Erstes Kapitel
River’s Edge Plantage
August 1847
»Es kommt jemand, Madame, Fremde kommen die Straße herunter!«
Reine Marie Cassard Pingre legte ihre Schreibfeder beiseite, als sie den Warnruf aus dem Parterre vernahm. Sie klappte das Kassenbuch zu, in das sie gerade die Rechnungen der Warenladung eingetragen hatte, welche am Morgen mit dem Dampfschiff der Plantage eingetroffen war. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und starrte die Tintenkleckse auf ihren Fingern an. Sie sollte sich wohl besser beeilen und die Hände waschen, bevor sie hinunterging, um den ankommenden Besucher zu begrüßen.
Doch weshalb eigentlich der Umstand? Der eintreffende Monsieur war zweifellos nur ein Freund ihres Vaters. Sie würden sich auf der Veranda treffen, welche zu dieser Tageszeit angenehm im Schatten der alten Eichen lag. Mit einem Glas Madeira in der Hand würden die beiden in entspannter Atmosphäre den Preis der Baumwolle besprechen und wohl auch die neuesten politischen Skandale. Sie selbst könnte wieder an ihren Schreibtisch zurückkehren, sobald die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht wären.
Reine streckte ein wenig ihre Glieder und begab sich zur Verandatür des Wohnzimmers, die bereits offen stand, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Das Sonnenlicht flutete herein, und die weiß getünchten Bodenbretter des Balkons reflektierten die Strahlen des gleißenden Gestirns. Sie beschattete ihre Augen
mit der rechten Hand und blickte angestrengt die Zufahrtsstraße hinunter, welche sich in zahlreichen Kurven bis zum Fluss wand.
Ein Reiter näherte sich in gestrecktem Galopp der Veranda des Hauses, wobei er kleine Staubwolken aufwirbelte, die sich wie ein Kometenschweif hinter ihm herzogen. Von hohem Wuchs und mit breiten Schultern, saß er mit einer solch eleganten Lässigkeit im Sattel, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Sein Gesicht war von einem breitkrempigen Strohhut, wie ihn die Plantagenbesitzer trugen, halb verdeckt, während seine Kleider durch einen langen, grauen Reitmantel vor dem aufwirbelnden Staub geschützt wurden. Er war noch zu weit entfernt, als dass man seine Gesichtszüge genau erkennen könnte, doch irgendetwas an ihm erschien seltsam vertraut.
Sie fühlte, wie ein kleiner Schauer über ihren Rücken jagte. Eigentlich war sie keine Frau von überschwänglicher Fantasie, doch nun schien sich der Himmel ein wenig zu verfinstern. Die Hitze des Tages legte sich und ließ sie auf unerklärliche Weise beunruhigt zurück.
Nichts als Grillen, die es zu verscheuchen gilt, sagte sie sich und wandte sich energisch ab. Sie fasste einen Entschluss und durchschritt eilig den Flur der ersten Etage, um über die Treppe ins Parterre zu gelangen.
Alonzo, der weißhaarige Butler, der schon vor ihrer Geburt eine Institution auf der River’s Edge Plantage war, erwartete sie bereits. Sie forderte ihn auf, nachzusehen, ob die nötigen Erfrischungen bereits auf die untere Veranda gebracht worden waren. Als er sich entfernte, um ihren Auftrag auszuführen, atmete sie tief durch und ging durch die Eingangstür hinaus. Sie
verlangsamte ihre Schritte, als sie die weiß glänzenden Säulen der Veranda erreicht hatte.
Der Besucher hatte gerade das kleine Tor erreicht, das die Zufahrt vom Haus und der dazugehörigen Gartenanlage abtrennte. Er war eindeutig kein Freund ihres Vaters, denn der Elan, mit dem er sich aus dem Sattel schwang, ließ auf einen Mann in den besten Jahren schließen, der es gewohnt war, seine Muskeln in Bewegung zu halten. Sein Auftreten verriet, dass es ihm nicht an Selbstbewusstsein mangelte, denn am Gartentor angekommen, warf er dem heraneilenden Stallburschen die Zügel in einer Art und Weise zu, als ob er nach Hause käme und nicht, als würde er einen Anstandsbesuch machen. Mit prüfendem Blick begutachtete er die sich im Wind wiegenden Zuckerrohrfelder, den Damm aus Grassoden gegen das Mississippi-Hochwasser und das große, glänzend weiße Herrenhaus inmitten des blühenden Gartens. Der Eigentümer selbst hätte nicht gründlicher seine Besitztümer auf Zeichen der Nachlässigkeit hin untersuchen können.
Alonzo, der seine Aufgaben ausgeführt hatte, trat auf die überdachte Veranda hinaus und blieb diskret hinter Reine stehen. Sie war ihm für seinen stillen Beistand unendlich dankbar. Die Ankunft von Chalmette, dem großen, dürren Jagdhund ihres Bruders, der von seinem Schattenplätzchen unter den Hortensien herbeigelaufen kam, trug ebenfalls dazu bei, ihr Mut zu machen. Sie wies den Hund auch nicht zurück, als er sich mit einem tiefen Knurren direkt vor ihren Füßen niederlegte.
»Guten Tag, Monsieur«, grüßte sie den Besucher höflich. »Können wir Ihnen irgendwie helfen?«
Er wandte sich ihr zu und nahm im selben Moment
seinen Hut ab, der sein Gesicht bislang bedeckt hatte. Nun stand er breitschultrig mit grimmiger Miene vor ihr.
»Sie!«
Der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben, und der schrille Ausruf der Überraschung schreckte den Hund auf, der ein warnendes Knurren vernehmen ließ, sodass sie sich genötigt fühlte, ihm beruhigend die Hand auf den Kopf zu legen.
»So ist es, Madame Pingre«, antwortete der Besucher und senkte seinen Kopf zu einer angedeuteten Verbeugung. »Christien Lenoir, zu Ihren Diensten.«
Dunkles Haar mit einem Schimmer von schwarzem Satin gleich dem Fell eines Panthers, tiefdunkle Augen und markante Gesichtszüge, die durch den sonnengebräunten Teint besonders hervorstachen: Dies war der Mann, der jede Nacht in Reines Träumen wiederkehrte. Er war es, der die kleine Marguerite davor bewahrt hatte, von den Wagenrädern zermalmt zu werden, damals, in jener Nacht vor vier Monaten. Für einen Augenblick lag Reine in Gedanken wieder in seinen Armen, an seinen starken Körper gepresst und wurde von ihm so sicher festgehalten, dass es schien, als ob ihr niemals wieder etwas zustoßen könnte.
Der drängende Wunsch, sich in diese unendliche Sicherheit zurückfallen zu lassen, war so verführerisch, dass sie sich regelrecht zwingen musste, sich innerlich dagegen zu wehren. In diesem Augenblick überkam sie der Ärger über diese Schwäche und die Unmöglichkeit, jemals irgendwen an ihrer Seite zu haben, der ihr gescheitertes Leben mit ihr teilen würde. Obwohl es ihr nun unsägliche Schmerzen bereitete, sich daran zu erinnern, hatte sie damals ihren Retter wie eine alte Vettel angeschrien, sich aufgerappelt und
ihre Tochter so schnell wie möglich von ihm fortgezogen.
Sie errötete bis unter die Haarwurzeln, denn mehr hatte sie ihm nicht entgegenzusetzen, während sein stechender Blick auf ihr lastete. Welch unglücklicher Zufall hatte ihn wohl nach River’s Edge geführt? Sie konnte es sich nicht im Mindesten vorstellen, doch sie hoffte inständig, er möge so schnell als möglich wieder verschwinden. »Ich frage Sie noch einmal, zu wem möchten Sie denn, Monsieur?«
»Ich würde gerne Ihren Vater in einer Geschäftsangelegenheit sprechen, das heißt, falls er zu Hause ist.«
»Was könnten Sie denn schon mit ihm zu besprechen haben?« Die Frage war nicht gerade zuvorkommend, doch Reine hatte sie sich nicht verkneifen können.
»Sie zweifeln an meinen Worten?«
Ein gefährlicher Unterton lag in der Stimme von Christien Lenoir. Und plötzlich erinnerte Reine sich wieder an das dunkle Glühen, das von seinen Augen ausging, als sie sich damals auf der schlammigen Straße ansahen. Sie waren schmutzig gewesen, zersaust und mit kleinen Verletzungen übersät, doch für einen kurzen Augenblick brandete zwischen ihnen die heiße Glut der Anziehung auf. Allerdings waren sie auch kurz davor gewesen, sich zu streiten, woran sie jedoch durch die weinende Marguerite gehindert wurden.
Erneut fühlte Reine das Blut in ihren Adern kochen, es pulsierte durch ihren Körper und stieg ihr zu Kopf. Sie konnte sich nur mit Mühe darauf konzentrieren, was sie eben eigentlich gesagt hatte.
»Ich … ich muss gestehen, dass ich überrascht bin«, brachte sie endlich hervor. »Mein Vater erwartet Sie demnach?«
»So sollte es sein«, sagte Christien in einem rätselhaften Ton.
Sie zögerte, trat dann einen Schritt zurück und zeigte auf die andere Seite der Veranda. »Hier entlang bitte. Alonzo wird Ihnen Ihren Hut und den Reitmantel abnehmen und Sie dann zu ihm führen.«
»Sie sind zu freundlich, Madame.«
Seine Stimme war trocken, und seine Augen drückten eine feine Ironie aus, als er die Stufen heraufkam und an ihr vorbeiging. Er schien ein Ritter zu sein, mit seiner hünenhaften Statur, den breiten Schultern und dem, einem Zauberumhang gleichenden Reitmantel, dessen Enden im Wind flatterten. Falls die Anwesenheit des Jagdhunds ihn störte, so zeigte er zumindest nach außen keine Anzeichen der Unruhe, sondern ließ ihn nur an seiner Hand schnuppern. Chalmette machte von diesem unerwarteten Angebot Gebrauch, wedelte kurz mit dem Schwanz und verschwand dann wieder in Richtung seines Plätzchens unter der Hortensie.
Reine warf dem Hund einen verbitterten Blick zu und bemerkte aber gleichzeitig, wie der Besucher sie mit einem amüsierten Lächeln bedachte, so als verstünde er den Grund ihres Ärgers über die Abtrünnigkeit des Vierbeiners. Sie neigte ihren Kopf ein wenig in der Absicht, höflich ihren Rückzug ins Haus zu signalisieren, wohin sie sich dann auch begab.
Möglicherweise sah er ihr hinterher, doch sie war sich nicht ganz sicher, denn sie wagte es nicht, sich noch einmal umzudrehen, bevor sie die Eingangstür passiert hatte.
Die Ankunft des unerwarteten Besuchers versetzte sie in eine derartige Verwirrung, dass es ihr nicht mehr gelang, sich auf die Schreibtischarbeit zu konzentrieren.
Als sie ungefähr ein halbes Dutzend Zahlen in die falsche Reihe der Bilanz geschrieben hatte, wobei sie die Abrechnungen mehr als nur einmal durcheinanderbrachte, legte sie ihre Schreibfeder beiseite und verließ zum zweiten Mal ihren Arbeitsplatz.
Zwischen den beiden Verandatüren hing über dem Frisiertischchen in einem goldenen Rahmen ein kleiner Spiegel an der Wand. Sie trat unwillkürlich näher und betrachtete stirnrunzelnd ihre Erscheinung. Ihre Haare, die nie besonders ordentlich waren, hingen in Strähnen um ihr Gesicht, ihre Wangen waren wenig attraktiv gerötet, und zu alledem hatte sie auch noch einen Fleck indischer Tinte auf ihrem Kinn.
Mit einem unterdrückten Ausruf des Verdrusses zog sie ein Taschentuch aus ihrem bestickten Beutelchen, das an einer Kordel an ihrer Hüfte baumelte, direkt neben den nötigen Hausschlüsseln. Sie befeuchtete das Tuch mit ihrer Zunge und rieb mit aller Kraft, um die schwarze Tinte zu beseitigen. Nicht, dass es ihr etwas ausgemacht hätte, wie sie aussah, natürlich nicht. Ihr Aussehen war noch nie mehr als recht passabel gewesen und ihre Attraktivität eher mäßig, doch sie bevorzugte es, zumindest adrett zu sein.
Welche Geschäfte könnten Monsieur Lenoir wohl nach River’s Edge geführt haben?
Sie glaubte kaum, dass ihr Vater eine Unterweisung im Umgang mit Florett oder Degen brauchte, denn er war einst durchaus geübt im Fechten gewesen, auch wenn dies schon einige Jahre zurücklag. Ihm gehörte ihres Wissens auch keine Immobilie an der Passage de la Bourse, welche man als Atelier an einen Fechtmeister hätte vermieten können. Schließlich war er auch zu gutmütig, als dass er einen maître d’armes engagieren würde, um sich eines Feindes zu entledigen. Natürlich
nur für den Fall, dass Monsieur Lenoir überhaupt derart ehrlose Aufträge annahm.
Das Einzige, was sie sich vorstellen konnte, war, dass es sich um die Begleichung einer Ehrenschuld handelte. Ihr Vater war ein feiner Mann, doch er hatte ein Laster, nämlich das Glücksspiel. Bereits seit vielen Jahren ließ er es zu, dass diese Leidenschaft sein Urteilsvermögen trübte. Reines Mutter sprach früher manchmal davon, wie er noch in Zeiten vor ihrer Hochzeit das ein oder andere Vermögen gewann und auch wieder verlor. Erst kürzlich war er wieder einmal erst im Morgengrauen nach Hause gekommen, nach einer durchspielten und durchzechten Nacht, was ihn wohl, wie schon des Öfteren, knapp an Geldmitteln werden ließ.
Reine spürte ein Gefühl der Verachtung und der Missbilligung in sich aufsteigen, als ihr plötzlich klar wurde, was der Grund für den Besuch des Fechtmeisters war. Es handelte sich um nichts anderes als Spielschulden. Bargeld dürfte im Hause ihres Vaters eher knapp bemessen sein, das wusste sie nur zu genau, da sie ja heute Morgen die Buchhaltungsbelege durchgegangen war. Die meisten Plantagenbesitzer bauten in ihrer Bewirtschaftung auf zukünftigen Gewinn, wobei die Erntezeit meist ihre Hoffnungen erfüllte, jedoch nicht unbedingt jedes Mal. Nur eine einzige Ernte, die durch Trockenheit, eine Insektenplage, Krankheiten oder Unwetter zerstört wurde, konnte schon der Ruin des Landwirtes sein. In so einem Fall halfen dann nur noch gute Freunde oder entgegenkommende Banken, die eine letzte Rettung möglich machten.
Ihr Vater hatte bisher in Bezug auf die Wahl seiner Freunde und Geschäftsbekanntschaften immer ein glückliches Händchen bewiesen. Er selbst war aber
auch ein unbeschwerter und gutmütiger Mensch, der sich großzügig zeigte, wenn sich jemand in finanziellen Schwierigkeiten befand, sofern er bei Kasse war. Unabhängig davon, ob er beim Kartenspiel gewann oder verlor, er hatte kaum Feinde und galt als umgänglich und freundlich; für ihn das Geheimnis eines guten und erfüllten Lebens, wie er immer wieder betonte.
Die raue Wirklichkeit und ihr lieber Herr Papa waren nicht immer die besten Freunde, denn er hatte die Angewohnheit, unangenehme Fakten so lange wie möglich zu ignorieren. Zudem glaubte er, man solle Damen nicht mit finanziellen Sorgen belasten; und dies angesichts der Tatsache, dass es keine andere als Reine war, die Buch führte und die Ausgaben und Gewinne der Plantage nachrechnete.
Auch wenn ihre Zuneigung zu ihrem Vater groß und unerschütterlich war, so hatte sie doch, was diesen ungewöhnlichen Besuch betraf, ein unangenehmes Gefühl.
Das Verlangen, ganz genau Bescheid zu wissen, wie es um die Angelegenheit zwischen ihrem Vater und Monsieur Lenoir bestellt war, wurde mit jedem Augenblick, der verging, immer drängender. Sie fühlte Erleichterung, als Alonzo endlich in ihrem Zimmer erschien und ihr zu verstehen gab, dass sie auf der Veranda verlangt würde.
Der Besucher und ihr Vater erhoben sich kurz, als sie näher kam, ließen sich dann aber wieder auf ihren Stühlen nieder, während Reine sich einen Korbsessel nahm und mit im Schoß gefalteten Händen diskret neben sie setzte. Ihr Vater erinnerte in blumigen Worten an die erste Begegnung Lenoirs mit seiner Tochter und drückte seine Dankbarkeit gegenüber seinem Gast aus, der Reine und Marguerite
damals auf der Straße vor schwerwiegenden Verletzungen bewahrt hatte. Nachdem er diesen Vorfall allen nochmals ins Gedächtnis gerufen hatte, wurde er auf einmal ungewohnt schweigsam und ließ, die Stirn in Falten gelegt, den Blick seiner müden blauen Augen zwischen dem Besucher und Reine hin- und herschweifen. Versonnen schaute er über das Geländer der Veranda zu den sich bewegenden Sonnenflecken unter den alten Eichen. Schließlich blickte er erneut seinen Besucher an, schürzte die Lippen und holte tief Luft.
Ihr Vater wurde unzweifelhaft älter, wie Reine mit einem bangen Gefühl bemerkte. Leberflecken zeichneten sich auf seinen Handrücken ab, seine Gesichtszüge waren von tiefen Falten geprägt, und sein ehemals dunkles Haar war bereits von grauen Strähnen durchzogen. Als junger Mann noch ein Bon Vivant, heiratete er relativ spät, sodass er bei ihrer Geburt schon fast vierzig Lenze zählte. Die Ereignisse der letzten Jahre hatten zudem ihren Tribut gefordert, sodass sich die Leichtigkeit seiner Schritte verlor und das beständige Lächeln aus seinem Gesicht verschwand. Teilweise war auch sie dafür verantwortlich, das wusste sie ganz genau.
»Nun, Papa?«, fragte sie nach einer Weile. »Wolltest du mir irgendetwas mitteilen?«
»Ja, in der Tat, da gäbe es eine Angelegenheit … die ich erzählen muss … Ach, es ist eine unglückselige Geschichte, und es tut mir furchtbar leid. Es betrifft dich mehr als jeden anderen, und es scheint mir das Beste zu sein, dich als Erste darüber zu informieren, sodass du dann … Ach, Chérie!«
Reine war in diesem Moment nicht mehr nur besorgt, sondern äußerst alarmiert. Sie lehnte sich ein
wenig nach vorne. »Was ist los? Ist irgendetwas passiert? Bitte sag es mir sofort!«
Ihr Vater öffnete den Mund, und nach kurzem Zögern schloss er ihn mit einem Kopfschütteln wieder. Reine, die den Blick des Fechtmeisters auf sich spürte, drehte sich zu diesem um, in der Hoffnung, von ihm über die Angelegenheit aufgeklärt zu werden. Zum Glück enttäuschte er sie nicht.
»Was Ihr Vater versucht, Ihnen zu erzählen, Madame Pingre«, sagte er, und seine Stimme war ebenso neutral wie der Blick aus seinen schwarzen Augen, »ist, dass er den Rechtsanspruch auf dieses Anwesen verloren hat. Das Haus, die Möblierung, die Arbeiter und das dazugehörigen Land gingen über den Spieltisch. Sein Verlust ist mein Gewinn. Ich bin der neue Eigentümer von River’s Edge.«
Seine Worte waren eindeutig, doch ihr Verstand weigerte sich, die Bedeutung des Gesagten anzuerkennen. Das war schlimmer, weitaus schlimmer, als sie befürchtet hatte. »Was? Was haben Sie soeben gesagt?«
»Es stimmt«, antwortete ihr Vater stattdessen in einem Ton tiefer Trauer, während sie sich zu ihm umdrehte. »Alles ist dahin. Das Stadthaus im Vieux Carré ebenfalls.«
»Es tut mir leid«, beschwichtigte Lenoir.
Reine schloss die Augen, unfähig, das sicherlich geheuchelte Bedauern und seine unbeweglichen Gesichtszüge zu ertragen. »Glücksspiel«, stieß sie halb flüsternd hervor, ohne ihre Wut zu verbergen.
»Nun ja.« Ihr Vater fand seine Sprache wieder, jetzt, da die furchtbare Neuigkeit heraus war. »Meine Pechsträhne war unglaublich, so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich war absolut sicher, dass sich mir im Laufe der Nacht das Glück wieder zuwenden würde, doch
leider war dem nicht so.« Er zuckte resigniert mit den Schultern.
»Wie konntest du nur?«, fragte sie vor Wut bebend. »Hast du denn dabei überhaupt nicht an mich oder Marguerite gedacht? Was Maman angeht, so habe ich keine Ahnung, wie du ihr das beibringen willst.«
Ein Schatten von Beklommenheit huschte über das Gesicht ihres Vaters. »Die Sache steht nicht so schlimm, wie es den Anschein hat.«
»Wie schlimm könnte es denn noch sein? Wir werden hier ausziehen müssen und wissen nicht, wohin. Natürlich könnten wir für ein paar Tage ins Hotel gehen, aber wenn du so viel verloren hast …« Reine hielt inne und presste ihre Lippen zusammen, um sich selbst davor zu bewahren, noch mehr zu sagen. Es ging ihr gegen den Strich, vor ihrem Gast das ganze Ausmaß der Katastrophe auszubreiten. On lave son linge sale en famille, schmutzige Wäsche wird in der Familie gewaschen, wie die alten Frauen zu sagen pflegten.
Ihr Vater kratzte sich im Nacken, während sein Blick peinlich berührt wirkte. »Es werden keine allzu drastischen Maßnahmen vonnöten sein. Monsieur Lenoir und ich haben eine Absprache getroffen, die ganz gut funktionieren müsste.«
»Hinsichtlich ein wenig mehr Zeit, um unsere Angelegenheiten zu ordnen, meinst du das? Ich bin sicher, dass dies sehr zuvorkommend von ihm ist, aber es ändert nicht wirklich etwas an der jetzigen Situation.« Sie warf dem Fechtmeister einen vernichtenden Blick zu. Je mehr sie über die Sache nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien es ihr, dass ihr Vater alles aufs Spiel gesetzt hatte, erst recht gegen diesen Mann. Dies war einfach merkwürdig, außer natürlich,
die beiden hatten sich durch den Vorfall am Theater kennengelernt.
»Die Angelegenheit ist delikat, Chérie, aber sie sollte zufriedenstellend ausgehen, wenn alles wie geplant verläuft.« Ihr Vater stand so hastig von seinem Stuhl auf, dass seine Knie knackten. »Ich sollte zu deiner Mutter gehen, bevor sie sich entschließt, herunterzukommen, um unseren Besuch zu begrüßen. Monsieur Lenoir wird besser als ich in der Lage sein, dir die Sache so zu erläutern, dass … dass es zu deinem Wohlgefallen ausgeht. Ich werde ihn allein lassen, damit er dir seinen Standpunkt erläutern kann, so wie er es auch mir gegenüber dargestellt hat.«
Reine spürte, dass ihr das Herz bis zum Hals klopfte, als sie ihren Vater von dannen gehen sah, in einer Eile, dass die Enden seiner Rockschöße im Wind flatterten. Sobald seine Schritte im Inneren des Hauses verhallt waren, drehte sie sich zu dem neben ihr sitzenden Mann um.
Christien Lenoir lehnte sich bedächtig nach vorne und stütze seine Ellbogen auf der Lehne des Korbstuhls ab. Ein bedauerndes Lächeln umspielte seinen Mund, als er ihrem Blick begegnete, der Ausdruck in seinen Augen jedoch änderte sich nicht. Aus diesem Grund blieb sie wachsam und taxierte ihn, als ob sie es mit einem Gegner in einem feindlichen Duell zu tun hätte.
»Nun denn, Monsieur?«
»Dies mag für Sie vielleicht schockierend sein, doch es ist die Wahrheit, und ich hoffe, Sie werden mir deswegen keine Vorhaltungen machen.«
»Das kann ich kaum versprechen, da ich immer noch keine Ahnung habe, was sie eigentlich meinen.« Sie war verwirrt von dem Gefühl, ihr Herz so lautstark
gegen ihre Brust klopfen zu hören und von der unwiderstehlichen Anziehungskraft dieses Mannes, von dem sie ihren Blick nicht abwenden konnte.
»Nein, natürlich nicht. Die Sache ist die, dass mein Vorschlag völlig rational und logisch erschien, als er mir in den Sinn kam. Mit Ihrem Vater darüber zu sprechen, war nur eine einfache Geschäftsangelegenheit. Jetzt, mit Ihnen, sieht das schon ganz anders aus.«
»Das wird Sie ja hoffentlich nicht davon abhalten, es trotzdem zu tun.«
»Keinesfalls. Nachdem ich Sie wiedergesehen habe, bin ich erst recht davon überzeugt.«
Sie beobachtete genau seine Gesichtszüge. Seine Augen, die so dunkel waren wie die Nacht und von dichten Wimpern umrahmt wurden, die alle Gefühle verbargen. Der Widerschein der Sonne auf seinem markanten Gesicht und seinen tiefschwarzen Haaren. Seine Nase, die zwischen buschigen, ausdrucksstarken Augenbrauen seinem Gesicht prägnante Züge verlieh, wäre in einem weniger männlichen Gesicht vielleicht zu groß gewesen, doch ihre Form, die aufgrund ihrer scharfen Kanten an einen Adler erinnerte, gab ihm diese gewisse Note an Männlichkeit und Bestimmtheit. Sein Kinn war äußerst ausgeprägt, fast bedrohlich.
Christien Lenoir war, gemessen an der aktuellen Mode raffinierter Eleganz, nicht wirklich makellos. Von seinen teuflisch finsteren Gesichtszügen und dem kräftigen Bau seines Körpers ging jedoch eine Art dunkle Anziehungskraft aus. Seine maskuline Präsenz und seine eisenharte Entschlossenheit, die nur ein dünner Firnis von Zivilisiertheit überdeckte, schienen den sonnigen Morgen zu überstrahlen. Sie entdeckte an
ihm wirklich nichts, das ihr Grund für Hoffnung gab, er könnte sich dazu veranlasst fühlen, ihrem Vater die Spielschulden zu erlassen.
Sie senkte ihren Blick und ließ ihn für einen Augenblick auf der Manschette seines Hemdärmels ruhen. Der Leinenstoff war hauchdünn und an den Enden bereits ausgefranst. Seine eigentlich schwarze Krawatte hatte durch ihr Alter einen rötlichen Glanz bekommen. Seine aus Wolle gewebten Hosen waren an den Knien bereits mehr ausgebeult, als es gesellschaftlich tragbar war. Es schien, als ob er River’s Edge so nötig bräuchte wie sie selbst, ja er war wohl geradezu darauf angewiesen. Was aber, um alles in der Welt, konnte er dann von ihr noch wollen?
Ein unangenehmer Gedanke bemächtigte sich ihrer und ließ eine Welle der Hitze durch ihre Adern branden. Er hatte einen Vorschlag erwähnt. Was, wenn er damit einen Antrag meinte? Nein, das konnte einfach nicht sein.
Sich nur mühsam beherrschend, presste sie hervor: »Ich möchte gar nicht erst raten, welche Pläne Sie im Kopf haben, denn ich nehme nicht an, dass Sie daran gedacht haben, dass mein Vater River’s Edge von Ihnen pachten soll.«
»Das wäre mir ganz und gar nicht recht.«
»So etwas habe ich schon befürchtet. In diesem Fall hätten Sie mich ja in Ihre Planungen auch nicht einweihen müssen. Wollen Sie sich vielleicht als Plantagenbesitzer niederlassen? Dann bräuchten Sie womöglich das Fachwissen meines Vaters und mich, um Ihren Haushalt zu führen?«
»Etwas in dieser Richtung.«
»Sie können von Papa aber kaum erwarten, dass er Ihr Aufseher wird«, entgegnete sie abweisend. »Nicht
weil er ungefällig wäre, sondern weil er dazu einfach nicht die nötigen Fähigkeiten hat, verstehen Sie. Er ist und war schon immer ein Gentleman.«
»Also ist es ihm verboten, seinen Lebensunterhalt wie ein gemeiner Arbeiter zu verdienen. Mir ist der Unterschied durchaus bewusst.«
Sie ignorierte den rauen Unterton in seiner Stimme und fuhr fort: »Auch meine Mutter würde es wohl kaum akzeptieren, in das Haus des Aufsehers umzuziehen. Es ist … ist einfach nicht angemessen.«
»Madame Cassard würde sich lieber von irgendeinem Verwandten aushalten lassen und ein Leben als Gesellschafterin führen, als die Annehmlichkeit eines Haushaltes aufzugeben, der ausreichend Personal zur Verfügung hat, um ihre Wünsche zu erfüllen. Das ist absolut verständlich. Aber in diesem Fall ist es ja wohl eher so, dass Sie, Ihr Vater und Ihre kleine Tochter auf meine Kosten leben werden.«
Reine blickte ihn irritiert an und knetete nervös ihre im Schoß gefalteten Hände. »Sie sind nicht … wir sind nicht auf ihre Wohltätigkeit angewiesen.«
»Wirklich nicht?«
Die Frage war ein weiteres Mal mit einem verwirrenden Anflug von Sympathie gestellt. Ein aufglimmernder Hauch von Gold inmitten der dunklen Iris seiner Augen drückte dabei eine gewisse Sanftheit aus. Reine lehnte diese Unterstellung ohne das geringste Zögern ab. »Auf keinen Fall.«
»Ich verstehe natürlich, dass sich die Sache für Sie anders darstellt. Vorausgesetzt, Sie wären dazu bereit, eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen, würden Sie selbstverständlich die Herrin auf River’s Edge werden.«
Sie starrte ihn einen langen Augenblick entgeistert
an. »Die Herrin«, wiederholte sie mit leichtem Unverständnis.
»Nun, ich wollte damit sagen, anstelle ihrer Mutter, die im Moment diese Position innehat. Die diesbezügliche Verantwortung würde natürlich als meine zukünftige Frau in Ihren Aufgabenbereich fallen.«
Sie sah in seine tiefschwarzen Augen, völlig verunsichert, ob die von ihm so sanft, aber doch klar und deutlich gesprochenen Worte wirklich die Bedeutung hatten, die sie eben verstanden zu haben glaubte. Gleichzeitig durchströmte sie ein wohliges Gefühl, ihre Brustwarzen erhärteten sich, und sie spürte, wie sich brennende Hitze zwischen ihren Schenkeln ausbreitete. Sie fühlte sich ein wenig benommen und schloss instinktiv die Finger fester um die Lehne des Korbstuhls.
»Ihre Frau«, sagte sie ganz schwach.
»Sie müssen zugeben, dass dies auf der Hand liegt, die beste Lösung für alle. Als Ihr Ehemann würde ich von River’s Edge Besitz ergreifen können, ohne Ihre Familie brüskieren zu müssen. Es würde sich auch kaum etwas ändern, außer dass wir einander gesetzlich verbunden wären.«
Besitz ergreifen. Was für ein aggressiver Ausdruck, einer, bei dem sich ihre Zehen unwillkürlich zusammenkrampften.
Reine war schon einmal verheiratet gewesen. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass wieder jemand von ihr Besitz ergriff. Ihr verschwommener Blick klärte sich plötzlich auf, und mit einer entschlossenen Drehung ihres Kopfes wandte sie sich ihm zu. »Unmöglich«.
»Unwahrscheinlich zumindest«, entgegnete der Fechtmeister, ohne dabei seinen Gesichtsausdruck zu verändern, »aber vielleicht nicht unmöglich.«
»Sie verstehen nicht. Ich verspüre nicht den geringsten Wunsch, noch einmal zu heiraten.«
»Lieber würden Sie demnach in Kauf nehmen, dass Ihre Eltern und Ihre Tochter das liebgewonnene Heim verlassen müssten?«
»Nein, das nicht … aber ich kann wirklich nicht …«
»Sie sträuben sich gegen die Vorstellung, mit einem Mann verheiratet zu sein, der seinen Lebensunterhalt als Waffenlehrer verdient hat.«
»Das ist es nicht.« Sie meinte das wirklich so, denn seit dem Tod ihres Mannes wusste sie, was es heißt, gesellschaftlich gebrandmarkt zu sein.
Nichtsdestoweniger erschien es ihr seltsam, dass sie von so einem Mann einen Antrag erhielt. Theodore, ihr verstorbener Mann, hatte immer eine besondere Angst vor Fechtmeistern. Diese waren eine Art exklusive Bruderschaft, deren Mitglieder meist unterwegs waren, um Ungerechtigkeiten gegenüber Schwächeren, insbesondere Frauen und Kindern, zu rächen. Dabei waren sie in der Wahl ihrer Mittel oft nicht zimperlich und berücksichtigten kaum Stand und Ehre ihrer Opfer.
»Sie lehnen mich als Person ab«, fuhr Christien Lenoir fort.
Sie warf ihm einen schneidenden Blick zu, der sein ebenmäßiges Antlitz traf, aber auch auf seine muskulösen Schultern und seine langen, kräftigen Beine fiel, die sich durch den dünnen Stoff seiner Hose abzeichneten. »Seien Sie nicht lächerlich. Meine Präferenzen spielen hierbei keine Rolle.«
»Ich widere Sie also nicht an. Demnach machen wir schon Fortschritte.«
Seine Stimme hatte einen nicht kalkulierbaren Unterton. Mit Entschlossenheit streckte sie ihr Kinn vor,
während ihr hitziges Temperament über die innere Aufgewühltheit siegte. »Sie müssen wissen, man beschuldigt mich, dass ich meinen ersten Mann habe umbringen lassen. Natürlich nur für den Fall, dass ich ihn nicht eigenhändig zu Tode gebracht habe. Sie würden demnach ihr Bett mit einer mutmaßlichen Mörderin teilen.«
Sie hatte das Falsche gesagt, das wusste sie sofort. Die Gerüchte waren ja nur aufgekommen, weil Theodore umgebracht wurde, während er schlief, doch dieser Fechtmeister konnte das natürlich nicht wissen. Mit unterdrückter Sorge wartete sie seine Antwort ab.
Er ließ sie auch nicht lange warten.
»Mich zu töten, würde sicherlich nicht so leicht sein, deshalb bin ich auch durchaus bereit, das Risiko einzugehen«, sagte er mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht, das seine dunklen Augen aufleuchten ließ wie einen guten alten Cognac. »In der Tat kann ich mir nichts Angenehmeres vorstellen, als mit Ihnen mein Bett zu teilen.«