er liegt in hohem Fieber und wir können es zurzeit nicht senken. Die Wunde hat sich entzündet und Eiter gebildet, überdies ist wohl auch eine Lungenentzündung hinzugekommen. Schwester Erika und ich sind ständig bei ihm. Alles andere liegt nun in Gottes Hand, wir können nur noch beten.“
Lore setzte sich auf einen Hocker neben Ranulfs Bett und hielt seine Hand.
„Liebster, bitte verlasse mich nicht!“ Ulrike beugte sich zu ihr hinab und flüsterte:
„Ihr könnt gern bleiben, doch ich fürchte, dass er Euch nicht hören kann.“
„Er hatte immer Kräfte wie ein Ochse, hat Gewichte und Baumstämme gehoben – und jetzt liegt er hier und stirbt womöglich“, schluchzte Lore.
„Wir Sterblichen verstehen so vieles nicht, Gottes Wege sind eben unergründlich.“ Ulrike war bemüht, die Arme zu trösten, doch diese war verzweifelt, wollte die Worte der Schwester nicht hören.
„Zürnt meiner nicht, aber das ist doch stets die Phrase der Kirche, wenn sie die Antwort selbst nicht kennt.“
Mit einem nassen Tuch tupfte sie Ranulfs Stirn ab. Nun drang ein leises Röcheln aus seinem Mund an ihr Ohr. „Das ist der Schleim aus den Atemwegen. Geht besser wieder zu den anderen und lenkt euch ab! Hier könnt Ihr nicht helfen, wir können nur warten und beten. Sollte sich eine Veränderung ergeben, werde ich Euch umgehend einen Boten schicken,“ sagte Ulrike und begleitete Lore hinaus.
Bei ihrer Ankunft am Dorfplatz bestürmten die anderen Lore mit Fragen nach Ranulfs Befinden. „Es geht ihm leider sehr schlecht. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, denn er fiebert hoch und ist nicht bei Bewusstsein“, erklärte sie den bestürzten Freunden, „fahrt morgen wie geplant nach Colonia, ich bleibe hier bei meinem Mann und wir treffen uns dann später im Winterlager.“
Lange saßen sie beisammen und sprachen über Ranulf und die unheilvollen Ereignisse der letzten Zeit, bevor sie schlafen gingen.
Martin und Andrea lagen noch lange wach.
„Denkst du, er wird es schaffen?“, fragte sie traurig. Tröstend nahm er sie in den Arm.
„Ich hoffe es inständig. Lore tut mir unendlich leid; zuerst wird ihr Mann niedergestochen, danach vergehen sich die Kerle an ihr und nun liegt Ranulf vielleicht auch noch im Sterben. Es ist nicht gut, dass sie mit niemandem über ihre Nöte spricht. Aber ich habe heute auch an unsere Eltern gedacht. Ob die Büttel sie bedrängen werden? Und ob sie mittlerweile deine Nachricht erhalten haben?“
„Ich weiß es nicht, es liegt alles bei Gott“, antwortete Andrea. Martin schaute sie verliebt an. „Ich wollte dir noch sagen, dass ich sehr stolz auf dich bin; deine Idee mit dem Kinderreiten war wirklich großartig. Und ordentlich Einnahmen hat es auch noch gebracht. Wenn es so weitergeht, mag es für die Gruppe reichen, um gut über den Winter zu kommen.“
Nach Sonnenaufgang sollte es losgehen. Lore kehrte zum Kloster zurück, die anderen brachen in Richtung Colonia auf. Das Wetter hatte sich beruhigt, es regnete nicht mehr, doch der Weg war aufgeweicht und schlecht befahrbar. Nur mühsam kamen sie voran, zunächst hofften sie jedoch, noch bis zum Abend ihr Quartier erreichen zu können. Stolz saß Peter neben Martin auf dem Kutschbock, Andrea hatte sich zu Maria und Freia gesellt. „Hast du ihm noch nichts gesagt?“, wollte Maria wissen.
„Kein Wort, er denkt immer noch, ich hätte einen nervösen Magen“, lachte Andrea, „ihr müsst mir versprechen, dass ihr ihm nichts verratet!“
Nach einer Stunde brachte Harald sein Pferd zum Stehen.
„Leute, das wird nichts mehr. Auf dieser schlammigen Strecke kommen wir heute sicher nicht bis nach Colonia. Wir nehmen eine andere Route, ziehen durch Solengen und dann zum Kirchenort Leichlingen. Dort gibt es manch kleines Gut und einige Ritter- und Herrensitze. Außer Ackerbau und Viehzucht ist da zwar nicht viel los, aber der Weg ist besser beschaffen, zumal wir wieder im Tal der Weper reisen.“
Sie bewältigten einen langen, mühsamen Anstieg, von dort ging es durch einen dichten Buchenwald hinab zur Weper. Erneut hob Harald den Arm, bedeutete der Truppe zu halten und wies auf die nächste Anhöhe. Martin staunte nicht schlecht: Auf einem Bergsporn in der Ferne sah er eine prächtige, beeindruckende Ritterburg. .
„Das ist die Festung des Grafen von Berg. Wenn er jetzt aus seinem Turmfenster schaut, springt er gewiss sofort auf sein Pferd, kommt herübergeritten und holt dich!“, rief Harald Martin zu, der die Bemerkung mit einem breiten Grinsen bedachte. Ein Bauwerk solchen Ausmaßes hatte er tatsächlich noch nie zuvor gesehen.
„Wir kommen noch näher heran, wenn wir unten im Tal sind. Es ist eine aufstrebende Stadt, in der Eisenerz für den Waffenbau gefördert und sogar eine Waffenschmiede im Auftrag des Grafen betrieben wird. Am Fuße der Anhöhe haben sich einige Handwerker angesiedelt. Der Graf hat sie dazu verdonnert, einen Zehnt an ihn abzutreten, dafür erhalten sie bei Gefahr Zuflucht in der Burg.
Doch von uns Gauklern bekommen die Adeligen gewiss keine Steuer, da können sie lange warten. Sie holen uns zwar oft und gern zu ihren Burgfesten, aber bevor sie auf krumme Gedanken kommen können, sind wir schon wieder weg“, tönte Harald.
„Hast du den Grafen je gesehen?“, wollte Martin wissen. Nun geriet Harald in Fahrt.
„Oh ja! Engelbert der Zweite ist schon eine imposante Erscheinung, überragt alle um mindestens eine Kopfgröße. Eigentlich war eine rein kirchliche Karriere für ihn vorgesehen. Er hat es ja auch bis zum Erzbischof von Colonia geschafft, doch nach dem Tod seines Bruders Adolf musste er dessen Grafschaft und damit auch politische Aufgaben übernehmen. In Südfrankreich kämpfte er gegen die Albigenser, konnte aber unverletzt zurückkehren. Kaiser Friedrich der Zweite persönlich hat ihn zu seinem Freund und Stellvertreter und damit zum mächtigsten Mann im Deutschen Reich nördlich der Alpen gemacht.“
„Und jeder der Herren war oder ist Kreuzritter?“
„Richtig, sein Bruder ist vor fünf Jahren in Ägypten zu Tode gekommen. Keiner weiß jedoch genau, woran er starb. Die einen sagen an Sumpffieber, andere meinen an Cholera und einige behaupten, er sei gefallen.“
Sie steuerten die Wagen dicht hintereinander einen kleinen Steilhang hinab. Als sie die Weper erreichten, suchten sie nach einer seichten Stelle, um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen.
„Hier ist es zu tief!“, rief Edwin.
„Dort drüben ist jemand, den wir fragen können“, schlug Robin vor. Etwa dreißig Schritte entfernt stand ein Fischer, der mit Arbeiten an einer Reuse beschäftigt war. Harald stieg vom Wagen und schritt auf den Mann zu. „Gott zum Gruße, guter Mann, wir sind Fahrensleute und wollen den Fluss überqueren. Könnt Ihr uns sagen, wo es günstig wäre?“
Der Mann hob den Kopf und blickte Harald unfreundlich an. „Blöde Viecher, diese Fische, wollen einfach nicht in die Reuse“, murmelte er, „dort drüben hinter dem Flussbogen wird es flacher, versucht es doch da.“ Sie zogen an dem Fischer vorbei, ohne ihn weiter zu beachten, bis sie die genannte Stelle fanden.
„Der Kerl hatte recht“, meinte Harald, „hier müsste es gehen. Am besten sitzen wir ab und nehmen die Pferde am Zügel, dann können wir sie besser führen.“ Die Männer gingen in das kalte Wasser. Auch Freia schloss sich ihnen an. So zogen sie dicht hintereinander durch den Fluss. Peter saß noch immer auf dem Kutschbock und hatte einen riesigen Spaß. „Gleich sind wir durch!“, rief Robert. Im selben Augenblick rutschte er aus und flog der Länge nach in die eisige Weper. Die Strömung zog ihn noch einige Meter mit, dann richtete er sich wieder mühsam auf. Mit weinerlicher Stimme rief er.
„Gute Güte – diese glitschigen, schleimigen Steine! Und seht nur, wie ich aussehe – meine schöne Gewandung, alles hängt an mir herunter, ich bin nass wie ein Aal!“
Die Gaukler schauten einander an und prusteten los. Robert blickte an sich hinab, dann verzog sich sein Gesicht zu einem verschämten Grinsen.
Das rettende Ufer war erreicht. Lärm drang an ihre Ohren, überall wurde gewerkelt und gehämmert. Auf ihrer Weiterfahrt kam ihnen ein kräftiger Mann in Lederschürze entgegen. „Ich grüße Euch! Seid Ihr auf der Durchreise?“ Harald ließ anhalten.
„Auch Euch einen Gruß! Ja, wir haben gerade den Fluss durchquert und sind auf dem Weg nach Leichlingen. Leider hat einer von uns Bekanntschaft mit dem Wasser gemacht, ihm dürfte es etwas kalt geworden sein.“
„Kommt doch mit Euren Leuten zu mir in die Schmiede und wärmt Euch auf! Wir haben hier nur selten Besuch und freuen uns über ein wenig Abwechslung“, lud er sie ein.
„Das ist sehr freundlich. Ich bin Harald, der Anführer dieser Truppe.“ Die riesige Pranke des Schmieds ergriff Haralds Hand und schüttelte diese kräftig. „Angenehm, ich bin Wilhelm, der Schmied.“
Kurze Zeit später betraten sie eine geräumige Schmiede. Martin dachte an Ewald und spürte gerade jetzt, wie sehr sein Freund ihm fehlte. Obwohl das große Tor offen stand, herrschte innen eine brütende Hitze. Drei Gesellen arbeiteten an einem riesigen Ofen und nickten zur Begrüßung herüber. Wilhelm ließ Becher mit warmem Würzwein verteilen. „Bei der Hitze trinken wir immer krugweise – normalerweise zwar kühles Weperwasser, aber heute soll es Wein sein.“
„Ist eigentlich der Graf in seiner Burg?“, fragte Martin. „Oh ja! Habt Ihr nicht die Fahne mit dem Wappen der Berger gesehen? Nur wenn er die Burg verlässt, wird sie eingezogen“, antwortete Wilhelm.
„Und wie ist er so?“, hakte Edwin nach.
„Uns behandelt er recht gut. Das Volk lässt nichts auf ihn kommen, aber er hat sich auch viele Feinde gemacht. So fühlen sich die westfälischen Grafen benachteiligt; sie reklamieren die Einkünfte verschiedener Klöster für sich, die Engelbert dem Kölner Erzbistum unterstellt hat. Allen voran hadert sein eigener Neffe Friedrich von Isenberg mit ihm. Der Graf soll auch schon anonyme Drohbriefe erhalten haben und es geht sogar das Gerücht, man wolle ihn umbringen“, verkündete Wilhelm. Dann wandte er sich an Harald. „Und wohin geht es nun für Euch?“
Dieser nahm einen kräftigen Schluck des wohlschmeckenden Weines. „Wie schon gesagt, wollen wir über Leichlingen nach Colonia. Dort ist das Klima milder als in den Bergen. Wir werden noch einige Aufführungen absolvieren und danach unser Winterlager beziehen. Im Frühjahr geht es dann weiter. Leider müssen wir auch gleich wieder aufbrechen – aber nicht, ohne uns gebührend für Eure Gastfreundschaft zu bedanken.“ Sie holten ihre Musikinstrumente aus den Wagen und trugen noch einige lustige Lieder vor. Die harten Schmiedegesellen erfreuten sich sichtlich an dieser unterhaltsamen Ablenkung und klatschten laut und vernehmlich in ihre großen Hände. Einer der Schmiede tanzte und hüpfte auf der Stelle zur Freude aller.
Zukunftspläne
In monotonem Gleichklang rollten die Wagen den Weperweg entlang. Andrea war wieder in Martins Wagen geklettert.
„Mir ist erneut so flau im Magen.“
„Das kommt sicher von dem Gepolter der Räder. Wenn wir in Colonia sind, wird es dir besser gehen“, sprach Martin ihr zu.
„Sag einmal, werden wir bei der Truppe bleiben oder planst du, weiter nach Rudensheim zu ziehen?“ Martin überlegte nicht lange. „Die Strecke von Colonia nach Rudensheim könnten wir noch gut vor Wintereinbruch schaffen. Überdies hat es mir mein Vater ans Herz gelegt. Vielleicht nimmt mich sein Freund Gottfried Fischer ja tatsächlich als Geselle bei sich auf, dann könnte ich etwas Geld verdienen.
Eine Zeit lang schwiegen sie, dann hob Andrea an: „Außerdem sollten wir irgendwann ans Heiraten denken,was meinst du? Ich möchte nicht dauerhaft in wilder Ehe leben.“ Martin schaute sie überrascht an und lächelte.
„Wenn ich in Rudensheim als Bogenbauer unterkomme, hindert uns niemand daran.“ „Glaubst du, dass wir irgendwann wieder nach Weperevorthe zurückkehren werden?“, fragte Andrea.
„Ich wünschte, ich wüsste eine Antwort. Vielleicht sollten wir einfach alles auf uns zukommen lassen. Die Hauptsache ist doch, dass wir zusammen sind.“
Harald hielt die Gruppe an und deutete auf eine Ansammlung von Hütten und Scheunen, die nun in ihr Blickfeld gerieten.
„In diesem Gut und Herrensitz wohnt der bekannte Kreuzritter Thomas Grimbergen. Seine Tapferkeit und Treue zum letzten Grafen Adolf dem Dritten ist in aller Munde. Mit ihm und den fränkischen Rittern ist er auf Kreuzzug in Ägypten gewesen und hat die Stadt Dammiette im Nildelta erobert. Der Ritter kennt den Kaiser Friedrich persönlich und man erzählt sich, dass der Staufer ihn in Italien zum Reichsritter geschlagen hat. Graf Engelbert gab ihm das Gebiet Leichlingen, wo wir uns gerade befinden, als Lehen.“
„Wann wollen wir denn unser Nachtlager aufschlagen?“, unterbrach ihn Martin ungerührt. „In Bürrig, das zur Erzdiözese Colonia gehört, aber noch auf Berger Gebiet liegt. Dort, wo die Dhünn in die Weper fließt, kenne ich einen sicheren Platz in der Nähe der Kirche“, erwiderte Harald, „es wird eine kurze Nacht werden, denn wir müssen beizeiten aus den Fellen. Dann geht es an Hitdorf vorbei und wir sind schon so gut wie angekommen. Im Übrigen könnt ihr morgen sehen, wie unsere geliebte Weper in den Rhein mündet.“
Falsche Fährte
Ewald war das lange Reiten nicht gewohnt, sein Hinterteil schmerzte höllisch. Er band sein Pferd an einen Baum, ging auf direktem Weg zu einem Quellbach, entledigte sich seines Beinkleides und setzte sich in den eiskalten Bach. Die Abkühlung linderte zumindest vorübergehend seine Beschwerden. Danach polsterte er seinen Holzsattel mit einigen Büscheln Moos aus und setzte seine Reise fort.
Unterwegs fragte er mehrmals nach den Spielleuten und erhielt viele hilfreiche Hinweise, denn fast allen, denen er begegnete, waren die Gaukler irgendwo aufgefallen. Ein Bauer in Lutmenighusen hatte ihn allerdings einmal in die falsche Richtung geschickt, sodass er beinahe in der Stadt Essen gelandet wäre. Doch noch rechtzeitig genug war es ihm seltsam erschienen, dass keiner der entgegenkommenden Händler die Truppe gesehen haben wollte. So war er wieder nach Lutmenighusen zurückgekehrt und hatte die Route in Richtung Colonia genommen.
In Solengen suchte er sich ein Zimmer für die Nacht, die er wieder einmal auf dem Bauch liegend verbrachte, und ritt früh am nächsten Morgen weiter. Ewald durchquerte die Weper und erreichte die Handwerkersiedlung unterhalb der Burg Berge, wo er auf den Schmied traf, der gerade aus seiner Werkstatt kam.
„Soso, du bist also auf der Suche nach den Gauklern“, sagte dieser, nachdem Ewald ihm sein Anliegen geschildert hatte, „sitz ab und komm herein, wir wollen etwas zusammen trinken! Deine Freunde waren meine Gäste; es sind nette, rechtschaffene Leute.“ Als Ewald die große Schmiede betrat, schossen ihm Tränen in die Augen, die er in einem unbemerkten Moment wegwischte. Er begrüßte die Gesellen und schaute sich in der Werkstatt um. Es war eine perfekte Waffenschmiede. Wilhelm stieß ihn an und hielt ihm einen Becher Wein hin.
„Du musst wissen, ich bin selbst Schmied“, sagte Ewald nicht ohne Stolz. Dann senkte er den Kopf.
„Aber vor einiger Zeit haben Schergen meine Eltern erschlagen und unser Haus niedergebrannt. Ich wurde verletzt, doch Freunde haben mich gefunden und gesund gepflegt. Und obwohl meine kleine Schmiede noch steht, ist es mir seither nicht mehr möglich, dort zu arbeiten.“ „Nein, diese Lumpenpack diese Verbrecher! Da hast du ja böse Dinge erlebt, Kamerad.
Unser Graf Engelbert hat dem Raubrittertum den Kampf angesagt und geht rigoros gegen jeden Wegelagerer vor. Wer geschnappt wird, wandert zum Galgen“, tönte Wilhelm. Mittlerweile hatte Ewald seinen Becher leer getrunken.
„Ich muss nun weiter. Vielen Dank für die Bewirtung!“ Er reichte dem Schmied die Hand und dieser schlug kräftig ein.
„Halte Ausschau nach dem Ort Hitdorf am Rhein! Ich vermute, dass sie von dort ans andere Ufer übersetzen konnten. Viel Glück, mein Freund!“
Die Überfahrt
„Dort drüben, wo die Boote liegen, muss die Fährstation sein. Vielleicht haben wir Glück und man kann uns so gleich übersetzten. Ich werde versuchen, einen vernünftigen Preis mit den Bootsleuten auszuhandeln. Wartet hier auf mich!“
Harald und Edwin gingen zum Anleger, die anderen stiegen von ihren Wagen und schauten ihnen nach.
„Je teurer die Überfahrt wird, desto mehr müssen wir in Colonia verdienen“, murrte Freia. Martin hegte andere Bedenken.
„Für unsere Gespanne brauchen wir bestimmt zwei oder drei Lastkähne. Und hoffentlich spielen die Pferde bei der Überfahrt nicht verrückt.“
„Mein Gaul kennt die Prozedur, hat er sie doch schon zweimal unbeschadet überstanden. Aber vielleicht solltest du deiner Lisa zwei Eimer voll Bier hinstellen, damit sie sich Mut ansaufen kann“, lachte Robin.
In dem Moment winkte Harald alle zu sich.
Die Lastkähne sahen aus wie riesige Schaufeln. Die Bootsführer lenkten die Boote direkt auf das seicht abfallende Ufer. Am Heck des Schiffes befand sich ein Seitenschwert zum Steuern und zwei Schritte davon entfernt stand ein hölzerner Mast, um den ein Segel gewickelt war. Harald baute sich vor seinen Leuten auf.
„Löst die Pferde aus ihrem Geschirr, dann bringt zwei Wagen rückwärts auf den Kahn und sichert sie sofort mit Bremsklötzen ab! Ich steuere an der Deichsel und zwei Leute schieben an jeder Längsseite!“
Mehrere Bootsmänner standen bis zu den Knien im Wasser, um den Kahn waagerecht zu halten. Als der erste Wagen in seiner Position stand, schnürten sie ihn mit dicken Hanfseilen fest. Auch beim zweiten Karren erschallten Haralds Anweisungen.
„Jetzt noch die beiden Gäule, aber langsam, sprecht mit ihnen und beruhigt sie!“ Nervös begannen die Tiere zu tänzeln. Als Edwins Pferd sich zögerlich auf den Kahn traute, folgte alsbald auch Marias.
„Haltet die Mähren während der Überfahrt an ihren Halftern fest! Edwin und die Frauen fahren mit dem ersten Lastkahn, der Rest der Mannschaft belädt das nächste Boot!“ Die Bootsleute schoben den Lastkahn in die Fluten des Rheins und nach kurzer Zeit hatten sie die Mitte der Strömung erreicht.
Währenddessen begannen die Männer mit der Beladung des zweiten Bootes. Das erste Gefährt war bereits fest verzurrt, als das Unglück seinen Lauf nahm. Der zweite Wagen kam auf den glitschigen Schiffsplanken ins Rutschen, einer der Bootsmänner wollte noch einen Bremsklotz unter das Rad schieben, glitt aber auf dem nassen Boden aus und geriet mit seiner linken Hand unter das hölzerne Karrenrad. Ein fürchterlicher Schmerzensschrei erklag aus seiner Kehle. Winselnd lag er auf dem Boden und hielt sich mit der Gesunden die zerquetschte Hand fest.
„Holt den Mann vom Boot und sichert den Wagen!“, schrie Harald. Zwei der Gehilfen trugen den Verletzten an Land. Er war weiß wie ein Kalkfass.
„Verflucht, jetzt sind die Frauen nicht mehr hier!“, schimpfte Harald.
„Der Bootsmann hat schwere Quetschungen, mehrere Finger scheinen gebrochen zu sein“, rief er dem Bootsführer zu, „wo finden wir in der Nähe einen Bader?“
„In Hitdorf gibt es einen“, antwortete dieser. Harald griff in seinen Geldbeutel und gab dem anderen Bootsmann ein paar Münzen. „Hier, nimm das und bring ihn schnell zum Bader!“
Sie verluden die letzten Wagen und die übrigen Pferde, danach legten die überladenen Lastkähne mit enormem Tiefgang vom Ufer ab. Schwer manövrierbar glitten die Boote in die Stromschnellen. Die Bootsführer entschieden, keine Segel zu setzen, um eine Schräglage der Kähne zu verhindern, und sie stattdessen mit der Strömung zum anderen Ufer gleiten zu lassen. Die Pferde verhielten sich ruhig, als witterten sie die Gefahr. Das erste Boot war bereits entladen, als die anderen gut dreihundert Schritte davon entfernt mit dem Bug aufs Land stießen. Edwin und ein Bootsmann waren den treibenden Kähnen am Ufer gefolgt, die Bootsführer warfen ihnen die Taue zu, und nachdem die Boote vertäut waren, begannen sie mit der Entladung.
Die Frauen hatten die ersten Pferde schon eingespannt und erreichten die Männer kurze Zeit später. Mit vor Aufregung glühenden Wangen saß Peter zwischen Maria und Freia auf dem Kutschbock – das spannende Treiben hatte ihm großes Vergnügen bereitet. Mit welchen Gefahren die zweite Überfahrt verbunden gewesen war, ahnte er erst, als Andrea zu Martin eilte und ihn in die Arme schloss.
„Ich hatte schon Angst, ihr geht mit Mann und Maus unter! Der Kahn lag so tief im Rhein, dass wir seinen Rumpf vom Ufer nicht mehr erkennen konnten. Es sah aus, als würden Wagen und Pferde über das Wasser schweben.“
„Grundgütiger, das war ein Tanz auf dem rohen Ei“, erwiderte Martin, dem die Anspannung noch deutlich anzumerken war.
„Lasst uns aufbrechen!“, rief Harald, „wir sind ziemlich weit nördlich abgetrieben worden. Wenn wir uns beeilen, holen wir den Zeitverlust wieder auf und treffen heute noch am Eigelsteintorbogen ein, von da ist es nicht mehr weit bis zum Kaufmannsviertel.“
Sie fuhren den Rhein entlang. Die Strahlen der Herbstsonne verwandelten den Fluss in einen goldenen Strom, hier und da wiegte sich Schilfrohr sanft im Wind. Überall gab es kleine, ausgespülte Sandbuchten, in denen Boote lagen, die meisten waren mit Fässern und allerlei Waren beladen. Je näher sie dem Tor kamen, desto geschäftiger wurde das Treiben.
Bald erreichten sie die riesige Befestigungsanlage der Stadt Colonia. Eine gigantische Ringmauer mit zwölf Toren und zweiundfünfzig Türmen trennte die Stadt vom Umland, zur Flussseite hin schützte die Rheinmauer, die allein sechzehn Tore besaß.
Am Eigelsteintorbogen hielten einige Soldaten gelangweilt Wache und winkten die Gaukler kurzerhand durch. Noch nie hatte Andrea eine solch große Stadt gesehen. Sie staunte über die Vielzahl von Menschen und war entsetzt über den Schmutz und Unrat in den Gassen.
„Puh, hier stinkt es wie im Schweinestall“, klagte sie.
„Im Sommer, wenn es heiß wird, ist es noch schlimmer. Das liegt an dem Abfall in den Gassen. Hier leben mehr Ratten als Menschen, dazu kommen noch etliche streunende Hunde. Nur da, wo die Pfeffersäcke leben, hält man die Straßen sauber. Dort gibt es Kloakenreiniger und Hundefänger“, erklärte Martin.
Einige Wege waren gepflastert, doch die meisten bestanden aus nicht mehr als einer dürftigen Lehmdecke. In der nächsten Gasse standen mehrere Hübschlerinnen, lasziv an eine Hüttenwand gelehnt.
„Worauf warten die Frauen?“, wollte Andrea wissen. „Ja, worauf wohl?“, grinste Martin, „sie halten nach zahlungskräftigen Männern Ausschau!“