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Johanna Krapf

Augenmenschen

Johanna Krapf

Augenmenschen

Gehörlose erzählen
aus ihrem Leben

Rotpunktverlag

© 2015 Rotpunktverlag, Zürich
Fotos: Matija Zaletel
Zeichnungen: Corina Arbenz-Roth

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Gebärdensprache

Rita Zimmermann, geboren 1947

Was bedeuten die Begriffe »gehörlos«, »taub« und »schwerhörig«?

Ueli Matter, geboren 1967

Lautsprachbegleitendes Gebärden (LBG)

Pauline Rohrer, geboren 2001

Bilinguale oder orale Erziehung?

Corina Arbenz-Roth, geboren 1975

Der Mailänder Kongress von 1880

Paul von Moos, geboren 1941

Kultur der Gehörlosen

Barbara Diaz, geboren 1985

Diskriminierung

Patrick Mock, geboren 1986

Der GER und die Schweizer Gebärdensprachen

Patricia Hermann-Shores, geboren 1961

Das Cochlea-Implantat

Eymen Al-Khalidi, geboren 1997

Gebärdensprachdolmetschen

Barbara Bucher, geboren 1971

Erläuterungen

Bibliografie

Autorin

Vorwort

Gehörlose sind in ihrer Wahrnehmung stark visuell orientiert. Deshalb werden sie hin und wieder auch »Augenmenschen« genannt. In ihrer Kommunikation sind sie immer auf Sicht- beziehungsweise Blickkontakt mit ihren Gesprächspartnern und -partnerinnen angewiesen, da sie entweder Gebärdensprache sprechen oder von den Lippen ablesen müssen. Sie erleben die Welt grundlegend anders als Hörende. Kein tief fliegendes Flugzeug oder heiseres Krähen eines Hahns weckt sie frühmorgens, weder Verkehrsrauschen noch Baustellenlärm lenken sie von der Arbeit ab, ihr Frühling kehrt ein ohne Vogelgezwitscher, und sie sind nie Zeugen von intimen Handygesprächen im Zug oder hitzigen Diskussionen am Stammtisch. Jedoch: Kein hörender Mensch sieht wie sie sofort aus den Augenwinkeln, wenn sich jemand von schräg hinten nähert, nimmt die Vibrationen des Bodens wahr, wenn der Staubsauger dröhnt, spürt den feinsten Luftzug, wenn eine Tür aufspringt, kann so ausdrucksstark mit Händen, Mimik und Körperhaltung Poesie darstellen.

Im Zentrum dieses Buchs stehen acht Lebensgeschichten von gehörlosen Menschen. Hinzu kommen das Porträt eines schwerhörigen jungen Mannes mit Hörimplantat und das einer Gebärdensprachdolmetscherin. Sie alle haben mir ihre Lebensgeschichte erzählt, haben ihre ganz persönlichen Erinnerungen und prägenden Erlebnisse mit mir geteilt und mich Einblick nehmen lassen in ihren Alltag. Für dieses mir entgegengebrachte Vertrauen möchte ich ihnen von Herzen danken.

Meine Rolle war die einer Gesprächspartnerin und eines Sprachrohrs. Deshalb versuchte ich in diesen Porträts, das mir Erzählte möglichst unverfälscht wiederzugeben. Meine Einflussnahme bestand vor allem darin, dass ich die Interviewpartner und -partnerinnen auswählte, die Fragen zusammenstellte und die Antworten gewichtete. Entstanden ist ein Mosaik, das sich aus zehn individuellen Schicksalen mit zehn unterschiedlichen Perspektiven zusammensetzt. Die Farben der Mosaiksteinchen beißen sich da und dort, und die Fugen dazwischen sind mal breiter, mal kaum zu sehen. Das muss so sein. Ich empfehle den Leserinnen und Lesern, einen Schritt zurückzutreten und das Gesamtbild aus der Distanz wirken zu lassen: Was bedeutet es, in der Mehrheitsgesellschaft der Hörenden nicht beziehungsweise schlecht zu hören? Ist die Beherrschung der Gebärdensprache für die Menschen mit einer Hörbehinderung eine Bereicherung oder sogar die Voraussetzung für eine hindernisfreie Kommunikation? Oder etwa doch nicht? Die Porträts und die Sachtexte, die jeweils an ein spezifisches Thema heranführen, mögen dazu beitragen, Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden. Und sie möchten zu Fragen anregen, die die meisten Hörenden sich überhaupt noch nie gestellt haben.

Ein spezieller Dank geht an Hansjörg Roth, der sämtliche Texte kritisch gelesen und mich mit seinen bohrenden Fragen immer wieder zum Nachdenken herausgefordert hat, dann natürlich an meine Familie, alle auch sorgfältige Leserinnen und Leser, und an Barbara Bucher, die als Fachfrau die Sachtexte unter die Lupe genommen hat.

Ohne die tatkräftige Unterstützung von Bernadette Mühlebach, die mich mit ihrer Begeisterung für mein Projekt immer wieder neu ansteckte, hätte ich auf dem langen Weg bis zur Fertigstellung des Mosaiks wohl den Mut verloren und aufgegeben. Herzlichen Dank auch dir, Bernie.

Danken möchte ich zudem den Frauen vom Kiwanis-Club Zürich Turicum für ihre finanzielle Unterstützung.

Johanna Krapf, Jona 2014

Einleitung

Die Idee zu diesem Buch ist nach und nach gewachsen. Seit ich angefangen habe, mich mit Gebärdensprache und mit den Menschen, die sie sprechen, zu beschäftigen, werden mir immer wieder dieselben Fragen gestellt. Kein Zweifel: Die meisten Hörenden – ich bin geneigt zu sagen: alle –, die nie einen gehörlosen Menschen kennengelernt haben, haben keine Ahnung, was es bedeutet, hochgradig schwerhörig zu sein. Ich möchte dies anhand einer Begebenheit, die sich vor ein paar Jahren zugetragen hat, veranschaulichen.

Ich war auf dem Heimweg und wartete in Zürich auf den Zug, als mir eine ehemalige Arbeitskollegin und ihr Mann begegneten. Wir setzten uns ins gleiche Abteil, und wir Frauen fingen an zu plaudern: Wie geht es dir? Wo arbeitest du gerade? Lernst du immer noch Griechisch beziehungsweise Chinesisch? Meine Bekannte berichtete von ihrem ausgefüllten Alltag als Pensionierte, ich von meinem kürzlich erschienenen Lehrmittel über die Gebärdensprache. Plötzlich blickte ihr Mann, der sich hinter der Zeitung verschanzt hatte, auf und fragte: »Wie kann eigentlich ein gehörloses Kind artikulieren lernen? Das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit.« Ich erklärte ihm, wie er sich das in etwa vorzustellen habe: Das Kind müsse sich jeden Laut bewusst aneignen, und zwar mit Tasten, Blasen und Kontrollieren der Vorgänge beim Bilden der Laute im eigenen Mundraum – und mit Üben, Üben, Üben. Er hörte interessiert zu und vertiefte sich dann wieder in die Zeitung. Nach einer Weile hakte er nach: »Die Gebärdensprache ist eine universelle Sprache, nicht wahr?« Ich verneinte und erklärte ihm, es gebe unzählige davon, allein in der Schweiz drei: eine deutsche, eine französische und eine italienische. »Schade«, meinte er, »da hat man eine gute Gelegenheit verpasst. Eine einzige internationale Sprache wäre doch viel praktischer gewesen.« Ich erklärte ihm, dass niemand die Gebärdensprachen geschaffen habe, sondern dass sie natürliche, innerhalb von Sprachgemeinschaften gewachsene Sprachen seien, so wie Französisch und Schweizerdeutsch auch – im Gegensatz etwa zur Kunstsprache Esperanto1. Er bedankte sich und verschwand wieder hinter der Zeitung, aber kaum hatten wir Frauen unseren Gesprächsfaden aufgenommen, ließ er sie ein weiteres Mal sinken: »Ich hätte noch eine letzte Frage: Woher kennt eigentlich ein gehörloses Kind die deutschen Wörter? Es ist ja nicht ständig von Lautsprache umgeben wie wir.« Es müsse sie lernen, antwortete ich, genau wie wir Hörenden uns eine Fremdsprache aneignen. Die Zeitung blieb schließlich ganz auf seinen Knien, während er mich mit Fragen löcherte und so sehr ins Thema eintauchte, dass er wohl an seinem Wohnort vorbeigefahren wäre, wenn ihn seine Frau nicht gerade noch rechtzeitig am Ärmel gepackt und zum Ausgang gezogen hätte. Unterdessen hatte sich ein Herr im Abteil nebenan erhoben: »Entschuldigen Sie, ich habe Ihrem Gespräch mit Interesse zugehört und würde Ihnen gern auch noch eine Frage stellen: Warum …?«

Dieses Erlebnis mag als Beispiel dienen für all die Situationen, in denen ich mich damit konfrontiert sah, wie wenig Hörende über Hörbehinderung und ihre Folgen wissen. Augenmenschen möchte Fragen beantworten wie die nach der Anzahl Gehörloser, die in der Schweiz leben (vermutlich knapp 8000 – genaue Zahlen gibt es nicht)2, und falsche Vorstellungen richtigstellen (Gebärdensprache ist keine Pantomime). Es soll aufklären (eine hochgradige Hörbehinderung betrifft nicht nur das Hörvermögen, sondern indirekt auch das Lesen und Schreiben, was seinerseits zu einem Informationsdefizit führt) und Vorurteile abbauen (Menschen mit einer hochgradigen Hörbehinderung sind nicht taubstumm, denn sie können sprechen).

In Augenmenschen erzählen acht Gehörlose ihre Lebensgeschichte: Ueli Matter, dessen Eltern und Geschwister alle hörend sind; Pauline Rohrer und Patrick Mock, deren Eltern und Geschwister alle eine Hörbehinderung haben; Barbara Diaz und Rita Zimmermann, deren Eltern, Geschwister und Kind beziehungsweise Kinder hörend sind, während der Partner eine Hörbehinderung hat; Paul von Moos, dessen Eltern und Kinder hörend sind, während eines der Geschwister und die Partnerin eine Hörbehinderung haben; Patricia Hermann-Shores, deren Eltern hörend beziehungsweise hörbehindert sind, während eines der Geschwister und der Partner eine Hörbehinderung haben, und Corina Arbenz, deren Eltern, Partner und eines der Kinder hörend sind, während das andere Kind eine Hörbehinderung hat. Die jüngste porträtierte Person ist zwölf, die älteste über siebzig Jahre alt. Zusätzlich interviewte ich Eymen Al-Khalidi, der ein Cochlea-Implantat trägt und mit dem operierten Ohr achtzig bis neunzig Prozent hört (ohne CI wäre er völlig taub), und die Gebärdensprachdolmetscherin Barbara Bucher, die als Übersetzerin, aber auch als Tochter von Eltern mit einer Hörbehinderung über beide Sprachen, Gebärden- und Lautsprache, verfügt und mit beiden Kreisen und Kulturen vertraut ist.

Jedem Porträt ist ein Sachtext zu einem in Bezug auf Hörbehinderung oder Gebärdensprache relevanten Thema vorangestellt. Weiterführende Erläuterungen finden sich am Ende des Buchs; auf sie wird in den Porträts an passender Stelle verwiesen.

Die eindrücklichen Porträtfotos stammen von Matija Zaletel. Von Beruf ist er Hauswart, aber seine Freizeit gehört ganz dem Fotografieren. Er sagt: »Als Beruf wäre mir das Fotografieren zu unsicher.« Aufträge erhält er vor allem von der Gemeinschaft der Gehörlosen, denn er ist selber gehörlos. Corina Arbenz-Roth hat die Zeichnungen der Gebärden angefertigt. Sie stellt sich im Interview S. 78 vor.

Die Porträts sind absolut authentische Lebensberichte. Vor jedem Interview rief ich mir vor Augen, warum ich genau diese Person ausgewählt hatte und welche Fragen deshalb im Zentrum des Interesses stehen sollten, seien das diejenigen nach der Kindheit als gehörloses Kind in einer Familie von Hörenden, nach dem Spracherwerb, nach medizinisch-technischen Hilfsmitteln wie dem Cochlea-Implantat und seinen Auswirkungen, nach dem Ausbildungsweg, dem Berufsleben, der Alltagskommunikation oder den Lebensumständen von Gehörlosen in anderen Ländern. Dann stellte ich einen Fragenkatalog zusammen mit diesen spezifischen, aber auch vielen generellen Fragen, die mich bei allen Porträtierten gleichermaßen interessierten. Diese Liste schickte ich meinen Gesprächspartnern und -partnerinnen jeweils ein paar Wochen vor dem vereinbarten Termin. Und nun folgte das jedes Mal mit großer Spannung erwartete Interview: Würden wir einen Zugang zueinander finden? Welchen Verlauf würde das Gespräch nehmen? Würden wir einander verstehen? Diese Frage stellte sich nur bei den drei Interviews mit Eymen Al-Khalidi, Ueli Matter und Paul von Moos, da ich sie in Lautsprache führte. Ihre Formulierungen der Antworten konnte ich zum Teil auch direkt einfließen lassen.

Die übrigen Gespräche, außer dem mit Barbara Bucher, spielten sich in Gebärdensprache ab, und eine Dolmetscherin übersetzte, damit ich das Gesagte aufzeichnen konnte. Um diesen Dolmetschdienst war ich natürlich sehr froh, er führte aber naturgemäß dazu, dass eine Drittperson die gebärdensprachlichen Aussagen der Interviewpartnerinnen und -partner in eigene schweizerdeutsche Worte fasste, die ich dann wiederum verschriftlichte. Dieser Aspekt der zweimaligen Übersetzung und der daraus resultierenden Verfremdung zwischen der Originalerzählung in Gebärdensprache und dem hochdeutschen Text darf nicht außer Acht gelassen werden. Deshalb auch das Interview mit der Gebärdensprachdolmetscherin, in dessen Zentrum die anspruchsvolle Aufgabe des Dolmetschens steht.

Auf die Gespräche folgte jeweils eine Phase, in der ich sie nachklingen ließ und mir die Aufnahmen immer wieder anhörte, bevor ich mit dem Ausformulieren begann. Sobald der Text eine erste Form angenommen hatte, schickte ich ihn der interviewten Person zum Korrigieren und Ergänzen und überarbeitete ihn anschließend so lange, bis sie sich mit allen Aussagen und Formulierungen identifizieren konnte. Diese Phase unterschied sich stark von Text zu Text, abhängig von der Persönlichkeit der Porträtierten und – im Fall der sechs in Gebärdensprache geführten Interviews – von der Qualität der Übersetzungen. Bei manchen Texten musste ich nur wenige Details ändern, bei anderen hatten sich mehr Unstimmigkeiten eingeschlichen. Zudem schickten mir einige Porträtierte nach der ersten Lektüre viele neue, interessante Erlebnisse und Gedanken, die sie selber ausformuliert hatten und die es nun an passender Stelle einzufügen galt. In zwei Fällen war sogar ein zweites Treffen geboten, damit offene Fragen von Angesicht zu Angesicht besprochen werden konnten.

Die Texte haben unterschiedliche Formen und Stimmen: drei Erzählungen in der dritten und zwei in der ersten Person, drei Interviews und zwei mit Rahmentexten verquickte Erzählungen in der dritten Person. Warum diese Uneinheitlichkeit? Die jeweilige Textform spiegelt die Umstände und den Fluss des Gesprächs wider: Mal sprudelten die Erlebnisse wie ein Wasserfall, mal tröpfelten sie, mal plätscherten sie ruhig dahin, mal war ich es, die dem Bächlein eine bestimmte Richtung gab, mal nahm ein Interview einen unvorhergesehenen Verlauf. Aber alle Begegnungen hatten eines gemeinsam: Sie waren spannend, eindrücklich und bewegend. Nun lassen Sie sich bei der Lektüre von Augenmenschen die Augen für eine ganz spezielle Wahrnehmung der Welt öffnen – und zum Nachdenken darüber anregen!

Anmerkungen

1  Die Grundlagen von Esperanto wurden 1887 von dem polnischen Arzt Ludwik Lejzer Zamenhof veröffentlicht mit der Absicht, allen Menschen eine gemeinsame Sprache zu geben.

2  Für Deutschland geht man von rund 80 000 Personen, für Österreich von rund 10 000 Personen aus.

im

Gebärdensprache

Gebärdensprache ist nicht universell: Es gibt nicht nur eine einzige internationale, sondern viele verschiedene Gebärdensprachen, die sich wie die Lautsprachen ganz natürlich entwickelt haben. Somit hat jedes Land seine eigene Gebärdensprache, deren Gebärden von den besonderen gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Gegebenheiten mitgeprägt wurden. In der Schweiz können die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS), die Langue des Signes Française (LSF) und die Lingua Italiana dei Segni (LIS) unterschieden werden, und in der Deutschschweiz gibt es wiederum fünf Hauptdialekte: die Mundarten von Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich. Die Kinder lernen die Gebärdensprache meist untereinander, etwa auf dem Pausenplatz der Gehörlosenschulen, und, je nach Schule, auch im Unterricht. Es sei denn, sie wachsen mit gehörlosen Eltern auf, dann wird in der Regel auch zu Hause Gebärdensprache gesprochen.

Die einzelnen Gebärdensprachen unterscheiden sich etwas weniger stark voneinander als die Lautsprachen. Gehörlose können sich deshalb müheloser über Sprachgrenzen hinweg verständigen als Hörende. Im internationalen Austausch untereinander verwenden sie leicht verständliche, oft bildhafte Gebärden. Obwohl diese Verständigungsform nicht als eigentliche Sprache bezeichnet werden kann, schafft sie eine kommunikative Brücke zwischen den verschiedenen Gehörlosenkulturen (arrow 21)1. Man nennt sie auch internationale Gebärdensprache.

Gebärdensprache darf nicht mit Pantomime verwechselt werden. Das zeigt sich am schnellsten darin, »dass man eine Geschichte in Pantomime leicht verstehen kann, die gleiche Geschichte in Gebärdensprache Nichtkennern der Gebärdensprache aber unverständlich ist«2. Wer eine Gebärdensprache beherrscht, kann darin ebenso gut abstrakte Vorstellungen und komplexe Zusammenhänge ausdrücken, wie dies in der Lautsprache möglich ist. Beispiele für abstrakte Gebärden in der Deutschschweizer Gebärdensprache sind: VERTRAUEN, MÖGLICH, EINVERSTANDEN, GELB, FÄHIG etc.

Es gibt aber auch bildhafte, sogenannte ikonische Gebärden, deren Bedeutung mit etwas Fantasie erkennbar ist (AUTO – die Hände scheinen ein Steuerrad zu bewegen, MILCH – die Bewegung der Hände erinnert an das Melken). »Auch wenn dem Nichtanwender der Gebärdensprache die Anschaulichkeit vieler Gebärden auffällt, so haben Untersuchungen doch gezeigt, dass nur zwischen einem Drittel und der Hälfte des Gesamtvokabulars eines erwachsenen Gehörlosen als einigermaßen ikonisch beurteilt werden kann.«3

Den Gebärdensprachen liegt genau wie allen anderen natürlichen Sprachen eine Grammatik zugrunde. Zwei Beispiele der DSGS seien hier erwähnt: »Als allgemeinstes Prinzip gilt, dass die Zeit gleich am Anfang oder kurz nach Beginn einer Äußerung durch eine Zeit-Gebärde festgelegt wird.« Und »ein leichtes Kopfnicken nach vorn mit Anheben der Augenbrauen und weitem Öffnen der Augen« charakterisiert einen Satz als Ja/Nein-Frage.4

In der Gebärdensprache werden Hände und Arme, Mimik, Blick, Kopf, Oberkörper und Mundbild (arrow 26) eingesetzt. Eine einzelne Gebärde wird definiert durch die Handform (Faust, Faust mit gestrecktem Zeigefinger, gespreizte Hand), die Handstellung (Handrücken nach unten, nach oben), die Ausführungsstelle (vor dem Gesicht, vor der Brust) und die Bewegung (Kreis, Wellenbewegung). Wenn ein einziger dieser Faktoren verändert wird, so wirkt sich das auf die Bedeutung der Gebärde aus. Die visuell wahrnehmbare Gebärdensprache nutzt also den dreidimensionalen Raum und kann deshalb viel mehr Information in eine einzelne Gebärde packen, als das mit den gesprochenen Wörtern der linearen Lautsprache möglich ist. Ein Beispiel (vereinfacht): Beginnt meine Gebärde für ANSCHAUEN bei mir und bewegt sich auf dich zu, so bedeutet das »Ich schaue dich an«, bewege ich die Gebärde von dir auf mich zu, so heißt das »Du schaust mich an«. Gleichzeitig kann ich mit dem Gesicht zusätzlich »staunend«, »verständnislos« oder »heimlich« ausdrücken und mit der Vehemenz der Gebärde die Intensität des Anschauens variieren.

Da es schwierig ist, Gebärdensprache schriftlich festzuhalten, müssen Gehörlose immer in einer Lautsprache schreiben und lesen, also sozusagen in einer Fremdsprache. Ein Wort, für das (noch) keine Gebärde existiert, eine Abkürzung oder auch ein unbekannter Name können buchstabiert werden mithilfe des Fingeralphabets. International verbreitet ist das Einhand-Fingeralphabet, bei dem die Buchstaben mit den Fingern einer Hand gebildet werden (arrow 9).

Anmerkungen

1  Diese Verweise werden im Kapitel Erläuterungen (S.223) erklärt.

2  Penny Boyes Braem, Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung, Hamburg 1995, S. 33.

3  Ebd., S. 36.

4  Ebd., S. 105.

Rita Zimmermann

geboren 1947

Rita war fünfeinhalb Jahre alt, als sich bei einer Untersuchung herausstellte, dass sie gehörlos ist. Und bis sie erstmals eine Förderung erhielt, verging ein weiteres Jahr. Außer über einfache Zeichen – von echter Sprache keine Rede – konnte sie also auf sprachlichem Weg fast sieben Jahre lang keinen Kontakt zu ihren Mitmenschen aufnehmen. Es beeindruckt, wie Rita trotzdem ihren Weg machte: Sie schloss eine Lehre als Pelznäherin ab, absolvierte die Ausbildung als Gebärdensprachlehrerin und steckte unzählige Schülerinnen und Schüler, Hörende und Gehörlose, mit ihrer Begeisterung für die geliebte Gebärdensprache an. Heute ist Rita beim Dima-Sprachverein1 angestellt und unterrichtet gehörlose Migrantinnen und Migranten. Und sie ist regelmäßig als Großmutter im Einsatz, da ihre Tochter berufstätig ist.

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