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© by Europa Verlag AG Zürich

Josef Nyáry

Schweizer

Heilige

Adalgott von Chur

† 1160

Gedächtnis: 3. Oktober

Er ist schon ein alter Mann, als ihn das Schicksal vor die Aufgabe seines Lebens stellt. Aber der Mönch Adalgott nimmt die Herausforderung an, als sei er noch jung und unverbraucht. Sein althochdeutscher Name bedeutet «durch Gott geadelt». Sein Wirken fällt in die Blütejahre der Zisterzienser, des ersten zentral organisierten Ordens der Christenheit.

Auch in der Schweiz gründet er schon früh Klöster. Unter Papst Eugen übernimmt er immer mehr Bischofssitze. Adalgott drängt nicht nach Ämtern, doch als Konrad II. von Chur stirbt, wünscht ihn der Klerus der Stadt als Nachfolger, und er wird zum neuen Bischof berufen.

Adalgott steht der Sinn nach Werken, nicht nach Würden. Offiziell weihen lässt er sich erst ein Jahr später, erst einmal stürzt sich der bejahrte Herr mit Feuereifer auf die Probleme nicht nur der Kirche: «Ich habe die Last des bischöflichen Amtes zum Nutzen für die Klöster und zur Sorge für die Armen übernommen», berichtet er in einer seiner Urkunden. Er reformiert Kirche und Klerus, kümmert sich um soziale Projekte, baut vor allem die wenigen Fürsorgeeinrichtungen aus.

Nach drei Jahren im Amt verliert er seinen großen Lehrmeister und Förderer: Bernhard von Clairvaux hinterlässt einen Orden, zu dem bei seinem Tod nicht weniger als 344 Klöster in ganz Europa gehören. Auch für den tatkräftigen Bischof von Chur sind sie Keimzellen nicht nur der Evangelisierung, sondern auch einer kirchlichen Sozialpolitik. Besonders fördert Adalgott Kloster St. Luzi, das schon Papst Eugen III. unter seinen Schutz genommen hatte. 1154 schenkt der Bischof den Mönchen das Churer Martinsspital und die Besitztümer eines aufgelassenen Frauenklosters in Mistail mit der Auflage, den Armen zu helfen. Im bischöflichen Kloster Cazis mangelt es an Disziplin; Adalgott ruft die Mönche zur Ordnung und setzt einen neuen Abt ein. Ähnlich verfährt er in Schänis. Das Kloster St. Johann im Münstertal unterstützt er durch neue, tüchtige Mönche und einige Schenkungen. Mit Graf Ulrich III. von Tarasp versteht sich der neue Bischof besonders gut. Gemeinsam kümmern die beiden sich um das Kloster Marienberg im Vintschgau, und 1160 kann der rastlose Kirchenmann dort die Krypta der Kirche weihen.

Weil Rechtssicherheit im Mittelalter ein besonders kostbares Gut ist, lässt sich Adalgott alle Reformen und Schenkungen vom Mainzer Metropoliten Arnold von Selenhofen bestätigen. Der Erzbischof ist von Friedrich Barbarossa persönlich eingesetzt worden und zählt zu den wichtigsten Ratgebern des Kaisers. Als Adalgott am 3. Oktober 1160 nach einem reichen und erfüllten Leben stirbt, hinterlässt er ein wohlgeordnetes Bistum und ein gründlich reformiertes Klosterwesen. Die Umstände seiner Beerdigung liegen im Dunkeln: Zwar wurde er in Chur beerdigt, doch seine Grabstätte ist unbekannt. Sie lag wohl in der Kathedrale, deren Neubau Adalgott vorantrieb, die aber erst 120 Jahre später vollendet wurde. Seit 1646 verehrt das Bistum Chur den Bischof liturgisch als Heiligen, auch im Heiligenkalender der Zisterzienser steht sein Name. Spätere Zeiten verwechseln ihn mit dem Abt Adalgott von Disentis, der ein Jahrhundert früher lebte. Eine aktuelle Darstellung romantisiert den alten Bischof als lesenden Jüngling mit Heiligenschein in einer Felsenkulisse. 1960 hält der päpstliche Nuntius Alfredo Pacini in Chur das Pontifikalamt zum 800-jährigen Todestag. Am 4. Februar 2001 feiern die Churer 850 Jahre Bischofsweihe «unseres guten heiligen Adalgott», schon zu Lebzeiten «verehrungswürdig an Alter, Weisheit und Gnade».

Adalgott von Disentis

† 1031

Gedächtnis: 26. Oktober

Adalgott von Disentis ist Zeuge der ersten Jahrtausendwende, die viele Menschen mit Bangen erwarten: Der hl. Augustinus hat einst geschrieben, mit dem ersten Erscheinen Jesu Christi sei das letzte Millennium angebrochen. Das ist zwar schon über 600 Jahre her, doch jetzt erinnern sich die Menschen daran und bekommen Angst. Überall in Europa suchen fromme Christen besorgt nach Anzeichen für die bevorstehende Apokalypse. Selbst Papst Silvester II. feiert am 31. Dezember 999 die Abendmesse nur klopfenden Herzens: Er hält es für möglich, dass die Welt im Augenblick der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi untergehen werde.

Die Befürchtungen erklären sich aus den Nöten der Zeit, deren Kind der junge Mönch Adalgott ist: Das gesamte 10. Jahrhundert hindurch haben die Menschen im «Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation» in Angst und Schrecken gelebt. An den Küsten, aber auch an den Ufern der großen Ströme zittern sie vor dem Terror der Wikinger. Die Nordmannen fahren auf dem Rhein weit nach Süden. Aus den Wäldern wiederum tauchen die wilden Magyaren auf. Im Sommer 910 haben die Reiterhorden von der Donau den Abt Gozpert von Rheinau erschlagen, 917 Basel geplündert, 926 St. Gallen, Rheinau und Säckingen überfallen, Konstanz belagert und das Galluskloster niedergebrannt. Und von Süden her dringen Sarazenen durch die Alpen vor: 936 haben islamische Raubscharen die Umgebung von St. Gallen verwüstet, 940 das Benediktinerkloster Disentis zerstört, 940 und 954 Chur niedergebrannt.

Auch im Frieden geht Gewalt über Gesetz. Der bewaffnete Adel zwingt die Bauern ins Joch. Grafen und Barone ziehen mit ihren Männern durch die Dörfer und pressten den Wehrlosen Schutzgelder ab. Nur in Kirchen und Klöstern finden die Bedrängten Schutz und Hilfe.

Otto der Große baut Disentis zu einer starken Befestigung aus. Sie soll den Lukmanierpass schützen, auf dem der Kaiser nach Italien zieht. Als ein neuer Abt gewählt werden muss, entscheidet sich der Kaiser für Adalgott. Der Mönch aus Einsiedeln hat sich in den Klosterreformen des 10. Jahrhunderts einen Namen gemacht. Er setzt sich vor allem für ein Reichsmönchtum unter weltlicher Herrschaft ein: Durch die Macht des Kaisers und der Fürsten sollen sich die Sicherheit und die Lebensbedingungen in den Klöstern verbessern.

Die Rechnung geht auf: Schenkungen adliger und reicher Familien sorgen für ein dauerhaftes Wohlergehen der Gottesmänner, und bald wächst um Disentis ein Klosterstaat von 720 Quadratkilometern heran, eineinhalb mal so groß wie der Bodensee. Doch Adalgott ist nicht bloß der weitsichtige Verwalter riesiger Ländereien, er wird auch zum spirituellen Führer, führt Reformen durch und liturgische Neuerungen ein und vermehrt die Zahl der frommen Feste für die Bevölkerung durch neue Gedenktage für die Heiligen.

Im 11. und auch noch im 12. Jahrhundert sind der Bischof von Chur und der Abt von Disentis die wichtigsten Territorialherren in Graubünden, das damals noch Rätien heißt und zum Herzogtum Schwaben gehört. In beiden Ämtern wirken Männer, die sich den großen Klosterreformen des Mittelalters verpflichtet fühlen. Darin liegt wohl auch der Grund, warum Adalgott von Chur und Adalgott von Disentis später oft verwechselt werden, obwohl 130 Jahre zwischen ihnen liegen. Der berühmte Abt stirbt am 26. Oktober 1031 und wird bald als Heiliger verehrt.

Adelhelm

† 1131

Gedächtnis: 25. Februar

Das Grundstück ist vermessen, die Finanzierung gesichert, Maurer und Zimmerleute machen sich ans Werk, doch eins ist noch immer nicht klar: Wie soll das neue Kloster heißen? Nachdenklich blicken Bauherr und Prior auf die steilen Felsen hoch über den Fundamenten, da erscheint vor ihren Augen plötzlich ein Chor von Engeln, die «mit zauberhaften Stimmen» laut das Lob des Schöpfers singen.

Das legendäre Ereignis gibt dem Kloster den Namen: Engelberg. Die Benediktinerabtei im Kanton Obwalden zählt heute zu den größten Barockanlagen der Zentralschweiz. Damals ist der Bau noch viel bescheidener. Am 1. April 1120 wird er eingeweiht.

Der Bauherr ist Graf Konrad von Sellenbüren, der Prior der Abtei heißt Adelhelm, und die beiden Männer verbindet mehr als nur die gemeinsame Aufgabe der Klostergründung. Die Familiengeschichte der Freiherren von Sellenbüren reicht zweihundert Jahre zurück: Ahnherr Reginbert kämpft im Heer Kaiser Ottos I. gegen die Bayern, verliert 936 in einer Schlacht einen Arm und zieht sich als Einsiedler in den Schwarzwald zurück, wo er das Kloster St. Blasien gründet. Dort aber lebt Adelhelm zwei Jahrhunderte später als Mönch, bis ihn der Nachfahr des Stifters als Klostervorsteher zum Engelberg holt.

Den Adelsmann bewegen freilich nicht etwa nur sentimentale Erwägungen: St. Blasien ist damals eines der modernsten Reformklöster, und Adelhelm genau der richtige Mann, eine Neugründung zu leiten – nicht nur, aber wohl auch, weil sein althochdeutscher Name «edler Beschützer» bedeutet und ein gutes Omen ist: Seit dem großen Streit zwischen Kaiser und Papst um das Recht, Bischöfe einzusetzen, schütteln Kirchen und Klöster überall in Mitteleuropa die Bevormundung durch weltliche Mächte ab, gesucht sind neue Gottesdiener ohne Furcht vor Fürstenthronen.

Engelberg-Gründer Konrad von Sellenbüren will eines Tages selbst Mönch werden. Die Vorstellung, dass andere Adelige über sein Schicksal und das seines Klosters entscheiden könnten, ist ihm unerträglich. Adelhelm kann die Befürchtungen bald zerstreuen: Schon 1124 bestätigen Papst Calixtus II. und Kaiser Heinrich V. dem neuen Kloster alle Privilegien und damit die Unabhängigkeit. Die Mönche dürfen bis in alle Zukunft ihre Äbte selber wählen und auch ihren Grundbesitz selbst verwalten. Bischof Ulrich von Konstanz erteilt dem Kloster außerdem das Recht, zu taufen, und auch das Zehntrecht: Die Mönche dürfen von jedem Einwohner auf Klosterland zehn Prozent Einkommenssteuer einziehen. Die Abgabe wird in Geld oder Naturalien entrichtet und dient vor allem der Fürsorge für die Armen.

1125 wird Adelhelm Abt. Damit untersteht er direkt dem Papst, und kein Bischof darf ihm mehr in seine Amtsgeschäfte hineinreden. Voller Energie macht er sich nun ans Werk, das Kloster zu einem Zentrum des Glaubens auszubauen. Die Benediktiner sind nicht Mönche, die sich in der Zurückgezogenheit ihrer Mauern auf Beten und Büßen beschränken, im Gegenteil: Nach ihrem Grundsatz «Ora et labora et lege» (lateinisch «Bete und arbeite und lies») sind sie Sozialarbeiter, landwirtschaftliche Entwicklungshelfer und Lehrer. Überall, wo ihre Klöster blühen, gedeihen auch Kultur, Zivilisation und christliches Menschenrecht.

Das erste Viertel des 12. Jahrhunderts ist eine Zeit großer sozialer Veränderungen: 1103 sagt Kaiser Heinrich II. den Juden seinen Schutz zu, 1118 gründet sich in Jerusalem als erster geistlicher Ritterorden die «Arme Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel», überall entstehen Armen- und Krankenhäuser, und meist sind es Mönche, die dort als Ärzte und Pfleger arbeiten. Aus Handel und Handwerk entwickelt sich auch schon ein frühes Bürgertum, die ersten Zünfte entstehen, die Städte schütteln die Bevormundung durch ihre adeligen Grundherren ab und kümmern sich selber um ihre Angelegenheiten.

Adelhelm und seine kleine Mönchsgruppe sind aber nicht nur Fürsorger, sondern vor allem Gottesmänner. Die weltliche Prachtentfaltung vieler Kirchenfürsten der Zeit stößt sie ab. Sie sehen sich als einfache Arbeiter im Weinberg, als «unwürdige Sklaven» im Sinne Jesu, und ihre Frömmigkeit ist über alle Zweifel erhaben, was sich durchaus nicht von allen Mönchen sagen lässt. Der Ruf des Engelbergs ist und bleibt durch alle Zeiten untadelig. Der Abt selbst aber erlegt sich so strenge Bußübungen auf, dass er bereits zu Lebzeiten als Heiliger gilt.

Am 25. Februar 1131 stirbt Adelhelm, schon 1147 setzt seine Verehrung als Heiliger ein, und viele Pilger suchen sein Grab im Kloster auf, um Sünden zu büßen oder um himmlischen Beistand zu bitten. Nach einem verheerenden Brand und dem Neubau des Klosters werden 1743 die Grabmäler Adelhelms und Konrads in der Stiftskirche neu errichtet und 1744 die Gebeine beider dort neu gebettet. 1911  12 werden die Grabmäler zum bisher letzten Mal renoviert. Eine spätere Darstellung im Stuckmarmor an der Seitenwand der Kirche zeigt den Heiligen mit segnend erhobener Hand.

Adelrich

† 973

Gedächtnis: 29. September

Sein Vater ist der mächtigste Herrscher in Schwaben und verliert das Leben unter dem Henkersschwert. Sein Onkel und sein Bruder bezahlen den Kampf gegen ihre Feinde ebenfalls mit ihrem Blut. Seine Mutter ist die frömmste Fürstin im Bodenseegebiet und stirbt an Lepra: Es sind tragische Ereignisse, die schon dem jungen Adelrich vor Augen führen, wie zerbrechlich irdisches Glück ist. Die zum Schwert greifen, kommen durch das Schwert um. Er jedoch, der fromme, friedfertige Gottesdiener, bleibt am Leben. Bis heute zählt er zu den beliebtesten Heiligen der Schweiz.

«Adelrich» bedeutet «durch Adel reich». Schon bald wird klar, dass der Name nicht die Schätze der Welt meint. Als Mönch im Benediktinerkloster Einsiedeln hält sich der junge Fürstensohn konsequent aus den lebensgefährlichen Wirren einer Zeit heraus, in der die Politik fast nur aus Krieg, Mord und Intrigen besteht. Es sind die Geburtswehen eines Imperiums. Im Jahr 911 ist Konrad I. König des Ostfränkischen Reiches geworden. Seine sieben Regierungsjahre sind mit Kämpfen gegen aufsässige Stammesfürsten angefüllt, besonders in den Herzogtümern Sachsen, Bayern und Schwaben. Auf dem Sterbebett wird der Franke Krone und Zepter an seinen größten Gegner Heinrich von Sachsen schicken, dessen Sohn Otto der Große dann schließlich die größte Macht des Mittelalters begründet, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

Im Bodenseegebiet stützt sich Konrad I. vor allem auf Pfalzgraf Berchtold von Schwaben und Bischof Salomon von Konstanz. Adelrichs Vater Herzog Burchard I. von Schwaben intrigiert gegen diese Königstreuen, um seinen Einfluss auszuweiten, wird aber gefangen genommen und zusammen mit seinem Bruder als Hochverräter hingerichtet. Adelrichs Bruder, der ebenso wie sein Vater Burchard heißt, flieht zu Verwandten nach Verona. Sechs Jahre später kehrt er aus der Verbannung zurück und wird als Burchard II. Herzog, gerät aber bald in italienische Thronstreitigkeiten und wird 926 vor Novara erschlagen.

Adelrichs Mutter, die Herzogin Reginlinde, heiratet nach dem Tod ihres Mannes dessen Nachfolger Hermann I. von Schwaben, einen Vetter des Königs, um ihre Landsleute mit den fränkischen Siegern zu versöhnen. Die fromme Frau beteiligt sich auch an der Gründung der Klöster in Waldkirch und Einsiedeln. Dort wird ihr Sohn Adelrich Mönch. In der Einsamkeit seiner Zelle betet der fromme Mann für die Seelen seiner Toten und den Frieden in der Welt.

Später leitet Reginlinde als Äbtissin das Kloster Fraumünster, ein Benediktinerinnenstift für Adelstöchter in Zürich.

Bei der Krankenpflege infiziert sich Adelrichs Mutter mit Lepra. Das Mittelalter kennt kein Heilmittel gegen den furchtbaren Aussatz, die Angst vor Ansteckung zwingt die Betroffenen zu vollständiger Isolation.

Reginlinde zieht sich auf die Insel Ufnau im Zürichsee zurück. Adelrich verlässt sein Kloster, um ihr beizustehen. Gemeinsam machen Mutter und Sohn aus der Insel ein Zentrum der Volksfrömmigkeit. Reginlinde stiftete erst eine Martinskapelle und baut dann die Pfarrkirche St. Peter und Paul auf die Reste eines heidnischen Tempels. Adelrich wirkt dort als Priester. Unermüdlich kümmert er sich um die Menschen, die zu ihm kommen. Bald machen Berichte über Wundertaten die Runde, und die Ufnau wird zum Wallfahrtsort.

Die Pilger finden ein Paar wie aus biblischen Zeiten. Die edle Frau, verhüllt, ein lebender Leichnam und doch bis zum letzten Atemzug ein Wunder an Liebe und Barmherzigkeit. Der Sohn, der in sich längst die Welt getötet hat, ganz dem Dienst an Gott und seinen Nächsten hingegeben, ein leuchtendes Beispiel der Sohnestreue. Bald werden die vom Schicksal geschlagenen, aber trotz größten Unglücks nicht gebrochenen Menschen als Heilige verehrt.

Im Jahr 955 erliegt Reginlinde ihrem Leiden. Noch einmal acht Jahre später stirbt auch Adelrich und wird in der Inselkirche St. Peter und Paul bestattet. Ein Grabstein mit einer Darstellung des Heiligen steht noch immer dort. Ein Fresko an der Wand der Kirche zeigt den Mönch mit Bibel und Heiligenschein.

1141 werden seine Gebeine erhoben, und 1663 nimmt ein barocker Sarkophag die Reliquien auf. 1959 werden Adelrichs sterbliche Überreste schließlich nach Einsiedeln ins Kloster überführt. Der leere Sarkophag bleibt auf der Insel zurück und steht seither in der Martinskapelle. Reliquien werden auch in der Meinrad-Kapelle auf dem Etzelpass zwischen Einsiedeln und Pfäffikon verwahrt. Sie liegt am Jakobsweg, der vom Zürcher Oberland nach Santiago de Compostela führt. Heute gehört Ufnau (oder Ufenau) zur Gemeinde Freienbach, wo die Pfarrkirche St. Adelrich an den Heiligen erinnert. Gläubige rufen ihn vor allem in den Gemeinden am Ostufer des Zürichsees in ihren Anliegen und Gebeten an.

Amadeus von Lausanne

Um 1110  1159

Gedächtnis: 29. September

Seine Wiege steht auf einem Schloss, seine Schule am Hof des Kaisers, seine Karriere führt ihn in den engsten Kreis um die mächtigsten Herrscher der christlichen Welt: Amadeus, Graf von Clermont-Hauterive, wird Kanzler von Burgund, Mitregent von Savoyen, Ratgeber Kaiser Konrads III., Kanzler Kaiser Friedrich Barbarossas und einer der führenden Männer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Nachwelt aber kennt ihn vor allem als großen Marienverehrer, als Verfasser bis heute berühmter Predigten, als Urheber eines der wichtigsten Lehrsätze der katholischen Kirche, als tatkräftigen Reformer der Klöster, als Abt, Bischof und als einen der berühmtesten Heiligen der Schweiz.

Über die wichtigste Glaubenserkenntnis des einflussreichen Kirchenmannes schreibt Papst Pius XII. am 1. November 1950: «Aus vielen Gründen erklärt zu Beginn der scholastischen Theologie der fromme Amadeus, Bischof von Lausanne, der Leib der Gottesmutter sei unverwest geblieben; man dürfe nicht glauben, ihr Leib habe die Verwesung geschaut, da er doch in Wahrheit mit ihrer Seele wiedervereinigt und zusammen mit ihr im Himmel erhabener Herrlichkeit teilhaftig geworden ist.»

Die Rolle Marias in der Heilsgeschichte wird zwar schon im Neuen Testament hervorgehoben, doch kennt die Kirche weder den Zeitpunkt ihres Todes noch den Ort ihres Sterbens und feiert deshalb auch keine Marienfeste. Das ändert sich erst im Mittelalter, als die Theologen der Scholastik, der wissenschaftlichen Denkweise in Glaubensfragen, die Bedeutung der Gottesmutter immer stärker hervorheben. Bald entwickelt sich daraus eine fast überschwängliche Marienverehrung im Kult, in der Kunst und auch in der Dichtung.

Der hl. Amadeus ist ein besonders glühender Gefolgsmann der Gottesmutter. Darstellungen zeigen ihn mit den Insignien eines Fürsten, während die Jungfrau Maria ihm einen Handschuh reicht. In seiner Biografie verbinden sich Krone und Kirche, weltliche und geistliche Autorität zu einer idealen Kombination. Schon sein Vater heißt Amadeus (lat. «der Gott Liebende»). Der Sohn kommt wohl im Jahr 1110 auf Schloss Chatte in der Dauphiné zur Welt. Seine Mutter stirbt, als er neun Jahre alt ist. Der trauernde Vater entsagt der Welt und zieht sich mit seinem Sohn in das neue Zisterzienserkloster Bonnevaux zurück. Mönche unterrichten den jungen Amadeus. Als sie sich seiner besonderen Begabung sicher sind, schicken sie ihn in das berühmteste Kloster jener Zeit, nach Cluny.

Dort, in den sanften Hügeln von Burgund, hat die wichtigste Reformbewegung der mittelalterlichen Kirche ihren Ausgang genommen. Denn dort wirkt der größte Kirchenlehrer des Jahrhunderts, der hl. Bernhard von Clairvaux. Der Mönch, Mystiker und Kreuzzugsprediger nimmt den kleinen Amadeus unter seine Fittiche. Drei Jahre lang ist Amadeus sein Schüler, dann folgt die nächste Stufe: 1124 kommt der inzwischen 14-Jährige an den Hof Heinrichs V.

Die Kaiser des Mittelalters reisen von Ort zu Ort, sprechen Urteile, schlichten Streitigkeiten, feiern Feste, laden zu Turnieren ein und unternehmen dazu immer wieder ausgedehnte Feldzüge vor allem nach Italien. Amadeus lernt viel über Recht und Macht. Er genießt die Erziehung eines künftigen Regenten, doch der hl. Bernhard hat andere Pläne mit ihm: Seine Reformen zielen darauf, den Klerus aus der Abhängigkeit von der Politik zu befreien. Seine neue Kirche will nur Gott verantwortlich sein, sich selbst verwalten, ihre Bischöfe ohne Bevormundung durch weltliche Mächte wählen. Das aber kann sie nur, wenn sie fähige politische Köpfe besitzt.

Amadeus berechtigt zu solchen Hoffnungen. Als er 15 Jahre alt ist, holt Bernhard ihn in sein Kloster Clairvaux. Die Zisterzienserabtei in der Champagne ist eine Kaderschule der Kirchenreformer. Amadeus wird Mönch und studiert so fleißig, dass er schon mit 29 Jahren Abt wird, im Kloster Hautecombe in Savoyen.

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts brechen besonders unruhige Zeiten an. In Rom kämpfen ein Papst und ein Gegenpapst um die Macht. Der Kaiser scheitert auf einem Feldzug nach Frankreich und stirbt an Krebs. Der hl. Bernhard ruft Europa zum Kreuzzug auf. Amadeus bewährt sich inzwischen in der Provinz aufs Beste. «Das Kloster Clairvaux gelangte durch ihn zu einer hohen Stufe von geistlicher Vollkommenheit und zeitlichen Wohlstandes», schreibt der Historiker Otto Schmid. Das fällt auch in Rom auf.

Im Jahr 1144 sucht der Papst dringend einen neuen Bischof für Lausanne, denn dort geht es drunter und drüber. Bischof Guido I. ist den sittlichen Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen und wird nach allerhand Ausschweifungen abgesetzt. Amadeus kommt als Nachfolger an den Genfer See und gerät in eine Löwengrube: Der Graf von Genf, der ebenfalls Amadeus heißt, ist zugleich Schirmvogt von Lausanne, verwaltet in diesem Amt das Kirchengut und nutzt das weidlich aus.

Amadeus aktiviert seine Verbindungen zum Kaiserhof und schafft es tatsächlich, dass der gierige Genfer das einträgliche Amt an Herzog Berthold IV. von Zähringen abgeben muss. Doch der Graf hetzt die Bürger gegen ihn auf. Randalierer bringen vor den Augen des Bischofs einen Gläubigen um, und Amadeus muss fliehen, um das eigene Leben zu retten.

Der neue Schirmvogt stellt Ruhe und Ordnung wieder her. Amadeus kann zurückkehren und sein Werk fortführen. Ihn treibt, so ein Chronist, vor allem «die Sorge um die Heranbildung eines frommen, gebildeten Klerus». Bald setzen die Herrscher immer mehr Vertrauen in den mutigen Mönch mit der Mitra. Als der Graf von Savoyen, der ebenfalls den damals sehr beliebten Namen Amadeus trägt, auf dem Zweiten Kreuzzug stirbt, wird der Bischof Vormund des minderjährigen Erben und Mitregent in dem reichen Alpenstaat. Sein Schützling wird später als Graf Humbert III. selbst heiliggesprochen. Kaiser Friedrich Barbarossa, der wohl bedeutendste Herrscher des Mittelalters, beruft Amadeus zu seinem Ratgeber, lässt ihn seine Urkunden siegeln und ernennt ihn sogar zum Kanzler von Burgund, damals eines der wichtigsten Teilkönigreiche seines Imperiums.

Trotz seiner vielen politischen Aufgaben aber findet der Bischof immer noch Zeit für ein fruchtbares Glaubensleben. Als wichtigster Vertreter der Marienfrömmigkeit im 12. Jahrhundert verfasst er festliche Predigten, zu Ehren der Gottesmutter. Acht dieser Homilien sind noch erhalten. Die bekannteste behandelt «den Heimgang der seligsten Jungfrau, ihre Aufnahme in den Himmel und ihre Erhöhung zur Rechten des Sohnes». Mit dieser Predigt begründet Amadeus jene Glaubenssätze, die Papst Pius XII. 900 Jahre später zum Dogma erhebt – mit einer Erklärung, die noch aus der Feder des großen Heiligen stammt: «Sie war voll der Gnade und gebenedeit unter den Frauen. Sie allein war würdig, den wahren Gott vom wahren Gott zu empfangen, sie hat ihn als Jungfrau geboren, als Jungfrau genährt, sie hielt ihn auf ihrem Schoß und diente ihm in allem mit ehrfurchtsvoller Hingabe.»

An der Marienverehrung scheiden sich später die Geister und auch die Konfessionen. Luther und Calvin lehnen sie ab, Zwingli akzeptiert sie nur, soweit sie biblisch begründet ist. Das Marienbild der katholischen Kirche aber ist bis heute vom hl. Amadeus geprägt. Am 27. August 1159 stirbt der Bischof von Lausanne einen friedlichen Tod. Er wird bald als Heiliger verehrt, aber erst 1710 in das offizielle Verzeichnis aufgenommen. Seine Gebeine bleiben lange verschollen. 1911 werden sie wiederentdeckt. Sie ruhen in der Kathedrale Notre-Dame hoch über der Stadt, die ihm einen wichtigen Schritt in ihrer Entwicklung verdankt.

Amatus von Sitten

† um 690

Gedächtnis: 13. September

Der überholte Begriff «finsteres Mittelalter» meint vor allem die wegen des Mangels an Schriftquellen «dunklen» Jahrhunderte nach dem Untergang des Römischen Reiches. In West- und Mitteleuropa herrschen zu dieser Zeit die Merowinger, und diese Dynastie trägt viel zur Vorstellung einer barbarischen Zeit bei: Verwandtenmorde wie in der antiken Tragödie, Politik mit Gift und Dolch wie in der Renaissance, Hass und Verrat wie in Shakespeares Königsdramen.

In dieser gefährlichen Zeit wächst Amatus auf. Der englische Historiker Alban Butler schreibt in seinem «Leben der Väter und Märtyrer»: «Er stammte aus einer Familie, welche Reichtum mit Gottesfurcht vereinte, und gewann von der Wiege an schon die Tugend lieb, durch das Beispiel und die Lehre seiner Eltern. In der wissenschaftlichen Bildung machte er bei einem lebhaften Geiste und einer gründlichen Beurteilungsgabe schnelle Fortschritte. Seine Eltern suchten ihn auf alle Weise gegen die der Jugend so gewöhnlichen Fehler zu verwahren. Sie entfernten von ihm alles, was ihm die Liebe zur Welt hätte einflößen oder die Reinheit seiner Seele hätte beflecken können»– so gründlich, dass Amatus einmal Geld in den Fluss wirft, um sich vor der Habgier zu schützen.

Es ist eine Legende, denn Amatus hätte sein Geld gewiss den Armen geschenkt. «Als er die Jahre erreicht hatte, wo er einen Stand wählen sollte, bat er Gott inständig, er wolle ihm seinen heiligen Willen zu erkennen geben», berichtet Butler weiter. «Er fühlte sich auf besondere Weise zur Heiligkeit berufen und trat daher (…) in den geistlichen Stand»– als Benediktinermönch im Kloster St. Maurice.

Das Augustiner-Chorherrenstift im Kanton Wallis gilt heute als das älteste ununterbrochen bewohnte Kloster Europas und ist damals für Gelehrsamkeit, aber auch für besonders strenge Zucht berühmt. Amatus erbittet von seinem Abt die Erlaubnis, in einer kleinen, in den Felsen gehauenen Zelle zu wohnen. Doch bald «zog man ihn wieder aus seiner Einsamkeit hervor, um ihn zum Dienst der Kirche zu verwenden»: Er wird Abt und im Jahr 669 sogar zum Bischof von Sitten gewählt.

Die alte Keltenstadt an der Rhone heißt damals noch Sedunensis und gehört wie der größte Teil der heutigen Schweiz zum fränkischen Teilreich Neustrien-Burgund. König Theuderich III. (654  691) lässt es von seinem Hausmeier Ebroin verwalten. Der machtbewusste Statthalter führt ein tyrannisches Regiment. Ebroin will die fränkischen Teilstaaten unter seiner Herrschaft wieder zu einem Großreich vereinen. Die burgundischen Adeligen aber möchten lieber wieder unabhängig sein und wagen im Jahr 670 unter dem Bischof Leodegar von Autun den Aufstand. Sie besiegen Ebroin, nehmen ihn gefangen und sperren ihn in das Kloster Luxeuil.

Damit ist die Kirche Konfliktpartei, und bald bekommt auch der neue Bischof von Sitten die Rache des Besiegten zu spüren. Wulfoald, Hausmeier in Austrien, dem nördlichsten Teilstaat der Franken, schlägt Leodegar und verbannt ihn ebenfalls in das Kloster Luxeuil. In den Wirren, die auf diese Feldzüge folgen, können Ebroin und Leodegar fliehen. Kurz darauf stehen sie sich bei Autun erneut gegenüber. Diesmal siegt der Statthalter über den Bischof. Leodegar wird geblendet und zu Tode gefoltert. Die Kirche spricht ihn später heilig.

Im Jahr 678 erreicht Ebroin endlich sein Ziel, die Herrschaft über alle Franken. Die Kirche verfolgt er mit äußerstem Misstrauen. Sein Hass fördert Intrigen und Denunziationen. Auch Amatus fällt ihnen zum Opfer. Als Bischof wirkt er mit apostolischem Eifer: «Er goss reichlich Almosen in den Schoß der Armen», schreibt sein Biograf, «spendete geistliche und leibliche Hilfe; mit einem Worte, er erfüllte mit der größten Gewissenhaftigkeit alle Pflichten eines vollkommenen Hirten.» Doch Ebroin, «einer der verworfensten Menschen», gibt allein schon dadurch einen «Begriff seiner Ruchlosigkeit», dass er eine «große Anzahl heiliger und tugendhafter Bischöfe verfolgte und des Landes verwies». Auch Amatus wird denunziert und abgesetzt. Der Tyrann verbannt ihn in das Kloster St. Fury in Peronne im heutigen Nordfrankreich.

Der Abt des Klosters, der hl. Ultan, erweist dem Verbannten «hohe Verehrung». Ultans Nachfolger, der hl. Mauront, nimmt Amatus später mit sich nach Breuil bei Lille, teilt mit ihm ein Einsiedlerleben und übergibt ihm schließlich die Leitung der Abtei. Es ist eine gute Wahl, denn Amatus «führte die ihm anvertraute Genossenschaft mehr noch durch seine Beispiele als durch seine Ermahnungen voran auf dem Wege der Vollkommenheit».

Das Leben in der Verbannung endet sanft: «Als er eine vollkommene Ordnung eingeführt hatte, verschloss er sich in eine kleine Zelle neben der Kirche, wo er um das Jahr 690 starb.» Nach dem Tod des Heiligen erfüllt, so die Überlieferung, «ein ungemein lieblicher Geruch die Zelle», und «auch andere Wunder verherrlichten sein Grab».

Sein Feind ist da schon neun Jahre tot, Opfer eines Meuchelmordes, den Ebroins zahllose Feinde als gerechte Strafe empfinden. König Theuderich aber bereut endlich seine Laster und bösen Taten: «Bis zu seinem Tode machte er sich über die Misshandlung des hl. Amatus bittere Vorwürfe», schreibt Butler, «und um dieses Verbrechen einigermaßen zu sühnen, machte er der Abtei Breuil mehrere Schenkungen.»

Als im Jahr 870 Wikinger auch in Frankreich Kirchen und Klöster plündern, retten die Mönche die Reliquien des Heiligen nach Douai im Norden, ganz in der Nähe von Peronne. Darstellungen zeigen Amatus, wie er Geld ins Wasser wirft, und mit einem Raben sowie einem Wasserkrug: Die großen schwarzen Vögel gelten in der Bibel als Empfänger und Spender göttlicher Fürsorge.

Ambrosius von Saint-Maurice

† um 560

Gedächtnis: 2. November

Die Reise ist strapaziös, der Weg beschwerlich, die Zeit gefahrvoll, das Ziel aber jede Anstrengung wert: Im Jahr 515 zieht eine Kolonne mächtiger und frommer Männer von Vienne, damals Hauptstadt des Königreichs Burgund, an der Rhone zum Genfer See und weiter flussaufwärts in die Berge des Wallis. An der Spitze reitet Prinz Sigismund von Burgund, neben ihm der alte Abt Hymnemodus, und zum Gefolge zählt der Mönch Ambrosius.

Alle drei Männer werden später heiliggesprochen. Der Prinz begeht schwere Verbrechen und stirbt einen grausamen Märtyrertod. Der Abt gründet am Ziel eines der ältesten Klöster Europas. Der Mönch aber macht die neue Abtei zu einem Wallfahrtsort, der bald weit nach Deutschland, Frankreich und Italien ausstrahlt.

Die Pilger beten und büßen an den Reliquien des hl. Mauritius, der zu den berühmtesten Heiligen des Frühmittelalters zählt. Als Kommandeur hat Mauritius im Jahr 290 eine Legion von Christen aus dem ägyptischen Theben über die Alpen nach Norden geführt. Kaiser Maximian ist ein Christenhasser und will den neuen Glauben in Gallien und Germanien ausrotten. Als die Legionäre den Plan durchschauen, meutern sie und werden in dem Etappenort Acaunum bis auf den letzten Mann niedergemacht.

Knapp 100 Jahre später findet Bischof Theodor von Sitten die Massengräber und baut den Opfern eine Basilika. Wieder 70 Jahre später betet eine gelähmte Frau in der Kirche und verlässt sie geheilt. Die Wundergeschichte spricht sich herum, und bald kommen immer mehr Pilger in den kleinen Ort, an dem die junge Rhone aus den Felsen ins Freie tritt.

Prinz Sigismund ist das Kind einer besonders gewalttätigen Zeit. Im Frühmittelalter leben Herrscher gefährlich. Die germanischen Völker, die sich auf dem Boden des untergegangenen römischen Imperiums niedergelassen haben, behandeln Rechts- und Machtfragen wenig zivilisiert. Sigismunds Vater König Gundobad hat den eigenen Bruder ermordet und den Sohn zu dessen Nachfolger als Teilkönig von Genf gemacht. Sigismund hat sich gegen den Willen des Vaters katholisch taufen lassen. Jetzt will der Prinz am Grab der Thebäischen Legion ein Kloster gründen, und Hymnemodus soll der erste Abt werden.

Die Reise der drei Männer in die Alpen führt sie 250 Kilometer weit. Als der fromme Zug im Wallis eintrifft, machen sich die Mönche sofort an die Arbeit. Doch schon nach sieben Monaten stirbt der alte Abt, und Ambrosius wird sein Nachfolger.

Es ist eine glückliche Wahl: In zehn Jahren macht Ambrosius das Kloster Saint-Maurice zur bedeutendsten Abtei im ganzen Königreich.

Als wichtigste Neuerung übernimmt er wie sein Vorgänger Hymnemodus aus der Ostkirche den im Westen unbekannten «immerwährenden Lobgesang», mit dem die Mönche Tag und Nacht ohne Unterlass den Schöpfer preisen. Um die fromme Verehrung in Gang zu halten, ist eine große Zahl von Mitwirkenden nötig. Sigismund, inzwischen König, schickt Mönche aus anderen Klöstern nach Saint-Maurice und stattet die Abtei außerdem üppig mit Geld und Grundbesitz aus. Von ihr verbreitet sich der «immerwährende Lobgesang» bald in ganz Westeuropa. Das Pilgerwesen blüht mächtig auf und sichert den Mönchen die nötigen Einkünfte für Armenhilfe und Krankenpflege.

Als Ambrosius wohl am 2. November 560 stirbt, hinterlässt er ein geordnetes Gemeinwesen mit 500 Mönchen als neuen religiösen Mittelpunkt für Burgund und ganz Mitteleuropa. Bis heute hat das Kloster alle Stürme der Zeit überstanden.