Cover

Buch

Amaia Etxeleku, genannt Maia, stellt wahrlich keine hohen Ansprüche ans Leben, aber etwas mehr als eine Sozialwohnung in einer miesen Reihenhaussiedlung und ein Couchpotato-Mann sollte doch eigentlich drin sein. Maia, die seinerzeit die Schule geschmissen hat, zerreißt sich fast, um mit diversen Putzstellen ihre kleine Familie über Wasser zu halten – umso tiefer sitzt der Schock, als sie erfährt, dass ihre Lieblingskundin, eine stets freundliche Professorin, verstorben ist. Doch dann die Überraschung: Maia wurde im Testament bedacht, vielmehr: ihre Sprösslinge. Aus dem Nachlass soll das Geld für eine teure Privatschule bestritten werden. Maias »bessere« Hälfte Colin hat außer Hohn und Spott nichts beizutragen, der fast elfjährige Harley ist begeistert, seine zwei Jahre jüngere Schwester deutlich weniger – doch Maia beschließt, es drauf ankommen zu lassen. Und plötzlich finden sie und ihre Kinder sich in einer Welt wieder, in der ein Leben ohne Bio-Obst und Geigenunterricht undenkbar ist – und in der ein hinreißender Lehrer Maias Herz höher schlagen lässt …

Weitere Informationen zu Kerry Fisher

finden Sie am Ende des Buches.

KERRY FISHER

Die Liebe, das Glück und ein Todesfall

Roman

Aus dem Englischen

von Marie-Luise Bezzenberger

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

»The School Gate Survival Guide« bei Avon,

a division of Harper-Collins Publishers, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Kerry Fisher

Copyright © dieser Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagillustration: FinePic®, München

Redaktion: Sigrun Zühlke

LT · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-16163-7
V002

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:

Für

Steve, Cameron und Michaela

Kapitel 1

Feine Damen mit dreckigen Häusern rufen mich manchmal an. Feine Herren nie.

Bis heute, als dieser Anwaltsfuzzi mit jener Sorte dröhnender Zuversicht in meinen Vormittag hineinplatzte, der man unmöglich widersprechen konnte. Meine Ohren machten dicht, rebellierten gegen diese Dampfwalzenstimme, wehrten seine Worte ab.

»Ich bedauere es außerordentlich, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein.«

Ich war eben erst von dem Putzjob nach Hause gekommen, der immer der schlimmste der ganzen Woche war – die Umkleidekabinen von Surreys versifftestem Freizeitzentrum. Das Telefon klingelte, als ich gerade nach oben gegangen war, um zu baden und mir sämtliche Spuren alter Heftpflaster und Duschabfluss-Haarfänger von der Haut zu schrubben. Während ich, in ein Handtuch gewickelt, das kaum meinen Hintern bedeckte, die Treppe hinunterstapfte, betete ich, dass es Colin mit guten Neuigkeiten in Sachen Arbeit sein möge. Stattdessen stand ich da und hielt mir den Hörer vom Ohr weg, damit kein Wasser hineintropfte, während Mr Vornehm aus kürzester Entfernung drauflosbrüllte, so eine Art Nebelhorn mit Eliteschule-Akzent. Dann hörte ich die Nachricht.

»Ich fürchte, Professor Rose Stainton ist am Freitag verstorben.«

Ich drückte den Hörer gegen die Stirn, während ich mich bemühte zu begreifen, dass meine Lieblingskundin – die auch am besten gezahlt hatte – gestorben war. Meine schrullige Verbündete mit ihren unglaublichen Alte-Dame-Kommentaren und jenen plötzlichen Anwandlungen unerwarteter Freundlichkeit war tot. Ich hatte mich nicht einmal von ihr verabschiedet. Shampooschaum sickerte unter meinem Handtuchturban hervor und vermischte sich mit dem Brennen in meinen Augen.

»Mrs Etxeleku? Sind Sie noch dran?«

»Ja, ich bin noch dran.« Ich machte mir nicht die Mühe, ihn zu verbessern. Ich bin keine Mrs. Inzwischen hatte ich es aufgegeben, darauf zu warten, dass Colin mir einen Antrag machte. Und mein Nachname wird Ech-eleku ausgesprochen, nicht Et-zeleku. Wäre mein Vater doch nur bis zu meiner Geburt bei der Stange geblieben, dann hätte ich einen netten englischen Namen – Windsor, Jones, meinetwegen auch Sidebottom – auf der Geburtsurkunde haben können. Und nicht diese Leerstelle, die meine Mutter stets dazu veranlasste, den Mund zuzukneifen wie eine Venusfliegenfalle, wenn ich darauf zu sprechen kam. Stattdessen schleppe ich seit sechsunddreißig Jahren einen baskischen Nachnamen mit mir herum, den niemand aussprechen kann.

»Wie ist sie gestorben?« Ich hörte das Zittern in meiner Stimme und lehnte mich gegen die Wand. Die kalte Novemberzugluft pfiff unter der Hintertür hindurch und kroch um meine nassen Knie.

»Ein Herzinfarkt.«

»War sie allein?«

»Ja, sie hat es noch geschafft, den Notarzt zu rufen, aber als der Rettungswagen ankam, war sie schon tot.«

Er hörte sich an, als ginge es um eine Bestellung beim Chinesen. Ich war eindeutig bloß eine Nummer auf seiner säuberlich getippten Telefonliste – ein Niemand, jemand, dem er mitteilen musste, dass er keinen Job mehr hatte. Er hielt inne. Ich stellte ihn mir hinter einem schweren Holzschreibtisch vor, wie er rasch auf die Liste hinunterschielte, um zu sehen, wer nach »Putzfrau« kam. Dass ein Mensch, der sein Leben damit verbrachte, Zahnpastaspritzer aus Waschbecken zu wischen, mit jemandem befreundet sein könnte, der seines damit zubrachte, über Kafka zu debattieren, war ihm bestimmt nie in den Sinn gekommen. Unwillkürlich fing ich an, in der Küche herumzuhantieren, stellte schmutzige Cornflakesschalen in die Spüle und schmiss Turn- und Fußballschuhe neben der Hintertür auf einen Haufen. Ich hatte keinerlei Ansprüche an Rose Stainton, ich war nur die Frau mit dem Wischmopp, die Dienstmagd, die den Küchenmülleimer ausspülte.

»Wie dem auch sei, ich rufe unter anderem an, weil ihr Anwalt Sie sprechen möchte«, verkündete er.

»Anwalt? Ist irgendwas weggekommen?«, stieß ich in heller Panik hervor. Die versuchten doch wohl nicht, die Papageien-Buchstützen ausfindig zu machen, die die alte Dame mir geschenkt hatte. Die Dinger gefielen mir nicht mal. Meiner Erfahrung nach waren Anwälte keine Menschen, die mit einem sprechen wollten. Es waren Menschen, die beauftragt worden waren, mit einem zu sprechen. Männer in mittleren Jahren und zu engen Hemden, die auf Polizeirevieren aufkreuzten, um sich mit den jämmerlichen Geschichten der Junkies, Säufer und Durchschnittspenner zu befassen, die in unserer Wohnsiedlung herumhingen. Die Sorte Männer, die mehr als einmal Colins erbärmlichen kleinen Arsch gerettet hatten.

»Aber nein, Mrs Etxeleku. Nein, selbstverständlich nicht, nichts dergleichen. Ich glaube, im Testament der Professorin steht etwas, worüber Mr Harrison gern mit Ihnen sprechen würde.«

Erst als ich aufgelegt hatte, ließ das taube Gefühl allmählich nach. Meine Zähne klapperten. Ich zog die Jogginghose an, die Colin auf einem Stuhl liegen gelassen hatte, und nahm meine lange Strickjacke vom Wäscheständer, die noch ein wenig feucht war. Im Film sieht man immer, wie die Leute zusammenbrechen und schluchzen: »Ich kann gar nicht fassen, dass sie tot ist.« Ich jedoch fing an zu brüllen: »Furchtbar. Schlimm. Grauenhaft. Fürchterlich. Entsetzlich. Widerlich. Mist.« Das war eins von den Spielchen der Professorin, mit dem sie mich dazu gebracht hatte, mir unterschiedliche Worte für ein und dasselbe auszudenken. Als ich bei »Mist« ankam, klopfte ich ans Fenster, weil der beknackte Spinner von nebenan schon wieder die Hundekacke seines Terriers durch den kaputten Zaun schmiss. Anscheinend zielte er auf das Planschbecken, das seit dem Sommer dort stand und jetzt zu einem schleimig grünen Heim für Wasserwanzen und anderes Getier geworden war. Er winkte mir mit seiner Schaufel zu und grinste wie ein Irrer.

Die Professorin hatte immer mit mir geredet, als würden meine Ansichten zählen. Sie kannte sich mit Shakespeare, Dickens und ausländischen Schriftstellern aus, von denen ich noch nie gehört hatte. Gabriel García Márquez fand sie wirklich toll, und sie bat mich andauernd, spanische Worte auszusprechen. Das war mir peinlich, weil Mum und ich meistens Englisch miteinander gesprochen hatten, zumindest das eigenartige Englisch meiner Mutter. Ich wünschte, sie hätte mehr Spanisch oder Baskisch mit mir gesprochen, aber Sandbury war in den Siebzigern nicht das richtige Pflaster für Ausländer gewesen. Es war eine englische Marktgemeinde, wo ein Wollladen, eine Schusterwerkstatt und ein Geschäft für Briefmarkensammler zu den spannenden Vergnügungen entlang der Hauptstraße gehörten. Mum betrachtete England als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie mochte vielleicht reden, als sei sie eigentlich dazu bestimmt gewesen, Manuels Ehefrau in Fawlty Towers zu spielen, aber sie würde verdammt noch mal dafür sorgen, dass sich ihre Tochter nicht anhörte wie eine »zweitklassige Immigrantin«.

Ich gab den Versuch auf, meinen Saustall von Küche aufzuräumen, und ließ mich auf einen Stuhl fallen. Dann schob ich Colins schmutzigen Teller weg und nahm das Anmeldeformular für die Open University zur Hand, das heute Morgen gekommen war. Diese Woche hatte ich der Professorin erzählen wollen, dass ich mich definitiv einschreiben würde. Ich hatte mich darauf gefreut zu sehen, wie ihre förmliche Art jenem freudig erregten Herumfuchteln Platz machte, zu dem sie neigte und das oft damit endete, dass sie die kleine Teetasse aus Porzellan auf ihrem Tablett umstieß. Es gab mir immer den Rest, wenn sie fluchte. Manchmal sagte sie »Ja, leck mich doch!« oder »Verflucht noch mal!«, aber sie hörte sich nie an wie Colin, wenn er ein paar Guinness intus hatte. Mehr so, als experimentiere sie nur, um zu sehen, wie sich die Schimpfwörter anhörten. Ich fand es toll, wie sie sprach, alle Worte so vollendet geformt, sämtliche Buchstaben da, wo sie sein sollten. Nie benutzte sie Sprache dazu, mich dumm dastehen zu lassen.

Ich riss das Anmeldeformular in winzig kleine Stücke, wie einen Lottoschein, der sich als Niete erwiesen hat. Jetzt konnte ich mir das auf keinen Fall mehr leisten. Dann ließ ich die Fetzen auf den Korkboden rieseln, und mir fiel wieder einmal auf, dass sich ständig irgendwelcher Dreck in den Fugen festsetzte, egal, wie oft ich wischte. Nicht einmal richtig putzen konnte ich. Ich hatte mir wohl ganz schön was eingebildet zu glauben, ich könnte den Schulabschluss nachholen. Dabei hatte ich einfach nur gedacht, dass die Kinder, wenn sie sähen, dass ich etwas aus mir machte, sich vielleicht auch etwas höhere Ziele setzen würden. In der Morlands Junior School, wo die Lehrer nach zwei Jahren das Weite suchten und das Vermeiden von Ausschreitungen wichtiger war als der Unterricht, waren Menschen, zu denen man aufblicken konnte, recht dünn gesät.

Es brachte nichts, wegen Dingen zu flennen, die ich nicht ändern konnte. Ich würde nicht darüber nachdenken, wie viel Angst Rose Stainton gehabt haben musste, als ihr klar geworden war, dass ihr gebrechliches altes Herz ihr endgültig den Dienst versagte. Oder wie allein sie sich gefühlt haben musste, in dem großen alten Haus. Hoffentlich war sie in der Bibliothek gestorben, von all ihren Büchern in den Schlaf gesungen. Ich machte mich daran, Bleiche auf die kaffeefleckigen Arbeitsplatten zu kippen, versuchte, mich dem Bild zu entziehen, wie sie vornüber gesunken im zerknautschten Leder ihres Ohrensessels hing. Wie sich das graue Haar aus den Nadeln gelöst hatte, wie eine Tasse Tee – immer Earl Grey – neben ihr kalt wurde. Im Stillen versprach ich ihr, dass ich nie wieder ein »t« verschleifen würde, und sagte laut »Computer, Butter, Bretterbude« vor mich hin.

Die Haustür flog krachend auf. Colin trampelte durch den Flur und kam in die Küche, wobei er eine Matschspur hinter sich herzog. Ich sagte nichts. Tatsächlich schaute ich sogar absichtlich nicht hin. Er war immer wahnsinnig reizbar, wenn er vom Arbeitsamt kam. Wir hatten nur noch so wenige Teller, dass wir bald direkt vom Tisch essen würden.

»Herrgott noch mal, das is’ vielleicht ’n Scheißladen. Da holt man sich eher ’ne TB, als dass man ’n Job kriegt. Was für dämliche Fragen! Was für Bewerbungen haben Sie diese Woche geschrieben? Hatten Sie Vorstellungsgespräche? Als ob man zu ’nem Vorstellungsgespräch geht, um irgendwem den Scheißflur zu streichen.«

»Hat sie was davon gesagt, ob du trotzdem das Geld bekommst?«, fragte ich und hielt die Luft an.

»Ja, in ’nem Monat woll’n die ›neu bewerten‹. Na ja, siebzig Piepen die Woche sind besser als nix – damit schaffen wir’s wenigstens über Weihnachten«, knurrte er und riss eine Kekspackung auf.

Obwohl die Arbeitslosenzahlen zurückgegangen waren, unkte Colin unverdrossen weiter, überzeugt davon, dass die Malerbranche noch lange leiden würde. »Das Bad streichen lassen hat ja wohl nich’ grade oberste Priorität, stimmt’s? Nein, ich sag’s dir, für mich wird’s noch sehr lange keine Arbeit geben.«

Um ganz sicherzugehen, dass er nicht versehentlich über ein Jobangebot stolperte, ließ Colin sich auf einen Küchenstuhl fallen und machte sich daran, Schokokekse einzuwerfen wie ein Hamster, der Futter für eine bevorstehende Hungersnot bunkert. Im Gegensatz zu mir war er so groß, dass er sich das eine Zeitlang erlauben konnte, doch das Handwerker-Sixpack verschwand allmählich unter einer Schwabbellawine.

Ich wollte ihm von Rose erzählen. Nur ganz kurz wollte ich mich von ihm auffangen lassen. Ich wollte den Kopf an seine Schulter legen, er sollte mir übers Haar streichen, und ich wollte Rotz und Wasser heulen, bis ich Augen wie Golfbälle hatte. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich mich in fast neunzehn Jahren jemals von ihm hatte tragen lassen. Jetzt musste ich ihm sagen, dass wir sogar noch weniger Geld hatten. Es war ja nicht so, als würde ich von ihm erwarten, dass er das ausglich. Und selbst wenn, hätte ich das Geld nicht für die Open University ausgeben können. Für Colin war Bildung verschwendete Fernsehzeit. Warum nach den Sternen greifen, wenn man Satellitenempfang hatte?

Ich zählte bis drei. »Rose Stainton ist am Freitag gestorben.«

»Wie, diese alte Nobelschrulle mit der Villa? Mann, Maia, wo solln wir ’n jetzt Kohle herkriegen? Wie beschissen ist denn das Timing von der Alten! Seit Jahren krank, und ausgerechnet jetzt muss sie abkratzen? Bezahl’n die dich wenigstens dafür, dass du der ihren ganzen Kram wegräumst? Mach dich ma’ lieber auf die Socken und schau dich nach ’nem neuen Job um.«

Scharrend schob er seinen Stuhl zurück und fing an, im Küchenschrank zu wühlen, als hinge sein Leben davon ab, eine Dose Ravioli zu finden. Ich gab mir alle Mühe, mich daran zu erinnern, warum er mich damals so fasziniert hatte. Warum ich ihn genug geliebt hatte, um zwei Kinder von ihm zu bekommen. Vielleicht hatte ich seine rebellische Ader romantisch gefunden, jene Ungezogenheit, wegen der ich die Schule geschwänzt hatte und mal eben für einen Tag nach Brighton abgehauen war, um am Strand Fish and Chips zu essen, unter der Konzertbühne zu frieren und meinen Schal mit ihm zu teilen. Er erschien mir so glamourös und erwachsen, ein Zwanzigjähriger mit einem Motorrad und rotblondem Charme. Zum Entsetzen meiner Lehrer ließ ich meinen Schulabschluss und meine Uni-Ambitionen sausen, trampelte dann die Träume meiner Mutter nieder und machte Karriere an der Supermarktkasse. Eine Beförderung zur Imbissleiterin folgte. Dann stieg ich zu dem erhabenen Posten der stellvertretenden Fischfrittiererin in der Pommesbude auf und hatte nunmehr den Gipfel meiner beruflichen Laufbahn erreicht: Putzfrau für jene, die lieber sterben würden, als »Klo« statt »Toilette« zu sagen, es aber trotzdem schafften danebenzupissen.

Jetzt war ich endlich erwachsen. Jetzt gerade hätte ich am liebsten eine Mordstirade vom Stapel gelassen, von wegen Verantwortung, ihm mit dem hölzernen Schneidebrett den Schädel eingeschlagen und dabei gellend gelacht. Stattdessen machte ich ihm eine Tasse Tee und schlug jenen Tonfall an, in dem ich auf Harley und Bronte eingeredet hatte, als sie klein waren und nicht ins Bett wollten.

»Ich mache einen Aushang im Postamt. Hast du den Typen vom Bauhof angerufen? Der, der gedacht hat, sie bräuchten vielleicht jemanden, der mithilft, die Schule zu streichen?«

»Na, super. Du verlierst dein’ Job und fängst sofort an, mir Druck zu machen. Kapier’s doch endlich, Maia, wir ham immer noch Kreditklemme. Die Leute geben kein Geld aus, um ihr Gästezimmer streichen zu lassen.«

»Ich weiß, aber es ist doch eine Schule, da hab ich eben gedacht …«

Das Radio grölte los und übertönte, was ich eben gedacht hatte.

Kapitel 2

Der Tod der Professorin brachte den Sorgenmacher in mir auf Touren. Anders als viele Leute in unserer Gegend, die sich anscheinend erst daran erinnerten, dass sie Kinder hatten, wenn diese neben einem Mann in blauer Uniform auf der Matte standen, wusste ich gern, wo meine waren und was sie trieben. Colin konnte es nicht leiden, wenn ich »verdammte Weicheier« aus ihnen machte, indem ich sie von der Schule abholte, doch heute musste ich unbedingt die Gedanken an die Toten abschütteln, indem ich die Lebenden in die Arme schloss. Ich wollte ihren »Gleich nach der Schule«-Geruch einatmen, jenen feuchten Dunst, der in ihren Kleidern hing, irgendwas zwischen Schulessen, stickigen Klassenzimmern und dem Mief der Kinder anderer Leute. Sie mochten die Professorin und hatten oft in dem riesigen Garten gespielt, während ich arbeitete. Ich wollte ihnen sagen, dass sie gestorben war, ohne dass Colin im Hintergrund hämische Kommentare abgab.

Ich stand in den verblassten Hopse-Kästchen auf dem Schulhof und reckte den Hals. Bronte kam oft als Erste heraus und marschierte mit einer Miene durch das Gedrängel und Geschubse, über die Colin und ich oft als ihr »Verpiss dich lieber«-Gesicht lachten, kurz VDL. Der heutige Tag war keine Ausnahme. Während um sie herum Mädchen mit halb offenen Rucksäcken aus der Tür gestürmt kamen, die Strümpfe bis zu den Knöcheln abgerutscht und mit weit herunterhängenden Schals, wand Bronte sich mit der Anmut einer Ballerina durch die Menge, das dunkle, lockige Haar noch immer mit Spangen aus dem Gesicht gehalten, den Reißverschluss der Jacke hochgezogen, und beachtete das Gewühl um sie herum gar nicht. Sie hatte mehr Selbstbeherrschung in ihrem neun Jahre alten kleinen Finger, als ich in drei Jahrzehnten zustande gebracht hatte. Als sie mich sah, lächelte sie, aber Enthusiasmus gehörte eigentlich nicht zu ihrem Wesen.

»Mum! Was machst du denn hier?«, fragte sie in einem Tonfall, der einen dünnhäutigeren Menschen hätte kränken können.

»Ich musste zur Post, also hab ich gedacht, ich geh mit dir nach Hause. Ich hab heute schlechte Nachrichten bekommen, deswegen wollte ich ein bisschen frische Luft schnappen.«

Bronte musterte mich argwöhnisch. Ich konnte sehen, wie sie dichtmachte, bereit, jegliche Bedürftigkeit meinerseits abzuschmettern. »Was denn?«

»Erinnerst du dich an Rose Stainton, die Englischprofessorin mit der großen weißen Villa? Sie ist letzte Woche gestorben.«

Bronte schaute zu Boden. »Die konnte ich gut leiden. Die war nett.« Ich wartete darauf, dass sie mich etwas fragte, irgendetwas. Wahrscheinlich dachte ich, sie würde vielleicht weinen. Doch sie hatte sich in sich zurückgezogen und sperrte mich aus.

Ich brach das Schweigen. »Soll ich deine Tasche nehmen?« Dabei sehnte ich mich schmerzlich danach, sie ganz fest zu drücken, doch ich tat es nicht. Niemand hatte die Bügelbrett-Nummer so gut drauf wie Bronte.

»Okay«, antwortete sie mit einem kleinen, einseitigen Achselzucken. »Warten wir auf Harley?«

Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, kam er aus dem Schulgebäude geschossen, den Parka unter dem Arm, das weiße Polohemd fast ebenso grau wie seine Hose. Mit dem völligen Unverständnis eines Zehnjährigen in Bezug auf Masse, Geschwindigkeit und Energie krachte er in mich hinein. Ich taumelte rückwärts gegen die Frau mit den strähnigen Haaren neben mir, deren »Pass doch auf!« ihn in keiner Weise bremste. Völlig unbefangen schlang er die Arme um mich, und seine grauen Augen strahlten zu mir empor. Ich ließ das Gesicht auf seinen Kopf sinken, atmete ihn ein und wand meine eiskalten Finger in die warme Kuhle, wo sich sein Haar über den Kragen lockte. Er zog die Schultern hoch, als er die Kälte spürte, aber er schob mich nicht weg. Harley verbarg seine Gefühle niemals, sie marschierten Hand in Hand über sein Gesicht, hockten in den Winkeln seines Körpers, barsten aus seinen Worten hervor.

»Was machst du denn hier? Ich wusste gar nicht, dass du heute kommst. Voll klasse! Können wir zum Bäcker gehen und uns was Süßes holen?«

Ich musste unbedingt Nein sagen. Liebesknochen würden den Stapel unbezahlter Rechnungen nicht kleiner werden lassen. In meiner Tasche konnte ich ein paar Ein-Pfund-Münzen fühlen, dick und schwer. Bronte ging neben mir her, während Harley sich die Nase an Autofenstern platt drückte, Lenkräder begutachtete und alles Mögliche über Radkappen und Hubraum johlte, von dem ich nicht einmal mehr so tat, als verstünde ich es. Ich wartete, bis er damit fertig war, durch die dunkel getönten Scheiben eines BMWs zu spähen, ehe ich ihm von der Professorin erzählte.

»Die war echt voll in Ordnung, stimmt’s? Bist du traurig?« Harley blieb stehen und umarmte mich. »Woran ist sie denn gestorben?«

Diese Frage war der Beginn einer ausführlichen Diskussion darüber, was nach zwanzig Jahren noch von einem Leichnam übrig ist, ob Würmer auch Augäpfel fressen, ob Zähne sich auflösen und ob ich jemanden kennen würde, der lebendig in einen Sarg gelegt worden wäre. Fast war mir Brontes Gleichgültigkeit lieber. Es gelang mir, Harley abzulenken, indem ich ihm einen Mercedes SLK zeigte, der mit Sicherheit einem der ortsansässigen Drogenhändler gehörte.

Dann wandte ich mich wieder Bronte zu. »Also, mit wem hast du heute gespielt?«

»Mit niemandem.«

»Mit irgendjemandem musst du doch gespielt haben.«

»Na ja, hab ich aber nicht«, gab Bronte zurück.

»Dann hast du also die ganze Pause allein dagesessen?«

»Ja.«

Ich seufzte. Colin musste nie mit Gewalt ein Gespräch aus Bronte herausquetschen. Die beiden lagen stundenlang im Wohnzimmer auf dem Boden und kicherten. Sie hatte ihn dazu überredet, mit ihr mit ihren Polly-Pocket-Figuren zu spielen; seine Riesenhände stülpten winzige rosa Schühchen über schwimmhautbewehrte Füßchen und reihten Miniatur-Milchtüten in ihrem Einkaufsladen auf. Ich konnte sie nicht mal dazu bringen, mir zu erzählen, mit wem sie sich ihre Kartoffelchips geteilt hatte.

Wir kamen an einer Gruppe Teenager vorbei, die sich auf der Mauer vor der Bäckerei versammelt hatten. Alle trugen schlabbrige T-Shirts, und die Ärsche hingen ihnen aus den Jeans. Sie schoben sich abwechselnd in einem Einkaufswagen herum. Der Wagen kippte von dem hohen Bordstein und schleuderte einen Jungen mit einem Spinnen-Tattoo auf dem Hals und einem Sweatshirt, auf dem »Shit Happens When You Party Naked« stand, kopfüber auf die Straße. Gegröle und Pfiffe erfüllten die Luft. Keiner sprang von der Mauer. Ich scheuchte die Kinder in die Bäckerei, wo Harley auf die Schokoladen-Donuts mit den bunten Streuseln zustürzte.

»Was möchtest du, Bronte?«, fragte ich und spähte durch die Spiegelungen in der Schaufensterscheibe auf die Straße hinaus. Ein blondes Mädchen, deren glitzernder Stringtanga etliche Zentimeter aus ihrer Jeans hervorschaute, hockte über dem Jungen.

»Ich hol mir einen Lebkuchenmann. Kaufst du auch eine Vanilleschnitte für Dad?«

Ich nickte, obwohl Colin keine weiteren Speckschichten am Hintern brauchte. Ich hatte es immer toll gefunden, wie sein muskulöser Körper meine kleine, zierliche Gestalt überragte. Inzwischen jedoch sah er mehr nach Dart aus als nach Rugby.

Harley hatte gelbe und grellrosafarbene Streusel um den Mund, noch ehe wir aus dem Geschäft heraus waren. Bronte knabberte ordentlich eine Lebkuchenmann-Gliedmaße nach der anderen ab. Die Gang war verschwunden, doch der Junge war noch da; halb sitzend, halb liegend lehnte er zwischen Kuchenpapier, Coladosen und Zigarettenpackungen am Bordstein. Das Mädchen versuchte, seinen Kopf in Augenschein zu nehmen.

»Geht gleich wieder. Is’ doch bloß ’ne Schramme, oder?«, knurrte der Junge.

»Alles okay?«, erkundigte ich mich.

Das Mädchen fuhr herum. Der schwarze Eyeliner und die dicke Wimperntusche waren auf ihrem jungen Gesicht fehl am Platz. »Tarants sagt, es is’ okay, aber irgendwie blutet er voll am Kopf. Ich glaub, das muss genäht werden oder so. Die Ecke von dem Wagen hat ihm voll eins mitgegeben.«

»Darf ich mal gucken?« Ich hoffte, dass mir dafür später kein Ziegelstein durchs Fenster fliegen würde. Rasch bedeutete ich Bronte und Harley, sich auf die Bank zu setzen.

Der Junge nahm die Hand vom Kopf. Sein Sweatshirt war durchtränkt. Ich schaffte es gerade eben, nicht herumzuhüpfen, mit den Armen zu wedeln und »Oh mein Gott, oh mein Gott, du verblutest!« zu schreien, aber ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog wie eine Schnecke, die sich in ihrem Haus verkriecht. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie es sich anfühlen könnte, ohnmächtig zu werden. Ich kniff die Augen fest zu und tastete nach dem Handy.

»Tut mir leid, aber du brauchst wirklich einen Arzt. Ich ruf mal einen Krankenwagen, okay?«

Der Junge wiegte sich sachte vor und zurück und gab einen langgezogenen, singenden Klagelaut von sich; die ganze »Harter Kerl, was guckst du so?«-Nummer hatte sich in Luft aufgelöst. Dann nickte er und übergab sich zwischen seine Füße, wobei er seine Turnschuhe bespritzte. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück. Für Blut und Kotze war bei uns Colin zuständig, ich kümmerte mich um Nissen und Würmer. Ich hielt die Luft an, tätschelte ihm den Rücken und überlegte, ob ich ihm meinen Mantel umlegen sollte. Doch das Blut würde nie wieder rausgehen. Also rief ich Harley zu, er solle in die Bäckerei gehen und um ein Handtuch bitten. Ich hatte noch nie den Notarzt gerufen, ich wusste nicht genau, wie schlimm jemand dafür dran sein musste. Was, wenn ich das bezahlen musste, falls er nicht schwer genug verletzt war? Tarants würgte abermals. Ich wählte die Notrufnummer.

Bronte schob ihre Hand in meine. Es brauchte sich nur jemand halb umzubringen, damit sie Zärtlichkeit empfand. »Stirbt er, Mum?«, fragte sie.

»Nein, nein, natürlich nicht. Eine kleine Wunde kann ganz fies bluten, also ist es wahrscheinlich gar nicht so schlimm, wie es aussieht«, erwiderte ich und traute mich dabei nicht mal, den Einkaufswagen anzusehen, weil ich fürchtete, dass Tarants’ halber Skalp daran baumelte. Mit Stachelhaar und allem Drum und Dran.

Harley sah den Rettungshelfer vor mir. Ich hatte nicht mit einem Motorrad gerechnet. Der Mann nahm den Helm ab, und ein schmales, kluges Gesicht und dunkles Haar mit grauen Schläfen wurden sichtbar. Mit einem knappen »Ich heiße Simon« machte er sich umgehend ans Werk, zog Latexhandschuhe über und leuchtete Tarants mit einer kleinen Stablampe in Augen und Ohren. Ich spürte, wie die Verantwortung von mir abfiel. Harley schob sich näher heran, um besser zusehen zu können.

»Mum, nimmt der Doktor ihn mit ins Krankenhaus? Muss er dann dableiben? Kriegt er jetzt Stress, weil er mit dem Einkaufswagen rumgemacht hat?« Wie immer war ich hin- und hergerissen. Halb machte Harleys Begeisterungsfähigkeit mich stolz, halb war es mir peinlich, dass er so auf Blut abfuhr und sich nicht unterhalten konnte, ohne in Sachen Lautstärke einem vorbeifliegenden Düsenjäger Konkurrenz zu machen.

Dass Harley Simon ins Ohr brüllte, half dem wahrscheinlich auch nicht dabei, sich zu konzentrieren. Ich versuchte, ihn wegzuziehen, aber Harley sah aus, als wäre er drauf und dran, die Wunde selbst zu nähen. Mit einem kleinen Augenzwinkern gab Simon ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, wo er stehen und alles sehen konnte, ohne ihm im Wege zu sein.

»Wie heißt er?«, fragte Simon.

»Tarants«, antwortete das Mädchen. »Is’ ’ne Abkürzung für Tarantula. Eigentlich heißt er Kyle, aber so nennt ihn keiner.«

Simon nickte ihr zu, als begegne er in seinem Beruf oft Menschen namens Black Widow oder Daddy Long Legs. Er untersuchte die Wunde. Seine langen Finger strichen und klopften sachte, als lese er Blindenschrift, und dabei redete er die ganze Zeit in beruhigendem Tonfall. Harley warf sich sichtlich in die Brust, als Simon ihn bat, eine Schachtel mit Verbandsmaterial aus dem Kasten hinten auf dem Motorrad zu holen.

»Hat jemand seine Eltern benachrichtigt?«, erkundigte sich Simon über die Schulter hinweg, während er ein Verbandspäckchen aufriss.

Seine Schultern sackten herab, als er erfuhr, dass Tarants bei seiner Schwester wohnte. Wir alle wussten, dass die Gegend mit unserer SD1-Postleitzahl – Messerstechereien, häusliche Gewalt, gelegentlich eine Überdosis Heroin – diejenige war, die Polizei und Rettungsleitstelle weiterzureichen versuchten wie eine heiße Kartoffel. SD2, eine merkwürdige Oase aus viktorianischen Prachtvillen, die an unser Viertel aus Sechzigerjahre-Reihenhäusern mit Flachdach und Betonbungalows grenzte, war der Leckerbissen, auf den jeder scharf war – auf Bäumen gestrandete Perserkatzen, Herzinfarkte und mit der Heckenschere amputierte Finger.

Als Simon fertig war, lächelte er mich an. Er sah zu jung aus für einen Mann, den wir alle anstarrten, als könne er auf dem Wasser wandeln. Harley jedoch schien keine übermäßige Ehrfurcht vor Ärzten zu empfinden. »Voll krass! Woher wissen Sie denn, was Sie machen müssen? Haben Sie schon mal jemanden sterben sehen? Muss er sterben? Ich will auch mal Arzt werden, so wie Sie.«

»Ich habe schon Leute sterben sehen. Manchmal passiert das, auch wenn wir versuchen, unser Bestes zu tun. Aber Tarants wird schon wieder. Nichts hält dich davon ab, Arzt zu werden, du musst dich bloß in der Schule richtig anstrengen – und du musst Blut sehen können, aber das kannst du ja offensichtlich.« Er sagte das, als glaube er tatsächlich, Harley könnte das schaffen. Und dafür hätte ich ihn am liebsten mit dicken, dankbaren Küssen überhäuft.

Gerade als mir auffiel, dass er wirklich schöne Lippen hatte, hörte ich: »Hey, Bronte, was machste denn hier? Ich hab gedacht, du kommst aber ganz schön spät ausser Schule, also bin ich los und wollt sehn, wo du bist.« Ich drehte mich um und sah Colin hinter uns stehen, die Hände in die Hüften gestemmt. Wenn er loszog, um zu sehen, wo seine kleine Prinzessin war, war er einfach nur ein guter Vater, ich dagegen war »total neurotisch«.

»Verdammt noch mal, Maia, ich hab gedacht, du bist um vier zu Hause. Hab nich’ mitgekriegt, dass du die Kinder abholn wolltest. Jetzt haste ja keine Zeit mehr, Abendbrot zu machen, bevor du zur Arbeit musst.«

Ich wollte Simons SD1-Erwartungen nicht erfüllen, indem ich mich auf offener Straße auf einen Pöbel-Wettstreit mit Colin einließ. Colin blickte kurz auf Tarants hinunter, doch anscheinend war die Vorstellung, einen Dosenöffner anfassen zu müssen, eine viel größere Tragödie als die Tatsache, dass jemand sein Hirn auf der Straße verspritzte.

Ich gab mir alle Mühe, ihn zu besänftigen. »Ich wollte einen Aushang im Postamt machen, und weil sowieso Schulschluss war, hab ich gedacht, ich hol die Kinder ab, und dann …«

Simon blickte hoch, geradewegs auf Colins Sweatshirt voller Farbflecken. »Ihre Frau hat gesehen, wie der junge Mann hier sich verletzt hat, also hat sie netterweise die Notrufzentrale angerufen und war so freundlich hierzubleiben, bis klar war, dass er okay ist. Er sollte eigentlich okay sein, aber ich lasse einen Krankenwagen kommen, damit sie ihn im Krankenhaus durchchecken können«, erklärte er, als hätte Colin sich schier überschlagen, um Tarants’ Wohlbefinden zu seiner obersten Priorität zu machen und nicht seinen ständig knurrenden Magen.

»Na ja, Mai, jetzt haste deine Samariter-Nummer abgezogen, also steh hier verdammt noch ma’ nich’ weiter rum und komm in die Hufe.« Colin beachtete Simon nicht mehr als die Hintergrundmusik im Supermarkt.

Offenkundig waren Simon SD1-Sitten fremd. Er schaute mich an und deutete mit einem Kopfnicken auf Colin. »Stört es Sie nicht, wenn er so mit Ihnen redet?«

Für einen Rettungshelfer mit all diesen Qualifikationen war er nicht besonders helle. Ich zuckte die Achseln. Mir war klar, dass »in die Hufe kommen« sich gerade schlagartig von einem Befehl zu einer dringenden Notwendigkeit entwickelt hatte. Also machte ich mich daran, Schultaschen aufzuheben, und scheuchte Bronte und Harley los, während die ersten Panikspitzen mich durchzuckten.

Die Arme verschränkt, den Unterkiefer vorgeschoben, stand Colin da wie der Türsteher eines billigen Nachtclubs.

»Komm, lass uns gehen«, drängte ich und packte ihn am Ärmel.

»Sekunde. Haste was zu sagen, Kumpel? Maia hat zu arbeiten, die soll zu Hause ihre eigene Familie auffe Reihe kriegen und nich’ ’n Rüssel in anderer Leute Angelegenheiten stecken und sich Ärger einfangen, wo wir schon selbst genug ham. Wieso rettest du nich’ weiter die Welt und überlässt es mir, wie ich mit meiner Alten quatsche?«

Inzwischen umklammerte ich seinen Arm mehr, als dass ich ihn umfasst hielt.

»’Tschuldigung«, sagte Simon. »Ich wollte hier niemanden anmachen. Ich meine, Ihre Frau hat Tarants einen Riesengefallen getan, und ich finde es respektlos, so mit ihr zu reden. Sie sollten stolz auf sie sein. Sie haben echt Glück.«

Ich versuchte, Simons Miene zu deuten. Nicht angriffslustig, einfach nur sachlich. Sogar höflich überrascht, dass Colin so mit mir geredet hatte, anstatt den Boden vor meinen Füßen zu küssen. Ich versuchte, ihn mit reiner Willenskraft dazu zu bringen, die Klappe zu halten, bevor er sich selbst zu seinem eigenen Patienten machte.

»Seit wann bist ’n du Experte für meine Alte?« Doch ich spürte, wie die Anspannung in seinem Unterarm nachließ. Colin fuhr immer mächtig darauf ab, etwas zu besitzen, das jemand anderes bewunderte: die rote Kawasaki, damals, als ich ihn kennengelernt hatte. Bronte als Kleinkind, mit ihren braunen Löckchen und den Walnussaugen. Dieses verdammte Handy, wegen dem er beinahe wegen Hehlerei im Knast gelandet wäre. Simon antwortete nicht, er packte ungerührt weiter seine Sachen zusammen, sortierte Mullbinden in seiner Tasche und überprüfte Tarants’ Kopfverband. Colin war Männer gewöhnt, die entweder Schiss vor ihm hatten oder auf ihn losgingen, mit wild fuchtelnden Armen und Beinen wie bei einer Tom und Jerry-Prügelei. Gleichgültigkeit haute ihn anscheinend um.

Ich rief Bronte zu mir. »Geh schon mal mit Dad vor. Ich komm gleich nach.«

Bronte schob ihre Hand in Colins. »Arschgesicht«, knurrte Colin über die Schulter hinweg und ging davon, ganz der harte Kerl. Ich atmete aus.

Harley blieb bei mir stehen. Ich sagte Tarants leise Auf Wiedersehen, doch er antwortete nicht. Das Mädchen murmelte »Danke noch ma’« und winkte mir zu, was in dieser Gegend fast einem handschriftlichen Dankschreiben gleichkam. In ihrem Gesicht war nichts von Schock zu sehen, kein sanftes Mitgefühl. Ich wappnete mich gegen das Mitleid in Simons Miene, doch stattdessen dankte er mir und wandte sich dann dem Krankenwagen zu, der gerade um die Ecke gerast gekommen war.

Kapitel 3

Vierundzwanzigtausend Pfund pro Jahr, bis die Kinder achtzehn sind?«, stieß ich hervor. Vierundzwanzigtausend Pfund, das waren so viele Putzstunden, dass ich dachte, ich würde gleich laut loslachen und nie wieder aufhören.

Mr Harrison, der Anwalt der Professorin, nickte und blätterte in seinen Unterlagen. »Ja, sie hat genug Geld hinterlassen, dass die Kinder bis zur Hochschulreife auf der Stirling Hall School bleiben können, falls sie das möchten.«

»Aber warum?«, fragte ich. »Ich hab gedacht, sie hat mir vielleicht irgendeine Kleinigkeit hinterlassen, Sie wissen schon, ihre Leselampe oder ein paar von den Büchern. Ich meine, nicht dass mir das lieber gewesen wäre, ich bin echt dankbar, aber ich war doch bloß ihre Putzfrau.« Unbehaglich rückte ich auf diesem Stuhl mit der sehr geraden Lehne herum. Ich war es nicht gewohnt, einen Rock anzuhaben, und kam mir vor, als hätte ich in der Verkleidungstruhe meiner Mutter gewühlt. Aber Hosen waren mir nicht richtig erschienen, und ich wollte nicht, dass dieser Typ in seiner Nadelstreifenweste dachte, ich würde der Professorin nicht den gebührenden Respekt erweisen.

Mr Harrison steckte die Kappe auf seinen Füllfederhalter. Er hatte diesen ganz bestimmten Gesichtsausdruck. Lehrer haben den immer an Elternabenden, diese ausdruckslose Miene, die nichts verrät. »Sie hat Ihnen einen Brief geschrieben. Möchten Sie vielleicht ins Wartezimmer gehen, um ihn zu lesen? Ich muss ein paar Anrufe erledigen, also lassen Sie sich ruhig Zeit.«

Ich ging und nahm in einem hellen kleinen Zimmer neben Zeitschriftenstapeln Platz. Meine Augen prickelten, als ich Professor Staintons saubere Handschrift sah. Sie hatte den Brief an Amaia Etxeleku adressiert, worüber ich fast gelächelt hätte. Niemand nannte mich Amaia, aber Professor Stainton hatte Spitznamen für reine Faulheit gehalten, »besonders wenn man einen Namen hat, der die eigene Herkunft reflektiert«. Die Tatsache, dass meine Mutter aus einem kleinen Dorf im Baskenland kam, faszinierte sie. Ich war seit meiner Teenagerzeit nicht mehr dort gewesen. Mum und ich hatten immer vorgehabt, gemeinsam dorthin zu fahren, doch sie war gestorben, ehe genug Geld für Auslandsreisen da gewesen war. Diese ganze Baskennummer hätte mir wahrscheinlich gar nichts bedeutet, nur war es eben offenkundig, dass ich keine Engländerin war. Oft wurde ich für eine Italienerin gehalten, mit meinem langen dunklen Haar und den großen Kuhaugen. Nur eben nicht annähernd so modisch gestylt.

Fast wollte ich den Brief nicht aufmachen. Mir war klar, dass er mein Leben verändern könnte, und Veränderungen, auch zum Guten, machten mich nervös.

Gatsby,

Stamford Avenue,

Sandbury,

Surrey,

SD2 7DJ

23. November 2013

Liebe Amaia,

dies hier wird Sie vielleicht überraschen, ich weiß ja, dass Sie niemals etwas von mir haben wollten. Ich habe Sie immer für eine hochintelligente junge Frau gehalten, deren Leben sehr viel anders sein könnte, wenn Ihnen eine bessere Schulbildung zuteil geworden wäre. Meiner Meinung nach ist es nicht zu spät dafür. Ich weiß, wir haben darüber gesprochen, dass Sie zur OU gehen wollen, und ich bin sicher, dass Sie das auch tun werden.

Aber in meinem Alter muss ich Entscheidungen hinsichtlich der Zukunft treffen, die für mich kürzer und kürzer wird. Seit dem Tod meines Sohnes war ich gezwungen, mir Gedanken zu machen, wie das Wenige, das mir noch am Herzen liegt, am besten genutzt werden kann, und über das Vermächtnis nachzudenken, das für meine Zeit auf dieser Erde stehen soll. Für mich ist Bildung das Kostbarste, was man besitzen kann, außer Gesundheit und stabilen Beziehungen natürlich. Deshalb würde es mir große Freude bereiten, Ihren reizenden Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Nach all der Zeit, die ich mit ihnen verbracht habe, glaube ich, dass beide intelligent sind und gern lernen, und dafür Geld auszugeben, wäre meiner Ansicht nach bestimmt klug. Allein wegen Ihrer häuslichen Situation und aus Angst, dass unverhofftes Geld vielleicht den Weg zum Pferderennen in Newmarket findet, habe ich mein Testament so abgefasst, dass das Geld ausschließlich für den Besuch der Stirling Hall School verwendet werden kann. Von meiner Zeit im dortigen Vorstand her weiß ich, dass diese Schule Ihren Kindern hervorragenden, ausgewogenen Unterricht angedeihen lassen und ihnen Türen öffnen wird, die ihnen sonst vielleicht verschlossen bleiben würden. Ich hoffe, Sie werden die Gelegenheit ergreifen, ihnen zu helfen und George Peabodys weise Worte beherzigen, der Bildung als eine Verbindlichkeit bezeichnet hat, die die Generation der Gegenwart denen der Zukunft schuldet.

Und zum Schluss, Amaia, wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie alles Gute. Ich bin Ihnen so dankbar dafür, dass Sie mir meine letzten Jahre so behaglich wie möglich gemacht haben, mit Ihrer Gründlichkeit, die weit über die Grenzen der Pflicht hinausgeht. Ich bitte Sie eindringlich, sehr ernsthaft über meinen Vorschlag nachzudenken.

Mit meinen allerbesten Wünschen,

Rose Stainton

Wer zum Teufel war George Peabody? War der berühmt? Die Professorin konnte nicht widerstehen, mir ein letztes Rätsel zu hinterlassen, um meinen Horizont zu erweitern. Unwillkürlich fing ich an, mir mit den Fingern durchs Haar zu fahren und sämtliche losen Fusseln herauszureißen. Ein Wunder, dass ich noch keine Glatze hatte.

Ich kniff die Augen zu und versuchte, einen Gedanken zu finden, an dem kein verknotetes Bündel neuer Probleme hing. Schweiß sammelte sich in meinen Achselhöhlen, färbte die blassblaue Seidenbluse dunkelblau und erinnerte mich daran, warum ich sie nur zu ganz besonderen Anlässen trug. Inzwischen sollte ich gelernt haben, dass Seide und Etxeleku-Schweißdrüsen sich nicht miteinander vertrugen. Gerade erwog ich eine Schadensbegrenzungsmaßnahme mit der Küchenrolle neben dem Wasserspender, als Mr Harrison mich wieder hereinrief. Der Anwalt sah erleichtert aus, als hätte er damit gerechnet, mir sein Taschentuch für ein gewaltiges Schnäuzen leihen zu müssen. Er ließ sich in seinen großen Chefsessel zurücksinken und knackte mit den Fingerknöcheln. »Ich gehe davon aus, dass Sie die Gelegenheit nutzen werden, die Kinder nach Stirling Hall zu schicken.«

Ich gehe davon aus. Wie wunderbar, in einem Leben zu sein, wo man von etwas ausgehen konnte. Davon, dass dein Ehemann für dich sorgt. Davon, dass deine Kinder auf eine Schule gehen, wo ihre Schultage sich um Bildung drehen und nicht ums Überleben. Davon, dass vierundzwanzigtausend Pfund im Jahr eine fantastische Nachricht sind und keine riesengroße Brechstange, um den Deckel von der Büchse der Pandora herunterzuhebeln.

Meine Achseln fielen mir wieder ein, und ich faltete die Hände im Schoß. »Ich muss darüber nachdenken. Ich meine, ich bin natürlich dankbar, die Professorin war unheimlich großzügig, aber ich muss das doch mit dem Vater der Kinder besprechen«, sagte ich und hörte augenblicklich Professor Staintons Stimme in meinem Kopf. »Amaia, ›unheimlich‹ sind Gruselgeschichten.«

»Darf ich so frei sein zu fragen, was dagegen spricht?«, erkundigte sich Mr Harrison.

Ich ignorierte das »so frei sein«. Natürlich könnte er einfach fragen, aber er gab sich Mühe, nett zu sein. »Gott, das ist mir ja so peinlich. Entschuldigen Sie, dass ich so blöd bin, aber wie hoch sind die Schulgebühren in Stirling Hall? Sie haben gesagt, sie hätte mir vierundzwanzigtausend Pfund im Jahr hinterlassen. Das kann doch nicht nur das Schulgeld sein.«

»Ich fürchte doch. Viertausend pro Trimester, für jedes der Kinder.«

»Meine Fresse«, stieß ich hervor und wand mich dann vor Scham. »Entschuldigung, ich meine, das ist echt ’ne Menge Geld. Tut mir leid, dass ich mich so undankbar anhöre. Dann geht das ganze Geld also nur fürs Schulgeld drauf? Wow. Und das ist die einzige Möglichkeit?«

»Ich fürchte, die Professorin hat sich sehr klar ausgedrückt. Sie hat das Geld so angelegt, so dass es nur für Stirling Hall verwendet werden kann. Es wird zu Beginn jedes Trimesters direkt an die Schule überwiesen. Falls Sie ihr Angebot nicht annehmen, hat sie Anweisungen hinterlassen, dass das Geld an das Krebshospiz in der Stadt gehen soll.«

Die Haare auf meinen Armen stellten sich auf. Dort war Mum vor drei Jahren gestorben. Rasch verdrängte ich die Erinnerung an ihr kleines Zimmer mit der Blumenbordüre und an die grauenhaften Stunden, die ich dort verbracht und in denen zugesehen hatte, wie sich ihr armer, geschundener Körper hob und senkte. Ich musste an die nächste Generation denken, nicht an die vorige.

»Ich möchte ja nicht gierig klingen, aber hat sie Geld für Schuluniformen und all so was hinterlassen?« Dort, wo ich putzte, hatte ich haufenweise Hockeyschläger, Rugbyausrüstungen und Mäntel und Jacken für alle möglichen Anlässe in den Kinderzimmern gesehen. Ein alter Anorak und West-Ham-Fußballklamotten würden nicht reichen.

»Nein, aber ich glaube, die meisten Privatschulen haben ausgezeichnete Secondhand-Angebote.«

Mein Verstand mühte sich mit aller Kraft, eine Möglichkeit zu ersinnen, wie ich mir das leisten könnte, auch Secondhand. Harley würde auf dünngescheuerte Ellenbogen oder Knie pfeifen, Bronte hingegen würde einen Riesenaufstand machen. Sogar in Morlands schaffte sie es, dass ich zu spät zur Arbeit kam, weil ich mich um zueinander passende Haarbänder und selbst um die winzigsten, ameisengroßen Löcher in ihren Strumpfhosen kümmern musste. Wenn ich versuchte, sie mit etwas abzuspeisen, das nicht brandneu war, würde das sein, als schiebe man ein Lamm bergauf zur Schlachtbank.

Anders als Morlands, wo ein Schulausflug einen Fußmarsch zum hiesigen Museum mit seinen zwei römischen Münzen und ein paar vergammelten alten Fossilien bedeutete, war Stirling Hall in Sachen Klassenreisen die absolute Nummer eins. Ich hatte im Surrey Mirror Fotos der StirlingHall-Cricketmannschaft auf Barbados gesehen. Die Karibik als Ziel einer Klassenfahrt! Mal eben so auf die Westindischen Inseln, um ein paar Bälle zu schlagen. Das war keine Nummer mit einem Pfund Taschengeld, einem Marmeladenbrot und einer Packung Käsechips, ich würde mir das für Harley niemals leisten können. Na ja, er hatte ja auch noch nie im Leben Cricket gespielt, also würde er es hoffentlich nicht in die Schulmannschaft schaffen.

Ich pulte an meinen ungepflegten Fingernägeln herum. Eine Vision davon, wie Bronte mich anflehte, nicht zu Schulaufführungen, Sportfesten oder Chorkonzerten zu kommen, tauchte in meinem Kopf auf. Sie fand es furchtbar, wenn andere Leute erfuhren, dass ich Putzfrau war. Immer wieder versuchte sie, mich zu überreden, mich bei X-Faktor zu bewerben, damit ich stattdessen Popstar werden konnte, obwohl ich mich beim Singen anhörte wie ein Staubsauger, der eine Socke verschluckt hat.

Vielleicht würde ich Mr Harrisons Taschentuch ja doch noch brauchen.