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Über dieses Buch:

Kochen, waschen, Kinder kriegen? Für Marlene Schubert ist das der absolute Albtraum! Sowohl ihr Mann als auch ihre Eltern wollen die junge Frau unbedingt in diese gehorsame Form pressen. Statt die perfekte Hausfrau zu mimen, nimmt Marlene ihr Leben lieber selbst in die Hand: Ein Job muss her und der Ehemann weg! Ersteres ist schnell gefunden und die Scheidung das geringste Problem. Powerfrau Marlene erklimmt als Single die Karriereleiter – doch beruflich und privat brechen so einige Stufen ein …

Über die Autorin:

Die Romane Annemarie Schoenles werden millionenfach gelesen, zudem ist sie eine der begehrtesten Drehbuchautorinnen Deutschlands (u. a. Grimme-Preis). Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von München.

Bei dotbooks erschienen bereits Annemarie Schoenles Romane »Frauen lügen besser«, »Frühstück zu viert«, »Verdammt, er liebt mich«, »Nur eine kleine Affäre«, »Du gehörst mir«, »Ringelblume sucht Löwenzahn«, »Ich habe nein gesagt«, »Familie ist was Wunderbares«, »Abends nur noch Mondschein« und die Sammelbände »Frauen lügen besser & Nur eine kleine Affäre« »Ringelblume sucht Löwenzahn & Abends nur noch Mondschein« sowie die Erzählbände »Der Teufel steckt im Stöckelschuh«, »Die Rache kommt im Minirock«, »Die Luft ist wie Champagner«, »Das Leben ist ein Blumenstrauß«, »Dreitagebart trifft Minirock«, »Tanz im Regen« und »Zuckerherz und Liebesapfel«.

Die Website der Autorin: www.annemarieschoenle.de

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eBook-Neuausgabe Februar 2015

Copyright © der Originalausgabe 1994 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Reljic Alexandra.

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95520-942-1

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Annemarie Schoenle

Eine ungehorsame Frau

Roman

dotbooks.

Frauen haben über Jahrhunderte hinweg als Spiegel gedient mit der magischen und köstlichen Kraft, das Bild des Mannes in doppelter Größe wiederzugeben.

Virginia Woolf

Für Reinhard und Sonja

PROLOG
1993

Meine Sekretärin legte den Hörer auf, als ich das Zimmer betrat. Sie lächelte mir zu, nickte, schrieb weiter. Eine Agentur hatte sie mir geschickt, letztes Jahr, als ich den Firmenskandal verursachte und Frau Rotthaler, die nicht Sekretärin, sondern Assistentin genannt werden wollte, sich versetzen ließ. Sie könne nicht mit einer Frau zusammenarbeiten, sagte sie zum Personalchef, deren Lebensbasis rücksichtsloser Ehrgeiz sei. In Wirklichkeit wußte sie natürlich, daß sie meinen Ansprüchen nicht genügte und daß mich ihr täglich um halb fünf praktizierter vorwurfsvoller Blick und ihr aufsässiges »Ich muß schließlich Rücksicht auf meinen Mann nehmen« an den Rand meiner Toleranz trieben.

Dabei ging es nicht um meinen Ehrgeiz, sondern um Neid. Auf der einen Seite nannte sie mich eine halbe Portion Frau, weil ich keinen auf ein warmes Abendessen pochenden Ehemann aufzuweisen hatte, andererseits entrüstete sie sich über meine Moral. Ein ehemannloses Bett muß nicht zwangsläufig ein leeres Bett sein, das blieb ihr natürlich nicht verborgen, und ich vermute, daß sie einer erotischen Versagerin als Vorgesetzter wesentlich eifriger unter die Arme gegriffen hätte als einer Frau, die sowohl mit dem Inhaber der Firma als auch mit dessen Schwiegersohn liiert war. Ich sagte ihr, daß meines Wissens der Arbeitsvertrag mit ihr geschlossen worden sei und nicht mit ihrem Mann und daß es mich relativ kaltließe, ob er am Abend sein cholesterinsteigerndes Schweinekotelett pünktlich auf dem Teller vorfinde. Diese Bemerkung trieb Frau Rotthaler endgültig in die Gewissenskrise; sie wechselte in die kartographische Abteilung. Dort wurden keine Überstunden verlangt, und ihr Vorgesetzter war ein Mann. Er hieß Behrendt und zeigte Verständnis für Herrn Rotthaler. Herr Behrendt hatte selbst eine Frau, die versessen darauf war, das Schweinekotelett pünktlich zu servieren. Was Herrn Behrendt aber nicht hinderte, ab und zu zarte Brüstchen zu kosten. Bei einer jungen Aushilfskraft.

Janine Engelbrecht, meine neue Sekretärin, folgte mir in mein Zimmer. »Alles Gute«, sagte sie und gab mir die Hand. Ich mochte Janine. Sie war mit einem Klinikarztverheiratet, sie war sachlich, einsatzfreudig und verkörperte für mich jene Generation junger Frauen, die versuchten, den Slogan »Emanzipation oder Ehe« durch ein veränderndes »und« zu optimieren. Was heute, in der Zeit eines gewissen Übergangs, zugegebenermaßen immer noch schwierig ist.

Auf dem Schreibtisch, in einem Glaskrug, stand ein Frühlingsstrauß. Die Karte lag daneben. Ich öffnete sie. Alle Mitarbeiter meines Geschäftsbereiches hatten die Geburtstagswünsche unterschrieben, und ich sagte Janine, daß sie für den späten Vormittag einen Sektempfang vorbereiten solle.

Dann erledigte ich ein paar Telefonate und bestellte einen Tisch in dem kleinen italienischen Lokal, das Andrea so mochte. Andrea war meine Tochter. Zwanzig Jahre alt. Sie studiert in Berlin. Sie wollte Umweltingenieurin werden und ihr Hauptaugenmerk, wie sie sagte, auf den ökologisch ausgerichteten Umweltschutz legen. Das hatte sie mir an dem Tag erklärt, als wir in den Jagdstuben ihr Abitur feierten. »Beim ökologisch ausgerichteten Umweltschutz«, sagte sie und schob sich eine Gabel becquerelverseuchter Pilze in den Mund, »steht das Erkennen größerer Funktionszusammenhänge und wechselseitiger Abhängigkeiten der Umwelt im Vordergrund.« Georg und mir lag dieser druckreife Satz wie schwerer Hirsebrei im Magen, aber Andrea klärte uns unverdrossen auf. Das Ziel dieser Fachrichtung sei es, die menschlichen Eingriffe in die Umwelt so zu steuern, daß das ökologische Gleichgewicht nicht gefährdet würde.

Es gibt mir heute noch einen Stich, wenn ich daran denke, wie liebevoll Georg Andrea bei diesen Worten umarmte und ihr später als Abiturgeschenk eine sündteure Armbanduhr überreichte. Georg. Der beste Mann in meinem Leben. Der emanzipierteste. Der zärtlichste. Und gestorben durch meine Schuld und die Schuld seiner eigenen Tochter.

Andreas Vater, Bernhard Strittmeister, fand das Ökologiestudium natürlich idiotisch. »Ein Studium ohne Berufsaussichten«, prophezeite er. Daß er Umweltschutz sowieso für überflüssig hielt, sagte er nicht, weil Andreas spitze Zunge allgemein gefürchtet wurde – wie die meine, damals, als ich in Andreas Alter war. Bernhards Verständnis für wie auch immer geartete Ideale war noch genauso verkümmert wie zu meinen Zeiten, da ich das Grünbuch der Ökologie demonstrativ auf seinen Nachttisch legte und ein Poster über sein Bett nagelte mit dem schönen, aber nutzlosen Satz:

WIR HABEN DIE WELT VON UNSEREN KINDERN NUR GELIEHEN.

Nach dem Sektempfang fuhr ich nach Hause. Ich duschte, zog mich um und wartete auf David. Als ich am Flurspiegel vorbeikam, blieb ich stehen. Ich versuchte, mich mit fremden Augen zu sehen. Braunes, schweres Haar, Sommersprossen, graue Augen, Fältchen um die Augen, wie eingeritzt. Meine Nase ist zu breit, mein Mund zu voll, und für einen winzigen Moment habe ich wieder das Gefühl, nichts wert zu sein. Wie als Pubertierende, als ich meinen Anblick verabscheute; denn die Gesichter und Körper um mich herum waren mir meilenweit voraus. Rotgefärbte Lippen, transparente Lidschatten, lange Röcke, ausgefranste Jeans. Und Namen, die ich nicht kannte. Che Guevara, Ho Tschi Minh – mein Vater schaltete auf Quizsendungen um, wenn sie im Fernsehen den Vietnamkrieg zeigten. Als Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger ohrfeigte, fiel ich fast vom Stuhl vor Schreck. Ich sah, wie die Adern auf der Stirn meines Vaters anschwollen. Dieses nichtsnutzige Weib ohrfeigte Kiesinger! Ich überlegte mir, was gewesen wäre, wenn ein nichtsnutziger Mann ihn geohrfeigt hätte. Aber in solchen Momenten verwirrten sich meine Gedanken immer. Ich hatte Schwierigkeiten, die Fäden logisch aufzurollen und zum Ende des Knäuels zu kommen, ich hatte ein Wissensdefizit, eine geistige Blockade, das spürte ich. Deshalb flüchtete ich mich weg von den toten Vietnamsoldaten, weg vom geohrfeigten Kiesinger, hinein in die Liebesromane meiner Mutter. Da war die Welt zwar nicht in Ordnung, weil ich nicht an sie glaubte – so blöd war ich nun auch wieder nicht –, aber sie zuckerte mich zu. Ich saß in einem Kokon aus Zuckerwatte, und wenn der Held die Heldin innig fragte, ob sie mit ihm ein ganzes Leben teilen wolle, sank sie an seine Brust, und die war breit, und die war männlich, und eine Brieftasche steckte auch drin. Da war keine Rede vom Vietnamkrieg, da gab es keinen Rudi-Dutschke-Attentäter namens Bachmann, da formierte sich nicht die RAF. Nein. Da waren nur Kabale und Liebe, aber die Intrigen wurden aufgeklärt, und die Liebe führte stracks zum Traualtar.

Wie ich es geschafft hatte, so ganz ohne besondere Neigungen und Ambitionen achtzehn Jahre alt zu werden und zwei Jahre vor dem Abitur zu stehen, ist mir heute noch ein Rätsel. Aber so war es eben. Mein Vater, ein Maurer, hielt nicht viel von Frauen, sie gehören in die Küche, sagte er grinsend zu meinen beiden jüngeren Brüdern, die es besser gemacht hatten als ich. Sie hatten schlechte Noten, was in den Augen meines Vaters auf handwerkliches Geschick hinwies, und sie wollten nicht so hoch hinaus wie »gewisse Weiber«.

Meine Mutter wehrte sich nicht bei solchen Worten, wahrscheinlich, weil sie damals insgeheim auch nicht viel von Frauen hielt. Sie predigte mir immer Bescheidenheit, meinte aber etwas anderes. Sie meinte, ich solle keine Ansprüche an die Männer stellen, sondern warten, was die Männer von mir wollten. Und was sie wollten, war klar: eine »gute« Frau. Sie klärte mich nie auf, was eine »gute« Frau war, aber ich wußte es auch so. Eine gute Frau war die pure Idiotin. Sie verwöhnte den Mann, sie unterstützte ihn, sie pflegte ihn, sie tröstete ihn. Und was bekam sie zurück? Haushaltsgeld, das nie reichte, derbe Worte, wenn sie sich nach Zärtlichkeit sehnte, Vorwürfe, wenn sie selbst einmal schwach war. Nein danke, dachte ich und schwor mir, daß ich mein Leben anders leben wollte. Aber wie, wenn die Zuckerwatte wie ein riesiger Berg die Realität verdeckte?

Und dann begegnete ich mit achtzehn Jahren Bernhard Strittmeister; er baute in unserer Schule Verteilerkästen ein. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, Elektroingenieur, und verströmte eine Männlichkeit, die mich hätte mißtrauisch machen müssen. Aber ich hatte wieder einmal Streit mit meinem Vater, ich war verzweifelt, und Bernhards Brust unter dem grauen Elektrokittel war breit, sie war männlich, und eine Brieftasche enthielt sie auch.

Ich war so fasziniert von dem Gedanken, einen aufstrebenden jungen Mann, der allerdings noch in der Firma seines Vaters arbeitete, kennengelernt zu haben, daß ich die Ratschläge meiner Freundin Johanna in den Wind schlug. Johanna hatte mir geraten, schleunigst einen Gynäkologen aufzusuchen und mir die Pille verschreiben zu lassen. Aber ich verließ mich auf Bernhards Reife und auf seinen praktizierten Coitus interruptus, der mich immer maßlos erschreckte, weil er von Bernhard so ruckartig ausgeübt wurde, daß ich mich fragte, ob die Absonderungen in meinem Inneren im entscheidenden Moment siedendheiß wurden. Einen Orgasmus hatte ich nie, aber das war in Ordnung. Von Orgasmus war in meinen Liebesromanen nicht die Rede gewesen, und Hauptsache, Bernhard war zufrieden. Irgendwann war der Coitus nicht interrupt genug. Ich wurde schwanger, ich verließ die Schule, und wir heirateten.

Es klingelte. David. Ich öffnete die Tür. Wie immer, wenn ich ihn sah, verkrampfte sich für einen Moment mein Herz. Mir ging es mit seinem Anblick wie jenen Frauen, die ihren Leinwandhelden Jahr für Jahr im Kino sehen und dabei eine solche Nähe verspüren, daß sie das Gefühl haben, ihn berühren, mit ihm sprechen zu müssen, während sie gleichzeitig die Erkenntnis durchzuckt, daß das Gesicht, das man liebt, ebenso älter wird wie das eigene und daß man es verhindern möchte. David hat einen schwedischen Vater und eine deutsche Mutter. Von der Mutter erbte er die Geschäftstüchtigkeit, vom Vater das unnachahmlich blonde, schlaksige, elegante Aussehen. Ein Typ wie Mel Ferrer, als er in den besten Jahren war.

»Happy birthday, Marlene«, sagte er und überreichte mir eine weiße Rose.

Ich lächelte. Eine weiße Rose hatte er mir an meinem ersten Arbeitstag als Empfangssekretärin des Verlagshauses Winterborn auf den Rezeptionstisch gelegt. Wie lange war das her? Vierzehn Jahre schon?

Ich entkorkte den Champagner. »Hast du etwas Neues von Karola gehört?«

»Sie hat die Scheidung eingereicht. Wir haben uns gestern beim Anwalt getroffen.«

Er kam zu mir. »Ich bin froh, wenn alles ausgestanden ist.« Er lehnte seinen Kopf an meinen Hals, müde, so kam es mir vor. Ich spürte seinen Atem.

»Vermißt du deine Arbeit im Verlag?« fragte ich.

»Ja. Natürlich. Ich habe eine Menge Zeit und Energie investiert. Auch Gefühl.« Er lachte. »Ich glaube, ich habe Karola auch wegen Georg geheiratet. Als allererstes liebte ich meinen Schwiegervater und seinen Verlag.« Er schwieg, und ich wich seinem Blick aus. Wir hatten eine stillschweigende Übereinkunft getroffen. Kein Wort über Georg. Es tat einfach zu weh, an ihn zu denken.

»Karola hat einen neuen Produktionsleiter gefunden«, sagte ich.

»Kenn’ ich ihn?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ein Mann aus Hamburg. Jung.«

David lächelte schmerzlich. »Jung … Und du? Wie kommst du mit Karola zurecht?«

»Sie meidet mich, trotz der großen Aussprache, die wir hatten. Aber sie braucht mich. Mein Geschäftsbereich hatte ein glänzendes Ergebnis.«

Wir schwiegen. Dann sagte er: »Mit achtundvierzig ist es schwer, von vorn zu beginnen. Aber …« Sein Gesicht erhellte sich. Er ergriff meine Hände. »Marlene. Ich habe ein großartiges Angebot erhalten. Aus Stockholm. Ein renommierter Werbeverlag. Ich könnte nächsten Monat schon beginnen.«

Stockholm … Ich starrte ihn an.

Sein Griff wurde fester. »Und du kommst mit. Du legst Karola die Kündigung auf den Tisch und gehst mit mir nach Schweden. Wir mieten uns ein Haus … Du, ich weiß, Stockholm wird dir gefallen.« Dann meinte er noch, daß es für mich besser sei, nicht mit seiner Frau unter einem Dach arbeiten zu müssen, nicht ständig mit dem, was geschehen war, konfrontiert zu werden. Zuviel Vergangenheit sei es, die mir an den Fersen klebe.

Ich stand auf und ging zum Fenster. Ich bewohnte eine Maisonettewohnung, deren große Terrasse mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt war. Die Forsythien in den Holzbottichen standen schon in Blüte. Zuviel Vergangenheit? Auch die Vergangenheit gehörte zu meinem Leben. Einfach weggehen, dachte ich. Alles verlassen. Konnte ich das?

»Aber ich spreche kein Wort Schwedisch. Was soll ich tun in Stockholm?«

David lächelte. »Das Haus einrichten, die Stadt erobern, dir neue Freunde suchen, alles, was du willst. Und wenn ich von Karola geschieden bin, dann …«

Er sah mich an. Die Sonne fiel auf sein Haar, in seinem Gesicht waren zwei tiefe Falten, die sich von der Nase zum Mund zogen. Sein Haar lichtete sich, er trug jetzt eine Brille. »Das kommt alles so überraschend, David.« Ich war verwirrt. Warum zögerte ich? So kurz vor der Ziellinie. Weil ich Georg auch geliebt hatte? Aber ich hatte auch einmal Bernhard geliebt und Niklas. Es gab immer wieder neue Lieben. Ein bunter Wirbel war in meinem Kopf, Gesichter, Stimmen, Gefühle, als sei ich nach innen gestülpt.

Bevor ich antworten konnte, klingelte es, dann hörten wir das Türschloß schnappen.

»Das ist Andrea.« Ich umarmte David. »Wir sprechen morgen drüber, einverstanden?«

Ich lief auf den Flur. Andrea ließ ihre Tasche fallen und drückte mich an sich. »Na, du altes Mütterlein? Hast du den Geburtstagsschock überwunden?«

Sie ging an mir vorbei, begrüßte David und ließ sich auf die Couch plumpsen.

David legte ein Päckchen auf meinen Sekretär. »Schau später hinein«, sagte er zu mir.

Er verabschiedete sich. Er wollte Andrea und mich allein lassen, er war immer sehr rücksichtsvoll in solchen Dingen. An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Nächstes Jahr an deinem Geburtstag könnten wir heiraten. Was hältst du davon?« Er zwinkerte Andrea zu, und Andrea grinste.

Für einen Moment wurde ich ganz ruhig. Ein Kreis schien sich zu schließen. David nicht mehr als Liebhaber, sondern als Ehemann. Ich fühlte mich erschöpft, als hätte ich einen weiten Weg zurückgelegt.

Später stand ich im Badezimmer und schminkte mich. Andrea kam herein. Sie hatte sich umgezogen, ein Kleid, lange Ohrringe, flache Schuhe. Ihre Haut an den Armen und am Hals war sehr weiß; sie war ein rotblonder Typ und mied die Sonne.

Sie setzte sich auf den Wannenrand. Das hatte sie schon als Kind gern getan, wenn ich mich zurechtmachte. »Nimm den rosa Lippenstift«, hatte sie mich gebeten, oder: »Du mußt noch Farbe auf die Augen tun«, während wir uns anlächelten, zwei Frauen, die im Dschungel des Lebens ihre Tarnkappen aufsetzen.

»Ich muß mit dir reden.«

»Ja?« Ich besprühte mich mit Parfum.

»Ich bin mit einem Mann zusammen. Thomas. Er macht gerade sein Chemiediplom.«

»Wie schön.«

»Ich bin schwanger.«

Unsere Augen trafen sich im Spiegel. Ich wußte, daß von mir etwas erwartet wurde, eine positive Regung, ein Freudenschrei, mütterliche Sanftheit. Wie im Kino. Aber in mir war nur Wut.

»Und?« fragte ich knapp.

Andrea stand auf. Ihr Gesicht war gerötet. »Wir werden heiraten.«

»Und dein Studium?«

»Das hänge ich an den Nagel.«

Jetzt drehte ich mich um. »Bist du verrückt?«

Sie zog die Lippen ein. Auch das hatte sie schon als Kind gemacht. Man war in solchen Momenten chancenlos.

Wir gingen schweigend ins Wohnzimmer zurück. Ich setzte mich und trank einen Schluck Champagner. Großmutter, dachte ich, warum hast du so zornige Augen?

»Willst du auch ein Glas?« fragte ich.

Sie nickte.

Ich versuchte es mit Sachlichkeit. Natürlich sei es ganz und gar ihre Angelegenheit, wann sie ein Kind in die Welt setzen wolle. Natürlich freute ich mich, daß sie einen netten Mann kennengelernt habe. Ich würde sie auch finanziell unterstützen, damit sie zu Ende studieren könne und das Kind behalten. »Das ist heute doch gar kein Problem mehr«, sagte ich.

Sie lächelte, ganz seltsam, als wisse sie etwas, das ich nie und nimmer begreifen würde. »Gib dir keine Mühe, Mam. Thomas und ich wollen eine schrecklich altmodische Beziehung haben.«

Was sie darunter verstehe, fragte ich.

Thomas habe einen Bausparvertrag abgeschlossen. Es sei auch schon eine Stellung in Aussicht, und zwar bei jenem Unternehmen, das jetzt seine Diplomarbeit finanziere. Er werde also der Ernährer sein, sie die Hausfrau.

»Ach«, sagte ich spöttisch. »Du willst also deine Kuchen selbst backen, Kirschmarmelade einkochen, Spitzengardinen säumen … die alte Leier.«

»Genau.«

»Und was machst du, wenn eure Ehe kaputtgeht? Oder dein Thomas einen Unfall hat und zum Krüppel wird? Womit willst du dann euren Unterhalt verdienen? Mit dem Einkochen von Kirschmarmelade?«

»Ich hab’ gewußt, daß du so reagieren würdest«, sagte sie böse.

»Was hast du erwartet? Daß ich vor Freude einen Luftsprung mache?«

»Es ist doch nicht dein Leben! Was regst du dich so auf?«

Ich versuchte einzulenken. »Andrea. Bitte denk ein bißchen weiter als bis zum Traualtar. Ich habe immer gemeint, ihr seid heute anders. Realistischer.«

»Ich bin realistisch. Ich will ein Familienleben haben.«

»Und dich ganz von einem Mann abhängig machen?«

»Mein Gott! Mußt du deine trüben Erfahrungen unbedingt immer auf andere projizieren?«

Ich sagte ihr, daß eine Frau ohne jegliche Berufsausbildung sich in ein Abhängigkeitsverhältnis begebe, das sie immer bereuen müsse. Daß ihrem Wunsch nach Familienleben ja nichts entgegenstünde, wenn sie nur auch an ihre Weiterbildung denke.

»Ich habe Abitur und werde Ehefrau und Mutter. Ist das keine Berufsausbildung?«

»So wie du es meinst, ist es Gartenlaube.«

»Vielleicht sähe es auf unserer Welt anders aus, wenn wir an traditionelle Werte anknüpften.«

Ich saß wieder in meinem Kokon aus Zuckerwatte und hörte meine Mutter reden. Werde eine gute Frau, Marlene …

Ich stellte mein Glas mit einem Ruck ab. »Willst du damit sagen, daß du dich jetzt der Zierdeckchenromantik hingibst, Möbelkataloge wälzt und wieder die alten Klischees zum Leben erweckst?«

»Was verstehst du unter Klischees? Wenn ich für meine Familie da bin? Vielleicht will ich drei oder vier Kinder haben. Dann könnte ich sowieso nicht mehr arbeiten.«

»Auch mit drei Kindern mußt du einen Beruf haben, auf den du im Notfall zurückgreifen kannst.«

»Es stört mich nicht, finanziell von meinem Mann abhängig zu sein.«

Ich stöhnte auf. »Natürlich. Das ist genau das, wofür wir gekämpft haben. Was seid ihr eigentlich? Eine Rückzugsgeneration?«

»Und was wart ihr? Egoistenweiber. Alles wolltet ihr auf einmal haben. Beruf, Haushalt, Familie …«

»Wenn beide zusammen helfen, Mann und Frau …«

»Ich hasse das ganze theoretische Gequatsche. Ich stelle fest, daß wir nicht genügend Kindergartenplätze haben, daß das Kindergeld gekürzt werden soll, und die Frauenförderung wird auch beschnitten. Toll!«

»Ja, eben! Das Universum schlägt zurück. Ist dir das nicht klar? Solange die Frauen nur gezetert haben, mußten die Männer nicht sonderlich reagieren. Aber jetzt bläst der Wind schärfer, also reagieren sie.«

»Eins kapier’ ich nicht. Du redest von den Männern, aß seien sie deine Feinde. Dabei konntest du dich über Männermangel in deinem Leben bei Gott nicht beklagen. Da hab’ ich von Abneigung nichts bemerkt.«

»Man gibt eben die Hoffnung nicht auf.« Ich lachte. Außerdem gebe es eine Reihe von Männern, die ihre Frauen unterstützten. Dann führte ich Beispiele auf, in denen erfolgreiche Frauen durchaus Familie und Beruf unter einen Hut brachten. »Und sieh doch mich an, mir ist es schließlich auch geglückt, Karriere zu machen, ohne daß du verwahrlost bist.«

Andreas Augen waren plötzlich wie Metall. Als hätte sie auf diese Stunde, auf dieses Argument gewartet. Sie hielt mir vor, daß sie sehr wohl darunter gelitten habe, eine Mutter zu besitzen, der der Beruf über alles ging. Daß sie meinen Ehrgeiz nicht geerbt habe, daß sie eben ein sanfterer Typ sei. Und daß sie Menschen, die ihre Lebensform als die einzig wahre ansähen, auf den Tod nicht ausstehen könne.

Ich schwieg. Weil es schmerzte, sich zu verteidigen. Ja. Ich war versessen auf Karriere. Aber nicht nur, weil ich meine Flexibilität und mein geistiges Potential ausschöpfen wollte, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Das Leben in dieser Wohnung, die Andrea so liebte, war teuer. Das Studium in Berlin war teuer. Alles, was zur Steigerung der Lebensqualität beitrug, war teuer.

»Du meinst also, wenn ich keinen Ehrgeiz besessen hätte und nur eine schlechtbezahlte Fabrikarbeiterin geworden wäre, wäre ich eine bessere Mutter gewesen?«

»Verdreh mir nicht die Worte im Mund.« Auf jeden Fall sei es mir nicht nur um das bessere Leben gegangen, sondern um die Befriedigung meiner ureigensten persönlichen Bedürfnisse.

»Und das steht mir nicht zu, weil ich eine Frau bin?«

Andrea schwieg.

»Du meinst, nur wenn eine Frau einen triftigen Grund, wie den finanziellen Erhalt der Familie, hat, darf sie eine Power-Frau werden, und ansonsten hat sie sich mit der traditionellen Rolle zu begnügen?«

Sie schwieg immer noch.

»Ist das die Ansicht deines Thomas? Ja, klar«, fuhr ich fort, »für ihn ist es ideal. Er macht Karriere, auch auf deine Kosten, meine Liebe, während du ihm die lästigen Arbeiten des alltäglichen Lebens abnimmst. Wie zeitgemäß.«

Sie war verletzt. Zornig sagte sie: »Ich sehe nur, wie beschissen die Welt um mich herum ist. Viel habt ihr erreicht, danke schön.«

Ich setzte mich neben sie, wollte einen Arm um ihre Schultern legen, doch sie schüttelte mich ab.

»Andrea. Wenn du ein Ziel hast, ein großes, das sehr, sehr weit entfernt ist … und auf dem Weg dahin liegen eine Menge Steine im Weg. Gehst du dann wieder zum Anfang zurück? Oder versuchst du, die Steine fortzuräumen, Umwege zu machen, was auch immer …?«

Sie sprang auf. »Wie eine Wanderpredigerin! Du bist nicht auf einer deiner Verlagssitzungen! Nimm bitte zur Kenntnis: Thomas und ich werden heiraten. Ich werde nicht studieren!«

»Dann mach wenigstens eine andere Berufsausbildung.«

»Als Schwangere?«

»Es gibt Möglichkeiten. Ich könnte …«

Sie unterbrach mich. »Nein.«

Ich wollte es nicht glauben. Was hatte ich falsch gemacht? »Was für ein Mann muß dieser Thomas sein«, sagte ich bitter, »der so wenig Verantwortungsgefühl für seine Partnerin besitzt.«

Sie starrte mich an. Dann drehte sie sich um und ging hinaus.

In der Nacht kam sie an mein Bett und legte ihre Hand an mein Gesicht. Ich schreckte hoch.

Sie war blaß, ihre Augen waren vor Angst geweitet. Sie hielt sich ein Kissen an den Bauch. Im ersten Moment, in meiner Benommenheit, war sie wieder elf Jahre alt, hatte den Teddybären an den Bauch gepreßt. Die erste Menstruation.

»Ich blute, Mam. Und ich habe Schmerzen.«

Wie damals … Ich fuhr in meine Kleider. »Im wievielten Monat bist du?«

»Im dritten.«

Wir rasten in die Klinik. Als wir an einer Ampel standen, nahm ich ihre Hand und streichelte sie. Andrea starrte geradeaus, ohne sich zu regen.

Im Krankenhaus verschwand sie mit einer Schwester in einem der Untersuchungszimmer. Ich versuchte, meine Tränen zu unterdrücken. Warum hatte ich diesen häßlichen Streit nicht vermieden? Andrea hatte recht – was ging mich die Sache an? Warum hatte ich sie nicht in die Arme genommen und ihr Mut gemacht?

Aber andererseits – Herrgott! Warum hatte sie nicht aus meinen Fehlern gelernt? Warum versuchte sie nicht, auch mich zu verstehen? Wußte sie wirklich so wenig von mir und meinem Leben der letzten vierzehn Jahre?

ERSTER TEIL
1979-1980

Kapitel 1

Es war früh am Morgen. Marlene, noch im Bademantel, saß mit Bernhard und Andrea am Frühstückstisch. Bernhard las in der Zeitung. Sein braunes Haar war ordentlich gescheitelt, sein rundes Gesicht noch gerötet von der Rasur. Er trug ein T-Shirt und Jeans und wirkte wie ein braver, wohlgenährter Schüler, der seine Hausaufgaben ordentlich gemacht und sein Pausenbrot im Ranzen hat. In Marlene regte sich eine Aggression, der sie keinen Namen geben konnte.

Andrea, die Kindergartentasche schon umgehängt, fischte mit den Fingern Cornflakes aus der Milch und murmelte ein Kauderwelsch, das wie eine liebliche Beschwörungsformel klang. Sie war ein kräftiges Mädchen; ihr blondes Haar hatte rötliche Strähnen, ihr Gesicht war herzförmig, die Augen von einem dunklen Blau.

Marlene starrte auf das Schinkenbrötchen, das vor Bernhard auf dem Teller lag. Sie sah Bernhards Hand sich dem Teller nähern, sah die breiten Finger mit den kurzgeschnittenen Nägeln, die Finger tasteten zum Brötchen, die Hand mit dem Brötchen verschwand hinter der Zeitung. Wetten – gleich würde er über den Rand der Zeitung sehen und mit vollem Mund fragen, was sie den Tag über anstellen wolle. Seine Lippen würden fettig glänzen, an den Mundwinkeln würden Brösel hängen.

Er sah kurz über den Rand der Zeitung. »Und was stellst du heute an?«

Was wollte er hören? Oh, Darling … Ich gehe Shopping, besuche meine Eltern und überlege mir, mit welcher kulinarischen Köstlichkeit ich dir am Abend eine Freude bereiten kann …

Sie sagte: »Ich entführe den Papst.«

»Schön«, meinte Bernhard und blätterte zum Börsenteil.

»Ich feßle und kneble ihn und zeige ihm Filme, in denen putzige Negerkinder vor Hunger krepieren.«

»Die Daimler-Aktien sind gestiegen«, sagte Bernhard.

»Dann lasse ich ihn ein Manifest unterzeichnen, in dem er für die Empfängnisverhütung eintritt. Wenn er’s nicht tut, kastriere ich ihn. Zackzack!«

Bernhard las jetzt die Todesanzeigen. »Aha«, sagte er und hob den Kopf. »Da hast du ja viele schöne Sachen vor, heute.« Er lächelte sie liebevoll an.

Sie lächelte voller Wut zurück und fragte sich, welches Bild er sich wohl von ihr machte. Auf jeden Fall war er – Produkt der mütterlichen Erziehung – von einer haarsträubenden Sentimentalität, wenn es um seine Einschätzung der Frau und die sogenannten Werte des Lebens ging. Es konnte passieren, daß es ihm Tränen in die Augen trieb, wenn er davon sprach, was seine Mutter alles für ihn getan und mit welch kluger Hand sie ihn aufs Leben vorbereitet hatte. Der Mann als der Ernährer, die Frau als das ausgleichende häusliche Element, die Kinder als der Liebesbeweis.

»Ach, verdammt! Du weißt doch, was ich tu’ den ganzen Tag«, sagte sie mürrisch. »Ich putze, ich wasche, ich koche …« Sie nahm einen Schluck Kaffee.

»Wolltest du nicht auch zu deinen Eltern?«

Marlene verzog das Gesicht. Von wollen konnte keine Rede sein. Aber sie hatte ihrer Mutter versprochen, sie beim Kauf eines Pullovers zu beraten – eine wahnsinnig wichtige Angelegenheit, sie fragte sich schon die ganze Zeit, warum diese aufregende Neuigkeit nicht in Bernhards Zeitung stand.

Bernhard pulte mit dem Zeigefinger in einem Zahn. Marlene wartete darauf, daß ihm dabei endlich mal eine Plombe aus dem Mund fiel, das wäre eine schöne Unterbrechung des morgendlichen Rituals gewesen.

»Weißt du was? Ich werde mein Leben von Grund auf ändern«, sagte sie, als nichts geschah. Sie lächelte ihn an und konstatierte schadenfroh, daß er sich ärgerte. Nichts ängstigte und ärgerte ihn mehr als der Wunsch nach Veränderung. Am liebsten hatte er es, wenn alles beim alten blieb. »Was Besseres kommt nicht nach«, war einer der albernen Sätze, an denen er hing wie eine Affenmutter an ihren Jungen.

Er runzelte die Stirn und tat, als studiere er den Leitartikel.

»Gibt’s was Neues?«

»Die Ölpreise steigen, und die Sozis machen ihr übliches Geschrei um den Nachrüstungsbeschluß.«

»Blöd, nicht wahr? Wo doch jedermann weiß, daß nur Abschreckung ein probates Mittel ist, den Frieden zu erhalten.«

»Du hast es erfaßt. Wird Zeit, daß die rote Sippschaft endlich mal abgelöst wird.«

»Was Besseres kommt nicht nach«, sagte Marlene schadenfroh.

»In dem Fall schon. Also …« Bernhard faltete die Zeitung zusammen. »Was willst du ändern an deinem Leben?«

»Mami will was tun, was ihr Freude macht«, sagte Andrea plötzlich. Sie hatte am Vortag, während Marlene mit Johanna telefonierte, neben dem Telefon gesessen und einen blauen Elefanten gemalt. Blau war Andreas Lieblingsfarbe. Wenn sie ihre blauen Farbstifte holte und zu zeichnen begann, konnte man sicher sein, daß ihre Sinne bis aufs äußerste geschärft waren.

Bernhard tätschelte Marlenes Hand. »Mami macht es Freude, dich und mich zu verwöhnen«, sagte er und warf Marlene einen warnenden Blick zu.

»Mami hat gar nichts anderes im Sinn, sie wird verrückt vor Freude«, sagte Marlene. Dann stand sie auf, hob Andrea hoch und drückte sie an sich. »Viel Spaß im Kindergarten, meine Kleine.«

Das Schlimmste am morgendlichen Frühstückszeremoniell war, wenn Bernhard zu ihr trat, sie auf die Wange küßte und »Bis heute abend, Schatz« murmelte. Und Andrea an der Hand nahm und aus dem Haus ging, nach draußen, wo ein paar Ecken weiter der Verkehr brandete und sich das Leben abspielte. Dann stand sie mit hängenden Armen zwischen Tür und Frühstückstisch, sie sah die Semmelreste auf Bernhards Teller liegen, die aufgeweichten Cornflakes schwammen in der Milchschüssel, und sie hätte schreien mögen vor Überdruß. Was tat sie hier? Sie war vierundzwanzig Jahre alt und machte, in luxuriöserem Rahmen, genau das, was ihre Mutter gemacht hatte. Sie spielte ein gottverdammtes Scheißspiel in einem Scheißleben, in dem sie nie über die Runden kam.

Eigene Meinungen? Bernhard wußte auf jeden Fall alles besser. Neue Lebensformen? Bernhard bestand nicht nur auf seiner altdeutschen Wohnzimmereinrichtung.

Sexuelle Revolution? Haha! Zwar praktizierte Bernhard nicht mehr, wie früher, den Coitus interruptus, da Marlene inzwischen die Pille nahm, aber aufregender war ihr Liebesleben deshalb auch nicht geworden. Wo sie sich Zärtlichkeit wünschte, kam Bernhard direkt zur Sache, wo sie Raffinesse ersehnte, blieb er immer gleich einfallslos. Und wenn sie selbst die Initiative ergriff, um Farbe ins uralte Spiel zu bringen, spürte sie seine Abwehr. Er war der Mann im Haus. Er brachte das Geld, er hatte das Sagen, er legte also auch seine Frau auf den Rücken, und nur auf diesen, weil er keine Lust habe, so dozierte er, alberne Turnübungen zu vollführen. Daran änderten auch gutgemeinte Aufklärungsfilme nichts und auch nicht die diversen Illustriertenberichte; nur nach einem dieser deprimierenden Softpornos im Kino wurde er eine Nacht lang hektisch, doch diese Hektik hielt nicht an. Schließlich konnten sie nicht jeden Abend ins Kino gehen.

Marlene setzte sich im Wohnzimmer in einen der Polsterstühle, die Bernhard von seiner Großmutter geerbt hatte und die sie trotz ihrer wertvollen Samtpolsterung nicht leiden konnte. Das ganze Haus konnte sie nicht leiden. Es war so gediegen wie ihre Ehe, wie ihr Verhalten, wie ihre Ansichten. Nein, stopp! Nur was sie äußerte, war gediegen. Ihre Gedanken dagegen irrten umher in einem rubinroten Dschungel von Auflehnung, Haß und gewagten Phantasien. Sie war Politikerin, ihr rhetorisches Talent riß die Massen zu Begeisterungsstürmen hin. Sie war Widerstandskämpferin, Geschäftsfrau, Edelnutte. Sie war alles, nur keine brave deutsche Hausfrau in einem braven deutschen Reihenhaus. Ach, Gott! Sie wußte auch nicht, warum sie bis jetzt immer genau das Gegenteil dessen getan hatte, was sie eigentlich hatte tun wollen. Sie hatte sich beispielsweise vorgenommen, das Abitur zu machen. Sie hatte sich vorgenommen, keine »gute«, sondern eine interessante Frau zu werden. Sie hatte sich vorgenommen, ledig zu bleiben. Sie hatte sich vorgenommen, Karriere zu machen. Und was war aus all diesen Vorsätzen geworden? Wenn sie so weiterlebte, konnte sie sich, ihre Mutter vor Augen, ausrechnen, wie sie enden würde. Als verbrauchte, enttäuschte Frau, die freundlich tat, was man von ihr erwartete und deren Illusionen wie Backpulver den Kuchen namens Leben auftrieben. Ein Kuchen, bei dem man in Luft biß, wenn man ein Stück davon haben wollte.

Marlene ging zurück in die Küche und spülte das Frühstücksgeschirr. Ob Bernhard ähnliche Phantasien plagten? Vielleicht wollte er auch gern Widerstandskämpfer sein oder Edelnutten besuchen? Dann könnten sie sich in Marlenes rubinrotem Dschungel treffen und endlich mit dem Leben beginnen!

Sie trat ans Fenster. Es war noch früh im Jahr, die Bäume waren kahl, der Rasen braun verfärbt. Ein junges Paar lief zur Bushaltestelle, auf dem Baugerüst am Haus gegenüber arbeitete ein Mann in Bernhards Alter. Die Sonne wanderte über die Mauer mit dem dürren Rosengerank, die Vögel zwitscherten so zögernd und fragend, wie sie es nur im Vorfrühling taten. Etwas wie Hoffnung stieg in Marlene auf. Ja, dachte sie. Alles in allem könnte es trotzdem äußerst interessant sein zu leben. Der Satz gefiel ihr. Sie hatte ihn von Simone de Beauvoir, denn sie las, sich einer lähmenden Gefahr bewußt, nicht mehr die Liebesromane ihrer Mutter, sondern hatte sich eine Leihkarte der Städtischen Bibliothek besorgt. Noch eine andere Stelle der Memoiren der Simone de Beauvoir hatte sie sich gestern abend auf einen Zettel geschrieben und rot markiert: »Ich zweifelte jetzt nicht mehr daran: Ich war ein besonderes Wesen und würde etwas tun.«

Ja! Sie warf den Spüllappen zur Seite. Sie war ein besonderes Wesen und würde etwas tun. Und Simone de Beauvoir hatte mit »etwas tun« keinesfalls den Abwasch gemeint.

Ihre Eltern stritten sich. Ihr Vater stand in der Küche, die Hosenträger baumelten um seine Hüften. Er hatte ein paar Tage Urlaub, die er, die meiste Zeit schlafend, vor dem Fernsehapparat verbrachte. Er fand, er besitze ein Anrecht darauf, während seiner freien Tage nett und fürsorglich behandelt zu werden, denn als Maurer arbeite er sich die Seele aus dem Leib, sagte er.

Marlenes Mutter, einen Kopf kleiner als ihr Mann, schlank, mit mausbraunen Haaren und flinken braunen Augen, schob ihn zur Seite.

»Ich kann’s nicht leiden, wenn du immer im Unterhemd rumläufst.«

»Zu Hause will ich’s bequem haben.«

»Ekelhaft, wenn ‘n Mann sich so gehenläßt. Mag man gar nicht mehr hinschaun.«

»Dann schau weg. Wann gibt’s was zu essen?«

»Gar nicht. Weil ich mit Marlene in die Stadt gehe. Schließlich hab’ ich mir auch ein bißchen Urlaub verdient.«

»Du? Wovon willst du Urlaub haben?«

»Von dir und den Jungs und dem ganzen Mist da.« Sie deutete angewidert auf die Berge von Geschirr, die sich in der Spüle türmten.

Marlenes Vater holte sich eine Bierflasche aus dem Kühlschrank, es zischte, als er sie öffnete, dann ging er wieder hinüber ins Wohnzimmer, zum Fernsehapparat.

Marlene nahm einen Schwamm und begann, das Geschirr zu spülen. War das nicht irrwitzig? Egal, wo sie war, zu Hause, hier, als erstes nahm sie ein Tuch oder den Schwamm und spülte Geschirr. Als hätten Heirat und Mutterschaft Mechanismen in Gang gebracht, die bereits in ihr ruhten, als der Arzt sie aus Tilly Schuberts Leib zog und feststellte, daß das Kind weiblichen Geschlechts war. Sie konnte sich das gut vorstellen. Eine Art Tonbandkassette, die man den kleinen Mädchen in den Kopf drückte und die von früh bis spät die zehn goldenen Regeln »Wie werde ich eine gute Frau« plapperte.

Während man männlichen Babys den Penis mit Schleifchen schmückte und eine Plakette an die Brust heftete, die besagte, daß sie durch die Gnade ihrer Geburt von niedrigen Tätigkeiten befreit waren.

Ihre Mutter stand am Tisch und entstaubte eine Vase mit Plastiknelken. Auf dem Fensterbrett lag ein Heftchenroman: Die Leidenschaft einer Frau.

»Fahr doch mal ein paar Tage zu Tante Hedi. Dann werden sie schon sehen, wo sie ohne dich bleiben«, sagte Marlene. Ihre Mutter stieß einen verächtlichen Laut aus. »Die Hedi hat ein neues Wohnzimmerbüfett bekommen. Das darf ich dann den ganzen Tag bewundern …« Sie stellte die Vase in die Mitte des Tisches. »Außerdem … Wer kümmert sich um die Wäsche, wer bügelt …? Die Jungs brauchen doch saubere Sachen.«

»Die ›Jungs‹ sind über zwanzig.«

Marlenes Mutter schwieg. Dann fragte sie: »Und wie geht es dir?«

Marlene zuckte die Achseln. »Gut.«

»Und Bernhard?«

»Der wartet auf einen Großauftrag. Wieder mal eine Schule, die er verkabeln kann.«

Ihre Mutter lächelte. »In einer Schule habt ihr euch kennengelernt.«

»Die Schule – dein Verderben«, sagte Marlene.

»Aber Leni!«

Marlene fuhr wütend herum. »Eins sag’ ich dir: Ich ende nicht in einer gottverdammten Küche und bediene meinen Mann von vorn bis hinten. Und lese am Abend im Bett Die Leidenschaft einer Frau, obwohl ich gar nicht mehr weiß, was das ist.« Sie warf einen Blick zum Fensterbrett.

Ihre Mutter lauschte ängstlich zum Wohnzimmer hinüber.

»Das kann er ruhig hören«, sagte Marlene scharf. »Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter.«

Ihrer Mutter war es egal, in welchem Zeitalter sie lebte, sie schloß trotzdem die Küchentür. »Ich weiß gar nicht, was du hast«, flüsterte sie. »Bernhard läßt dich doch alles machen, was du willst.«

Marlene lachte. »Nicht was ich will, was er will.«

»lind was willst du?«

Das war eine gute Frage. Weil ihre Mutter sie so forschend ansah, sagte sie: »Ich will noch mal zur Schule gehen.«

»Mit vierundzwanzig?«

Genausogut hätte sie ihr erzählen können, sie wolle Bauchtänzerin werden.

Sie versuchte ihr zu erklären, was sie selbst nicht ganz begriff. Daß das Haus, das sie mit Bernhard bewohnte, ihr wie ein Gefängnis vorkomme. Daß sie schon so tiefgesunken sei, Kochrezepte zu lesen, wenn er im Fernsehen Fußball guckte. Daß sie das Gefühl habe, ständig mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Daß sie mitmischen wolle, draußen, wo sich die Haie tummelten. Daß sie selbst ein Hai sei, ein weiblicher – sie lachte –, und daß sie wisse, wieviel sie leisten könne, daß sie gescheiter sei als Bernhard, härter, daß sie eine Leiter hinaufsteigen wolle, um festzustellen, wie es sich oben lebte und wie die Welt von oben aussah. Daß sie nicht gewillt sei, sich auf traditionelle Rollen festlegen zu lassen, weil man diese Rollen auch nebenher spielen könne, weil es Kindermädchen und Zugehfrauen gebe, weil das Zusammenleben sich tagtäglich ändere, wenn man nur etwas ändern wollte, und weil sie an den Änderungen teilhaben würde, ja, weil sie sogar selbst welche herbeizuführen gedenke.

Sie hatte sich so in Eifer geredet, daß ihr Gesicht glühte und sie nicht bemerkte, wie ihr Vater die Tür geöffnet hatte und ihr zuhörte.

»Spinnt sie jetzt?« fragte er seine Frau, als Marlene kurz nach Luft schnappte, und deutete mit dem Kopf nach ihr.

In Marlenes Hals bildete sich ein Klumpen. Plötzlich haßte sie diesen Mann, der da im Unterhemd vor ihr stand, mit seinen grauen Haarbüscheln auf der Brust und dem ewig männlichen Gefühl der Überlegenheit, ohne daß er jemals etwas getan hätte, das dieses Gefühl gerechtfertigt hätte. Wenn man von der zwar einkalkulierten, aber nicht geplanten Zeugung dreier Kinder absah, die jeweils an einem Zahltag, weit nach Mitternacht, stattgefunden hatte. Als sie noch klein war, hatte er mit ihren beiden jüngeren Brüdern Heinz und Werner Karten gespielt, er hatte ihnen einen Drachen gebaut, und Marlenes Herz zog sich heute noch zusammen, wenn sie an diesen bunten, knisternden, herrlichen Drachen dachte. Sie durfte ihn nicht einmal berühren. Ihr Vater hatte ihr, zum Trost, eine Zelluloidpuppe mit dummen blauen Augen mitgebracht und ihr gesagt, daß Mädchen mit Puppen spielten und Jungs mit Drachen und Eisenbahnen. Sie hatte die Puppe in eine Ecke geworfen und war dafür verprügelt worden.

»Du hast ja nur Angst, daß ich es weiter bringen könnte als meine Brüder«, sagte sie verächtlich.

Bruno Schubert lachte. »Quatsch. Du hast nicht mal deine blöde Schule fertiggemacht.«

»Heinz und Werner arbeiten auf dem Bau.«

»Na und? Ist doch ‘n ordentlicher Beruf.«

»Weißt du, was ich glaube? Wenn ich Karriere machen würde, dann wäre für dich die Welt nicht mehr in Ordnung. Das würde nämlich das Ansehen meiner Brüder reduzieren.«

»Wie willst denn du Karriere machen?« Er lachte wieder.

»Mich wundert sowieso, daß Bernhard dir noch kein zweites Kind verpaßt hat. Das wär’ ‘ne Karriere, nicht wahr, Tilly?« Er klopfte seiner Frau auf den Hintern und ging wieder hinaus.

»Jaja. Durch Schwangerschaft einsperren!« schrie Marlene ihm nach. »Das ist alles, was ihr könnt.«

Er drehte sich noch mal um. »Eine Frau gehört ins Haus, da kannst du reden, was du willst.«

»Ach? Jetzt auf einmal? Wir sind wohl eine beschissene Reservearmee?«

»Ihr seid Frauen, verdammt noch mal!«

»Hört, hört! Und wenn die lieben Jungs dann wieder Krieg spielen, dürfen wir hinterher die Trümmer wegräumen. Wenn die kaputtgeschossenen Häuser aufgebaut werden müssen, dürfen wir die Fließbänder bedienen. Sogar Schreibmaschine schreiben dürfen wir.«

»Da siehst du, was ihr alles dürft.«

»Und wenn die Häuser alle stehen und die Arbeit ein bißchen weniger wird, sprich, wenn die Jungs Schiß um ihren Arbeitsplatz kriegen, gestatten sie uns plötzlich großzügig, wieder ganz Frau zu sein. Ah! Wunderbar! Und unseren Beruf können wir, schwuppdiwupp, vergessen.«

»Du brauchst keinen Beruf zu vergessen, du hast ja keinen. Und wenn du wirklich so klug wärst, wie du tust, hättest du dir kein Kind andrehen lassen.«

Sie fühlte sich derart gedemütigt, daß sie ihn am liebsten getreten hätte. »Gott sei Dank denken nicht alle Männer wie du!«

Er grinste. »Bernhard schon.«

Sie wandte sich an ihre Mutter und sagte laut: »Bernhard ist schließlich nicht der einzige Mann auf der Welt.« Und weil das verdutzte Schweigen in ihrem Rücken ihr guttat, setzte sie hinzu: »Und du kaufst dir heute einen Pullover, der nicht siebenundzwanzigfünfzig bei Woolworth kostet. Wenn er am Vormittag schon Bier trinkt, kannst du dir ein ordentliches Stück Kleidung leisten.«

Plötzlich stand ihr Vater dicht hinter ihr. Die nackte Haut seines Oberkörpers berührte sie. Ihr Vater? Sie ein Teil von ihm? Sie wandte sich wütend um.

»Misch dich bloß nicht in unsere Ehe ein«, sagte er und starrte ihr drohend in die Augen.

Sie hielt seinem Blick stand. »Ehe? Bevor ich das ›Ehe‹ nenne, werde ich lesbisch.«

Sie sah, wie ihre Mutter vor Angst und Verlegenheit den Umschlag des Heftchenromans zerknüllte. Die Leidenschaft einer Frau schrumpfte zu den Leiden einer Frau zusammen. Sehr bezeichnend.

Später beobachtete sie ihre Mutter, wie sie einen der teuren Pullover anprobierte, die die Verkäuferin herbeischleppte. Das schüchterne Lächeln, die zierlichen Hände mit den verdickten, roten Knöcheln, die spröde Lippenhaut. Marlene versuchte sich vorzustellen, wie ihre Mutter als junges Mädchen ausgesehen hatte, damals, in der Nachkriegszeit. Hatte sie auch diese kratzigen Norwegerjacken getragen und das Haar mit Kämmen zurückgesteckt? Hatte sie geraucht? Hatten ihr amerikanische Soldaten nachgepfiffen? Hatte sie eine unerfüllte Liebe gehabt, eine Schwärmerei? Hatte sie voreheliche Beziehungen gepflegt? Nein, bestimmt nicht. Bestimmt war Bruno Schubert der erste gewesen, so wie Bernhard bei ihr, Marlene, der erste war.

Es schien eine Familienkrankheit zu sein, beim ersten Mann hängenzubleiben. Aber, bei Gott, das wußte sie in diesem Moment, Bernhard würde nicht der letzte Mann sein, mit dem sie schlief, schließlich sollte der Mensch sich weiterbilden, und vielleicht hatten andere Männer nachts ein paar Ideen mehr als einen zweckgebundenen Kuß und den horizontalen Vollzug dessen, was landläufig unter dem Begriff »eheliche Pflichten« lief.

»Nimm den beigefarbenen Pullover. Der paßt gut zu deinem Haar«, sagte sie.

Ihre Mutter sah als erstes nach dem Preisschild. Sie warf Marlene einen erschrockenen Blick zu.

»Keine Angst. Ich zahl’ dir was dazu.«

»Und Bernhard?«

»Was geht das Bernhard an?«

»Ist doch sein Geld, Kind«, sagte ihre Mutter.

Nein, es würde sich nie etwas ändern. »Hast du schon mal was davon gehört, daß Hausfrauen ein Anrecht auf Taschengeld haben? Daß sie eigentlich ein Gehalt verdienen müßten, genauso wie ein Maurer … oder ein Elektroingenieur?« Sie gingen zur Kasse und zahlten.

»Aber die Männer arbeiten den ganzen Tag. Während wir … hier sind.« Ihre Mutter sah sich schuldbewußt um.

»Dafür haben unsere Männer um fünf Uhr Feierabend und rühren das ganze Wochenende keinen Finger. Und hast du sechs Wochen Urlaub im Jahr?« Marlene seufzte. »Ach, Tilly. Du bist ein hoffnungsloser Fall.«

»Ich bin fünfundzwanzig Jahre verheiratet.«

»Wohl so ‘ne Art Gehirnwäsche, was?«

Tilly schwieg.

Johannas Büro lag im dritten Stock des großen Gebäudes. Ein Pförtner kontrollierte, wer die Firma betrat oder verließ, er stellte Besucherscheine aus und wies den Weg.

Schon lange hatte Marlene ihre Freundin an ihrem Arbeitsplatz besuchen wollen, um Büroluft zu schnuppern. Wenn sie Bernhard bat, ihr seine Arbeit zu erklären, erhielt sie nur ausweichende Antworten, wohl deshalb, weil sich Bernhards Schreibtischtätigkeit in der Firma seines Vaters auf das Zeichnen von Schaltplänen beschränkte und er ansonsten vor Ort, wie er sagte, Großaufträge abwickelte.