
Siegfried Nucke
216 SCHLÜSSEL
Eine Kindheit

1. Auflage 2014
© Verlag Tasten und Typen, Tabarz
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Siegfried Nucke
Titelfoto: Siegfried Nucke
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978-3-945605-01-1
Cover
Titel
Impressum
Zitat
216 Schlüssel
Der Autor
„Meine Schwester fragte, ob der Morgen kommen werde.
Ich antwortete ihr, er werde bestimmt kommen, da sei ich sicher.
„Wie wird er aussehen?“, fragte sie.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich, aber da war sie bereits eingeschlafen.“
Mark Helprin, Eine Geschichte aus Vermont
Siegfried Nucke wurde 1955 in Nordhausen geboren. Aufgewachsen in Waltershausen, legte er das Abitur 1974 an der traditionsreichen Salzmannschule Schnepfenthal ab. Anschließend studierte er an der PH Potsdam Germanistik und Geschichte. Als Lehrer begann er 1978 in Waltershausen zu arbeiten. Von 1981 bis 1984 absolvierte Nucke ein Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut. An der Fachschule für Sozialpädagogik in Gotha arbeitet er 1985 bis 1997. Nach deren Schließung wechselte Nucke an das berufliche Gymnasium, für dessen Leitung er seit 2002 Verantwortung trägt.
Siegfried Nucke erhielt mehrere Literatur- und Hörspielpreise. So wurde das unveröffentlichte Manuskript von „216 Schlüssel“ im Jahr 2000 mit dem Hans–im– Glück – Preis Limburg (3. Preis) ausgezeichnet, hier noch unter dem Arbeitstitel: “Eskimos sagen Mamantu“.
Siegfried Nucke ist verheiratet, hat zwei Töchter und drei Enkelinnen. Er lebt in Tabarz.
Zuerst fuhr Jakob mit der Schuhspitze in der Fuge zwischen den Pflastersteinen entlang. Der grauschwarze Sand schob sich wie eine magere Bugwelle vor den Schuh, bis sie zwischen Kieseln verschwand. Jakob nahm einen Stock und kratzte eine tiefere Spur aus. Das Holz schabte zwischen den Steinen. Immer schneller umkreiste Jakobs Stock den Stein, bis der eine Insel geworden war, die sich aus dem Meer erhob, bis aus der Insel der wacklige Zahn eines Mammuts geworden war, den Jakob ausgraben konnte.
Jakob hob den Stein hoch und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Willst du den verkaufen?“, fragte René.
Jakob sah ihn von unten an. „Du willst ihn wohl mitnehmen, du Penner?“, fragte er den anderen. Dabei nahm er seinen Stock wie ein Messer in die Faust und schabte einen weiteren Stein frei.
„Ist doch sowieso egal“, sagte René. „Bald kommt der Bagger und schrabbt alles weg. Ratzekahl.“
René nahm ein Brett in die Hände und schob es über die Steine. Rattazong! Rattazong! Jakob schlug mit der Faust nach dem Brett. Krachend flog es auf die blauen Steinbuckel.
„Morgen kommt der Möbelwagen“, sagte René. „So ein Riesending ist das!“
Seine Arme wiesen von einem Ende des Marktes bis zum anderen. Jakob zeigte ihm einen Vogel.
„Ich bleibe hier“, sagte Jakob. „Ich habe dem Opa versprochen, dass ich jedes Jahr seine Bäume schneide.“
„Dein Opa ist doch schon längst im Grab“, antwortete René. „Das merkt der doch gar nicht.“
„Aber wenn sie ihn nach Kolzau bringen, dann muss er hier über den Markt“, sagte Jakob. „Dann fahren sie ihn hier drüber, dann die Hauptstraße herunter, am abgeräumten Feld vorbei nach Kolzau. Da müssen sie an unserem Garten vorbei.“
René nahm einen ausgegrabenen Stein, legte das Brett darüber und versuchte zu wippen.
„Die stecken ihn in einen neuen Sarg, da kann er doch gar nichts sehen“, sagte René, während er von einer Seite auf die andere kippelte.
„Wir haben ein Haus in Kolzau“, sagte Jakob.
„Bei deinem Opa seinem Grab!“, antwortete René mit heruntergezogenen Mundwinkeln.
„Du Arsch!“, entgegnete Jakob. „Hau ab zu deinem Vater. Von mir kriegst du keinen Stein.“
„Mein Vater hat Arbeit am Meer.“
„Meer!! Irgend so eine blöde Stadt.“
„Flensburg.“
Jakob spuckte aus und stieß René gegen die Brust. René grinste und schaufelte mit der Hand Sand aus dem Loch im Pflaster.
„Solche Drecksteine von so einem Dreckplatz nehmen die dort sowieso nicht“, sagte René. „Und wenn es zehnmal ein Marktplatz war.“
Jakob stand auf und drückte noch einen Stein aus dem Pflaster und hob ihn hoch.
„Meinst du?“, fragte er zweifelnd. „Mein Vater hat gesagt, die in Flensburg machen aus Scheiße Gold.“
„Dein Vater!“, höhnte René. „Was weiß denn der. Geht ihr nach Flensburg oder wir?“
„Ich bleibe hier“, antwortete Jakob. „Wir ziehen nach Kolzau.“
„Und wenn ihr wieder aus Kolzau raus müsst?“, fragte René. „Mein Vater hat gesagt, das dauert keine zwanzig Jahre, dann ist Kolzau dran.“
„Dein Vater ist in Flensburg und erzählt nur Scheiße.“
Jakob ließ sein Holzmesser zwischen den Steinen stecken. Er knurrte: „Hier ist es jetzt nämlich bald vorbei mit so was.“
René zuckte mit den Schultern. „Aber jetzt müsst ihr nach Kolzau ziehen“, sagte er.
Jakob spritzte mit seiner Hand Sand in das Gesicht von René.
„Du bist ein Schwein!“, schimpfte René und wischte sich die Körnchen von der Haut.
Es war heiß geworden auf dem Platz. Die Sonne hatte sich durch die Wolken gedrückt. Sogar durch die alte Kastanie vor der Ratsschenke schien ihr Licht.
„Gehen wir mal gucken, ob jemand in den Zimmern ist?“, fragte René.
„Ist gefährlich!“, antwortete Jakob. Er nahm eine zweite Hand voll Sand und warf sie gegen die Wand der Schenke. Die Blasen auf dem Putz blieben heil.
„Pah! Gefährlich!“, sagte René. Er winkte ab.
„Wir nehmen die Steine mit!“, entschied Jakob.
Dann gingen sie los. Als sie vor der Schenke standen, überlegten sie einen Augenblick, ob sie eine Scheibe einwerfen sollten.
„Erst gehen wir rein!“, sagte Jakob. „Nicht, dass wir einen an den Kopf treffen.“
„Um die Zeit ist keiner da“, widersprach René. „Nur Fidschis noch und nackte Weiber.“
Jakob tippte sich an den Kopf. „Hier sind die Fidschis schon vor drei Wochen raus. Die sind jetzt alle weg. Die sind sicher im Westen.“
René stieß die Tür auf. „Was sollen die denn im Westen?“, fragte er. „Mein Vater hat gesagt, die sind nach Hause.“
Jakob stand unschlüssig an der Tür. „Ich muss jetzt eigentlich nach Hause“, sagte er.
René ging in den dunklen Flur, in dem es feucht und schimmlig roch. „Du hast bloß Angst vor den nackten Weibern!“, widersprach er. „Und außerdem - nach Hause! Kolzau. Das ist doch das Letzte.“
„Wir ziehen erst nächste Woche um“, antwortete Jakob.
René winkte ab. „Los jetzt. Rein!“, sagte er.
Jakob und René gingen zusammen durch den Flur und blickten in die Gaststube. An den Wänden klebten riesengroße Bilder mit nackten Frauen.
„Mann!“, sagte René. „Mann!“
Jakob blieb stehen und blickte abschätzig. „Mein Vater hat gesagt, Natur ist besser“, erwiderte er.
„Wieso?“, fragte René.
„Ist so!“, antwortete Jakob.
Über der Theke summte ein dicker Brummer. Nach jeder Runde stieß er gegen eine Fensterscheibe. Die Jungen sahen sich kurz an und wogen ihre Steine. Dann zerbrachen klirrend zwei Scheiben.
„Sauhunde, verfluchte!“, schimpfte eine Stimme auf der Straße. „Euch kriege ich! Ich kriege euch alle!“
Jakob und René rannten durch den Flur in den schmalen Hof und sprangen neben den Toiletten über die Mauer. Noch zwei Schritte und sie verschwanden in den Holundersträuchern.
„Das war knapp!“, keuchte Jakob. „Ich hab’s doch gewusst, dass das schiefgeht.“
„Das war der Rassler!“, antwortete René. „Der bringt alle Kinder um.“
„So ein Scheiß!“, versetzte Jakob. „Tobi ist lieb.“
René sah Jakob grinsend an. Jakob biss sich auf die Zunge. Aber es war gesagt.
„Lieb!“, wiederholte René. „Liiieb!“ Er zog das Wort in die Länge. „Du hast sie ja nicht mehr alle. Der Rassler ist bescheuert. Den nehmen sie nicht mal in Kolzau.“
„Der Rassler hat mir gezeigt, wie man Bäume schneidet“, verteidigte sich Jakob. „Er war Opas bester Freund.“
„Na und!“, sagte René. „Trotzdem ist er ein alter Stinker.“
„Der Rassler riecht nur wie das Haus, wo er drin ist“, sagte Jakob.
René stand auf. „Stinker bleibt Stinker“, sagte er. „Und jetzt gehen wir.“
Die beiden Jungen krochen aus dem Versteck und schlichen zurück auf den Marktplatz.
„Er ist weg“, sagte Jakob. „Bestimmt ist er in die Häuser gegangen und sammelt die Schlüssel ein.“
René grinste.
Die beiden Jungen liefen zur Kastanie. „Im Herbst holen wir die Dinger runter“, sagte Jakob.
„Im Herbst bist du in Kolzau!“, widersprach René. „Da ist nichts mehr mit Kastanien. Und hierher kommst du auch nicht mehr. Und der Rassler ist auch verschwunden.“
„Mein Vater hat gesagt, dass sie vielleicht erst im Frühling hier anfangen wollen.“
René winkte ab. „Die kommen ganz bald“, sagte er. „Das geht nämlich jetzt ganz anders. Wenn die sagen, die kommen, dann kommen die und schrabbern das ganze Dorf ab. Die wollen an die Kohle ran.“
Jakob steckte die Hände in die Hosentaschen. „Dann kommen sie eben. Wir sind dann in Kolzau.“
„Und was macht ihr mit den Schlüsseln?“, fragte René.
„Ich weiß nicht“, antwortete Jakob. „Ich glaube, dass Vater die Schlüssel stecken lässt.“
René nickte. „Wir schließen auch ab und lassen die Schlüssel dran.“
Jakob und René schwiegen und blickten über den Platz.
„Der Rassler hat ein Schlüsselbund, das ist größer als ein Fußball“, sagte Jakob schließlich.
„Mir wäre das zu schwer“, erwiderte René. Er hob einen der Steine auf, die sie durch das Fenster geworfen hatten. Jakob nahm den anderen in die Hand. „Die Schlüssel sind bestimmt schwerer als so ein Stein“, sagte er.
„Ist doch sowieso nur Müll“, antwortete René und ließ den Stein fallen.
„Ich nehme meinen mit“, beschloss Jakob. „Wir haben zu Hause eine Waage.“
René blickte Jakob an. „Und was hast du davon?“, fragte er. Jakob zuckte mit den Schultern. Dann verließen die Jungen den Markt.
Am nächsten Samstagmorgen kniete Jakob auf dem Stuhl und sah aus dem Fenster seines Zimmers. Milchblau war der Himmel über dem Dorf. Auf den Dächern wippten die Antennen. Durch die schiefen Latten des Zaunes krochen die Hühner auf die Straße, um im Sand zu scharren.
Heute würde er mit René zum Baumhaus gehen. Nirgendwo sonst konnte man so weit sehen. Auf der einen Seite das Dorf und auf der anderen, hinter dem abgeräumten Feld, die Bagger.
Das Baumhaus hatten sie aus den Brettern gebaut, die vor den verlassenen Häusern lagen. Abgerissene Fensterläden, heraus-gebrochene Dielen. Eine Burg sollte es werden. Bis René erfuhr, dass er wegziehen würde. Das restliche Holz blieb liegen. Manchmal wippten sie auf dem Stapel, bis die dünnen Bohlen knackten.
Gestern hatte der Rassler an das Küchenfenster geklopft. Jakobs Vater saß am Tisch und las Zeitung.
Der Rassler blieb in der Tür stehen.
„Tach!“, sagte er und übersah die Einladung, sich zu setzen. Er nahm seine braune Stoffmütze ab und drehte sie zwischen seinen Händen. Stärker als sonst traten die Adern hervor. Jakob ekelte sich vor den Händen des Rasslers, die nur aus Schwielen und Adern bestanden. Wie graubraune Würmer bewegten sie sich auf dem Handrücken.
„Wie die Vandalen!“, sagte der Rassler zu Jakobs Vater. „Wie die Verbrecher reißen sie alles heraus!“
Er ging zwei Schritte und stampfte mit dem Fuß auf. „Sie machen das Dorf kaputt, dein Junge und der andere Bengel.“
Jakobs Vater stand auf, ging zum Küchenschrank und holte zwei Schnapsgläser heraus. Der Rassler blieb in der Küche stehen. Jakobs Vater holte aus der Kammer eine Flasche und schenkte ein.
„Trink!“, sagte er und prostete dem alten Mann zu.
Der Rassler nahm mit einer hastigen Bewegung das Glas und schüttete den Schnaps herunter.
„Das ganze Dorf!“, wiederholte er. „Das ganze Dorf.“
Jakobs Vater nickte. Er schenkte dem Rassler noch einmal ein.
„Ich werd dem Bengel Bescheid stoßen!“, sagte er zu dem Alten. „Keiner macht was kaputt.“
Der Rassler schluckte zufrieden. Dann drehte er sich um und verließ grußlos die Küche. Jakob huschte die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.
„Wir haben nichts herausgerissen!“, sagte Jakob, als der Vater in der Tür stand.
„Du lauschst also“, stellte er fest. „Vielleicht hat der alte Zierow doch recht. Vielleicht sollte ich dir Bescheid geben.“
„Die Tür stand auf“, sagte Jakob. Sein Vater blickte ihn kurz an. „Wir haben nichts herausgerissen!“, wiederholte Jakob.
Sein Vater winkte ab. Er setzte sich auf den Stuhl am Fenster und blickte hinaus. Der Rassler verschwand im Dorf.
„Vielleicht ist es besser, wenn ihr nicht mehr in den Abbruch geht. Ihr kommt eines Tages noch unter den Bagger“, sagte der Vater.
„Wir sind sowieso schneller“, entgegnete Jakob.
„Ihr sollt nichts kaputtschlagen“, antwortete der Vater.
„Es wird sowieso alles weggebaggert.“
„Da müsst ihr nicht noch mitmachen.“
Jakob wollte widersprechen. Sein Vater schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Es bleibt, wie ich es gesagt habe“, wiederholte er.
Jakob steckte seine Hände mit einem Ruck in die Hosentaschen und drehte sich um.
„Und dem Rassler geht ihr aus dem Weg. Hast du mich verstanden, Jakob?“, sagte der Vater, bevor die Tür ins Schloss fiel.
Jakob stieg vom Stuhl. Hoffentlich wird der Sonnabend besser. Wieder fiel unten eine Tür ins Schloss. Es war die Küchentür, wusste Jakob, die der Wind, der immer einen Weg ins Haus fand, zugeschlagen hatte.
Jakob blickte noch einmal auf die Straße und das Haus gegenüber. Die Gardinen fehlten. Fremd blickten ihn die Fenster an. Jakob sah, wie Renés Eltern Kisten und Kästen hin- und hertrugen, am Fenster vorübergingen und wieder im Zimmerdunkel verschwanden. René blickte kurz heraus. Mit einer Papierrolle winkte er Jakob zu. Jakob hob die Hand und grüßte zurück. René schwenkte die Papierrolle wie ein Schwert. Jakob zeigte ihm die Faust. René grinste. Das würde ein schönes Duell werden.
Jakob stieg die Treppen hinunter. Er überlegte, was er als Waffe nehmen könnte. Dann roch er den Morgenkaffee. Frühstück am Samstagmorgen. Das Schönste in der ganzen Woche, wenn Mutter keinen Dienst hatte. Jakob bekam Hunger. Drei Brötchen würde er essen oder vier. Und ein Ei. Und aus Mutters Tasse einen Schwupps Kaffee in die Milch gießen. Das würde er tun.
Als Jakob die Küche betrat, war alles so, wie er es sich vorgestellt hatte. Die Mutter schnitt ein Brötchen auf und legte den Deckel auf Jakobs Platz. Vater suchte am Radio einen Sender mit Nachrichten und Kommentaren. Das Zeitzeichen ertönte, Vater kroch fast in den Apparat, nach den Nachrichten brummte er verärgert und drehte das Radio leiser.
„Was glaubst du eigentlich, was die im Radio melden sollen?“, sagte Jakobs Mutter verärgert. „Was, sag mir das einmal!“
Der Vater blickte kurz auf, dann winkte er ab.
Wie oft Vati abwinkt in der letzten Zeit. Jakob hatte große Lust, den Vater danach zu fragen, aber er fragte lieber nicht. Er schmierte sich sein Brötchen mit selbst gekochter Johannisbeermarmelade. Jakob hatte einen Riesenhunger.
Auf dem Herd kochte etwas über. Mutter sprang auf und drehte das Gas ab. Leise schimpfte sie. Jakob machte einen langen Hals.
„Gibt’s heute Huhn?“, fragte er. Die Mutter reagierte nicht.
Jakob stand auf. „Huhn!“, stellte er fest. „Prima.“
Die Mutter ergänzte: „Heute Hühnersuppe und morgen gebratenes Hähnchen. Uns geht’s gut, nicht.“ Irgendetwas an Mutters Stimme missfiel Jakob. Die Mutter klappte die Herdtür herunter und begoss das Hähnchen in der Bratröhre mit Fett. Jakob staunte. Zweimal Geflügel am Wochenende. Das hatte es noch nicht gegeben.
„Du hättest die Hühner ja nicht nehmen müssen“, sagte der Vater. Jakobs Mutter drehte langsam den Kopf. „Soll ich die Tiere auf den Mist werfen?“, fragte sie spitz. „Soll ich alles wegwerfen? Nur, weil die Oppel vergessen hat, ihre Kühltruhe rechtzeitig leer zu machen.“
Jakob blickte erstaunt hoch. Die Oppel, hatte Mutter gesagt. Sonst hieß sie immer Sabine und war Mutters Freundin. „Aber sie müssen ja nach Flensburg.“ Mutters Stimme klang bitter und böse. „Sie können ja nicht anders.“
„Reisende soll man nicht aufhalten“, erwiderte der Vater. „Manfred hat drüben Arbeit. Soll er hier herumsitzen? Sogar eine Wohnung haben sie. Lass sie gehen.“
Die Mutter klappte die Ofentür zu. „Und wir müssen wochenlang ihre Hühner futtern.“
Jakob lächelte. „Ich esse Hühnchen gern.“
Die Mutter zischte ihn an: „Halt den Mund, Junge. Was verstehst denn du.“
Der Vater stand auf, wischte sich die Hände an der blauen Arbeitskombi ab und ging. „Ich guck mal, ob der Möbelwagen schon da ist“, sagte er.
„Und wer hilft uns beim Aufladen, Rolf? Wer?“, rief sie ihm hinterher.
„Das schaffen wir auch noch“, antwortete der Vater, bevor er das Haus verließ.
Jakob steckte sich den letzten Bissen seines Brötchens in den Mund. „Stopf nicht so!“, ermahnte ihn die Mutter. „Schlachten wir unsere Hühner auch?“, fragte Jakob.
„Dann brauchst du sie nicht mehr zu füttern, Junge“, antwortete sie. „Wie oft hab ich dich erinnern müssen.“
Jakob nickte. Immer musste er gerade dann diese Viecher füttern, wenn er mit René spielen wollte. Sonst nie. Um die Hühner war es nicht schade.
Eine Stunde später fuhr der Möbelwagen vor. ZIESEL-TRANSPORT stand leuchtend weiß auf der grünen Plane. Zwei Männer in grünen Kombis sprangen aus dem Fahrerhaus. Auf Brust und Rücken der beiden Männer stand ZIESEL.
„Ziesel wie Wiesel!“, stellten sie sich vor. Aber Ziesel hießen die Männer nicht, sondern Alfons und Herbert. Oder Alfi und Herb, wie sie betonten. Alfi hatte einen ungeheuren Bauch und Herb struppige Haare. Jakob sah zu René. Der verzog das Gesicht und klopfte sich auf die Brust. ‚Affen' hieß das.
Die Möbelpacker wippten auf den Spitzen ihrer alten Turnschuhe und sahen sich rasch um. Alfis Finger zeigte auf die Väter der Jungen: „Wenn ihr Männer hier mal mit anpacken würdet, das wäre super, wäre das.“
Jakobs Vater schluckte. Jakob sah ganz genau, wie der Kehlkopf auf- und niederwippte. Wozu stand er denn da, wird er denken. Zum Anpacken. Nicht zum Zuglotzen. Halten die ihn für bescheuert? Jakob war gespannt, wie das weitergehen würde.
„Los doch!“, rief René. „Steh nicht so blöd herum.“
Jakob löste sich vom Zaun und ging zum Wagen. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute in das Fahrerhaus. René saß auf dem Sitz und versuchte, das Lenkrad zu drehen.
„Willst du die Servolenkung kaputtmachen, Penner?“, sagte Jakob. „Wird ein teurer Spaß.“
„Alte Flasche“, antwortete René.
„Irrtum“, sagte Alfi, der wie aus dem Boden gewachsen an der Autotür stand. „Der Junge weiß Bescheid“, sagte er zu Jakob und klopfte ihm auf die Schulter. „Und wenn ihr beide jetzt mal flotte Füße macht, zeige ich euch hinterher, was das hier ist.“
Alfi zeigte in die Kabine. René sah ihn von oben an und sagte: „CB-Funk. Na und?“
Alfi staunte. „Das kennt ihr hier?“, sagte er und sah skeptisch die Straße hinunter. „Das Dorf hier ist ja nicht mal im besten deutschen Atlas zu finden.“
„Kommt auch weg“, sagte René.
„Wie - weg?“, fragte Alfi.