e9783955306564_cover.jpg
Inhaltsverzeichnis
Titelei
Impressum
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
Epilog
Epilog
Verwirrt blieb ich vor Belindas Schlafzimmertür stehen. Sie lachte und redete sehr angeregt, aber ich wußte, daß sie keinen Besuch hatte, und ich wußte auch, daß ich ihr Telefon nicht hatte anschließen lassen. Sie lachte wieder. Ich öffnete zögernd die Tür und sah sie mit dem Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr an ihrem Tisch sitzen und sich die Fingernägel lackieren.
»Belinda?« sagte ich, und sie drehte sich um und blickte zu mir auf.
»Es tut mir leid, Arnold, aber meine Schwester ist gerade reingekommen. Ich muß jetzt auflegen. Ruf mich morgen wieder an«, sagte sie. »Ich werde deinen Anruf erwarten« zwitscherte sie und legte den Hörer auf.
»Was tust du da?« fragte ich mit pochendem Herzen.
»Ich rede nur mit alten Freunden«, sagte sie. »Ich weiß, ich weiß, ich verbringe zuviel Zeit am Telefon. Lauf bloß nicht zu Daddy, um mich zu verpetzen«, bat sie mich. »Gefällt dir diese Farbe nicht, Olivia?« Sie zeigte mir ihre Fingernägel. Die der rechten Hand waren dunkelrot lackiert, die der linken in einem helleren Rosaton. »Die Zehennägel werde ich mir in derselben Farbe lackieren. Quin findet das total albern. Warum lackieren sich Mädchen die Fußnägel? fragt er. Die bekommt doch kaum jemals jemand zu sehen, sagt er. Aber das ist nicht wahr. Oft laufe ich barfuß oder trage Sandalen oder … ach, du meine Güte«, sagte sie plötzlich.
»Entschuldige bitte.«
»Weshalb?«
Sie nahm den Telefonhörer wieder ab. »Hallo. Ich kann jetzt nicht reden, Louise. Kannst du mich in einer Stunde noch einmal anrufen? Danke.« Sie legte auf. »Also«, sagte sie und wandte sich wieder an mich, »was wolltest du von mir?«
»Ich hoffe, du hast nicht vergessen, daß du heute abreist, Belinda.«
Sie blinzelte mehrfach schnell hintereinander und lächelte dann. »Oh, nein, ich habe es nicht vergessen, aber bisher hatte ich kaum Gelegenheit zu packen, Olivia. Fang jetzt nicht an, mich dafür auszuschimpfen. Es war nicht meine Schuld. Das Telefon hat ununterbrochen geläutet, da inzwischen alle gehört haben, daß ich eine Reise unternehme. Sie sind alle ganz neidisch.«
»Der Wagen steht bereit, Belinda. Mach dir wegen deiner Sachen keine Sorgen. Ich lasse sie dir nachschicken«, sagte ich.
»Ach, tätest du das für mich? Danke. Das ist nett von dir. Ich weiß wirklich zu würdigen, wie praktisch und zuverlässig du bist, Olivia. Die meisten Leute gäben alles dafür, eine Schwester wie dich zu haben, die sich ständig um einen kümmert. Tja«, sagte sie und sah sich um. Sie stand auf. »Ich denke, dann sollte ich jetzt besser meine Jacke anziehen. Ich habe mich für die hellblaue entschieden. Sie eignet sich besonders gut für Reisen, und außerdem ist sie bequem und pflegeleicht«, sagte sie und trat vor ihren Kleiderschrank.
Ich sah zu, wie sie ihre Jacke anzog und dann in den Spiegel sah, um sich mit den Händen über das Haar zu streichen. Diese Geste war so typisch für sie, daß ich sie tausendmal gesehen haben mußte, dachte ich. Sie lächelte, denn sie war mit ihrem Anblick zufrieden.
»Ich vermute, viel länger können wir meinen Fahrer nicht mehr warten lassen. Ich bin fertig«, sagte sie.
Ich verließ ihr Zimmer, und sie folgte mir.
»Ich habe nicht alle erreichen können, Olivia. Es werden also noch viele meiner Freunde anrufen. Ich weiß, daß es mühselig für dich ist, aber du wirst ihnen doch sagen, wo ich zu erreichen bin, nicht wahr?«
»Ja, mach dir darüber keine Sorgen«, sagte ich.
»Prima.« Sie lief mit beschwingten Schritten die Treppe hinunter und blieb in der Tür stehen, um zu warten, bis ich sie eingeholt hatte.
»Du wirkst heute so traurig, Olivia. Gewiß wünschst du dir, du könntest mitkommen, stimmt’s? Warum kommst du nicht einfach mit? Du könntest dir eine Zeitlang von der Arbeit freinehmen«, sagte sie. »Wir könnten viel Spaß miteinander haben, zur Abwechslung einmal wie richtige Schwestern sein und lauter alberne Dinge anstellen.«
»Ich komme später nach, Belinda«, sagte ich.
»Ach, ja? Das freut mich«, erwiderte sie, und wir gingen aus dem Haus.
Die Pflegerin wartete neben dem Wagen. Sie öffnete die Tür und sah mich fragend an.
»Es ist alles in Ordnung«, sagte ich. Sie nickte und wandte sich dann an Belinda.
»Hallo, Belinda«, sagte sie. »Ich heiße Clara.«
»Sie haben wunderschönes Haar. Ist das Ihre natürliche Haarfarbe?« fragte Belinda sie. Sie lächelte mich an.
»Ja, die Farbe ist von Natur aus so.«
»Ich spiele mit dem Gedanken, mir das Haar in einer anderen Farbe zu färben.« Belinda stieg ein und nahm auf dem Rücksitz der Limousine Platz.
Clara wandte sich an mich. »Es ist alles geregelt, Mrs. Logan«, sagte sie. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«
»Danke. Ich komme morgen vorbei«, sagte ich. »Falls es irgendwelche Probleme geben sollte …«
»Es wird keine Probleme geben«, versicherte sie mir. Dann stieg sie in die Limousine.
»Olivia?«
Ich beugte mich herunter und sah Belinda durch die offene Tür an. »Ja, was ist?«
»Fast hätte ich es vergessen. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Brief, der eingeworfen werden muß. Ich habe Adam Franklin geschrieben. Endlich. Er schreibt mir laufend und schickt mir Geschenke. Würdest du dich darum kümmern, daß er den Brief bekommt?«
»Ja, Belinda.«
»Danke.« Sie sah Clara an. »Wenn Sie etwas zu erledigen haben, brauchen Sie nur Olivia darum zu bitten«, sagte sie.
»Wir sehen uns bald wieder, Belinda.«
Sie lächelte, und ich schloß die Tür. Die Limousine fuhr los. Ich stand da und beobachtete, wie sie die Auffahrt hinunterfuhr und verschwand, und dann ging ich ins Haus.
Thelma fütterte gerade Haille, und Chester rannte hinter Jacob her durch das Haus. Sie spielten, sie seien eine Eisenbahn.
»Ich bin der Dienstwagen, und Jacob ist die Lokomotive, Mommy«, rief Chester, als sie an mir vorbeiliefen.
»Sei vorsichtig, Jacob.«
Er sah mich mit seinem ernsthaften Gesicht an, und seine Augen sagten mir, wie überflüssig es war, ihm Warnungen zu erteilen. Sie verschwanden im Korridor.
Ich ging nach oben und sah mich in Belindas Zimmer um. Auf dem Schreibtisch lag kein Brief. Ich war sicher, daß sie diesen Brief geschrieben hatte, aber es war schon drei oder vier Jahre her. Eine Zeitlang stand ich einfach nur da und ließ meine Blicke über ihre Dinge gleiten. Plötzlich fühlte ich mich sehr müde. Ich war froh, daß ich beschlossen hatte, mir den ganzen Tag freizunehmen. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Ich war zur Klinik hinausgefahren, hatte die notwendigen Regelungen getroffen und getan, was getan werden mußte.
Ich würde keine Veränderungen in Belindas Zimmer vornehmen. Ich war sicher, daß sie immer wieder nach Hause kommen und zwischendurch einen Aufenthalt in der Klinik brauchen würde. Ich beschloß, mich ein Weilchen in den Garten hinter dem Haus zu setzen und etwas zu tun, was ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr getan hatte: mich entspannen.
Es war ein herrlicher kristallklarer Tag, und durch die leichte Brise, die vom Meer her wehte, war die Luft angenehm frisch und wohltuend kühl. Längliche Wolkenfetzen zogen über den Himmel. Zwei Reiher kreisten über mir und verschwanden dann hinter dem Hügel. Am Horizont fuhr ein Öltanker nach Nordosten, und zu meiner Linken sah ich, wie sich eine Yacht, die unserer ganz ähnlich war, dem Kap näherte. Die Schaumkronen glitzerten in der Nachmittagssonne. Das Wasser war dunkel, von einem silbrigen Blau.
Eine Zeitlang saß ich da und schaute einfach nur auf das Meer hinaus. Ich war so tief in Gedanken versunken, daß ich nicht hörte, wie Samuel nach Hause kam und sich auf die Suche nach mir machte.
»Und?« fragte er, als er vor den Stufen der Laube stand.
»Was und?«
»Wie ist es gelaufen?«
»Es hat alles bestens geklappt«, sagte ich. »So, wie ich es erwartet hatte.«
»Hast du angerufen, um dich zu erkundigen, wie es ihr geht?«
»Nein, noch nicht. Die Ärzte brauchen Zeit, und sie können es bestimmt nicht gebrauchen, daß wir sie drängeln und ihnen mit voreiligen Fragen auf die Nerven gehen.«
»Wann hast du vor, sie zu besuchen?« fragte er.
»Samuel, sie ist erst seit heute dort. Ich finde, wir müssen ihnen Zeit lassen, sich in Ruhe mit ihr zu beschäftigen, meinst du nicht auch?«
»Es ist nur … sie tut mir einfach leid«, sagte er.
»Man muß die Kontrolle über seine Gefühle behalten, wenn man für Menschen, die man liebt, das tun will, was am besten für sie ist.«
Er musterte mich mit plötzlich erwachtem Interesse. »Komisch«, sagte er. »Ich konnte mir nie vorstellen, daß du Belinda liebst.«
»Natürlich liebe ich sie. Sie ist meine Schwester, oder etwa nicht?« sagte ich.
Er nickte und schaute auch auf das Meer hinaus. »Nelson hat angerufen. Er wollte wissen, wie es gelaufen ist.«
»Wie anständig von ihm«, sagte ich.
»Er hat wirklich furchtbare Gewissensbisse, Olivia.«
»Es bricht mir das Herz«, sagte ich und schnitt eine Grimasse. Samuel lachte.
»Nelson nennt dich jetzt die Eiserne Jungfrau von Cape Cod.«
»Mich interessiert nicht, wie er mich nennt«, sagte ich. Samuel lächelte mich an. »Es interessiert mich wirklich nicht.«
»Also gut«, sagte er. »Ich werde jetzt duschen und mich fürs Abendessen umziehen.«
»Ich komme auch gleich ins Haus«, sagte ich.
»Diese Haille … ich schwöre, daß sie jetzt schon lächelt, wenn sie zu mir aufblickt. Sie wird später einmal sehr charmant werden«, bemerkte Samuel.
»Das bezweifle ich nicht«, sagte ich.
Er ging ins Haus, und die Brise wurde ein wenig kräftiger. Ich glaubte, die Jungen schreien und lachen zu hören. In den kommenden Jahren würden sie alle auf diesem Rasen spielen, dachte ich, und zu dritt würden sie wie eine Familie aufwachsen.
»Ich habe recht. Ich weiß, daß ich recht habe«, murmelte ich vor mich hin. Ich glaube, wenn Daddy hier gewesen wäre, hätte er mir zugestimmt. Sogar Mutter hätte mir innerlich zugestimmt, aber nicht darüber reden wollen.
Eines Tages, sagte ich mir, würde Nelson begreifen, was ich alles für ihn getan hatte, und dann würde er mir dankbarer dafür sein. Mit der Zeit würde er mich vielleicht sogar dafür lieben, daß ich der Mensch war, der ich war, und sein Groll würde sich legen. Er würde mich nicht länger ablehnen. In der Hinsicht war ich zuversichtlich.
Aber warum war ich so betrübt? Wenn ich richtig gehandelt hatte, warum verspürte ich dann keine größere Zufriedenheit? Ich war eine sehr erfolgreiche und mächtige Geschäftsfrau. Ich hatte meine Söhne, und ich hatte Nelsons Tochter. Würde nicht alles genauso kommen, wie ich es haben wollte?
Hätte ich doch bloß in die Zukunft sehen können, nur einen kurzen Blick erhaschen, um mir absolut sicher zu sein! Wäre das nicht wunderbar gewesen? Das war jedoch unmöglich. Damit verhielt es sich wie mit dem Glauben an Wunder, sagte ich mir.
 
Ich erinnerte mich daran, wie ich als kleines Mädchen einmal am Strand eine Muschel aufgehoben, Daddys Anweisung befolgt und sie an mein Ohr gehalten hatte, und ich hatte das Rauschen des Meeres gehört.
»Wie kann das Meer in einer Muschel sein, Daddy?« hatte ich gefragt.
»Es ist nicht darin. Muscheln sind wie Ohren, in denen das Meeresrauschen enthalten ist«, sagte er zu mir. »In der Nacht entkommt das Rauschen dann und kehrt ins Meer zurück.«
Ich lachte. »Das ist doch albern, Daddy.«
»Nein, Olivia, es ist wahr. Das Rauschen, das du hörst, ist das Rauschen von vor hundert Jahren. Es ist die Stimme des Meeres, die eingefangene Stimme des Meeres. Wenn du wirklich intensiv lauschst, könntest du sogar den Ruf einer Möwe hören.«
Skeptisch lauschte ich noch einmal und glaubte, tatsächlich eine Möwe gehört zu haben. Meine Augen weiteten sich vor Erstaunen.
»Glaube an einen gewissen Zauber, Olivia«, riet er mir. »Wir alle brauchen den Glauben an einen gewissen Zauber.«
Er nahm mich an der Hand, und wir setzten unseren Spaziergang am Strand fort. Ich trug meine Muschel mit mir herum, und dann ließ ich sie in der Dunkelheit fallen.
Ich glaubte, ich würde mein ganzes Leben lang nach ihr suchen.