Inhaltsverzeichnis
Titelei
Impressum
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
Epilog
Epilog
Der schwarze Rolls Royce legte langsam den Weg zu der Klinik zurück. Er hielt vor dem Haupteingang an, als eine große, dunkle Wolke vor die Sonne zog. Der Fahrer stieg aus und öffnete Olivia Logan schnell die Tür. Er streckte den Arm nach ihrem Ellbogen aus, aber sie schüttelte ihn ab.
»Mir fehlt nichts, Raymond«, fauchte sie. Nach dem Aussteigen blieb sie stehen und sah das Gebäude an, als sei es lebendig, und Dutzende von Fenstern funkelten jetzt wie Spiegel, um sie zu begrüßen.
»Warten Sie hier«, befahl sie und ging auf die Stufen zu.
Raymond sah ihr eine Zeitlang gehorsam nach, ehe er wieder in den Rolls stieg. Dann griff er nach seiner Zeitung.
Ehe Olivia Logan den Eingang erreichte, ging die Tür auf, und Doktor Scanlon trat mit Mrs. Kleckner auf der einen Seite und Mrs. Roundchild auf der anderen vor die Tür, um sie zu begrüßen. Sie blieb stehen und sah die drei verächtlich und herablassend an. Sie schienen vor ihren Augen zu schrumpfen, vor allem Herbert Scanlon. Es war, als würden die Kleidungsstücke, die er trug, ständig wachsen. Sein Hemdkragen wurde weiter, und er preßte den Krawattenknoten zwischen dem rechten Daumen und dem Zeigefinger zusammen, ehe er Olivias ausgestreckte Hand drückte.
»Wo ist sie?« fragte Olivia.
»Wir haben sie auf die Krankenstation gebracht. Es tut mir leid«, setzte Doktor Scanlon an. »Ich …«
Olivia hob die Hand in einem schwarzen Handschuh, um ihm das Wort abzuschneiden.
»Sparen Sie sich Ihre Erklärungen für später auf«, sagte sie. »Führen Sie mich zu ihr.«
Die drei lösten sich voneinander, und Mrs. Roundchild trat zurück, um Olivia den Weg frei zu machen.
Niemand saß in der Eingangshalle. Die Patienten waren alle beim Mittagessen. Olivia blieb stehen, als die Stille unerwartet über sie hereinbrach. Sie lief jedoch weiter, als Herbert Scanlon ihr vorausging und sie durch eine weitere Tür in den Korridor dahinter führte. Die beiden Krankenschwestern blieben zurück, sahen einander nicht an und wechselten auch kein Wort.
»Die Patienten sind im Moment alle im Eßzimmer«, sagte Doktor Scanlon.
»Mit einer Ausnahme«, bemerkte Olivia.
Er warf einen Blick auf seine Krankenschwestern zurück und lief weiter. Als sie ans Ende des Korridors gelangten, bogen sie nach rechts durch eine Tür, auf der KRANKENSTATION stand. Doktor Scanlon öffnete die Tür und ließ Olivia den Vortritt. Die Krankenschwester mit dem Namensschild, auf dem Susanne Cohen stand, erhob sich so schnell von dem Stuhl hinter ihrem Schreibtisch, daß es wirkte, als hätte sie auf einer Spirale gesessen. Ihr Gesicht war grau vor Sorge, als sie Doktor Scanlon ansah.
»Das ist Mrs. Logan«, sagte er. »Sie ist hier, um nach Laura zu sehen.«
»Oh, ja«, sagte die Krankenschwester. »Es tut mir ja so leid«, fügte sie hinzu.
Olivia schloß die Augen und schüttelte den Kopf.
»Ich will keine Entschuldigungen hören«, sagte sie. Sue Cohen sah Doktor Scanlon an und entnahm seinem Gesichtsausdruck, daß sie schnell zu reagieren hatte.
»Hier entlang«, sagte sie und führte sie durch eine kleine Halle zu einer Hintertür und von dort aus durch einen Korridor, von dem beidseits Untersuchungszimmer abgingen – Radiologie, ein Labor und am hintersten Ende ein Raum, der zum Glück nur selten benutzt wurde. Die Tür war nicht beschriftet, aber jeder, der hier arbeitete, wußte, daß es die Leichenhalle war.
Sie öffnete die Tür und trat zurück.
Olivia kam langsam näher und sah die stählerne Bahre an, die mit einem Leintuch bedeckt war, unter dem die Leiche ihrer Enkelin lag. Der Raum strömte keinen bestimmten Geruch aus. Er schien aseptisch zu sein, bar jeglicher Ausstrahlung, und es gab auch kein Licht.
Olivia blieb neben der Bahre stehen. Doktor Scanlon trat schnell an ihre Seite.
»Ich will sie sehen«, verlangte Olivia.
Er schlug das Tuch bis zum Hals zurück, und Olivia sah lange Zeit hin.
Jetzt war sie hier, vom Personal umgeben, und sie würde Fragen und Forderungen stellen.
»Wie ist das passiert?«
Auf diese Frage war Doktor Scanlon vorbereitet.
»Ein anderer Patient, mit dem sie eine Art Beziehung hatte, hat sich nach oben in unsere geschlossene Abteilung geschlichen und ihr geholfen, nach unten zu entkommen, auf einer Treppe, die nur von Angestellten benutzt wird. Er wußte von der einzigen Tür, die wir nicht mit Alarmanlagen sichern, und er hat ihr den Weg aus dem Gebäude gezeigt. Er behauptet, sie hätte nach Hause gehen wollen.«
Olivia drehte sich mit neu erwachtem Interesse zu ihm um.
»Nach Hause? Wie ist sie dann im Meer gelandet?«
»Um das zu verstehen, müssen Sie wissen«, sagte Doktor Scanlon, »daß es sich bei diesem anderen Patienten um einen ernstlich gestörten jungen Mann handelt. Es hat enorme Mühe gekostet, ihn soweit zu bringen, daß er wieder klar genug bei Verstand war, um uns verständliche und nützliche Angaben zu machen. Der Vorfall hat ihn in Formen zurückgeworfen …«
»Ich bin nicht hergekommen, um seine Fallstudie zu erörtern«, sagte Olivia mit scharfer Stimme.
Doktor Scanlon nickte.
»Anscheinend hat sie nach allem, was ich aus ihm herausholen konnte, Stimmen gehört.«
»Stimmen? Was für Stimmen?«
»In erster Linie die Stimme ihres jungen Freundes, der ertrunken ist. Lawrence – so heißt dieser andere Patient – hat gesagt, sie hätte immer wieder nach Robert gerufen. Er hat behauptet, sowie er ihr den Weg ins Freie gezeigt hätte, wäre sie zum Meer gelaufen, so schnell sie konnte. Er hat versucht, sie aufzuhalten, aber sie muß wild entschlossen gewesen sein.«
»Sie ist zum Meer gelaufen und hat sich vorsätzlich ertränkt?« fragte Olivia ungläubig.
»Ungewöhnlich ist das nicht – Suizidtendenzen in Fällen, die so ähnlich wie ihrer gelagert sind, Mrs. Logan.«
»Warum ist sie dann nicht rund um die Uhr bewacht worden?« fauchte Olivia ihn an.
»Ich … also, ich meine, sie war auf unserer sichersten Station.«
»Auf der sichersten Station? Und trotzdem konnte sich dieser andere Patient zu ihr schleichen und sie aus dem Haus bringen?«
»Niemand hat damit gerechnet, daß …« Er sah Mrs. Roundchild an, die vortrat.
»Sie war mit Gurten an das Bett geschnallt und mit starken Medikamenten betäubt. Wir hatten gerade erst nach ihr gesehen. Er muß sich hinter der Tür versteckt haben, bis wir verschwunden sind«, erklärte sie.
»Schicken Sie die Leute fort«, sagte Olivia mit einer ausholenden Handbewegung.
Doktor Scanlon nickte den Krankenschwestern zu, und sie verließen geschlossen den Raum. Sowie sie fort waren, fiel Olivia über den Arzt her.
»Wie Sie durchaus wissen, könnte ich diese Klinik und auch Sie verklagen. Wenn sich eine solche Fahrlässigkeit herumspräche, wären Sie ruiniert«, sagte sie, und ihre Augen waren klein, aber voller Feuer.
Doktor Scanlon konnte kaum noch schlucken. Er nickte.
Olivia sah ihn weiterhin haßerfüllt an, richtete die Augen auf ihn wie Scheinwerfer, heiß und intensiv. Endlich wandte sie sich Laura wieder zu.
»Sie können wirklich froh sein, denn mir liegt daran, daß kein Wort über diesen Vorfall nach außen dringt.«
»Was soll das heißen? In Todesfällen werden Untersuchungen durchgeführt.«
»Das ist Ihr Problem«, sagte sie. »Ich will nicht, daß diese Geschichte in die Zeitungen kommt. Wir werden sie beisetzen, wie es sich gehört, und dabei belassen wir es. Diese Geschichte könnte verheerende Folgen für meine Familie haben«, fügte sie hinzu und wandte sich ab. »Und das lasse ich nicht zu.«
»Ich verstehe. Ich werde tun, was ich kann.«
»Nein, Sie werden nicht etwa nur tun, was Sie können, sondern Sie werden alles tun, was ich verlange.« Sie warf noch einen Blick auf Laura. »Hier sehen wir die Resultate dessen, was Sie können. Das genügt mir nicht. Ich erwarte mehr.«
Er nickte. Schweiß triefte von seiner Stirn.
»Wollen Sie ihre Sachen haben? Die Sachen, die Sie geschickt haben?«
»Nein, im Moment nicht«, sagte Olivia. »Ich frage nur ungern, da ich inzwischen an Ihrer Kompetenz zweifele, aber hat sie Fortschritte gemacht?«
»Oh, ja. Ich glaube, mit der Zeit hätte ich eine vollständige Genesung erreichen können«, prahlte er.
»Woran hat sie sich … vorher erinnert?« fragte Olivia.
»An ihre Familie, ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester und auch weitgehend an das tragische Erlebnis.«
»Über mich hat sie nichts gesagt?«
»Kein Wort während meiner Sitzungen mit ihr, und nach allem, was ich aus Southerbys Aufzeichnungen entnehmen kann, hat sie auch ihm gegenüber nichts geäußert«, sagte Doktor Scanlon.
»Was ist aus Southerby geworden?«
»Das ist bereits erledigt«, sagte er eilig.
»Gut. Ich will, daß alles Übrige ebenfalls erledigt wird, Herbert.« Sie starrte ihn mit ihren durchbohrenden Augen an, die sein Rückgrat zu Eis werden ließen. »Es ist mein Ernst.«
»Ich verstehe. Haben Sie Sonderwünsche für die Beerdigung?«
»Nein«, sagte sie. »Laß mich einen Moment lang allein«, befahl sie.
»Ja, selbstverständlich, Mrs. Logan. Es tut mir leid. Und zwar aufrichtig.«
Sie sagte kein Wort, und er ging.
Lange Zeit starrte sie Lauras Gesicht an. Dann holte sie tief Atem und blickte zur Decke auf.
»Es tut mir leid um dich«, sagte sie. »Ich weiß, daß du es jetzt nicht mehr verstehen wirst, aber was ich getan habe, habe ich nur für die Familie getan. Die Familie ist das einzige, was wirklich zählt, der Name der Familie, die Loyalität ihr gegenüber. Nur dadurch steht fest, wer wir sind, wenn wir in diese Welt geboren werden, aber auch, wer wir dann sind, wenn wir aus dieser Welt scheiden, und daran müssen wir verbissen festhalten, während wir diese Wegstrecke zurücklegen, Laura.«
Sie warf einen Blick auf ihre Enkelin und sagte sich, daß sie selbst im Tod noch schön war.
»Irgendwie wußte ich, daß du, nachdem du deinen kostbaren Robert verloren hattest, keinen wirklich glücklichen Moment mehr verbringen würdest, Laura. Vielleicht … vielleicht warst du gar nicht halb so verrückt und so krank, wie die Ärzte glauben. Vielleicht hast du tatsächlich seinen Ruf gehört.
Auf eine ganz seltsame Art«, flüsterte sie, »beneide ich dich, meine Liebe.«
Sie streckte die Hand aus und berührte Lauras kaltes Gesicht. Dann wandte sie sich ab und verließ das Zimmer.
Doktor Scanlon begleitete sie zum Hauptausgang.
»Mein Anwalt wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen und dafür sorgen, daß alles nach meinen Anweisungen abläuft«, sagte sie.
»Ja, ich verstehe«, sagte Doktor Scanlon mit einem kleinen Nicken.
»Ich möchte, daß Sie noch etwas für mich tun.«
»Ja, natürlich«, sagte Doktor Scanlon ohne jedes Zögern, ehe er die Bitte auch nur gehört hatte.
»Ich möchte, daß Sie diesem jungen Mann etwas ausrichten, diesem anderen Patienten.«
»Ja?«
»Er soll wissen, daß ich ihm nichts vorwerfe. Sagen Sie ihm, ich danke ihm dafür, daß er ihr Freund war. Würden Sie das für mich tun?«
»Ja. Das wird ihm helfen, Mrs. Logan. Es ist sehr nett von Ihnen.«
»Ich tue es nicht für ihn. Ich tue es für Laura und«, sagte sie und schaute den Rolls Royce an, »für mich.«
Sie lief die Stufen hinunter. Raymond stieg schnell aus dem Rolls Royce aus und hielt ihr die Tür auf. Doktor Scanlon wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht ab, als er beobachtete, wie sie in ihr Automobil stieg. Als die Tür hinter ihr geschlossen wurde, wich er zurück und verschwand wieder in der Klinik.