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Barbara Karlich

Spitzbuben & Sternschnuppen

Wahre Liebesgeschichten aus Österreich

 

 

 

Copyright © 2015 Der Drehbuchverlag / edition a, Wien 

2. Auflage, 14. Februar 2016 

Alle Rechte vorbehalten 

eBook: Spitzbuben & Sternschnuppen - Wahre Liebesgeschichten aus Österreich 

ISBN: 978-3-99041-802-4 

Vorwort

 

Liebe Leser!

 

Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um mich als höchste Instanz in puncto Liebesfragen aufzuspielen oder meine unendliche Weisheit anderen Leuten aufs Auge zu drücken. Vielmehr bin ich ein großer Fan der Liebe, des Glücks und der romantischen Zweisamkeit. Durch meine Sendung und generell meinen Beruf habe ich schon so viele romantische, traurige oder einfach nur glückliche Liebes- und Lebensgeschichten gehört. An diesen Schmankerln möchte ich Sie einfach ein bisschen teilhaben lassen und ich bin überzeugt, dass auch Sie so begeistert sein werden wie ich. Doch bevor ich Sie nun in die fabelhafte Welt der Barbara entführe, möchte ich Ihnen noch ein paar Ratschläge und Tipps mitgeben, die Ihnen vielleicht solche Fehltritte, wie meine erste Ehe einer war, ersparen. Da ich jedoch objektiv bleiben muss, werde ich sowohl dem starken Geschlecht (also uns Frauen) als auch dem Rest (natürlich den Männern) jeweils zehn Regeln mit auf den Weg geben.

 

Für die Damen:

 

1. Männer sagen nicht so gerne: „Ich liebe Dich“. Also erwarten Sie sich nicht bei jeder Liebeserklärung Ihrerseits ein Echo. Umso schöner ist es, wenn die berühmten drei Worte überraschend kommen.

 

2. Männer sind ein wenig wie Hunde. Wenn man sie gut behandelt, sind sie treu, verteidigen ihr Frauchen, und wenn man sie streichelt, wird sogar ab und zu mit dem Schwanz gewedelt. Also vermeiden Sie Züchtigungen, und nur wenn unbedingt notwendig, nehmen Sie eine Zeitung oder die Fernbedienung. Denn sonst könnte Ihr Mann Angst vor Ihrer Hand bekommen und auf eigene Faust ausgedehnte „Gassitouren“ unternehmen.

 

3. Vermeiden Sie den Satz: „Wir müssen reden!“ Dieser Beginn eines Gesprächs zieht die geistige Flucht des Mannes in eine andere  Dimension nach sich.

 

4. Nehmen Sie Ihrem Mann nie die Würde, das hat eine furchtbare Schlappschwänzigkeit zur Folge. Also wenn Ihr Gatte einmal keine tolle  Leistung im Bett erbracht hat, sparen Sie sich Aussagen wie: „Jetzt könntest du wenigstens den Müll raustragen.“

 

5. Loben Sie ihn hingegen bei tollen Akten, das führt zu einem kleinen Größenwahn, der Ihnen im Bett wiederum zugutekommen wird.

 

6. Sollte Ihr Mann einmal zu spät nach Hause kommen, handeln Sie bitte nicht wie ich. Das Schlimmste, was Sie tun können, ist, Telefonterror zu betreiben, ob bei ihm oder bei seinen Freunden und seiner Familie. So eine kurzschlüssige Wahnsinnstat kann böse Konsequenzen haben.

 

7. Wenn Ihr Liebster etwas falsch gemacht hat, schreien Sie nicht, sondern knacken Sie ihn mit seinem schlechten Gewissen. Ein kleines „Ich bin echt enttäuscht und traurig!“ hat mehr Effizienz als jeder hysterische Anfall. Aber Achtung: Sagen Sie das nicht zu oft, selbst dieser nett gemeinte Satz nützt sich ab.

 

8. Wenn er Ihnen Geschenke macht, goutieren Sie diese, auch wenn er nicht Ihren Geschmack getroffen hat. Sonst nehmen Sie ihm die Lust am Schenken. Belohnen Sie ihn stattdessen mit gutem Essen oder anderen Zuckerln. Anschließend können Sie das Geschenk hinter seinem Rücken umtauschen.

 

9. Lassen Sie Ihren Mann auch einmal an der langen Leine, je öfter er seine Freiheiten bekommt, desto häufiger und lieber wird er Zeit mit Ihnen verbringen.

 

10. Die wichtigste aller Regeln ist: Beginnen Sie nie einen Tag mit einem der folgenden Sätze: „Heute kommt meine Mutter“, „Heute fahren wir zu meiner Mutter“ oder „Wollen wir meine Mutter nicht mitnehmen?“... Um den Tag erträglich zu gestalten und Ihre Ehe nicht zu gefährden, erwähnen Sie einfach Ihre Mutter nicht.

 

 

Für die Herren:

 

1. Sagen Sie Ihrer Frau so oft wie möglich, wie sehr Sie sie lieben und wie hübsch sie ist. Eine umgarnte Frau ist süß wie Honig und schaut, dass es ihrem Charmeur an nichts fehlt.

 

2. Vergessen Sie niemals auf Geburts-, Hochzeits- oder Valentinstage. Solche Versäumnisse werden Ihnen in der Regel ein Leben lang vorgeworfen.

 

3. Vermeiden Sie es, die Freundinnen Ihrer Frau als dick oder dumm zu bezeichnen. Was folgt, ist meist ein Krieg, der für keine Seite zu gewinnen ist.

 

4. Behandeln Sie Ihre eigene Mutter gut, denn Frauen gehen sehr oft nach der Regel: „Wie ein Mann seine Mutter behandelt, so ist er auch zu seiner Frau.“

 

5. Wenn Ihre Liebste sich Ihnen sexuell verweigert, bist es eindeutig der falsche Weg, schmutzige Filmchen zu schauen oder sogar im Bordell Trost zu suchen. Meistens liegt es am unromantischen Balzverhalten der Männer. Versuchen Sie es mit Rosen, kleinen Geschenken oder etwa einem romantischen Picknick. Mein Mann nennt so etwas den klassischen Dosenöffner.

 

6. Lassen Sie sich niemals mit folgendem Satz in die Falle locken: „Sag einmal Schatz, hab ich zugenommen?“ Sie können mit jeder Antwort nur verlieren. Sagen Sie JA, sind Sie ein Schwein. Sagen Sie NEIN, ein Lügner. Lenken Sie sofort mit einem Themenwechsel ab, und reden Sie über den nächsten Urlaub oder was Sie ihr schon lange kaufen wollten.

 

7. Die wichtigste Antwort ist: „Ja, Schatz!“, auch dann, wenn Sie Ihrer Angetrauten eigentlich lieber einen Kinnhaken geben möchten. Auch wenn Sie es nicht so meinen, dieser Satz erspart viele Diskussionen, und zu gegebener Zeit sieht ohnehin alles anders aus.

 

8. Verkneifen Sie sich nach dem Sex das obligatorische „War ich gut?“, so ersparen Sie sich peinliche Antworten. Sollten Sie gut gewesen sein, kommt ein Lob ohnehin.

 

9. Um die sofortige Scheidung zu vermeiden, unterlassen Sie besser gemeinsame Shoppingtouren. So ein kleiner Streit um Schuhe und Ausgaben hat sich schon oft zum Free-Fight in diversen Schuhgeschäften entwickelt.

 

10. Sollten Sie einmal ein sehr, sehr schlechtes Gewissen haben, laden Sie von sich aus die Schwiegermutter zu Ihnen nach Hause ein. Ihre Frau wird es Ihnen sicherlich danken, und Ihr Jahrespensum ist erfüllt. Na ja, außer Weihnachten vielleicht.

 

So liebe Leser, ich hoffe, Sie können einiges mit meinen kleinen Tipps & Tricks anfangen, und ich wünsche Ihnen viel Spaß mit meinen Liebesgeschichten und hoffe, dass Sie genauso viel Freude daran haben werden, wie ich beim Recherchieren und Schreiben hatte.

 

Herzlichst, Ihr dralles Liebesengerl Barbara Karlich

Liebesnarkose oder: Frau am Steuer, das kommt teuer

 

Meine erste Geschichte handelt von der Anästhesistin Verena (41) aus dem Wiener AKH - den Namen habe ich der jungen Ärztin zuliebe geändert, damit sie keine Schwierigkeiten im Spital bekommt - und dem Baumeister Victor Spreizer (43) aus Wien Simmering.

   Victor musste sich wegen eines kleinen operativen Eingriffs Anfang April 1997 in aller Herrgottsfrühe im AKH einfinden. Als er hektisch einen Parkplatz in der Tiefgarage suchte, fiel ihm ein zuckerlrosa Fiat Punto auf, der komplett mit Diddlmäusen vollgehängt war und im Retourgang geradewegs auf ihn zukam. Sein letzter Gedanke war noch: „So blöd kann doch nur eine Frau fahren!“, da krachte es schon. Der hässliche Fiat war einfach in seinen nagelneuen Opel gedonnert. Wie von der Tarantel gestochen, sprang Victor aus dem Auto und begann auf die Dame vor ihm einzuschimpfen. Dabei bemerkte er gar nicht, wie hübsch diese junge Frau war. Oder besser gesagt: Das war ihm in diesem Augenblick total egal. Denn Victor war richtig in Fahrt und ließ seine Nervosität und die Angst vor seiner OP schonungslos an der Lenkerin aus. Er warf ihr Ausdrücke wie „blöde Funsn“ und noch weit Schlimmeres an den Kopf. Dabei versuchte er gar nicht, sich ihre Entschuldigungen - erster Arbeitstag, zu spät dran, kein Parkplatz und wie sehr es ihr leid täte - anzuhören.

   Nachdem sie ihre Versicherungsdaten ausgetauscht hatten, machten sich beide auf den Weg zum Aufzug, und auch diese Zeit nutzte Victor, um die Lenkerin weiter zu beschimpfen. Bei der Fahrstuhltüre angelangt weigerte sich die Frau dann, in denselben Lift wie der schimpfende Berserker einzusteigen, wartete auf den nächsten und verabschiedete sich noch mit den Worten: „Man begegnet einander immer zweimal, Sie Prolet.“ Kaum oben angekommen musste sich Victor auch schon für seinen Eingriff fertig machen. Er wurde in sein Zimmer gebracht, entledigte sich seiner Sachen und zog das typische Spitalsnachthemd an. Kurz darauf wurde er auf einer Liege in den OP-Saal geschoben. Als er dort ankam, traute er seinen Augen nicht: Neben seinem Arzt, der ihn operieren sollte, stand die Anästhesistin: die dämliche Autofahrerin aus der Parkgarage, nur diesmal ohne Diddlmäuse. Dafür aber mit einer Nadel in der Hand, vermutlich einer Todesspritze, und in unmittelbarer Nähe von Skalpellen und anderen Folterwerkzeugen. Mit einem Augenzwinkern und einer für Victor sehr bedrohlich klingenden Stimme meinte sie: „Guten Morgen Herr Spreizer, ich bin Frau Dr. Verena Werner und werde dafür sorgen, dass Sie gleich tief und fest schlafen. Im Übrigen, Sie erinnern sich: Man sieht einander immer zweimal!“

   Victors letzte Gedanken, bevor er einschlief, waren noch: „Okay, sie wird mich nun töten, es wie einen Unfall aussehen lassen, und niemand wird je die Wahrheit erfahren. So eine Überdosis bei einer Narkose passiert doch ständig, da wird niemand nachforschen. Danach wird sie mit ihrem schiachen Fiat noch mein schönes Auto zu Schrott fahren. Auch das wir ihr niemand nachweisen können. Bei meinem Begräbnis wird sie mir eine Diddlmaus ins Grab werfen und lachen. Und das Schlimmste ist: Ich habe das ja alles verdient! Wäre ich doch nur netter zu der Frau gewesen!“

   Wider Erwarten wachte Victor ein paar Stunden später doch aus der Narkose auf. Er lag in seinem Zimmer, die Operation war bestens verlaufen, und so weit er das auf den ersten Blick beurteilen konnte, war ihm weder eine Niere gegen seinen Willen entnommen worden, noch fehlten ihm irgendwelche Gliedmaßen. Seine Unfallgegnerin hatte die Gunst der Stunde also nicht genutzt, und er hatte überlebt. In den kommenden beiden Tagen, die er noch im Spital verbringen musste, ging ihm die junge Ärztin nicht mehr aus dem Kopf, vor allem ihre schönen Augen nicht, die im OP-Saal ja dank ihres Mundschutzes das Letzte gewesen waren, das er gesehen hatte. So nahm Victor seinen ganzen Mut zusammen und beschloss, sich bei Verena zu entschuldigen. Durch eine Krankenschwester ließ er sie bitten, doch bei Gelegenheit in seinem Zimmer vorbeizuschauen, denn er hätte ein paar wichtige Fragen zu seiner Operation. Doch Verena ließ sich nicht blicken, und auch auf die Nachricht, die er ihr hinterließ, als er aus dem Spital entlassen wurde, bekam er keine Antwort. Mehr als zwei Wochen später konnte Victor immer noch kaum an etwas anderes denken als an die wunderschönen Augen seiner Fiatlenkerin. Irgendwann wurde ihm das zu viel, und er versuchte Verena mit einem Strauss Blumen und, wer hätte das gedacht, einer Diddlmaus an dem Lift unten in der Parkgarage abzupassen. Einmal wartete er vergebens, doch am zweiten Tag hatte er Glück, der zuckerlrosa Fiat bog mit quietschenden Reifen um die Ecke und parkte ganz in seiner Nähe. Verena sprang heraus und eilte zum Aufzug. Doch als sie Victor sah, verdrehte sie nur die Augen und meinte: „Was wollen Sie denn hier, brauchen Sie wieder jemanden zum Beflegeln?“

   Victor lächelte sehr verlegen und sagte: „Nein, im Gegenteil. Hier will sich einfach nur ein Prolet von ganzem Herzen entschuldigen!“ Die beiden starrten einander kurz an, dann mussten sie herzhaft lachen. Victor schaffte es sogar, Verena zu einem Kaffee in ihrer Mittagspause zu überreden und in der Folge auch zu einem Mittagessen und zu einem romantischen Abendessen. Seit dieser Zeit sind die beiden unzertrennlich, und Victor hat seine Verena nie wieder beschimpft - mit einer Ausnahme: Als er ihr am 31. Dezember 1999 einen Heiratsantrag machte, tat er das mit folgenden Worten: „Willst du mich heiraten, du blöde Funsn?“, und Verena antwortete: „Ja, mein Prolet!“ Im Mai 2000 läuteten für Verena und Victor die Hochzeitsglocken, mittlerweile haben sie drei Kinder, und weitere sollen folgen. Ich wünsche der Familie Spreizer auf jeden Fall viel Glück und bedanke mich für ihre unterhaltsame Geschichte. Ich kann diese Geschichte auch besonders gut nachempfinden, denn auch ich habe einen kleinen Proleten geheiratet, der Victor in puncto Schimpfen in nichts nachsteht. Vielleicht sollten wir einmal zu viert essen gehen.

Salsa ins Glück

 

Ich bin ja selbst eine leidenschaftliche Tänzerin, war ja auch bei „Dancing Stars“ und wurde meiner Meinung nach klar um den Sieg betrogen. Nein, Spaß beiseite, ich liebe es einfach zu tanzen. Vor allem die feurigen südamerikanischen Rhythmen haben es mir angetan. Wenn man guten Tänzern bei einer Salsa oder einem Rumba zusieht, ist das Erotik und Sex pur.

   Genauso dachten auch Andreas Himmel (43) und Tanja Grill (38) aus Wien. Die zwei meldeten sich im September 2005 zu einem Tanzkurs im Wiener Salsa-Club „Floridita“ an, beide in der Hoffnung, einem feurigen Spanier beziehungsweise einer feurigen Spanierin zu begegnen und die hohe Kunst des erotischen Tanzes zu erlernen. Andi war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre Single und hoffte daher natürlich ganz besonders auf nette weibliche Bekanntschaften in diesem Kurs.

   Als er ausgerechnet zur ersten Einheit, und somit zur Einteilung der Tanzpartner, zu spät kam, traute er seinen

   Augen nicht. Es waren wirklich fesche Damen in dem Tanzlokal, nur waren alle schon einem Mann zugeteilt worden. Auf einem Sessel, ein bisschen abseits, saß nur noch eine junge blonde Frau, zwar mit einem netten Gesicht, doch eher mit den Maßen eines Sumoringers als einer eleganten, sexy Tänzerin. Andi schickte ein Stoßgebet Richtung Himmel und dachte: „Lieber Gott, lass das bitte die Barfrau, Klofrau oder eine Türsteherin sein. Ich war das ganze Jahr brav, habe sogar etwas für das Tierschutzhaus gespendet, du hast also keinen Grund, mich mit so einer Tanzpartnerin zu strafen.“

   Doch da kam schon der Tanzlehrer auf ihn zu, zeigte auf die blonde Frau und sagte: „Gut, dass du endlich da bist, darf ich dir Tanja vorstellen? Sie ist für die nächsten vier Wochen deine Partnerin.“ Andreas lächelte höflich, stellte sich bei Tanja vor und überlegte insgeheim, ob er einen Herzinfarkt vortäuschen oder einfach sagen sollte: „Sorry, ich komme nicht zum Tanzen, ist hier nicht die Stadtbibliothek?“ Doch er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, er war der drallen Blondine ausgeliefert - wenn schon nicht die ganzen vier Wochen, dann zumindest die nächsten zwei Stunden. Doch wider Erwarten war Tanja irrsinnig leichtfüßig, hatte ein tolles Rhythmusgefühl und eine unglaublich erotische Stimme, fast so wie die Sprecherin von „Herzblatt“. Nebenbei roch sie auch noch nach Rosen, und nach einer halben Stunde Tanztraining fühlte sich Andi zu seinem eigenen Erstaunen sauwohl. Nach der ersten Trainingseinheit lud er Tanja auf einen Cuba Libre ein, und die beiden unterhielten sich stundenlang über Gott und die Welt. Zuhause angekommen konnte Andreas gar nicht mehr aufhören, an die liebliche Stimme und das ansteckende Lachen von Tanja zu denken, und er freute sich wahnsinnig auf die nächste Tanzstunde. So ging das Ganze zwei Wochen lang, und die beiden lernten einander richtig gut kennen. Insgeheim hatte Andi schon eine große Schwäche für seine Partnerin entwickelt, um nicht zu sagen: Er war ein wenig verknallt in sie. Er sah Tanja nicht mehr als voluminöse Frau, sondern sie schien ihm nun federleicht und sexy. Doch Andi konnte seine Freunde aus dem Fitnessstudio nicht ganz aus seinem Hinterkopf verdrängen, denn die würden ihn hundertprozentig wegen Tanjas weiblicher Formen aufziehen. Erst nach einiger Zeit gelang es ihm, diese Gedanken ein wenig beiseite zu schieben, und so kam es in der dritten Woche endlich zu einem ersten schüchternen Händchenhalten während und nach der Tanzstunde. Was aber noch geschah, war weniger erfreulich: Andreas' Freunde besuchten ihn überraschenderweise beim Training, um ihn anzufeuern. Als Andreas sie sah und merkte, dass sie sich über ihn lustig machten, wurde er dermaßen unsicher, dass er plötzlich tanzte wie ein angeschossener Cowboy. Er kam aus dem Takt, stieg Tanja mehrmals auf die Zehen und war auch etwas ruppig zu ihr. Als sie ihn fragte, was los sei, meinte er nur, er wäre schlecht drauf und es wäre nicht ihre Schuld. In der Pause verabschiedete Tanja sich auf die Toilette, und Andi stürmte zu seinen Freunden. Die begrüßten ihn natürlich sogleich mit blöden Sprüchen: „Dressierst du jetzt Tanzbären? Wir dachten, du nimmst Tanzstunden, dabei arbeitest du ja an einer Wal-Dressur für 'Seaworld'! Wie heißen denn deine drei Tanzpartnerinnen?“ Außer sich vor Zorn und falschem Schamgefühl antwortete Andi lautstark: „Was kann ich denn dafür? Glaubt ihr, ich hab mir die Dicke ausgesucht? Ich wurde ihr zugeteilt, und der Kurs war schon bezahlt, ich hatte keine Wahl. In der Not frisst der Teufel eben Fliegen, auch übergroße.“ Plötzlich wurde es ganz still, und als sich Andreas umdrehte, stand Tanja hinter ihm, mit Tränen in den Augen. Bevor er ein Wort sagen konnte, drehte sie sich um und stürmte aus dem Club, unter dem schallenden Gelächter seiner Freunde. Als Andreas wieder zu Hause war, versuchte er Tanja zu erreichen, doch sie antwortete nicht auf seine Anrufe. Auch zu den restlichen Tanzeinheiten tauchte sie nicht mehr auf. Nach tagelangem Brüten und Überlegen wurde Andi eines klar: Er liebte und vermisste Tanja, außerdem war sein Verhalten letztklassig und feig gewesen. Also fasste er folgenden Entschluss: Zuerst traf er sich mit seinen Kumpels und erklärte ihnen, dass er Tanja liebe, dass es ihm egal sei, ob sie ein paar Kilo mehr auf den Hüften hätte, und dass sie sich alle zum Teufel scheren könnten, wenn sie das nicht akzeptieren würden. Seine Freunde merkten sofort, wie ernst es ihm war, entschuldigten sich bei ihm, und so machte sich Andi am nächsten Tag auf den Weg in die Bank, wo Tanja arbeitete. Mit einem Strauß Rosen, zwei Tickets für einen Traumurlaub in Kolumbien und einer auswendig gelernten Liebeserklärung stand er vor ihrem Schalter und sagte: „Tanja, ich habe mich benommen wie der letzte Arsch, aber ich weiß, dass ich dich liebe, und dass es mir egal ist, was andere sagen. Für mich bist du die schönste Frau der Welt, und ich hoffe, du gibst mir noch eine Chance. Wenn du mich noch magst, verspreche ich, dass ich ab jetzt immer zu dir stehen werde. Uns gibts dann ab heute nur mehr im Packerl.“ Tanja gab ihrem Andi noch eine Chance, und beim anschließenden Kolumbienurlaub nahmen sie einen weiteren Tanzkurs.

   Noch heute sind die beiden Stammgäste im „Floridita“ und lieben es gemeinsam zu tanzen, und keiner machte sich je wieder über Tanjas Figur lustig. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass Andi mittlerweile der Sumoringer ist, und Tanja neben ihm wie eine Elfe wirkt. Auch ich würde mit meinem Mann sehr gerne den einen oder anderen Tanzkurs machen, aber dann müsste ich im Gegenzug mit ihm Fußballspiele des SC Rapid besuchen. Also begnüge ich mich lieber mit einem gelegentlichen Freudentänzchen im Wohnzimmer. Naja, was solls.

Das Weihnachtsgeschenk

 

Diese Geschichte ist mir über eine Bekannte vermittelt worden. Sie handelt von Erich Krebs, der ihr Folgendes erzählt hat.

   Erich wuchs in Niederösterreich, in der Gegend von Mödling, auf. Und zwar in einer schweren Zeit. Denn als er 1941 zur Welt kam, wütete gerade der zweite Weltkrieg und hinterließ eine Welt in Trümmern. Und in der Nachkriegszeit, als Erich ein kleiner Bub war, herrschte immer noch bittere Armut. Sein Vater, ein mittelloser Ex-Soldat, schickte ihn oft zu den Nachbarn, um Kartoffeln, Gemüse oder sonstige Reste zu erbetteln. Das war dem kleinen Erich aber peinlich, und so bot er lieber seine Arbeit an. Für zwei Kartoffeln schuftete er zum Beispiel einen ganzen Tag. Und mit acht Jahren büchste er immer wieder aus der Schule aus, transportierte Milchflaschen oder sortierte in Lebensmittel-Geschäften, kehrte in Friseurläden die Haare auf oder putzte Stiegenhäuser von Bürogebäuden. Und jedes Mal erhielt er natürlich auch einen

   Gegenwert für seine Leistung. Und dann rannte er jedes Mal so schnell er konnte und oft mehrere Kilometer weit, um das Erhaltene stolz den Eltern zu präsentieren und zu übergeben. Vater und Mutter erlebten dabei aber bange Zeiten, denn sie wussten oft gar nicht, wo ihr Junge war. Denn wenn Erich auf dem Weg zur Schule zum Beispiel auf Bauern stieß, die für allerlei Arbeiten Leute suchten, sprang er gleich auf die Pferdekarren hinten auf und fuhr davon: zum Heudreschen, zum Unkrautjäten, zum Mähen und auch zum Obstpflücken. Für diese Arbeiten blieb er oft zwei bis drei Tage auf fremden Bauernhöfen. Wenn er aber zurückkehrte, mit einem Korb voller Brot, Speck, Schnaps und Butter, konnten auch die besorgten Eltern dem blonden Buben mit den strahlend blauen Augen niemals böse sein.

   So durchlebte Erich seine Kindheit. In der Schule war er weniger motiviert und mit dem Lernen hatte er so seine Probleme. Die Volksschule bog er so hin, die Hauptschule absolvierte er mit Ach und Krach. Und dann schrieb ihn die Mutter als Elektriker in der Berufsschule ein, und es fand sich auch recht rasch eine Lehrstelle für ihn. Die Arbeit machte Erich Spaß, und er war ein eifriger Lehrling. Nachdem er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, fing er gleich in einer Fabrik zu arbeiten an. Dort blieb er mehr als zehn Jahre beschäftigt.

   Erich wurde Vater von zwei Mädchen. Seine Frau lief von einem Tag auf den anderen einfach davon und ließ ihn mit den Kindern (zwei und vier Jahre alt) allein. Vor ihrem Abschied, oder nennen wir es lieber Flucht, hatte es Zeiten gegeben, wo Erich fast nie zu Hause gewesen war. Denn in der Arbeit gab es immer etwas zu tun, und Erich schob eine Überstunde nach der anderen - unbezahlt.

   Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, und er sich mehr um die Kinder kümmern musste, fehlte er manchmal in der Arbeit, zum Beispiel wenn eine seiner Töchter krank war. Um sich eine Babysitterin zu leisten, reichte sein Gehalt nicht, und die Eltern wohnten zu weit weg. Doch da wurde der verwöhnte Geschäftsführer seiner Firma wütend und beschwerte sich, dass nicht mehr alles so perfekt klappte wie früher. Trotz der Kinder und der schwierigen Lage, in der sich Erich befand, war dem sturen Chef die Situation nicht zu erklären. Und so wurde Erich gefeuert. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung.

   Auf der Suche nach einem neuen Job klapperte er alle Firmen in der Gegend ab, um sich vorzustellen. Manchmal musste er seine kleinste Tochter, Maria, zu den Bewerbungsgesprächen mitnehmen, weil niemand anderer auf sie aufpassen konnte. Glücklicherweise stellte ihn relativ rasch ein mittelgroßes Elektriker-Geschäft ein, das auch profitabel arbeitete. Konrad sagte dem Eigentümer, was er früher verdient hatte und fragte, mit welchem Gehalt er hier rechnen könne. Da antwortete dieser: „In etwa mit demselben, das Sie vorher bekommen haben.“ In etwa dasselbe war nicht besonders viel. Nicht für die damalige Zeit und nicht für Erich, aber immerhin hatte er wieder eine Stelle. Und die hatte noch einen Vorteil: Er durfte seine kleinen Töchter mit zur Arbeit nehmen. Die Frau des Chefs kümmerte sich rührend um die zwei. Und so arbeitete er Monat für Monat und fragte nie nach, was er denn nun eigentlich verdiente, sah auch nie auf seinen Lohnzettel und lebte möglichst sparsam. Viel brauchte er ja nicht: Miete, Holz für den Kamin und das Essen für die Kinder. Und dennoch blieb - wenn er im Kopf so nachrechnete - am Monatsende kaum etwas übrig. Doch Konrad versuchte für Weihnachten zu sparen, für seine kleinen Mädchen. Für Maria würde es das erste Weihnachtsfest sein, bei dem sie wirklich etwas mitbekommen würde und Elisabeth, die damals Vierjährige, wünschte sich so sehr einen Teddybären. Und so kam der Dezember heran. Erich ging zur Bank und sagte der immer netten und hilfsbereiten Schalterbeamtin Erika, dass er jetzt 100 Schilling brauche, für die Weihnachtsgeschenke für seine Töchter, und ob er diesen Betrag schulden könne bis zum nächsten und gar übernächsten Monat. Die Bankbeamtin sagte ihm, dass sie erst nachsehen müsse, ob dies möglich sei und schaute Erich nach kurzer Zeit erstaunt an: „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen. Hier, sehen Sie selbst, ihr Kontostand: Sie sind 3.000 Schilling im Plus.“ Erich konnte es kaum glauben. „Wie kann das sein?“, fragte er. „Was wird mir denn monatlich überwiesen?“ Nachdem die Schalterbeamtin ihm den Betrag genannt hatte, wusste er, dass sein neuer Chef ihm ein Drittel mehr netto zahlte, als er in seinem alten Job bekommen hatte. Er lachte laut auf und fragte die nette Erika, die ihm schon seit Längerem gefiel, ob sie Lust hätte mit ihm und seinen Töchtern zu Abend zu essen. Erika sagte zu. Sie war auch an den folgenden Abenden bei Erich. Und auch zu Weihnachten, als Elisabeth und Maria jeweils zwei Geschenke bekamen und überglücklich und total erschöpft am Sofa einschliefen, beide mit ihren Präsenten in den Händen. Und Erika blieb auch im neuen Jahr. Und die ganze restliche Zeit. Diese Geschichte ist ein perfektes Beispiel dafür, dass jeder bekommt, was er verdient. Wenn man aufrecht und ehrlich durchs Leben geht, vom Schicksal gebeutelt wird und dennoch standhaft bleibt, wird sich alles zum Guten wenden. Hoffentlich.

Der Parkplatz-Dieb als Kuppler

 

Zwei Freunde, Marc und Günther, fahren mit dem Auto zum Wirten. Ergänzend sei gesagt, dass beide im selben Bezirk in Wien 200 Meter voneinander entfernt wohnen, von dort auch weggefahren sind und in ein Lokal wollen, das auch im selben Bezirk liegt. Jetzt kann man natürlich sagen, dass etwa der 23. oder von mir aus auch der zehnte groß sind, aber der achte Bezirk, und da spielt sich das Ganze ab, ist der kleinste von Wien und eigentlich locker zu Fuß zu begehen. Aber wie auch immer. Die beiden fahren mit dem Auto, sie sitzen im knallroten VW Golf und suchen einen Parkplatz. Und das relativ erfolglos. Weil es ja auch so ist, dass es im achten Bezirk eigentlich nie freie Parkplätze gibt. Schon gar nicht ab 20 Uhr und schon gar nicht am Samstag. Die Suche der beiden dauert also circa eine Stunde. Naja, wofür hat man denn ein Auto. Die Nerven liegen aber schon nach einer halben Stunde blank. Jeder Schleicher auf vier Reifen wird angehupt, jeder Fußgänger, der zu gemächlich den Zebrastreifen quert, wird beschimpft. Die Fenster sind runtergekurbelt, ganz weit nach unten. Die Ellbogen stehen raus wie wuchtige Spoiler. Es ist heiß. Es hat 28 Grad. Und es geht kein Wind. Und vor allem: Es findet sich kein Parkplatz. Plötzlich bemerkt Marc eine Parklücke und ein Fahrzeug, das schon blinkt, den Retourgang drinnen hat und einparken möchte.

   „Das schauen wir uns an“, sagt Marc und fährt einfach von vorne in die Parklücke hinein.

   Eingeparkt, Motor abgestellt und ausgestiegen. Glücklich. Ein Parkplatz fast direkt vor dem Lokal. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.