Brent Weeks
Schattenblender
Roman
Deutsch von Michaela Link

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»The Broken Eye (03 The Lightbringer) Part Two«
bei Orbit, Hachette Book Group USA, Inc., New York.
Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2015
bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Copyright © der Originalausgabe 2014 by Brent Weeks
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015
by Verlagsgruppe Random House GmbH, München,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft, unter Verwendung
einer Illustration von Larry Rostant
Kartenillustration: Chad Roberts Design
Redaktion: Alexander Groß
HK – Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-16141-5
V002
www.blanvalet.de


1
»Ihr wart nicht ganz ehrlich zu mir«, sagte Karris, sobald die Sekretäre und Sklaven die Gemächer der Weißen geräumt hatten, um die beiden allein zu lassen.
»Ich fürchte, ganz ehrlich bin ich nur gegenüber Orholam allein, und auch das nur, wenn er mich dazu zwingt«, erwiderte die Weiße.
»Schluss damit!« Karris’ Stimme klang gereizt. »Versucht nicht, die Sache ins Religiöse zu drehen. Ich übernehme Euer Netzwerk von Spionen nicht deshalb, weil Ihr an Eure Gemächer gefesselt seid und Ihr sie nicht alle selbst aufsuchen könnt.«
»Ach ja?«
»Zumindest ist das nicht der einzige Grund«, fügte Karris hinzu.
Die Falten der Weißen vertieften sich durch ihr Lächeln. Sie hatte natürlich jede Menge Runzeln im Gesicht, und die Lachfalten waren nicht so tief wie die Sorgenfalten. »Rollt mich ans Fenster, meine Liebe.«
Mit missmutigem Gesicht tat Karris wie geheißen. Man konnte den Stuhl der Frau nicht durch ihre Gemächer schieben, ohne sich schmerzlich dessen bewusst zu werden, wie dünn und schlaff ihre Haut war, wie zerbrechlich die Knochen. Es war, als kündige der Tod durch diese Hinweise darauf, wie wenig diese Frau noch von einem Skelett trennte, schon einmal dezent an, wie nahe das Ende ihrer Dienstzeit auf Erden bevorstand.
»Moment. Wollt Ihr mir absichtlich ins Gedächtnis rufen, wie gebrechlich Ihr seid, nur damit ich Euch nicht anschreie?«
Die Weiße lachte. »Nicht alles ist ein Trick, Mädchen.«
Die Falte zwischen Karris’ Brauen wurde tiefer. »Oh. Nun gut, dann tut es mir leid.«
»Das aber war einer.«
Das Grinsen der Weißen war ansteckend, und Karris konnte nicht umhin, mit ihr zu grinsen. Sie nahm all ihre Gedanken über das Nahen des Todes zurück. Diese Frau würde ewig leben. Irgendwie glich Orea Pullawr einem kleinen Mädchen, das beim Mopsen von Süßigkeiten erwischt worden war und dann lächelte, als wollte es sagen: »Mammi, du kannst gar nicht wütend auf mich sein, ich bin doch so niedlich!« Und im gleichen Moment war sie die weiseste alte Schachtel auf der ganzen Welt.
Karris konnte es nicht ertragen, sie zu verlieren. Sie setzte sich mit dem Rücken zu der blauen Luxin-Wand auf den Boden und blickte zu der Frau auf, die ihr Heldin und Mutter geworden war. »Bitte, verlasst mich nicht«, sagte sie. Sie konnte nicht anders.
»Nicht, ehe meine Zeit gekommen ist, Mädchen«, erwiderte die Weiße.
Karris’ Gesicht wurde erneut missmutig. »Nun ja, das hat nichts zu sagen.«
Die Weiße machte eine wegwerfende Handbewegung. »Pah. Sterbende Menschen sagen ständig Sachen, die nichts zu sagen haben. Wie wäre es damit: ›Solange ich in Eurem Herzen bin, werde ich niemals wirklich sterben.‹ Ha! Sperrt mich nach meinem Tod bitte nicht in Eurem Herzen ein, Mädchen. Da bekomme ich Platzangst.«
»Wie wäre es mit: ›Ich werde über Euch wachen‹?«, fragte Karris nur halb im Scherz.
»Ganz bestimmt – verbringt also nicht mehr so viel Zeit in Latrinen, denn das möchte ich nicht sehen!«
Karris lachte. Und dann schaffte sie es nicht, zur Sprache zu bringen, weshalb sie hergekommen war. Mit ihrem Mut war es heute nicht weit her.
»Ihr habt ein kleines Gespräch mit Marissia geführt«, half ihr die Weiße.
»Ich komme gerade von ihr, aber woher wisst Ihr das? Ich habe gedacht, wir beide würden jetzt all Eure Spione kennen!«
»Was brauche ich Spione, wenn ich Augen habe?«
»Wieso …?«
»Oder eine Nase. Ihr stinkt nach diesem Whisky, den sie trinkt, Zackenfels – was bedeutet, dass sie versucht hat, Frieden zu schließen. Andernfalls hätte sie Euch dieses Gesöff zu trinken gegeben, Kargmoor.«
Oh. Richtig. Nicht alles drehte sich um Spione und Verrat. Man musste immer noch Verstand und Sinne einschalten. Karris holte tief Luft. »Ihr habt mich ins Boot geholt, um mich zur Kontaktfrau Eurer Spione zu machen. Das habt Ihr jedenfalls so gesagt. Aber Ihr habt bereits Marissia. Sie betreut Eure Spione schon seit Jahren, nicht wahr?«
»Ja«, bestätigte die Weiße.
»Also, warum habt Ihr mich gebeten zu tun, was sie bereits tut, wahrscheinlich besser, als ich es je hinkriegen werde? Habt Ihr einfach nur versucht, mir eine Aufgabe zu geben? Habt Ihr geglaubt, ich würde mich sonst umbringen – ohne Gavin, ohne die Schwarze Garde?«
»Für mich seht Ihr nicht wie eine Selbstmordkandidatin aus.«
Karris erklärte: »Das bringt mich alles nicht weiter. Bitte, sagt mir die Wahrheit.«
Die Weiße lächelte traurig. »Seit vielen Jahren ist Marissia jetzt schon für meine Spione innerhalb der Chromeria zuständig. Und die Spione von außerhalb habe ich persönlich betreut. Sie ist sehr, sehr gut. Sie wäre bei dieser Arbeit noch besser als ich, wäre da nicht die Tatsache, dass ich die Weiße bin und es einen besonderen Eindruck macht, mich persönlich zu treffen. Bei dem Spion, mit dem wir es nun in dieser speziellen Angelegenheit zu tun haben, ist jedoch nicht ganz klar, ob besagte Person als eine interne Angelegenheit der Chromeria zu betrachten ist oder als eine Bedrohung von außen.«
Also übertrug die Weiße lediglich einen Spion von der einen Betreuerin auf die andere. »Das ist alles?«, fragte Karris.
»Ist das nicht zur Sprache gekommen, als Ihr Eure Auseinandersetzung mit ihr gehabt habt?«, wollte die Weiße wissen.
»Es wurden zwischen uns nicht allzu viele Worte gewechselt.«
»Oje. Ihr habt ihr doch nicht die Knochen gebrochen, oder, Liebes?«
Karris zuckte mit keiner Wimper. »Ihr wärt überrascht darüber zu erfahren, wie viel Schmerz ich jemandem zufügen kann, ohne dass dauerhafte Schäden zurückbleiben.«
Die Weiße zuckte zusammen.
»Aber das ist nun also wirklich alles?«, hakte Karris nach. So viel Spaß es ihr machte, die Weiße in einer so harmlosen Angelegenheit in die Irre zu führen – Karris hatte sich offenbar fürchterlich von etwas auf die Palme bringen lassen, was sich nun als etwas absolut Triviales entpuppte.
Die Weiße hob die Hände. »Es steckt nicht immer ein großer Plan dahinter.«
Bei Euch schon, hätte Karris beinahe gesagt. Stattdessen sagte sie: »Ich hätte einen entsprechenden Hinweis gebrauchen können.« In Bezug auf Marissia, meinte sie.
»Es war notwendig, dass Ihr mit ihr reinen Tisch macht. Ich hatte eigentlich erwartet und erhofft, dass Ihr es schon vor längerer Zeit von Euch aus erledigt hättet. Vielleicht tut Euch Eure Enthaltsamkeit von Rot und Grün ein wenig zu gut.«
»Was das betrifft«, sagte Karris. »Wie lange muss ich noch …«
»Nichts da.«
»Aber …«
»Nein.«
»Ich habe …«
»Auf keinen Fall.«
»Also schön«, gab Karris nach. »Wenn Ihr mich nun bitte entschuldigen wollt, ich verspüre den Wunsch, in den Trainingsraum zu gehen und irgendetwas kurz und klein zu schlagen.«
»Ihr seid entlassen. Ich bin mir sicher, Marissia ist schon ganz gespannt darauf, herzukommen und mir ihre Version der Ereignisse zu liefern.«

2
Kip erwachte aus einem neuen Alptraum, in Schweiß gebadet, die Fäuste so fest geballt, dass er die Hände massieren musste, damit sie nicht verkrampften. Er versuchte, sich an die Einzelheiten des Traumes zu erinnern, doch das war, als würde er versuchen, nach Rauch zu greifen. Er richtete sich auf.
Ein explodierender Kopf, die ihre Segnungen spendende Musketenkugel, ja, das war es gewesen. Schon wieder.
Draußen grollte Donner. Sicher hatte der Sturm, der die Jasperinseln umtoste, die Alpträume ausgelöst. Es hatte nichts zu bedeuten.
Moment, das war aber erst der zweite Traum gewesen. Im ersten Traum war er wieder an Deck des Wanderers gewesen, hatte den Dolch in seinem Vater versenkt und all die Wut des verlassenen Jungen herausgelassen, während die Augen seines Vaters sich weiteten …
Gavin hatte Kip angesehen. In diesem Blick hatte Kip ein Akzeptieren des Geschehens gesehen, die Selbstaufopferung für seinen Sohn. Kip hatte in diesem Blick die Entscheidung für die Liebe gesehen und das Wissen um die Kosten, ohne sich davon abschrecken zu lassen.
Was Kip damals nicht gesehen hatte, waren prismatische Augen. Das Licht war schlecht gewesen – schließlich war es Nacht –, aber Kips Augen hatten sich ganz an die Dunkelheit angepasst gehabt, und er erinnerte sich richtig. Er war sich sicher.
Kip stand auf, schüttelte die Alpträume ab, die noch an ihm klebten wie verhasste Spinnweben, und ging hinaus. Er war noch nie in den Räumlichkeiten der Luxiaten gewesen, aber er erinnerte sich daran, dass Quentin gesagt hatte, sein Zimmer befinde sich im blauen Turm, auf dem Stockwerk, das »Gerechtigkeit« genannt wurde, dem sechsten. Die Luxiaten gaben den Stockwerken bisweilen die Namen von Sünden (für die lichtabgewandten Seiten der Türme) oder Tugenden (für die hellen Seiten). Eine einst von den Altardienern geprägte Gedächtnisstütze, die schon so alt war, dass sie unter den Luxiaten allgemein üblich geworden war.
Er fand das Stockwerk und betrat dreist das Quartier der Luxiaten. Es war eine kasernenähnliche Unterkunft, wie auch diejenigen der Schwarzgardisten oder der Scholaren, daher war es kein Problem, die richtige Abteilung und in den Reihen Quentins Bett zu finden. Er stupste den schlafenden Luxiaten an.
»Oh, es kann doch nicht schon Zeit für die Morgengebete sein …« Beim Anblick der über ihm aufragenden Gestalt brach Quentin ab, und um seine Iris trat das Weiß seiner Augen voll hervor.
Manche Menschen schlagen um sich, wenn sie Angst haben. Quentin gehörte zu der Sorte, die einfach erstarrte.
Eine Weile blinzelte er nicht, atmete nicht. Es dauerte länger, als Kip erwartet hätte. Bestimmt erkannte ihn Quentin doch?
»Ich habe eine Frage an dich«, sagte Kip leise, um die anderen Schläfer nicht zu stören.
Das schien den Luxiaten irgendwie aus seiner Erstarrung zu reißen, und er holte tief Luft und stieg aus dem Bett. Sein Körper war dürr und hager, überhaupt keine Muskeln. Kip war so sehr daran gewöhnt, die vom Training gestählten Körper der Schwarzgardisten um sich zu haben, dass ihn der Anblick irgendwie schockierte – obwohl Quentins Körper mit Sicherheit eher ein normaler Körper war als diejenigen der Schwarzgardisten.
Und wieder einmal musste er unwillkürlich denken: Mein Vater hat das mit Absicht so eingerichtet. Er hat mich mit den Besten umgeben, damit ich mich stets mit ihnen würde vergleichen müssen, damit ich mich immer anstrenge, es ihnen gleichzutun. Es war ein wenig zynisch und sehr klug; kurzfristig etwas gemein und langfristig wahrscheinlich das Beste. Verdammt. Gavin Guile war zu Recht eine Legende.
Quentin folgte ihm auf den Flur hinaus. »Das, ähm, trifft sich gut«, sagte er. »Ich habe gerade das Regalsystem begriffen.«
»Was hast du?«
»Für die Bibliothek. Wie die Bücher eingeordnet werden.«
»Ach so, das. Wunderbar. Hör mal, du musst mir erklären, wie ein Prisma gewählt wird. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.«
Quentin trottete neben ihm her, und sie unterhielten sich mit gesenkten Stimmen. »Gewählt? Die Prismen werden nicht gewählt. Sie werden entdeckt. Ich meine, sie werden natürlich schon gewählt – von Orholam.«
»Schon klar«, sagte Kip. »Natürlich. Also, wie werden sie ›entdeckt‹?«
»Alle Luxiaten erstatten ihren Vorgesetzten Bericht, geben die Namen in Frage kommender Anwärter aus ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen weiter, diese Vorgesetzten leiten ihre Informationen die nächsten Stufen in der Hierarchie des Magisteriums hinauf, und schließlich treffen sich die Hohen Luxiaten mit dem Spektrum, um über die Sache zu beraten und die zu ihnen geschickten Kandidaten unter die Lupe zu nehmen.«
»Lass mich raten: Wer immer geschickt wird, stammt stets aus einer der führenden Familien.«
Quentin blinzelte, dann verdrehte er die Augen, als er sich zu erinnern versuchte. »Mit einer möglichen und einer definitiven Ausnahme – ja, zumindest während der vergangenen zweihundertzweiundzwanzig oder -dreiundzwanzig Jahre.«
»Und das kommt dir nicht merkwürdig vor?«
»Es ist ganz und gar nicht merkwürdig. Es ist ja nicht so, als wärst du der Erste, dem das auffällt, Kip. Brecher? Warum nennen dich deine Freunde eigentlich … Vergiss es. Es ist ein Beweis mehr, dass Orholam die politische Ordnung der Sieben Satrapien gesegnet hat. Und die Ausnahmen beweisen, dass Orholam alle Menschen sieht; und wenn jene Edelleute Orholams Missfallen erregen, ist er stets mehr denn willens, sich über die Niederungen unserer menschlichen Politik zu erheben.«
»Praktisch, dass die Rechnung für euch in jedem Fall aufgeht, so oder so.«
Quentin schwieg ihn vorwurfsvoll an. Schließlich sagte er: »Hast du mich nur geweckt, um mich zu verspotten?«
Kip war nicht wütend auf Quentin, der ohnehin seine Naivität allmählich abzulegen schien, wenn es ihm auch in nicht unerheblichem Maße Kummer und Schmerzen bereitete. Es war sein Großvater, auf den Kip sauer war. Wenn es irgendeinen Ort gab, der frei von Politik sein sollte, so fand Kip, sollte es das Haus Orholams sein. Aber das war nicht Quentin vorzuwerfen.
»Nein. Ich wollte dich fragen, wie ein Prisma … ähm, eingesetzt wird? Heißt es so? Oder wird man zum Prisma erhoben? Was auch immer. Gibt es da eine Zeremonie?«
»Tatsächlich heißt es ›geweiht‹.«
»Und wie geschieht das?«
Quentin wirkte ein wenig verärgert darüber, dass ihn Kip extra wegen dieser Frage geweckt hatte. »Es ist alles sehr geheim. Es wird ein Fest veranstaltet. Zuerst gibt es eine Trauerfeier für das verstorbene Prisma, und jedes Licht in der Stadt und der Chromeria wird über Nacht gelöscht, bis auf die großen Kohlenfeuer, die sie in den Türmen für die Tausend Sterne entzünden. Die Menschen treffen sich auf den Straßen und trinken, sie betrauern ihre eigenen Toten und singen Lieder, und nur diese kleinen Lichtfeuer bleiben übrig.«
»Wie läuft dann die eigentliche Zeremonie ab?«
»Darüber wissen nur das Spektrum und die Hohen Luxiaten Bescheid. Und selbst dem Spektrum wird vermutlich nur gesagt, was es in jener Nacht zu tun hat. Ich meine, was Dinge betrifft, die sie für wichtig halten, können die Hohen Luxiaten sehr verschwiegen sein, und es gibt wohl kaum etwas noch Wichtigeres.«
»Wer ist gegenwärtig im Spektrum, der auch schon vor siebzehn Jahren dabei war?«
»Du meinst, als Gavin zum Prisma gemacht wurde?«
»Richtig.«
»Dein Großvater natürlich. Die Weiße … und ich glaube, das war es auch schon. Es sind schwere siebzehn Jahre gewesen.«
»Ließe sich in der zugangsbeschränkten Bibliothek etwas darüber finden?«, fragte Kip.
»Worum geht es, Kip?«
»Es geht um ein Messer.«
»Ein was?«
»Ein Messer. Vielleicht ein heiliges Messer.« Kip hielt inne. »Was ist da gerade mit deinem Gesicht passiert?«
»Passiert? Wieso?«
Plötzlich war Kip misstrauisch geworden. »Weißt du etwas darüber, Quentin?«
Sie hatten die zugangsbeschränkte Bibliothek erreicht. »Warten wir besser, bis wir drinnen sind«, wich Quentin aus.
Kip verstellte die Bedienfelder, um den diffusen gelben Schein des Luxin-Lichts in den verdunkelten Raum zu lenken. Voll beleuchtet sah Quentin auch nicht besser aus.
»Kip, ich … ich habe gelobt, dir alles zu erzählen, wonach du fragst.«
»Aha, gut.«
»Und es ist mir … nicht direkt verboten worden, diese Sache an andere weiterzugeben, aber ich weiß, dass sie eigentlich nicht dazu bestimmt ist, erzählt zu werden. Wenn du das nun von mir verlangst, dann geht so ein Gelöbnis gegenüber der losen Übereinkunft zu schweigen wohl vor, dennoch fühle ich mich dabei sehr unbehaglich.«
»Heraus damit«, forderte Kip.
»Also zwingst du mich dazu?«
»Ganz genau.«
»Einer der Hohen Luxiaten hat mir verraten, dass sie vor etwa sechzehn oder siebzehn Jahren etwas sehr Wichtiges verloren hätten. Er sagte, Andross Guile habe es genommen und dann behauptet, es sei verloren gegangen.«
Kip warf sich in seinem Stuhl zurück, sodass er auf die Hinterbeine kippte, und schnaubte heftig. »Ich hatte recht«, sagte er. »Ich bin einfach aufgewacht und hab Bescheid gewusst. O Mann.«
Es war die Blendende Klinge – oder, wie Andross sie genannt hatte, das Messer des Blenders. Hätte Kip nicht den ganzen Tag von früh bis spät arbeiten, lernen und kämpfen müssen, bis er ins Bett fiel und dann die meiste Zeit der Nacht Alpträume hatte, bevor die ganze Prozedur, nur noch härter, am nächsten Tag weiterging, wäre er schon viel früher darauf gekommen.
Kip hatte auf Janus Borigs Mörder Vox mit dieser Klinge eingestochen, und der Mann hatte plötzlich kein Grün mehr wandeln können, als er und Kip sich im gleichen Moment Auge in Auge gegenüberstanden. Es hatte Kip das Leben gerettet. Vox hatte noch geschrien: »Atirat! Atirat, komm zurück!« Atirat, die grüne Göttin.
Kip hatte einen der grünen Halbgötter oben auf dem Gottesbann erstochen, und das Messer hatte der Frau ihre Farbe geraubt.
Kip hatte geglaubt, Zymun habe Gavin mit dem Messer getroffen, damals auf ihrer Flucht am Ende der Schlacht um Garriston. Und das hatte er auch getan.
Kip dachte erneut an den Kampf auf dem Schiff, an Grinwoodys wütend verzerrtes Gesicht und die wilden Schläge, an Andross Guiles intensive Konzentration und an Gavins Selbstaufopferung und an seine eigenen Schuldgefühle wegen seiner Unfähigkeit und daran, dass er seinem Vater um ein Haar den Tod gebracht hätte – und wenn er die richtigen Dinge aussiebte und alles andere beiseiteließ, dann war plötzlich alles klar. Und die richtigen Dinge waren Gavins Augen und das Messer. Gavin hatte Kip angesehen, und seine Augen hatten nicht mehr mit der lichtbrechenden Eleganz der Augen eines Prismas gefunkelt, und dann hatte Kip den Dolch wachsen sehen.
Auf dem Deck von Kanoniers Schiff hatte Kip miterlebt, wie dieser Dolch aus Gavins Brust gezogen wurde. Es war nun kein Dolch mit einem einzelnen, blau glänzenden Juwel mehr gewesen, sondern ein funkelndes, schwarz-weißes Schwert mit sieben strahlenden Edelsteinen in der Klinge.
Angestrengt versuchte Kip, sich daran zu erinnern, wie die Augen seines Vaters in diesem Moment ausgesehen hatten, aber Gavin war in der Dunkelheit fünf Schritt von ihm entfernt gewesen, hatte vor Schmerz geschrien und die Augen entweder zusammengekniffen oder den Blick abgewandt.
Dann eben nicht die Augen von Gavin, sondern die von Andross Guile. Kip hatte ihm direkt gegenübergestanden, und er hatte die zerbrochenen Halos in seinen Augen gesehen. Und seither hatte er seine Augen wiedergesehen. Kip hatte den Dolch in jener Nacht in Andross’ Schulter gerammt, wenn auch nur für einen kurzen Moment.
Die Blendende Klinge war es, die Menschen zu Prismen machte. Und ebendas hatte sie Gavin auch wieder genommen.
»Was ist los? Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Quentin.
»Nun, dir werde ich es jedenfalls nicht sagen. Ich weiß, dass du kein Geheimnis für dich behalten kannst.«
Quentin sah aus, als wäre ihm übel.
»Quent. Ich mache doch nur Spaß.«
»Also dann sag mir, was ist los!«
Kip schüttelte den Kopf. »Dass ich es dir nicht sagen will, war kein Spaß – und ich werde es dir auch nicht sagen. Ich mag dich, Quentin, aber ich kenne dich kaum, und ich weiß nicht, wie viel von dem, worüber wir sprechen, du den Luxiaten weitererzählen wirst, wenn sie dich dazu zwingen. Ich würde es dir nicht einmal zum Vorwurf machen. Einigen dieser Leute gegenüber ist es sehr schwer, Nein zu sagen. Es war nur Spaß, dass du kein Geheimnis für dich behalten kannst.«
»Aber das war nicht wirklich Spaß«, beharrte Quentin.
»Ich habe deine Charakterfestigkeit nicht in Frage gestellt.«
»Doch, hast du wohl.«
»Ja, gut, habe ich.« Kip zuckte die Achseln. »Dann sag mir, dass das unvernünftig von mir ist.«
Quentin öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder. »Es mag vernünftig sein, aber für mich ist es nicht schön.«
Deshalb war Andross Guile so sehr auf das Messer konzentriert gewesen. Kip hatte ihn für ein Ungeheuer gehalten, weil ihm das Messer wichtiger war als sein eigener Sohn. Aber für Andross war es nicht einfach nur ein Messer, es war die Zukunft aller Satrapien. Die Blendende Klinge war der Schlüssel zur Schaffung eines neuen Prismas.
Und Kips Mutter – seine von Drogen umnebelte, hasserfüllte, elende Keifzange von einer Mutter – hatte sie vor siebzehn Jahren gestohlen. Und war damit verschwunden.
Es hatte bedeutet, dass Gavin nicht ersetzt werden konnte. Die meisten Prismen hielten sich sieben Jahre oder vierzehn, aber trotz seiner Konflikte mit dem Spektrum und mit seinem Vater war Gavin nicht ersetzt worden. Weil sie ihn gar nicht ersetzen konnten. Sie hatten jenes eine Werkzeug verloren, mit dem die Gabe der Prismenschaft übertragen wurde – und mit dem sie wahrscheinlich auch genommen wurde. Sie töteten das alte Prisma mit der Klinge, diese nahm ihm oder ihr die Macht, und irgendwie übertrug sie diese auf das neue Prisma.
Es erklärte noch nicht alles: Wie hatte es während des Krieges zwei Prismen geben können? Oder wie hatte Dazen vortäuschen können, ein Prisma zu sein? Aber dass die Klinge ein Quell der Macht war – dessen war sich Kip sicher. Er hatte den Beweis dafür gesehen.
Gütiger Orholam, erbarme dich unser. Was geschah, wenn das vorherige Prisma seine Macht nicht aufgeben, nicht sterben wollte? Sie waren für gewöhnlich jung. Wer wollte schon sterben?
Dafür gab es die Schwarze Garde. Um das Prisma für die Satrapien zu schützen und, wenn nötig, zum Schutz der Satrapien vor dem Prisma.
Was das wohl für ein Schauspiel war, wenn ein Prisma das Spektrum so sehr verärgert hatte, dass es seines Amtes enthoben wurde und sie beschlossen, es zu töten? Mit Sicherheit war es dann Aufgabe des Hauptmanns, vielleicht mit dem einen oder anderen Schwarzgardisten als Hilfe an seiner Seite, das amtsenthobene Prisma zu töten und ihm seine Gabe zu nehmen. Zum Wohle der Satrapien.
Kein Wunder, dass sie das Ganze geheim hielten. Das Töten eines Prismas könnte sogar notwendig werden. Mit allen Wandlern ging es irgendwann zu Ende, und sie mussten getötet werden, also hatten sicherlich auch Prismen einen Preis für ihr unablässiges Wandeln zu zahlen. Vielleicht verloren sie den Verstand.
Aber Prismen waren dazu da, die anderen zu befreien. Wenn Schwarzgardisten ein voller Angst schreiendes Prisma überwältigten und töteten, war das gewiss kein guter Moment, um den Glauben der Gemeinde zu stärken.
Kein Wunder, dass es eine Nacht des Trauerns und der Dunkelheit war.
»Du siehst nicht besonders gut aus«, bemerkte Quentin.
»Ich fühle mich auch nicht besonders gut.« Es bedeutete außerdem, dass Gavin Guile nun kein Prisma mehr war. Selbst wenn die Schwarze Garde ihn jetzt fand, wäre er für sie nutzlos.
Es wäre also besser, das Messer zu finden, bevor der Farbprinz es fand.
Und all das hatte Andross Guile binnen einer Sekunde verstanden. Er hatte sofort gehandelt. Kip war sich nicht sicher, ob das ein Grund war, den Mann zu bewundern oder ihn zu hassen.
Aber Gavin war nicht tot. Im Gegensatz zu jedem Prisma vor ihm hatte er überlebt. Weil er einzigartig war. Vielleicht in der gesamten Geschichte.
»Quentin, hast du nicht gesagt, du hättest herausgefunden, nach welchem System die Bücher hier in die Regale eingeordnet sind?«
»Ja, erst gestern. Sollte jetzt kein Problem mehr sein herauszufinden, was immer du über irgendjemandes Familie wissen willst – oder selbst über die schwarzen Karten.«
»Ich werde dir vertrauen müssen, Quentin. Kann ich das?«
»Das ist eine unlogische Frage, oder? Gesetzt, ich wäre nicht vertrauenswürdig, würde ich dann nicht trotzdem sagen, dass ich es bin?«
»Während du, wenn du vertrauenswürdig wärst, auf die mangelnde Logik dieser Frage hinweisen würdest«, meinte Kip.
Quentin hob einen Finger, um zu protestieren, aber dann klappte er ihn wieder ein. Er wirkte zuerst verwirrt und dann irgendwie erfreut, als hätte Kip ihm einen besonders nützlichen Trick beigebracht. »Ach. Oh. Aha. Ich verstehe. Danke. Wie kann ich dir zu Diensten sein?«
»Vergiss die Ahnentafeln, vergiss die schwarzen Karten. Ich will alles wissen, was du über den Lichtbringer in Erfahrung bringen kannst.«