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WOLFGANG JESCHKE

 

 

 

DAS GESCHMEIDE

 

Erzählung

 

 

 

 

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

 

Das Buch

Der Autor

Von Wolfgang Jeschke sind im Wilhelm Heyne Verlag erschienen:

Das Geschmeide

Wolfgang Jeschke: Bibliografie

 

Das Buch

Auf dem Planeten Cartesius leben menschliche Kolonisten inmitten der einheimischen Zivilisation, die auf eine uralte Kultur zurückblicken kann. Doch als irdische Glücksritter die wichtigste Reliquie der Carteser, ein Geschmeide, dessen Diamanten wiedergeborene Götter symbolisieren, stehlen, steht das bisher friedliche Zusammenleben zweier unterschiedlicher Kulturen vor dem Aus …

 

Die Erzählung »Das Geschmeide« erscheint als exklusives E-Book Only zusammen mit weiteren Stories von Wolfgang Jeschke im Heyne Verlag und umfasst ca. 32 Seiten. Sie sind als Print-Ausgaben in den Sammelbänden »Der Zeiter«, »Partner fürs Leben« und »Orte der Erinnerung« im Shayol Verlag, Berlin erschienen.

 

 

Der Autor

Wolfgang Jeschke (1936-2015) war der Großmeister der deutschen Science-Fiction. Lange Jahre als Herausgeber und Lektor für den Heyne Verlag tätig, hat er vor allem auch mit seinen eigenen Romanen und Erzählungen das Bild des Genres geprägt. Jeschke wurde mehrmals mit dem renommierten Kurd Lasswitz Preis ausgezeichnet.

 

 

Von Wolfgang Jeschke sind im Wilhelm Heyne Verlag erschienen:

»Der letzte Tag der Schöpfung – Midas – Das Cusanus-Spiel« (drei Romane in einem Band) und »Dschiheads«.

Eine Übersicht aller Werke von Wolfgang Jeschke finden Sie in der Bibliografie am Ende dieses E-Books.

Weitere Informationen zum Autor: www.diezukunft.de

 

 

 

 

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www.diezukunft.de

Überarbeitete Neuausgabe

© 2008 Text by Wolfgang Jeschke,

Erstmals veröffentlicht in: Andreas Eschbach (Hrsg.), Eine Trillion Euro, Bastei Lübbe Verlag, 2004

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Covergestaltung: Stardust, München

Satz: Thomas Menne

 

ISBN 978-3-641-13617-8

Das Boot trieb steuerlos dahin und kreiselte inzwischen so stark, dass ich taumelte und gegen die Reling gedrückt wurde. Ich starrte einen Moment lang hinunter in die Dunkelheit. Unter uns achttausend Meter freier Fall. Dann sah ich im Licht der Hecklaterne die Felswand dicht vor uns. Wir schwangen so knapp vorbei, dass ich befürchtete, wir würden sie jeden Moment berühren.

»Man sollte sie erschießen!«, schrie der Captain zornig.

»Wir sind unbewaffnet«, schrie ich zurück.

Wieder huschte die Felswand vorbei, wieder ganz knapp. Die Wimpel flatterten und bauschten sich um uns. Der Fallwind riss uns immer rascher in die Tiefe. Das Heck sackte ab. Ich hielt mich an der Reling fest. Die Hecklaterne erlosch. Um mich war finstere Nacht. Über uns kreisten die Sterne – schwindelerregend und erschreckend hell.

»Nun tun Sie doch endlich etwas!«

»Was soll ich denn tun, Captain?«

»Halten Sie mir wenigstens die Kerle vom Leibe!«

Ich wandte mich ihnen zu. Sie hatten einen Halbkreis gebildet und umstanden uns drohend geduckt. Ich sah im unsicheren Licht die entblößten Augen. Verschwunden war die friedfertige Selbstversunkenheit. Augen wie aus Onyx starrten mich an – schwarz, hart, glatt und kalt. Raubvogelaugen – wachsam und mitleidlos.

Ich war so verblüfft vom Anblick dieser jähen Verwandlung, dass ich eine Sekunde zu lange zögerte. In dem Moment sprangen sie mich an.

Ich fuhr erschrocken hoch, aber Schmerz stach mir so grausam durch die Brust, dass mir die Luft wegblieb.

»Ganz ruhig«, sagte eine Frauenstimme an meinem Ohr. Ich wandte den Kopf und blickte mich um. Da war niemand. Es war immer noch Nacht. Ich sah ein Blinken farbiger Lichter. Das mussten medizinische Geräte sein. Ich war in Sicherheit. In der Ferne war Gewehrfeuer zu hören. Die Zeit des Chaos war also angebrochen. Ich schloss die Augen.

»Ganz ruhig«, sagte die Stimme. Es musste der MedComp am Kopfende meines Bettes sein, der über mich wachte. In beiden Armbeugen spürte ich Nadeln. Ich atmete ganz langsam und vorsichtig. Der dünne Plastikschlauch in meinem linken Nasenloch befächelte meine Schleimhäute mit kühlem Sauerstoff. Die Laken gaben mir ein Gefühl der Geborgenheit. Ich ließ den Schmerz zurück und trieb davon in den Schlaf.

 

Als ich wieder aufwachte, war es Tag. Trübes Licht fiel durch die Milchglasscheiben der Tür und die gekippte Jalousie. Aus dem schmalen Schlitz unter der Decke zischte klimatisierte Luft in den Raum wie durch zusammengebissene Zähne. Sie war wohltuend kühl und trocken. Ich hob das vom Schlaf erhitzte Linnen, um meine Haut zu erfrischen. Ich wollte mich aufrichten, aber augenblicklich festigte der Kokon, der meinen Oberkörper einhüllte, seinen Griff.

Auf dem Gang wurden Stimmen laut. Die Tür wurde geöffnet.

»Sie haben Besuch«, sagte die Schwester und über die Schulter: »Kommen Sie herein, Mademoiselle La Maire. Hier liegt er.«

Es war Anette Galopin, die Bürgermeisterin persönlich, wie ich an der Amtsspange auf der Brust ihrer hellblauen Burqa erkannte. Eine weitere Gestalt drängte hinter ihr herein: Henri Frébillon, eine dicke Zigarre paffend. Der rotblonde Backenbart, der seine fleischigen Backen umrahmte, stand ab wie gezupfte Baumwolle. Seine Bartpflege war ausschließlich seinem wild sprießenden Schnauzer gewidmet, dessen äußerste Enden in stattlichen Hörnern nach unten gezwirbelt waren, was seinem rosigen Gesicht einen gewichtig pathetischen und zugleich lustigen Ausdruck verlieh. Wenn er traurig dreinblickte, sah er eher einem Walross, wenn er lächelte, eher einem lüsternen, verschmitzten Keiler ähnlich.

Er nahm die Zigarre aus dem Mund. »Hallo, mein Freund«, sagte er und hob die Hand zum Gruß. Die Schwester benutze die Gelegenheit, um sich seiner Zigarre zu bemächtigen und sie resolut im Waschbecken zu löschen.

»He!«, protestierte er. »Das war eine echte Sanchos! Haben Sie eine Ahnung, wie viele Lichtjahre die gereist ist, um hierher zu gelangen?«

 

»Hier wird nicht geraucht«, erwiderte die Schwester unbeeindruckt und zog die Jalousie auf. »Nehmen Sie doch bitte Platz, Mademoiselle.« Sie fuhr den Kopfteil meiner Liege hoch, dann schob sie der Bürgermeisterin einen Sessel neben das Bett.

 

Frébillon sah sich vergeblich nach einer weiteren Sitzgelegenheit um und zuckte resignierend die Achseln, als die Schwester dem keine Beachtung schenkte und das Zimmer verließ. Er drehte den breitkrempigen Hut, über dessen Spitze er den Schleier gefaltet hatte, unschlüssig vor der Brust, dann legte er ihn zu meinen Füßen auf die Bettdecke.

 

»Wie geht es, Monsieur Palladier?«, fragte Mademoiselle Galopin mit ihrer dunklen Stimme und schlug ein Bein übers andere. Ein schlanker Fuß kam unter dem Saum ihres Gewands zum Vorschein, der in einem schmalen schwarzen, mit Silber beschlagenen Schuh steckte. Ich betrachtete ihn entzückt.

»Den Umständen entsprechend gut, Mademoiselle«, krächzte ich. »Und solange Henri keine Witze erzählt, was er ja in Ihrer Gegenwart nicht wagen wird, spüre ich meine Rippen … ah … kaum.«

Frébillon, der missmutig seine ruinierte Zigarre aus dem Waschbecken gefischt hatte und sie bekümmert betrachtete, blickte auf und brach in ein polterndes Lachen aus. Aber es klang nicht so unbeschwert wie sonst.