
unterstützt von Melinda M. Snodgrass
präsentiert
DER SIEG DER VERLIERER
Wild Cards 2
Geschrieben von
S.L. Farrell – Victor Milán – John Jos. Miller –
Kevin Andrew Murphy – Walton Simons –
Melinda M. Snodgrass – Caroline Spector –
Ian Tregillis – Carrie Vaughn
Ins Deutsche übertragen
von Simon Weinert

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Wild Cards – Busted Flush« bei Tor Books, New York.
Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2015
bei Penhaligon, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Copyright © 2008 by George R.R. Martin and the Wild Cards Trust
Published by agreement with the authors and the authors’ agent,
The Lotts Agency, Ltd.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH.
Umschlaggestaltung und Composing Art: Isabelle Hirtz, Inkcraft,
unter Verwendung einer Fotografie von Phoung Herzer, Dojo Filmhouse;
Fersch Media
Redaktion: Hannes Riffel
HK · Herstellung: sam
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-17123-0
V003
www.penhaligon.de
Für Carl Keim,
das Architektenass,
den guten Freund,
die scheußliche Karikatur eines Menschen
Misch weiterhin die Karten!
Double Helix
Einem Hungrigen ist alles Bittre süß.
Melinda M. Snodgrass
Ich lasse die Abschnitte über Asche und Würmer aus. Die Seiten sind dünn. Sie fühlen sich fast wie Federn an, wenn ich sie umblättere und nach Stellen suche, bei denen mir nicht die Galle hochkommt. Ich weiß, dass mein Vater stirbt. Ich muss nicht erst darüber lesen.
Hier ist eine Stelle. Sie klingt mehr nach Lord Dunsany als nach den Weisheiten längst verstorbener Hebräer. »Du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes.« Ich habe eine gute Stimme und verstehe sie zu gebrauchen. Jetzt setze ich sie ein, um die letzten Worte tiefer und weicher zu färben. Zwar ist mir bewusst, dass er schlafen sollte, aber ich will ihn nicht schlafen lassen. Ich will mit ihm reden. Seine Stimme hören, bevor sie für immer schweigt.
Dieser verdammte Kloß ist wieder da. Andauernd schlucke ich, damit er kleiner wird. Durch das Zwillingsfenster erkenne ich auf dem trägen Cam ein paar Sonnenstrahlen glitzern. Es ist August, und es kommt einem vor, als wolle dieser Sommer kein Ende nehmen. Im Zimmer ist es entsetzlich stickig, und die Luft ist schwer vom eklig süßen Geruch einer tödlichen Krankheit. Ich spüre, wie mir das Hemd am Rücken festklebt. Draußen knattert irgendwo ein Rasenmäher, und ein Hund kläfft verärgert. Wahrscheinlich werde ich den Rasen meiner Eltern selbst mähen müssen. Oder ich heure einen Teenager an. Durchs offene Fenster rieche ich das Gras. Die Zweige des Apfelbaums werden niedergedrückt von der rosafarbenen Last. Vielleicht geht es allen Lebewesen so, wenn sie sich vermehren.
Mein Vater berührt meinen Handrücken. Seine Haut fühlt sich an wie die hauchdünnen Seiten der Bibel, die jetzt in meinem Schoß liegt. »Danke …« Seine blauen Augen in dem Gesicht, das nur noch aus kantigen, von gespannter Haut überzogenen Knochen besteht, sind erstaunlich wach. »Da steht eine Menge Weisheit drin«, fügt er hinzu und legt seine Hand auf die Bibel. »Wenn du mir vorliest, findest du vielleicht etwas davon.«
Märchen und Fantastereien, denke ich, lasse mir jedoch nichts anmerken. »Dann hältst du mich also für einen Toren.« Ich grinse ihn an. »Danke.«
»Nein.« Er sieht mich ernst an. »Aber ich weiß, dass irgendwas nicht stimmt. Ich habe dich aufgezogen, Noel, vor mir kannst du das nicht verheimlichen.«
Er lächelt, aber wie bei jedem Kind, das mit der übernatürlichen Allwissenheit seiner Eltern konfrontiert wird, krampfen sich mir die Eingeweide zusammen. Genauso schnell vergeht es wieder. Schließlich bin ich achtundzwanzig, und für einen Augenblick bereitet es mir Vergnügen zu rätseln, was ich seiner Meinung nach getan habe. Ich habe keine Groupies geschwängert, denn als Hermaphrodit bin ich unfruchtbar. Schulden habe ich auch keine. Sowohl mein offizieller als auch mein geheimer Job bringen mir gutes Geld ein. Was glaubt er nur, was ich angestellt habe? Kurz spiele ich mit dem Gedanken, es ihm zu verraten.
Du weißt, Dad, dass ich Mitglied der Silver Helix bin, einer Abteilung des MI-7. Was du aber nicht weißt, ist, dass ich für sie töte. Ich könnte dir nicht mehr sagen, wie viele Leute ich umgelegt habe. Man behauptet immer, dass man sein erstes Opfer nie vergessen wird. Aber von dem habe ich genauso wenig ein Gesicht vor Augen wie von den anderen.
Natürlich tu ich das nicht. Ich stehe auf, lege die Bibel zur Seite und strecke mich. »Tee? Es gibt Zitronentörtchen und gekochte Zunge für Sandwichs. Isst du etwas?«
»Ich versuch’s.«
Unsere Küche ist klein und vollgestopft, in der Spüle türmt sich das Geschirr mehrerer Tage. Eine fette Fliege schwirrt träge zwischen dem Mülleimer und dem schmutzigen Geschirr hin und her. Ihr Summen hat fast etwas Hypnotisierendes. Nein, nein, nein. Mit einem heftigen Kopfschütteln vertreibe ich die Müdigkeit. Wie es aussieht, muss ich nicht nur einen Teenager, sondern auch eine Haushaltshilfe anheuern.
Die Zunge, tiefrot und mit Geschmacksknospen gesprenkelt, hat einen Fettüberzug, der im Kühlschranklicht schimmert. Die riesigen, mit Nahrungsmitteln überquellenden Kühlschränke in amerikanische Küchen sind fast schon obszön. Aber wir Engländer tasten uns langsam in dieselbe Richtung vor. Wer hat schon die Zeit, jeden Tag aufs Neue Essen einzukaufen?
Ich frage mich, wer die Zunge gekocht hat – meine Mutter bestimmt nicht. Sie kocht nie. Mein Vater hat sich um das Haus und ums Kind gekümmert und alle Mahlzeiten zubereitet. Dabei hat er alle Klischees der britischen Küche erfüllt. In meinem Innern flackert Wut auf, doch ich weiche ihr aus. Es ist nicht Mamas Schuld, dass er stirbt. Sie hat die Brötchen verdient, von daher hatte sie schon das Recht, sich zu Hause um die Arbeit zu drücken. Allerdings hatte ich den Verdacht, dass sie auch dann nicht gekocht oder geputzt hätte, wenn sie keinen Job gehabt hätte.
Ihr Engagement für den radikalen Feminismus hatte ihr Leben bestimmt. Verdammt, sie war sogar so militant, dass sie absolut alles tat, um mich als Jungen zu erziehen. Das ist nur schwer begreiflich, denn auch wenn meine Geschlechtsteile einigermaßen ulkig aussehen, besitze ich doch zweierlei Arten davon. Man hätte mich genauso gut als Mädchen erziehen können, ohne dass ich einen neuen Namen gebraucht hätte. Man hätte ihn nur anders aussprechen müssen.
Mein Funkmeldeempfänger vibriert. Ich balanciere in der einen Hand die Zunge, während ich mit der anderen nach dem richtigen Pager krame. Seit ich öfter nicht in England bin, habe ich einen Textmelder für medizinische Notfälle bei mir, dazu den Pager, über den mein Manager meine Auftritte mit mir abspricht, einen vom Komitee für Lilith und einen von Prinz Siraj, der Bahir gilt. Dazu noch den von der Silver Helix. Im Moment meldet sich der von Siraj.
Leck mich, denke ich fiebrig, ziehe jedoch mein Handy hervor und rufe ihn an. Natürlich will er mich sehen. Natürlich muss es gleich sein. Natürlich gehe ich.
♠
Der einzige Grund, weshalb Bahir dem Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate einen Besuch abstattete und nicht dem Präsidenten, war eine unglückliche Bemerkung, die Al Maktum gegenüber Prinz Siraj in einem Pariser Restaurant fallen gelassen hatte. Denn der Premierminister hatte erwähnt, dass er gern bei einem heißen Bad entspannte und dabei durch die Fensterwand den Sonnenuntergang betrachtete. Nackte sind besonders verwundbar, und Badezimmer sind auf Gebäudeplänen besonders leicht ausfindig zu machen. Und die Tatsache, dass das Zimmer nach Westen gehen musste, machte es vollends zu einem Kinderspiel, meine Zielperson mithilfe von Google Earth aufzuspüren. Die Tageszeit war weniger günstig. Während der Morgen- oder Abenddämmerung kann ich meine Kräfte nicht einsetzen, und nach Sonnenuntergang kann ich mich nicht mehr in Bahir verwandeln. Wenn Siraj sich an das Gespräch allerdings recht erinnerte, dann las Al Maktum vor Sonnenuntergang noch gern eine Weile in der Badewanne. Und ich sollte schließlich nur eine Warnung überbringen, was selten viel Zeit in Anspruch nahm.
Durch das gekräuselte Wasser in der tiefen, mit Glasfliesen verkleideten Wanne lässt es sich nicht genau erkennen, aber die Hoden des Premierministers scheinen sich in seinen Bauch zurückgezogen zu haben. Er starrt zu mir auf, und Entsetzen steht in seinen dunklen Augen. Ich riskiere einen Blick in das Spiegelpaar an einer Wand des mit Marmor verkleideten Badezimmers. In meinem schwarzen Dischdascha und mit der Pistole am Gürtel gebe ich eine einigermaßen furchterregende Erscheinung ab. Auf eine Kopfbedeckung habe ich verzichtet, da die Fransen die Sicht aus den Augenwinkeln beeinträchtigen. Außerdem schwitze ich darunter in der Wüstenhitze, und mein Kopf fängt an zu jucken. Deshalb leuchtet mein rot-goldener Haarschopf im Lampenlicht. Mit der Spitze meines Krummsäbels kratze ich mich am Bart. Der Blick des Premierministers weicht nicht von der Klinge. Ich würde mir wirklich wünschen, dieses Genie in Whitehall, das den Einfall hatte, meinen männlichen Avatar als Ass im Nahen Osten einzusetzen, hätte nicht auf den Säbel als Teil von Bahirs Erscheinungsbild bestanden. Das sieht so absurd nach Tausendundeine Nacht aus, aber jetzt habe ich ihn nun mal an der Backe. Bahirs Klinge hat schon etliche Menschen einen Kopf kürzer gemacht – unter anderem den letzten Kalifen.
»Prinz Siraj lässt seinem Bruder Grüße bestellen und ist betrübt, dass sein Bruder den Ölpreis, den der Kalif festgesetzt hat, nicht respektiert.«
»Das sind doch nur ein paar Dollar.« Seine Stimme zittert, und er winselt. Ich kann sehen, wie ihm eine Gänsehaut über Schultern und Oberarme läuft.
»Einhundert Dollar.«
»Die vom Kalifen festgelegten dreihundert sind zu viel. In Europa und Amerika geht die Wirtschaft in die Knie. Was haben wir davon, wenn wir sie in den Ruin treiben? Wenn niemand mehr unser Öl kaufen kann, woher sollen dann unsere Profite kommen?«
»Diese Argumente hättest du dem Prinzen ins Gesicht sagen sollen, anstatt dich wie ein Dieb hinter seinem Rücken herumzuschleichen. Seine Hoheit ist kein Narr. Er wird mit den Preisen wieder nachlassen, aber erst, wenn der Westen mächtig in die Tasche gegriffen hat.«
»Mit dem Krieg in Ägypten hatten wir nichts zu tun. Warum sollten wir dafür Rache nehmen? Keiner unserer Soldaten hat dabei sein Leben verloren.« Er wird wütend und fragt sich allmählich, ob er wirklich um sein Leben bangen muss. Ich werfe einen Blick zum Fenster hinaus. Die Sonne ist dem Horizont gefährlich nah.
»Du sagst das ohne jede Scham, und das zeigt, dass du eine Marionette des Westens bist.«
Wenn man eine Klinge schnell durch die Luft sausen lässt, pfeift es tatsächlich, ganz schwach, nicht wie im Kino, aber immerhin ist für einen Sekundenbruchteil ein Geräusch zu hören, das dir sagt, dass etwas Schreckliches passieren wird. Der Premierminister zuckt zusammen und rudert mit den Armen. Sonnenstrahlen brechen sich in den aufspritzenden Wassertropfen, die in Kaskaden vor den Fenstern herabfallen. Blut schießt empor und glüht im abnehmenden Licht. Ich habe ihm die rechte Hand abgetrennt. Er schreit, was in dem kleinen Zimmer von den Marmorwänden widerhallt. Von draußen sind stampfende Schritte zu hören.
Die Warnung wurde ausgesprochen. Höchste Zeit, dass ich gehe.
♣
John Bruckner, der Highwayman, kommt gerade aus Flints Büro, als ich dort aufschlage, um von meiner jüngsten Mission für Siraj zu berichten. Aus Höflichkeit gegenüber unserem Chef hat Bruckner im Büro seinen fleckigen Andy-Capp-Hut abgenommen, doch jetzt führt er ihn seiner angestammten Aufgabe zu: seinen beinahe kahlen Schädel zu bedecken. Ich drücke mich gegen die Wand, denn Highwayman hat die Statur und Anmut eines Bierfasses.
Einen übertriebenen Händedruck später bietet er mir eine seiner ekligen schwarzen Zigarren an, während er sich selbst eine in den Mund stopft. Ich winke ab und ziehe eine Zigarette hervor. Hitze schlägt mir von der Flamme seines Zippos entgegen, als ich mich zu dem Feuerzeug vorbeuge. Dann hält er die Flamme an die Spitze seiner Zigarre und saugt genussvoll daran, bis der Tabak rot aufglüht. Nachdem wir dieses Ritual abgehakt haben, lehnen wir uns an gegenüberliegende Korridorwände und mustern einander.
»Wie kommt es bloß, dass ich ein verdammter Lastwagenfahrer bin und du ein verflixter Zauberer?«
»Ich bin hübscher als du.«
»Da hast du recht, und du kleidest dich auch besser«, sagt er und zieht den Bund der schlabbernden Kordhose über seine Wampe.
»Was hast du getrieben?«
Er deutet mit dem Daumen auf Flints Tür und sagt: »Das alte Granitgesicht lässt mich Waffen aus Lagos zu den Truppen im Busch bringen.« Wenn Highwayman mit seinem Truck eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht, kann er von London nach Melbourne oder Shanghai gelangen, ohne durch die dazwischenliegenden Gegenden zu fahren. »Die verreckten Straßen dort sind kaum besser als Trampelpfade«, fährt er fort. »Die haben meiner Aufhängung ganz schön zugesetzt. Verdammte Eingeborene.«
Aus ihm spricht hier nicht nur die »Bürde des weißen Mannes«. Bruckner hat auf seinen »Abkürzungen« abartige und verstörende Dinge gesehen, und er lebt fortwährend in der Angst, in diesem seltsamen, surrealen Niemandsland festzusitzen.
»Zeig mal ein bisschen mehr Dankbarkeit. Wenn Nigeria nicht wäre, hättest du kein Benzin mehr im Tank.«
»Ja, meinetwegen, aber warum können diese Neger keine verdammte Straße wie in der Ersten Welt bauen?«
Ich reiße mich zusammen. Bruckner ist Mitte sechzig. Die Zeiten haben sich geändert, nicht aber Highwayman. Er ist rassistisch und sexistisch und verachtet Fremde mit einem Überlegenheitsgefühl, wie es nur weiße Engländer empfinden können. Mit einem Grunzen und einem weiteren Ziehen am Hosenbund richtet er sich auf und sagt: »Muss mich vom Acker machen. Schaust du bei mir und den anderen Jungs noch auf ein Bier vorbei?«
»Geht nicht.« Ich deute mit einer Kopfbewegung auf Flints Bürotür.
»Na gut, nächstes Mal.«
Er stapft davon und zieht eine Rauchschwade hinter sich her wie die Abgase eines seiner Laster. Ich klopfe an die Tür. Zwar höre ich kein »Herein«, aber ich gehe trotzdem hinein. Flint sitzt auf seinem großen Steinstuhl. Die Polsterung jedes normalen Stuhls würde er mit seinem kantigen Felsleib schreddern.
Ich setze mich auf meinen gewohnten Platz, drücke die Kippe aus und ziehe die nächste Zigarette hervor. Das Licht von der Straße wirft Schatten auf die Bücherregale. Drinnen brennt nur eine kleine Lampe auf dem Schreibtisch, sodass Flints Augen rot aus dem grauen Steingesicht hervorleuchten.
»Gottverdammt! Müssen Sie für unsere Feinde unbedingt so gute Arbeit leisten?«
Oh, Mist. Ich hatte gehofft, Flint von meinen Maßnahmen in Dubai berichten zu können, bevor er davon erfährt. Dieses Glück war mir wohl nicht beschieden. Wie es aussieht, werde ich heute wohl kaum im Beifall meines Chefs schwelgen.
»Ich nehme an, die Emirate haben die Preise erhöht?«
»Sie wissen verdammt genau, dass sie das getan haben. Sie haben dem Typen die Hand abgeschlagen! Er ist mit dem Premier befreundet.«
»Hin und wieder muss ich einen Erfolg vorweisen, Sir, sonst fragt Siraj sich noch, ob sein Leibwächterass, beziehungsweise Assassine, eine komplette Niete ist.«
»Können Sie Siraj denn überhaupt nicht beeinflussen?«
»Bahir wird als plumper Auftragsempfänger angesehen. Ich glaube, Siraj würde Verdacht schöpfen, wenn der Assassine des Kalifen plötzlich politischen Scharfsinn an den Tag legt.«
Flint brummt etwas Unverständliches und nickt widerwillig. Es ist unheimlich, wenn sich mein Chef bewegt. Das sieht aus, als erwache eine Statue zum Leben. Er schnippt mit den Fingern und lässt eine Flamme auflodern, was mich kurz irritiert. Dann kapiere ich, dass sie für die Zigarette bestimmt ist, die ich zwischen meinen Fingern vergessen habe.
Meine Güte, so weit lässt er sich nur selten herab. Vermutlich hat er mir das eigenmächtige Blutbad verziehen. Indem ich mich nach vorn beuge, stecke ich meine Zigarette an. Der herbe türkische Tabak greift wie mit Klauenhänden nach meinen Lungen, doch der genussvolle Nikotinschub entschädigt für den leichten Schmerz und das Risiko von Lungenkrebs.
»Wohin sind Sie als Nächstes unterwegs?«
»Ich habe eine Verabredung.« Ich richte mich stolz auf, und Flint macht ein Geräusch wie blockierte Zahnräder, die ineinandergreifen. »Aber glauben Sie mir, das ist mir noch mehr zuwider als Ihnen. Babysitten ist nicht mein Ding.«
♦
Bevor ich meinen Blasenmuskel in der kalten, dunklen Zwischenwelt einer Belastungsprobe aussetze, lege ich auf der Toilette eine Pause ein. Während der Urin gegen das Porzellan prasselt, kämpft mein besseres Ich gegen mein wahres Ich an. Eigentlich will ich Lohengrin anrufen und unsere Verabredung absagen, damit ich nach Hause zu Dad gehen und in meinem alten Zimmer schlafen kann. Wenn ich nach New York gehe, werde ich ein viel zu reichhaltiges und schweres Essen zu mir nehmen und anschließend mit dem deutschen Ass auf verschwitztem Bettzeug heftigen und unbeholfenen Sex haben. Was ihm an Raffinesse fehlt, macht Lohengrin durch reines Stehvermögen mehr als wett. Mir graut vor morgen. Selbst wenn ich mich wieder in meinen normalen Körper zurückverwandelt habe, wird im Unterleib ein unangenehmer Schmerz zurückbleiben.
Einen Moment lang betrachte ich widerwillig meinen kurzen und seltsam geformten Penis. Wäre mein Leben besser, leichter gewesen, wenn Mum ihn hätte wegoperieren lassen …?
Meine Gedanken zerschellen an der Wirklichkeit. Kein chirurgischer Eingriff der Welt hätte mich zu einem »richtigen Mädchen« gemacht. Ich packe ihn ein und mache den Reißverschluss zu. Dann gehe ich zum Waschbecken, um mir die Hände zu waschen. Das raue Papierhandtuch habe ich noch in der Hand, als ich die Verwandlung über mich ergehen lasse. Bald drücken Brüste gegen mein Hemd, und meine Hose spannt sich über eine weibliche Hüfte. Lange Fingernägel bohren sich durch das Papiertuch.
Das Bild im Spiegel ist etwas enttäuschend. Das herzförmige Gesicht wirkt abgespannt, und unter den silbrigen Augen bilden sich dunkle Ringe. Ich finde es ziemlich schockierend, dass sich die Anzeichen von Erschöpfung meines wirklichen Körpers auf meine Avatare übertragen. Nach einem Blick auf die Uhr berechne ich die Zeitverschiebung zwischen London und New York. Wenn ich in meiner Wohnung in Manhattan vorbeischaue, um mich zu schminken und umzuziehen, komme ich zu spät zum Abendessen mit Lohengrin. Aber sein Frauenbild ist ziemlich überholt. Er wird es typisch finden.
Ich stelle mir die Wohnung im Village vor. Während mein Körper an diesen kalten, fremden Ort springt, entscheide ich mich für das kleine Schwarze. Damit er mehr auf meine Beine achtet …
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