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»Ich habe mich wie ein Vogel in einem sehr kleinen Käfig gefühlt; wie auch immer ich mich bewegte, meine Flügel schlugen gegen die Gitterstäbe.«

Indira Gandhi

»Von Zeit zu Zeit sollen Frauen all das tun, was Männer bereits getan haben – und gelegentlich etwas, das Männer noch nicht getan haben, um sich als Persönlichkeiten zu bestätigen und vielleicht andere Frauen zu größerer Unabhängigkeit in Gedanken und Taten zu ermutigen.«

Amelia Earhart

Vorwort

Schon immer gab es Frauen, die Leistungen vollbrachten, von denen man glaubte, sie seien Männern vorbehalten. Mit mehr als hundert solcher wagemutigen Frauen befasste ich mich, bevor ich eine Auswahl traf. Eine möglichst große Bandbreite war dabei mein Ziel. Die sechzehn in diesem Buch porträtierten Frauen wurden zwischen 1697 und 1972 geboren, verfolgten die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und gingen dabei Wege abseits der ausgetretenen Pfade. Auch wenn es riskant ist, sich den gesellschaftlichen Erwartungen zu widersetzen – einige der vorgestellten Frauen zerbrachen daran –, sollen -Leserinnen und Leser sich durch die eindrucksvollen Vorbilder ermutigt fühlen, persönliche Ziele anzustreben.

Kelkheim, Oktober 2003Dieter Wunderlich

www.dieterwunderlich.de

Friederike Caroline Neuber

1697  1760

FRIEDERIKE CAROLINE NEUBER war die erste große Schauspielerin und Theaterleiterin. Um das Niveau der Aufführungen in Deutschland zu heben, verbannte sie die populäre Figur des »Hans Wurst« von der Bühne. Damit eilte sie jedoch ihrer Zeit voraus: Die »Neuberin« galt zwar als Berühmtheit, aber das Publikum bevorzugte andere Komödiantentruppen, die nach wie vor derbe Possen und schaurige Spektakel inszenierten. Einer der wenigen, die ihre theatergeschichtliche Bedeutung bereits zu ihren Lebzeiten erkannten, war Lessing.

GERÜCHTE ÜBER DIE VATERSCHAFT

Daniel Weißenborn studiert in Leipzig und Straßburg Jura, bevor er 1692, im Alter von sechsunddreißig Jahren, Gerichtsdirektor in der südwestlich von Zwickau gelegenen Stadt Reichenbach wird und Anna Rosine Wilhelm heiratet, die Tochter eines Gutsverwalters aus Rothenthal bei Greiz. Sie kommt am 9. März 1697 mit ihrem einzigen Kind nieder: Friederike Caroline.

Die Leute wundern sich, wieso Adam Friedrich von Metzsch, der Erb-, Lehns- und Gerichtsherr der Grafschaft Reichenbach-Friesen, die Patenschaft des Mädchens übernimmt. Dass Daniel Weißenborn nach dessen Tod 1702 seine gute Stelle in Reichenbach aufgibt, mit seiner Familie nach Zwickau zieht und sich in seiner Geburtsstadt als Notar niederlässt, werten viele als Bestätigung des Gerüchts, nicht er, sondern der Verstorbene sei der leibliche Vater Friederikes gewesen. Man munkelt, Adam Friedrich von Metzsch habe den Gerichtsdirektor gezwungen, die schwangere Anna Rosine Wilhelm zu heiraten, damit sein Kind nicht in Schande geboren werde.

In Weißenborns umfangreicher Bibliothek stehen ausschließlich philosophische Schriften und juristische Fachliteratur. Belletristik hält er für schädlich, denn die erfundenen Geschichten bringen seiner Meinung nach nur die Gefühle der Leserinnen und Leser durcheinander. Anna Rosine leiht allerdings heimlich bei den Nachbarn Romane aus. Wenn er sie bei der Lektüre ertappt, wirft er jähzornig den nächstbesten Gegenstand nach ihr – einmal sogar einen schweren Hammer –, oder er jagt sie mit der Hundepeitsche durchs Haus. Auch seine Tochter verprügelt er häufig, und von einem Schlag mit dem Schlüsselbund behält sie eine Narbe im Gesicht zurück. Im November 1705 stirbt Anna Rosine Weißenborn unvermittelt. Die Leute tuscheln, ihr Mann sei daran schuld; aber niemand kann etwas Zuverlässiges darüber sagen.

FLUCHT

Vermutlich besuchte Friederike – die von ihrer Mutter Lesen, Schreiben und sogar Französisch gelernt hatte – nie eine Schule. Ihr Vater beschäftigt sie als Gehilfin in seiner Kanzlei, und sie eignet sich dabei auch Kenntnisse über das Formulieren von Geschäftsbriefen an. Sobald ihr ein Fehler unterläuft, tobt der cholerische Kleinkrämer. Weil sie das Gebrüll und die Raserei ihres Vaters nicht mehr aushält, läuft die Vierzehnjährige am Neujahrstag 1712 von zu Hause fort. Die Tante, bei der sie Zuflucht sucht, schickt sie jedoch wieder weg. Drei Monate lang lebt Friederike daraufhin bei der Familie einer früheren Magd ihrer Eltern – bis ein Diakon zwischen ihr und ihrem Vater vermittelt und sie notgedrungen ins Elternhaus zurückkehrt. Nicht ohne Grund befürchtet sie, der Vater werde sie trotz seiner Versprechungen gegenüber dem Geistlichen auch zukünftig misshandeln.

Nach einem weiteren Zornesausbruch des Vaters flieht Friederike am 14. April 1712 erneut, diesmal zu dem vierundzwanzig Jahre alten Jurastudenten Gottfried Zorn, der für ihren Vater gearbeitet, sich nach einem dreiviertel Jahr aber im Streit von ihm getrennt hatte. Erschrocken rät er dem Mädchen, noch einmal alles zu überdenken, aber Friederike redet solange auf ihn ein, bis er sie begleitet. Am 13. Mai lässt der Zwickauer Stadtvogt einen Steckbrief aushängen, demzufolge der Student Gottfried Zorn die einzige Tochter Daniel Weißenborns entführt »und dem Verlaut nach wirklich geschwängert habe«.

Die erste Nacht verbringen die zu Fuß Flüchtenden in Lichtentanne südwestlich von Zwickau. Das Mädchen hat überhaupt kein Geld dabei, und die Barschaft des jungen Mannes reicht gerade noch für eine Übernachtung im Greizer Gasthof »Zum kalten Frosch«. In Zwönitz gewährt ihnen eine Schwester Gottfried Zorns, die Ehefrau eines Gastwirts, ein paar Tage Unterschlupf. Ängstlich setzen die beiden ihren Weg fort, bis sie am 19. Mai aufgegriffen und in der Festung Hartenstein eingesperrt werden. Nachdem die Stadt Zwickau die Kosten für Kost und Bewachung bezahlt hat, lässt man die Delinquenten am 25. Mai dem dortigen Gericht überstellen. Friederike nimmt alle Schuld auf sich und beteuert, Gottfried Zorn habe sie weder entführt noch unehrenhaft berührt. Trotzdem bleiben beide inhaftiert. Gottfried wird erst am 19. Juni 1713, nach dreizehn Monaten, aus der Haft entlassen; einige Tage später kommt auch Friederike frei.

Vier Monate lang wohnen sie nun bei der Mutter Gottfrieds, und Friederike hofft auf eine Zukunft mit ihm. Aber als er nach Dresden geht und sich bei der sächsischen Armee meldet, sieht sie in ihrer Verzweiflung keinen anderen Weg, als zu ihrem Vater zurückzukehren. Drei Jahre hält sie es nochmals bei ihm aus, dann flieht sie 1716 zum dritten Mal. Heimlich klettert sie durch ein Fenster und läuft zu Johann Neuber, dem gleichaltrigen Sohn eines Gutsbesitzers aus Reinsdorf östlich von Zwickau. Der Junge hatte die Lateinschule besucht, konnte aber nach dem Tod des Vaters aus Geldmangel nicht mehr studieren. Wie sich die beiden kennen lernten, ist nicht überliefert.

WANDERKOMÖDIANTEN

Am 5. Februar 1718 heiraten Johann Neuber und Friederike Weißenborn in der Hof- und Domkirche Sankt Blasius in Braunschweig. Geschieht es aus Liebe, oder geht es der Zwanzigjährigen, die nun endgültig nicht mehr zu ihrem Vater zurück will, in erster Linie um den Schutz eines Mannes? Wir wissen es nicht. Statt ein bürgerliches Leben zu führen, wollen die frisch Vermählten zum fahrenden Volk der Komödianten – wie viele erlebnishungrige Studenten, denen das Geld für ein Universitätsstudium fehlt. Für eine Frau ist das allerdings ein wagemutiger Schritt, denn Schauspielerinnen werden wie Huren verachtet und eine Wiederaufnahme in die bürgerliche Gesellschaft ist undenkbar. Frauen auf der Bühne gibt es überhaupt erst seit wenigen Jahrzehnten. Bis dahin wurden auch die weiblichen Rollen von Männern verkörpert.

Nach Deutschland kamen die zunächst aus Italien und England stammenden Komödianten Ende des 16. Jahrhunderts. Sie sind als Familien oder in kleinen Gruppen unterwegs und spielen auf Jahrmärkten und Plätzen im Freien – wenn das Wetter es zulässt und man sie nicht fortjagt. Solange die Kasse voll ist, übernachten die Komödianten in Gasthöfen, aber nach schlecht besuchten Vorstellungen müssen sie meist mit Scheunen vorlieb nehmen oder unter ihrem Fuhrwerk schlafen. Die Commedia dell’Arte ist inzwischen zum Klamauk verkommen, und selbst die Stücke Shakespeares werden von geschäftstüchtigen Prinzipalen zu ebenso pompösen wie lärmenden und grausigen Spektakeln verzerrt, bei denen Tierblut aus versteckt getragenen Schweinsblasen spritzt. Dass die Zuschauer die Sprache der ausländischen Schauspieler nicht verstehen, stört niemand, denn die meist simple Handlung bekommt das Publikum durch die pantomimisch-theatralische Mimik und Gestik der Darsteller auch so mit. In Deutschland und Österreich ist vor allem der »Hans Wurst« populär. Die Figur vereint Charakterzüge des schelmischen Arlecchino und des durchtriebenen Pulcinella der Commedia dell’Arte mit Eigenschaften des komischen Bauerntölpels Pickelhering aus dem elisabethanischen Theater. Der Hanswurst kennt kein Tabu, er rülpst, furzt und wendet sich mit obszönen Bemerkungen an das Publikum.

Möglicherweise war Johann Neuber 1715 beim Gastspiel der von Christian Spiegelberg geleiteten Komödiantentruppe im Zwickauer Gewandhaus unter den Zuschauern. Jedenfalls schließen er und seine unternehmungslustige Frau sich diesem Prinzipal an, der bereits in Dänemark, Schweden und Norwegen gastierte. Endlich darf die schlanke, langbeinige Einundzwanzigjährige mit den blonden Locken singen, tanzen und lachen. 1719 wechselt das Paar zu Johann Caspar Haacks Truppe, die für ihre schwülstigen Stücke im englischen Stil bekannt ist, und reisen mit ihren neuen Kollegen nach Dresden, Leipzig, Hannover, Hamburg, Frankfurt am Main, Braunschweig, Breslau und Nürnberg. Nach dem Tod Haacks im Jahr 1722 heiratet seine Witwe Sophie Julie den Komödianten Carl Ludwig Hoffmann, der dadurch zum Prinzipal wird. Doch als Sophie Julie drei Jahre später stirbt und Gläubiger auftauchen, setzt Hoffmann sich ab und lässt die Gruppe im Stich.

THEATERLEITERIN

Über diese Verantwortungslosigkeit sind die Neubers nicht weniger verärgert als die anderen Betroffenen, aber statt zu lamentieren, gründen sie in Dresden eine eigene Komödiantentruppe. Faktisch leitet Friederike den fahrenden Theaterbetrieb, doch offiziell fungiert Johann Neuber als Prinzipal, denn Ehefrauen unterstehen der Vormundschaft ihrer Gatten. Der hagere, unscheinbare und bedächtige Mann führt die Korrespondenz, und auf der Bühne liefert er seiner Gemahlin die Stichworte.

In einer Eingabe vom 15. Februar 1727 an August den Starken bewirbt sich die Neuber’sche Truppe um das »Königlich-Polnische und Churfürstlich-Sächsische Hoff-Comödianten Privileg«, das durch die Auflösung der Truppe von Carl Ludwig Hoffmann frei geworden war. Am 8. August wird es ihr gewährt. Damit ist keine Anstellung am Hof verbunden, wie man aufgrund der Bezeichnung meinen könnte, sondern es handelt sich um eine Art Gewerbeschein: Das Privileg gestattet es den Komödianten, im Kurfürstentum Sachsen aufzutreten. Allerdings gilt auch für sie das allgemeine Spielverbot an Sonn- und Feiertagen, in der Advents- und der Fastenzeit sowie in Zeiten der Staatstrauer.

Während der Frühjahrsmesse 1727 tritt Friederike Neuber erstmals mit ihrer Truppe in Leipzig auf. Dafür lässt sie hinter dem Rathaus den ersten festen Theaterraum in der Stadt errichten, eine primitive Bretterbude mit ein paar gemalten Kulissen. Einige Zuschauer sitzen auf Bänken, andere stehen; sie plaudern, schreien, lachen, und die Vornehmen unter ihnen stolzieren während der Vorstellung sogar auf der Bühne herum, um die Darsteller – besonders natürlich die jungen Aktricen – aus der Nähe zu betrachten.

GOTTSCHED

Die Zuschauer sehen am liebsten Possen und so genannte »Haupt- und Staatsaktionen«, pseudohistorische Spektakel mit viel Klamauk und Tamtam. Weil Friederike Neuber auch übersetzte französische Schauspiele in Versen aufführt, wird Johann Christoph Gottsched in Leipzig auf die dreißigjährige Frau aufmerksam, und er besucht so viele ihrer Aufführungen wie möglich. Der hoch gewachsene Pfarrersohn aus Juditten bei Königsberg war nach dem Philosophiestudium, im Alter von vierundzwanzig Jahren, vor den preußischen Rekruteuren nach Sachsen geflohen – ein früher Kriegsdienstverweigerer. In Leipzig hatte er 1726 den Vorsitz der »Teutschübenden-poetischen Gesellschaft« übernommen, die eine einheitliche deutsche Hochsprache zur Überwindung der Kleinstaaterei und als Grundlage eines deutschen Nationalbewusstseins anstrebt. Gottsched verabscheut die »pöbelhaften Fratzen und Zoten« der Hanswurstiaden ebenso wie die barocke Schwülstigkeit der »Haupt- und Staatsaktionen«; stattdessen schätzt er die französischen Klassiker Pierre Corneille und Jean Racine. Gottsched vertritt den Standpunkt, dass es nicht auf Gefühl, Fantasie und Unterhaltung, sondern auf die Vernunft ankomme, und er wünscht sich ein nationales Theater, das zur Verbesserung der Moral beiträgt. »Gottscheds Theaterreform stellt sich die Aufgabe, die ungestaltete Menge des traditionellen Theaterpublikums umzuformen zum empfangsbereiten, bildungsfähigen Publikum, und sich ein neues Publikum dadurch zu erwerben, dass man die Gebildeten, die bis anhin die Schaubühne gemieden haben, für das neue Theater begeistert. Im neuen Publikum sollen sich die Gelehrten, das Publikum der bürgerlichen Lesegesellschaften […] und das Publikum der Ungebildeten, aber Bildungswilligen zu einer Vernunft- und Geschmacksgemeinschaft amalgamieren.« (Ruedi Graf in: Bärbel Rudin und Marion Schulz (Hg.), Vernunft und Sinnlichkeit)

1727 schlägt der Gelehrte Friederike Neuber vor, mit ihm gemeinsam an der erstrebten Theaterreform zu arbeiten. Während er auf Schauspieler angewiesen ist, um seine Theorien in die Praxis umzusetzen, benötigt die »Neuberin« – wie sie inzwischen genannt wird – gute deutsche Stücke, die Gottsched ihr in Form von Übersetzungen und eigenen Werken zu liefern verspricht. Aber zu ihrem Verdruss bleiben sie zunächst aus. Stattdessen veröffentlicht Gottsched eine theoretische Schrift über die Theaterreform und wird 1730 außerordentlicher Professor für Poesie in Leipzig. Erst zur Leipziger Herbstmesse 1731 kann die Neuber’sche Truppe ein von Gottsched selbst verfasstes Drama uraufführen: »Der sterbende Cato«.

»DENN SIE IST NICHTS ALS EINE KOMÖDIANTIN«

Dem guten Ruf, den die Neuberin sich inzwischen erworben hat, folgen einige der besten Komödianten Deutschlands. Außer in Leipzig spielt Friederike Neuber in Nürnberg, Freiberg, Weißenfels, Merseburg, Wittenberg, Blankenburg, Braunschweig, Hannover und Hamburg. Die Leitung einer Theatergruppe stellt auch ein finanzielles Wagnis dar, denn der Prinzipal muss die Komödianten und die Aufführungsgebühren bezahlen, die Reisekosten tragen, Kostüme, Kerzen und Kulissen besorgen, Theaterzettel drucken und Rollentexte abschreiben lassen. Dementsprechend hoch sind die Eintrittspreise, auf die das Ehepaar Neuber angewiesen ist. Um dennoch ausreichend Zuschauer anzulocken, führt Friederike nicht nur elitäre gereimte Tragödien auf, sondern auch Possen und Burlesken, wobei sie allerdings derbe Zoten streicht. Mit volkstümlicheren Stücken könnte sie reich werden, aber sie kommt dem allgemeinen Geschmack nur so weit entgegen, wie es zur Aufrechterhaltung des Betriebs unbedingt erforderlich ist. »Da wir einmal etwas Gutes angefangen«, schreibt sie in einem Brief aus Nürnberg, »will ich davon nicht lassen, solange ich noch einen Groschen daranzuwenden habe.«

Mit dem Tod Augusts des Starken am 1. Februar 1733 erlischt das Privileg der Neuber’schen Komödianten, und während der monatelangen Staatstrauer dürfen sie in Sachsen ohnehin nicht auftreten. Es kommt noch schlimmer: Ausgerechnet der populäre Hanswurst-Darsteller und Prinzipal Joseph Ferdinand Müller erhält unter dem Sohn und Nachfolger des verstorbenen polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten am 8. September das Hofkomödianten-Privileg. Als die Neuberin eine Woche später zur Herbstmesse nach Leipzig kommt, macht Müller ihr aufgrund des Privilegs ihre Theaterbude streitig. Eingaben und Protestschreiben gehen zwischen den Kontrahenten, der Stadt Leipzig und dem Hof in Dresden hin und her. Wider Erwarten darf Friederike Neuber am 20. Mai 1734 ihre Bude in Leipzig erneut in Besitz nehmen. Da aber begleitet Johann Neuber ihren Gegenspieler – der ihm wohl Geld dafür versprochen hat – ins Rathaus und erklärt in eigenem Namen und als Vormund seiner Frau, er verzichte auf das Theater.

Friederike kann kaum glauben, was ihr Mann getan hat. Entsetzt wendet sie sich an den Leipziger Stadtrat und den sächsischen Kurfürsten. Sie dichtet sogar rasch ein Stück, mit dem sie den Fall auf die Bühne bringt. Darin spielt sie die Rolle der Melpomene: Die Muse der Tragödie verteidigt sich vor Apoll gegen verleumderische Anklagen, die von Thalia (Muse der Komödie) und dem Satyr Selenus vorgebracht werden. Natürlich entscheidet Apoll sich am Ende für Melpomene. »Das deutsche Vorspiel« – so heißt das Stück – wird noch im selben Jahr gedruckt. Der Text beginnt mit den Worten: »Lieber Leser. Hier hast du was zu lesen. Nicht etwa von einem großen gelehrten Manne; nein! nur von einer Frau, deren Namen du außen wirst gefunden haben, und deren Stand du unter den geringsten Leuten suchen musst: Denn sie ist nichts als eine Komödiantin; von Geburt eine Deutsche. Sie kann nichts, als von ihrer Kunst Rechenschaft abgeben […]« Friederikes Bemühungen sind umsonst: Der sächsische Hof entscheidet zugunsten von Joseph Ferdinand Müller. Die Neuberin muss mit ihrem Mann und den Komödianten Leipzig verlassen. Wie verkraftet sie diesen schweren Schlag? Macht sie ihrem Mann Vorwürfe, der diese demütigende Niederlage verschuldet hat? Leider ist nichts überliefert, was Aufschluss über ihre Reaktion geben würde.

Zum Glück verfügt sie seit zwei Jahren über das »Hochfürstlich Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel’sche Privilegium«, und im Karneval 1735 lädt Herzog Ludwig Rudolf sie in sein Opernhaus in Braunschweig ein. Aber Braunschweig ist keine Messestadt wie Leipzig. Außerdem stirbt Herzog Ludwig Rudolf am 1. März 1735, und sein Nachfolger hat für Komödianten nicht viel übrig.

THEATERREFORMEN

Den Rest des Jahres, vom 18. April bis 5. Dezember, gastiert Friederike Neuber in Hamburg, in einer von der Hansestadt zur Verfügung gestellten festen »Comoedien Bude«. Sie lässt nicht nur die üblichen Theaterzettel drucken, sondern auch Programmhefte mit Inhaltsangaben und Ankündigungen weiterer Stücke. Das ist etwas völlig Neues. Im Dezember folgt sie einer Einladung des theaterbegeisterten schleswig-holsteinischen Herzogs Karl Friedrich nach Kiel, wo sie trotz der Adventszeit im Ballhaus neben der Nicolaikirche spielen darf. Am 28. Februar 1736 wird die Gruppe zu »Hoch-Fürstlichen Schleßwig-Holsteinischen Hoff-Comoedianten« erhoben und obendrein von allen Gebühren befreit.

Nach der Idee mit den Programmheften denkt die Neuberin sich für das Gastspiel während und nach der Herbstmesse 1736 in Frankfurt am Main eine weitere Neuerung aus und stellt einigen Patriziern die Abhandlung des Gottsched-Schülers Johann Friedrich May »Über die Schaubühne« zu, in der sie lobend erwähnt wird. Auf diese Weise sorgt sie für Neugier und lockt die Zuschauer in ihre Aufführungen.

Zur Herbstmesse 1737 kommt Friederike Neuber nach drei Jahren erstmals wieder nach Leipzig und lässt sich vor dem Grimmaischen Tor eine 40 Meter lange und 19 Meter breite Holzhütte bauen. Vergeblich protestiert Joseph Ferdinand Müller dagegen. Sie feiert die Premiere ihres Stücks »Der alte und neue Geschmack«, in dem sie einen Hanswurst spielt, der auf einem Wundertier geflogen kommt, aber durch ein Gericht von der Bühne verbannt wird. Damit kritisiert sie das Possentheater im Allgemeinen und meint zugleich den Prinzipal Müller im Besonderen. »Der alte und neue Geschmack« erweist sich als Kassenschlager. Offenbar erfährt auch das sächsische Kurfürstenpaar von dem Erfolg, denn als es sich während der Herbstjagd im Jagdschloss Hubertusburg östlich von Leipzig aufhält, lädt es diesmal nicht Müller, sondern die Neuberin ein. Die führt der Hofgesellschaft im November 1737 fünf Tage lang Komödien und Tragödien vor und rezitiert selbst verfasste Huldigungsgedichte. Aber ihre Hoffnung auf eine Protektion durch den Herrscher oder seine Gemahlin erfüllt sich nicht.

Im Jahr darauf mietet Friederike Neuber für ihr Gastspiel in Hamburg das inzwischen leer stehende Opernhaus. Das Publikum merkt nichts von der bahnbrechenden Verbesserung, die sich die Theaterleiterin und der seit 1736 in Hamburg tätige Komponist Johann Adolph Scheibe haben einfallen lassen. Während nämlich üblicherweise örtliche Stadtpfeifer, die von den Komödianten gemietet werden, vor und nach den einzelnen Akten spielen, was ihnen gerade einfällt – da folgt auf einen tragischen Bühnentod schon mal ein fideler Tanz –, achten Scheibe und die Neuberin auf einen inneren Zusammenhang zwischen Theatermusik und Bühnengeschehen.

Von April 1739 bis Januar 1740 spielt Friederike Neuber erneut in der ehemaligen Hamburger Oper, obgleich die Zuschauerbänke leer bleiben, das Geld in der Theaterkasse deshalb nicht einmal für ein Mietfuhrwerk nach Leipzig reichen würde und die Komödianten zu murren beginnen. Dann spricht sich herum, dass die Neuberin von Zarin Anna nach Sankt Petersburg eingeladen wurde. Aufgrund dieser Sensation strömen viele Hamburger ins Theater – aber da vernehmen sie von der Prinzipalin Sätze wie diesen: »Hier hält mich wenig Gunst und kein Verdienst zurück, darum gönnt wenigstens euch und mir dieses Glück, dass ihr uns nicht mehr seht.« Nach diesem Affront zieht der Magistrat sofort die Spielerlaubnis zurück.

AM HOF DER ZARIN

Ernst Johann Graf Biron, der Günstling der Zarin Anna Iwanowna und heimliche Herrscher Russlands, will seine Geliebte durch die beste deutsche Komödiantentruppe unterhalten und hat deshalb die Neuber’sche engagiert. Nach einer sechswöchigen Reise treffen die Theaterleute Anfang Mai 1740 in Sankt Petersburg ein. Zarin Anna ist begeistert, ernennt die Gäste zu Hofkomödianten und bezahlt sie gut. Endlich scheint die dreiundvierzigjährige Prinzipalin am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Umso schlimmer ist die Enttäuschung, als die Zarin am 28. Oktober stirbt und den Thron ihrem zweijährigen Großneffen Iwan Antonowitsch hinterlässt, denn die neuen Machthaber verbannen Biron nach Sibirien und schicken die Komödianten fort. Weil allerdings die Straßen durch das Winterwetter nahezu unpassierbar sind, muss die Neuber’sche Gruppe bis zum Frühjahr 1741 in Russland ausharren – und verbraucht dabei das in Sankt Petersburg verdiente Geld.

ZERWÜRFNIS MIT GOTTSCHED

In Leipzig wartet eine weitere unliebsame Überraschung auf Friederike Neuber. Joseph Ferdinand Müller spielt nach wie vor in ihrer ehemaligen Komödiantenbude hinter dem Rathaus. Das Publikum bevorzugt aber mittlerweile die Aufführungen der von Johann Friedrich Schönemann geleiteten Komödiantengruppe, und der Magistrat verlangt von der Neuber’schen ab jetzt doppelt so hohe Standgelder wie von Schönemanns Truppe. Es ist schlimm genug, dass ein langjähriger Schüler der Neuberin – Schönemann gehörte ihrer Truppe von 1730 bis 1740 an – zum Konkurrenten wurde, aber noch mehr ärgert sie sich darüber, dass Gottsched – der inzwischen Rektor der Universität Leipzig ist – den neuen Prinzipal protegiert. Sie fühlt sich verraten.

Gottsched bemängelt, dass die Neuberin ihre Schauspieler unabhängig von der historischen Zeit, in der ein Stück spielt, in Kostümen auftreten lässt, die der aktuellen Mode bei Hof entsprechen. Das sei zwar allgemein üblich, aber falsch. Aus Rache geht die Prinzipalin auf die Kritik ein. Im dritten Akt des Stücks »Der sterbende Cato«, den sie als Nachspiel zu einer Burleske aufführt, kleidet sie die Darsteller in schlichte Togen und sorgt dafür, dass alle erfahren, wessen Vorschlag sie damit befolgt. Zum Schluss lässt sie ihren Ehemann in der Rolle des pontischen Königs Pharnazes sarkastisch sagen: »Nun, das war der Versuch!«

Der Streit spaltet die Leipziger Theatergemeinde, füllt erfreulicherweise die Zuschauerbänke der Neuberin in einer umgebauten Reithalle und bringt Gottsched eine Menge Spott ein. Aber damit gibt Friederike Neuber sich nicht zufrieden. Am 18. September 1741 kündigt sie in dem neuen, selbst geschriebenen Stück »Der allerkostbarste Schatz« den Auftritt eines Kritikers an, der alles besser weiß. Jeder versteht sofort, dass sie damit Gottsched meint. Seine Anhänger im Publikum protestieren, aber sie werden von den übrigen Anwesenden regelrecht aus dem Theater geprügelt. Tagelang reden die Leipziger über den Skandal. Vergeblich versucht Gottsched, weitere Aufführungen zu verhindern.

Weil die Eintrittsgelder trotz des vorübergehenden Andrangs die Unkosten nicht decken, ersucht die Neuberin den Leipziger Stadtrat, sie von den Spielgebühren zu befreien. Als das Gesuch abgelehnt wird, löst sie ihre Truppe 1743 entnervt auf. Ein Amtmann in Oschatz nimmt sie und ihren Mann vorübergehend bei sich auf.

IHRER ZEIT VORAUS

Irgendwie schafft Friederike Neuber es im folgenden Frühjahr, eine neue Komödiantengruppe zusammenzustellen, mit der sie unter anderem in Leipzig und Frankfurt am Main gastiert. Zwei Gesuche an die seit Dezember 1741 regierende Zarin Elisabeth um eine Spielerlaubnis in Russland bleiben allerdings unbeantwortet. Die Neuberin gilt zwar nach wie vor als Berühmtheit, was aber nicht unbedingt zur Folge hat, dass die Zuschauerbänke gut besetzt sind. Sie ist ihrer Zeit voraus und kommt gegen die Possenreißer nicht an. Einer der wenigen, die ihre theatergeschichtliche Bedeutung erkennen, ist Gotthold Ephraim Lessing, der kaum eine ihrer Aufführungen in Leipzig versäumt. Am 8. Januar 1748 debütiert er auf ihrer Wanderbühne mit seinem Lustspiel »Der junge Gelehrte«, in dem er seine eigene Gelehrsamkeit verspottet. Der Erfolg ist zwar nicht sensationell, doch immerhin ermutigend für den achtzehnjährigen Dichter.

Seit Jahren schuldet Friederike Neuber der Stadt Leipzig nun schon die Spielgebühren. Der Eigentümer der von ihr bespielten Halle ist schließlich nicht mehr bereit, ihr die Miete weiterhin zu stunden und überlässt den Raum deshalb im März 1749 Johann Friedrich Schönemann, der – nicht zuletzt mit Gottscheds Hilfe – versucht, seine Konkurrentin aus Leipzig zu verdrängen. Doch sie gibt nicht auf und eröffnet im Oktober wieder eine kleine Bühne in der Stadt. Einige Wochen später kommt Gottfried Heinrich Koch, der ihre Truppe nach einundzwanzig Jahren verlassen hatte, aus Wien zurück und erhält am 15. Dezember das kurfürstliche Privileg, obwohl sein Ensemble noch gar nicht vollzählig ist. Für den Saal, den seine frühere Prinzipalin gerade hergerichtet hat, bietet er eine höhere Miete. Daraufhin muss Friederike Neuber Leipzig endgültig verlassen. Sie kann nicht verstehen, dass ausgerechnet zwei ihrer ehemaligen Schüler sie ruiniert haben.

Nach vielen Rückschlägen gesteht sie sich ein, dass sie mit ihrem anspruchsvollen Programm allenfalls vorübergehende Erfolge erzielen kann. Um den Lebensunterhalt für sich und ihren Ehemann zu verdienen, reist die ehemalige Prinzipalin als einfaches Mitglied anderer Komödiantentruppen durch Deutschland, und es bleibt ihr nichts anderes übrig, als auch in Possen aufzutreten. Natürlich leidet sie unter der Schmach, aber sie ist auf das Geld angewiesen. Für Extragagen nimmt sie sogar Rollen an, in denen sie mit Ohrfeigen und Fußtritten traktiert wird.

Königin Maria Theresia lädt die trotz des beruflichen Abstiegs noch immer berühmte Komödiantin 1753 nach Wien ein. Doch im Theater am Kärtnertor werfen unzufriedene Zuschauer mit faulem Obst nach ihr. Mit Schadenfreude liest Gottsched, was ihm ein Augenzeuge am 27. Juni in einem Brief berichtet: »Die Frau Neuberin ist von Frankfurt berufen worden, und als sie auftrat, so nahm man zwar eine vernünftige Aktrice wahr, allein ihre Stimme war so schwach, dass man sie fast nicht verstand. Ein andermal schrie sie und polterte über die Maßen, dass sich die Stimme überschlug. Dann will sie sich im Aufputz nicht nach Wien richten. Sie kam als Königin wie eine neapolitanische aufgeputzte Prinzessin zum Vorschein. Ihr Kopf sah dem Kamme eines Schlittenpferdes gleich.« Erfolgreich verläuft dagegen die Aufführung des von ihr verfassten gereimten Lustspiels »Das Schäferfest oder Die Herbstfreude« an Maria Theresias Namenstag – aber davon profitiert vor allem der Prinzipal der Komödiantengruppe; die Dichterin muss mit einem bescheidenen Honorar vorlieb nehmen.

Bis Ende 1754 bleiben Johann und Friederike Neuber in Wien. Dann versuchen sie es noch einmal selbst mit einem kleinen Ensemble. Sie spielen in Dresden und den umliegenden Kleinstädten. Vergeblich bewerben sie sich um die herzogliche Bühne in Weimar. Zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs im Herbst 1756 geben sie endgültig auf.

DAS TRAURIGE ENDE

Unterschlupf finden sie bei dem kurfürstlich-königlichen Leibarzt Dr. Löber in Dresden, einem Bewunderer der Neuberin, der ihnen eine Kellerkammer zur Verfügung stellt. Dort stirbt Johann Neuber am 3. März 1759. Zu diesem Zeitpunkt führen Friedrich der Große und Maria Theresia bereits seit zweieinhalb Jahren wieder Krieg gegeneinander. Am 9. September 1759 gelingt es zwar den Österreichern, die Preußen aus Dresden zu vertreiben, aber der preußische König versucht natürlich, die sächsische Residenzstadt zurückzugewinnen. Löbers Haus wird am 19. Juli 1760 durch preußischen Beschuss zerstört. Die Familie flieht in das Dorf Laubegast, nimmt auch Friederike Neuber mit und besorgt ihr eine Stube. Doch als sie krank wird, setzt der Hausbesitzer sie vor die Tür, weil er nicht will, dass eine fremde Frau unter seinem Dach stirbt. Das bringe Unglück, behauptet er. Ein einfacher Bauer namens Georg Möhle erbarmt sich der Dreiundsechzigjährigen und nimmt sie auf. Friederike Caroline Neuber stirbt in der Nacht auf den 29. November 1760 und wird noch am selben Tag in einem von Möhle gezimmerten Sarg beerdigt.

Eine Inschrift an dem 1776 errichteten und 1897 neu gestalteten Denkmal in Laubegast lautet: »Dem verdienten Andenken einer Frau voll männlichen Geistes, der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, der Urheberin des guten Geschmacks auf der deutschen Bühne.«

Dorothea Erxleben

1715  1762

DOROTHEA ERXLEBEN war die erste und für eineinhalb Jahrhunderte auch die einzige Ärztin, die in Deutschland promovieren und ihren Beruf offiziell ausüben durfte.

AUS »HASE« WIRD »LEPORIN«

Justus Hase, der Sohn eines Schlachters, wird Theologe und latinisiert den Familiennamen zu »Leporin(us)«. Sein Enkel Christian Polycarp Leporin studiert Medizin. 1714 beginnt er, in Quedlinburg zu praktizieren, wo er seit drei Jahren mit Anna Sophia verheiratet ist, der jüngsten Tochter des angesehenen Konsistorialrats Albert Meinecke. Im zweiten Jahr seiner Tätigkeit in Quedlinburg gerät Leporin mit dem Stadtphysikus Johann Heinrich Bollmann in einen heftigen, öffentlich ausgetragenen Streit über die richtige Behandlung einer Schussverletzung an der Hand eines Jungen. Leporin scheint nicht sonderlich beliebt zu sein, denn nach Bollmanns Tod erhält er bei der Wahl des Nachfolgers keine einzige Stimme.

Als seine acht Jahre ältere Ehefrau am 13. November 1715 mit Dorothea Christiana niederkommt, ist die Tochter Maria Elisabeth bereits drei Jahre alt; die Söhne Christian Polycarp und Johann Christian Justus kommen knapp zwei beziehungsweise fünf Jahre später zur Welt.

WISSENSDURSTIGES MÄDCHEN

Dorothea ist kränklich wie der jüngere ihrer beiden Brüder: »Oft war eine Krankheit noch nicht völlig überstanden, wenn sich eine andere bereits wieder einfand«, wird sie später in ihrem Lebenslauf berichten. Als der Vater beobachtet, dass Dorothea von ihren Unpässlichkeiten abgelenkt wird, wenn sie zuhören darf, wie er Christian unterrichtet, erlaubt er ihr häufiger, dabeizusitzen, und es kommt bald vor, dass sie anstelle ihres Bruders eine Frage beantwortet, wenn der nicht schnell genug ist. Angespornt durch Dorotheas offensichtliche Begabung bezieht Dr. Leporin sie in den systematischen Unterricht mit ein, der eigentlich dazu dient, Christian auf den Besuch der Lateinschule vorzubereiten. Während Dorothea in Religion, »Gelehrsamkeit« und »nützlichen Wissenschaften« unterwiesen wird und Deutsch, Latein und Französisch lernt, muss ihre kräftigere und gesündere Schwester der Mutter im Haushalt helfen. Obwohl Maria es eher langweilig finden würde, an den Unterrichtsstunden teilzunehmen und ihr längst erklärt wurde, dass es für ein Mädchen viel wichtiger sei, einkaufen und kochen, spinnen und weben, waschen und putzen zu können, ärgert sie sich immer wieder über die Bevorzugung Dorotheas, besonders wenn nach einem langen Waschtag Rücken und Hände schmerzen. So kommt es nicht selten zu Reibereien zwischen den Schwestern, und Leporin muss hin und wieder ein Machtwort sprechen. Aufgrund der Tatsache, dass er ein Mädchen am häuslichen Unterricht seines älteren Sohnes teilnehmen lässt, könnte man annehmen, er vertrete unkonventionelle Ansichten. Aber das ist nur bedingt richtig: In einer der Schriften, die er auf eigene Kosten drucken lässt, betont er, dass sich selbst eine gebildete Frau ihrem Vater beziehungsweise Ehemann unterordnen müsse.

Da Dr. Leporin sich bei seinen Krankenbesuchen von Christian und Dorothea begleiten lässt, führt er sie schon früh ins medizinische Grundwissen ein. Während Christian schließlich die Lateinschule besucht, wird Dorothea – der wie allen anderen Mädchen der damaligen Zeit eine höhere Schulbildung versagt bleibt – weiter zu Hause unterrichtet, jetzt auch von ihrem Bruder, der beispielsweise seine Sprachlektionen mit nach Hause nimmt und sie mit ihr durchgeht. Offenbar zeigt er Dorotheas Arbeiten dem Rektor und Lateinlehrer Tobias Eckhart, denn der lobt die Fünfzehnjährige in einem Brief: »Nicht ohne Vergnügen habe ich deine lateinischen Übungen gelesen. Ich habe diese so vorbereitet gefunden, dass sie die jungen Männer, die allein darauf bedacht sind, die Wissenschaft zu behandeln, zu einem Wettstreit reizen können. Ich gratuliere dir deshalb und bewundere die Fähigkeiten deines Geistes, auch die Begierde, diese Wissenschaft zu behandeln und bewundere deine Fortschritte […]«

»DASS DIESES GESCHLECHT DER GELEHRSAMKEIT SICH BEFLEISSIGE«

Auch als Christian 1736 zum Marwitz’schen Regiment in Quedlinburg eingezogen wird, hört der Vater nicht auf, Dorothea medizinische Kenntnisse und Erfahrungen zu vermitteln. Wenn er – was jetzt häufiger vorkommt – bettlägrig ist, kümmert sie sich auch schon mal allein um eine seiner Patientinnen. Trotzdem beneidet sie ihren Bruder, der im April 1740 beurlaubt wird, damit er sein Medizinstudium an der 1694 gegründeten, vom Pietismus geprägten Universität Halle beginnen kann. Sie hätte so gern studiert. »Wie oft habe ich mir gewünscht, mit ihm gleiches Glück zu genießen […]« Aber die Universitäten sind männlichen Studenten vorbehalten. Es gibt noch immer Gelehrte, die über die Frage disputieren, ob Frauen überhaupt Menschen sind (F. H. Hoeltichius: Femina non est homo. 1672). Zwar hatte ein Professor in Halle 1707 die Gründung einer »Jungfern Akademie« vorgeschlagen, aber verwirklicht wurde nichts dergleichen. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts geht die vorherrschende Meinung davon aus, dass Frauen nicht für höhere Bildung geeignet seien und »eine Überbeanspruchung des Gehirns« zum »Nachlassen der Fortpflanzungsfähigkeit« führen könne (Herbert Spencer).

Damit findet Dorothea sich nicht ab. 1738 verfasst die Zweiundzwanzigjährige eine Schrift, die später gedruckt wird. Im Vorwort vom 29. Januar 1742 heißt es dazu: »Als ich vor mehr als vier Jahren diesen Aufsatz zu Papier brachte, hatte ich keinesfalls im Sinn, ihn zu veröffentlichen. Es war mir genug, dass ich Gelegenheit fand, mich darin zu üben, meine Gedanken in Ordnung zu bringen. […] Mein lieber Vater versetzte mich in große Angst, denn nachdem er alles gelesen hatte, beschloss er, es drucken zu lassen.« Der Titel lautet: »Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten, darin deren Unerheblichkeit gezeigt, und wie möglich, nötig und nützlich es sei, dass dieses Geschlecht der Gelehrsamkeit sich befleißige, umständlich dargelegt wird«. Ohne die traditionell untergeordnete Rolle der Frau in der Familie in Frage zu stellen, versucht Dorothea auf 240 Seiten Vorurteile über eine prinzipielle Unvereinbarkeit von Weiblichkeit und Bildung zu widerlegen. So erläutert sie beispielsweise, Frauen seien nur solange gefühlsbetonter, unkonzentrierter und unbeständiger als Männer, wie man sie daran hindere, ihren Verstand zu schulen. Sie fordert die Zulassung von Frauen zur »Gelehrsamkeit«, damit sie nicht länger »dieses herrlichen und kostbaren Gegenstandes beraubt werden«. Die Schrift sorgt für Aufsehen, und sieben Jahre später erscheint sogar ein Raubdruck. In diesem Zusammenhang schreibt die »Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten« am 11. Oktober 1749: »Diese Schrift hat ihren Wert und verdient Beifall, weil sie aus der Feder eines vernünftigen Frauenzimmers geflossen ist.«

BITTSCHRIFT AN DEN KÖNIG

Als die Quedlinburger am 24. November 1740 dem preußischen König Friedrich II. huldigen, der vor einem halben Jahr seinem verstorbenen Vater auf den Thron folgte, sieht Dorothea eine Gelegenheit, auf ihr persönliches Anliegen aufmerksam zu machen. Die Fünfundzwanzigjährige überreicht dem Regierungspräsidenten von Halberstadt, der den Monarchen bei dem Festakt vertritt, eine Supplik. Darin bittet sie zunächst darum, ihren Bruder Christian weiter studieren zu lassen. Offenbar befürchtet sie, dass seine Beurlaubung vom Militärdienst widerrufen wird, sobald der preußische König das seit 20. Oktober von Maria Theresia regierte Habsburger Reich angreift. Dass eine junge Frau es wagt, sich mit einer Bittschrift an den König zu wenden, sorgt für Erstaunen, aber vor allem der zweite Teil des Gesuchs ist ganz und gar außergewöhnlich: Dorothea möchte sich ihrem Bruder anschließen und an der medizinischen Fakultät der Universität Halle eine Abschlussprüfung machen dürfen. Wo nimmt sie nur den Mut für so eine Bitte her, deren Gewährung mehr als unwahrscheinlich ist? Noch nie hat eine Frau in Deutschland einen akademischen Grad erworben! Die Romanautorin Regina Hastedt geht davon aus, dass Dorothea von Maria Elisabeth, der Äbtissin des Quedlinburger Damenstifts, protegiert wurde, aber diese Darstellung lässt sich nicht belegen.

DIE MÄNNER AUF DER FLUCHT

Das Vorgehen seiner Tochter ermutigt Leporin offenbar zu einer eigenen Eingabe. Da er mit seiner Arztpraxis in Wernigerode nur wenig verdient, wendet er sich an den Stiftshauptmann Georg Otto Edler von Plotho. Der schreibt am 20. Dezember 1740 an Friedrich II., der vier Tage zuvor mit seinen Truppen in Schlesien einmarschiert ist, um Maria Theresia die reiche Provinz Schlesien zu rauben: »Man gibt diesem Dr. Leporin hier das Zeugnis, dass er nicht nur ein guter Medikus, sondern auch in verschiedenen anderen nützlichen Dingen geschickt, bei der hiesigen schlechten Praxis aber und durch öftere Krankheiten, auch andere gehabte Unglücks-Fälle von zeitlichem Vermögen ganz entblößt sein soll.« Die gewünschte finanzielle Unterstützung erhält Dr. Leporin jedoch nicht. Stattdessen verlangt der Kommandant der Quedlinburger Garnison Ende Januar 1741 von ihm, seinen Sohn Christian herbeizuschaffen, der inzwischen als Deserteur gesucht wird. Wie von Dorothea befürchtet, sollen nämlich auch die Studenten der Universität Halle in den Krieg ziehen, obwohl der Senat auf ein königliches Reskript vom 1. Dezember 1740 verweist, in dem es heißt, »[…] dass alle auf hiesiger Universität sich befindende, auch ab- und zureisende Studiosi nicht allein von aller Werbung und Zwingung zum Soldaten gänzlich befreit sein, sondern auch denjenigen, welche in letzteren Jahren zu Soldaten angeworben sind, aber ihre studia kontinuieren wollen, die Pässe abgenommen und sie losgelassen werden sollen.« Leporin versteckt sich zehn Wochen lang außerhalb von Quedlinburg. Christian flieht ins Kurfürstentum Sachsen, um dem gefürchteten Spießrutenlaufen zu entgehen, bei dem der Delinquent mehrmals durch ein Spalier von dreihundert Soldaten getrieben wird, die mit Haselruten auf seinen nackten Rücken einpeitschen, bis ihm die Haut in blutigen Fetzen vom Leib hängt. Weil seinem jüngeren Bruder die Rekrutierung als Packknecht droht, taucht auch dieser unter. Anna Sophia Leporin und ihre beiden Töchter wissen zeitweise nicht, wo sich die Männer aufhalten und warten besorgt auf Nachricht von ihnen.

KÖNIGLICHES PRIVILEG

Auf Dorotheas Eingabe an den König erhält von Plotho im April 1741 vom »Departement der Geistlichen Affairen« ein Antwortschreiben. Man wolle »mit dem allergrößten Vergnügen« dazu beitragen, dass Christian Leporin sein Studium fortsetzen und seine Schwester einen akademischen Grad erwerben könne. Sobald die beiden bereit seien und sich wieder meldeten, werde man der Universität Halle eine entsprechende Empfehlung übermitteln. Am 2. Mai unterrichtet der Stiftshauptmann Dr. Leporin darüber. Für Christian kommt die Antwort zu spät, denn er studiert bereits seit März an der vor vier Jahren eröffneten Georg-August-Universität in Göttingen und kehrt nicht nach Preußen zurück. Aber Dorothea erhält damit die Chance, sich als erste Frau in Deutschland für einen Doktortitel zu qualifizieren. Leider ist nicht überliefert, wie von Plotho, Dr. Leporin oder Dorothea auf dieses Privileg reagiert haben; wir können uns jedoch gut Dorotheas Jubel vorstellen. Allerdings ist die Freude nicht ungetrübt: Da ihr Bruder nun in Göttingen studiert, müsste sie nämlich ohne männliche Begleitung mit der Postkutsche nach Halle fahren. Das gilt als unschicklich und ist nicht ungefährlich, weil ein Mitreisender sich dadurch wie von einer Dirne animiert fühlen könnte.

FAMILIENSORGEN

Doch zunächst kann Dorothea trotz des königlichen Privilegs ohnehin nicht daran denken, sich an der Universität Halle einzuschreiben. Am 21. September 1741 stirbt nämlich ihre Cousine Sophie und lässt ihren Mann Johann Christian Erxleben, einen vierundvierzigjährigen Diakon, nach zehn Jahren Ehe mit fünf kleinen Kindern zurück. Dorothea nimmt sich der Halbwaisen an, und einige Wochen vor dem Ablauf des Trauerjahrs, am 14. August 1742, heiratet sie den gut achtzehn Jahre älteren Witwer – vermutlich nicht aus Liebe, sondern damit die Kinder zumindest eine Stiefmutter haben.

In den Jahren 1744 bis 1753 bringt Dorothea Erxleben vier Kinder zur Welt, drei Söhne – von denen einer im Alter von neun Jahren stirbt – und eine Tochter. Bei neun Kindern reißen die Sorgen nicht ab. Dazu kommt, dass Dorotheas Vater der Familie 1747 bei seinem Tod nichts als Schulden hinterlässt und Dorothea einige Zeit später ihren ernstlich erkrankten Mann pflegen muss.

KLAGE GEGEN DIE »FRAU DOKTORIN«

Für Dorothea selbst ist der angestrebte akademische Abschluss in weite Ferne gerückt und sie sieht kaum noch eine Möglichkeit, das königliche Privileg zu nutzen. Wurde sie, wie viele andere Frauen auch, von widrigen Umständen eingeholt? Dabei schien sie 1741 schon so nah am Ziel zu sein! Immerhin nimmt sie sich neben ihrer Arbeit als Mutter und Hausfrau immer wieder Zeit, Kranke zu behandeln – und gerät dadurch in Konflikt mit approbierten Ärzten in Quedlinburg, die nicht zuletzt um ihre Einnahmen fürchten. Nachdem eine ihrer älteren Patientinnen an Fleckfieber gestorben ist, reichen Johann Tobias Herweg, Henricus Wilhelmus Graßhoff und Andreas Adolph Zeitz am 5. Februar 1753 bei Stiftshauptmann Paul Andreas Baron von Schellersheim, der inzwischen von Plotho abgelöst hat, eine Beschwerde über Kurpfuscher in Quedlinburg ein. Sie zeigen an, dass »des Herrn Diak. Erxlebens Eheliebste innerlich kurieren, wie die Letztere mit einer unverschämten Verwegenheit in der medizinischen Pfuscherei sich sonderlich signalisiert, da sie die Patienten öffentlich besucht, und sich ohne Scheu Fr. Doktorin grüßen lässt«. Dorothea Erxleben soll das niedergelassenen Ärzten vorbehaltene »innere Kurieren« untersagt werden. Gleichzeitig fordern die Antragsteller den Stiftshauptmann auf, den Bürgern Quedlinburgs bei Strafe zu verbieten, sich von ihr behandeln zu lassen.

Von Schellersheim gibt dem Antrag am 16. Februar statt. Eine Abschrift der Eingabe schickt er Dorothea Erxleben und fordert sie auf, innerhalb von acht Tagen dazu Stellung zu nehmen. Am 21. Februar erhält er ihre fünfseitige Antwort. Die Siebenunddreißigjährige verweist auf das vor zwölf Jahren gewährte königliche Privileg und beteuert, sie habe die Promotion nur aufgeschoben, weil sie sich um die Kinder und ihren kranken Mann kümmern musste. Sie sei gerade wieder schwanger und könne die Promotion jetzt nicht nachholen, aber nach der Niederkunft wolle sie sich gern gemeinsam mit den drei Klagestellern examinieren lassen. Geschickt weist sie darauf hin, dass sie vorwiegend Arme behandele, die ohnehin nichts dafür zu zahlen bräuchten und bittet darum, das Verbot ihrer ärztlichen Tätigkeit aufzuheben, damit sie den Bedürftigen weiterhin helfen könne.

Eine gemeinsame Prüfung lehnen die drei betroffenen Ärzte Anfang März ab: »[…] was käme denn dabei heraus? Gewiss ein leeres Gezänk und Gewäsch, die liebe Fr. judiziert nach ihrem femininischen Verstande, wann sie etwa mit geborgtem Latein und Französisch könne um sich werfen, als wäre sie schon doktormäßig […]« Von Schellersheim fordert Dorothea nun auf, sich innerhalb von drei Monaten in Halle zur Promotion zu melden. Am 14. Juni bittet sie erfolgreich darum, die Frist zu verlängern, da sie wegen Komplikationen in den letzten Wochen der Schwangerschaft nicht in der Lage gewesen sei, sich vorzubereiten.

PROMOTION

Können wir ermessen, was es für eine Mutter von neun Kindern bedeutet, in einer Zeit ohne Staubsauger, Waschmaschine und Geschirrspüler spätabends bei flackerndem Kerzenlicht medizinische Fachbücher zu studieren? Am 6. Januar 1754 schickt Dorothea dem Stiftshauptmann den Antrag auf Promotion und ihre Dissertation, in der sie verschiedene Therapien beschreibt und kritisiert, dass einige Ärzte »weniger auf die Sicherheit der Kur, als auf Geschwindigkeit und Gefälligkeit« bedacht seien. In ihrem Begleitschreiben ersucht sie darum, man möge ihr die üblichen Promotionskosten und die öffentliche Disputation erlassen, damit die erforderlichen Reisen nach Halle auf ein Minimum beschränkt bleiben. Von Schellersheim leitet die Unterlagen an den preußischen König weiter. Am 18. Februar ordnet der »Königliche Preußische wirkliche Geheime Staats-Minister« Freiherr von Danckelmann als Chef des »Departements der Geistlichen Affairen« an, dem Gesuch stattzugeben und die Bittstellerin anzuweisen, sich wegen der Einzelheiten selbst mit der Universität in Verbindung zu setzen. Von Schellersheim erhält am 27. März eine Kopie der »auf seiner Majestät allergnädigsten Spezial-Befehl« von vier Herren unterzeichneten Empfehlung an die medizinische Fakultät in Halle, Dorothea Erxleben zur Promotion zuzulassen und unterrichtet darüber drei Tage später die Antragstellerin.

Das Rigorosum findet am 6.