DIE AUTORIN

© Kristi Cook
Schon als Kind war Kristi Cook eine begeisterte Leserin und nur bereit, ihr Buch zur Seite zu legen, um ein paarmal die Woche Ballettstunden zu nehmen. Seitdem hat sich nicht viel geändert, außer dass sie inzwischen Mutter ist und genauso gern ihre eigenen Bücher schreibt, wie sie liest. Die Autorin ist in den Südstaaten aufgewachsen und lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in New York.
Kristi Cook
Du & Ich?
Ohne mich!
Aus dem amerikanischen Englisch
von Heide Horn, Christa Prummer-Lehmair
und Sonja Schuhmacher


Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe
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Deutsche Erstausgabe März 2016
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe:
cbj, Kinder- und Jugendbuch Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Die Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel »Magnolia« bei Simon Pulse,
einem Imprint von Simon & Schuster
Children’s Publishing Division, New York.
© 2014 by Kristina Cook Hort
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.
Aus dem amerikanischen Englisch von
Heide Horn, Christa Prummer-Lehmair und Sonja Schuhmacher
Umschlaggestaltung: bürosüd, München, www.bürosüd.de
Umschlagbild: Kristian Sekulic/Gettyimages
kk · Herstellung: wei
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-16223-8
V002
www.cbj-verlag.de
Für meine Phi-Mu-Schwestern von der
University of Southern Mississippi,
die nur allzu gut wissen,
dass ein echtes Mississippi-Girl seine Heimat
auch in der Ferne im Herzen trägt.
AKT I
Denn niemals gab es ein so herbes Los
Als Juliens und ihres Romeos.
William Shakespeare, Romeo und Julia
AKT I
Szene 1
Ich schaue aus meinem Fenster und sehe unten auf dem Rasen Ryder Marsden stehen. Mit Daumen und Zeigefinger forme ich einen Rahmen um ihn, kneife ein Auge zu, um die Illusion perfekt zu machen, und tue dann so, als würde ich ihn zerquetschen.
Nimm das!
Anschließend lasse ich den Vorhang wieder vors Fenster fallen, um mir den Anblick meines Erzfeindes dort draußen im blinkenden Licht der Partybeleuchtung zu ersparen, der in seinem dunkelgrauen Anzug viel zu scharf aussieht. Es wäre um einiges leichter, ihn zu hassen, wenn er nicht so gut aussehen würde. Und ich will ihn hassen, wirklich.
Ihr kennt doch diese tragischen Geschichten, in denen sich zwei Kinder verfeindeter Familien ineinander verlieben, oder? Okay, jetzt stellt euch das Ganze genau umgekehrt vor, und dann habt ihr unsere Geschichte, die von Ryder und mir.
Sie begann so: Am sechsten April 1862 bekam Captain Jeremiah D. Marsden – Ryders Urahn – in der Schlacht von Shiloh eine Bleikugel ins linke Knie. Corporal Lewiston G. Cafferty – mein Urahn – hob Captain Marsden auf, trug ihn vom Schlachtfeld und brachte ihn in Sicherheit.
Auf seinem Rücken. Zwei Kilometer weit. Barfuß.
So heißt es jedenfalls. Offen gestanden bin ich ein wenig skeptisch, aber egal. Der Punkt ist, dass die Marsdens und die Caffertys seitdem so miteinander sind.
Und wenn ich sage »so«, dann meine ich wie eine Familie. Unsere Leben sind so ineinander verflochten, dass man manchmal gar nicht mehr genau weiß, wer zu wem gehört. Wir machen alles gemeinsam – Gottesdienstbesuche, Grillabende, sogar Ferien. Eine meiner Lieblingsanekdoten handelt davon, dass mein Onkel Don nach einem Urlaub am Meer bei den Marsdens vergessen wurde und es zwei Wochen lang niemandem auffiel. Ehrlich.
Schauplatz der Geschichte um die Familien Marsden und Cafferty ist Magnolia Branch, Mississippi. Dieses kleine Stückchen vom Paradies mit 2190 Einwohnern kann eine Verkehrsampel, sechs Kirchen, eine Bücherei und einen malerischen Marktplatz vorweisen. Das einzige Zugeständnis an die moderne Zivilisation ist das Ward’s, ein Burger-Restaurant gleich neben dem Highway, und ihr glaubt gar nicht, wie sehr sich einige der Einheimischen damals, noch vor meiner Geburt, gegen diese Idee gestemmt haben.
Wenn ihr euch fragt, wie es sich anfühlt, hier aufzuwachsen, überlegt euch mal Folgendes: Geht es ums Beten, kann man zwischen sechs (!) Kirchen wählen, geht es jedoch um Fastfood, hat man nur eine Wahl (das eben erwähnte Ward’s). Muss ich noch mehr sagen? Übrigens, falls ihr mal eine richtige Fehde von Shakespeare’schen Dimensionen erleben wollt, geht zu den Methodisten und den Baptisten – die bekriegen sich schon seit Jahren.
Ganz ehrlich, hier in Magnolia Branch hat sich seit dem Krieg nicht viel verändert – und mit »Krieg« meint man in dieser Gegend den amerikanischen Bürgerkrieg. O ja, und das nach hundertfünfzig Jahren und diversen anderen Kriegen auf der Welt.
Die Marsdens leben immer noch »auf« Magnolia Landing, einem alten Herrenhaus aus den goldenen Zeiten der Südstaaten mit gut hundert Hektar Grund am Flint Creek. Es sieht genauso aus, wie man sich eine Südstaatenvilla vorstellt: leuchtend weiß und perfekt symmetrisch, mit mächtigen Säulen und einer langen Auffahrt, überragt von uralten Eichen, von deren Ästen spanisches Moos herabhängt.
Und wir Caffertys leben immer noch die Straße runter im Wohnhaus des ehemaligen Sklavenaufsehers von Magnolia Landing. Im Laufe der Jahre wurden mehrmals Anbauten errichtet, sodass es ein wenig planlos in die Gegend gewuchert ist. Trotzdem, für mich ist es perfekt – weiß getünchter Backstein, Schindeldach, Dielenböden und Schlafveranden. Im Gegensatz zu Magnolia Landing wirkt unser Haus gemütlich und wohnlich. Bei den Marsdens fühlt man sich wie in einem Museum – und mal ehrlich, wer will schon in einem Museum wohnen?
Wie dem auch sei, unsere Familien fiebern seit Ewigkeiten darauf hin, ihre enge Verbindung durch eine Eheschließung zu besiegeln. Aber wie es das Schicksal wollte, waren die Generationen nie synchron. Oder aber perfekt asynchron, wenn man das so sehen will. Jedenfalls gab es in all den Jahren nie ein geeignetes Pärchen dafür.
Bis Ryder und ich auf die Welt kamen.
Unsere Geburtstage liegen genau sechs Wochen auseinander. Vom Alter her sind wir also das ideale Paar. Ihr könnt euch wahrscheinlich vorstellen, wie es uns erging, seit uns unsere Mütter zum ersten Mal zusammen in ein Bettchen legten. Voller Vorfreude rieben sie sich die Hände und planten bereits unsere Hochzeit. Bei den Verabredungen zum Spielen, die darauf folgten, sahen uns die Erwachsenen beifällig lächelnd zu, wie wir im Sandkasten buddelten. Zog mich Ryder an den Zöpfen, war das garantiert ein Zeichen seiner Bewunderung, warf ich ihm Sand ins Gesicht, wollte ich nur meine Zuneigung ausdrücken.
Tragische Liebe? Ha, weit gefehlt. Meistens versuche ich Ryder auszuweichen. Allerdings weiß ich nicht, wie ich das heute Abend bewerkstelligen soll.
Denn heute ist die jährliche Gala des Historischen Vereins von Magnolia Branch. Eine hochoffizielle Party, auf der sich die gehobene Gesellschaft von Magnolia Branch versammelt, um bei Champagner und kulinarischen Köstlichkeiten die neuesten Klatschgeschichten auszutauschen. In diesem Jahr ist meine Mom Vorsitzende und damit Gastgeberin, was bedeutet, dass ich lächeln, nett und lieb sein und mich unter die Gäste mischen muss. Und richtig, unter den Gästen befindet sich auch Ryder Marsden.
Ich stöhne innerlich auf, während ich durch das Fenster auf die wachsende Gästeschar blicke. Draußen auf dem Rasen ist die Party in vollem Gang, und sicher fragt sich Mom schon, wo ich bleibe. Widerstrebend verlasse ich den Schutz meines heimeligen Zimmers, renne die Treppe hinunter und durchquere die Diele. Mit feuchten Händen streiche ich mein hellblaues Kleid glatt, betrete die Veranda und wappne mich mit einem tiefen Atemzug.
Brütende Hitze schlägt mir entgegen. Es müssen an die dreißig Grad sein, die Luft ist warm und schwül, obwohl die Sonne schon vor einer halben Stunde untergegangen ist. Der Vollmond steht hoch am Himmel und überzieht alles mit einem silbernen Schimmer. Es hat etwas Magisches und trotz der Hitze überläuft mich ein Schauder.
Der Garten sieht vollkommen verändert aus. Um jeden Baum winden sich Lichterketten und zwischen den Bäumen hängen bunte Laternen aus Papier. In der Mitte des Rasens hat man einen Tanzboden aus Holz errichtet, dahinter sitzt das Orchester. Die Streicher spielen ein hübsches, langsames Stück, während die restlichen Musiker ihre Instrumente zur Hand nehmen.
Meine Mom hat das Buffet unter dem größten und ausladendsten Magnolienbaum aufgebaut, lange Tische mit silbernen Warmhaltebehältern, an denen Kellner in blütenweißen Schürzen servieren. Für diesen Abend hat sie Porzellangeschirr gemietet – ich habe ihr beim Aussuchen des Dekors geholfen, elfenbeinfarben mit einem stilisierten Bambusmuster am Rand.
Um die Tanzfläche gruppieren sich runde, in Cremeweiß gedeckte Tische. Auf jedem steht ein Windlicht mit einer elfenbeinfarbenen Kerze darin, dessen Fuß mit farbenprächtigen Hortensien geschmückt ist. Alles sieht wunderschön aus.
Ich mache mich auf die Suche nach meiner Mom. Sie steht zusammen mit Laura Grace Marsden, Ryders Mutter, am Buffet. Natürlich sind sie beste Freundinnen – sie waren in derselben Studentinnenverbindung an der Ole Miss und jeweils Brautjungfer der anderen. Mom hat mich entdeckt und bedeutet mir, zu ihnen zu kommen.
»Jemma!«, ruft Laura Grace aus, während ich auf sie zugehe. Meine silbernen Ballerinas machen auf dem dicken Grasteppich kein Geräusch. »Liebes, du siehst aus wie eine Prinzessin. Komm, gib mir einen Kuss!«
Ich eile auf sie zu und lasse mich in eine nach Shalimar duftende Umarmung schließen. »Wie gefällt dir mein Kleid?«, frage ich sie.
Sie fasst mich an den Schultern und hält mich auf Armeslänge von sich weg. »Es ist fantastisch! Original Vintage?«
Lächelnd nicke ich. »Aus den Sechzigerjahren. Lucy hat mir geholfen, es zu ändern.«
Wir mussten einiges von dem unansehnlich gewordenen blauen Tüll abschneiden und den Rock und den Reißverschluss ersetzen. Aber das ursprüngliche Mieder aus Satin war gut erhalten und das Kleid ist absolut umwerfend.
Laura Grace berührt eine der blassrosa Rosetten an meiner Hüfte. »Lucy und du solltet damit ein Geschäft aufziehen. Für ein solches Kleid würden die Leute ein Vermögen zahlen.«
Mom lächelt schelmisch. »Ich hab’s dir doch gesagt.«
»Hast du Morgan und Lucy gesehen?«, frage ich, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.
Sie deutet nach links. »Unten am Fluss, bei den Jungs. Falls du Daddy siehst, schickst du ihn bitte zu uns? Ich habe den Eindruck, die Lichterkette da oben hat sich gelockert.« Ihr Blick wandert zu dem blinkenden Ast über uns.
»Mach ich«, antworte ich, obwohl die betreffende Lichterkette für mich ganz in Ordnung aussieht. Zum Glück, denn mein Dad ist Doktor und kein Elektriker, wie er gerne sagt. Sein Lieblingszitat aus Raumschiff Enterprise.
Und mit »Doktor« meint er nicht »Arzt« – er ist Professor für Physik an der Uni.
»Ach, und Jemma?« Laura Grace schenkt mir ein strahlendes Lächeln. »Du musst unbedingt einen Tanz für meinen Sohn reservieren.«
Ich kann nicht anders, ich verdrehe die Augen. Träum weiter, Laura Grace.
Nachdem ich mich abgewendet habe und auf den Weg zu meinen Freundinnen mache, höre ich die beiden doch tatsächlich hinter meinem Rücken kichern.
Unglaublich. Wie alt sind die denn, zwölf?
Als ich um die Tanzfläche herumgehe, entdecke ich Dad an der Bar. »Hey«, rufe ich ihm zu und deute mit dem Daumen in Moms Richtung. »Du wirst am Buffet gewünscht. Wegen irgendwelchen losen Lichterketten.«
Seufzend schnappt er sich sein Glas. »Bin schon unterwegs.«
Ich beschleunige meinen Schritt, möchte endlich meine Freundinnen finden. Der Mond erleuchtet den sandigen, moosüberwachsenen Pfad, der zum Fluss führt, aber ich würde den Weg auch im Stockdunkeln finden. Ich komme gern nachts hier runter und lausche der Symphonie aus Geräuschen – dem Quaken der Frösche, dem Zirpen der Heuschrecken, dem Ruf der Eulen. Ich nenne es die Mississippi-Mondscheinsonate.
Als meine Schwester Nan und ich noch klein waren, stahlen wir uns in den heißen Sommernächten hierher. Wir hoben unsere Nachthemden an und wateten ins seichte Wasser, um uns abzukühlen. Danach legten wir uns auf die harten, kratzigen Picknicktische und schauten hinauf in den Sternenhimmel.
Ich vermisse meine Schwester. Niemand hat verstanden, warum sie sich für die Southern Miss entschieden hat – gut vier Stunden Fahrt von zu Hause entfernt –, wo sie doch auch nach Oxford auf die Ole Miss hätte gehen können. Aber so ist Nan, unberechenbar, immer gegen die Erwartungen meiner Eltern rebellierend.
Ganz anders als ich.
Mir entfährt ein Seufzer, als ich dem Pfad den Hang hinab folge. Schließlich erreiche ich die sandige Lichtung am Rand des flachen schwarzen Wassers.
»Ganz die Südstaatenlady, immer eine Viertelstunde zu spät«, ruft Morgan zur Begrüßung, deren Silhouette sich dunkel gegen den Sternenhimmel abhebt. Sie hockt auf einem der Picknicktische, die Füße in den Riemchensandalen auf die Bank gestützt.
»Schließlich habe ich einen Ruf zu verteidigen«, pariere ich. »Ich will doch meine Fans nicht enttäuschen. Was macht ihr denn alle hier unten?«
»Die Jungs wollen einen Karton Bier reinschmuggeln. Mit dem Boot«, fügt sie hinzu und grinst breit. »Ich bin bloß unbeteiligte Zuschauerin.«
Direkt am Wasser kann ich eine Handvoll Jungs erkennen, die gerade ein schmales Kanu an Land ziehen.
»Ziemlich clever«, kommentiere ich. »Lass raten – Masons Idee?«
»Gut möglich.« Morgan streckt ihre langen Beine, steigt anmutig vom Tisch und gesellt sich zu mir.
»Du siehst toll aus!«, sage ich mit Blick auf ihr schlichtes pinkfarbenes Etuikleid aus Seide. Sie hat ihr hellblondes Haar zu einem Knoten geschlungen und trägt eine Kette aus cremefarbenen Perlen um den Hals. Jeder Zoll die amtierende Miss Teen Lafayette County.
Ihr Mund verzieht sich zu einem in unzähligen Schönheitswettbewerben perfektionierten Lächeln. »Du siehst auch toll aus. Dein Kleid ist fantastisch.«
»Was, das alte Ding?«, witzele ich.
»Wo ist denn deine Kamera? Ich war mir sicher, dass du die Gala filmen würdest.«
Normalerweise schleppe ich meine Videokamera immer mit mir herum. Filmen ist mein Hobby. Und okay … am liebsten würde ich nächstes Jahr auf die Filmhochschule gehen, aber das ist eine andere Geschichte. »Ich musste Mom versprechen, die Kamera heute in meinem Zimmer zu lassen – sie meinte, sonst würden sich die Gäste beobachtet fühlen oder so«, sage ich mit einem Schulterzucken. »Wo ist überhaupt Lucy?«
»Ich hab sie vor zehn Minuten losgeschickt, um dich zu suchen. Sie muss sich verlaufen haben.« Ihr Blick wandert zu einem Punkt über meiner linken Schulter. »Warte, da ist sie ja.«
Ich schlage nach einer Mücke, drehe mich um und sehe Lucy mit finsterer Miene auf uns zukommen. »Mr Donaldson hat mich zugetextet. Ich musste ungefähr eine Viertelstunde lang mit ihm quatschen«, ruft sie. »Jetzt bin ich stockheiser. Wo zum Teufel hast du gesteckt?«
Mr Donaldson unterrichtet europäische Geschichte, einen der AP-Kurse, mit denen wir bereits an der Highschool College-Scheine erwerben können. Auf einem Ohr wird er langsam taub, aber er weigert sich, es einzugestehen, daher kann man eine Unterhaltung mit ihm praktisch nur schreiend führen.
»Wir müssen uns irgendwie verpasst haben«, antworte ich achselzuckend.
»Also, was sagst du?« Lucy wirft sich in Modelpose, bis hin zur gewollt ausdruckslosen Miene. Das weiße Neckholderkleid kontrastiert wirkungsvoll mit ihrer dunklen, bronzefarbenen Haut und der fließende Stoff betont ihre Kurven. Sie hat sich das Haar glätten lassen, es fällt ihr in weichen, glamourösen Wellen über die Schultern.
»Perfekt«, erwidere ich. »Wie immer.« Sie wirkt mondän, wesentlich reifer als siebzehn.
Die Jungs sind inzwischen zum Picknicktisch gekommen und verteilen mit einem triumphierenden Johlen die eingeschmuggelten Dosen Light-Bier untereinander.
»Geht’s langsam an, okay?«, rufe ich. »Bitte ruiniert Moms Fest nicht!«
Ein grinsender Ben prostet mir mit seinem Bier zu. »Yes, Ma’am.«
Ben ist Ryders Cousin – Cousin zweiten Grades, um genau zu sein – und einer seiner besten Freunde, auch wenn sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ben ist süß und rücksichtsvoll. Nett.
Ryder dagegen, na ja … Ich erzähle euch jetzt mal ein paar Takte zu Ryder. Er ist der Star-Quarterback in unserem Football-Team, das nicht nur in der ersten Liga spielt, sondern auch den Meistertitel hält. Er ist Jahrgangsbester, ohne dass er groß etwas dafür tun muss. Außerdem spielt er Klavier wie ein verdammtes Wunderkind, und ich wäre nicht überrascht, wenn er in seiner Freizeit Sonaten oder so was komponieren würde.
Ach, und habe ich schon erwähnt, dass er umwerfend aussieht? Aber klar doch. Eins dreiundneunzig, neunzig Kilo, ein Body, bei dem die Mädchen ausflippen. Schwarze Igelfrisur, schokoladenbraune Augen und schnuckelige Grübchen.
Und was die Zukunft für ihn bereithält? Im Moment umwirbt ihn die Hälfte aller College-Football-Teams und die andere Hälfte würde es gern. Aber es gilt als ausgemacht, dass er für die Ole Miss spielen wird – unser Goldjunge vom Mississippi bleibt uns also erhalten.
Ohne mich oder meine Freundinnen eines Blickes zu würdigen, läuft Ryder an uns vorbei und folgt Ben und den anderen Jungs – Mason, Tanner und Patrick – zu dem Picknicktisch hinter uns.
Heute Abend tragen die Jungs ihre Standarduniform aus Khakihosen, weißem Oxfordhemd und bunt gemusterter Krawatte. Ihre Jacketts – natürlich in Marineblau – haben sie schon lange abgelegt, die gelockerten Krawatten hängen unordentlich vor ihrer Brust.
Nur Ryder mit seinem dunkelgrauen Anzug und der leuchtend azurblauen Krawatte fällt aus dem Rahmen. Außerdem hat er das Jackett anbehalten und den Hemdkragen geschlossen und scheint trotz der drückenden Hitze nicht zu schwitzen. Mir fällt auf, dass er auch der Einzige ist, der kein Bier trinkt.
Das bedeutet nicht, dass er ruhig ist. Sie sind alle laut, schreien sich gegenseitig nieder und fluchen, während sie über – na, was wohl? – Football reden.
»Ihr hättet den Arm von diesem Typen mal sehen müssen, sonst glaubt ihr’s nicht«, meint Tanner. »Ich rede hier von einem perfekten Spiral.« Er mimt einen Wurf.
»Na wenn schon. Wenn du gewinnen willst, brauchst du aber auch Receiver, die nicht total scheiße sind.« Mason nimmt einen langen Zug von seinem Bier. Mason ist Ryders anderer bester Freund. Außerdem ist er Morgans Zwillingsbruder. In der Grundschule trug er die Haare so lang, dass die beiden oft für Zwillingsschwestern gehalten wurden – eine kleine Anekdote, die ich immer wieder gern zum Besten gebe, wenn er allzu sehr nervt, also ziemlich oft. Er kann manchmal ein ganz schöner Mistkerl sein – jähzornig und grob.
»Schauen wir mal, ob ihr in zwei Wochen immer noch so daherredet, wenn ihr von uns ordentlich Prügel bezogen habt«, tönt Tanner säuerlich.
»Ich glaube nicht, dass das passieren wird, Kumpel. Wo, hast du gesagt, hat der Typ vorher gespielt? Holy Cross?« Mason schüttelt glucksend den Kopf. »Also, da mache ich mir echt keine Sorgen. Du, Ryder?«
Alle Jungs drehen den Kopf in Ryders Richtung. Er wirft den Football, den er dabeihat, in die Luft und fängt ihn wieder auf. »Nö«, antwortet er mit einem großspurigen Grinsen.
»Das solltest du aber.« Wütend starrt Tanner ihn an und verschränkt die Arme vor der schmächtigen Brust. Tanner ist mein Cousin, und zwar mütterlicherseits. Er geht merkwürdigerweise auf die West Lafayette High – unser großer Football-Rivale. Das muss irgendwas mit den Einzugsbereichen der Schulen zu tun haben, denn in der Grund- und Mittelschule war er noch bei uns. Er hätte wahrscheinlich eine Ausnahmegenehmigung beantragen können, aber das hat er nicht. Mason behauptet, Tanner habe wohl gewusst, dass er für das Football-Team von Magnolia Branch nicht gut genug sei, und wer weiß? Vielleicht hat er recht. Jedenfalls wird die Diskussion immer recht hitzig, wenn Tanner dabei ist.
»He, habt ihr heute Nachmittag das Spiel zwischen Alabama und Louisiana gesehen?«, fragt Ben, offensichtlich in dem Bemühen, die Situation zu entschärfen.
»Mann, sind das Schwachköpfe«, murmelt Lucy, während sich das Gespräch der Jungs wieder auf neutraleres Terrain bewegt.
Morgan nickt. »Übrigens hat Mason sein Gewehr mitgebracht. Es liegt noch im Boot. Wahrscheinlich ziehen sie im Lauf der Nacht los und schießen was.«
»Solange Jemma nicht mitgeht.« Lucy wirft mir einen strengen Blick zu.
Ich bin nämlich unbestreitbar die beste Schützin in ganz Magnolia Branch und habe deswegen schon eine Menge Preise gewonnen. Nicht, dass ich auf etwas Lebendiges schießen würde – Zielscheiben und Tontauben reichen mir völlig. Aber ja, Mom hat mir das Nähen beigebracht und Papa das Schießen. So läuft das hier bei uns in Magnolia Branch.
»Nicht in diesem Kleid und nicht mit Jungs, die getrunken haben«, sage ich und gucke kurz über die Schulter zu ihnen hinüber.
Im selben Moment dreht sich Patrick zu mir um. Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt mich an – ein schiefes, spitzbübisches Grinsen.
Aus unerklärlichen Gründen wird mir flau im Magen. Ich schlucke mühsam. Mein Puls rast.
O nein.
Wenn ich eins über Patrick Hughes weiß, dann das: Er bedeutet Ärger. Riesenärger. Die Familie Hughes ist alter Geldadel – und wirklich steinreich – und Patrick ist ihr kleiner Prinz. Genau wie Mason genießt er die angenehmen Seiten des Lebens ein bisschen zu sehr, wovon nicht nur eine, sondern gleich zwei Anzeigen wegen Trunkenheit am Steuer allein im letzten Jahr zeugen. Zu seinem Glück ist sein Vater Anwalt. Zusammen mit Ryders Dad führt er die Kanzlei Marsden, Hughes & Fogarty.
Nein, meine Eltern wären definitiv nicht begeistert, trotz seines Geldes und seines Stammbaums.
Aber wer weiß? Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich sein Lächeln erwidere.
AKT I
Szene 2
Seit Patrick und ich unten am Fluss diesen Blick getauscht haben, hat sich etwas in mir verändert. Nicht dass er mich noch nie angelächelt hätte – das hat er schon oft. Aber diesmal war es irgendwie anders. Fast als … würde er mich zum ersten Mal wirklich wahrnehmen. Eigentlich albern, schließlich kennen wir uns seit Ewigkeiten. Letzten Sommer haben wir sogar beide denselben Filmkurs beim YMCA belegt. Wenn man Patrick mal ohne die Jungs zu fassen kriegt, ist er sogar richtig nett, trotz seines Bad-Boy-Images.
Ich spüre seine Gegenwart jetzt überdeutlich. Nachdem wir alle uns zu den Partygästen gesellt haben, suche ich unwillkürlich in der Menge nach ihm. Einige Male habe ich den Eindruck, er beobachtet mich, blickt bewusst in meine Richtung, während ich an einem der runden Tische sitze und esse. Und auch später, als ich mich mit Lucy und Morgan ins Gewühl der Tanzenden stürze.
Daher bin ich eigentlich nicht überrascht, als er mich auf dem Weg zum Bowle-Ausschank abfängt und zum Tanzen auffordert. Die Musiker haben gerade etwas Langsames angestimmt – irgendeinen altmodischen Walzer. Ich sage Ja und lasse mich von ihm an der Hand zurück auf die Tanzfläche führen. Als Patrick seine Arme um meine Taille legt und mich an sich zieht, habe ich das seltsame Gefühl, als wären alle Augen auf uns gerichtet.
Und das ist tatsächlich so, merke ich.
Ich verschränke meine Hände in seinem Nacken und stütze ihn, als er gefährlich gegen mich schwankt und droht, uns beide hier mitten auf der Tanzfläche zu Fall zu bringen.
»Du siehst hübsch aus«, flüstert er. Sein heißer Atem streift mein Ohr.
»Ja, ja, da spricht wohl der Alkohol.«
»Nein, ganz im Ernst. Du bist wirklich sehr, sehr hübsch.«
Über seine Schulter hinweg sehe ich, wie Mom uns mit finsterem Blick beobachtet. Vermutlich werde ich es irgendwann bereuen, aber heute Abend fühle ich mich ganz verwegen. Tollkühn. Ich habe Lust, über die Stränge zu schlagen.
Was mir eigentlich gar nicht ähnlich sieht. Ich halte mich immer an die Regeln, spiele meine Rollen perfekt – die pflichtbewusste Tochter, die liebende Schwester, die Einserschülerin, Co-Captain des Cheerleading-Teams. Ich tue genau das, was von mir erwartet wird, führe das Leben, das meine Eltern sich für mich vorgestellt haben. Manchmal frage ich mich, wer die wahre Jemma Cafferty ist – falls ich ihr jemals begegne.
Begegnen will.
»Danke«, murmele ich. »Du siehst auch nicht schlecht aus.«
»Lass uns irgendwohin gehen, wo wir reden können«, schlägt er leise vor. Er lässt meine Taille los, greift wieder nach meiner Hand und zieht mich zum Rand der Tanzfläche.
»Ich glaube, das ist keine so gute Idee«, wende ich ein. Trotzdem folge ich ihm. Mein Herz klopft, als wollte es mir die Rippen sprengen, als wir uns einen Weg durch die Gästeschar zur Rückseite des Hauses bahnen.
»Ich hab das ehrlich gemeint«, bekräftigt er, sobald wir allein sind. »Du siehst heute Abend wirklich hübsch aus. Na ja, ich meine, das tust du natürlich immer, aber heute besonders.« Er schwankt ein wenig, und ich strecke den Arm aus, um ihn zu stützen.
»Bist du okay?«, frage ich. Er hat definitiv einen sitzen.
»Ja. Ich würde dich jetzt wirklich sehr gern küssen.«
»Ach ja?«, frage ich.
Er nickt. »O ja.« Wieder packt er meine Hand, zieht mich ins Dunkel und drückt mich grob gegen einen Baumstamm. Ich wehre mich nicht, nicht einmal, als seine Lippen auf meine treffen.
Sein Kuss ist erstaunlich sanft – beinahe zaghaft. Ich will mehr. Brauche mehr. Ich öffne die Lippen, und während seine Hände seitlich an meinem Körper hinaufwandern und mir Gänsehaut verursachen, fühle ich mich aufregend leichtsinnig.
Ich ziehe ihn enger an mich, bis sich sein gesamter Körper gegen meinen presst. Mit einem Schlag wird mir bewusst, wie lange mein letzter Kuss zurückliegt. Zu lange.
Und jetzt ist da Patrick und er riecht so gut – nach Aftershave und frischer Luft. Warm trifft sein Atem auf meine Haut, seine Küsse sind federleicht. Ich merke kaum, wie seine Daumen unter die Träger meines Kleides gleiten und er sie mir von den Schultern streift.
»He, da bist du ja, Kumpel!«, ruft eine Stimme. Mason. Verdammter Mist.
Ich ducke mich unter Patricks Armen hindurch.
»Ach, hallo, Jemma«, bemerkt Mason mit einem anzüglichen Grinsen. »Lasst euch nicht stören.«
»Perfektes Timing, Mann«, knurrt Patrick.
Mason hebt beschwichtigend die Hände. »Tut mir leid. Macht einfach weiter, ich wollte nicht …«
»Nein, schon in Ordnung, wir sind fertig.« Meine Wangen werden feuerrot, während ich meine Träger wieder hochschiebe und die Rückseite des Kleides glatt streiche. Hoffentlich ist der zarte Tüll nicht an der Rinde zerrissen.
»Ooch, komm schon, Jem«, bittet Patrick. »Lauf doch nicht einfach so davon.« Er sieht ehrlich enttäuscht aus, als er versucht, mich mit seinen haselnussbraunen Augen festzuhalten.
Ich schüttele den Kopf. »Ich muss zurück zu Morgan und Lucy. Wir sehen uns später, okay?«, füge ich nun schuldbewusst hinzu. Dann verschwinde ich und versuche auszublenden, dass die beiden Jungs sich anscheinend hinter meinem Rücken abklatschen.
Na toll. Wirklich toll.
»Was war das denn?«, fragt Lucy, als ich sie und Morgan am Buffet antreffe, wo sie sich die Teller mit Desserts vollladen. »Bist du echt gerade abgehauen, um mit Patrick rumzumachen? Es sah nämlich ganz danach aus.«
»Was hast du denn da im Haar?« Morgans Finger nesteln an meinem Hinterkopf. Sie zieht mir einen stacheligen Zweig aus den Haaren, hält ihn hoch und mustert ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ich hab nicht mit ihm rumgemacht«, protestiere ich, reiße ihr den Zweig aus der Hand und werfe ihn weg. »Wir … haben uns geküsst, das ist alles. Und Mason hat uns erwischt, also werden innerhalb der nächsten fünf Minuten alle hier Bescheid wissen. So ein verdammter Mist.«
»Ernsthaft?«, fragt Lucy ungläubig. »Warum um alles in der Welt solltest du Patrick Hughes küssen?«
»Keine Ahnung. Ich wollte nur … ach, ich weiß nicht. Er ist süß«, füge ich nicht gerade überzeugend hinzu. Er ist wirklich süß. Warum ist mir das bisher nie aufgefallen?
Lucy zuckt die Schultern. »Na ja, wenn man auf magere weiße Jungs steht …«
»Ich bekomme Kopfschmerzen«, sage ich und massiere mir die Schläfen. »Sollte mich wohl langsam ins Bett verziehen.«
Lucy wirft mir einen scharfen Blick zu. »Feigling.«
»Äh, die Party ist in eurem Garten«, erinnert mich Morgan. »Wo willst du hin? Nimm dir vorher wenigstens noch was vom Nachtisch.« Sie legt zwei Mini-Eclairs und einen Windbeutel auf einen Teller und reicht ihn mir.
Seufzend folge ich den beiden mit dem Teller zu einem Tisch. Als wir uns setzen, schleicht sich Tanner an und zieht vielsagend die Augenbrauen hoch. »He, hab gerade gehört, dass du anscheinend heute Abend deinen Spaß hattest, Jemma. Also du und Patrick, hm?«
Hitze schießt mir in die Wangen. »Meine Güte. Halt einfach die Klappe, okay? Da war nichts.«
Er verschränkt die Arme vor der Brust. »Mason hat da aber ganz was anderes erzählt.«
»Mein Bruder ist ein Idiot«, wirft Morgan mit vollem Mund ein. »Falls du’s noch nicht gemerkt hast. Übrigens steht dein Hosenstall offen.«
Achselzuckend schaut Tanner nach unten.
»Wie stilvoll«, meint Lucy. »Deine Mom muss ja irre stolz auf dich sein.«
Grinsend zieht er betont langsam den Reißverschluss zu. »Aaah, gib’s doch zu, es gefällt dir, Luce.«
»Du bist ja völlig gestört«, sagt sie und verdreht die Augen. »Hau ab, Tanner.«
»Genau, bevor ich kotzen muss«, fügt Morgan hinzu.
Tanner lässt die Beleidigungen unbeeindruckt an sich abperlen. »Nur noch ein kleiner Hinweis, bevor ich gehe: Sieht so aus, als würde sich Patrick gerade mit deinem Dad unterhalten, Jemma. Worüber die wohl sprechen?« Er zwinkert mir zu. »Bis dann, Cousinchen.«
Ich verschlucke mich an einem Löffel Vanillecreme. »Wa…?«, würge ich hervor und stehe mit wackligen Knien auf. Ich entdecke Patrick und meinen Dad an der Bar. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt und sind in eine Unterhaltung vertieft.
Lucy packt mich bei der Hand und zieht mich auf den Stuhl zurück. »Chill mal, okay? Sicher machen sie einfach nur Smalltalk. Du weißt schon, über« – sie wedelt hilflos mit der Hand – »irgendwas.«
Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. »Du hast leicht reden.«
Lucys dunkle Augen werden schmal. »Puh, ich kann nicht glauben, dass deine Mom ausgerechnet die eingeladen hat.«
Als ich ihrem Blick folge, sehe ich Cheryl Jackson, die sich gerade ein Glas Bowle einschenkt.
»Sie arbeitet ehrenamtlich in der Bücherei«, sage ich. »Mom hatte keine Wahl. Glaub mir, sie war alles andere als glücklich darüber. Sie hat gehofft, Cheryl würde nicht auftauchen.«
Morgan rümpft die Nase. »Und somit eine Gelegenheit verpassen, sich unter die oberen Zehntausend von Magnolia Branch zu mischen? Keine Chance.«
»Die kann mich mal kreuzweise«, stößt Lucy hervor und schneidet eine Grimasse.
Lucys Mutter, Dr. Parrish, ist Kinderärztin – mit Abstand die beste in der Stadt. Dieser Meinung ist hier so ziemlich jeder, außer Cheryl Jackson, die keinen Hehl daraus gemacht hat, dass sie mit ihren Kindern zu einem anderen Arzt gehe, weil sie ihre kostbaren Sprösslinge keinesfalls einer von »denen« anvertrauen könne. Und mit »denen« meint sie Schwarze. Dabei ist ihr Sohn ein Weichei und ihre Tochter hat die Hälfte des letzten Halbjahres in einer Entzugsklinik verbracht. So sieht’s aus.
Morgan stupst mich in die Rippen. »Du solltest rübergehen und ihr sagen, dass Dr. Parrish die Bowle gemacht hat. Bin gespannt, wie schnell sie sie wieder ausspuckt.«
Wir lachen ein wenig gequält, denn Cheryl wäre dazu imstande. Ignorantes Miststück.
Unwillkürlich wandert mein Blick wieder zu Dad und Patrick, die immer noch beisammenstehen und über irgendwas diskutieren. Ich spüre einen unangenehmen Druck im Magen und schiebe den Teller mit den Nachspeisen von mir weg. »Was können die denn bloß miteinander zu besprechen haben?«
»Schwer zu sagen«, meint Morgan. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du ihn wirklich geküsst hast.«
»Apropos«, wirft Lucy neckisch ein, »auf einer Skala von eins bis zehn …?«
Ich starre sie mit offenem Mund an. »Wie, ich soll ihn bewerten?«
»Ähm, ja«, entgegnet Lucy mit einem verschmitzten Grinsen. »Jetzt spann uns doch nicht so auf die Folter.«
»Na gut.« Ich atme laut aus. »Er küsst wirklich ganz passabel.«
»Passabel? Also, das glaube ich nicht. Komm schon, etwas genauer, Süße.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Meinst du nicht, dass ich nicht schon genug Probleme habe?«
Sie sieht mich nur bedeutungsvoll an.
»Also gut. Er küsst gut. Richtig gut. Eine Sieben, eventuell sogar eine Acht. Bist du jetzt zufrieden?«
Ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln. »Dachte ich’s mir doch.«
Morgan tut so, als würde sie sich den Finger in den Mund stecken und sich übergeben.
»Du weißt schon, dass du deiner Mom damit das Herz brechen wirst«, sagt Lucy und zieht meinen verwaisten Teller zu sich hinüber. Sie hebt ein angebissenes Eclair auf, betrachtet es eingehend von allen Seiten und legt es dann wieder zurück. »Hat sie nicht schon das Hochzeitsservice für Ryder und dich ausgesucht?«
»Haha, sehr lustig.« Aber ehrlich gesagt – wahrscheinlich hat sie das tatsächlich. O je. »Jetzt mal im Ernst, mein Kopf bringt mich noch um. Ich bin echt bettreif.«
Morgan fegt Krümel von ihrem Schoß und steht auf. »Nur zu. Lass uns im Stich. Willst du auch gehen, Luce, oder wartest du noch auf deine Eltern?«
»Nö, ich pack’s auch.« Lucy steht ebenfalls auf und streicht ihr Kleid glatt. »Noch ein Bissen und ich platze. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.«
In der Ferne ertönt ein einzelner Schuss. Aus den Bäumen am Fluss fliegen kreischend die Vögel auf.
»Das sind die Jungs«, sagt Morgan seufzend.
Ich schüttele nur den Kopf. »Mom wird ihnen das Fell über die Ohren ziehen, weil sie so einen Aufstand veranstaltet haben.«
• • •
Eine halbe Stunde später habe ich meinen Pyjama angezogen und mir eine Tasse Kamillen-Jasmin-Tee gemacht. Obwohl es immer noch heiß draußen ist, öffne ich die Glastüren und trete hinaus auf meinen schmalen Balkon – einen Julia-Balkon, wie Mom immer sagt. An das kühle Metall des Geländers gelehnt, nippe ich an meinem Tee und warte darauf, dass er meine Nerven beruhigt. Mein Zimmer liegt im ersten Stock und geht auf den Fluss hinaus, auf die von der Party abgewandte Seite. Dennoch weht die warme, sanfte Brise Fetzen von Musik und Gelächter zu mir herüber. Ich habe Gewissensbisse, weil ich mich so schnell verdrückt habe, aber ich wusste genau, dass Tanners Sticheleien nur der Anfang waren. Und schlimmer noch, wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich womöglich noch einmal Patrick gegenübertreten müssen.
Und das kann ich nicht, zumindest jetzt noch nicht. Ich meine, ich kenne Patrick schon mein ganzes Leben, und vor heute Abend hätte ich nicht einmal im Traum daran gedacht, ihn zu küssen. Ich versuche immer noch, mir über das, was da passiert ist, klar zu werden, zu ergründen, was genau sich zwischen uns verändert hat – und ob ich überhaupt will, dass sich etwas verändert.
Mit einem tiefen Seufzer schaue ich zum Vollmond hinauf. Hier stehe ich und zerbreche mir den Kopf darüber, während Patrick wahrscheinlich keinen Gedanken mehr daran verschwendet hat. So wie ich ihn kenne, hat er es bestimmt schon wieder vergessen. Schließlich war er nicht mehr nüchtern. Obwohl, sie hatten nur zwölf Bier zu fünft – na ja, zu viert, wenn man Ryder nicht mitzählt. Patrick war höchstens ein bisschen angeheitert. Das reicht nicht für einen kompletten Filmriss.
»Hey, Patrick sucht dich.«
Die Stimme erschreckt mich so sehr, dass ich zusammenfahre und mich mit Tee bekleckere. Unter dem Balkon steht Ryder und starrt zu mir hoch. Er hat die Hände in den Hosentaschen, seine Lippen sind fest zusammengepresst.
»Sag ihm, dass ich schon schlafen gegangen bin«, erwidere ich. »Und vielen Dank auch, dass du mich fast zu Tode erschreckt hast.« Mit finsterem Blick reibe ich erfolglos an dem nassen Fleck vorne auf meinem Top herum. Ryder hat Glück, dass der Tee nicht mehr heiß war.
Ryder kommt einen Schritt näher, bis er direkt unter dem Balkon steht. Er legt den Kopf in den Nacken und ich sehe die Verachtung in seiner Miene. »Also servierst du ihn jetzt einfach so ab?«
»Tu mir doch bitte den Gefallen und steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen.«
»Patrick ist mein Freund, also geht es mich sehr wohl etwas an. Übrigens – du weißt schon, dass er gern Details aus seinem Liebesleben ausplaudert?«
»Gerade hast du noch gesagt, er ist dein Freund.«
Er zuckt mit den Schultern. »Hey, es ist schließlich dein Ruf.«
»Seit wann kümmert dich mein Ruf, Ryder? Und für den Fall, dass du es unbedingt wissen musst, wir haben uns nur geküsst. Da habe ich schon Schlimmeres über dich und Rosie gehört. Vielleicht solltest du dir lieber Sorgen um ihren Ruf machen.«
Rosie ist meine Cousine – eine entfernte Cousine väterlicherseits. Seit Urzeiten schon schwärmt sie für Ryder, und es geht das Gerücht, dass sie auf einer Party letztes Wochenende endlich die Initiative ergriffen hat. Anscheinend hat er äußerst entgegenkommend reagiert – und mit ihr in einer dunklen Ecke rumgemacht. Das zumindest hat Morgan gehört.
»Was sagt man denn über mich und Rosie?«, fragt Ryder mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Ich mache eine wegwerfende Geste. »Ach, vergiss es. Mir ist das sowieso egal.«
»Das war ja klar«, zischt er.
»Was soll das jetzt wieder heißen?«
Er schüttelt den Kopf. »Nichts, Jemma. Nur … geh einfach ins Bett, das ist das Beste.«
»Wie, willst du dich plötzlich als mein Vater aufspielen? Wie wär’s damit? Ich kann selbst ganz gut entscheiden, wann ich ins Bett gehe.«
»Wow, das nenne ich Reife.«
»Du bist so ein Idiot, Ryder.«
»Ein Idiot? Was Besseres fällt dir nicht ein? Du bist heute Abend wirklich nicht in Form.«
»Und du gehst mir wirklich auf die Nerven«, sage ich mit brennenden Wangen.
Er zuckt nur ungerührt die Schultern. »Das ist ja nichts Neues. Ich bin dir schon immer auf die Nerven gegangen.«
»Nicht immer«, erwidere ich. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich kneife die Augen zu und dränge die Erinnerung zurück. Als ich die Augen wieder öffne, steht er immer noch da und sieht mich finster an.
»Na super, jetzt geht das wieder los.« Er will eigentlich gehen, wendet sich aber noch einmal zu mir um. »Weißt du was? Ich habe keine Ahnung, was ich dir eigentlich getan habe, aber …«
»Ehrlich?«, bricht es aus mir heraus. »Ich geb dir einen heißen Tipp – achte Klasse.«
»Du bist sauer auf mich wegen etwas, das ich in der achten Klasse gemacht habe, Jem? Das ist verdammt noch mal vier Jahre her. Was immer es auch war, werd endlich erwachsen und komm darüber hinweg.«
»Warum scherst du dich nicht endlich zum Teufel?«, schieße ich zurück.
»Ich bin weg«, sagt er und dreht sich wieder um.
»Gut!«, rufe ich ihm nach. Tränen brennen mir in den Augen. »Geh. Ich hasse dich, Ryder Marsden!«
»Tja … das beruht ganz auf Gegenseitigkeit«, gibt er über die Schulter zurück.
Auch wenn ich weiß, dass ich kindisch reagiere, stürme ich zurück ins Zimmer und schlage die Balkontür mit solcher Wucht zu, dass sie fast aus den Angeln springt.
Echt reizend, nicht wahr?