Kapitel 1
Hannes Rheinbeck wohnte mit seinen beiden Töchtern und seinem kleinen Sohn am Rande der Stadt Köln in einer engen Seitengasse, die bis an die Stadtmauer ging – da, wo das niedere Volk ohne Stand so eben noch geduldet wurde. Jeder Kölner Bürger, der einigermaßen etwas auf sich hielt, versuchte, diese Gasse möglichst zu meiden. Es war die Gasse der Abtrünnigen und Ausgestoßenen; hier wohnte der »Dreck« der Gesellschaft, wie viele Bürger Colonias sagten. Die Bewohner waren zwar geduldet, wurden aber mit einem Tuch der Schande überzogen.
Zu viert teilten sich Hannes und die Kinder die beiden spartanisch eingerichteten kleinen Zimmer. Seit dem Tod seiner Frau musste er seine Familie notgedrungen alleine versorgen, was ihm mal gut, meistens aber weniger gut gelang – aber immer mit enormen Anstrengungen. Wilmas Tod vor drei Jahren hatte ihn sichtlich gezeichnet. Oft dachte er zurück an vergangene glückliche Tage, die sie gemeinsam mit ihren Kindern erlebt hatten. Seine Wilma! Warum nur musste sie ihn und die Kinder so frühzeitig verlassen? Es fiel ihm nicht leicht, den Kindern die Mutter zu ersetzen. Seine Tochter Gisela war im letzten Monat achtzehn Jahre alt geworden und unterstützte ihn seit dem Tod seiner Frau bei der Erziehung der jüngeren Kinder. Sie tat, was ein Mädchen ihres Alters tun konnte, stieß aber dabei an ihre Grenzen. Da waren noch Wiltrud, gerade 14 Jahre alt und in einem schwierigen Alter, und der erst zehnjährige Sohn Karl. Gerade Wiltrud in ihrer pubertären Phase bereitete ihrer Schwester die meisten Sorgen.
Um seine drei Kinder und sich selbst über Wasser zu halten, brauchte er Aufträge, bezahlte Aufträge. Von Privatleuten erhielt er Drecksarbeiten zugewiesen, von den Stadtvätern Arbeiten, die etwas mehr einbrachten für das ärmliche Leben seiner Familie.
Er und seine Kinder führten ein verfluchtes Leben, ein Dasein, das kein richtiges war.
Hannes erinnerte sich noch sehr gut an den Tag vor drei Jahren, als er von der Arbeit nach Hause kam und seine Kinder weinend am Tisch saßen. Wilma lag tot auf ihrem Strohsack, und keiner wusste, woran sie gestorben war. Für die Kinder und ihn war es ein furchtbarer Verlust gewesen, und er hatte alle Hände voll zu tun, seine restliche Familie durchzubringen. Seine älteste Tochter Gisela unterstützte ihn, wo sie nur konnte, und übernahm fast schon eine Mutterrolle gegenüber ihren jüngeren Geschwistern.
Wiltrud und Karl wurden von ihr sorgfältig behütet, sozusagen ersatzbemuttert. Gisela hatte den spärlichen Haushalt und die Sorgepflicht für ihre Geschwister in der Abwesenheit ihres Vaters übernommen. Mit ihrem jüngeren Bruder Karl kam sie gut zurecht, aber ihre Schwester Wiltrud war in einem schwierigen Alter. Das Erwachsenwerden bereitete ihr große Sorgen, auch nörgelte sie ständig nur herum.
Hannes nahm seine Umhängetasche vom Nagel, ohne die er nie sein Haus verließ, und warf sie mit einem gekonnten Schwung über die rechte Schulter.
»Vielleicht gelingt es mir heute, ein paar Pfennige zu verdienen«, hoffte er.
»Das wäre vonnöten, Vater! Ich weiß nicht mehr, was ich auf den Tisch stellen soll. Außer Wasser und trockenem Brot ist nichts mehr im Haus«, bemerkte Gisela, und fuhr fort: »Unsere Regale – leer, die Tonkrüge – ebenfalls leer. Ich frage mich, wofür wir eigentlich eine Vorratskammer haben. Außer Mäusen, die sich von den letzten Krumen ernähren, ist sie seit Wochen leer.«
»Ich weiß, mein Kind! Ich werde mein Bestes geben. Also bis heute Abend«, sagte er und verschwand in der verruchten Gasse. In Gedanken versunken machte er sich auf den Weg zu seinem heutigen Arbeitgeber.
Als seine Frau noch lebte, hatte sie für einen kleinen Nebenverdienst gesorgt. Wilma war eine hervorragende Schneiderin und brachte durch Auftragsarbeiten den einen oder anderen Pfennig mit in die Haushaltskasse ein. Als Gläubige und eifrige Kirchgängerin wurde sie auf einem christlichen Friedhof beigesetzt – wo er nie hinkommen würde. Es bedrückte Hannes sehr, dass er nun die Last alleine zu schultern hatte. Immer wieder versuchten bestimmte Personen, ihn nur auszunutzen, doch er wollte sich wehren. »Mit meiner Gutmütigkeit ist es jetzt vorbei!«, nahm er sich vor.
Er ging durch die engen Gassen von Köln. Nur die Hauptstraßen waren teilweise gepflastert, während die kleineren Nebengassen oft nur eine festgetretene Lehmdecke besaßen, die im Winter durch Schneematsch und Pfützen weitgehend verschlammte. »Verhungern lasse ich meine Kinder nicht, selbst wenn ich stehlen müsste«, sagte er sich.
Fleischhauer Wilbert hatte ihm eine Botschaft überbringen lassen, dass er sich bei ihm melden sollte, und nun war er auf dem Weg dorthin. Was der wohl für einen Auftrag für ihn hatte? Was konnte ein Fleischhauer von ihm wollen?
Ja, er und seine gesamte Familie waren verflucht – sie waren der Abschaum von Köln. Um nicht erkannt zu werden, trug er meist eine Kapuze, sonst wechselten die Kölner Bürger die Straßenseite und zeigten mit Finger auf ihn, wenn er durch die Gassen und Straßen ging. Er legte großen Wert auf Geheimhaltung und Anonymität, auch aus Scham vor seiner Arbeit.
Wenn aber die Aborte überquollen und die Exkremente durch die Stadt flossen, war er ein gefragter Mann – dann sollte er schnellstmöglich erscheinen. Wenn sich die Ratten wie die Fliegen vermehrten und der Gestank nicht mehr auszuhalten war, dachte man an ihn. Hatte er mit Eimern den Kot in seinen Karren gegossen, die Aborte entleert und ihn außerhalb der Stadt entsorgt, erhielt er ein paar Pfennige und war danach wieder der gehasste Außenseiter, der Klärgrubenentleerer der Kölner Gesellschaft. Diese Arbeiten waren für ihn die schlimmsten unter seinen vielfältigen schmutzigen Tätigkeiten. Allein der Gedanke trieb ihm den widerlichen Geruch in die Nase. Oft wusste er nicht, wie er diesen entsetzlichen Gestank aushalten sollte, der sich geradezu in seine Kleidung einfraß – den Geruch menschlicher Abfälle. Nach jeder Grubenentleerung überkam ihn das Gefühl, sich am ganzen Körper kratzen zu müssen – er hatte großes Verlangen nach sauberem Wasser, um sich damit den Körper zu reinigen. Am liebsten hätte er nach einer solchen Arbeit seine Kleidung direkt entsorgt, aber mittellos, wie er war, konnte er sich diesen Luxus nicht erlauben. So blieb ihm nur die Wassertonne übrig, in der er alle seine Kleidungsstücke versenkte. In den Sommermonaten war auch der Fluss für ihn eine große Hilfe. Oft stürzte er sich nach einer Klärgrubenentleerung so, wie er war, in den Rhein. Dabei wusch er sich mitsamt seiner Kleidung am Leib. Anschließend warf er die Kleider in das hohe Riedgras, wo sie trocknen konnten.
Nur sein Freund und Nachbar Wilhelm der Bader, seine Tochter Gisela und der Amtsmann Hardevust, ein Patrizier der Stadt Köln, wussten, welche beruflichen Tätigkeiten er ausübte.
Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, streunende Hunde und Katzen einzufangen. Die Köter waren für viele Kölner nur unnütze Fresser, verwildert und gefährlich für kleine Kinder – einfach nur verfluchtes Hundepack, genau so verflucht wie er. Um diese Tiere zu fangen, besaß er einen kräftigen Holzstab mit einer Drahtschlinge an einem Ende, die er um den Hals des Tieres zuziehen konnte. So konnte er das Tier zu sich heranziehen und mit einem eigens dafür hergestellten Knüppel totschlagen. Anschließend balgte er die Kreatur ab und warf die Reste in den Stadtgraben. So war nach dem Entleeren von Aborten sein zweiter Beruf Hundeschläger – eine weitere Karriere in seinem beruflichen Werdegang. Für diese Tätigkeit wurde er jedoch noch schlechter bezahlt, nämlich meist überhaupt nicht. Als Belohnung durfte er die Felle der ausgenommenen Hunde behalten. Viel konnte er damit nicht anfangen.
Manchmal gelang es ihm, ein Fell gegen kleines Geld an alte, unter Gelenkbeschwerden leidende Damen zu verkaufen. Diese bevorzugten dabei häufig die weicheren Katzenfelle.
Seinem dritten Beruf konnte er nur selten nachgehen; dafür wurde er aber am besten bezahlt. Die Auftragslage war undurchsichtig. Diesen Beruf hatte er von seinem Vater vererbt bekommen; er musste von Sohn zu Sohn weitergereicht werden, und es gab auch für ihn keine Alternative. In seinem richtigen Beruf war er nämlich Henker – der Henker oder, wie ihn auch viele nannten, der Scharfrichter von Köln. Deshalb verließ er das Haus auch nie ohne die Schultertasche, in der sich seine Henkerkapuze befand. Bei seinen Auftraggebern und bei all seinen Arbeiten trug er sie. Er führte ein gespaltenes Leben: der normale Bürger Hannes aus der unteren Schicht und der Henker von Köln – das Grauen der Stadt in leiblicher Person. Vielen Bürgern der Stadt war der Hundeschläger, der Abort-Entleerer und der Henker bekannt. Jedes Mal, wenn er sich unbeobachtet fühlte, meistens kurz vor seinem Auftrag, ging er in eine verborgene Ecke und setzte sich eilig die Kapuze auf. So auch jetzt, kurz bevor er das Geschäft des Fleischhauers erreicht hatte. Überall in der Stadt hatte er seine kleinen Ecken und Verstecke – Orte der Einsamkeit und der Verzweiflung.
Als die Bürger ihn mit seiner Kapuze auf seinem Haupt kommen sahen, wechselten sie sofort die Straßenseite. Eine Mutter sagte zu ihren Kindern: »Schaut nicht hin, da kommt der Henker! Geht ihm immer aus dem Weg und berührt ihn um Gottes willen nicht, sonst seid ihr verflucht!« Sie zerrte die Kleinen an den Händen schleunigst aus dem Gesichtsfeld des Scharfrichters. Die Leute ließen sich immer wieder neue Bezeichnungen einfallen. Außer Henker und Scharfrichter nannte man ihn auch Carnifex, Schinder, Freimann oder Züchtiger. Scharfrichter bedeutete nichts anderes, als dass er mit geschärftem Schwert oder scharfer Axt Verurteilten den Kopf abschlug.
Hannes wusste, dass er zu den Unreinen und Unehrlichen gezählt wurde. Schon sein Vater war Henker gewesen, und so durfte und konnte er keinen anderen Beruf erlernen und ausüben, und sein Vater sowie sein Großvater dürften sich zu ihrer Zeit sicherlich mit den gleichen Problemen herumgeschlagen haben. Einmal Henker – immer Henker! Seit dem 13. Jahrhundert galt Henker oder Scharfrichter als anerkannter Beruf. Mit 18 Jahren hatte Hannes seine Meisterprüfung abgeschlossen, die aus einer ordnungsgemäß durchgeführten Enthauptung bestand. Sie ist die ehrbarste Todesstrafe, sofern man hier noch von Ehre reden kann. Mit beiden Händen wird das Richtschwert geführt, wozu ein großer Kraftaufwand erforderlich ist. Der Delinquent muss von hinten genau zwischen den Halswirbeln getroffen werden. Eines aber ging Hannes gewaltig gegen den Strich, nämlich das Erlernen der verschiedenen Verstümmelungs- und Tötungstechniken. In seiner Lehrzeit durfte er solche Vorgänge an Tieren üben, die anschließend zur weiteren Verarbeitung dem Fleischhauer überlassen wurden. Zu Beginn seiner Ausbildungszeit hatte sich des Öfteren sein Magen gesträubt und er hatte völlig die Kontrolle verloren – zwei Mal musste er sich vor den Füßen seines Vaters erbrechen, der nicht gerade begeistert davon war. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er das Durchteilen mit dem Richtschwert an Kohlköpfen geübt hatte.
Keine der Arbeiten, die er ausführte, war gesellschaftsfähig, und kein ehrlicher Mann würde sie erledigen wollen. Es ging dabei nicht nur um das Hängen oder um das Köpfen mit dem Richtschwert oder der Axt, nein, hinzu kamen noch weitaus brutalere Aufgaben. Die schlimmste davon war das Rädern, eine bestialische Hinrichtungsart. Mindestens ein oder mehrere begangene Morde waren Voraussetzung dafür, um so zu Tode gequält zu werden. Außerdem war da noch das Pfählen, eine ebenso bestialische Art zu töten. In Colonia jedoch nahm man davon Abstand. Hannes aber durfte in seiner Lehrzeit bei einer Pfählung anwesend sein. Es war in einer fränkischen Kleinstadt, wo er sich mit seinem Vater aufhielt. Ein beim Ehebruch ertapptes Paar wurde hingerichtet. Der Scharfrichter ließ eine Kuhle ausheben und mit Dornengebüsch auskleiden. Anschließend band er das Paar mit Stricken aufeinander und stieß es in die Grube. Durch den Rücken des Mannes trieb er einen hölzernen Pfahl, der beide durchbohrte. Danach bedeckte er die Sterbenden mit weiteren Dornenbüschen und ließ das Loch zuschaufeln.
Bei leichteren Vergehen wie zum Beispiel Diebstahl, Brandstiftung oder Körperverletzung kamen auch leichtere Bestrafungsmethoden zum Einsatz. Diese waren das Blenden – hierbei wurden dem Verurteilten die Augen ausgestochen –, das Ziegenlecken, die Halsgeige, der Schandkorb, der Eselsritt oder das Abschneiden der Zunge beziehungsweise der Ohren und das Auspeitschen.
Was die meisten aber nicht wussten: Hannes war im Grunde ein ganz normaler Mensch. Obwohl er gezwungen war, diesen Beruf auszuüben, war er nichtsdestoweniger ein guter Familienvater. Das Töten bereitete ihm keinen Spaß – er tat es nur, um damit Geld zu verdienen, denn es war seine Haupteinnahmequelle. Gerne übte er seinen Beruf nicht aus, denn oft hatte er Bedenken und zweifelte sein Tun an. Wenn er es nicht mehr aushalten konnte, ging er mit seinem Freund und Nachbarn, dem Bader, in ein Wirtshaus und spülte sich den Ärger hinunter.
Er erreichte den Stand des Fleischhauers, der ihn aufgrund seiner Maske sofort erkannte. Dieser bullige Kerl und seinesgleichen waren dem Henker bestens bekannt. Oft saß der Fleischhauer mit seinen Leuten in der Schankstube, wo sie sich langsam volllaufen ließen. Anscheinend ließ sich mit Schweineschlachten und -zerlegen gutes Geld verdienen – so oft, wie diese Männer betrunken waren! »Beim Schweineschlachten verdient man wohl mehr Geld als beim Richten«, dachte Hannes. Langsam ging er auf den Fleischhauer zu. Als Erstes fiel ihm die rötliche, knollige Säufernase auf. Im Lichte der Sonne glänzte sie so sehr, als hätte er sie noch vor Kurzem mit einer Speckschwarte eingerieben. Seine Wangen waren von roten Äderchen durchzogen. Hannes fiel der Nacken des Fleischhauers auf, der schon dem eines lebenden Schweines glich. Wenn der jetzt auch noch grunzen würde, könnte man keinen Unterschied mehr zwischen ihm und einem Schwein feststellen.
»Ah, der Henker ist da, du kannst mir einen Hund einfangen und erschlagen«, sagte er im Befehlston. »Kannst dann das Fell behalten. Jedes Mal, wenn ich meinen Stand verlasse und er kurz ohne Aufsicht ist, kommt das Vieh und stiehlt mir Fleischbrocken vom Tisch.«
»Ich kann dir die Arbeit abnehmen, gegen ein Stück Fleisch, nicht für ein Fell – davon habe ich genug, die stapeln sich bei mir zu Hause bereits«, gab Hannes zurück.
»Was?«, schrie ihn Fleischhauer Wilbert an. »So eine Unverschämtheit, du Stück Dreck!«
»Auch ein Stück Dreck hat ein Dasein verdient, guter Mann.«
Hannes fuhr weiter fort: »Nur für ein Hundefell kann ich nicht mehr arbeiten, auch ich muss eine Familie ernähren. Wenn du nicht willst, dass ich dir helfe, so ist es deine Sache.« Hannes drehte sich um und wollte schon gehen.
»Halt!«, rief der Fleischer, »was willst du haben?«
Hannes sah sich das Fleisch an, das auf dem Holztisch lag. Damit kannte er sich aus – er hatte schon genügend Tiere erschlagen, abgestochen, gehäutet und entsorgt.
»Dieses Stück da, von der Keule.«
»Das ist mit das beste Stück vom Schwein!«, antwortete der Fleischer entsetzt. Hannes zog die Schultern hoch.
»Na gut«, gab der Fleischhauer nach, »erledige deine Arbeit, dann packe ich dir dieses Stück dort ein. Wie willst du vorgehen?«
»Ich lege mich auf die Lauer und fange das Vieh mit einem Netz ein, doch vorher füttern wir den Hund mit kleinen Fleischstückchen an. Du verschwindest aus dem Sichtfeld, weil dich das Tier kennt«, erklärte er ihm.
»Das ist aber kein kleiner Köter – solch eine Straßenmischung von … was weiß ich nicht, was da alles drinsteckt! Manchmal kommen auch zwei oder drei von den Viechern, aber der große scheint ihr Anführer zu sein, so ein verlaustes Drecksvieh«, sagte der Fleischer.
»Wo bekomme ich ein Netz her?«, wollte Hannes wissen.
Der Fleischer pfiff auf den Fingern, und kurze Zeit später erschien sein Sohn aus dem Geschäft mit einem von Blut triefenden Messer in der Hand. Er trug einen weißen Kittel, der ebenfalls mit Blutspritzern übersät war.
Er erstarrte, als er die Maske sah, durch die Hannes’ Augen blinzelten.
»Der Mann hier kümmert sich um unser Hundeproblem, Harald; renn schleunigst zum Hafen und bitte Onkel Udo, uns ein altes Netz auszuleihen – und komm sofort zurück«, befahl der Vater. Der Junge wusch seine blutigen Finger in einer Wassertonne und lief los.
»Weißt du, Henker, mein Bruder ist Rheinfischer, der hat irgendwo in seinem Schuppen ein altes Netz herumhängen«, erklärte ihm der Fleischhauer.
»Zeig mir, Fleischer, woher die Hunde immer kommen und welchen Weg sie einschlagen«, bat ihn Hannes.
Sie gingen etwa zwanzig Schritte die Gasse entlang und bogen linker Hand in einen noch schmaleren Weg ein. Dieser mündete in einen Platz, auf dem einige Sträucher und vereinzelte Bäume standen. Grob geschlagene Steine bildeten eine halb eingestürzte Mauer. Vor vielen Jahren hatten hier einige Hütten gestanden, die mittlerweile in sich zusammengefallen waren. Darunter hatten sich vereinzelte Hohlräume gebildet. Stachlige Brombeer- und Himbeersträucher überwucherten alles, dazwischen stand gelb blühender Löwenzahn, und Efeuranken breiteten sich aus. Diese Häuserruinen stellten den Unterschlupf der Hunde dar.
Hannes ging zu den Brombeersträuchern und drückte sie vorsichtig auseinander. Mit den Fingern zog er verschiedenfarbige Hundehaare heraus und zeigte sie dem Fleischhauer. Anschließend besah er sich den Boden und erkannte sogleich den überall herumliegenden Hundekot; außerdem fielen ihm die unzähligen abgenagten Knochenreste auf. Dann entdeckte er einen Höhleneingang, ein Loch, das in die Erde führte.
»Ja, hier halten sie sich verborgen«, sagte er.
Sie gingen zurück, und Hannes hatte sich bereits einen Plan ausgedacht. Einige Zeit später kam Harald zurück, mit einem Fischernetz unter dem Arm. Hannes überprüfte es und befand es für brauchbar.
»So gib mir eine Schüssel mit Fleischabfällen; ich werde die Spur auslegen.«
»Fleischabfälle gibt es bei mir nicht, die sind zu kostbar. Du kannst ein paar Innereien und Schwarten haben – das reicht, um die Tölen anzufüttern«.
»Und ein dünnes Seil«, sagte Hannes. – »Ein Seil! Was willst du denn noch alles von mir haben?«, murrte der Fleischhauer. – »Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, so hätte ich meine eigenen Hilfsmittel mitgebracht«, erwiderte Hannes. Der Fleischhauer ging zu seinem Laden zurück und brachte ihm kurze Zeit später das Benötigte.
Hannes ging zu den Ruinen zurück und warf dabei alle fünf Schritte ein Stück der Restebrocken auf den Boden. So führte er die Spur bis zum Fleischerstand, wo er eine größere Menge hinlegte, damit sich das Tier dort später beim Fressen länger aufhielte. Schließlich nahm er noch einen Streifen von der minderwertigen Speckschwarte und wickelte das Seil darum. Erneut ging er zu den Ruinen, wobei er auf dem Hin- und Rückweg das Seil mit dem stinkenden Speck über dem Boden zog, um eine weitere Spur zu legen. Zurück am Fleischstand, kratzte er sich am Kopf und überlegte. Er war zufrieden mit seinem Werk. Nun musste er sich ein günstiges Versteck suchen. Er verbarg er sich hinter einem Stapel Holz und zwei alten mächtigen Weinfässern, die dort als Tisch dienten.
»Du musst wissen«, sagte er zu dem schlecht gelaunten Fleischer, »dass Hunde sieben Mal besser riechen können als wir Menschen.«
Der Fleischer grunzte wie ein Schwein, gab ihm einen schweren Holzknüppel und seine schärfste Axt.
»Du verschwindest jetzt am besten mit deinem Sohn, und kommt erst wieder hervor, wenn ich euch rufe!«
Hannes hockte hinter dem Holzstapel und lauschte. Netz, Knüppel und Axt lagen neben ihm. Durch einen Spalt im Holz konnte er die Gasse beobachten. Nun hieß es, Ausdauer zu haben und Ruhe zu bewahren. »Was für eine verrückte Situation! Im Wald liegen die Jäger mit Pfeil und Bogen auf der Lauer, um Wildschweine, Rehe oder Fasane zu erlegen – ich hingegen hocke hier hinter einer Tonne und bin auf der Jagd nach einem Hund«, dachte er. Die Zeit verging, und als er schon anfing zu zweifeln, nahm er Geräusche wahr.
Es dauerte auch nicht lange, bis der Köter, laut Beschreibung des Fleischhauers der Anführer des Rudels, schnüffelnd, den Kopf auf den Boden gerichtet, die Gasse hochkam – direkt auf ihn zu. Ab und zu stoppte er abrupt, hielt den Kopf in die Höhe und schnupperte in verschiedene Richtungen. Hannes’ Aufmerksamkeit nahm zu, er war mit einem Schlag hellwach und ging tiefer in Deckung. Der Hund kam näher; er sah aus wie ein verwilderter, wolfsähnlicher Straßenköter. »Mit dem ist bestimmt nicht gut Kirschen essen«, dachte Hannes.
In seiner Schnauze befanden sich gefährliche Reißzähne, auf die Hannes achtgeben musste. Der Hund hatte ein Fell, das von schwarzen, grauen und rötlichen Farbtönen durchzogen war. Am Kopf wie auch an der Schulter traten mehrere Narben hervor – vermutlich von Kämpfen mit anderen Hunden. Sicher war er voll mit allem Ungeziefer, das es gab – eine laufende Zecken-, Wanzen- und Flohkiste.
Das Tier ging jeweils ein paar Schritte, hob immer wieder den Kopf, steckte die Nase in den Wind, drehte sie in alle Richtungen, als wollte es sich überzeugen, dass keine Gefahr bestand. Der Hund setzte sich kurz hin und kratzte sich mit der Pfote hinter dem rechten Ohr. Anschließend schluckte er einen Fettbrocken ohne zu kauen hinunter, bevor er endlich die Hauptmenge der Innereien und Schwarten entdeckte. An dieser Stelle musste er sich etwas länger aufhalten.
Gierig machte er sich über die blutigen Innereien her, und nun kam die Zeit des Hundeschlägers Hannes.
Mit dem Netz in seinen Händen richtete er sich sehr langsam auf. Als er stand, hielt er es wurfbereit und der Hund hatte ihn noch nicht bemerkt. Blitzschnell warf er das Fischernetz über ihn. Der Hund schreckte auf und wollte die Flucht ergreifen. Wild und panikartig versenkte er die Zähne in das Netz; dabei knurrte er laut und schlug mit dem Kopf hin und her. Nach allen Seiten kratzte er mit den Krallen, wodurch er sich noch weiter in den Maschen verfing.
Auf diesen Moment hatte Hannes gewartet. Mit dem Knüppel in der Hand sprang er auf und rannte die wenigen Schritte zu dem Tier. Der Hund hatte sich komplett in den quadratischen Maschen des Netzes verfangen und konnte nicht mehr flüchten – er zappelte wie ein Fisch im Netz. In seiner ganzen Verzweiflung, in seiner Todesangst fletschte er die Zähne und knurrte Hannes gefährlich an. Da es nicht sein erster Hund war, den er entsorgen musste, kam er mit dieser Situation bestens zurecht; er holte mit dem Knüppel aus und ließ ihn auf den Schädel des Tieres krachen. Ein lautes Jaulen und Winseln entfuhr dessen Kehle, trotzdem kratzte er weiter mit den Pfoten und biss wie wild um sich – dabei verfingen sich seine gefährlichen Zähne endgültig in dem Fischernetz. Nach dem zweiten starken Hieb ging er benommen in die Knie, die Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul. Da traf ihn der dritte Schlag gezielt auf den Schädel. Ein knackendes, brechendes Geräusch, und der Hund sackte in sich zusammen. Ein Röcheln kam aus der blutigen Schnauze, rötlicher Schaum trat hervor. Hannes ließ den Knüppel fallen und rief den Fleischer, der aufgeregt aus seinem Geschäft eilte.
»Die Axt habe ich nicht gebraucht, nimm ein scharfes Messer und mach kurzerhand einen Kehlkopfschnitt«, sagte er.
»Ist der noch nicht tot?«, fragte der Fleischer.
»Nein, nur schwer betäubt, schneid ihm schnell den Hals durch, bevor er noch einmal aufwacht.« Der Fleischer beugte sich über das bewusstlose Tier, setzte die Klinge an und zog das Messer durch.
»Das Vieh nimmst du aber mit«, sagte er.
Hannes hielt die Hand auf.
»Abgemacht war das aber nicht. Die Entsorgung kostet extra.«
Der Fleischer runzelte die Stirn.
»Halsabschneider«, sagte er und drückte ihm einige Münzen in die Hand.
»Halsabschneider, das bist du«, sagte Hannes und zeigte auf den am Boden liegenden Hund, um den sich mittlerweile eine rote Blutlache ausgebreitet hatte. Ein Schwarm Fliegen kreiste bereits gierig darüber. Hannes nahm sich das versprochene Stück Fleisch vom Tisch und steckte es in seine Umhängetasche. Den Hund wickelte er fester in das Fischernetz und warf ihn sich über den Rücken.
»Meine Empfehlung.« Hannes nickte mit dem Kopf und ging zufrieden zum Südtor der Stadt. Seine Maske behielt er auf, denn nur so war er keinen dummen Fragen ausgeliefert. Schon nach wenigen Minuten merkte er, wie ihm das Blut aus der Schlagader des Hundes über den Rücken lief. »Verflucht«, rief er und ging etwas schneller. Solange es noch nicht eingetrocknet war, würde er es mit Rheinwasser auswaschen können.
Etwas später erreichte er das Severinstor, und die Wachen ließen ihn passieren. »Wer legt sich schon gerne mit dem Henker an, der mit einem blutigen Hund auf dem Rücken durch die Gegend läuft!«, dachte der Wachmann und winkte ihn sofort durch. Ein etwa zwanzig Schritt breiter Graben umfasste die Stadt Köln und gab ihr neben der gewaltigen Stadtmauer weiteren Schutz vor eventuellen Angriffen. Er ging zum Graben außerhalb der Stadtmauer und warf den Kadaver hinein – zu den Unmengen an anderem Unrat, den die Kölner Bürger in diesen Stadtgraben geworfen hatten. Hier wurden Fischreste, Tierkadaver und menschliche Abfälle entsorgt, deshalb wimmelte es auch von Ratten, Maden, Würmern und Krähen.
»Warum mache ich das eigentlich alles? Wieso bin ich nicht ein einfacher Handwerker geworden? Latrinen und Aborte leeren, Tiere erschlagen und häuten, Menschen aufhängen oder ihnen Körperteile abtrennen – oh Vater, warum hast du mir nur so einen Beruf vererbt?« Manchmal dachte Hannes, man müsste einen Patrizier erschlagen, ihn ausrauben und die Stadt mit der Familie verlassen, um irgendwo in weiter Ferne einen neuen Anfang zu wagen. Aber was sollte er machen? Außer dem Töten hatte er ja nichts gelernt. Er verscheuchte den Gedanken aus seinem Kopf. Zumindest hatte er heute Abend für sich und seine Kinder einen köstlichen Schweinebraten besorgt.
Danach begab er sich ans Rheinufer. Hier hatte er zwischen dem Schilf ein kleines Versteck, wo er sich unbeobachtet säubern und umziehen konnte. Er nahm die Kapuze vom Kopf und zog sein blutiges Hemd aus, um es im Fluss kurz durchzuwaschen. Dabei hob er einen Findling auf, streute etwas feinen Sand über den Stoff und rieb mit dem Stein über die nassen, blutigen Stellen seines Hemdes, bis die rötliche Farbe aus dem Stoff verschwunden war. Als er diese Wascharbeiten beendet hatte, erhob er sich und ging einige Schritte zu den Sträuchern, unter denen zu dieser Jahreszeit immer Kamillepflanzen standen. Er riss einige Stängel heraus und rieb sein nasses Hemd mit den Blüten ein. Das hinterließ zwar gelbliche Flecken, aber auch einen angenehmen Duft. Ja, Hannes wusste sich immer zu helfen, was sich aus einem gewissen Schamgefühl mit der Zeit ergeben hatte. Mit dem blutig verschmutzten Hemd wollte er nicht zu seinen Kindern zurückgehen. Es war zu einem Ritual geworden, nach jeder blutigen Tat das Rheinufer aufzusuchen, sich umzuziehen und als ein anderer Mensch in die Stadt zurückzukehren. Ähnliche Plätze wie hier hatte er auch vor den anderen Stadttoren von Köln entdeckt. Er öffnete seine Tasche, zog ein aufgerolltes Ersatzhemd heraus, das er zu Hause in ein Leinentuch eingewickelt hatte. Das nasse Hemd tauschte er gegen das neue. Es zeigte sich, wie gut es war, dass seine Umhängetasche im Inneren zwei Kammern aufwies – so konnte er die Kleider voneinander trennen. Zu oft schon hatte er solche Arbeiten mit Tieren ausgeführt, und immer ging es blutig aus – regelmäßig landeten irgendwelche Blutspritzer auf seinem Hemd, sodass er bei seiner Arbeit stets ein Ersatzhemd mit sich führte. Es war eben sein Los: Dieser Körpersaft, der rote Farbstoff, das Blut – es zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben.
Als er das Stadttor durchquert hatte, kehrte er kurz noch in einem Krämerladen ein, um dort zwei frische Brote und einige dicke Zwiebeln für den Schweinebraten zu besorgen. Selten genug bekamen er und seine Kinder Fleisch zwischen die Zähne, und ohne Zwiebeln konnte man keine gute Soße zaubern. Fleisch ist zwar immer gut, aber ohne Soße einfach zu trocken, und Hannes liebte schöne, fette Soßen, in die er noch sein Brot tunken konnte. Ein Braten mit viel Soße war für ihn wichtiger als Jesu Geburt. Vom Glauben allein kann keiner satt werden.