Für alle Stevies –
und alle Seelenklempner, die ihnen zur Seite stehen.

Die Kunst, was zu verlier’n, ist gar nicht schwer,
erscheint es uns auch (schreib’s hin!) als Malheur.

ELIZABETH BISHOP

Buchinfo

Stevie hat nichts mehr zu verlieren. Sie ist fest entschlossen, aus diesem Körper, aus diesem Leben zu verschwinden. Aber alle wollen sie daran hindern. Ihr Vater, der sie ins Therapiezentrum einweisen ließ. Anna, die so ganz anders ist als die anderen Seelenklempner. Und selbst den Mädchen, mit denen sie ein Zimmer und ein Schicksal teilt, fühlt sich Stevie jeden Tag näher. Aber sie wird sich nicht öffnen, sie hat schließlich einen Plan.

Ehrlich bis zur Schmerzgrenze, mitfühlend und hoffnungsvoll erzählt

Autorenvita

© Carolyn Roberts

Meg Haston lebt in Jacksonville, Florida. Hier schreibt sie und arbeitet als Beratungslehrerin an einer Privatschule. Als sie sich wegen einer Essstörung in Therapie begab, begann sie sich selbst und die anderen mit den Augen der Schriftstellerin zu betrachten. Daraus wurde »Alles so leicht«.

ERSTER TAG

Freitag, 4. Juli, 13.34 Uhr

Noch siebenundzwanzig Tage bis zur Freiheit, und ich bin gefangen in einem Blechkasten mit grau bezogenen Sitzen und dem künstlichen Piña-colada-Gestank eines Wunderbaums, der am Rückspiegel baumelt.

Josh – Verzeihung! Joshua – würde mich vermutlich ein hysterisches Huhn nennen. Manchmal stelle ich mir vor, wie er solche Dinge sagt. Es ist nicht so, dass ich seine Stimme höre oder er mir im Traum erscheint oder irgend so ein Quatsch. Aber wenn ich ganz still bin, kann ich beinahe – nur beinahe – die Worte verstehen. Je näher der Jahrestag rückt, desto mehr strenge ich mich an. Ich tue so, als würde er neben mir auf dem verfaulten Holzbalkon stehen, vor Sonnenaufgang, wenn mein flacher, rasselnder Atem das einzige Geräusch auf der Welt ist. Ich beschwöre ihn mitten in der Nacht herauf, und dann sitzt er an meinem Bett, in dem ich berauscht und krank vor Eden und Alkohol liege. Ich bilde mir ein, er würde mir mit kreisenden Bewegungen sanft den Rücken massieren und mir diese lieblichen französischen Schlaflieder ins Ohr flüstern, die unsere Mutter uns immer vorgesungen hat. Dann fühle ich fast die Wärme seiner Hand.

Ich wünschte, er wäre jetzt hier, um mich zu beruhigen. Ich sitze in der Falle – auf dem Beifahrersitz eines weißen Minivans neben einer fremden Frau mit Haaren wie ingwerfarbene Zuckerwatte. Sie erzählt mir gerade von der fantastischen Leistung ihrer Enkelin als Velma Kelly in der Schulaufführung des Musicals Chicago. Als ob wir alte Freunde wären, als ob sie denkt, ich hätte nicht gemerkt, dass sie die Kindersicherung eingeschaltet hat, als wir vom Flughafen losfuhren.

In alten Filmen kommen immer Männer in Weiß und karren die Verrückten in die Irrenanstalt. Ich kriege eine Frau in einem weißen Minivan.

»… so eine lebendige Darstellung.« Die Zuckerwatte ist nicht zu bremsen. Ihre schimmernden, pinkfarbenen Nagelverlängerungen tippen auf das Lenkrad, die Hände liegen exakt auf der Viertel-vor-drei-Position. »Sie ist tatsächlich in die Rolle hineingeschlüpft. Bill – das ist mein Mann – hat alles auf dem Camcorder aufgenommen.«

Ich schaue aus dem Fenster auf das endlose Band eines zweispurigen Highways. Die flache Wüste New Mexicos sieht aus wie eine Kinderzeichnung: ein wächsern blauer Himmel über der gezackten, roten Erde; Kakteen, die so schief stehen, als ob jemand sie einfach achtlos in den Boden gesteckt hätte. Ich kann sogar die kräuselnden Hitzewellen sehen, wie damals, als Josh und unser Dad hinter dem Haus in der Broad Street gegrillt haben. Aber wenn ich blinzele, verschwinden sie.

»Sie ist die Einzige in unserer Familie mit einer künstlerischen Ader.« Die Zuckerwatte lacht und schüttelt den Kopf. Ihr Haar sitzt fest wie eine Haube.

Der Minivan biegt auf eine lange, schmale Landstraße ein. Rechts liegt ein Feld, seit Stunden das erste Grün, das ich zu sehen bekomme. Hinter dem Grün ist ein staubiger Reitplatz, an dessen Zaun ein paar Pferde gebunden sind. Mehrere quadratische, weiß verputzte Gebäude mit flachen Dächern verteilen sich über das Gelände. Sie sind alt und stehen in unregelmäßigen Abständen, wie Würfel, die man auf den sandigen Boden geworfen und dort liegen gelassen hat.

»Wir melden dich erst einmal in der Villa an, und dann bringe ich deine Sachen in deinen Bungalow«, sagt die Zuckerwatte.

Villa? Bungalow? Aus ihrem Mund klingt das Ganze wie ein All-inclusive-Hotel. Beinahe hätte ich den Begrüßungscocktail verlangt. Der Rausch von gestern Abend verfliegt allmählich.

Der Bluterguss über meiner linken Augenbraue pocht, und ich betrachte mein Spiegelbild im Fenster. Die Schwellung hat sich zu einer rötlichen Beule ausgewachsen, die wie die Kontur von Italien aussieht, um neunzig Grad gedreht. Ich hätte mir die Haare darübergestrichen, wenn ich noch Haare hätte, die der Erwähnung wert gewesen wären. Aber letzte Woche hatte ich sie satt – an einigen Stellen waren sie wellig, an anderen glatt, als ob sie sich nicht entscheiden könnten. Also habe ich Eden dazu gebracht, sie mir ganz dicht am Kopf abzuschneiden. Jetzt kleben mir unregelmäßige Stoppelflächen am Schädel. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal geduscht habe.

Die Straße mündet in einer kreisrunden Auffahrt vor einem großen, ebenfalls weiß verputzten Gebäude. Es sieht aus wie die anderen, nur ausladender, mit einem geneigten Dach aus roten Ziegeln.

»Im Augenblick sind noch neunzehn weitere Mädchen bei uns, vier pro Bungalow. Du bist in Bungalow drei. Tolle Mädchen in Bungalow drei, ganz tolle Mädchen«, erklärt die Zuckerwatte zwitschernd. »Sie werden sich so freuen, dir alles zu zeigen.«

Oh, super, ich hoffe, es gibt auch Gruppenkuscheln.

»Und das hier ist die Villa.« Sie stellt den Minivan ab und dreht sich zu mir um. Sie ist eine bekehrte Ex-Raucherin, das sieht man an den bläulich weiß gefärbten Zähnen und den haarfeinen Linien, die sich von ihren gekräuselten Lippen nach außen ziehen wie ausgetrocknete Bachläufe.

»Ich freue mich sehr, dass du dich zu diesem Schritt entschlossen hast, Stephanie.« Einen Augenblick lang fürchte ich, dass sie meine Hände umfasst, vielleicht, um mit mir zu beten. Aber vermutlich steht mir ins Gesicht geschrieben, dass das keine gute Idee wäre, und so lässt sie es bleiben. »Wir alle freuen uns.«

»Stevie. Ich werde Stevie genannt.« Meine Stimme ist rau. Schwach, obwohl ich plötzlich stinksauer bin. Warum hat Dad ihnen nicht gesagt, wie ich genannt werden will? Stevie. Niemals Stephanie. Ich bin keine Stephanie.

»Stevie.« Sie klingt unsicher, vielleicht hat sie gerade das Antlitz meiner Mutter auf meinem linken Unterarm entdeckt. »Stevie«, versucht sie es noch einmal. »Willkommen zum ersten Tag deiner Heilung.«

Ein Klicken ertönt, und ich betätige den Hebel. Die Tür schwingt auf.

Ich setze meine grauen Flip-Flops in den roten Staub und blinzle ins Licht. Zwei Betontreppen führen hinauf zu einer hölzernen Eingangstür mit einem verspielten Griff aus Schmiedeeisen. Zwischen den Treppen steht ein gekachelter Springbrunnen, aus dem ein Rinnsal aus fauligem Wasser tröpfelt.

Der Anblick erinnert mich an eine von diesen dämlichen Renovierungsshows, die Josh nebenher laufen ließ, während er für sein Psychologiestudium lernte. So klug war er: mit siebzehn an der Uni und in der Lage, gleichzeitig fernzusehen und zu lesen.

»Also ehrlich, Josh«, sagte ich und setzte mich auf den schäbigen, senffarbenen Wohnzimmerteppich. Der Teppich roch nach Katzenpisse und Zigaretten. Nachdem unsere Mutter uns verlassen hatte, zogen wir in diese heruntergekommene Wohnung im Westen der Stadt. Kein Vergleich zu dem luftigen viktorianischen Haus in der Broad Street, in dem wir zu viert gelebt hatten. Josh und ich nannten unsere neue Wohnung Château Bruchbude. »Können wir nicht was anderes gucken?« Auf dem Couchtisch lag eine ungeöffnete Tüte mit Salt-&-Vinegar-Chips, etwas, das unsere Mutter uns nie erlaubt hätte.

»Solltest du nicht schreiben?«, gab Josh vom Sofa zurück, einer französischen Recamiere aus dem achtzehnten Jahrhundert. Wie der Rest unserer Möbel gehörte sie früher unserer Mutter. Sie passte überhaupt nicht zu den billigen Plastikrollos und den hässlichen Leuchtstoffröhren. »Oder dich wenigstens mit einer Schreibblockade in deinem Zimmer einschließen?«

»Ben sagt, dass es so etwas wie eine Schreibblockade nicht gibt. Nur ein verdrängtes Ich-will-das-auf-gar-keinen-Fall-machen-Gefühl.« Bennett Ashe war Schriftsteller und ein Freund unseres Vaters. Sie hatten sich kennengelernt, als mein Dad eine Schreibgruppe für Männer gründete und sie in der Zeitung annoncierte, bei der er als Journalist im Kunst- und Kulturressort arbeitete. Die Zusammenkünfte der Gruppe verliefen immer gleich: Donnerstagabends trafen sie sich in unserer Küche, tranken Bourbon und erzählten sich von ihren neuen Romanen, die nie Wirklichkeit wurden. Ben war der einzige echte Autor in der Gruppe, wenn man von den drei Manuskripten absah, die mein Dad wie Pornoheftchen ganz unten in seiner Schreibtischschublade versteckte.

»Wie läuft’s mit … ähm, dem Seminar?« Das war es nicht, was er fragen wollte. Oder worüber – über wen – er etwas wissen wollte. Aber es gab ein ungeschriebenes Gesetz zwischen uns beiden, und er hielt sich daran.

»Gut, denke ich.« Ben bot während des Sommers ein Literaturseminar für die Studierenden des Community College an, und er war bereit, mich teilnehmen zu lassen. Dad schwor Stein und Bein, dass es nur an meinem Talent lag und überhaupt nichts mit der Tatsache zu tun hatte, dass Ben praktisch zur Familie gehörte und mich armes mutterloses Kind bemitleidete. Aber klar doch.

»Ich könnte mir deinen Text anschauen, wenn du möchtest.«

»Er ist noch nicht fertig«, sagte ich schnell. »Vielleicht später.«

Ich streckte die Beine aus und presste meine Handflächen gegen den Teppich, fühlte, wie die kratzigen Fasern gegen den Druck ankämpften. Ich holte tief Luft, ganz langsam, und spannte gezielt meine Beinmuskeln an. Die Bein-Lifts müssen akkurat sein, sonst zählen sie nicht. Eins. Pause. Halten. Und ab. Zwei. Pause. Halten. Und ab.

Josh achtete nicht auf mich, sondern starrte auf das Haus im spanischen Stil, das im Fernsehen gezeigt wurde. Es stand in Miami, umringt von Palmen. Im Garten gab es sogar einen Pool. Das Hemd des Hausbesitzers war so weit aufgeknöpft, dass man seine haarige Brust sehen konnte.

»Schau dir den Springbrunnen vor dem Haus an. Hübsch, nicht?« Josh griff nach der Chipstüte und riss sie auf. Eine Wolke aus Salz und saurem Essig stieg daraus empor. Mein Magen verdrehte sich vor Schuldgefühl. Zu viel Salz, hätte sie gesagt. Zu viel Fett. Josh war das egal. Er tat so, als ob das alles keine Rolle spielen, als ob sie nie zurückkommen würde. »Los doch. Die magst du doch so gern.« Er kippte die Tüte in meine Richtung.

»Tue ich nicht«, stieß ich hervor. »Außerdem habe ich schon gegessen.« Ich wechsele das Bein. Schneller jetzt, doppeltes Tempo. Ich war sehr effizient, wie eine Maschine. Ich achtete darauf, durch den Mund zu atmen, damit nicht der leiseste Hauch von Fettgeruch in mich eindringen konnte. Ich war eine Festung. »Diese Show ist doch nur was für gelangweilte Hausfrauen, Josh. Ganz ehrlich.«

»Halt die Klappe.« Er warf die Fernbedienung nach mir und traf mich an der Schulter. Ich schnappte sie mir und schaltete auf A&E. »Außerdem heiße ich Joshua.« Seit er an der Uni angenommen worden war, bestand er darauf, mit seinem vollen Namen angesprochen zu werden. Vermutlich dachte er, dass dann die echten Studenten nicht merken würden, dass er erst siebzehn und außerdem noch Jungfrau war.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte ich schnaubend. »Diese Show ist für gelangweilte Hausfrauen, Joshua

Die Zuckerwatte öffnet die Haustür und bedeutet mir einzutreten. »Nach dir.«

Ein Schwall eisiger, klimatisierter Luft fährt mir unter die Kleidung und hinterlässt Millionen kleiner Erhebungen auf meiner Haut. Hier drinnen ist es kälter als im Flugzeug. Ich fühle, wie meine Körperfunktionen einen Gang höher schalten.

Gut so.

»Die Villa ist für dich so eine Art Hauptquartier. Hier nimmst du deine Mahlzeiten ein und verbringst die Zeit zwischen der Gruppentherapie und den anderen Aktivitäten. Die Bungalows sind nur zum Schlafen da. Sie werden tagsüber abgeschlossen«, erklärt sie mit gedämpfter Stimme, während sie mich durch einen langen, mit spanischen Fliesen ausgelegten Gang führt.

Wir erreichen einen riesigen Raum, in dessen Mitte der Schreibtisch einer Krankenschwester thront. Eine Hälfte des Raums ist ein Speisesaal mit fünf runden Tischen aus hellem Holz. Die andere sieht aus wie ein Aufenthaltsraum in einem Sommercamp für geistig Verwirrte und hoffnungslos Verdrehte: bunt zusammengewürfelte Sofas stehen vor einem Fernseher, auf Tischen liegen Buntstifte und Zeichenpapier.

Entlang der hinteren Wand geben gläserne Türen den Blick auf eine Terrasse und einen kleinen Hof frei. Dahinter liegen der Reitplatz und die Wiese, dann die leere Wüste. Ich bin am Ende der Welt angekommen.

»Die anderen Mädchen haben jetzt Gruppentherapie. Du wirst sie beim Nachmittagsimbiss kennenlernen.« Ihre Stimme hallt ein wenig, und die Wände ringsum fangen an zu schwanken. Ich kneife die Augen zusammen und bereite mich auf den Fall vor.

»Vorsicht, Liebes«, sagt sie und hält mich fest. Sie hat unerwartet flinke Reflexe.

»Mir geht’s gut«, stoße ich hervor und reiße mich los. Als ich die Augen wieder aufschlage, stehen die Wände still. »Mir geht’s gut.«

Sie presst die Lippen so fest zusammen, dass sie praktisch nicht mehr zu sehen sind. »Die Schwestern werden dich vor dem Abendessen untersuchen, dir etwas Blut abnehmen und ein EKG machen. Aber zuerst möchte Anna dich begrüßen.«

»Anna?« Kenne ich eine Anna?

»Anna. Deine Therapeutin.« Langsam geleitet sie mich zu einer Bürotür an der linken Wand des Saals. »Du hast Glück. Anna ist die beste, die wir haben.«

Glück? Die Zuckerwatte ist ja völlig verdreht.

Wir stehen jetzt vor der Tür, und mein Anstandswauwau klopft in schneller Abfolge dreimal an das Holz. AnnaAnnaAnna.

»Herein.«

Die Zuckerwatte nickt erst mir zu und dann zum Türgriff. »Geh rein.«

Mit zitternder Hand greife ich nach der Klinke. Aber das bin ich gar nicht. Ich bin entrückt, eine Zuschauerin in einem kalten, dunklen Theater, die miterlebt, wie ein ahnungsloses Opfer seinem Ende entgegengeht.

Tu’s nicht!, will ich schreien. Das ist eine Falle! Aber das Mädchen auf der Bühne hört mich nicht. Sie drückt bloß die Klinke nach unten und tritt über die Schwelle. So ist es immer.

ERSTER TAG

Freitag, 4. Juli, 14.01 Uhr

»Ich heiße Stevie«, sage ich, bevor die Seelenklempnerin auf falsche Gedanken kommt. Die Zuckerwatte ist abgezogen. Ich drücke mich mit dem Rücken gegen die Tür, als Stütze – und damit ich das Gefühl habe, immer noch weglaufen zu können.

»Stevie. Ich bin Anna. Ich bin während deines Aufenthalts hier deine persönliche Therapeutin.« Die Seelenklempnerin lächelt ein warmes Lächeln, bleibt aber auf ihrem roten Sessel sitzen. Mit flinken Bewegungen faltet sie ein glänzendes gelbes Blatt Papier, bis es Formen annimmt. Sie macht keine Anstalten, meine Hand zu schütteln oder gar mich zu umarmen; vielleicht gibt es doch eine Art göttliche Fügung. »Offiziell fangen wir erst morgen an, aber ich habe gehört, dass du heute ankommst, und wollte mich vorstellen.« Sie legt die halb fertige Papierskulptur neben sich auf den Tisch.

Ich nicke. Als Belohnung dafür, dass sie mich nicht angefasst hat.

»Setz dich doch.« Sie deutet auf ein türkisfarbenes Zweisitzer-Sofa, das ihrem Sessel gegenübersteht. Die beiden Zierkissen darauf sind rund und safrangelb, und mit winzigen braunen Perlen bestickt.

Ich wäge ab, ob ich mich rühren soll oder nicht. Es wäre nicht fair, eine Gefügigkeit in Aussicht zu stellen, der ich mich letztendlich verweigern werde. Aber ich bin so müde, so bleischwer, dass ich einfach mit den Schultern zucke und mich auf die weichen Kissen plumpsen lasse. In dem Moment, in dem ich in das Polster sinke, stelle ich mir vor, ich wäre ein ganz gewöhnliches Mädchen, das sich nach der Schule auf einem Sofa lümmelt. Ich lasse meiner Fantasie freien Lauf und sehe Süßigkeiten vor mir. Eiskrem. Nein. Schokopops oder Frosties, etwas, das meine Mutter immer als krebserregend bezeichnet hat.

»In der ersten Woche kann es sein, dass du dich ein bisschen überfordert fühlst, mit den ganzen Therapien und dem Ablauf hier«, sagt SK.

Ich werde sie SK nennen; Seelenklempnerin ist mir zu umständlich. Sie trägt locker sitzende, gerippte Jeans und ein weißes Tanktop. Eine moosfarbene Strickjacke verhüllt Teile ihres prachtvoll hervorstechenden Schlüsselbeins, aber ihre Hüften und ihr Hintern sind weich. An ihren nackten Füßen steckt ein türkisfarbener Zehenring. Ihr erdbeerfarbenes, welliges Haar ist unordentlich auf ihrem Kopf hochgetürmt und festgesteckt. An der Innenseite ihres rechten Handgelenks hat sie das Peace-Zeichen eintätowieren lassen, damit alle Welt weiß, dass sie Yoga macht und für Pro Familia spendet. »Jeden Morgen beim Frühstück bekommst du einen Stundenplan, aus dem ersichtlich ist, wo du wann sein musst. Wir bauen auch Zeit zum Entspannen ein, damit du dich ausruhen und nachdenken kannst. Es ist Freizeit, die du so verbringen kannst, wie du möchtest, allerdings musst du in der Villa bleiben oder auf dem Rasen vor dem Haus.«

»Also doch nicht frei, was?« Warum habe ich bloß den Mund aufgemacht? Ich darf sie nicht an mich heranlassen.

»In der ersten Woche lernst du dein Behandlungsteam kennen: mich, deinen Arzt, deinen Psychiater und deinen Ernährungsberater«, fährt sie unbeeindruckt fort und zieht die Füße unter ihren Sessel. »Es gibt eine Menge Papierkram und ein paar Computertests, ebenso wie medizinische Untersuchungen. Das alles ist nötig, damit wir genau verstehen, was du brauchst, während du bei uns bist.«

Ich werde nicht lange hier sein. Noch siebenundzwanzig Tage bis zum Jahrestag. Wenn ich es bis dahin schaffe. Mit ein bisschen Glück bin ich dann schon weg. Verschwunden, genau wie meine Mutter.

»Wenn das alles erledigt ist«, sagt SK, »dann gehen wir zu einer regelmäßigen Routine über. Wir beide werden uns dreimal wöchentlich zu Einzelgesprächen treffen, und zweimal pro Woche hast du Gruppentherapie.«

Das scheint mir der richtige Zeitpunkt, um wieder mit den Schultern zu zucken.

»Das ist alles ein bisschen viel, ich weiß.« Als sie lächelt, fällt mir auf, dass sich ihre beiden Schneidezähne unten leicht überlappen. »Du kannst jederzeit fragen, wenn du etwas wissen möchtest. Hast du jetzt irgendwelche Fragen?«

Ich schüttele den Kopf.

»Okay.« Sie legt ihren Kopf schräg und nickt. »Du bist bestimmt erschöpft.«

Solche Sprüche kriegen nur Psychologen hin. Ich betrachte die Wand rechts von mir, aber nirgends ist ein Diplom zu sehen, vermutlich um mir das Gefühl zu geben, dass sie bloß irgendein Mädchen ist, das ich kenne, und dass wir ganz gemütlich zusammensitzen, Zeitschriften durchblättern und miteinander quatschen, so nach dem Motto: Mal ehrlich – was meinst du, würde mir ein Pony gut stehen? Und dann: Also … manchmal schließe ich mich im Bad ein und stecke mir den Stiel meiner Zahnbürste in den Hals. Mal ehrlich – ist das nicht völlig abartig?

Ich fahre mit meiner rechten Hand über meinen Bauch und zähle die Rippen auf meiner linken Seite. Einmal, zweimal, dreimal. Sie stehen nicht mehr so weit vor wie gestern. Ich muss hier raus. Die ganze Sache ist ein einziger Fehler. Ich habe Dad gesagt, dass es ein Fehler ist.

SK nimmt eine Mappe vom Tisch und blättert sie durch. »Deinen Einweisungspapieren entnehme ich, dass du nicht viel Zeit hattest, dich auf … das hier vorzubereiten. Nur einen Tag, wenn ich es richtig verstehe.« Der Tisch ist bemalt wie ein Schachbrett. Darauf steht einer von diesen Zen-Zimmerbrunnen. Das Wasser fließt laut und irgendwie unregelmäßig, als ob ein Elefant mit Prostataproblemen versuchen würde zu pinkeln.

»Falsch.« Jetzt die rechte Seite. Einmal, zweimal, dreimal. Ich kann sie unter all der Weichheit kaum noch fühlen. »Acht Stunden.«

»Wow.« Sie beugt sich zu mir. »Möchtest du mir erzählen, wie das abgelaufen ist? Wie bist du hierhergekommen?«

»Mein Dad hat angefangen, sich Sorgen zu machen, schätze ich. Also hat er hier angerufen. Ich kann nicht … Ich weiß nicht.« Das ist keine Lüge. Ich weiß wirklich nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich fahre mit dem Mittelfinger über meine rechte Hüfte. Im Zentrum fühle ich die Narbe durch den Stoff meiner Jeans, knorrig und hart.

»Beschreibe mir doch, woran du dich erinnern kannst. Von deinem Blickwinkel aus betrachtet, nicht von Dads.« Dad, sagt sie. Als ob er auch ihr Dad sei. Als ob wir eine gemeinsame Vergangenheit hätten.

»Ich habe nicht behauptet, ich könnte mich nicht erinnern.« Aber sie fixiert mich weiter, und ich weiß, dass sie nicht klein beigeben wird, bis sie etwas von mir bekommen hat. »Ich bin letzte Nacht nach Hause gekommen … heute früh. Und er hat auf dem Sofa auf mich gewartet. Er hat ferngesehen.«

»Wie viel Uhr war es?«

»Keine Ahnung. Vielleicht drei oder vier. Es lief gerade eine Wiederholung der Dick-Van-Dyke-Show.«

»Du warst aus?«

»Mit Eden. Meiner … Mit Eden. Sie hat mich heimgefahren.« Ich grabe meine Fingernägel in eins dieser gelben Kissen. Edens Name in meinem Mund fühlt sich an wie flüssiger Zorn. Aber sie ist alles, was mir geblieben ist, also schlucke ich ihn hinunter.

Als ich nach Hause kam, saß Dad in seinem Unterhemd und Jeans da und rauchte. Sein Mund war offen, aber es kam nichts heraus. Vielleicht lag es am Alkohol, aber plötzlich war Josh bei uns. »Er hat Angst«, übersetzte er. »Er wusste nicht, wo du warst. Er weiß nie, wo du bist. Nicht mehr.«

»Merkt er denn nicht, dass ich betrunken bin?«, rief ich kichernd. »Total dicht, besoffen, bekneipt.«

»Er ist ja nicht blöd, Stevie.« Ich spürte Joshs Müdigkeit. »Du hast viel zu wenig Achtung für ihn übrig. Genauso wie du alle anderen zu wenig achtest.«

»Ohhh, Rooobbbb!«, heulte Mary Tyler Moore im Fernseher.

»Hör zu«, sagte ich. »Spar dir deine Ansprache für ein anderes Mal, okay? Ich habe im Moment einfach zu viel um die Ohren. Es ist bald Jahrestag, weißt du?«

»Sag bloß!«

»Ich bereite ein Opfer vor«, erklärte ich mit ernster Miene. Dann brach es plötzlich aus mir hervor, ein schrilles, unkontrolliertes Lachen. Ich machte einen Schritt auf Dad und die heulende Mary Tyler Moore zu. Und dann wurde alles dunkel. Als ich nichts mehr weiter sage, greift SK nach einer Plastikflasche mit Wasser zu ihren Füßen. »Dad meinte, du seist ohnmächtig geworden, als du nach Hause kamst. Du hast dir die Stirn an der Kante des Couchtischs aufgeschlagen.« Sie schraubt den Verschluss ab und trinkt einen Schluck.

Ich deute auf das purpurfarbene Mal über meinem Auge. Italien. Beweisstück Nr. 1, Signorina.

»Diese Ohnmacht … Hing das mit deiner Anorexie zusammen? Damit, dass du unterernährt bist? Oder hattest du getrunken?«

»Beides.« Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange, aber mein Lächeln ist wohl trotzdem zu sehen. Der Drang zu fliehen ist verschwunden, und jetzt will ich nur noch meine Augen schließen und mich in das Wort einsinken lassen, mich darin einweichen, bis meine Haut ganz schrumpelig geworden ist. Anorexie. Ja. Ja! Es ist, als ob sie mich zum ersten Mal richtig sieht.

»Passiert dir das oft?«

»Was?«, frage ich. Ich will, dass sie es noch einmal sagt. Nenn mich bei meinem Namen. »Das Trinken oder die Ohnmacht?«

»Das eine oder andere. Beides.« Ihre Konturen werden unscharf, schwimmen hin und her.

»Manchmal.«

»Also … du kommst heim, fällst in Ohnmacht, und als du wieder zu dir kommst, woran erinnerst du dich?«

»Ähm …« Ich schließe die Augen. »Brezel oder Erdnüsse?« Daran erinnere ich mich: An eine Frau mit orangefarbenem Make-up und mascaraverklebten Wimpern, die sich mit einem Porzellanlächeln über meinen Sitz beugt und mich mit einem Südstaatenakzent fragt: »Breezel oder Eerdnüsse, Heerzchen?«

»Das Nächste, woran du dich erinnerst, ist also, dass du in einem Flugzeug sitzt.«

»Ich habe keine genommen«, sage ich schnell.

»Keine …«

»Brezel oder Erdnüsse. Ich habe keine gegessen.« Allein bei dem Gedanken daran verkrampfen sich meine Eingeweide. Wieder zähle ich die Rippen. Diesmal sind sie kaum noch zu finden.

»Ich verstehe.« SK beugt sich leicht vor. »Verrätst du mir, was du gerade denkst?«

Ich reiße die Augen auf, und plötzlich sehe ich die Welt mit einer glasklaren Deutlichkeit.

»Ich glaube, dass ich nicht hierhergehöre.« Die Entbehrung lässt mich scharf sehen wie ein Falke. Ich weiß, was geschehen muss. Ich werde Eden anrufen und sie bitten, mir ein Flugticket zu schicken. Sie wird sauer sein nach der SMS, die sie heute Morgen von mir bekommen hat, bevor das Flugzeug abhob, aber ich werde ihr sagen, dass ich da immer noch betrunken war. Es war nicht so gemeint. Nur ein einziger Anruf, und sie wird mich retten. Handys sind hier nicht erlaubt, aber ich bin gleich in die Damentoilette gehuscht, als das Flugzeug landete, und habe mein Handy in meinem BH versteckt, zusammen mit ein paar Zwanzig-Dollar-Scheinen, die ich aus Dads Brieftasche geklaut hatte.

»Du glaubst nicht, dass du krank genug bist, um hier sein zu müssen«, sagt SK. »Wenn du mit einer Zahl zwischen eins und zehn beschreiben müsstest, wie motiviert du bist, diese Behandlung durchzuziehen, wie würde deine Einschätzung ausfallen? Zehn wäre die höchste Motivationsstufe.«

Oh, ich bin motiviert. Ich bin motiviert, alles zu unternehmen, was nötig ist, bevor der Jahrestag gekommen ist. Wenn sie denkt, dass sie mich mit ihrer süßen Art und ihrem begeisterten Kopfnicken aufhalten kann, dann ist sie die Irre.

»Mit wem muss ich sprechen, wenn ich hier auschecken will? Am besten noch heute Abend?«

Ihr Mund öffnet sich, als ob sie etwas sagen will. Dann presst sie kurz die Lippen zusammen. Der pinkelnde Elefant lässt sich nicht mehr länger ignorieren.

»Ich kann verstehen, dass es für dich überwältigend sein muss, in ein Therapiezentrum am anderen Ende des Kontinents zu kommen. Besonders, weil du keine Zeit hattest, dich darauf vorzubereiten.«

»Überwältigend ist wohl der falsche Ausdruck«, sage ich kalt. Mein Geduldsfaden wird immer dünner. Ha! Dünner. »Ich gehöre einfach nicht hierher.«

Sie nickt. »Ich weiß, dass du das denkst. Aber Stevie …« Ihr Blick verschränkt sich in meinen. Erst jetzt bemerke ich die Farbe ihrer Augen. Sie sind türkis, fast genauso wie das Sofa.

»Stevie«, wiederholt sie. »Ich darf dir versichern, dass du ganz bestimmt hierhergehörst. Du bist unglaublich unterernährt. Wenn du dich nicht augenblicklich in Behandlung begibst, dann wirst du sterben. Ich würde sogar vermuten, dass es deine Absicht ist, zu sterben.«

Endlich verstehen wir einander.

»Im Augenblick will ich nur, dass du weiterlebst, damit wir miteinander reden können. Vielleicht wirst du es irgendwann auch wollen.«

Ich will nichts weiter als meinen Zeitplan einhalten. Tick-Tack.

»Also … wie ist das jetzt mit dem Auschecken?«

Sie faltet die Hände in ihrem Schoß. »Da du erst siebzehn bist, kannst du dich nicht selbst entlassen. Das muss Dad für dich erledigen. Und er hat unmissverständlich klargemacht, dass du die ganzen sechzig Tage hierbleiben musst. Länger, wenn nötig.«

Mein Körper krümmt sich, als ob sie mir gerade einen Schlag in die Magengrube versetzt hätte.

Sie spricht weiter, sagt etwas über »Heilung mit einem großen H«. Vermutlich will sie mir klarmachen, dass dies der erste Tag vom Rest meines Lebens sein könnte. Das jedenfalls hat mir Dad auf dem Weg zum Flughafen gesagt.

Sechzig Tage. Ihre Zeitplanung macht alles ein wenig komplizierter. Weiß sie denn nicht, dass der Jahrestag schon in siebenundzwanzig Tagen ist? Ich habe alles bis ins kleinste Detail geplant, habe seit beinahe einem Jahr jede meiner Bewegungen choreografiert. Mit einigen Fehltritten, wie ich zugeben muss.

Ich werde einen Weg hier heraus finden. Ich werde Eden anrufen, sie wird ein Flugticket für mich kaufen. Dann trampe ich zum Flughafen. Ich tue alles, was nötig ist, damit ich rechtzeitig zum Sterben zu Hause bin. Ich werde Josh nicht noch einmal im Stich lassen. Wenn sich der Tag, an dem ich meinen Bruder umgebracht habe, zum ersten Mal jährt, werde ich keinen Atemzug mehr tun.

ERSTER TAG

Freitag, 4. Juli, 20.56 Uhr

Die ersten Stunden sind geprägt von Snacks und Mahlzeiten, die ich verweigere. Die unberührten Kalorien brennen sich in mein Bewusstsein wie komplizierte Gleichungen. Ich habe meine Rechenaufgaben erledigt; ich weiß, wie viel Gewicht ich ungefähr noch verlieren muss, damit mein Herz mit einem letzten Zucken den Dienst versagt. Der Tod ist keine exakte Wissenschaft, was für uns, die wir Genauigkeit zur Religion erheben, ziemlich nervtötend ist.

Während des Abendessens und dann wieder zu einem letzten Imbiss vor dem Schlafengehen muss ich mich in der Villa an den Tisch zu den anderen Mädchen von Bungalow drei setzen. Sie sind zu dritt. Ihre Namen haben sie mir vorhin über Platten voller Essen und schweißnassen Krügen mit Eistee genannt. Namen, die ich mir nicht merken werde. Warum sollte ich? Ich werde nicht lange hierbleiben. Eden wird eine Lösung finden.

Eins der Mädchen ist eine Brünette mit fedrigen Haaren, die viel zu schnell isst und viel zu viel Fleisch auf den Rippen hat. Sie hat bestimmt keine Anorexie. Die zweite ist schon eher eine Bedrohung: eine Blondine mit krummem Rücken, die eine Magensonde, einen durchsichtigen Schlauch, im rechten Nasenloch hat. Das Ende der Sonde liegt hinter ihrem Ohr. Ihre Schulterblätter stechen nach hinten, ihre Knochen sind scharf wie fein ziselierter Marmor. Die Dritte ist nicht der Rede wert: ein fleischiges Mädchen mit roten Wangen und einer Wolke ungezähmter weißblonder Locken. Sie ist nicht stark genug, um sich den Anforderungen des Hungers zu stellen, sondern scheint geradezu eifrig darauf bedacht, sich den hiesigen Regeln zu unterwerfen.

Und es gibt so viele Regeln, dass ich sie mir nicht alle merken könnte, selbst wenn ich wollte. Mach langsam, schling dein Essen nicht herunter, beeil dich, iss nicht zu langsam. Keine Sweatshirts mit Taschen am Tisch, Ärmel während der Mahlzeit hochkrempeln bis zu den Ellbogen. Kein Gerede über das Essen, keine Grimassen oder ungebührlichen Laute während der Mahlzeit. Eine Einheit Salz pro Mahlzeit, zwei Einheiten Pfeffer, mehr nicht. Nicht das Essen in kleine Stücke schneiden. Drei Mahlzeiten am Tag, drei Snacks am Tag. Wenn eine Mahlzeit verweigert wird, wird ein Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Wenn das abgelehnt wird, wird das in den braunen Ordnern auf den Regalen bei der Schwester vermerkt.

Der Abendimbiss geht zu Ende. Munteres und eifriges Geplapper umwirbelt mich, während die anderen ihre leeren Joghurtbecher zusammendrücken und Zellophanverpackungen zerreißen und darauf warten, endlich gehen zu dürfen. Die Türen der Villa und die Tür zu der einzigen Toilette werden erst dann aufgeschlossen, wenn die Wachhunde sicher sind, dass die Insassen jede einzelne Kalorie verdaut haben.

Ich werfe einen liebevollen Blick auf das rote Plastikarmband, das an meinem Handgelenk baumelt. Ich streichle es.

DELISLE, STEPHANIE (STEVIE)

Datum der Einweisung: 4.7.

Bungalow 3

Rot ist die Farbe der Macht. Rot ist für die Mädchen, die sich innerhalb der Therapie nicht weiterentwickeln, die Mädchen, die nicht zunehmen. Gelb ist für die Mädchen, die nachgeben, die einen Teil des vom Behandlungsteam empfohlenen Gewichts zugelegt haben.

Und Grün … Grün ist für die Verlierer. Für die Mädchen, die sich gegenseitig das große H für Heilung mit Glitzerstiften in die Handflächen malen, die Mädchen, die von morgens bis abends Stein und Bein schwören, dass sie sich nicht von ihren Problemen unterkriegen lassen. Ich bemitleide die grünen Mädchen.

»Du bist Stevie, stimmt’s?«

Widerstrebend blicke ich auf.

Die anderen Mädchen haben ihre Tabletts weggeräumt, und ich bin allein mit der dicken Blondine. Sie fährt mit ihrem pummeligen Zeigefinger an der Innenkante des Plastikbehälters entlang, in dem sich Erdnussbutter befunden hat. Es ist, als hätte sie ein Schild an die Stirn genagelt, auf dem in Leuchtbuchstaben BULIMIE steht.

»Stevie. Ja.« Ich werfe einen Blick auf das Handgelenk des Mädchens. Gelb. Das Plastikband spiegelt bei jeder Bewegung das Licht der Deckenlampen wider.

»Wie geht’s dir so weit? Die ersten Tage sind ziemlich hart.«

Ich blinzle. Was will sie von mir?

Sie spricht weiter. »Ich bin so was von aufgeregt, dass ich jetzt eine Zimmerkameradin habe. Ich bin nämlich allein, seit Jill weg ist, und ganz ehrlich, ich geh fast ein vor Langeweile. Teagan und Cate«, – ihr Kopf fährt herum und sie senkt die Stimme – »die sind in dem anderen Zimmer in Bungalow drei. Sie sind super cool und alles, aber ein bisschen jung, und irgendwie haben die ihr eigenes Ding am Laufen, weißt du?«

Ich hätte fast gelacht. Zimmerkameradin. Das hört sich ja an, als wären wir hier im Sommerlager. Ich konzentriere mich auf das harte Plastik meines Handys, das tröstend an meiner Brust liegt. Als sie mich wogen und wie eine Laborratte an ein EKG-Gerät anschlossen, habe ich das Telefon in den Falten meiner Jeans versteckt, die ich auf den Boden gelegt hatte.

»Hör mal …« Ich beiße mir auf die Zunge, ehe ich ihren Namen ausspreche, obwohl ich die Wahl habe zwischen Bulimie, Abschaum, Nullnummer und einigen anderen.

»Ashley.« So, wie sie es ausspricht, klingt es wie Asch-liii.

Na klar. Sie ist genau der Typ Tussie, deren Name mit einem Iii wie igitt! endet. Die Tussi, die es nur mit Ach und Krach zu den Cheerleadern geschafft hat und die wegen ihrer Orangenhaut eigentlich ständig auf Bewährung ist.

Ehe ich ihr sagen kann, dass sie bloß ihre Zeit verschwendet, erhebt sich ein Pfleger und klatscht in die Hände. »Okay, Mädchen. Neun Uhr. Die Bungalows sind jetzt offen. Ich wünsche euch eine gute Nacht.«

»Na endlich.« Weißblondchen schiebt ihren Stuhl zurück und wirft ihren Müll in den Eimer. Ich folge ihr zur Tür hinaus in den Hof. Die eiskalte Luft trifft mich unerwartet. »Ich habe langsam Platzangst bekommen.«

Sie geht mir voraus um die Villa herum und stupst mich in Richtung eines steilen Schotteraufstiegs. »Hier entlang.«

Ich höre das rhythmische Hieven ihrer Schritte neben mir, das sich dem Schlag meines Herzens anpasst, während wir den Hügel erklimmen. Bungalow drei steht auf dem Hügelkamm. Hinten am Haus gibt es eine kleine Veranda mit zwei Schaukelstühlen.

»Woher kommst du?«, fragt sie.

»Aus der Gegend um Atlanta.«

»Cool. Ich bin aus Dallas.« Sie keucht. Sie ist schon jetzt außer Atem.

»Was machen deine Eltern?«

Eltern. Plural.

Der Schotter unter meinen Flip-Flops knirscht durch mein Gewicht, ein Echo anderer, vertrauter Geräusche – das Knistern der Folie um die Trüffel, die meine Mutter in einer Kristallschale auf dem Schreibtisch in ihrem Büro stehen hatte. Schon als kleines Mädchen wusste ich, dass diese Süßigkeit nicht für mich bestimmt war. Es lagen sechs Trüffel darin, immer sechs Stück. Die Schokolade war für Klienten, für Erwachsene, die sich an die Regeln, die für kleine Mädchen galten, nicht halten mussten.

So viele Regeln, an die man sich nicht hielt.

Ich durfte fast nie mit meiner Mutter zur Arbeit gehen. Eine Anwaltskanzlei sei kein Platz für ein Kind, sagte sie immer. Ich bettelte jeden Sommer. Im Büro war es kühl, glänzend und still – alles, was sie war, und alles, was ich sein wollte. An meinem achten Geburtstag gab sie nach. Ich packte meine Sachen in eine Stofftasche und fuhr mit ihr zu einem Hochhaus aus Stahl und Glas im Zentrum von Atlanta. Ich spielte in ihrem Büro, machte aus dem schimmernden Konferenztisch aus Mahagoni ein Schiff oder eine Hütte, baute Palisaden aus staubigen Büchern, die wir in dem Secondhand-Buchladen ein paar Blocks von unserem Haus entfernt kauften. Anna Karenina, Holden Caulfield und Jo March bildeten die Schutzmauern um mich herum. Ich kauerte mich hinter sie und atmete ihren staubigen Duft ein, während meine Mutter an ihrem Schreibtisch saß, gebadet in das weiße Licht ihres Computerbildschirms. Sie trug eine gestärkte weiße Bluse. Sie hatte einen langen, dünnen Körper, wie eine Tänzerin, und kirschrote Lippen, die nie verblassten.

Sie war die einzige Frau in der Anwaltsgemeinschaft. Die Leute, die etwas zu sagen hatten, flüsterten Worte wie Washington und Oberstes Gericht, wenn sie in der Nähe war. Sie galt als vielversprechend. Ich fragte sie einmal, ob die Art, wie andere über sie redeten, sie stolz machte. Vielversprechend sei wie ein Edelstein, sagte sie. Anfangs faszinierend, aber nach einer Weile zieht das Gewicht einen in den Abgrund.

»Mom?« Stirnrunzelnd blickte ich auf das offene Buch in meinem Schoß. Flaubert. Bevor meine Mutter Jura studierte, hatte sie ihren Abschluss in französischer Literatur gemacht. Sie versprach mir oft, dass wir eines Tages nach Frankreich fahren würden, nur wir beide. Sie würde mir alles zeigen: die Seminarräume an der Université Paris-Sorbonne, wo sie studiert hatte, das Apartment im Quartier Latin, das Café, in dem sie ihre Magisterarbeit geschrieben hatte.

»Mmm?« Ihre Stimme kletterte über meine Palisaden.

»Meinst du, Madame Bovary liebt Berthe?«

»Berthe ist ihre Tochter, Herzchen. Alle Mütter lieben ihre kleinen Mädchen.«

»Aber es kommt mir nicht so vor, als würde sie sie lieben.«

»Na ja, Madame Bovary ist keine besonders glückliche Frau.«

»Aber kann Berthe sie nicht glücklich machen, Mom?« Meine Kehle wurde eng.

»Nein, meine Süße. Kinder können ihre Eltern nicht glücklich machen. Das ist nicht ihre Aufgabe.«

Es gab so vieles, was ich fragen wollte, aber wir wurden unterbrochen. Sie musste in eine Sitzung. Ich blieb so lange in meiner Festung, wie ich konnte. Aber schon damals war ich schwach. Ich schlich mich zu ihrem Schreibtisch und öffnete die Schublade, in der sie ganz hinten die Tüte mit den Trüffeln aufbewahrte. Die Tüte war noch fast voll; sie würde nie die Trüffel in der Tüte zählen, nicht wahr? Ich wickelte die Schokolade aus und stopfte mir die cremigen Kugeln in den Mund. Die Knie bis zur Brust hochgezogen und den Kopf leicht gesenkt, passte ich perfekt unter ihren Schreibtisch. Und dort, eingewickelt in mich selbst, kam mir ein Wort in den Sinn: Trost.

Am Bungalow angekommen stößt Weißblondchen die Tür mit der Hüfte auf. »Die klemmt manchmal, dann muss man Gewalt anwenden.«

Der Bungalow ist winzig, mit gestrichenen Betonwänden und einem dünnen, graublauen Teppich über dem Betonboden. Rechts und links des Flurs gibt es je ein Schlafzimmer. Am Ende des Flurs befindet sich noch eine Tür, vermutlich die zum Bad.

»Wir wohnen hier.« Weißblondchen hoppelt in das rechte Schlafzimmer und schaltet das Licht ein.

Das Zimmer ist kahl, mit zwei Betten unter verblichenen dunkelblauen Tagesdecken. Ein breiter, flacher Schrank erstreckt sich an einer Wand. Eine Schiebetür aus Glas überblickt die Dunkelheit der Wüste.

Ihr Bett steht am anderen Ende des Zimmers, und bei ihr sieht es so aus, wie ich es mir immer im Zimmer einer Erstsemester-Studentin vorgestellt habe: Schwarz-Weiß-Fotos von Freunden und ihr Name in bunten, dickbauchigen Tonpapierbuchstaben an der blauen Pinnwand über ihrem Bett. Ashley, steht da, nicht Ashliii. Ups! Falsch geschrieben, denke ich. Ein paar Selbsthilfebücher stehen neben einem digitalen Wecker auf dem Einbauregal. Auf der anderen Seite des Weckers hocken ergeben ein kleiner Plüschhund, ein blauer Bär und ein einohriges Kaninchen.

Auf meiner Seite steht ein schwarzer Koffer am Fußende des Bettes.

»Deine Sachen sind schon ausgepackt.« Weißblondchen tritt sich die mit bunten Markern bemalten Sneaker von den Füßen. »Sie müssen dein Gepäck durchsuchen.« Dann wuchtet sie ihren Körper auf das Bett.

»Ist das dein Ernst? Warum?« Mein Atem geht flach. Aufhören. Ich werde mich nicht unnötig aufregen. All das – das Mädchen, der fadenscheinige Teppich, die Betonwände – ist nur vorübergehend. Es wird nicht lange dauern, bis Eden mich hier rausholt.

»Du weißt schon, das Übliche. Rasiermesser. Abführmittel. Essen.«

Ich gehe durch das Zimmer und öffne die Schranktür. Ein paar Kleidungsstücke hängen schlaff an einer Holzstange.

»Wo zum Teufel sind meine Sachen?« Ich schiebe zwei Jeans beiseite, das übergroße Sweatshirt, das immer noch nach Josh riecht, wenn ich die Augen schließe, drei Langarmpullis und das T-Shirt der Atlanta Braves. Meine Laufschuhe stehen unordentlich auf dem Boden des Schranks, und ich rücke sie zurecht. Plötzlich bin ich wütend.

»Wahrscheinlich haben sie einige Sachen einbehalten. Man darf nichts haben, was zu eng oder zu kurz ist. Und auch nichts mit Spaghettiträgern.«

»So ein Quatsch!« Ich reiße Joshs Sweatshirt von dem Drahtkleiderbügel und ziehe es mir über.

»Ich weiß, es ist blöd, aber eigentlich keine schlechte Idee. Für mich wäre es der absolute Trigger, wenn ich all diese dürren Mädchen in ihren winzigen Tops sehen müsste. Für dich nicht?«

Mein Körper wird heiß. Natürlich wäre es für mich nicht so! Ich bin eins dieser dürren Mädchen! Oder ist ihr das nicht aufgefallen? Sieht sie mich denn nicht?

»Ich will meine Sachen wiederhaben.« Das ist alles Dads Schuld. Meine Haut fühlt sich erst heiß an, dann kalt, und dann verschwimmt der Raum. Meine Fingerspitzen wandern zu meiner Brust, zählen die Knochen. Ich fühle das Handy in meinem BH.

»Glaub mir, am Anfang ist alles dämlich, aber …«

»Ich gehe raus.«

Sie sagt irgendetwas über regelmäßige Kontrollen, aber ich schlage ihren Worten die Tür vor der Nase zu. Ich hole erst wieder Luft, als ich draußen bin. Die Kälte sticht in meinen Lungen. Ich höre Stimmen in der Dunkelheit, vor der Villa kichern Mädchen, aber niemand ist nah genug, um mich zu sehen. Ich hole das Handy heraus und schalte es ein.

Es dauert lang, bis Eden antwortet. Im Hintergrund rauscht das übliche Getöse einer feucht-fröhlichen Gesellschaft. Gläser klirren. Ich weiß genau, wo sie ist.

»Heyyy, Süße! Die Nation vermisst dich! Was ist los mit dir?«, kreischt sie. Falls sie sauer auf mich ist, ist sie zu betrunken, um sich daran zu erinnern.

Ich spiele mit, weil sie betrunken ist. Mitzuspielen, wenn sie betrunken ist, ist meine Spezialität.

»Das Essen ist scheiße.« Nicht, dass ich etwas über die Qualität des Essens sagen könnte. Ich drücke meinen Rücken gegen die Außenwand des Bungalows und lasse mich durch mein Gewicht nach unten ziehen. »Hör zu, ich kann nicht lange reden. Ich … meinst du, du könntest zu mir nach Hause gehen und mit meinem Dad reden? Auf mich hört er nicht, aber wenn ihm vielleicht jemand anderes sagen würde, dass das hier eine miese Idee …«

»Jaaaaason!« Ihr besoffenes Lachen lässt meine Ohren klingeln.

»Ich heiße Jaden, Baby. Jaden.« Eine tiefe, knirschende Stimme. Er atmet in den Hörer. »Hallo? Wer ist da?«

»Ich habe gute Nachrichten für dich«, sage ich zu Jaden. »Sie ist eine besoffene Schlampe.«

Ich lege auf. Nur noch zwei Balken auf dem kleinen Batterie-Symbol in der oberen linken Ecke, und ich habe vergessen, das Ladegerät mitzunehmen.

ZWEITER TAG

Samstag, 5. Juli, 9.59 Uhr

»Kannst du dich an dein erstes Mal erinnern?«, fragt SK.

Einfach so. Wir laufen über den Rasen hinter der Villa, während sie nach einem hübschen Plätzchen für unser Therapiegespräch Ausschau hält. Sie hat eine kratzige gelbe Picknickdecke unter dem Arm, und ich habe den Plastikbecher mit der Nahrungsergänzung in der Hand, von der ich nichts trinken werde. Ein paar der anderen Mädchen liegen bäuchlings im Gras und schreiben Tagebuch. Alles an mir ist verkrampft: mein Atem, meine Schultern, meine Eingeweide. Ich bin eingewickelt in Hass, Hass auf diesen Ort, auf Eden, auf meinen Vater.

SK bleibt am Rand des Rasens stehen, unter den steifen gelben Krallen einer Palme. Sorgfältig breitet sie die Picknickdecke aus und lässt sich darauf nieder.

»Mein erstes Mal«, wiederhole ich, stelle den Becher mit den Kalorien ins Gras, setze mich und ziehe die Knie an die Brust.

»Ich vermute mal, dass man die erste Erfahrung mit einem solchen Verhalten nicht vergisst.«

»Man denkt immer daran.«

»Du meinst, du denkst immer daran.«

»Das habe ich doch gesagt.« Ich bin froh, dass sie nichts kapiert. Dann kann sie mir wenigstens nicht erzählen, sie habe das selbst erlebt und ich müsse ihr glauben, wenn sie mir sagt, dass es für mich Heilung gibt.

»Nein …« Sie rümpft die Nase und schaut am Stamm der Palme nach oben. Sie sieht so jung aus. »Ich meine, du denkst immer daran. Du, Stevie, denkst sehr oft an dein erstes Mal. Du kriegst es nicht aus deinem Kopf.«

Meine Augenlider senken sich, und ungebeten kehrt die Erinnerung an dieses erste Mal zurück, eingerahmt von dunklen Scherben. Das erste Bild ist immer dasselbe. Ich, zusammengesunken auf dem Fahrersitz von Dads altem Buick. Laufender Motor, ausgeschaltete Scheinwerfer. Der Gestank nach ranzig gewordener Süße. Mein alkoholgeschwängerter Atem, die Völlerei, die Scham.

»Stevie?« SKs Stimme, wie ein sanftes, gefährliches Klopfen. »Kannst du mir beschreiben, was gerade in dir vorgeht?«

Ich werde sie niemals die wahren Bilder sehen lassen. Die Last der Erinnerung gehört allein mir. Ich halte meine Augen geschlossen, ändere aber die Szenerie.

»Zeig mir, was du siehst, Stevie.«

»Ich … ich bin in meinem Zimmer.« Die Lüge hört sich so ehrlich an, dass ich beinahe stolz auf mich bin. »In unserer Wohnung.«

»In deinem Zimmer also. Bist du allein oder ist jemand bei dir?«

Ich weiß, was sie hören will, noch ehe sie es weiß. Sie will wissen, ob es einen bösen, bösen Mann gab, der mich angefasst hat. Das ist die einzig mögliche Erklärung. Etwas Unaussprechliches muss mir widerfahren sein, damit ich so wurde, wie ich bin.

»Er ist da«, sage ich, weil mir sonst nichts einfällt. Niemand hat mich je angefasst. Jedenfalls kein Mann. Aber vielleicht hat sie recht; vielleicht brauche ich einen Grund. Etwas Funkelndes, das ich der Öffentlichkeit präsentieren kann – Schaut her!, – damit die anderen den Wahnsinn begreifen können. Aha!, werden sie sagen, jetzt verstehen wir.

»Er …«, flüstert SK. Offenbar hat sie Angst, dass ein lautes Wort mich davon abhalten könnte, ihr die Wahrheit zu enthüllen.

»Joshua.«

Das Wort ist heraus, ehe ich mir auf die Zunge beißen kann. Ich reiße die Augen auf. Die Sonne brennt mir auf den Nacken, und der dünne Baumwollstoff meines Pullis klebt an meiner feuchten Haut.

Scheiße. Scheißescheißescheißescheiße. Meine Finger krümmen sich zu Krallen und kratzen Klumpen aus rauem, trockenem Gras aus dem Rasen. Warum habe ich das gesagt? Reicht es nicht, dass ich ihn getötet habe? Muss ich auch noch Lügengeschichten über ihn erzählen? Scheiße.

»Dein Bruder. Der … gestorben ist.« Den du umgebracht hast, will sie offensichtlich nicht sagen. Vielleicht hat sie zu viel Angst davor.

»Josh ist mein toter Bruder, ja.« Es tut mir leid, sage ich stumm zu ihm. Es tut mir so leid. Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Aber sie darf es ja niemandem weitererzählen. Es ist gegen das Gesetz oder so ähnlich. Lieber Gott, ich bin so ein elender Scheißhaufen. Mir würde sowieso niemand glauben. Jeder weiß doch, dass ich eine Lügnerin bin, Josh. Jeder weiß es.

»Okay. Ihr beide seid also in deinem Zimmer.« Ihre Stimme wandert im Verlauf ihrer Worte stets nach oben, als ob all ihre Sätze Fragen wären, selbst die, die es nicht sind.

»Ja. In meinem Zimmer.« Warum kann ich nicht aufhören? Warum kann ich ihr nicht sagen, dass Josh natürlich tausendmal in meinem Zimmer war, aus tausend unterschiedlichen Gründen, aber nie aus dem, den sie sich gerade ausmalt?