Kapitel 2
Der Tod der Professorin brachte den Sorgenmacher in mir auf Touren. Anders als viele Leute in unserer Gegend, die sich anscheinend erst daran erinnerten, dass sie Kinder hatten, wenn diese neben einem Mann in blauer Uniform auf der Matte standen, wusste ich gern, wo meine waren und was sie trieben. Colin konnte es nicht leiden, wenn ich »verdammte Weicheier« aus ihnen machte, indem ich sie von der Schule abholte, doch heute musste ich unbedingt die Gedanken an die Toten abschütteln, indem ich die Lebenden in die Arme schloss. Ich wollte ihren »Gleich nach der Schule«-Geruch einatmen, jenen feuchten Dunst, der in ihren Kleidern hing, irgendwas zwischen Schulessen, stickigen Klassenzimmern und dem Mief der Kinder anderer Leute. Sie mochten die Professorin und hatten oft in dem riesigen Garten gespielt, während ich arbeitete. Ich wollte ihnen sagen, dass sie gestorben war, ohne dass Colin im Hintergrund hämische Kommentare abgab.
Ich stand in den verblassten Hopse-Kästchen auf dem Schulhof und reckte den Hals. Bronte kam oft als Erste heraus und marschierte mit einer Miene durch das Gedrängel und Geschubse, über die Colin und ich oft als ihr »Verpiss dich lieber«-Gesicht lachten, kurz VDL. Der heutige Tag war keine Ausnahme. Während um sie herum Mädchen mit halb offenen Rucksäcken aus der Tür gestürmt kamen, die Strümpfe bis zu den Knöcheln abgerutscht und mit weit herunterhängenden Schals, wand Bronte sich mit der Anmut einer Ballerina durch die Menge, das dunkle, lockige Haar noch immer mit Spangen aus dem Gesicht gehalten, den Reißverschluss der Jacke hochgezogen, und beachtete das Gewühl um sie herum gar nicht. Sie hatte mehr Selbstbeherrschung in ihrem neun Jahre alten kleinen Finger, als ich in drei Jahrzehnten zustande gebracht hatte. Als sie mich sah, lächelte sie, aber Enthusiasmus gehörte eigentlich nicht zu ihrem Wesen.
»Mum! Was machst du denn hier?«, fragte sie in einem Tonfall, der einen dünnhäutigeren Menschen hätte kränken können.
»Ich musste zur Post, also hab ich gedacht, ich geh mit dir nach Hause. Ich hab heute schlechte Nachrichten bekommen, deswegen wollte ich ein bisschen frische Luft schnappen.«
Bronte musterte mich argwöhnisch. Ich konnte sehen, wie sie dichtmachte, bereit, jegliche Bedürftigkeit meinerseits abzuschmettern. »Was denn?«
»Erinnerst du dich an Rose Stainton, die Englischprofessorin mit der großen weißen Villa? Sie ist letzte Woche gestorben.«
Bronte schaute zu Boden. »Die konnte ich gut leiden. Die war nett.« Ich wartete darauf, dass sie mich etwas fragte, irgendetwas. Wahrscheinlich dachte ich, sie würde vielleicht weinen. Doch sie hatte sich in sich zurückgezogen und sperrte mich aus.
Ich brach das Schweigen. »Soll ich deine Tasche nehmen?« Dabei sehnte ich mich schmerzlich danach, sie ganz fest zu drücken, doch ich tat es nicht. Niemand hatte die Bügelbrett-Nummer so gut drauf wie Bronte.
»Okay«, antwortete sie mit einem kleinen, einseitigen Achselzucken. »Warten wir auf Harley?«
Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, kam er aus dem Schulgebäude geschossen, den Parka unter dem Arm, das weiße Polohemd fast ebenso grau wie seine Hose. Mit dem völligen Unverständnis eines Zehnjährigen in Bezug auf Masse, Geschwindigkeit und Energie krachte er in mich hinein. Ich taumelte rückwärts gegen die Frau mit den strähnigen Haaren neben mir, deren »Pass doch auf!« ihn in keiner Weise bremste. Völlig unbefangen schlang er die Arme um mich, und seine grauen Augen strahlten zu mir empor. Ich ließ das Gesicht auf seinen Kopf sinken, atmete ihn ein und wand meine eiskalten Finger in die warme Kuhle, wo sich sein Haar über den Kragen lockte. Er zog die Schultern hoch, als er die Kälte spürte, aber er schob mich nicht weg. Harley verbarg seine Gefühle niemals, sie marschierten Hand in Hand über sein Gesicht, hockten in den Winkeln seines Körpers, barsten aus seinen Worten hervor.
»Was machst du denn hier? Ich wusste gar nicht, dass du heute kommst. Voll klasse! Können wir zum Bäcker gehen und uns was Süßes holen?«
Ich musste unbedingt Nein sagen. Liebesknochen würden den Stapel unbezahlter Rechnungen nicht kleiner werden lassen. In meiner Tasche konnte ich ein paar Ein-Pfund-Münzen fühlen, dick und schwer. Bronte ging neben mir her, während Harley sich die Nase an Autofenstern platt drückte, Lenkräder begutachtete und alles Mögliche über Radkappen und Hubraum johlte, von dem ich nicht einmal mehr so tat, als verstünde ich es. Ich wartete, bis er damit fertig war, durch die dunkel getönten Scheiben eines BMWs zu spähen, ehe ich ihm von der Professorin erzählte.
»Die war echt voll in Ordnung, stimmt’s? Bist du traurig?« Harley blieb stehen und umarmte mich. »Woran ist sie denn gestorben?«
Diese Frage war der Beginn einer ausführlichen Diskussion darüber, was nach zwanzig Jahren noch von einem Leichnam übrig ist, ob Würmer auch Augäpfel fressen, ob Zähne sich auflösen und ob ich jemanden kennen würde, der lebendig in einen Sarg gelegt worden wäre. Fast war mir Brontes Gleichgültigkeit lieber. Es gelang mir, Harley abzulenken, indem ich ihm einen Mercedes SLK zeigte, der mit Sicherheit einem der ortsansässigen Drogenhändler gehörte.
Dann wandte ich mich wieder Bronte zu. »Also, mit wem hast du heute gespielt?«
»Mit niemandem.«
»Mit irgendjemandem musst du doch gespielt haben.«
»Na ja, hab ich aber nicht«, gab Bronte zurück.
»Dann hast du also die ganze Pause allein dagesessen?«
»Ja.«
Ich seufzte. Colin musste nie mit Gewalt ein Gespräch aus Bronte herausquetschen. Die beiden lagen stundenlang im Wohnzimmer auf dem Boden und kicherten. Sie hatte ihn dazu überredet, mit ihr mit ihren Polly-Pocket-Figuren zu spielen; seine Riesenhände stülpten winzige rosa Schühchen über schwimmhautbewehrte Füßchen und reihten Miniatur-Milchtüten in ihrem Einkaufsladen auf. Ich konnte sie nicht mal dazu bringen, mir zu erzählen, mit wem sie sich ihre Kartoffelchips geteilt hatte.
Wir kamen an einer Gruppe Teenager vorbei, die sich auf der Mauer vor der Bäckerei versammelt hatten. Alle trugen schlabbrige T-Shirts, und die Ärsche hingen ihnen aus den Jeans. Sie schoben sich abwechselnd in einem Einkaufswagen herum. Der Wagen kippte von dem hohen Bordstein und schleuderte einen Jungen mit einem Spinnen-Tattoo auf dem Hals und einem Sweatshirt, auf dem »Shit Happens When You Party Naked« stand, kopfüber auf die Straße. Gegröle und Pfiffe erfüllten die Luft. Keiner sprang von der Mauer. Ich scheuchte die Kinder in die Bäckerei, wo Harley auf die Schokoladen-Donuts mit den bunten Streuseln zustürzte.
»Was möchtest du, Bronte?«, fragte ich und spähte durch die Spiegelungen in der Schaufensterscheibe auf die Straße hinaus. Ein blondes Mädchen, deren glitzernder Stringtanga etliche Zentimeter aus ihrer Jeans hervorschaute, hockte über dem Jungen.
»Ich hol mir einen Lebkuchenmann. Kaufst du auch eine Vanilleschnitte für Dad?«
Ich nickte, obwohl Colin keine weiteren Speckschichten am Hintern brauchte. Ich hatte es immer toll gefunden, wie sein muskulöser Körper meine kleine, zierliche Gestalt überragte. Inzwischen jedoch sah er mehr nach Dart aus als nach Rugby.
Harley hatte gelbe und grellrosafarbene Streusel um den Mund, noch ehe wir aus dem Geschäft heraus waren. Bronte knabberte ordentlich eine Lebkuchenmann-Gliedmaße nach der anderen ab. Die Gang war verschwunden, doch der Junge war noch da; halb sitzend, halb liegend lehnte er zwischen Kuchenpapier, Coladosen und Zigarettenpackungen am Bordstein. Das Mädchen versuchte, seinen Kopf in Augenschein zu nehmen.
»Geht gleich wieder. Is’ doch bloß ’ne Schramme, oder?«, knurrte der Junge.
»Alles okay?«, erkundigte ich mich.
Das Mädchen fuhr herum. Der schwarze Eyeliner und die dicke Wimperntusche waren auf ihrem jungen Gesicht fehl am Platz. »Tarants sagt, es is’ okay, aber irgendwie blutet er voll am Kopf. Ich glaub, das muss genäht werden oder so. Die Ecke von dem Wagen hat ihm voll eins mitgegeben.«
»Darf ich mal gucken?« Ich hoffte, dass mir dafür später kein Ziegelstein durchs Fenster fliegen würde. Rasch bedeutete ich Bronte und Harley, sich auf die Bank zu setzen.
Der Junge nahm die Hand vom Kopf. Sein Sweatshirt war durchtränkt. Ich schaffte es gerade eben, nicht herumzuhüpfen, mit den Armen zu wedeln und »Oh mein Gott, oh mein Gott, du verblutest!« zu schreien, aber ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog wie eine Schnecke, die sich in ihrem Haus verkriecht. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie es sich anfühlen könnte, ohnmächtig zu werden. Ich kniff die Augen fest zu und tastete nach dem Handy.
»Tut mir leid, aber du brauchst wirklich einen Arzt. Ich ruf mal einen Krankenwagen, okay?«
Der Junge wiegte sich sachte vor und zurück und gab einen langgezogenen, singenden Klagelaut von sich; die ganze »Harter Kerl, was guckst du so?«-Nummer hatte sich in Luft aufgelöst. Dann nickte er und übergab sich zwischen seine Füße, wobei er seine Turnschuhe bespritzte. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück. Für Blut und Kotze war bei uns Colin zuständig, ich kümmerte mich um Nissen und Würmer. Ich hielt die Luft an, tätschelte ihm den Rücken und überlegte, ob ich ihm meinen Mantel umlegen sollte. Doch das Blut würde nie wieder rausgehen. Also rief ich Harley zu, er solle in die Bäckerei gehen und um ein Handtuch bitten. Ich hatte noch nie den Notarzt gerufen, ich wusste nicht genau, wie schlimm jemand dafür dran sein musste. Was, wenn ich das bezahlen musste, falls er nicht schwer genug verletzt war? Tarants würgte abermals. Ich wählte die Notrufnummer.
Bronte schob ihre Hand in meine. Es brauchte sich nur jemand halb umzubringen, damit sie Zärtlichkeit empfand. »Stirbt er, Mum?«, fragte sie.
»Nein, nein, natürlich nicht. Eine kleine Wunde kann ganz fies bluten, also ist es wahrscheinlich gar nicht so schlimm, wie es aussieht«, erwiderte ich und traute mich dabei nicht mal, den Einkaufswagen anzusehen, weil ich fürchtete, dass Tarants’ halber Skalp daran baumelte. Mit Stachelhaar und allem Drum und Dran.
Harley sah den Rettungshelfer vor mir. Ich hatte nicht mit einem Motorrad gerechnet. Der Mann nahm den Helm ab, und ein schmales, kluges Gesicht und dunkles Haar mit grauen Schläfen wurden sichtbar. Mit einem knappen »Ich heiße Simon« machte er sich umgehend ans Werk, zog Latexhandschuhe über und leuchtete Tarants mit einer kleinen Stablampe in Augen und Ohren. Ich spürte, wie die Verantwortung von mir abfiel. Harley schob sich näher heran, um besser zusehen zu können.
»Mum, nimmt der Doktor ihn mit ins Krankenhaus? Muss er dann dableiben? Kriegt er jetzt Stress, weil er mit dem Einkaufswagen rumgemacht hat?« Wie immer war ich hin- und hergerissen. Halb machte Harleys Begeisterungsfähigkeit mich stolz, halb war es mir peinlich, dass er so auf Blut abfuhr und sich nicht unterhalten konnte, ohne in Sachen Lautstärke einem vorbeifliegenden Düsenjäger Konkurrenz zu machen.
Dass Harley Simon ins Ohr brüllte, half dem wahrscheinlich auch nicht dabei, sich zu konzentrieren. Ich versuchte, ihn wegzuziehen, aber Harley sah aus, als wäre er drauf und dran, die Wunde selbst zu nähen. Mit einem kleinen Augenzwinkern gab Simon ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, wo er stehen und alles sehen konnte, ohne ihm im Wege zu sein.
»Wie heißt er?«, fragte Simon.
»Tarants«, antwortete das Mädchen. »Is’ ’ne Abkürzung für Tarantula. Eigentlich heißt er Kyle, aber so nennt ihn keiner.«
Simon nickte ihr zu, als begegne er in seinem Beruf oft Menschen namens Black Widow oder Daddy Long Legs. Er untersuchte die Wunde. Seine langen Finger strichen und klopften sachte, als lese er Blindenschrift, und dabei redete er die ganze Zeit in beruhigendem Tonfall. Harley warf sich sichtlich in die Brust, als Simon ihn bat, eine Schachtel mit Verbandsmaterial aus dem Kasten hinten auf dem Motorrad zu holen.
»Hat jemand seine Eltern benachrichtigt?«, erkundigte sich Simon über die Schulter hinweg, während er ein Verbandspäckchen aufriss.
Seine Schultern sackten herab, als er erfuhr, dass Tarants bei seiner Schwester wohnte. Wir alle wussten, dass die Gegend mit unserer SD1-Postleitzahl – Messerstechereien, häusliche Gewalt, gelegentlich eine Überdosis Heroin – diejenige war, die Polizei und Rettungsleitstelle weiterzureichen versuchten wie eine heiße Kartoffel. SD2, eine merkwürdige Oase aus viktorianischen Prachtvillen, die an unser Viertel aus Sechzigerjahre-Reihenhäusern mit Flachdach und Betonbungalows grenzte, war der Leckerbissen, auf den jeder scharf war – auf Bäumen gestrandete Perserkatzen, Herzinfarkte und mit der Heckenschere amputierte Finger.
Als Simon fertig war, lächelte er mich an. Er sah zu jung aus für einen Mann, den wir alle anstarrten, als könne er auf dem Wasser wandeln. Harley jedoch schien keine übermäßige Ehrfurcht vor Ärzten zu empfinden. »Voll krass! Woher wissen Sie denn, was Sie machen müssen? Haben Sie schon mal jemanden sterben sehen? Muss er sterben? Ich will auch mal Arzt werden, so wie Sie.«
»Ich habe schon Leute sterben sehen. Manchmal passiert das, auch wenn wir versuchen, unser Bestes zu tun. Aber Tarants wird schon wieder. Nichts hält dich davon ab, Arzt zu werden, du musst dich bloß in der Schule richtig anstrengen – und du musst Blut sehen können, aber das kannst du ja offensichtlich.« Er sagte das, als glaube er tatsächlich, Harley könnte das schaffen. Und dafür hätte ich ihn am liebsten mit dicken, dankbaren Küssen überhäuft.
Gerade als mir auffiel, dass er wirklich schöne Lippen hatte, hörte ich: »Hey, Bronte, was machste denn hier? Ich hab gedacht, du kommst aber ganz schön spät ausser Schule, also bin ich los und wollt sehn, wo du bist.« Ich drehte mich um und sah Colin hinter uns stehen, die Hände in die Hüften gestemmt. Wenn er loszog, um zu sehen, wo seine kleine Prinzessin war, war er einfach nur ein guter Vater, ich dagegen war »total neurotisch«.
»Verdammt noch mal, Maia, ich hab gedacht, du bist um vier zu Hause. Hab nich’ mitgekriegt, dass du die Kinder abholn wolltest. Jetzt haste ja keine Zeit mehr, Abendbrot zu machen, bevor du zur Arbeit musst.«
Ich wollte Simons SD1-Erwartungen nicht erfüllen, indem ich mich auf offener Straße auf einen Pöbel-Wettstreit mit Colin einließ. Colin blickte kurz auf Tarants hinunter, doch anscheinend war die Vorstellung, einen Dosenöffner anfassen zu müssen, eine viel größere Tragödie als die Tatsache, dass jemand sein Hirn auf der Straße verspritzte.
Ich gab mir alle Mühe, ihn zu besänftigen. »Ich wollte einen Aushang im Postamt machen, und weil sowieso Schulschluss war, hab ich gedacht, ich hol die Kinder ab, und dann …«
Simon blickte hoch, geradewegs auf Colins Sweatshirt voller Farbflecken. »Ihre Frau hat gesehen, wie der junge Mann hier sich verletzt hat, also hat sie netterweise die Notrufzentrale angerufen und war so freundlich hierzubleiben, bis klar war, dass er okay ist. Er sollte eigentlich okay sein, aber ich lasse einen Krankenwagen kommen, damit sie ihn im Krankenhaus durchchecken können«, erklärte er, als hätte Colin sich schier überschlagen, um Tarants’ Wohlbefinden zu seiner obersten Priorität zu machen und nicht seinen ständig knurrenden Magen.
»Na ja, Mai, jetzt haste deine Samariter-Nummer abgezogen, also steh hier verdammt noch ma’ nich’ weiter rum und komm in die Hufe.« Colin beachtete Simon nicht mehr als die Hintergrundmusik im Supermarkt.
Offenkundig waren Simon SD1-Sitten fremd. Er schaute mich an und deutete mit einem Kopfnicken auf Colin. »Stört es Sie nicht, wenn er so mit Ihnen redet?«
Für einen Rettungshelfer mit all diesen Qualifikationen war er nicht besonders helle. Ich zuckte die Achseln. Mir war klar, dass »in die Hufe kommen« sich gerade schlagartig von einem Befehl zu einer dringenden Notwendigkeit entwickelt hatte. Also machte ich mich daran, Schultaschen aufzuheben, und scheuchte Bronte und Harley los, während die ersten Panikspitzen mich durchzuckten.
Die Arme verschränkt, den Unterkiefer vorgeschoben, stand Colin da wie der Türsteher eines billigen Nachtclubs.
»Komm, lass uns gehen«, drängte ich und packte ihn am Ärmel.
»Sekunde. Haste was zu sagen, Kumpel? Maia hat zu arbeiten, die soll zu Hause ihre eigene Familie auffe Reihe kriegen und nich’ ’n Rüssel in anderer Leute Angelegenheiten stecken und sich Ärger einfangen, wo wir schon selbst genug ham. Wieso rettest du nich’ weiter die Welt und überlässt es mir, wie ich mit meiner Alten quatsche?«
Inzwischen umklammerte ich seinen Arm mehr, als dass ich ihn umfasst hielt.
»’Tschuldigung«, sagte Simon. »Ich wollte hier niemanden anmachen. Ich meine, Ihre Frau hat Tarants einen Riesengefallen getan, und ich finde es respektlos, so mit ihr zu reden. Sie sollten stolz auf sie sein. Sie haben echt Glück.«
Ich versuchte, Simons Miene zu deuten. Nicht angriffslustig, einfach nur sachlich. Sogar höflich überrascht, dass Colin so mit mir geredet hatte, anstatt den Boden vor meinen Füßen zu küssen. Ich versuchte, ihn mit reiner Willenskraft dazu zu bringen, die Klappe zu halten, bevor er sich selbst zu seinem eigenen Patienten machte.
»Seit wann bist ’n du Experte für meine Alte?« Doch ich spürte, wie die Anspannung in seinem Unterarm nachließ. Colin fuhr immer mächtig darauf ab, etwas zu besitzen, das jemand anderes bewunderte: die rote Kawasaki, damals, als ich ihn kennengelernt hatte. Bronte als Kleinkind, mit ihren braunen Löckchen und den Walnussaugen. Dieses verdammte Handy, wegen dem er beinahe wegen Hehlerei im Knast gelandet wäre. Simon antwortete nicht, er packte ungerührt weiter seine Sachen zusammen, sortierte Mullbinden in seiner Tasche und überprüfte Tarants’ Kopfverband. Colin war Männer gewöhnt, die entweder Schiss vor ihm hatten oder auf ihn losgingen, mit wild fuchtelnden Armen und Beinen wie bei einer Tom und Jerry-Prügelei. Gleichgültigkeit haute ihn anscheinend um.
Ich rief Bronte zu mir. »Geh schon mal mit Dad vor. Ich komm gleich nach.«
Bronte schob ihre Hand in Colins. »Arschgesicht«, knurrte Colin über die Schulter hinweg und ging davon, ganz der harte Kerl. Ich atmete aus.
Harley blieb bei mir stehen. Ich sagte Tarants leise Auf Wiedersehen, doch er antwortete nicht. Das Mädchen murmelte »Danke noch ma’« und winkte mir zu, was in dieser Gegend fast einem handschriftlichen Dankschreiben gleichkam. In ihrem Gesicht war nichts von Schock zu sehen, kein sanftes Mitgefühl. Ich wappnete mich gegen das Mitleid in Simons Miene, doch stattdessen dankte er mir und wandte sich dann dem Krankenwagen zu, der gerade um die Ecke gerast gekommen war.