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ISBN 978-3-417-22774-1 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26637-5 (lieferbare Buchausgabe)
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Die Bibelverse sind folgenden Ausgaben entnommen:
Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
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Titelbild: iStockphoto/Vellzak
Satz: Christoph Möller, Hattingen
Für Dorothea
zu unserem 40. Hochzeitstag
Das erlittene Leid hat uns umso tiefer verbunden.
Vorwort – Zum Glück gibt es Gott
Erster Teil –
Tod und Trauer erleben
Der Schock – wie wir den Tod unseres Sohnes erlebt haben
1. Und plötzlich bricht die Welt zusammen
2. Ein Anruf ändert unser Leben
3. Wir brauchen Orte der Erinnerung
4. Die Trauer ist unberechenbar
5. Wo war der gute Hirte?
6. Er fehlt uns so sehr
Wertvolle Erfahrungen – was uns in den Monaten der Trauer getragen hat
7. Straft Gott uns vielleicht?
8. Es geht nicht um Wissen, sondern um Beziehung
9. Der Vater im Himmel weiß Bescheid
10. Gottes Geist sorgt für übernatürlichen Frieden
Bohrende Fragen – welche Themen wir einfach nicht wegschieben konnten
11. Hätten wir noch mehr tun können?
12. Grund zur Hoffnung über den Tod hinaus
13. Gibt es ein Wiedersehen im Paradies?
14. Kann das ein Gott der Liebe sein?
15. Sorge, Zweifel, Heilsgewissheit
Zweiter Teil –
Welche Antworten gibt die Bibel?
Letzte Geheimnisse – was die Bibel über das Jenseits sagt
16. Leben, Sterben, Tod – was ist das überhaupt?
17. Was passiert eigentlich, wenn wir sterben?
18. Wie soll man sich den neuen Leib vorstellen?
19. Was machen wir bis zum Jüngsten Gericht?
20. Warum sind Jesus und seine Auferstehung so wichtig?
21. Worauf will Gott eigentlich hinaus?
Belastbarer Glaube – was angesichts des Todes bleibt und was zerbricht
22. Wir brauchen eine verlässliche Basis
23. Nur Gottes Gnade zählt am Ende
24. Nur Christus ist der Weg zu Gott
25. Nur der Glaube rettet uns letztlich
26. Nur die Bibel kann unseren Blick weiten
Erstaunlicher Friede – wie Gottes Geist verhindert, dass wir zerbrechen
27. Am Tropf der Fürsorge Gottes
28. Gesteuert vom Heiligen Geist
29. Beten unter Leitung des Heiligen Geistes
30. Den Heiligen Geist einladen und empfangen
Brisante Fragen – welche Randthemen auf einmal bedeutsam werden
31. Kann und darf man für Verstorbene beten?
32. Kommen Selbstmörder überhaupt in den Himmel?
33. Ist Feuerbestattung eine Möglichkeit für Christen?
Biblische Meditationen – wie Gottes Wort uns leben hilft
34. Und wenn Gott schweigt? – Psalm 6
35. Seelsorge an der eigenen Seele – Psalm 42
36. Was bleibt von den Mühen des Lebens? – 1. Korinther 3,11-15
37. Endlich am Ziel! – Offenbarung 21,1-7
Zum Schluss – was noch zu sagen ist
38. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen
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Einmal im Jahr beteilige ich mich bei den „Anstößen“ und „Morgengedanken“ des SWR. Das sind kleine Radio-Impulse von drei Minuten, frühmorgens, bevor der Familien- oder Berufsalltag losgeht. Im Jahr 2013 fielen meine Sendungen auf die Woche zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Das passte gut, denn ich wollte gerne über den Verlust unseres Sohnes 15 Monate zuvor berichten. Ich wollte erzählen, wo und wie mir der Glaube bei der Aufarbeitung geholfen hatte.
Natürlich war es eine steile Herausforderung, so etwas im Programm eines Gute-Laune-Senders unterzubringen. Aber dann wurde es noch komplizierter. Man teilte mir mit, dass ausgerechnet in dieser Woche in allen Sendern der ARD die Themenreihe „Zum Glück“ laufe. Auch die geistlichen Impulse am Morgen sollten darauf eingehen. Aber wie sollte ich über das Glück sprechen, wenn mein Thema doch das Leid und die Trauer waren?
Die „Rundfunkpfarrerin“, die Beauftragte für kirchliche Sendungen beim SWR, machte mir Mut, beim Thema zu bleiben. Schließlich lag die Woche ja doch in einer Zeit, in der viele Menschen an den Tod erinnert werden. So wuchs in mir die Überzeugung, dass es durchaus gut ist, wenn uns die Themen Glück und Tod gleichzeitig begegnen. Es verhindert jedenfalls eine oberflächliche Vorstellung vom Glück im Sinne von Spaß und Party. Wer glücklich sein will, muss auch mit dem Tod umgehen können und darf ihn nicht einfach ausklammern.
Ich bin nicht sicher, wie begeistert die Redakteure von meinen Themen waren. Aber zahlreiche Leseranfragen und Zuschriften machten deutlich, dass ich wichtige Fragen berührt hatte. Aufgrund dieser kleinen Rundfunkandachten hat der SCM-Verlag die Bitte an mich herangetragen, das Erlebte ausführlicher in einem Buch niederzuschreiben. Dieser Bitte bin ich gerne nachgekommen. Zum einen hoffe ich, dass meine Ausführungen so manchem Leser ein hilfreicher Begleiter in der eigenen Trauer sein können. Zum anderen – das gebe ich gerne zu – ist das Schreiben auch Teil meiner eigenen Verarbeitung des erfahrenen Leids.
Wolfgang Kraska
Sommer 2014
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Natürlich gibt es sie – die schrecklichen Unfälle, bei denen junge Menschen ums Leben kommen, die schlimmen Krankheiten, die Mütter und Väter dahinraffen, obwohl sie noch so dringend gebraucht werden, und auch die tragischen Suizide, bei denen Menschen sich selbst töten, weil sie einfach keine Perspektive mehr für sich sehen. Wir kennen die Geschichten aus dem Fernsehen und aus der Zeitung. Aber dorthin schaffen sie es auch nur, weil sie so selten sind. Und vielleicht auch, weil sie etwas Grusel liefern. Wir haben davon gehört, darüber gelesen und darüber gesprochen – aber dass es uns selbst einmal treffen könnte? Unvorstellbar!
Bis zu dem Tag, an dem uns die grausame Nachricht erreicht und alles verändert. Das kann doch nicht stimmen. Das darf doch einfach nicht wahr sein. Es dauert eine Zeit lang, bis wir begreifen, welche Information wir da gerade bekommen haben. Ganz langsam beginnen wir zu ahnen, was das gerade Gehörte bedeutet, und nach und nach werden uns die Folgen klar. Vielleicht hatten wir auch Zeit, uns mit dem endgültigen Ende auseinanderzusetzen, weil eine quälende Phase zwischen Hoffen und Verzweifeln dem Tod vorausgegangen ist. Mal waren die Aussagen der Ärzte einfach nur deprimierend, mal gab es da doch noch eine kleine Besserung, die uns hoffen ließ. Aber am Ende traf uns die Nachricht doch wie ein Hammer. Es ist aus. Der Tod hat gesiegt.
In solchen Situationen befinden wir uns wie in einem Trancezustand. Unsere Seele scheint uns gegen die Außenwelt abzuschirmen, damit wir Raum haben, um den Schock zu verarbeiten, um zu trauern. Die innere Leere ist bedrohlich und bedrückend, und wir fragen uns: Wie sollen wir weiterleben? Werden wir jemals wieder lachen und uns am Leben freuen können? Was füllt diese Leere? Meine Frau und ich haben einen solchen Prozess durchlebt, nachdem uns mitten im Sommerurlaub die Nachricht vom Tod unseres jüngsten Sohnes erreicht hat. 28 Jahre war er jung, als er plötzlich von uns ging. Das ist doch kein Alter zum Sterben! Viele Fragen brachen auf und mussten beantwortet werden. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist längst noch nicht abgeschlossen. Aber wir sind dankbar, dass uns der Glaube bis zum heutigen Tag getragen hat. Und wir sind zuversichtlich, dass er das auch weiterhin tun wird.
Der Glaube? Wer weiß, dass es Gott gibt und dass wir jederzeit und mit allem zu ihm kommen können, ist gut dran. Aber dieses Wissen abzurufen und zu aktualisieren ist in akuten Leidsituationen weder selbstverständlich noch leicht. Auch nicht für Christen, die es eigentlich gewohnt sind, ihr Leben mit Gott zu gestalten. In Krisen wie dem viel zu frühen Tod naher Angehöriger wird der Glaube entweder vertieft und gestärkt. Oder er nimmt Schaden und zerbricht schlimmstenfalls sogar. Jedenfalls bleibt er nicht unberührt und unverändert. Jetzt muss er uns Antworten geben und vor allem innerlich tragen. Oder er ist nichts wert und wird immer mehr verblassen und versickern. Ganz klar, zuerst braucht unsere Seele Hilfe und Zuwendung. Tränen und Trost haben Vorrang. Aber schon bald brechen auch tiefe Fragen auf. Wie passt das alles zusammen? Wie bringe ich es in Einklang mit dem, was ich über Gott zu wissen meinte?
Drei Dinge haben uns und unseren Glauben in der Zeit nach dem Tod unseres Sohnes gerettet. Erstens: eine nüchterne Theologie, die der Botschaft von der Liebe und Gnade Gottes vertraut. Zweitens: das tröstende, unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes. Und drittens: die neutestamentlichen Aussagen über das Jenseits und das Leben nach dem Tod. Wie auch immer das aussehen wird. Dieser letzte Aspekt ist uns besonders wichtig geworden. Deshalb lautet der Titel dieses Buches auch „Auf Wiedersehen im Paradies!“ Sie werden im weiteren Verlauf noch erfahren, wie es zu diesem Satz gekommen ist. Ich erzähle hier zum einen davon, wie es uns ergangen ist; zum anderen sind mir aber auch diese drei theologischen Aspekte sehr wichtig. Hier begegnen uns nämlich genau die Fragen, auf die wir gerade jetzt Antwort brauchen. Dabei weiß ich natürlich: Jedes Schicksal ist anders, und jeder bringt seine eigenen Vorerfahrungen mit, wenn er sich existenziell mit dem Tod auseinandersetzen muss.
Ihr eigenes Erleben wird sich von meinem und dem meiner Frau unterscheiden. Vermutlich treiben Sie nicht alle Fragen in gleichem Maße um wie uns, und vielleicht ist deshalb nicht jedes Kapitel in gleicher Weise bedeutsam für Sie. Aber es geht auch gar nicht darum, alles aufzunehmen und zu übernehmen, was im Folgenden zu finden ist. Setzen Sie Ihre eigenen Akzente. Lesen Sie, was Sie besonders bewegt, und wählen Sie die Reihenfolge, die für Sie hilfreich ist. Deshalb werden Sie immer wieder Verweise auf weiterführende und vertiefende Kapitel finden. So können Sie selbst den einzelnen Fragen das Gewicht geben, das Ihrer Situation entspricht.
Noch ein letzter Hinweis: Sie sollten wissen, dass unser Sohn zehn Jahre an einer schweren psychischen Erkrankung gelitten hat und durch Suizid aus dem Leben geschieden ist. Das ist sicher eine spezielle Thematik, und mit ihr verbinden sich besondere Fragen, die über die Abschiedsschmerzen bei einem „normalen“ Todesfall hinausgehen. Aber so wie dieses Thema an dieser Stelle nur am Rand und zum Schluss vorkommt, so ist es auch für die Inhalte des Buches nicht bestimmend. Gleichwohl gibt es gegen Ende auch zu dieser Thematik einige wichtige Hinweise.
Es ist ein wunderschöner Tag. Eigentlich. Hinter uns liegt eine Wanderung in den Walliser Alpen. Sehr schön, nur etwas zu heiß zum Wandern, denn es ist Ende August. Aber am Abend ist es angenehm kühl, und von der Terrasse unseres Ferien-Chalets genießen wir die Aussicht auf die Berge und den Sonnenuntergang. Die erste von drei Urlaubswochen geht zu Ende. Gegen 23.00 Uhr klingelt das Handy meiner Frau. Am anderen Ende der Leitung ist der diensthabende Arzt einer Klinik. Er habe eine schlimme Nachricht. Unser Sohn Michael sei tot. Meine Frau ist wie benommen, kann nicht glauben, was sie gehört hat. Kann vor allem nicht weiter zuhören. „Ich lege jetzt erst mal auf und rufe gleich zurück“, sagt sie.
Sie berichtet mir, was sie gerade erfahren hat. Fassungslos, wie gelähmt sitzen wir da. Es dauert eine Zeit lang, bis die Information vom Kopf ins Herz getropft ist und die Tränen uns überwältigen. Kann das denn wahr sein? Liegt nicht vielleicht ein Irrtum vor? Eine Verwechslung? Nachdem wir uns einigermaßen beruhigt haben, übernehme ich es, noch einmal in der Klinik anzurufen. Ich lasse mir alles noch einmal erzählen, frage nach und erfahre weitere Einzelheiten. Wir bekommen die Telefonnummer einer Polizeidienststelle, bei der wir uns gleich morgen melden sollen.
Den Rest der Nacht verbringen wir damit, zu weinen und zu beten und gelegentlich den einen oder anderen Gedanken zum Tod unseres Jungen zu äußern. Aber viel reden wir nicht. Die meiste Zeit brüten wir still vor uns hin. An Schlaf ist nicht zu denken. Nach einiger Zeit fangen wir an, unsere Koffer zu packen. Gleich morgen früh werden wir den Urlaub abbrechen und nach Hause fahren. Auf der langen Autofahrt ergeht es uns nicht viel anders. Wir reden nur wenig und grübeln vor uns hin. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt. Und doch ist es gerade jetzt gut, einander zu haben und sich gemeinsam auf den schweren Nachhauseweg zu machen. Die Polizei ruft auf dem Handy an und fragt, wann wir vorbeikommen können, um einige Unterschriften zu leisten und ein paar Habseligkeiten und Fundstücke unseres Sohnes abzuholen. Viel ist es nicht, was wir hinterher in einem braunen Papiersack überreicht bekommen. Vor allem die leere, blutverschmierte Umhängetasche unseres Sohnes. Sie lässt erahnen, wie schrecklich sein Tod gewesen sein muss. Ich will das alles gar nicht so genau wissen. Er hat sich vor einen ICE geworfen, sagt man uns. Auch das noch! Was mag das wohl mit dem Lokführer gemacht haben? Der habe nur ein dumpfes Rumpeln wahrgenommen, sagt man uns später. Für ihn war es bereits der siebte Vorfall dieser Art, erfahren wir. Trotzdem wird er seinen Dienst erst nach ein paar Tagen wieder aufnehmen können. Kann man sich an so etwas jemals gewöhnen?
Ich habe genügend Informationen. Aber meiner Frau reichen sie nicht. Sie will alles möglichst genau wissen und stellt viele Detailfragen. Sie grübelt darüber nach, wie schnell unser Sohn wohl tot war, wie lange er womöglich gelitten hat. Zuhause studiert sie akribisch die Dokumente, stößt auf unterschiedliche Angaben über den Todeszeitpunkt im Polizeibericht und der Sterbeurkunde, die sich aber bald aufklären lassen. Nach einigen Tagen ruft sie noch zweimal bei der Polizei an, um Fragen zu klären, die ihr im Nachhinein gekommen sind. Wegen des schlimmen Zustandes der Leiche verzichtet die Polizei auf eine direkte Identifizierung durch uns. Wir beschränken uns darauf, ein Tattoo zu beschreiben, das unser Sohn auf dem Oberarm trug. Für mich sind die Fakten und Funde völlig eindeutig. Ich habe keine weiteren Fragen. Aber weil keine Ausweispapiere gefunden wurden, wird meine Frau den Gedanken nicht los, es könne sich trotz allem um einen Irrtum handeln. Vielleicht ist unser Sohn ja in Wahrheit nach Spanien oder sonst wohin geflogen. Also erkundigt sie sich bei der Polizei ganz genau nach der Stelle, an der alles passiert ist.
Wir besichtigen den Unfallort und suchen akribisch nach Spuren. Sorgfältiger als die Polizei offensichtlich. Zum Glück hat es inzwischen geregnet. So bleibt uns der Anblick von Blutspuren erspart. Aber wir finden tatsächlich mehrere eindeutige Überbleibsel. Seine Gürtelschnalle mit einem zerrissenen Stück des Gürtels. Ein inzwischen verwitterter Kontoauszug, auf dem fast nichts mehr zu lesen ist – außer dem Namen unseres Sohnes. Einen Teil der zersplitterten Krankenversicherungskarte – und wieder ausgerechnet jener Teil, auf dem sein Name steht. Der Name unseres Sohnes. Und sein Portemonnaie – allerdings leer, ohne Geld und Papiere. Aber eindeutig seines.
Nun haben wir endgültig Gewissheit. Ich jedenfalls. Meine Frau wird trotzdem nach einigen Tagen ein weiteres Mal zu dieser Stelle fahren. Ohne mich. Sie möchte vor Ort noch einmal gedanklich rekonstruieren und innerlich nachvollziehen, wie unser Sohn ums Leben gekommen ist. Ich brauche das wirklich nicht und habe wenig Verständnis für ihr Anliegen. Es ist doch alles klar. Was soll das also? Der Ton zwischen uns wird schärfer. Ich verarbeite diesen Verlust offensichtlich anders als sie. Typisch Mann? In den nächsten Wochen erleben wir noch manches Mal, dass wir die Art, wie der andere mit der Trauer umgeht, nicht nachvollziehen können und es zu Spannungen zwischen uns kommt. Ich hatte davon gehört und gelesen, wie sehr ein solcher Todesfall auch die Ehe belasten kann. Bis hin zur Trennung. Das stand für uns in keinem Augenblick zur Debatte. Aber ich verstehe inzwischen besser, welche hochsensiblen, nicht immer rationalen Prozesse dabei ablaufen und warum sie so tief in die Beziehung eingreifen. Jedes Kritisieren, Hinterfragen, jede Geste der Ablehnung und jede Form von Unverständnis wiegt ungemein schwer. Viel verletzender als in den normalen Zeiten einer Ehe. Das gilt auch für die Entscheidungen, die wir in den nächsten Tagen zu treffen haben.
Wenn ein alter Mensch stirbt, sind die Fragen, wo und wie er bestattet wird, die Rahmenbedingungen der Trauerfeier und manches andere oft schon geregelt. Zumindest hat man im Kreis der Familie schon einmal darüber geredet und weiß im Wesentlichen Bescheid, was der Verstorbene sich wünscht. Das ist bei einem unerwarteten Tod, insbesondere bei einem Kind oder bei einem jungen Erwachsenen, natürlich ganz anders. Entsprechend wird man von den zu fällenden Entscheidungen überrascht und überfordert.
Natürlich war ich traurig, als meine Eltern vor einigen Jahren verstarben. Aber trotz allem war es so in Ordnung. Die Lebenszeit war einfach abgelaufen. Sie hatten den Wunsch geäußert, eingeäschert zu werden. So erwarben wir als Familie einen Baum in einem Friedwald, in dessen Umfeld bis zu zehn Personen bestattet werden können. Diese Form der Bestattung schien uns aus vielen Gründen sinnvoll und schön. Und sie kam auch uns sehr entgegen. Bei anderen mag das ganz anders sein, aber wir hatten nicht das Bedürfnis, ihr Grab zu besuchen und uns dort an sie zu erinnern. Schließlich wohnten wir viele hundert Kilometer entfernt, und die Beauftragung einer Gärtnerei machte aus unserer Sicht überhaupt keinen Sinn. Nicht nur aus Kostengründen, sondern weil die Gestaltung und Pflege des Grabes nicht Ausdruck unserer Liebe zu den Eltern sein konnte. Wir hätten den Friedhof bestenfalls zwei- bis dreimal im Jahr besuchen können.
Außerdem hatte für uns als Christen das Grab keine besondere Bedeutung. Wir glauben einfach nicht, dass dort noch Wesentliches und Wichtiges vom verstorbenen Menschen liegt und dass er uns auf dem Friedhof näher wäre als irgendwo anders. Wir verstanden es lediglich als emotionale Hilfe, das Gedenken an die Toten lebendig zu erhalten. Aber in unserem Fall konnte das durch ein Bild der Eltern im Wohnzimmer viel besser realisiert werden als durch ein viele hundert Kilometer entferntes Grab. Für uns selbst haben wir deshalb beschlossen, später einmal in der gleichen Weise und am gleichen Ort bestattet zu werden. Wir möchten unseren Kindern die Last der Grabpflege und das damit verbundene schlechte Gewissen ersparen. Da wir ein Leben lang gern gewandert sind und der Wald ohnehin unser zweites Zuhause ist, betrachten wir eine Beisetzung im Wald als eine gute Idee.
→ Wenn es für Sie eine Frage ist, ob für Christen überhaupt eine Feuerbestattung in Frage kommen kann, empfehle ich Ihnen das Kapitel 33 in diesem Buch.
Jetzt beim plötzlichen Tod unseres Sohnes war aber alles anders. So nüchtern und sachlich wir bei meinen Eltern und im Blick auf unsere eigene Beisetzung argumentiert hatten, so wenig passten diese Überlegungen nun für ihn. Anders als bei meinen Eltern war sein Leben ja keineswegs abgeschlossen. Wir hatten eigentlich noch viele Jahre vor uns, die wir als Familie zusammen erleben wollten. Dieser Situation und diesem Bedürfnis wollten wir Ausdruck verleihen. Dazu brauchten wir ihn weiterhin in unserer Nähe. Und wir brauchten das Grab auf dem Friedhof hier bei uns ein paar Straßen weiter. Dort können wir ihn „besuchen“ und ihm unsere Liebe durch die Gestaltung des Grabes zeigen.
Meine Frau übernahm den Blumenschmuck, und ich machte mich daran, den Holzrahmen für die Umrandung des Grabes herzustellen. Ich war unsicher, ob man das überhaupt selbst machen durfte. Aber in der Friedhofsordnung stand darüber nichts. Also nahm ich bei benachbarten Grabeinfassungen Maß und schaute mir die Konstruktion an. Anschließend kaufte ich im Baumarkt das benötigte Material, lackierte die Bretter und montierte zu Hause alles weitgehend vor. Wie oft hatte ich früher für unseren Jungen etwas gebaut oder repariert. Auch das erste Bett hatte ich selbst konstruiert. Der lackierte Holzrahmen erinnerte mich stark daran. So war das Einrichten der Grabstelle für mich eine „handgreifliche“ Möglichkeit, Abschied zu nehmen.
Natürlich haben sich unsere Ansichten zu den sterblichen Überresten im Grab keineswegs geändert. Unser Sohn liegt nicht im Grab, sondern ist bei Jesus. Aber in seinem Fall hilft es uns, unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken. Es ist nur eine Geste, eine Hilfskonstruktion, aber es tut uns gut, ihm Blumen zu bringen und die Kerze in der Grablaterne zu erneuern. Wir zeigen auf diese Weise, dass er nach wie vor Teil unseres Lebens ist.
Wir hätten vorher nie gedacht, dass die Beerdigung und ein Grab auf dem Friedhof für uns eine derart starke Bedeutung bekommen könnten. Wir haben bei diesen Überlegungen gelernt, dass man die Frage nach einer angemessenen Bestattung nicht allgemein beantworten kann. Jeder muss selbst prüfen, welche äußere Form seiner inneren Befindlichkeit und seinen Bedürfnissen am besten entspricht. Wenn wir einen lieben Angehörigen verlieren, erfordert es einen erheblichen emotionalen und körperlichen Kraftaufwand, um den Abschied zu verarbeiten und wieder nach vorn schauen zu können.
Die Trauerfeier und die anschließende Beerdigung sind ein wichtiger Teil einer solchen Trauerarbeit. Es geht darum, den Abschied bewusst zu erleben und einen Schlussstrich zu ziehen. Für viele Angehörige ist es deshalb wichtig, vor dem Trauergottesdienst den Verstorbenen in einem Nebenraum der Trauerhalle noch einmal aufzusuchen und in seiner Gegenwart zu beten oder auch nur still zu verharren. Auch die Beerdigung mit dem Versenken des Sarges hat eine tiefe seelsorgerliche Bedeutung. Ich sehe mit meinen eigenen Augen, dass der Verstorbene wirklich von uns gegangen ist. Er befindet sich nicht mehr auf, sondern unter der Erde. Der Moment ist schmerzlich, weil er so endgültig ist. Aber er hilft, die Realität in sich aufzunehmen, dass man die Zukunft ohne den Verstorbenen gestalten muss.
Wir haben also auf dem Friedhof einen Ort, an dem wir trauern und an dem wir uns an unseren Jungen erinnern können. Aber es ist nicht der einzige Ort. Viel intensiver werden wir zu Hause an ihn erinnert. Wegen seiner Erkrankung hatte unser Sohn bei uns im Haus ein großes Zimmer im Dachgeschoss behalten. Insbesondere am Wochenende wohnte er dort. In den ersten Monaten nach seinem Tod war dieser Raum ein Ort des Gedenkens und des Trauerns. Lange ließen wir alles unverändert, weil jedes Detail ein Ausdruck seines Lebens und seiner Schwierigkeiten mit dem Leben war. Hier inmitten seiner Möbel und seiner Unordnung blieb er noch spürbar und gegenwärtig.
Aber nach einiger Zeit stellte sich doch die Frage, was wir mit seinen Sachen machen und wie wir den Raum auf Dauer nutzen wollten. Natürlich konnten sich unsere anderen Kinder und die Freunde unseres Sohnes ein paar Erinnerungsstücke aussuchen oder was sie sonst gebrauchen konnten. Aber das Zimmer blieb doch noch immer vollgestopft mit allerlei Kram. Vieles haben wir innerhalb der Gemeinde verschenkt, der Hausrat und seine Garderobe gingen an ein Second-Hand-Kaufhaus der Diakonie. Aber wir brauchten ja auch für uns selbst ein paar Erinnerungsstücke. Die wollten wir weder einfach in Kisten einlagern, noch wollten wir das gesamte Haus oder auch nur das Wohnzimmer mit Erinnerungsstücken ausstatten. Schließlich kamen wir auf die Idee, einen Vitrinenschrank zu kaufen und auf einer freien Fläche im Haus aufzustellen. Der obere Teil hat große Fenster aus Glas, während das untere Drittel verschlossen ist.
Dort sind nun – wie in einem kleinen Museum – die Erinnerungsstücke aus seinem gesamten Leben gesammelt. Im unteren Teil liegen Fotos, Akten und Unterlagen sowie die Trauerpost, die wir anlässlich der Beerdigung erhalten haben. Für uns war dies eine gute Form, unserem Michi einen Platz bei uns zu erhalten. Nach knapp einem Jahr entschloss ich mich, mein Arbeitszimmer unters Dach in das deutlich größere Zimmer unseres Sohnes zu verlegen. Auch wenn der Raum inzwischen renoviert und anders möbliert ist, bleibt er doch immer noch Michis Zimmer. Ich weiß, wo sein Bett und der Fernseher standen, und ich erinnere mich an Gespräche und Auseinandersetzungen, die hier stattgefunden haben. Es ist der Ort, an dem auch dieses Buch entsteht.
„Wie geht es dir?“, werde ich gefragt. Wenn ich das immer so genau wüsste. Manchmal bin ich am Grab, und meine Gedanken beschäftigen sich nur mit dem Zustand der Blumen. Ein andermal stehe ich unter der Dusche, und plötzlich durchzuckt mich eine Erinnerung und trifft mich so hart, dass ich zu heulen anfange. Oft sind es äußere Auslöser, die alles wieder ganz nah heranholen.
Noch heute ist das manchmal so. Ein junger Mann kommt uns entgegen, und von Weitem ähnelt sein Aussehen, seine Haltung, sein Gang unserem Sohn. „Sieh mal, da kommt Michi!“, sage ich. „Ja tatsächlich!“, entgegnet meine Frau. Und urplötzlich ist der Schmerz wieder da. Ich halte an der Ampel hinter einem kleinen Auto. „Just married“ steht auf der Heckscheibe. Und der Gedanke durchzuckt mich: So ein Auto wird dein Junge nie fahren. Obwohl er sich so danach gesehnt hat.
Nicht nur das eigene Schicksal, auch andere Nachrichten berühren mich intensiver als sonst. Ich bin wie ein Verwundeter. Eine schwierige Begegnung, eine ungeschickte Berührung, und der Schmerz lässt mich aufstöhnen. Der Thermostat meiner Sensibilität ist bis zum Anschlag aufgedreht. Meine Emotionen schlagen an Stellen an, die mich früher kaum berührt hätten. Wie es mir geht, ändert sich so schnell, dass ich kaum eine Aussage darüber machen kann.
Ich merke, dass die Menschen um mich herum unsicher sind, wie sie mir begegnen sollen. Sollen sie den Tod unseres Kindes ansprechen, oder ist es taktvoller, das Thema auszuklammern? Sie haben es nicht leicht mit mir. Ich weiß noch, wie sehr es mich verletzt hat, dass mich jemand mit banalen Urlaubserlebnissen zugetextet hat, während ich vor Trauer nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Aber ich erinnere mich genauso, wie unpassend es für mich war, als jemand sich mitten im Trubel einer fröhlichen Gesellschaft, als ich gerade einmal eine unbeschwerte Phase erlebte, mit Grabesstimme nach dem Tod unseres Jungen erkundigte. Es ist ein merkwürdiger Zwiespalt. Einerseits möchte man niemanden hören und sehen, und andererseits braucht man doch gerade jetzt so dringend Menschen in seiner Nähe.
Mir ist klar geworden: Ich selbst muss das Gespräch steuern. Um meinetwillen, aber auch wegen der anderen Menschen. Woher sollen sie wissen, wie es in mir aussieht, was ich mir wünsche und was ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen kann? Ich muss ihnen helfen, mit mir umzugehen und ihnen die Unsicherheit und Scheu nehmen. Sonst ist es für sie nicht leicht, mir zu begegnen. Vielleicht gehen sie mir sogar aus dem Weg, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Also ergreife ich die Initiative.
Das eine Mal sage ich vielleicht: „Du, mir ist gerade nicht danach, darüber zu sprechen.“ Ein anderes Mal nehme ich den Ball gerne auf und erzähle ausführlich von dem, was mich beschäftigt. Vielleicht mehr, als mein Gegenüber hören will. Und ein drittes Mal schneide ich das Thema selbst an, ohne sicher zu sein, ob es den anderen überhaupt interessiert. Aber das ist mir jetzt nicht so wichtig. Ich brauche jetzt einfach Menschen, denen ich von dem erzählen kann, was mich bewegt. Sonst bleiben meine negativen Emotionen in mir stecken und entfalten ein ungutes Eigenleben. Indem ich meine Gedanken und Gefühle äußere, bringe ich sie nach außen. Im Gespräch mit meinem Gegenüber muss ich sie ordnen. Beim Formulieren bekommen sie eine klarere Form. Mir selbst wird klar, was wichtig und richtig ist, aber auch, ob ich nur in unsinniger Grübelei und dumpfer Trübsal versinke. Dieser Vorgang ist jetzt nötig und hilft mir in diesem Moment.
Ich betone so deutlich, wie wichtig solche Gespräche sind, weil ich früher, als ich noch nicht selbst betroffen war, ähnlich verunsichert gewesen bin wie meine jetzigen Gesprächspartner. Mir war nicht klar, wie stark das Bedürfnis von Trauernden ist, über den Menschen zu reden, den man verloren hat. Inzwischen aber weiß ich: Je größer der Verlust empfunden wird, desto stärker ist auch das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Für einen trauernden Witwer gibt es kein wichtigeres und – auch wenn das Wort vielleicht makaber klingt – kein schöneres Thema, als über seine verstorbene Frau zu sprechen. Und dafür braucht er Menschen, die jetzt da sind und ihm zuhören. Mehr nicht. Aber das auch wirklich.
In der Bibel fand ich beim Apostel Paulus den folgenden, hilfreichen Satz: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“ (Römer 12,15; LUT). Das klingt selbstverständlich und geradezu banal. Aber es braucht für viele doch eine erhebliche Überwindung, nicht nur auf der Sach- oder Smalltalkebene zu bleiben, sondern sich wirklich auf die Trauer des anderen einzulassen. Paulus spricht von Menschen, die eine echte Schnittmenge im Bereich ihrer Emotionen zulassen. Ich erlebe tatsächlich Freude, obwohl das Erfreuliche gar nicht mir, sondern einem anderen widerfahren ist. Und ich bin wirklich traurig und betroffen bis hin zum Weinen, obwohl es mir persönlich gut geht. Aber ich lasse das Leid an mich heran und in mein Herz hinein. Nur ein Stück weit. Das reicht.
Insbesondere Menschen, die beruflich viel mit Leid zu tun haben, müssen natürlich wissen, wie viel sie sich zumuten können und dürfen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Trotzdem gilt: Wie gut, wenn man im Rückblick auf diese Zeit sagen kann, ich war nicht allein. Ich hatte Freunde und Angehörige, mit denen ich reden konnte, die aber auch Verständnis hatten, wenn ich zu nichts zu gebrauchen war.
Meine Frau und ich sind seit unserer Jugend bewusste Christen. Ich habe darüber hinaus Theologie studiert und bin seit über 30 Jahren Gemeindepastor. Wie viele Menschen habe ich schon beerdigt, wie oft habe ich Trauernde besucht, getröstet und ermutigt. Wie oft habe ich schon über Themen wie Leid, Tod und Trauer gesprochen und geschrieben. Ich bin Fachmann. Ich weiß Bescheid. Aber nun, wo wir selbst betroffen sind, scheint alles so merkwürdig weit entfernt und so theoretisch zu sein. Der Glaube ist verschüttet unter den Trümmern des Lebenshauses, das über uns zusammengebrochen ist. Er ist nicht weg, nicht tot. Aber er ist auch nicht einfach abruf- und verfügbar. Heute weiß ich: Letztlich wird er uns durchtragen und eine neue Perspektive geben. Aber bis dahin ist ein langer Weg zu gehen.