Epilog
Ich stand schon draußen vor dem Haus und wartete, als Holly zurückkam. Ich warf noch einen letzten Blick zurück, um das Haus und den Strand möglichst deutlich in Erinnerung zu behalten, und dann stieg ich in ihren Wagen, und wir tuckerten los. Ich sah mich nicht noch einmal um.
»Ist alles in Ordnung mit dir?« fragte sie.
»Ja.«
»Das ist für dich«, sagte sie und griff unter ihren Sitz, um eine kleine Tasche herauszuziehen. »Kenneth hat es mir für dich mitgegeben.«
»Was ist das?«
Ich machte die Tasche auf, steckte die Hand hinein und zog ein herzförmiges silbernes Medaillon heraus, das an einer silbernen Kette hing.
»Er hat es selbst gemacht, vor vielen, vielen Jahren«, sagte sie zu mir.
Ich fand den winzigen Knopf und drückte darauf. Das Medaillon klappte auf, und ich sah ein Bild von Mommy. Sie konnte damals nicht viel älter gewesen sein als ich jetzt. Das Bild auf der anderen Seite war entfernt worden. Ich stellte mir vor, daß es ein Bild von Kenneth gewesen sein mußte.
»Ich soll dir sagen, das hätte er deiner Mutter geschenkt, und ehe sie damals mit deinem Stiefvater fortgegangen ist, hätte sie es ihm zurückgegeben. Ich glaube, es hat ihm viel bedeutet, und es ist ihm nicht leicht gefallen, dieses Medaillon aus der Hand zu geben.«
»Ja«, sagte ich und nickte, während ich das Bild von Mommy ansah. Sie war, wie man es gemeinhin nennt, äußerst fotogen.
»Falls sie tatsächlich unter einer Art von Gedächtnisverlust leiden sollte«, sagte Holly und wies mit einer Kopfbewegung auf das Medaillon, »dann hilft ihr das vielleicht dabei, ihre Erinnerungen wiederaufleben zu lassen.«
»Du glaubst nicht, mein Anblick würde genügen?« fragte ich.
»Ich weiß es nicht. Ich habe von seltsamen Fällen gehört, in denen Leute anderen Leuten gegenübergestellt werden, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt haben, und sie behandeln sie wie Fremde: Kinder, Eltern, Ehemänner, Ehefrauen. Wenn das Gedächtnis sich gegen etwas abschotten will, dann schlägt es eine stählerne Tür zu, und nur Finger aus Stahl können diese Tür wieder öffnen.«
Sie lachte.
»Eine Freundin von mir«, fuhr sie fort, »glaubte, der Gedächtnisverlust sei ein Beweis dafür, daß wir noch andere Leben haben. Sie glaubt, es kommt dazu, wenn uns etwas an eine Grenzlinie zwischen zwei Existenzen treibt und wir uns an keine dieser beiden Daseinsformen mehr erinnern können.« Sie zuckte die Achseln. »Wer weiß?«
»Ja, allerdings«, sagte ich, als Cape Cod an uns vorbeirauschte. »Wer weiß das schon?«
Ich sah aus dem Fenster hinaus und auf das Meer und die Touristen an den Stränden. In der Ferne konnte ich den Leuchtturm sehen.
»Wie hast du Kenneth zurückgelassen?« fragte ich.
»Er war wieder am Arbeiten.« Sie drehte sich mit einem liebevollen Lächeln auf dem Gesicht zu mir um. »Hast du etwa etwas anderes von ihm erwartet? Wenn es jemals einen Zeitpunkt gegeben hat, wo er wirklich vor der Realität fliehen mußte, dann ist es jetzt soweit«, fügte sie hinzu.
»Mommy hat immer versucht, vor der Realität zu fliehen, vor allem, als wir in Sewell gelebt haben. Eigentlich sollte mich nichts von alledem überraschen«, sagte ich und seufzte dann.
»Ich habe ganz vergessen, Alice Morgan anzurufen und mich bei ihr zu bedanken.«
»Du kannst sie heute abend von dem Motel aus anrufen, in dem wir übernachten.«
»Ich möchte sämtliche Kosten mit dir teilen, Holly. Ich bestehe darauf.«
»Kein Problem. Ich habe schließlich selbst gesehen, wie deine Großmutter dir einen Haufen Kohle in die Hand gedrückt hat.« Sie lachte.
Wir ließen Provincetown weiter und immer weiter hinter uns zurück.
Mommy hatte mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hierhergebracht. Angeblich wollten wir Daddys Verwandten nach seinem Tod nur einen Besuch abstatten. Sie hatte es so hingestellt, als gehörte sich das so, und dann hatte sie mich damit überrascht, daß sie mir mitgeteilt hatte, es seien bereits Vorkehrungen getroffen, daß ich dort leben würde, bis sie mich wieder zu sich holte.
Das hatte sie aber nie getan.
Vielleicht hatte sie es aber doch getan. Vielleicht hatte sie mich durch eine Ironie des Schicksals in Form der Bilder in diesem Katalog zu sich bestellt. Konnte es nicht sein, daß das Schicksal endlich seinen Lauf nahm und daß der Mond und all diese Sterne, von denen Holly so oft redete, eine Rolle in meinem Lebensweg gespielt hatten?
Ich hatte in meiner Verzweiflung wie eine Wahnsinnige versucht, die Identität meines Vaters zu ergründen. Im Verlauf dieser Suche war ich in Carys Intimsphäre eingedrungen, in seine private Welt, die von all seinen Sorgen und Träumen beherrscht wurde, und wir hatten einander in einer Weise erkundet, auf die ich nicht gefaßt gewesen war.
Ich würde unsere Spaziergänge am Strand vermissen, unsere Gespräche, unser Gelächter und unsere Tränen. Ich wußte, daß er all seine Nächte in seiner Werkstatt auf dem Dachboden verbringen würde, solange ich fort war. Er würde seine Traumschiffe
anfertigen, und zwischendurch würde er aufblicken und sich daran erinnern, wie ich stumm neben ihm gesessen und ihn bei der Arbeit beobachtet hatte. Wir waren wie zwei Menschen, die durch grausame Ereignisse in ihrem Leben über Bord gespült worden waren, zwei Menschen, die einander hilflos dahintreibend begegnet waren, und wir hatten einander an den Händen gehalten, um an unseren eigenen Strand geschwemmt zu werden, den niemand sonst kannte, unser Paradies.
Dort hatten wir dann gesessen und zugesehen, wie die Sonne in der Abenddämmerung den Horizont küßte und uns allnächtlich das Versprechen abnahm, sie würde uns beistehen, den nächsten Morgen zu überdauern. Das hatte uns Kraft und Mut eingeflößt und unsere Herzen mit Hoffnung erfüllt.
Ich will mich nicht endgültig von dir verabschieden, Cary, dachte ich, aber ich fürchte mich davor, wohin dieser Weg mich führen wird. Du hast recht gehabt, als du gesagt hast, wir sollten einander keine Versprechen geben. Uns sind zu oft Versprechen gegeben worden, die niemand hätte halten können.
Ich bin hierhergekommen, um Lügen zu entwirren und im Sand zu scharren, bis ich die verborgenen Wahrheiten über uns herausfinde, und allzuoft hat unsere Familie den Sand wie die Flut wieder auf den Strand geschwemmt. Und jetzt trete ich eine Reise an, um noch mehr zu entwirren und noch tiefer im Sand zu graben.
Warum mache ich mir überhaupt die Mühe? Das haben deine Augen mich gefragt, Cary. Weshalb gebe ich all das nicht auf?
Die Antwort ist, daß ich nur dann dir gegenüber wahrhaftig sein kann, wenn ich herausfinde, wer ich bin. Und eines verspreche ich dir, Cary, mein Liebling, mein geliebter Cary, nämlich, daß ich dich niemals belügen werde.
Lügen sind unser Erbe, aber sie sind nicht das, was wir eines Tages unseren eigenen Kindern vermachen werden. Und nur deshalb setze ich meine Suche fort.
Und deshalb kann ich auch lächeln, wenn ich auf die Straße
nach Westen sehe und wir an dem Schild vorbeifahren, das uns sagt: Wir verlassen jetzt Provincetown, Cape Cod.
Ich weiß genau, daß ich zurückkommen werde, und wenn es erst einmal soweit ist, dann werde ich mit der Wahrheit bewaffnet sein.