
Javier Marías
Schwarzer Rücken der Zeit
Aus dem Spanischen von Elke Wehr
FISCHER E-Books

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Es gibt kaum einen anderen Schriftsteller, der die Wirklichkeit so sehr in seine Romane fließen lässt wie Javier Marías. Daher glauben auch so viele Menschen sich in seinen Romanfiguren wiederzuerkennen. Nachdem Javier Marías 1991 ›Alle Seelen‹ geschrieben hatte, in dem er seine Zeit in Oxford verarbeitet, bekam er viele Anrufe von Freunden und Kollegen, dass sie falsch oder gar nicht beschrieben worden seien. Also schrieb Marías ›Schwarzer Rücken der Zeit‹, einen Roman über die Macht der Fiktion: Was wir erzählen wird zwangsläufig Wirklichkeit. Und um die Oxforder Freunde und Kollegen nicht zu verprellen (oder gerade doch), erklärt Marías auf sehr amüsante Weise, was bei den Figuren in ›Alle Seelen‹ erfunden ist und was der Wahrheit entspricht. Am Ende vom ›Schwarzen Rücken‹ weiß man zwar immer noch nicht zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, ist aber glücklich über die Lektüre eines wunderbaren Romans über die Macht der Fiktion – den wahren Grund, warum wir Geschichten lieben.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel
›Negra espalda del tiempo‹ bei Alfaguara, Madrid
© 1998 Javier Marías
Für die deutsche Ausgabe:
© J.G. Cotta'sche Buchhandlung 2000
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-401998-7
Für meine Mutter Lolita,
die mich gut gekannt hat,
in memoriam;
und für meinen Bruder Julianín,
der mich nicht kennenlernen konnte
und daher keine Erinnerung besitzt.
Ich glaube, dass ich Fiktion und Wirklichkeit noch nie verwechselt habe, wenn ich sie auch mehr als einmal miteinander vermischt habe, wie es jeder tut, nicht nur die Romanciers, nicht nur die Schriftsteller, sondern alle, die seit Beginn unserer bekannten Zeit irgendetwas erzählt haben, und in dieser bekannten Zeit hat niemand etwas anderes getan, als eben zu erzählen und zu erzählen oder seine Erzählung aufzubereiten und zurechtzulegen oder sie sich auszudenken. Jeder erzählt Anekdoten über das, was ihm widerfahren ist, und durch die bloße Tatsache, dass er es erzählt, entstellt und verdreht er es schon, die Sprache kann die Dinge nicht reproduzieren und sollte es deshalb auch nicht versuchen, und daher kommt es vermutlich, dass man bei Gerichtsprozessen – bei denen im Film, die ich am besten kenne – die Beteiligten zuweilen um eine materielle oder körperliche Rekonstruktion des Geschehens bittet, man bittet sie, die Gesten, die Bewegungen, ihre vergifteten Schritte zu wiederholen oder wie sie das Messer führten, um sich in Angeklagte zu verwandeln und so zu tun, als griffen sie noch einmal zur Waffe und versetzten demjenigen den Hieb, der ihretwegen zu existieren aufhörte und nicht mehr da ist, oder der Luft, denn es genügt nicht, dass sie es mit der größtmöglichen Genauigkeit und Leidenschaftslosigkeit berichten und erzählen, man muss es sehen, und man verlangt von ihnen eine Nachahmung, eine Vorstellung oder Inszenierung, wenn auch jetzt ohne den Dolch in der Hand oder ohne Körper zum Hineinstechen – Mehlsack, Fleischsack –, jetzt mit kühlem Kopf und ohne ein weiteres Verbrechen auf sich zu laden oder ein neues Opfer hinzuzufügen, jetzt nur als Simulation und Erinnerung, denn was sie nicht können, ist, die vergangene oder verlorene Zeit reproduzieren oder den Toten wieder zum Leben erwecken, der in dieser Zeit verging und verlorenging.
Dieser Umstand verweist auf einen letzten Rest von Misstrauen gegenüber dem Wort, unter anderem, weil das Wort – selbst das gesprochene, selbst das ungeschliffenste – in sich selbst metaphorisch und deshalb ungenau ist, mehr noch, gar nicht denkbar ist ohne – oft unwillentliches – Ornament, das noch in der nüchternsten Aussage und fast immer im Ausruf und in der Beschimpfung enthalten ist. Es genügt, dass jemand ein »als ob« in seine Erzählung einfügt; mehr noch, es genügt, dass er eine Gleichsetzung oder einen Vergleich vornimmt oder im übertragenen Sinne spricht (»er wurde wild wie eine Furie« oder »er führte sich wie ein Bauernlümmel auf«, diese umgangssprachliche Ausdrucksweise, die eher der Sprache als dem auswählenden Sprecher gehört, mehr braucht es nicht), damit die Fiktion sich in die Erzählung des Geschehens einschleicht und es entstellt oder verfälscht. In Wirklichkeit ist das alte Bestreben eines jeden Chronisten oder Überlebenden, das Ereignis zu erzählen, das Vorgefallene zu berichten, die Fakten und die Verbrechen und die Heldentaten festzuhalten, eine bloße Illusion oder Chimäre oder, besser gesagt, der Ausdruck selbst, der Begriff selbst ist bereits metaphorisch und Teil der Fiktion. »Das Geschehen erzählen« ist unvorstellbar und vergeblich oder aber nur möglich als Erfindung. Auch die Vorstellung des Zeugnisses ist vergeblich, es hat keinen Zeugen gegeben, der seiner Aufgabe wirklich gerecht geworden wäre. Und außerdem vergisst man immer zu viele Augenblicke, auch Stunden und Tage und Monate und Jahre und die Narbe eines Schenkels, den man während seiner bekannten und verlorenen Zeit lange Zeit tagtäglich gesehen und geküsst hat. Man vergisst ganze Jahre und nicht notwendig die bedeutungslosesten.
Und dennoch werde ich mich hier denen zugesellen, die versucht haben, genau das zu tun, oder getan haben, als sei es ihnen gelungen, ich werde erzählen, was im Zusammenhang mit der Niederschrift und Verbreitung eines Romans, einer literarischen Fiktion, geschehen ist oder in Erfahrung gebracht oder auch nur gewusst wurde – das in meiner Erfahrung oder in meiner Erfindung oder in meinem Wissen Geschehene, oder vielleicht ist alles nur nie endendes Bewusstsein. Es ist gewiss nicht weiter bedeutsam, auch nicht schwerwiegend oder dringlich, vielleicht ist es unterhaltsam für den neugierigen Leser, der grundsätzlich bereit ist, mich zu begleiten, mir bereitet es das Vergnügen des Risikos, ohne Motiv und fast ohne Ordnung und ohne vorherigen Entwurf und ohne Suche nach Kohärenz zu erzählen, als täte ich es mit einer launischen, unvorhersehbaren Stimme, die wir jedoch alle kennen, der Stimme der Zeit, wenn sie noch nicht vergangen und auch nicht verloren ist und vielleicht ebendeshalb nicht einmal Zeit ist, vielleicht ist es nur jene, die verstrichen ist und sich erzählen lässt oder diesen Anschein besitzt und deshalb die einzig ambivalente ist. Ich glaube, dass diese Stimme, die wir hören, immer fiktiv ist, vielleicht wird es hier die meine sein.
Ich bin nicht der erste Schriftsteller und werde auch nicht der letzte sein, dessen Leben durch das bereichert oder verdammt oder nur verändert wird, was er erdacht oder erdichtet und geschrieben und veröffentlicht hat. Im Unterschied zu den eigentlichen literarischen Fiktionen sind die Elemente der Erzählung, die ich jetzt in Angriff nehme, völlig zufällig und willkürlich, rein episodisch und akkumulativ – nichts passt zusammen, so die schülerhafte Formel der Kritik, beziehungsweise kein Element würde des anderen bedürfen –, denn im Grunde lenkt sie kein Autor, obwohl ich es bin, der sie erzählt, sie entsprechen keinem Plan noch folgen sie einer Richtung, die meisten kommen von außerhalb, und es fehlt ihnen an Intentionalität; sie brauchen also keinen Sinn zu stiften noch bilden sie ein Thema oder eine Handlung oder gehorchen einer verborgenen Harmonie, und man soll ihnen nicht nur keine Lehre entnehmen – auch von den richtigen Romanen sollte man so etwas nicht wollen, und vor allem sollten sie selbst es nicht wollen –, sondern nicht einmal eine Geschichte mit ihrem Anfang und ihrer Dauer und ihrem schlussendlichen Verstummen. Ich glaube nicht, dass dies eine Geschichte ist, obwohl ich mich täuschen kann, da ich ihr Ende nicht kenne. Der Anfang dieser Erzählung, das weiß ich, liegt außerhalb von ihr, in dem Roman, den ich vor Zeiten geschrieben habe, oder, verschwommener noch, in den beiden Jahren davor, die ich in der Stadt Oxford verbrachte, wo ich wie ein Hochstapler amüsante, eher nutzlose Dinge an ihrer Universität unterrichtete und dem Ablauf jener vereinbarten Zeit beiwohnte. Ihr Ende wird ebenfalls außerhalb bleiben und sicher mit meinem zusammenfallen, in einigen Jahren, so hoffe ich zumindest.
Es kann aber auch sein, dass dieses Ende mich überlebt, so wie uns fast alles überlebt, was wir äußern oder was uns begleitet oder was wir verursachen, wir dauern weniger als unsere Absichten. Wir hinterlassen zu vieles, das wir in Gang gesetzt haben, und dessen so kraftlose Trägheit überlebt uns: die Worte, die uns ersetzen und die zuweilen jemand aufgreift oder weitergibt und deren Herkunft er nicht immer erwähnt; die glattgestrichenen Briefe und die eingerollten Fotografien und die auf ein vergilbtes Papier notierten Worte für die, die allein schlafen wird nach den wachen Umarmungen, weil wir uns in der Nacht wie Schufte auf der Durchreise davonstehlen; die Gegenstände und die Möbelstücke, die uns zu Diensten waren und die wir bei uns aufgenommen haben – ein roter Stuhl, eine Schreibfeder, eine Szene aus Indien, ein Bleisoldat, ein Kamm –, die Bücher, die wir geschrieben, aber auch die, die wir nur gekauft und einmal gelesen haben oder die bis zum Schluss ungeöffnet auf ihrem Regalbrett standen und ihr erwartungsvolles Leben in Erwartung anderer, begierigerer oder ruhigerer Augen gefügig an einem anderen Ort fortsetzen werden; die Kleidungsstücke, die zwischen Naphtalin hängen bleiben, weil vielleicht jemand, der sentimental ist, darauf besteht, sie aufzubewahren – obwohl ich nicht weiß, ob es noch Naphtalin gibt, die Stoffe, die ungelüftet ausbleichen und dahinwelken und jeden Tag mehr die Formen vergessen, die ihnen Sinn gaben, und den Geruch dieser Körper –; die Lieder, die weiter gesungen werden, wenn wir sie nicht mehr singen noch trällern noch hören, die Straßen, die uns beherbergen, als wären sie endlose Flure und Zimmer, die nicht auf ihre flüchtigen und austauschbaren Bewohner achten; die Schritte, die man nicht reproduzieren kann und die keine Spur auf dem Asphalt hinterlassen und auf der Erde gelöscht werden oder nicht, diese Schritte bleiben nicht, sondern gehen fort mit uns oder sogar vorher, mit ihrer Harmlosigkeit oder ihrem Gift; und die Medikamente, unsere hastige Schrift, die geliebten Fotos, die wir aufgestellt haben und die uns nicht mehr anschauen, das Kissen und unser über eine Rückenlehne gehängtes Jackett; ein Tropenhelm, der in den dreißiger Jahren an Bord des Schiffes »Ciudad de Cádiz« aus Tunis kam und meinem Vater gehört und noch immer den Kinnriemen bewahrt, und dieser Hinduadjutant aus bemaltem Holz, den ich voll Ungewissheit mit nach Hause gebracht habe, auch diese Figur wird länger dauern als ich, möglicherweise. Und die von uns erfundenen Erzählungen: Die anderen werden sich ihrer bemächtigen oder von unserer vergangenen, verlorenen und nie gekannten Existenz sprechen und uns auf diese Weise in Fiktion verwandeln. Selbst unsere Gesten werden auf jemanden übergehen, der sie geerbt oder sie gesehen hat und unwillkürlich zum Nachahmer wurde oder sie absichtlich wiederholt, um uns heraufzubeschwören und eine seltsame Illusion vorübergehender Existenz an unserer statt zu schaffen; und vielleicht erhält sich vereinzelt bei einer anderen Person eines unserer äußeren Merkmale, das wir unabsichtlich weitergegeben haben werden, kokett oder als unbewusster Fluch, denn die Merkmale bringen zuweilen Glück oder Unglück, die leicht orientalischen Augen und die Lippen, wie mit dem Pinsel gezogen – »Schnabelmund, Schnabelmund« –; oder das fast gespaltene Kinn, die breiten Hände und in der Linken eine Zigarette, ich werde niemandem ein Merkmal hinterlassen. Wir verlieren alles, weil alles bleibt, außer uns. Deshalb ist möglicherweise jede Form von Nachwelt ein Affront und vielleicht ist es dann auch jede Erinnerung.
Ich werde hier mehr als einen Affront begehen, weil ich, unter anderem, von einigen wirklichen Toten, die ich nicht gekannt habe, sprechen und so eine unerwartete und ferne Form von Nachwelt für sie sein werde. Oder, anders gesagt, ich werde Erinnerung an sie sein, ohne sie gesehen zu haben und ohne dass sie mich in ihrer bereits verlorenen Zeit hätten voraussehen können, ich werde ihr Phantom sein. Die meisten von ihnen haben weder einen Fuß in mein Land gesetzt noch meine Sprache beherrscht, außer einem von ihnen, über dessen Tod mir hingegen nichts bekannt ist, Hugh Oloff de Wet, der in dem Jahr in Madrid war, als ich in Madrid geboren wurde, und sehr viel früher hier beinahe an die Wand gestellt worden wäre. Hier hatte er auch getötet, wie an anderen Orten, nachher und vorher. Und es gibt noch einen, er wurde bei mir zu Hause geboren, ich nehme an, im selben Bett wie ich, und ich sehr viel später.
Man sagt immer, hinter jedem Roman stehe ein Stück Leben oder Wirklichkeit des Autors, wie blass und schwach und episodisch auch immer, und sei es auch in verwandelter Form. Man sagt das, als würde man der Phantasie und der Erfindungskraft misstrauen, auch, als bedürften der Leser oder die Kritiker eines Halts, um angesichts des vollkommen Erfundenen oder aller Erfahrung und Grundlage Entbehrenden nicht Opfer eines sonderbaren Schwindels zu werden, als wollten sie nicht erschauern vor dem, was zu existieren scheint, während wir es lesen – zuweilen atmet und flüstert und überzeugt es sogar –, und doch nie gewesen ist, oder sich letztlich damit lächerlich machen, das ernst zu nehmen, was nur eine Einbildung ist, man kämpft gegen das heimliche Empfinden, dass Romane lesen etwas Kindliches oder zumindest unpassend ist für das Erwachsenenleben, das immer mehr wird.
Unter meinen Romanen gibt es einen, der seinen Lesern diesen Trost oder Vorwand in größerem Ausmaß erlaubte als die anderen, ja darüber hinaus zu der Vermutung einlud, dass alles, was in ihm erzählt wurde, seine Entsprechung in meinem eigenen Leben besaß, obwohl ich nicht weiß, ob dieses wiederum Teil der Wirklichkeit ist oder nicht, vielleicht wäre es das nicht, wenn ich es erzählen würde, und etwas erzähle ich ja schon. Wie auch immer, dieser Roman mit dem Titel ›Alle Seelen‹ bot sich an für die fast völlige Identifikation seines Erzählers ohne Namen mit seinem Autor mit Namen Javier Marías, demselben dieser Erzählung, bei der Erzähler und Autor in der Tat übereinstimmen, und deshalb weiß ich nicht mehr, ob wir einer sind oder zwei, zumindest nicht, solange ich schreibe.
›Alle Seelen‹ erschien in einem Verlag, an dessen Namen man sich besser nicht erinnert, im März oder April 1989, vor nunmehr acht Jahren (das Erscheinungsdatum ist März, aber der Roman wurde von Eduardo Mendoza mit großzügigen Worten am 7. April, einem aus anderen Gründen sehr bedeutenden Tag, in der Madrider Bar Chicote vorgestellt), und es genügte ein Blick auf den Klappentext der Erstausgabe, in dem ein paar knappe biographische Angaben zum Autor standen, um zu erfahren, dass ich zwei Studienjahre lang, von 1983 bis 1985, an der Universität von Oxford unterrichtet hatte, genau wie der spanische Erzähler des Buches, obwohl in dem Fall keine zeitlichen Angaben gemacht wurden. Und es stimmt, dass dieser Erzähler die gleiche Stelle innehat, die ich in meinem eigenen Leben oder meiner eigenen Geschichte innehatte, an die ich mich erinnere, aber wie bei vielen anderen Elementen dieses Romans und anderer handelte es sich dabei nur um eine von mir so genannte Leihgabe des Autors an die Figur. Wenig von dem, was in dem Buch erzählt wird, stimmt mit dem überein, was ich in Oxford erlebt oder gewusst habe, oder nur das Nebensächlichste, das die Fakten nicht berührt: die gedämpfte Atmosphäre der reservierten oder abweisenden Stadt und ihre zeitlosen Professoren, die sich so sehr über ihre Tätigkeit täuschen und so wenig über ihr Schicksal (ihr immer auf Nützlichkeit gerichtetes Denken); die dunklen, winzig kleinen Antiquariate, die ich mit Handschuhen und lauerndem Blick aufsuchte, Hoffnung der Antiquare, die sich erfüllte; die trübsinnigen oder finsteren Bettler, die am Nachmittag die Straßen bevölkern und sie kreuz und quer ablaufen, in irgendeine ferne oder imaginäre Beleidigung versunken, ohne Zweck noch Ziel oder Genugtuung; das frenetische Gebimmel der benachbarten, stets leeren Kirchen St. Giles und St. Aloysius, die unbeirrt fortfahren, die Gläubigen anderer, gläubigerer Jahrhunderte zu rufen, Seelen, die nicht mehr existieren, aber die vielleicht für sie nicht gestorben sind; und der verlassene Bahnhof von Didcot in der gelblichen Nacht matter Laternen, die sich mit jedem Flackern von ihrer geduldigen, erschöpften Schlaflosigkeit verabschieden zu wollen schienen: Dort gab es eine junge blonde Frau mit Regenmantel und Perlenkette, die rauchte und ihre mit Schnallen und flachen Absätzen versehenen englischen Füße im Rhythmus einer erinnerten Musik bewegte, die niemand sonst auf diesem Bahnsteig für nächtliche Nachzügler hörte; und das Tageslicht, das im Frühjahr stundenlang in der Schwebe blieb und bewirkte, dass der blasse Himmel stillstand oder ausharrte; oder eine Blumenverkäuferin mit dem Aussehen einer Zigeunerin, die sonntagmorgens vor meinem Haus Stellung bezog mit ihrer Lederjacke und ihren hohen Stiefeln und ihrer langen Mähne wie aus schwarzem Wachstuch und die ich in meinem Buch Jane genannt habe und deren Name im Leben Anne war, Anne Joseph, und die im nahen Reading mit seinem berühmten Gefängnis lebte, verheiratet mit Mr. Hyde, Anne Joseph Hyde mit ihren neunzehn Jahren, auch wenn es regnete oder schneite oder der Wind an ihren bescheidenen, in Silberfolie gewickelten Blumen zerrte und sie den Reißverschluss bis oben zuziehen und das Kinn herunterdrücken musste, und jetzt wird sie einunddreißig sein, wenn sie noch dort ist oder in der Stadt Reading mit Hyde; oder der uralte kleine Pförtner mit dem klaren Blick, der aus seiner Loge der Tayloriana heraus grüßte, wo ich arbeitete und meinen Unterricht erteilte, den ich in dem Buch Will genannt habe und mit dem ich dort oft sprach, aber nie im Leben, in dem er Tom hieß, niemals über den fröhlichen Gruß hinaus, und jetzt habe ich erfahren, dass Tom gestorben ist, und so sind beide gestorben, Tom und Will; und es ist seltsam, den Pförtner Will, der niemals existiert hat oder nicht leibhaftig, besser gekannt zu haben und seinen nur mit Papier und Tinte dargestellten Tod – aber er ist nicht einmal geschrieben, denn am Ende dieses Romans sagte ich: »Will lebt, der alte Pförtner« – mehr zu bedauern als den des wirklichen Tom, dessen wirklicher Name auch nicht Tom war, sondern Walter, wie ich jetzt in einem Brief sehe, den er am 5. Juni 1984 geschrieben hat, als ich dort war und ihn mit seinen erstaunten blauen Augen und der freundlich erhobenen Hand bisweilen auf seinem Ehrenposten der Tayloriana antraf, der nur noch geliehen war: Man erlaubte ihm, sich hin und wieder in die Loge zu setzen, damit er sich nützlich fühlte und nicht den Faden der Kontinuität verlor, damit er spielen konnte, weiterhin Pförtner zu sein, im Alter wie in der Kindheit wird man getäuscht und spielt man, und es werden einem Dinge verborgen oder das geschieht in jedem Alter. Und in diesem Brief unterschreibt er so, »Walter Thomas« und in Klammern »(Tom)«, für den Fall, dass der Professor, an den er sich wandte, ihn nicht an seinem wirklichen Namen und Vornamen erkannte, die Herren kennen gewöhnlich nicht die Namen derer, die sie bedienen oder nur da sind und warten, wie in dem Gedicht von Milton. Tom schreibt ohne Kommas und mit ziemlich kräftiger und sehr lesbarer Schrift für sein Alter und sagt, er sei seit dreiundsechzig Jahren Bediensteter in Oxford und habe aus diesem Grund kürzlich an drei vormittäglichen Gesprächsrunden einer örtlichen Rundfunkstation und ein Jahr zuvor an einer Fernsehsendung mit dem Titel ›Rückkehr nach Oxford‹ teilgenommen (»viele Professoren haben sich sehr gefreut sie haben gesagt ich war sehr gut«). »Jetzt werde ich allmählich ein bißchen alt 93«, fügt er hinzu und erläutert, wie er nach einem dreijährigen Dienst bei den alten Luftstreitkräften, dem Royal Flying Corps des Ersten Weltkrieges, Pförtner des Queen’s College und später längere Zeit von All Souls war, ausgerechnet von All Souls oder Alle Seelen (und ich habe das erst jetzt erfahren) in seiner wörtlichen und ungenauen Übersetzung, wo er mit siebzig Jahren in Pension ging. Er erwähnt Sir Arthur Bryant, dessen Diener er im Queen’s war und der ihn immer drängte, ein Buch zu schreiben. »Jetzt ist er gestorben«, sagt er über den Historiker, der sich gewiss niemals die Mühe gemacht hat, ihn zu historisieren, »aber er war ein Mann für den zu arbeiten sehr angenehm war«, bemerkt er mit der Beflissenheit dessen, der immer ein Dienender war und sich vielleicht deshalb austauschbar und zweitrangig fühlte, nicht einmal als Zeuge. »Viel Glück, Herr Professor«, so verabschiedet sich Tom, den der Empfänger des öffentlich gemachten Briefes den »hilfsbereitesten Menschen Europas« nennt. »Viel Glück, Herr Professor«, so verabschiedet sich von mir daher auch der friedliche und vergnügte Pförtner Will, den ich erfunden oder erdichtet habe und der mir bei seinen ständigen Reisen durch die Zeit verschiedene Namen zudachte – Dr. Magill und Dr. Myer und Mr Brome und Dr. Ashmore-Jones und Mr Renner und Dr. Nott und Mr Trevor und auch Mr Branshaw –, denn nichts von dem, was ich jetzt über Tom weiß, steht im Widerspruch oder im Gegensatz zu meinem fiktiven Will, der sich jeden Tag in einem anderen Jahr seines verschobenen Lebens glaubte, und deshalb war für ihn jede Zeit Gegenwart oder Wiederkehr, und nichts war vergangene oder verlorene Zeit, die man nicht mehr reproduzieren kann. Doch er reproduzierte sie ohne seinen Willen, und so hatte er das Glück, dass keine für ihn ambivalent war. Wer weiß, in welchem lebendigen Jahr seiner Reisen ihn der Tod ereilte, in welchem jungen oder reifen oder alten Augenblick seiner langen Existenz er sich zu verabschieden glaubte, an welchem unseligen oder heiteren Tag. An dem Tag, der seinen zerbrechlichen Körper stillstehen ließ, lebte für Will vielleicht noch seine Frau, die ihm in der wirklichen Zeit vorausgegangen war, in unserer Zeit, die er verlassen hatte, und er glaubte, jene, deren Witwer er so viele Jahre gewesen war, zur Witwe zu machen. Vom Tod Toms erzählte mir sein Neffe John, ebenfalls Pförtner der Tayloriana, gewiss durch Erbschaft, obwohl diese Erbschaft nicht die äußere Erscheinung einschloss: ein korpulenter, hochgewachsener Mann mit zweigeteiltem Haar und kriegerischem Schnurrbart wie ein primitiver Boxer, scheinbar tolerant gegenüber den Schwächen der anderen, aber mit zu viel dubiosem Humor, wie ich später noch ausführen werde. Vor kurzem hat man ihn entlassen, sein Onkel Tom wird sich den Kummer erspart haben.

Nur der Schauplatz war also real, und das nicht zu sehr, es war ein schiefes Oxford, ein Abbild aus meiner imaginären oder falschen Sicht, der gleichen Erzählperspektive, wie sie jemand hat, der eine einzige Nacht in einem legendären Hotel verbringt, das seine bedeutungslose, prätentiöse Anwesenheit neben den berühmten Persönlichkeiten, die einst dort übernachteten oder logierten oder sich vielleicht umbrachten oder umgebracht wurden, um es zu adeln und ein fortan nur noch Touristen zugängliches Zimmer zu verschließen, gar nicht registrieren wird. Nur das Nebensächliche, habe ich gesagt, wo es doch so schwierig ist, zu wissen, was sich als nebensächlich oder wesentlich erweisen wird, wenn unser Buch oder unsere Geschichte oder unser Leben ein Ende gefunden haben und bekannte oder vergangene Zeit sind, die man nicht mehr reproduzieren kann. Oder womöglich kann es das Buch, jedes Mal, wenn es gelesen wird: Doch nein, jede Lektüre verändert es, aber keine schreibt es neu.

Und real war auch, was vielen Lesern besonders romanesk und fiktiv erschienen war, als reine Erfindung nach Art von Kipling, als reine Dichtung, die tastend erzählte Geschichte des glücklosen und unglücklichen und jovialen Schriftstellers John Gawsworth, des unglaublichen Königs von Redonda, der sein Reich niemals zu Gesicht bekam, aber es mehrmals verkaufte und sich Juan I. nennen ließ und dessen wirklicher Name auch ein anderer war, Terence Ian Fytton Armstrong, von dem ich zwei Fotografien in dem Roman wiedergegeben und beschrieben habe, die ich jetzt erneut hier aufnehme, zur Erinnerung für diejenigen, die ihn gelesen haben, und zur unmittelbaren Kenntnisnahme für jene, die ihn nicht gelesen haben und sich mit seinem Gesicht und seinen verschiedenen Namen werden vertraut machen müssen, wenn sie diesen Seiten verbunden bleiben und sie umblättern werden. Von diesem Mann werde ich nämlich sprechen müssen, und nicht zu wenig, denn jetzt habe ich ihn sozusagen bei mir zu Hause. Anders gesagt, obwohl er tot ist – und das zweite Foto ist genau genommen nicht von ihm, sondern von der Totenmaske, die Hugh Oloff de Wet sogleich von ihm angefertigt hatte, eine unpassende Ehrung für jemanden, der die Welt als Bettler verließ –, lebt er ein wenig in mir, wenn man das von jemandem sagen kann, der vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren gestorben ist, ohne etwas von meiner Existenz zu ahnen.

Vor mir liegt eine Kopie seiner Sterbeurkunde aus dem Jahr 1970 und eine weitere der Urkunde seiner dritten und letzten Eheschließung fünfzehn Jahre zuvor, mit einer Witwe, die fünf Jahre älter war als er – er dreiundvierzig und sie achtundvierzig bei der Hochzeit –, und ausgehändigt hat mir beide Kopien die Enkelin dieser verwitweten und verheirateten und verwitweten Frau, eine blonde Engländerin namens Maria, ohne Akzent auf dem i, aber mit dem gleichen Namen wie meine andalusische Großmutter, die ich nicht gekannt habe, María Aguilera, die geschmunzelt haben muss, als sie sich mit einem leicht verrückten, lustigen Witwer mit dem Familiennamen Marías verheiratet sah und so gleichsam zu einer Deklination wurde, María de Marías. Aus der ersten Urkunde geht hervor, dass Armstrong – ohne Leben war er nicht mehr Gawsworth, jedenfalls nicht für die Ärzte, oder vielleicht war er es schon seit geraumer Zeit nicht mehr – im Brompton Hospital im Londoner Stadtteil Chelsea gestorben ist, und es werden die medizinischen Gründe seines Ablebens aufgeführt. In das für den Beruf vorgesehene Kästchen hat ein Beamter namens Vinten oder ein Informant namens Lewis »A poet« geschrieben und im nächsten, unter der Überschrift »Qualification«, hinzugefügt, dass der Körper »infolgedessen« zu beerdigen sei, und so muss es geschehen sein. Und doch ist es jetzt meine Wohnung in Madrid, in der noch immer der seltsame und unglückliche Geist des Dichterkönigs von Redonda umgeht oder sich weigert, zu verschwinden und auszuruhen oder das Lotterleben aufzugeben, und in der sich seine Schrift befindet, was so viel heißt wie seine Stimme, die spricht. Oder sie wird später sprechen, denn noch ist der Augenblick nicht gekommen, da ich sie höre, obwohl die Stunde kommen wird in dem Maße, wie ich Zeilen schreibe und selbst diese Seiten umblättere.
Aber keine dieser von mir erwähnten realen Personen hatte unmittelbar Kenntnis von meinem Roman, denn niemand sprach spanisch oder wusste meinen Namen oder dass ich schrieb, und vielleicht lasen sie nicht viel, mit Ausnahme des bibliophilen und bibliomanen Gawsworth oder Armstrong, aber der war am 23. September 1970 gestorben, und ich war zu diesem Zeitpunkt gerade neunzehn Jahre alt geworden, drei Tage zuvor, und er konnte mich nicht vorhersehen. Und de Wet sprach zwar spanisch, aber wer weiß, was aus ihm, dessen Zeit uns nicht bekannt ist und dessen Spur sich verloren hat, geworden ist.
Wie ich 1989 in einem Artikel mit dem Titel »Wer schreibt« ausführte, war der namenlose Erzähler von ›Alle Seelen‹, der, wenn ich mich recht entsinne, von anderen Gestalten des Romans nur »unser lieber Spanier« oder »der spanische Herr« genannt wird, zurück in Madrid nach seinen beiden Jahren falschen Exils oder privilegierter Emigration in Oxford, mit einer Frau namens Luisa verheiratet und Vater eines mit ihr gezeugten Kindes, was nachweislich nicht meine Situation oder mein Fall war noch mir widerfahren ist. Es hat nicht einmal eine wichtige oder dauerhafte Luisa in meinem Leben gegeben. Allein diese Tatsache schloss die völlige Gleichsetzung des Erzählers mit dem Autor aus und damit auch die jeder anderen Romangestalt mit irgendeiner realen Person, die ich während meines Aufenthalts gekannt oder frequentiert haben mochte. Alles Übrige, von dem der Erzähler berichtete, konnte mir widerfahren sein oder ich hätte sein Zeuge sein können. Ich konnte erklären und versichern, wie ich es oft getan habe und jetzt abermals tue, dass fast alles erfunden war, außer dem Schauplatz und dem einen oder anderen nebensächlichen und literarisch verwandelten Erlebnis; dass keine Romangestalt ihre Entsprechung in jemandem besaß, der existierte oder existiert hatte, und, konkreter, dass niemand das Porträt oder die Karikatur irgendeines meiner damaligen englischen Kollegen an der Fakultät für moderne und mittelalterliche Sprachen war, zu der die Unterabteilung für Spanisch gehörte, der ich zugeteilt war. Aber tatsächlich muss das, was ich versichern oder erklären mag, nicht geglaubt werden, obwohl es eine vertrauensvolle und nicht zu rechtfertigende Neigung gibt, das zu glauben, was die Autoren in Bezug auf ihre Bücher behaupten. (Und indem ich darauf verweise, wird mir klar, dass ich unfreiwillig die Wahrhaftigkeit dessen in Frage stelle, was ich hier sage und weiter erzählen werde, aber ich muss dieses Risiko eingehen und trotz allem an die Gläubigkeit appellieren: Entweder man beachtet mich, oder man tut es nicht, entweder man hört mir zu, oder man tut es nicht, man braucht es nicht zu tun; so ist das nun einmal, das ist alles.) Was ich weder tun könnte noch tun kann, ist, zu beweisen, dass die Ereignisse des Romans mir nicht in meinem Leben widerfahren sind, so wie es immer unmöglich ist, zu beweisen, dass man etwas oder ein Verbrechen nicht getan hat, wenn von der gegenteiligen Vermutung ausgegangen wird, und das haben die Diktatoren immer gewusst: In Spanien selbst, um ein naheliegendes Beispiel zu nennen, war dies das Prinzip der franquistischen Justiz gleich nach Kriegsende und für lange Zeit. Ein Nachbar, ein Feind, ein Rivale, ein Neider, ein Freund beschuldigte jemanden aller möglichen Verbrechen, je schrecklicher, desto besser; das genügte für die Festnahme und den Prozess oder besser gesagt den Scheinprozess, bei dem man dem Angeklagten sagte: »Auf, beweisen Sie, dass Sie nicht getötet oder nicht verraten oder nicht geplündert oder nicht vergewaltigt haben«, zum Beispiel, wohl wissend, dass es fast unmöglich ist, etwas negativ zu beweisen. So erging es auch dem jüngsten Sohn von María Aguilera de Marías, meinem Vater, dem man unter anderen imaginären Dingen zur Last legte, während des Bürgerkrieges »Mitarbeiter der Moskauer Tageszeitung ›Prawda‹« und – worum ich ihn untröstlich beneide – »freiwilliger Begleiter des Banditen Dekan von Canterbury« gewesen zu sein. Ich muss zugeben, dass ich eine gute Summe als Bestechung gezahlt oder mich zu einer niedrigen Tat hätte verleiten lassen, um einmal im Leben mit einer so skurrilen und archaischen Anschuldigung konfrontiert zu werden. Es ist mir noch nicht gelungen, Näheres herauszufinden über die kriegerische Betätigung dieses Banditen, der als the Red Dean, »der Rote Dekan«, bekannt war und dessen wahrer Name Dr. Hewlett Johnson lautete – als wäre er in Oxford zu Hause, und tatsächlich hatte er seinen Doktor der Theologie in Oxford gemacht, so um das Jahr 1904, am Wadham College, das mir nicht ganz fremd ist; von dem wenigen, das ich weiß, ist am spektakulärsten die Tatsache, dass er 1937 als Erster die Schiffsblockade von Bilbao durchbrach und bei Ausbruch des Krieges zweiundsechzig und bei dessen Ende fünfundsechzig Jahre alt war, ein verdienstvolles Alter für ein Banditenleben in fremdem Lande und dafür, sein Leben zu riskieren, indem er auf einem französischen Torpedoschiff aus Bermeo auslief, um ohne Zwischenfälle in San Juan de Luz anzukommen, nachdem er Minen und franquistischen Kriegsschiffen ausgewichen war, abgesehen von anderen möglichen Helden- oder Missetaten mit seinem freiwilligen Begleiter, wer immer das auch gewesen sein mag, denn natürlich war es nicht mein Vater und ganz gewiss auch nicht der Erzbischof von Canterbury, dem nichts anderes übrigblieb, als 1947 eine öffentliche Erklärung abzugeben, um darauf hinzuweisen, dass sein Dekan außerhalb der Grenzen der Kathedrale lediglich als Privatperson spreche und handle und der Erzbischof nicht verantwortlich sei für dessen mögliche Worte und Taten, »noch es in seiner Hand liegt, ihn zu kontrollieren«. Der Rote Dekan von Canterbury, ein ungestümer, unverbesserlicher Russlandliebhaber und Verteidiger der spanischen Republik, muss seine Abenteuer auf der Halbinsel wohl gut überstanden haben, da er zweiundneunzig Jahre alt wurde, fast so alt wie mein friedlicher Pförtner Will, der auch in einem anderen Krieg gekämpft hatte. Aber wegen seiner unfreiwilligen Begleitung und Schuld wäre ich beinahe nicht geboren worden, war doch der Tod durch Erschießen im Jahre 1939 das häufigste und gängigste Schicksal derjenigen, die von aufmerksamen patriotischen Freunden denunziert wurden, und wenn mein Vater nicht mehr als das Gefängnis erlebte, lag das daran, dass er Glück hatte, und an der Hartnäckigkeit meiner Mutter – sie wussten noch nicht, dass sie heiraten würden –, nicht an mangelndem Hass bei seinen beiden Denunzianten. Und was, wenn ich nicht geboren wäre. So viele werden geboren, und es ist, als wäre es nicht geschehen und als hätten sie nie existiert; so wenige leben in der Erinnerung fort, und so viele sterben früh, als hätte die Welt keine Geduld, ihrem Leben beizuwohnen, oder hätte es eilig, sich ihrer zu entledigen, die vergebliche Anstrengung und die winzigen Schritte, die keine Spur hinterlassen oder nur in der geschärften Erinnerung desjenigen, der bei ihnen half und den Irrtum beging oder die Anstrengung vollbrachte, wie ein kostspieliger, überflüssiger Luxus, der sogleich von der Erde getilgt wird, als wäre er bloßer Dunst, und nicht einmal auf die Probe gestellt werden darf. Und was, wenn niemand je geboren wäre.
So war das Einzige, was sich im Hinblick auf den geringen autobiographischen Gehalt meines Buches negativ beweisen ließ, die Tatsache, dass ich weder eine Frau namens Luisa hatte oder habe noch überhaupt eine Frau mit welchem Namen auch immer und schon gar nicht einen damals neugeborenen Sohn, der, wenn er geboren worden und nicht vergeblich wäre, jetzt – wie schrecklich – sieben oder acht Jahre zählen würde, ein kleiner Flegel oder vielleicht, schlimmer noch – wer weiß –, ein kleiner Alleswisser, der es verdient, in die Verbannung geschickt zu werden. (Womöglich wäre ich kein guter Vater gewesen.) Aber selbst das wurde mir unterstellt von denjenigen, die das Notwendige über mich wissen und nichts über mein Privatleben.
Ich unterrichtete damals, nach mehreren Wanderjahren nicht nur in Oxford, sondern auch in der Nähe von Boston und in Venedig, Übersetzungstheorie an der Universidad Complutense in Madrid, zufällig und vier Studienjahre lang – nie hatte ich vorgehabt, mich der leidvollen Lehrtätigkeit mit ihren Fallen und Intrigen zu widmen. So wenig behagte mir das spanische Universitätsambiente mit seinen Schäbigkeiten, dass ich die abendliche Unterrichtszeit nutzte, um das akademische Leben zu meiden und gerade nur so oft wie nötig in der tristen, halbleeren und halbdunklen Fakultät zu erscheinen, in die bereits die Putzfrauen eingezogen waren, die sich zu dieser Stunde als Herrinnen des Schmutzes fühlen und den Professoren und Studenten Befehle geben oder sie verscheuchen, wie es auch den Fahrgästen und Eisenbahnarbeitern auf dem Bahnhof von Didcot widerfuhr oder dem in Mestre, in der Nähe von Venedig, wo ich den Teil irgendeiner Nacht ausgesetzt und in Nebel gehüllt verbrachte. Ich hielt meinen Unterricht, den ich im Taxi auf der Hinfahrt improvisiert hatte, und ging fort, sobald er zu Ende war, um neun oder zehn Uhr abends, je nach dem Tag, so dass es kaum Möglichkeiten zur Verbrüderung mit den Studenten oder zur Kumpanei mit den Kollegen gab und so gut wie niemand etwas über mich wusste, das nicht mehr oder minder öffentlich war. Dort erhielt ich also kurz nach dem Erscheinen von ›Alle Seelen‹ einen ersten – oder vielleicht zweiten – Hinweis darauf, dass alles, was mein Erzähler erzählte und sagte, mir von Anfang bis Ende unterstellt werden konnte. Eine Gruppe von Studenten – vor allem Studentinnen – wartete eines Abends an der Tür der Aula auf mich, um mir ein paar Fragen zu stellen, auf die ich vermutlich ebenfalls improvisierend geantwortet habe, und als ich danach durch die Flure ging, mit meiner unpassenden Aktentasche aus schwarzem steifen Plastik mit blauem Henkel, von ihnen umringt wie ein idiotischer Politiker zwischen Gefolge und Journalisten – ich hatte bemerkt, dass die Professoren sehr gern mit großem Spektakel einherwandeln, und es machte mir Spaß, sie, die wahren und täglichen, einmal nachzuahmen –, fragte eine junge Frau mich beflissen und völlig übergangslos:
»Wie geht’s dem Kind?«
»Welchem Kind?«, sagte ich überrascht.
Die Studentin genierte sich nicht.
»Welchem Kind schon, Ihrem.« Oder vielleicht sagte sie »deinem«, ich siezte die Studenten, aber sie duzten mich bei der geringsten Gelegenheit, außerhalb des Unterrichts sowieso, der Wechsel der Anrede konnte in Sekunden vonstattengehen, als würden sie mir die Maske fortreißen. Obwohl nicht alle jung waren, einige waren älter als ich, und alle hatten sie ihr Staatsexamen, brauchten sie meine Vorlesungen für die Promotion, die ich nicht hatte und nicht habe. Mehr als einmal zog ich die Möglichkeit in Betracht, mich für sie einzuschreiben und Student meiner selbst zu sein, um mir die Scheine zunutze zu machen (ich hätte mich verstellt und mir nur ein »befriedigend« gegeben; und ich hätte mich immer gesiezt).
»Meinem?«, sagte ich jetzt erschrocken. Ich begriff noch immer nicht. »Was für ein Kind? Habe ich ein Kind? Glauben Sie mir, das höre ich zum ersten Mal.«
Daraufhin mischten sich die anderen ein, vielleicht, weil sie sich geprellt fühlten, ich meine, als Opfer eines Betrugs.
»Aber das erzählst du doch in deinem Roman, in dem, der gerade erschienen ist«, protestierten sie, als würden sie eine Garantie vorweisen.
»Ach so.« Und ich schwieg eine Weile, blieb in dem Flur stehen, der von den lustlosen Putzfrauen beherrscht wurde (die Hand in die Seite gestützt während einer meditativen Pause), die mit ihren unordentlich zugeknöpften Kitteln und ihren saumseligen Scheuerlappen ihrer Arbeit nachgingen. Ich überlegte, ob ich mich berichtigen und diesem Kind vor diesen jungen Leuten Wirklichkeitsstatus verleihen sollte und damit auch Luisa, meiner romanesken Frau. Ich konnte ja auch schon von ihr geschieden sein, zum Beispiel wegen ihres eifersüchtigen oder cholerischen Charakters oder ihrer indiskreten Art oder ihrer Geschwätzigkeit oder wegen ihrer nachlässigen, qualvollen Mutterschaft, ein Irrtum, diese Ehe, vielleicht hätte ich das Kind behalten. (Oder sie konnte mich verlassen haben, wegen meiner Selbstbezogenheit und meiner mysteriösen Art.) Schließlich sagte ich die Wahrheit, während ich zugleich meine Schritte wiederaufnahm: »Aber das bin nicht ich, das ist der Erzähler des Romans, ich bin nicht verheiratet und habe auch kein Kind, zumindest, soviel ich weiß. Und ich glaube es zu wissen.«
»Aber du warst in Oxford«, warf eine von ihnen ein.
Eine einzige sichere Übereinstimmung (der Klappentext des Buches beeinflusste das Buch) genügt, um mir den Rest zu unterstellen, dachte ich, und das erschien mir als allzu primitive Leserreaktion für Studenten mit Staatsexamen, in ihrer Mehrheit Philologen verschiedener Sprachen.
»Ja, und was hat das damit zu tun?«, antwortete ich.
»Dann stimmt es nicht?«, beharrte eine Studentin. »Wir waren nämlich alle überzeugt, dass du ein kleines Kind hast.« Ich erinnere mich, dass sie »wir alle« sagte, in der weiblichen Form, vielleicht nicht so sehr wegen der großen Zahl von Frauen in den Vorlesungen, wie immer in den Literaturfächern, als deshalb, weil die Entdeckung nur unter ihren Geschlechtsgenossinnen zur Sprache gekommen war. Und bei einer dieser Studentinnen glaubte ich, einen Ausdruck von Freude zu bemerken, als sie hörte, ich sei nicht verheiratet. Nichts, womit man renommieren oder worauf man sich etwas einbilden sollte, denn alle Professoren und Professorinnen der Welt kommen in den Genuss dessen, was man den »Podesteffekt« nennen kann, und lösen dank seiner falsche, wahnhafte Leidenschaften aus, selbst die Hässlichsten, die Ungepflegtesten, die Widerlichsten, die Despotischsten und die Verkommensten, ich weiß das nur zu gut. Ich habe gesehen, wie strahlend schöne junge Frauen schwach wurden und für widerwärtige, nichtswürdige Männer mit einem Stück Kreide in der Hand dahinschmolzen und naive junge Männer sich (umstandshalber) für ein faltiges, verdorrtes Dekolleté erniedrigten, das sich über ein Pult beugte. Diejenigen, die diesen Podesteffekt ausnutzen, sind gewöhnlich verachtenswert, und es sind viele. Was ich nicht begriff, war die Freude dieser Studentin mit den Farben meiner Aktentasche (blaue Augen und schwarzes Haar), denn sie war es schließlich, die verheiratet war. Vielleicht war es literarische Genugtuung, und sie freute sich nur, festzustellen, dass ein Roman war, was sie als Roman gesehen hatte.
Sie reden also über mich, dachte ich, und sie haben sich die Mühe gemacht, gleich mein Buch zu kaufen und zu lesen. Während wir uns vorwärtsbewegten, gingen immer mehr Lichter aus, als warteten sie ungeduldig darauf, uns von hinten zu sehen, um sich zurückzuziehen, und als zählten die Putzfrauen nicht. Oder vielleicht ist es so, dass diese ihre Arbeit im Dunkeln und mit geschlossenen Augen verrichten können, als träumten sie von ihnen an anderen Orten. Vielleicht in Mestre oder Didcot, es ist schwer, die Bestimmungen zu ändern, haben sie erst einmal begonnen, wenn man nicht weiß, dass es Bestimmungen sind.
Kurz davor oder kurz danach hatte ich erfahren oder erfuhr ich, wie die ersten Reaktionen in der Stadt Oxford ausgefallen waren. Meine ehemaligen Kollegen an der spanischen Abteilung waren mehr oder minder darüber unterrichtet, dass ich an einem Buch arbeitete, dessen Handlung dort stattfand, aber ohne allzu präzise Vorstellungen und ohne zu wissen, ob es sich um eine verhüllte Chronik, einen Roman oder vage Erinnerungen handelte. Gründlich informiert war nur mein guter Freund Eric Southworth vom St. Peter’s College, mit dem ich in häufigem Briefwechsel stand und stehe. Der Leiter der Abteilung, Professor Ian Michael vom Exeter College, der häufig nach Madrid kommt, wohin ihn seine Forschungen als Mediävist, seine Schwäche für den Stierkampf, historisch-topographische Recherchen für seine unter einem engelhaften Pseudonym verfassten Kriminalromane und eine verwegene Neugier oder Vorliebe für die Unterwelt und potentielle Ganoven führen, wusste ebenfalls etwas Bescheid, und nur, was sie beide den anderen hätten vermitteln können, wäre dem Lehrkörper zur Kenntnis gelangt.
Oder auch nicht. Bei einem meiner Besuche nach Ablauf meines Vertrages – es muss im Sommer 1987 gewesen sein, nachdem ich neun schläfrige Tage in einem Literaturseminar in Cambridge mit Ishiguro, dem angenehmen Vikram Seth, P.D. James, der verstorbenen Angela Carter, David Lodge, dem vorsintflutlichen Wesker und anderen verbracht hatte, bei dem wir nur in der Schlusssitzung von dem Kritiker George Steiner geweckt wurden – kam ich der Gewohnheit nach, einen alten, pensionierten Professor zu besuchen, bei dem ich während der Jahre meines Aufenthalts einmal im Monat zu Gast gewesen war und dessen Porträt einige in der Toby Rylands genannten Figur aus ›Alle Seelen‹ sehen wollten und den ich daher hier ebenfalls Toby Rylands nennen werde, das heißt, ich werde seinen vorgeblichen, fiktiven Namen benutzen, um mich auf jemanden zu beziehen, der es nicht war und es auch nicht ist, aber es vielleicht am Ende sein wird. Für diesen Professor hatte ich immer große Bewunderung und Achtung empfunden, und außerdem war er amüsant, ein intelligenter und scharfsinniger Mann, maliziös und gelehrt und so anregend, dass er fast rätselhaft wirkte. Mit dem Wort anregend will ich nicht nur sagen, dass er mit seiner auffallenden Erscheinung und mit seiner intensiven Langsamkeit und seinen wohleinstudierten Pausen beim Sprechen die Phantasie beflügelte, sondern auch, dass er ständig auf beklagenswerte Ereignisse seiner Vergangenheit, weit zurückliegende halbheimliche Tätigkeiten und unerwartete oder für einen Lehrstuhlinhaber eher unpassende Kontakte anspielte, ohne eine einzige Erzählung jemals ganz auszuführen. Seinen offiziellen biographischen Angaben zufolge, die jedem zugänglich sind (ich begehe also keine unvorsichtige Enthüllung), trug er vor seinem jetzigen Namen den Familiennamen seiner Mutter, den Namen Wheeler; er wurde 1913 in Christchurch, Neuseeland, geboren, was ihn nicht hinderte, oxfordischer zu wirken als jedes andere mir bekannte Mitglied der Kongregation – wie die Gesamtheit der Professoren oder dons genannt wird; diese Abrisse informieren knapp darüber, dass er sich 1940 zur Armee meldete und am Ende dieses Jahres dem Intelligence Corps oder Spionagedienst oder Geheimdienst zugeteilt wurde, und berichten weiter, dass er zwischen 1942 und 1946 »Sonderaufträge in der Karibik, in Westafrika und in Südostasien« durchführte, was mir alles nichts nützte, als es galt, jemanden zu skizzieren, der anders ist, als er war und ist, den fiktiven Toby Rylands, denn als ich am meisten Kontakt mit dem wirklichen hatte, kannte ich diese Fakten nicht (man kommt nicht auf den Gedanken, die biographischen Angaben von jemandem zu konsultieren, den man oft sieht, wenn es sie gibt), und dieser erzählte nie, wie ich bereits sagte, etwas Vollständiges über seine möglichen harten oder abenteuerlichen Tage, er erlaubte nur, sie zu erahnen.
»Einmal musste ich wochenlang einen Erbprinzen bewachen und unterhalten«, murmelte er zum Beispiel bei einer bestimmten Gelegenheit.
Und man erwartete daraufhin eine Erzählung, deutete diesen Satz als Auftakt zu irgendeiner lustigen und merkwürdigen Geschichte, die von Anfang bis Ende zu hören sich lohnen würde. Und angesichts des Schweigens, das ihm folgte – Rylands verharrte stumm, als würde er abwägen, ob er gut daran getan hatte oder nicht, das zu äußern, was er bereits geäußert hatte, ob er erzählen oder die Episode für sich behalten wollte –, versuchte ich, ihm die Zunge zu lösen.
»Ach ja? Wie war das? Bestimmt sind sie nicht besonders interessant, die Prinzen.«
Daraufhin strich er sich mit der riesigen, friedlichen Hand über die holzigen Wangen, als erinnerte er sich plötzlich und als genügte ihm dies – synchron, könnte man sagen – und als hielte er vielleicht nun, da er sich an alles erinnerte, die Erzählung, die er mir beinahe anvertraut hätte, für nicht mehr nötig.
»Hmm«, sagte er, wie so viele Leute in Oxford, wo viel gemurmelt wird. »Hmm.« Und seine Augen funkelten von der wiedergefundenen Jugend.
Ich hakte nach:
»Was war das für ein Prinz? Europäer, Afrikaner, Russe?« Und dann lachte Rylands ein bisschen, ein Lachen wie Knallkörper ohne Echo, und damit gab er zu erkennen, dass er es