Cover

Kim Karlsen wacht eines Morgens in einem Hotelzimmer in Sortland auf. Er ist alleine, er ist nackt, hat keine Zähne im Mund – und er kann sich auch nicht daran erinnern, wer er überhaupt ist. Sein Gebiss findet er, auch seinen Anzug und außerdem einen Taschenkalender aus dem Jahr 2001. Herausfinden muss er noch, was es mit seiner Vergangenheit auf sich hat. Er macht sich auf den Weg, begegnet einem Friseur, der in den sechziger Jahren zu leben scheint, einer Wahrsagerin, einem Walross und einer Band namens Dirty Fingers. Eine fantastische, traumhafte und surrealistische Reise, die ihm immer mehr Hinweise auf sein altes Leben gibt …

LARS SAABYE CHRISTENSEN, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman »Der Halbbruder«, für den er den »Nordischen Literaturpreis« erhielt, feierte er in ganz Europa und den USA Triumphe. Der Autor lebt in Oslo.

Lars Saabye Christensen

Die Beisetzung

Roman

Aus dem Norwegischen
von Christel Hildebrandt

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Die norwegische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel
»Bisettelsen« bei Cappelen Damm, Oslo.
Deutsche Erstveröffentlichung September 2015,
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
Copyright © der Originalausgabe 2008 by CAPPELEN DAMM AS, Oslo
Umschlaggestaltung: semper smile, München, nach einem
Umschlagentwurf von © Cover by Stian Hole, Norway
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
LW · Herstellung: sc
ISBN 978-3-641-16608-3
V002

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let’s all get up and dance to a song
that was a hit before your mother was born
though she was born a long, long time ago
your mother should know

Lennon/McCartney

Alter Freund

Heute Nacht konnte ich wieder nicht schlafen. Ich zog mich an und ging hinaus auf den Flur. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es dort so still sein konnte. Das Einzige, was ich hörte, war das Atmen der anderen Gäste und jemand, der weinte oder lachte, ich weiß es nicht. Sie lachten und weinten. So viele Paar Schuhe hatte ich noch nie zuvor gesehen. Sie standen vor den Zimmern und warteten darauf, geputzt zu werden. Wenn ich sie jetzt vertauschte, was würde passieren? Würden sich am nächsten Morgen alle verlaufen oder glauben, sie wären im falschen Zimmer gelandet? Aber ich tat es nicht, die Schuhe vertauschen, meine ich. Irgendwann fand ich den Fahrstuhl. Ich wohnte im 47. Stockwerk. Verstanden? Das ist fast ganz oben, aber ich bin schon höher gewesen, also kein Problem. Die Fahrstuhltüren gingen auf, ich trat ein, die Türen schoben sich hinter mir zu wie eine verdammte Wand, und ich dachte schon, dass ich jetzt vielleicht dort hingehen könnte, zum Dakota, nachdem ich doch ohnehin nicht schlafen konnte. Mitten in der Nacht würde es dort bestimmt nicht so voll sein. Aber vielleicht denken ja alle genau wie ich in dieser genau passend schwachsinnigen Stadt, wenn sie nicht schlafen können und wach daliegen, und dann ist es doch proppevoll dort. Aber weißt du was? Weißt du was, alter Freund? Auf einem Bildschirm über den glänzenden Fahrstuhltüren wurde ein alter Chaplin-Film gezeigt, Modern Times. Ich nahm den Fahrstuhl nach unten und hoch und wieder nach unten, mindestens 159-mal, und er war immer noch nicht fertig, aber dann kam irgend so eine Wache von der Rezeption und holte mich dort raus und bat mich, entweder ins Bett zu gehen oder abzuhauen, jemand hatte sich beschwert, es gibt immer jemanden, der sich beschwert, nicht wahr, ist dir das schon mal aufgefallen, obwohl es doch ein Stummfilm ist und ich still wie nur was bin. Erinnerst du dich an die alten Filme, die wir uns bei den Geburtstagsfeiern angesehen haben, vor allem bei Ola, die Filme, die rissen, geklebt werden mussten und dann rückwärts liefen und vorwärts und zurück? Erinnerst du dich daran noch, alter Freund? Doch darum ging es ja immer nur: Chaplins Kampf mit der Uhr, Chaplins Kampf mit der Zeit an sich, das Fließband, das schneller läuft als der Tod, und der Tod arbeitet im Akkord, und Chaplin, der versucht, mit dem Tod Schritt zu halten und der mit dem Schraubenschlüssel Amok läuft und ins Krankenhaus zwangseingewiesen werden muss, ich lachte, dass es durch die Stockwerke hallte, vielleicht kamen deshalb ja die Beschwerden, und als Chaplin wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird, frisch gewaschen, seine Ecken und Kanten passend abgeschliffen und mit beiden Füßen fest auf dem Boden, da findet er eine Flagge – eine rote Flagge in Schwarz-Weiß –, die jemand verloren hat, und er will sie zurückgeben, denn Chaplin ist eine ehrliche Haut, nicht wahr, und plötzlich läuft er einer riesigen Demonstration voran, er ist ihr Anführer, er ist der erste Mann, Chaplin ist derjenige, dem alle folgen, und in diesem Moment dachte ich, während ich eher weinte als lachte, denn es fällt mir ein wenig schwer zu lachen, weißt du, weinen tut nicht so weh, da dachte ich, dass die Welt voll von solchen Missverständnissen ist, das meiste sind Missverständnisse, überleg mal, wie viel jeden einzelnen Tag missverstanden wird, überleg es dir nur mal, und trotzdem geht es weiter, und das verwundert mich fast am meisten, dass es trotz allem weitergeht, und das muss ja wohl bedeuten, dass wir, die Menschen, dass wir trotz allem nicht ganz so schlecht sind. Irgendwie kriegen wir es immer noch hin und bringen es weiter, wenn man es mal genau betrachtet, oder nicht? Es gibt übrigens eine andere Sache, über die ich ziemlich oft nachgedacht habe: Warum ist Chaplin nicht mit auf dem Cover von Sergeant Pepper, wenn sogar Dick und Doof dabei sind? Das tut weh, finde ich. Schließlich ist Chaplin doch der Chef. Zumindest daran gibt es keinen Zweifel. Aber es gibt immer jemanden, der nicht an Ort und Stelle ist, nicht wahr? Es ist nicht wahnsinnig viel Platz auf dieser Karte, wie du siehst, und da ist es nicht besonders schlau, den Platz zu verwenden, um zu schreiben, dass bald kein Platz mehr ist, sorry, alter Freund, aber du möchtest sicher wissen, was ich eigentlich hier tue. Mein Plan war, den Tatort am Dakota Building zu besuchen, wo Lennon erschossen wurde, wo die Brille fiel, und ich dachte, dass ich dann dort vielleicht gleich auch vier Blumen ablegen könnte, von uns, The Snafus, wir sind schließlich immer noch zu viert, nicht wahr, das wäre doch in Ordnung, das war irgendwie mein Auftrag, aber so weit bin ich nicht gekommen, denn als ich die Horde sah, die dort stand, habe ich aufgegeben, ich konnte ganz einfach nicht mehr, es kamen Busladungen mit Menschen, als wäre das so ein verdammter Zirkus, den sie dort besuchten, verdammt, es war noch schlimmer als bei Morrison auf dem Père Lachaise, und das will was heißen, oh ja, also bin ich umgekehrt, in unser aller Namen, kann ich wohl sagen, in unser aller Namen, alter Freund, bin ich umgekehrt, mit Anstand gewissermaßen, und bin zurückgegangen durch den Central Park, habe mich dort auf eine Bank gesetzt, die Vögel um den grünen, feisten Teich beobachtet, und plötzlich kam mir ein Gedanke, ich fragte mich nämlich, was aus den toten Vögeln wurde, es starben doch an jedem Tag Tausende Vögel allein im Central Park, aber ich habe sie nie gesehen, die toten Vögel, ich habe ziemlich lange darüber nachgedacht, weißt du, vielleicht sinken sie ja auf den Grund des grünen Sees, oder vielleicht, wer weiß das schon, gibt es irgendeine Stelle hinter der Stadt, hinter allen Städten, wo Vögel sich sammeln, um dort in aller Ruhe zu sterben. Aber weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass sie auf dem Ast sterben, auf dem sie sitzen, und zu einem Blatt werden, das im Herbst zu Boden fällt. Was wollte ich sagen? Es ist fast kein Platz mehr. Bringt es etwas, wenn ich kleiner schreibe, ich meine, mit kleineren Buchstaben? Je kleiner ich schreibe, umso mehr habe ich zu erzählen, alter Freund. Übrigens habe ich diese Karte gekauft, als ich in Florenz war. Sie passt gut, findest du nicht? Leonardo da Vincis spiegelverkehrte Schrift ist genauso schön wie Missverständnisse, Jammern und Umwege, findest du nicht? Dreh die Karte um, halt sie gegen das Licht und lies. La sapienza è figliola dellesperienza. Was ich noch sagen wollte, solange noch Platz ist, solange noch Zeit ist: Wir dürfen nicht alt werden wie die Alten vor uns. Wir müssen auf eine andere Art und Weise alt werden. Wir dürfen nicht so sterben, wie es die vor uns getan haben. Und kein anderer soll das Leben für uns leben, das schaffen wir schon allein, ist das klar? Wir allein sind es, die es leben können. Wir müssen versuchen, würdig zu werden. Ist das zu viel verlangt? Verstehst du, was ich meine? Jetzt ist übrigens kein Platz mehr. Grüß alle von mir. Falls du jemanden siehst. Zum Schluss ist nur noch für das hier Platz: Die Sherpas wissen, wer zuerst gehen muss. Hinauf ist einfach. Hinunter ist schwer. Wenn du den Gipfel erreichst, hast du erst die Hälfte geschafft. Das hat Kipa Lama gesagt. Er wusste, dass der Stärkste als Letzter geht. Er ging immer als Letzter. Er, der das Seil hält. Er, der uns alle hält.

Linkshändige Grüße

Paul

THE END