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Eduard Lohse

Die Wundertaten Jesu

Die Bedeutung der neutestamentlichen Wunderüberlieferung für Theologie und Kirche

Verlag W. Kohlhammer

 

 

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Satz: Andrea Siebert, Neuendettelsau

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-028895-9

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pdf:       ISBN 978-3-17-028896-6

epub:    ISBN 978-3-17-028897-3

mobi:    ISBN 978-3-17-028898-0

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Dem Gedenken an
Joachim Jeremias
in Verehrung und Dankbarkeit

Inhalt

  1. Vorwort
  2. I. Grundlegung: Die Wundertaten Jesu – Fragen und Aufgaben
  3. 1 Die Wundertaten Jesu im Licht antiker Vorgaben
  4. 2 Bezeichnungen und Erzählformen von Wundertaten Jesu
  5. 3 Die Christusbotschaft der Wundergeschichten und ihr Anhalt am historischen Jesus
  6. 4 Der Sohn Davids als Helfer und Retter
  7. 5 Glaube und Wunder
  8. II. Durchführung: Die Wundertaten Jesu in urchristlichen Darstellungen
  9. 6 Krankenheilungen
  10. 7 Dämonenaustreibungen
  11. 8 Blindenheilungen
  12. 9 Totenerweckungen
  13. 10 Naturwunder
  14. III. Schluss: Die Wundertaten Jesu im Zeugnis des Evangeliums
  15. 11 Die Wundertaten Jesu im Kontext seiner Verkündigung
  16. 12 Die Wundertaten Jesu in der Auslegung der Evangelisten
  17. 13 Die Wundertaten Jesu in Predigt und Lehre der Kirche
  18. Anhang
  19. 14 Die Wundertaten Jesu im Johannesevangelium
  20. 15 Wunder im Urteil des Apostels Paulus
  21. Übersicht über die Wundergeschichten in den synoptischen Evangelien
  22. Literaturverzeichnis
  23. Sachregister
  24. Autorenregister

Vorwort

Jesus hat Wunder getan – so wird in den Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas ausführlich berichtet. Elenden und kranken Menschen hat er aufgeholfen. Von bösen Geistern geplagten Menschen wusste er beizustehen und ein neues Leben in Freiheit zu eröffnen. Blinde machte er sehend. Und auch die Grenze des Todes wusste er zu überschreiten.1 Die Überlieferung von Jesu Wundertaten nimmt breiten Raum ein – ein Zeichen dafür, dass die frühe Christenheit diesen Erzählungen von Jesu Wundertaten große Bedeutung zugemessen hat.

Die Interpreten des Neuen Testaments lassen jedoch vielen Geschichten gegenüber eine spürbare Unsicherheit und Zurückhaltung des Urteils erkennen. Was haben Jesu Wundertaten dem heutigen Menschen zu sagen? Was für eine Wirklichkeit wird da beschrieben? Und wie ist ein historischer Kern dieser breiten Überlieferung zu bestimmen? Zwar liegt eine Fülle von gelehrten Untersuchungen vor, die den Hintergrund der Wunderüberlieferung aufzuzeigen und ihre Botschaft zu erheben suchen. Doch bleibt der Ertrag für das Verständnis neutestamentlicher Theologie auffallend gering. In den Darstellungen neutestamentlicher Theologie wird der Überlieferung von Jesu Wundertaten – wenn überhaupt – nur geringer Umfang zugebilligt.2 Hat es doch den Anschein, als wüsste man in Verkündigung und Lehre unserer Zeit den alten Geschichten keinen wesentlichen Beitrag für Theologie und Kirche zu entnehmen.

Die Evangelien erzählen auf der einen Seite von Jesu Verkündigung, auf der anderen aber wird von Ereignissen berichtet, die sich in seiner öffentlichen Wirksamkeit zugetragen haben, seinen Wundertaten und seinem Heilandswirken. Schon in früher Zeit wurden alte Glaubensformeln, die von Passion, Kreuz und Auferstehung Jesu handeln, um einen Hinweis auf die Ereignisse und Wundertaten erweitert: „wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38; vgl. auch Apg 2,22–24). Und der Evangelist Lukas bestimmt im Vorwort, das er seinem Buch voranstellt, mit betonter Hervorhebung, „die Ereignisse (bzw. Geschichten)“ weiterzugeben, die die ihm vorangegangenen Diener am Wort getreulich überliefert haben (Lk 1,1-4).

Das Neue Testament selbst stellt mithin die Aufgabe, nicht nur einzelne Perikopen, die von Jesu Wundertaten handeln, mit gebotener Sorgfalt zu exegesieren, sondern darüber hinaus den bestimmenden großen Zusammenhang aufzuweisen, in den die Evangelisten die Wundertaten Jesu eingeordnet haben. Es ist nicht nur zu erheben, was sich einst ereignet haben mag, sondern auch die Frage zu bedenken, was die Berichte von Jesu Wundertaten im großen Zusammenhang neutestamentlicher Theologie zu besagen haben. Dabei sind die einzelnen Perikopen im Licht religionsgeschichtlichen Vergleichs mit außerchristlichen Wundergeschichten zu betrachten.3

Zunächst soll der Horizont bestimmt werden, vor den die Evangelisten die Wundergeschichten rücken. Und dann sind die verschiedenen Arten und Formen zu charakterisieren, in denen die urchristliche Überlieferung auf vielfältige Weise von Jesu Wundertaten Kunde gibt.4 Am Ende ist die Frage zu bedenken, was die Geschichten von Jesu Wundertaten für die Verkündigung des Evangeliums zu sagen haben – damals, aber auch heute.

Anmerkungen

1     Vgl. G. Theißen, Urchristliche Wundergeschichten, StNT 8, Gütersloh 1974 (61990), 274.

2     Vgl. beispielhaft R. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 1953 (91984), 604: Register mit Angaben der wenigen einschlägigen Stellen; J. Jeremias, Theologie des Neuen Testaments I. Die Verkündigung Jesu, Gütersloh 1971 (= 31979), 90–96: mit treffsicherer kurzer Gestaltung. Doch siehe auch U. Wilckens, Theologie des Neuen Testaments I, Neukirchen-Vluyn 2002, 139–163.

3     Da die synoptischen Evangelien die ältesten Quellen sind, die über Jesu Verkündigung und seine Wirksamkeit berichten, richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf deren Texte, um aus ihnen zu erheben, was die urchristliche Überlieferung über Jesu Wundertaten zu sagen hat.

4     Vgl. M. Dibelius, Die Formgeschichte des Evangeliums, Tübingen 31959 (= 51966), 22.

I.   Grundlegung:
Die Wundertaten Jesu – Fragen und Aufgaben

1          Die Wundertaten Jesu im Licht antiker Vorgaben

1.1 Dem Wort „Wunder“ ist ein weiter Rahmen vielseitiger Bedeutung eigen. Im Alten Testament fehlt ein entsprechender Begriff, der mit einem einzigen Wort die Weite der unterschiedlichen Vorstellungen aufzeigen könnte und sagen, was unter „Wundern“ zu verstehen ist.1

Des öfteren wird von „Machttaten“ gesprochen (Dtn 3,24; Ps 20,7; Hi 26,14 u. ö.). In gleicher Bedeutung ist die Rede von „Großtaten“ (2Sam 27,23; Hi 5,9; 9,10 u. ö.). „Zeichen“ weisen auf außerordentliche Geschehnisse hin (Num 14,22; Jos 24,17 u. ö.). Und „Wahrzeichen“ deuten auf endzeitliche Ereignisse (Ex 4,21; 7,9 u. ö.). „Feldzeichen“ zeigen, in welche Richtung zu marschieren ist (Jes 49,22; 62,10 u. ö.). Durch Zusammenfügung der beiden Begriffe „Zeichen und Wunder“ wird auf Gottes Handeln in der Geschichte hingewiesen (Dtn 4,34; 6,22; 7,19; 26,8; 29,2 u. ö.). Mit den verschiedenen Ausdrücken „wird das Unbegreifliche, was den Menschen in Erstaunen versetzt“, angezeigt.2

Im neutestamentlichen Sprachgebrauch werden wie im Alten Testament verschiedene Begriffe verwendet, um wunderhaftes Geschehen zu benennen3: „Heilungen“ (Mk 1,29ff.); „Macht über Wind und Meer“ (Mk 4,35–41); „Metamorphosen“ (Mk 9,2f. Par.); „wirksame Verfluchungen“ (Mk 11,14 Par.). In den Vordergrund treten die Begriffe „Wunder und Zeichen“, „Wundergeschehen“ (πράγματα pragmata) und „Zeichen“ (σημεῖα sēmeia), Ereignisse, auf die hingewiesen wird, sind dadurch als Geschehnisse charakterisiert, die den Rahmen üblicher Erfahrungen sprengen und betroffene Aufnahme auslösen.

Unter einem Wunder wird mithin ein Handeln Gottes verstanden, das nicht aus der Lebenswelt der betroffenen Menschen hergeleitet werden kann, sondern sich „contra naturam“ ereignet hat. Dabei will beachtet sein, dass der antike Mensch nicht von Naturgesetzen hätte reden können, denen alles Geschehen in der Welt unterworfen sei. Der Begriff „Wunder“, dem eine Vielzahl griechischer Wörter zugehört, ist daher in möglichst weit gefasster Bedeutung zu verstehen, in der „die Grenzen normaler Lebenswelt überschritten werden“4. Das Ereignis eines Wunders ist aus dem Lauf alltäglicher Erfahrungen herausgehoben, indem es sie deutlich übersteigt. Wunder können daher „von Gott oder mit Gottes Kraft gewirkte, menschliche Möglichkeiten übersteigende Geschehnisse“ genannt werden.5

Der Übergang von der alltäglichen Lebenswelt zum Bereich vom Jenseits geleiteten Geschehens kann fließend sein, ohne dass der antike Mensch genau zu sagen wüsste, wo das eine endet und das andere beginnt. Grundsätzlich ist jedoch nicht strittig, dass es wunderhafte Begebenheiten geben könne.6 Mit Worten erschrockenen Entsetzens wird bezeugt: „So etwas haben wir noch nie gesehen.“ (Mk 2,12 Par.; vgl. auch Mt 9,33: „So etwas ist noch nie in Israel gesehen worden.“)

1.2 Wird mit diesen Worten der außerordentliche Rang hervorgehoben, der den Wundertaten eignet, so stellen auch Jesu Wundertaten Ereignisse dar, wie sie die alte Welt in manchen vergleichbaren Erscheinungen kannte. In den Büchern des Alten Testaments finden sich mancherlei Erzählungen von außerordentlichen Ereignissen, durch die der Gott Israels sein Volk zur Umkehr rufen wollte. In besonderer Häufung ist im Zusammenhang der Berichte über die Propheten Elia und Elisa von Eingriffen Gottes in das irdische Geschehen die Rede.

Der Zusammenhang der Elia/Elisa-Geschichten wird mit der Erzählung von der Witwe von Sarepta und Elias Einkehr in ihr Haus eröffnet. Der Verlauf dieser Begegnung hebt an mit dem Gotteswort: „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.“ (1Kön 17,14) Auf Bitten des Propheten bereitet die Frau aus den letzten Speiseresten, die sie in dieser Zeit allgemeinen Hungers noch hatte, für ihn ein erquickendes Mahl. Da bewahrheitete sich die Gotteszusage: „Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er durch den Propheten geredet hatte.“ (V. 16)

Wenig später – so heißt es weiter – wurde der Witwe ihr Sohn genommen, so dass sie sich klagend an den Gottesmann mit der Nachricht wendet, die Erkrankung ihres Sohnes sei so schwer gewesen, dass kein Odem mehr in ihm blieb. (V. 17) Elia trug daraufhin den toten Sohn ins Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett. Dann rief er den Herrn an und sprach: „Herr, mein Gott, tust du sogar der Witwe, bei der ich ein Gast bin, so Böses an, dass du ihren Sohn tötest?“ (V. 20) Dann legte sich der Prophet dreimal auf das Kind, rief den Herrn an und sprach: „Herr, mein Gott, lass sein Leben in das Kind zurückkehren.“ (V. 21) Da wurde das Gebet des Elia erhört, und das Kind wurde wieder lebendig. (V. 23) Die tief beeindruckte Mutter sprach daraufhin zum Propheten: „Nun erkenne ich, dass du ein Mann Gottes bist, und des Herrn Wort in deinem Munde ist Wahrheit.“ (V. 24)

Vor aller Öffentlichkeit konnte Elia die Hoheit des Gottes Israels demonstrieren, indem er am Berg Karmel ein Gottesurteil über die Propheten des Baal herabrief. Auf sein Gebet hin fiel Feuer vom Himmel und fraß „Brandopfer, Holz und Steine und Erde und leckte das Wasser auf im Graben.“ (1Kön 18,38) Nach diesem Triumph über die falschen Propheten musste Elia vor dem Zorn des Königs Ahab fliehen und am Berg Horeb Schutz suchen. Dort widerfuhr ihm ein Gotteszeichen, indem ein stilles, sanftes Sausen vom Himmel herabkam und dem Propheten die Zusage gegeben wurde: „Ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.“ (1Kön 19,18)

Das Werk des Elia wurde dann durch den prophetischen Nachfolger fortgeführt. Als Schüler seines Lehrers wurde er berufen, ehe dieser in feurigem Wagen gen Himmel fuhr. (2Kön 2,11–14) Wie der Prophet Elia wunderbare Erlebnisse gehabt hatte, so erging es auch dem Elisa. Mit dem Mantel des Vorgängers schlug er in ein Wasser. Da zerteilte es sich nach beiden Seiten, so dass Elisa hindurchgehen konnte. (V. 14)

Dem Vorbild des Meisters folgend, vermochte Elisa einer trauernden Mutter ihr totes Kind wieder zum Leben zu erwecken. (2Kön 4,8–37) Als er dann einer Hungersnot in Gilgal begegnete, konnte er schädliche Speise gesund machen und eine große Schar von Menschen mit zwanzig Broten speisen. (2Kön 4,38–44) In diesem Kranz von wunderbaren Geschehnissen finden sich wiederholt Anklänge an die Exodustradition des Volkes Israel: Zerteilung einer Wasserfläche, so dass man trockenen Fußes mitten hindurchgehen konnte – wunderbare Speisung und gnädige Bewahrung des Volkes.

In den prophetischen Überlieferungen des Alten Testaments wird auf der einen Seite von der Botschaft, die der Prophet auszurichten hatte, Bericht gegeben, auf der anderen Seite aber auch erzählt, welches Geschick den Propheten seiner Verkündigung wegen traf. Im Buch des Propheten Jeremia wird zunächst dargestellt, wie der Gottesbote die ihm aufgetragene Botschaft über das ungehorsame Volk ausrichtete. (Jer 6) Später folgt dann ein zweiter Bericht, der von der Klage des Jeremia gegenüber seinem Gott handelt, nachdem er schwere Misshandlung hatte erdulden müssen. (Jer 19,14–20,18) Am Ende aber lässt sich Jeremia trösten durch gnädigen Zuspruch seines Gottes, so dass die Erzählung in eine Aufforderung zu Lob und Preis des Herrn mündet. (V. 13)

1.3 Im nachbiblischen Judentum fügte man eine große Vielzahl an Wundergeschichten der alttestamentlichen Überlieferung hinzu. Hier ist nicht der Ort, in kritische Überlegungen über die Frage einzutreten, wieweit diesen Erzählungen ein historischer Kern innewohnen mag und wo die Legende die ihr eigene Sprache spricht. Die Breite einer großen Vielfalt von Wundergeschichten, von denen im antiken Judentum erzählt wurde, zeigt jedoch in großer Anschaulichkeit, wie frommen Menschen immer wieder staunenerregende Begebenheiten widerfuhren, die sie als von Gott gewirkt verstanden, ohne weiter nachzufragen und zweifelnde Überlegungen anzustellen.7

Einige Beispiele seien zur Veranschaulichung kurz genannt. Dabei fällt auf, dass respektvolle Beachtung von wunderhaften Geschehnissen und Taten göttlicher Widerfahrnisse ebenso im antiken Judentum wie auch in der spätantiken hellenistischen Welt weit verbreitet waren. Erlebte Geschehnisse wunderhaften Charakters ordnete man jeweils in den weiten Bereich außerordentlicher Begebenheiten vor dem Hintergrund überkommener großartiger Geschehnisse ein. In der gesamten Spätantike war nicht strittig, dass man dessen gewärtig zu sein hatte, Zeuge staunenswerter Wundertaten werden zu können. Solche Ereignisse, die man nicht zu erklären wusste, führte man auf göttliche Sendung zurück.8

In jüdischen Wundergeschichten, deren Ursprung und Überlieferung der Zeit der Evangelien nahesteht, wird wiederholt erzählt, wie das Gebet eines frommen Gelehrten langer Zeit der Trockenheit ein Ende zu bereiten und Regen herbeizuholen wusste.9 Naturwundern sind Dämonenaustreibungen sind wunderbare Heilungen kranker Menschen an die Seite zu stellen. Über Heilungen von schwerem Leiden belasteter Menschen gehen Totenerweckungen noch hinaus. Blinde können wieder sehend gemacht werden, und stürmisches Unwetter kann durch nachdrücklichen Befehl oder vertrauendes Gebet zur Ruhe gebracht werden. Welchen Rang im Einzelnen einer Wunderbegebenheit beizumessen ist, hängt nach jüdischem Urteil jeweils von der Stimmigkeit im Verhältnis zur Tora ab. Ihr gebührt der höchste Rang zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit. Deshalb haben die Rabbinen sich auch nicht durch blendenden Schein beeindrucken lassen, sondern alle Erfahrungen dem kritischen Vergleich mit der Tora unterworfen.10 Wundertaten können daher nach jüdischem Verständnis „niemals Erkennungszeichen einer höheren Prophetie sein“.11

1.4 Solche Begrenzung gibt es in der hellenistischen Umwelt nicht, sondern man sieht sich betroffen durch eine große Vielfalt wunderhafter Geschehnisse und Eindrücke.12 Um Jahrhunderte älter als urchristliche Wundergeschichten sind Berichte, Votivtafeln und Inschriften, die in Epidaurus auf wunderbare Heilungen hinweisen, die der Heilgott gewirkt hat.13 Dabei wird auch ärztliche Kunst dankbar gepriesen. Durfte man doch annehmen, dass göttliche Kräfte auch durch Handeln der Ärzte wirken. Ihrer Hilfe wusste man sich zur Abwehr von Leiden und Krankheiten zu bedienen. Wo jedoch Ärzte keine Hilfe zu geben vermochten, da konnte nach allgemeiner Überzeugung die Anrufung der Gottheit gleichwohl Hilfe gewähren.14

Inschriften und aufgezeichnete Berichte rückten glückliche Erhörung der an Asklepios gerichteten Gebete in den Vordergrund der Aufmerksamkeit. Doch nicht nur als Helfer gegen Krankheiten und Leiden wurde die Gottheit angerufen, sondern auch um Errettung aus mancherlei Notlagen gebeten. Wunderbare Hilfe wurde dann in mancherlei überraschenden Geschehnissen erfahren. Dämonen, die sich kranker Menschen bemächtigt hatten, wurden ausgetrieben. Zauberkräftige Formeln und Sprüche konnten Macht über die bösen Geister gewinnen. Und selbst von Totenerweckungen wusste man in der hellenistischen Welt zu erzählen.15

Auch Naturwunder gehörten zum breiten Strom der Überlieferung. So wusste man zu rühmen, dass ein in Seenot geratenes Schiff heil durch die Wellen infolge laut gerufener Gebete an sein Ziel gelangte.16 Sahen sich Wanderer oder Pilger Gefahren einer Hungersnot ausgesetzt, so konnte demütiges Gebet wunderbare Speisung heraufführen. So wusste man sich bei vielen Gelegenheiten und an manchen Orten von überirdischer Hilfe getragen und gerettet.17 Wunder widerfuhren antiken Menschen sowohl durch überraschende Hilfe wie auch als Folge zauberhafter und magischer Handlungen. Kranken und leidenden Menschen konnte Wiederherstellung ihrer Gesundheit zuteil werden.18 Menschen der alten Welt, die ihr Lebensgeschick nicht nach Maßstäben moderner Naturwissenschaft beurteilten, konnten auch in schlimmen Widerfahrnissen darauf hoffen, dass göttliches Eingreifen und überirdische Hilfe ihnen Genesung und Rettung schenken könnten.

1.5 Die hier in Kürze aufgeführten Beispiele antiker Wundergeschichten können andeutend beschreiben, in wie hohem Maß man sich von Erwartungen wunderbarer Hilfe geleitet wusste. In diese Welt trat Jesus in seinem öffentlichen Wirken ein. In den Berichten über seine Wundertaten finden sich viele Züge, die durchaus vergleichbaren antiken Begebenheiten ähnlich sind. Jesus ist an Betten kranker Menschen getreten und hat ein Machtwort gesprochen, das bewirkt, dass sie sich als genesen erheben und geheilt ihres Weges ziehen. Blinde rufen ihn an, wenn er ihnen nahe kommt. Durch ein Machtwort oder durch Berührung mit seiner heilenden Hand fällt es wie Schuppen von ihren Augen, so dass sie plötzlich sehen können. Umstehende Zeugen werden von verwundertem Staunen ergriffen und tragen die Kunde von Jesu Heilandswirken in die nahe Umgebung, so dass sich betroffene Ergriffenheit eines größeren Kreises von tief beeindruckten Menschen bemächtigt.19

Nicht nur gegen Krankheiten und dämonische Besessenheit weiß Jesus machtvoll einzugreifen, sondern auch gegenüber der Natur tritt er – nach den Berichten der Evangelien – auf. Als das Schiff, in dem er sich mit seinen Jüngern befindet, durch einen plötzlich aufkommenden Sturm in Not geriet, kann er durch sein kraftvolles Befehlswort den Sturm bannen und die Wasser beruhigen, so dass das Boot wohlbehalten ans Ufer gelangt. (Mk 4,35–41 Par.)

Dem Interpreten dieser Erzählungen ist die Aufgabe gestellt, die Berichte über Jesu Wundertaten vergleichbaren antiken Geschichten gegenüberzustellen. Durch sorgfältige Exegese ist dann herauszuarbeiten, wo und wie die Wunder bewirkenden Züge hier wie dort einander ähnlich sind. Wie weit jedoch in den Berichten der Evangelien historische Ereignisse zugrunde liegen oder aber in der Freude am Erzählen andere Geschichten Gestalt gewonnen haben, ist in der Untersuchung der einzelnen Berichte zu klären. Dabei ist freilich wahrzunehmen, dass in der mündlichen Überlieferung „die Tendenz“ zu beobachten ist, die Wunder zu steigern.20 Dieser weite Spannungsbogen will daraufhin geprüft werden, wie der Überlieferungsprozess von der frühesten Fassung einer einzelnen Begebenheit bis zum Endstadium in der uns vorliegenden Fassung der Evangelisten verlaufen ist. Das aber heißt: von legendär überformter Fassung zurück zum historischen Anfang.21

Dabei will beachtet sein, wo und wie Abgrenzungen gegenüber Missbrauch oder trügerischer Zauberei vorgenommen werden. Die neutestamentlichen Zeugen sind sich durchaus dessen bewusst, dass auch der Satan und seine Knechte Wunder verrichten können, um dadurch Menschen zu verführen. Von solchem Handeln sind die Wundertaten Jesu scharf abgehoben. Auch lehnt er jedes Ansinnen entschieden ab, durch Wundertaten diese oder jene Legitimation für seine Stellung und sein Handeln vorzunehmen.22

Dieser Ausrichtung des Handelns Jesu entspricht der Sachverhalt, dass sich in der neutestamentlichen Überlieferung keine sog. Strafwunder befinden. In der Umwelt des Neuen Testaments kennt man durchaus solche Wundertaten, die aus verschiedenen Anlässen Menschen wegen ihres Verhaltens als Strafe treffen. Jesu Wundertaten sind dagegen stets durch helfende Zuwendung charakterisiert.

Als gewisse Ausnahme von diesem Befund könnte man die Geschichte von der Verfluchung des unfruchtbaren Feigenbaumes ansehen. (Mk 11,12–14 par. Mt 21,18f.) Doch der richterliche Spruch ist nicht gegen Menschen, sondern zeichenhaft gegen einen Baum gerichtet. Daher kann diese Geschichte hier außer Betracht bleiben.23

Anmerkungen

1     Vgl. H.-J. Fabry, RGG4 VIII, 1717.

2     Vgl. Fabry, ebd., 1718.

3     Vgl. S. Alkier, RGG4 VIII, 1719. Vgl. auch C. F. D. Moule (Hg.), Miracles, London 1965, 235–243 und X. Léon-Dufour, Les miracles des Jésus, Paris 1977, 24–27.

4     Vgl. G. Theißen, Wundergeschichten, 1974 (61990), 281.

5     Vgl. S. Alkier, Wunder und Wirklichkeit in den Briefen des Apostels Paulus – Ein Beitrag zu einem Wunderverständnis jenseits von Entmythologisierung und Rehistorisierung, WUNT I, 134, Tübingen 2001, 306.

6     Vgl. H. Weder, Wunder Jesu und Wundergeschichten, in: VuF 29 (1984), 25–49.29: „Wer ein historisches Urteil über die Wunder Jesu fällen will, muss die Bereitschaft haben, ein differenziertes Ergebnis entgegenzunehmen.“ H. Jonas gibt zu bedenken: „Bei den Wundern ist zu unterscheiden zwischen solchen, die der Natur zuwiderlaufen, und solchen, die nur außerordentliche Ereignisse darstellen, bei denen das Wunderbare nicht so sehr in ihnen selbst als in ihrem gerade Dann und Da liegen, d. h. in ihrem Zusammentreffen mit einer menschlich bedeutsamen, aufs äußerste zugespitzten Situation. Nur die ersteren sind streng unmöglich, und dazu gehören natürlich jene erwähnten, die ein ganzes abgetanes Weltbild involvieren und in dem berichtigten einfach ihren Sinn verlieren.“ Vgl. H. Jonas, Im Kampf um die Möglichkeit des Glaubens, in: O. Kaiser (Hg.), Gedenken an Rudolf Bultmann, Tübingen 1977, 41–70.55.

7     Vgl. die Zusammenstellungen von Überlieferungen, die zum Vergleich mit neutestamentlichen Texten Beachtung verdienen: P. Fiebig, Jüdische Wundergeschichten des neutestamentlichen Zeitalters, Tübingen 1911 und R. Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition, FRLANT 29, Göttingen 21931 (71967), 247–253; A. Oepke, ThWB III, 205–215.

8     Zu Wundergeschichten aus dem spätantiken Judentum vgl. Fiebig, a. a. O.

9     Genauere Vergleiche im Folgenden im Zusammenhang der einzelnen Perikopen.

10    Vgl. B. Gerhardsson, Memory and Manuscript / Oral Tradition in Rabbinic Judaism and Early Christianity, ASNU XXII, Uppsala 1961, 202f.213; P. Schäfer, Die Torah in der messianischen Zeit, ZNW 65 (1974), 27–42; K. Hruby, Perspectives Rabbiniques sur le Miracle, in: X. Léon-Dufour (Hg.), Les Miracles de Jésus, Paris 1977, 73–94; H. Weder, a. a. O. (s. Anm. 6), 29.

11    Vgl. Weder, ebd., 34.

12    Vgl. O. Weinreich, Antike Heilungswunder, RVV 1, Gießen 1909; Bultmann, Synopt. Tradition (s. Anm. 7), 227–253; A. Oepke, a. a. O. (s. Anm. 7), 205–315; M. Dibelius, Formgeschichte des Evangeliums, Tübingen 31953 (= 51966), 149–172.

13    Zahlreiche Beispiele bei Bultmann und Oepke, a. a. O.

14    Belege bei Oepke, a. a. O., 205.

15    Vgl. Bultmann, a. a. O., 248f.

16    Vgl. Bultmann, a. a. O., 249f.

17    Eine Sammlung einschlägiger Beispiele im Urtext bietet G. Delling, Antike Wundertexte, KIT 79, Berlin 21960. Vgl. auch G. Delling, Zur Beurteilung des Wunders durch die Antike. Studien zum Neuen Testament und zum hellenistischen Judentum, Berlin/Göttingen 1970, 53–71; Wunder – Allegorie – Mythus bei Philon von Alexandrien, ebd., 72–129; Josephus und das Wunderbare, ebd., 130–145; Das Verständnis des Wunders im Neuen Testament, ebd., 53.

18    Vgl. Delling, a. a. O., 53.

19    Vgl. R. Bultmann, Jesus, Tübingen 1951, 145–151; J. Jeremias, NT Theologie I, 1971 (31979), 90–96.

20    Vgl. Jeremias, a. a. O., 90.

21    Zu dieser Aufgabe vgl. J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, Zürich 1947, Göttingen 111998.

22    Vgl. Bultmann, a. a. O., 273–275.

23    Vgl. Bultmann, ebd., 232f.246.

2          Bezeichnungen und Erzählformen von Wundertaten Jesu

2.1 Wie im Alten gibt es auch im Neuen Testament keinen einheitlichen Begriff, um Wundertaten zu benennen (s. o. S. 11). In den Evangelien wie auch in den übrigen urchristlichen Schriften finden sich etliche Wörter, die auf ein Wundergeschehen hinweisen.1 Vielfach werden Wundertaten „Zeichen“ genannt, Ereignisse, die auf die besondere Botschaft aufmerksam machen wollen, auf die es ankommt (σημεῖα sēmeia Mk 8,11f.; Mt 12,38; 16,1; Lk 11,29f. u. ö.).2 Wie im Alten Testament findet sich auch im Neuen die Wendung σημεῖα καὶ τέρατα sēmeia kai terata, die umfassend auf „Zeichen und Wunder“ hindeutet (Mk 13,22; Mt 24,24).3 Andere Bezeichnungen sind „Krafttaten“ (δυνάμεις dynameis Mk 6,2; Mt 11,20f. u. ö.) oder „Werk“ (ἔργον ergon Mt 11,2). Durch die Verwendung verschiedener Begriffe wird darauf aufmerksam gemacht, dass Jesu Wundertaten ihren Ort in unterschiedlichen Zusammenhängen haben, deren Bedeutung aus dem jeweiligen Kontext zu erheben ist. Was immer Jesus verkündigt oder ins Werk setzt, stets geht es darum, von Gottes Barmherzigkeit Zeugnis zu geben. Der gnädige Gott gibt sich durch eine Vielfalt von Taten und Werken zu erkennen, durch die Jesus auf den einen Gott hinweist, der ihn gesandt hat. Zeichen und Wunder brechen in diese Welt ein und deuten über sich hinaus darauf hin, dass Gottes Herrschaft nahe herbeigekommen ist und durch Jesu Wirksamkeit Zeichen aufleuchten lässt, die unübersehbar und unüberhörbar die Hörer dieser Botschaft zu Umkehr und Glauben herausfordern.

2.2 Der Vielfalt von Begriffen, mit denen auf Wundertaten aufmerksam gemacht wird, entspricht die umfassende, durch Jesu Wirksamkeit ausgelöste Weite und Tiefe der in den Wundern und Zeichen angezeigten Erneuerung. Von den einzelnen Wundertaten kann kurz und knapp in nur wenigen Worten berichtet werden: so zur Heilung der erkrankten Schwiegermutter des Petrus (Mk 1,29–31 Par.). Es kann aber auch ausführlich erzählt werden, was sich zugetragen hat: so die Befreiung eines Besessenen von den bösen Geistern, die ihn gefangen hielten (Mk 5,1–20 Par.). Je nachdem, ob in kurzem Bericht oder in weit ausholender Erzählung von Wundertaten Jesu Nachricht gegeben wird, fällt dann auch die Reaktion der Zeugen aus: als kurzer Ruf erstaunter Verwunderung oder als ausführliche Darstellung, die nicht nur betroffenes Erstaunen, sondern auch ein schmunzelndes Lächeln hervorrufen mag.

Die unterschiedlich gestalteten Berichte lassen sich nicht einer einheitlichen Gestalt von Wundergeschichten einordnen, sondern stellen eine bunte Vielfalt von Erzählformen dar. In seiner grundlegenden Studie über „Die Formgeschichte des Evangeliums“4 hat M. Dibelius in das bunte Gewirr Ordnung bringen wollen, indem er die Geschichten jeweils unterschiedlichen Gattungen zuordnete. Kürzer gefasste Erzählungen wurden von ihm als Paradigmen bezeichnet.5 Die kurz gehaltenen Stücke haben beispielhafte Bedeutung und werden daher oft mit einem abschließenden Satz charakterisiert, der die Summe des Erzählten anzeigen soll, so z. B. in kurzen Schlussworten wie Mk 2,28 Par.: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat“ oder Mk 3,6 Par.: „Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn mit den Anhängern des Herodes, wie sie ihn umbrächten.“

Im Leben der frühen Christenheit dienen Erzählungen von Jesu Wundertaten als aussagekräftige Beispiele der Christusverkündigung.6 Dem Paradigma wird dann die Novelle gegenübergestellt, die dem Erzähler und dem Lehrer größeren Raum anbietet.7 In weit ausholender Darstellung treten Worte Jesu zurück und wird in betonter Weise von Jesus als Thaumaturgen gehandelt.8 Des öfteren werden „Heilungs- und Erweckungswunder mit Hilfe einer wundertätigen Formel vollzogen“9. Im Unterschied zu den Paradigmen lassen die Novellen ein deutliches Interesse erkennen, das ein Erzähler am Vorgang des Wunders zeigt. (Vgl. z. B. Mk 5,21–43 Par.) Am Schluss solcher Geschichten wird dann der Erfolg der vollzogenen Tat festgestellt.10 So wird das Mädchen, das zum Leben wiedererweckt wurde, aufgefordert zu essen, damit alle Leute sehen können, was sich zugetragen hat. Stärker als die Paradigmen bedienen sich die Novellen gebräuchlicher Wendungen, wie sie auch in der Umwelt des Neuen Testaments verwendet wurden. Mit den novellistischen Motiven dringt „ein Stück ‚Welt‘ in das christliche Leben ein; in der Verchristlichung dieses Stückes ‚Welt‘, die energischer durchgeführt wird als bei den Werken der späteren christlichen Unterhaltungsliteratur …, die diese novellistische Erzählweise noch heute auf den Leser ausübt“.11 In den sog. Novellen wird die Hoheit des Kyrios anhand seines überlegenen Handelns dargestellt, so dass in seinem Wirken die Herrschaft Christi im Gegensatz zu anderen sog. Heilsbringern deutlich hervorgehoben wird.12

Mit Hilfe der Unterscheidung von Paradigma und Novelle hat Dibelius zu den Wundergeschichten, die er diesen beiden Gattungen zuordnet, einzelne charakteristische Züge und Unterschiede durchaus treffend beobachtet. Doch weder lassen sich alle Wundergeschichten einer dieser beiden Gattungen zuordnen, noch können weitere hinzugenommene Formen der Erzählung den gesamten Stoff aufnehmen. Daher erscheint es aussichtsreicher, nicht nach vorgegebenen Gattungen, sondern nach der jeweils angesprochenen inhaltlichen Thematik die breite Überlieferung einzuteilen.

R. Bultmann hat in seiner „Geschichte der synoptischen Tradition“ die einzelnen Erzählungen jeweils den Heilungsgeschichten oder den Naturwundern zugeordnet.13 Auf eine weitere Feingliederung hat er jedoch verzichtet. Dabei wird auch geprüft, ob ein historisch fassbares Ereignis zugrunde liegt oder wo und wie Motive aus der Umwelt in die Jesusüberlieferung aufgenommen wurden.

2.3 Heilungsgeschichten nehmen in der synoptischen Tradition breiten Raum ein und zeichnen sich sowohl durch Aufnahme von Motiven aus der Umwelt der Spätantike wie auch durch Hinweise auf überkommene urchristliche Vorgaben aus. Daher empfiehlt es sich, den von Bultmann vorgezeichneten Weg weiter zu verfolgen und die breite Überlieferung von Heilungsgeschichten nach folgenden Themen zu ordnen: Krankenheilungen – Dämonenaustreibungen – Blindenheilungen – Totenerweckungen – und am Ende Naturwunder.14

Bei der Durchmusterung der vielen Wundergeschichten lässt sich beobachten, dass die einzelnen Erzählungen vielfach einem bestimmten Aufriss folgen, der der Bedeutung und Größe des erfahrenen Wunders gerecht werden will.15 Je schlichter von einer Wundertat Jesu Bericht gegeben wird, um so näher steht sie dem historischen Überlieferungskern.

Ehe es zur Begegnung mit dem helfenden Retter kommt, weisen die Erzählungen häufig darauf hin, dass ein leidender Mensch längere Zeit unter der Last von Krankheit oder Besessenheit gelitten hat. Wie dieses Leiden ihn bedrückt hat, wird vielfach durch Schreien der bösen Geister, die über ihn Herr geworden sind, zum Ausdruck gebracht. Da weder Kunst von Ärzten noch helfende Versuche anderer haben Abhilfe schaffen können, richtet sich alle Hoffnung auf das Eingreifen des Heilbringers. Die Dämonen begreifen sogleich, dass ein mächtiger Helfer auf den Plan getreten ist, und suchen ihn zurückzuweisen, indem sie abwehrende Schreie ausstoßen. Damit ist das Leiden des erkrankten Menschen auf seinen Höhepunkt gekommen.16

Gegenüber der Hoheit des Helfers vermag kein Gegner standzuhalten oder ihn abzuwehren. Wo der Heiland auftritt, da bestimmt er alles weitere Geschehen. Die Dämonen vermag er niederzuhalten, indem er ihnen mit kraftvollem Wort gebietet zu schweigen. Dann wendet er sich dem Kranken zu, um genauer zu erfahren, was sein Leiden ausmacht, und an ihn die Frage zu richten, ob er in ungeteiltem Vertrauen dem Helfer und Retter gegenübersteht. Hat er diese Frage bejaht und voller Hoffnung seinen Blick auf den rettenden Helfer gerichtet, dann greift dieser mit hoheitsvollem Befehlswort oder auch durch Auflegung der Hände ein und spendet dem Hilfe suchenden Menschen Befreiung und Kraft zu Genesung und neuem Leben.

Die Größe des Geschehens, dessen Zeugen die umstehenden Leute geworden sind, wird am Ende vor aller Augen bestätigt und bezeugt, indem der geheilte Mensch sich seiner Glieder vollauf zu bedienen weiß. Die bösen Geister aber sind verschwunden und haben vor der heilenden Kraft des Retters kapitulieren müssen. Die Zeugen, die dieses Geschehen haben beobachten können, rufen voller Erstaunen, so etwas noch nie erlebt zu haben.17 Am Ende wird des öfteren Weisung gegeben, über dieses Ereignis Schweigen zu bewahren, damit es nicht zu falschen Propagandazwecken missbraucht wird.18

Kritische Untersuchung vieler Wunderberichte führt zu dem Ergebnis, dass es zwar einzelne vielfach verwendete Ausdrucksmittel gegeben hat, nicht aber eine fest vorgegebene erzählerische Gattung.19 Vielmehr liegt eine breite, bunte Vielfalt von Berichten und Erzählungen vor. Schon gar nicht lassen sich sog. Naturwunder in einen einheitlichen Rahmen einspannen, der Erzählungen von Heilungswundern vergleichbar wäre.

2.4 Waren der urchristlichen Verkündigung sowohl Wunder-Überlieferungen jüdischer Texte wie auch aus hellenistischen Erzählungen vorgegeben, so konnte die frühe Christenheit sich je nach gegebener Situation in der Umwelt geprägter Formen und Darstellungsmittel