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Es ist dunkel und ziemlich frisch. Ich zittere an der nasskalten Luft, während ich ziellos dem Verlauf des Kanals folge. Die winterlichen Temperaturen sind jedoch nicht der einzige Grund, weshalb ich den Kopf einziehe und meine Hände in den Taschen vergrabe. Vielmehr friere ich innerlich. Ich brauche gar nicht erst nach Wärme in mir zu suchen. Ich bin ein wandelnder Eisblock. Eine neue Eiszeit ist angebrochen, und ich kenne zumindest schon ein Lebewesen, das vom Aussterben bedroht ist.
Was ich hier mache? Normalerweise bin ich um diese Zeit nicht mehr unterwegs. Seit Jahren bin ich nicht mehr abends noch mal eine Runde spazieren gegangen, und vor allem nicht so Hals über Kopf aus der Wohnung gestürmt. Normalerweise hocke ich zu Hause, so wie all die anderen, die ich im Vorübergehen flüchtig durch die erleuchteten Fenster in ihren Häusern sehen kann. Normalerweise bin ich nicht so durcheinander. Normalerweise bin ich nicht allein.
Ich kenne dieses Viertel gut, und doch erkenne ich heute Abend nichts wieder. Nicht der Ort hat sich verändert, ich bin es. Es brauchte nur eine Stunde, ein einziges Gespräch, ein paar Sätze, die mich wie Pfeile trafen, um mein Leben komplett aus den Fugen geraten zu lassen. In letzter Zeit war nicht immer alles rosig gewesen zwischen Hugues und mir, aber dass es so schnell bergab gehen, ja, dass es schließlich aus und vorbei sein würde, das hätte ich mir nie im Leben träumen lassen.
Der Uferweg ist menschenleer, bis auf ein junges Liebespaar und einen Obdachlosen, der auf ein paar alten Kartons sitzt. Diese Botschaft schickt mir wahrscheinlich das Leben: Ich war mal wie das junge Mädchen, das sich verliebt an ihren Freund schmiegt, und ich werde enden wie dieser bedauernswerte Clochard. Mein Leben ist ein bodenloser Abgrund – und ich befinde mich immer noch im freien Fall.
Schnell gehe ich an dem Pärchen vorbei. Er zieht sie näher zu sich heran und flüstert ihr etwas ins Ohr. Aus seinem Mund steigen Atemwolken. Wärme. Es gibt sie also doch noch, und nicht nur in meiner Erinnerung. Mit einem gedämpften Lachen kuschelt sie sich an ihn an. Vielleicht machen sie sich über mich lustig. Bestimmt fragen sie sich, warum ich so vor mich hin trotte, allein, noch nicht mal mit einem Hund an der Leine. Wäre ich ein Mann, würden sie mich wahrscheinlich für einen Perversen halten, aber so ordnen sie mich eher in die Kategorie verrücktes Weib am Rande des Wahnsinns ein. Sie sind zu zweit, und sie haben einander. Sie fühlen sich stark genug, um dem ganzen Universum mit Herablassung zu begegnen. Sie sind unbesiegbar, weil sie sich lieben. Ich sehe das eher so: Die beiden glauben, sich zu lieben. Ob es wahre Liebe ist, stellt sich später heraus. Für diese Erkenntnis habe ich teuer bezahlen müssen. Im Moment noch gedeiht ihr Glück auf der dünnen fruchtbaren Humusschicht der Unschuld, doch wenn die zarten Wurzeln ihrer Liebe weiter in die Tiefe dringen, wird sie dort nichts finden, was sie nährt, und sie wird zugrunde gehen. Jedenfalls ist es mir so ergangen.
Sollte ich das Mädchen warnen? Sollte ich es auf die Gefahren hinweisen? Nein, das wäre idiotisch. Wer bin ich, um ihr das Glück des heutigen Abends zu verderben? Und wer weiß, vielleicht wird sie sich besser schlagen als ich? Ich bin wirklich ein verrücktes Weib am Rande des Wahnsinns.
Ich weiß nicht warum, aber plötzlich überkommt mich die Lust, auf der Umrandung des Uferwegs entlangzulaufen, auf den länglichen behauenen Steinen, die den Kanal einfassen. Normalerweise tun Kinder solche Dinge: Sie strecken die Arme aus wie Seiltänzer auf einem imaginären Seil und stellen sich vor, sich in ein großes Abenteuer zu stürzen, ihr Leben über dem tiefsten aller Abgründe zu riskieren. Meine Neffen taten dies oft. Ich bin eigentlich zu alt dafür. Was mir aber in dem Moment egal ist. Schließlich befinde ich mich am Rand eines der schwindelerregendsten Abgründe, auf dessen Grund mein Leben zu zerschellen droht.
Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass meine Beziehung mit Hugues immer schon kompliziert war. Und doch war am Anfang alles traumhaft schön. Wie im Märchen: die erste Begegnung, der Funke, der überspringt, zwei Wesen, die sozusagen inmitten von Blumen tanzen und singen und sich an den Händen halten. Das war, bevor wir uns tiefer in den Wald hineinwagten.
Ganz am Anfang war er charmant, wir lachten viel, waren leidenschaftlich, konnten nicht genug voneinander kriegen, hatten so viel, was uns verband. Ich bekam Blumen, heiße Blicke, freute mich, wenn er es nicht erwarten konnte, mich wiederzusehen. Wenn er mich in seine Arme nahm, dachte er nur an mich. Himmel, wie sehr ich das liebte!
Wir machten viele nette Wochenendausflüge, zum Skilaufen, ans Meer, ins Ausland, manchmal mit Freunden – wenn, dann aber nur mit seinen. Das Drumherum war mir ziemlich egal; solange er da war, an meiner Seite, fühlte ich mich wohl. Ich mochte es, auf ihn zu warten, wenn er spät nach Hause kam, ich mochte es auch, seine Kleider wegzuräumen oder ihm sein Lieblingsessen zu kochen. Was nicht heißen soll, dass ich unterwürfig war. Ich fand es einfach nur schön, etwas für ihn zu tun. Dann ging die Zeit ins Land, erst Tage, dann Wochen, dann Monate. Wir haben alle unsere Freunde heiraten sehen. Es wurde getanzt, es wurde gelacht, man hat Beifall geklatscht, aber nicht für uns. Schließlich haben wir vergessen, dass Tage Stunden enthielten und Jahre Monate. Wir funktionierten wie ein Dieselmotor, ohne große Beschleunigung, immer gleichmäßig im Takt. Nur der Kilometerstand wuchs. Die Zeit raste dahin, und nichts schien sich zu ändern. Man nannte uns die ewigen Verlobten. Von wegen! Ich hätte mich liebend gern mit einem Ring an ihn gebunden, aber Hugues fand immer einen guten Grund, um es zu verschieben, um noch zu warten, um nicht den nächsten Schritt zu wagen. Ein neuer Job, für den er sich ins Zeug legen musste, das viele Geld, das die Feier kosten würde, die Sinnlosigkeit solch eines formalen Akts »für Leute, die sich so sehr lieben wie wir«. Ja, genau. Wir drehten uns im Kreis. Mein Bauch blieb trostlos flach, seiner nicht. Andere bekamen Kinder, und wir lebten immer noch einfach so zusammen wie Studenten. Nichts entwickelte sich, und ich glaube, im Grunde war dies das Schlimmste. Kein Ziel vor Augen zu haben, nur die Vision eines auf das übernächste Wochenende begrenzten Lebens. Jedes Mal, wenn ich von der Zukunft sprach – ein vager Begriff – oder übers Heiraten – ein ungehöriges Wort –, fand er einen ausgezeichneten Grund, um die Diskussion abzukürzen. Am Ende redeten wir nur noch über Alltägliches: Einkäufe, Schlüssel, Fruchtjoghurt, Filme, was noch im Kühlschrank ist, wann das Auto zur Reparatur muss. Alles, was das Leben ausmacht, außer dem Wesentlichen.
Und dann erschien Tanya wie ein dem Paralleluniversum entsprungener böser Geist. Ich habe es nicht kommen sehen. Es war Emilie, die mich darauf hinwies. Eines Abends, nach einem Essen mit Freunden, flüsterte sie mir zu: »Wenn mein Freund so über die Witze einer anderen Frau lachen würde, wäre ich vorsichtig.« Das war ich dann auch, aber zu spät. Die beiden trieben es schon miteinander, meist dienstagabends. Was war ich doch für eine dumme Nuss. Eine gutgläubige Gans, die sich einen Bären aufbinden ließ.
Als ich Hugues darauf ansprach, meinte er nur, ich hätte eine blühende Fantasie. Er nahm mich in seine Arme, sprach über uns. Er wagte es, mir in die Augen zu sehen und mich dabei anzulügen. Wenn ich nur daran denke … Und wisst ihr was? Ich dumme Kuh habe es geglaubt! Beziehungsweise, ich habe es, auf Teufel komm raus, glauben wollen. Frauen neigen wohl dazu, sich auf ihr Gefühl zu verlassen und die Tatsachen auszublenden. Männer wissen das genau und setzen auf diese Karte. Sie behaupten, das sei unsere Stärke. In dem speziellen Fall war es das Gegenteil. Auf diese Weise haben wir noch ein paar Monate so weitergemacht, nebeneinander, aber nicht mehr miteinander.
Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, hatte ich einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Als ich zufällig auf eine SMS von Tanya stieß, haute es mich buchstäblich um. Ich war so was von angewidert, fühlte mich verraten und verletzt. Keine hundert Zeichen. Drei Sekunden, um es zu lesen, ein ganzes Leben, um sich davon zu erholen. Es war nicht nur der Beweis für Hugues’ Untreue, es war ein Schlag ins Gesicht. Ich konnte es nicht über mich bringen, darüber mit Emilie und noch weniger mit meiner Mutter oder meiner Schwester zu reden. Diese wenigen Worte trafen mich wie eine Kugel mitten in die Brust. Sie drang ein, trat aber nicht wieder aus. Vielmehr wanderte sie bei jeder Bewegung, die ich machte, ein Stück näher zu meinem Herzen hin. Und letzten Montag erreichte sie schließlich ihr Ziel.
Als ich nach der Arbeit in die Wohnung kam, war ich entschlossen, das Geschwür aufzuschneiden und das Problem mit Hugues aus der Welt zu schaffen. Ich hatte keine Kraft mehr, den Schein aufrechtzuerhalten. Ich sagte ihm, ich wüsste Bescheid, ich erklärte ihm, wie sehr ich litt, dass ich bereit war zu vergeben, aber dass ich von ihm erwartete, absolut ehrlich zu sein, damit wir einen Neuanfang machen konnten. Ich habe etwas gefaselt von wegen: »Die Liebe ist nur für den Preis der Wahrheit zu haben.« Ein hübscher Spruch! Doch was dann kam, war eine Shakespeare-Tragödie, bloß spielte sie in einer Dreizimmerwohnung ohne Balkon. Dass ich ihn quasi überführt hatte, schien ihn nicht weiter aus dem Konzept zu bringen. Er ließ sich ohne ein Wort aufs Sofa fallen, legte den Kopf nach hinten und seufzte. Ich stand in der Küche in der Ecke, zitterte am ganzen Körper und hing an seinen Lippen. Er ließ sich Zeit mit der Antwort: »Hör zu, Marie. Es ist gut, dass du das Thema anschneidest. Ich glaube, wir sind am Ende unseres gemeinsamen Wegs angekommen. Ich will nicht mehr so weitermachen. Das Leben, das ich gerade führe, gefällt mir nicht. Du und ich, das passt nicht mehr. Es ist besser, wenn wir einen Schlussstrich ziehen. Aber lass es uns positiv sehen: Ein Weltuntergang ist das auch wieder nicht. C’est la vie! Lass uns versuchen, wie Erwachsene damit umzugehen.«
Es war schlimmer als ein Fausthieb ins Gesicht. Und bevor ich etwas darauf sagen konnte, fügte er hinzu: »Ich will dich nicht unter Druck setzen, aber ich fände es prima, wenn du hier in ein paar Tagen ausziehen würdest. Da du schon Tanya angesprochen hast – es ist mir ernst mit ihr. Und schließlich ist es meine Wohnung.«
»Das Leben, das er gerade führt, gefällt ihm nicht«, und das, obwohl er immer alles allein entschieden hat, ohne mich jemals nach meiner Meinung zu fragen und mich jahrelang von den Menschen, die ich liebte, ferngehalten hat. Die Abfahrt des Zugs steht unmittelbar bevor, er wird aber ohne mich losfahren. »Die Begleitpersonen der Reisenden werden gebeten, den Zug zu verlassen. Achtung, die Türen schließen.« Ich habe keine Fahrkarte mehr.
Wisst ihr, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe? Ich hoffe für euch, ihr wisst es nicht. Ein gebrochenes Herz wünsche ich keinem. Es wird ja oft mit einem Beben oder mit einer Naturkatastrophe verglichen, aber das hier, das war der Urknall. Jedes Molekül meines Seins wurde pulverisiert und in alle Winkel des Universums verstreut. Mein Herz ist ein schwarzes Loch, und die anderen Körperteile machen sich gut als Planeten.
Von da an sprach Hugues mit mir nur noch wie mit einem Flüchtling in einem fremden Land, der die Sprache des Gastlandes nicht versteht, alles versetzt mit ebenso freundlichem wie geheucheltem Lächeln. Er gab Sätze von sich, die nach großen Prinzipien klangen und sein schlechtes Gewissen betäubten. »Es hat einfach nicht sein sollen«, »Wir haben viel Schönes miteinander erlebt, lass uns ein neues Kapitel aufschlagen, ohne die Seiten auszureißen«, »In ein paar Jahren werden wir zusammen darüber lachen können« … Wem will er damit etwas vormachen? Und wie kann er es wagen, den Spruch »Lass uns wie Erwachsene damit umgehen« anzubringen? Er, der nur dem Aussehen nach erwachsen ist! Mistkerl … All die Jahre nur leere Versprechungen. Dabei hat er echt Glück gehabt: Wäre ich nicht so niedergeschlagen gewesen, hätte ich ihn auf der Stelle umgebracht. Aber es scheint mir wieder besser zu gehen, denn ich fange an, an dem Gedanken Gefallen zu finden.
Jedes Mal, wenn er etwas zu mir sagte, jedes Mal, wenn ich ihn sah, erlebte ich einen weiteren Angriff auf mein bereits besiegtes und in den Boden gestampftes Selbstwertgefühl. Seine Worte waren wie Geschosse, seine Blicke wie zwischen Blumen versteckte Flammenwerfer, und seine Gesten wie heimtückische Landminen, die mich jederzeit unerwartet niederstrecken konnten. Ich bin am Ende. Eine Ruinenlandschaft, zu oft bombardiert. Es liegt kein Stein mehr auf dem anderen, es gibt kein Mauseloch mehr, in das meine zerfetzte Seele fliehen könnte. Nach und nach haben sich zwei Gefühle meiner bemächtigt, die sich wie Geier um meinen Kadaver streiten: Schmerz und Wut.
Unsere »Aussprache« hat vor drei Tagen stattgefunden. Seitdem fühle ich mich wie ein Atomkraftwerk, das außer Kontrolle gerät. Die Lämpchen an der Tafel blinken in panischem Rot, der Druck steigt, der Zeiger zittert im schraffierten Bereich der Skala, die Ingenieure rennen durcheinander, jedoch vergeblich: Die Temperatur des Reaktors kann nicht gesenkt werden. Die ganze Gegend muss evakuiert werden, denn es wird gewaltig knallen.
Es bleiben mir noch vier Tage, um meine Kartons zu packen und das zu verlassen, was einmal unser Zuhause war. Unterm Strich habe ich nicht viel einzupacken. Doch! Da ist das Sofa. Wenn ich daran denke, dass dieser Scheißkerl sich auf MEINEM Sofa gemütlich niedergelassen hat, um mir das Ende unserer Beziehung zu verkünden. Typisch! Ich habe das Stück von meinem ersten Gehalt bezahlt, aber er war es, der es ausgesucht hat.
Ein Problem ist, dass ich im Moment nicht weiß, wohin ich gehen soll. Ich kann nicht zu meiner Mutter zurück. Sie würde mir alle paar Minuten mit ihrem Gerede in den Ohren liegen, von wegen sie habe es kommen sehen und dass Hugues schon immer ein unsympathischer Knilch gewesen sei. Das brauche ich nicht. Wenn ich mir ihre eigene Liebesgeschichte mit meinem Erzeuger ansehe, dann weiß ich ohnehin nicht, welche guten Ratschläge sie mir geben könnte. Und meine Schwester hat mit ihrer eigenen kleinen Familie genug zu tun; ich kann mir nicht vorstellen, ihr mit meinen fünfzig Kleenex-Schachteln fürs Ausheulen auf den Pelz zu rücken. Nur noch vier Tage, und dann heißt es: Hotel und Möbellager. Dieses Monster! Emilie hat mir zwar schon angeboten, bei ihr zu schlafen, aber das ist auch keine Dauerlösung. Ich will nicht von Wohnung zu Wohnung irren wie eine Schiffbrüchige, allein, Zeugin des Glücks und der Hoffnungen anderer, ohne das eine oder das andere zu besitzen.
Das Licht der Straßenlaternen auf der anderen Seite des Kanals spiegelt sich in seinen glatten Fluten wider. Es gab Zeiten, wo ich dieses Bild als schön empfunden hätte. Heute Abend kann ich nichts damit anfangen. Ich bin leer. Ich bin immer ein nettes, braves Mädchen gewesen, habe immer gewartet, bis ich an der Reihe war. Von klein an wurde mir eingetrichtert, niemals Wellen zu schlagen, erst an seinen Nächsten zu denken und dann an sich selbst. Und mit welchem Ergebnis? Ich habe den Kürzeren gezogen, mich von Hugues reinlegen lassen. Ich habe unwiederbringliche Jahre meines Lebens mit ihm vergeudet. Und hier stehe ich, an diesem Abend, von einem Gefühl der Einsamkeit überwältigt, das ich nur in schwedischen Filmen für möglich gehalten hätte.
Ich hebe den Blick zu den Sternen. Das könnte als eine verträumte Pose verstanden werden, aber die Wahrheit ist, dass ich den Kopf vor allem deshalb nach hinten lege, um die Tränen zurückzuhalten. Wenn ich mich vorbeuge, ein kleines bisschen nur, werden sie wie ein Wasserfall hervorschießen. Also sehe ich mir die Sterne an, die mir im Übrigen piepegal sind.
Und da erhalte ich die zweite Botschaft, die mir das Leben sendet: Man sollte die Sterne nicht gering achten. Als ich den Blick zum nächtlichen Himmel erhob, haben sich, ich weiß nicht wie, plötzlich meine Füße verknotet, und ich verlor das Gleichgewicht. Wie gesagt, ich stand auf der Uferkante, am Rande des Abgrunds – und da ist er, der Absturz, der ultimative Fehltritt. Mein Freiflug endet mit einem großen Platsch, begleitet von einem lächerlichen Schrei: mein ganzes absurdes Leben, in zwei Geräuschen zusammengefasst. Dumm wie Brot fliege ich in den Kanal.
Es ist Ende Januar, und ich konnte wohl kaum damit rechnen, angenehme Badetemperaturen vorzufinden, was sich leider auch bewahrheitet: Das Wasser ist eiskalt. Zwei Grad weniger, und auf der Oberfläche hätte sich eine Eisschicht gebildet, und ich hätte mir obendrein noch die Zähne ausgeschlagen. Ich schnappe nach Luft und verschlucke mich. Schmeckt ein bisschen wie die Suppe von Großmutter Valentine. Normalerweise kann ich ganz gut schwimmen, aber mit dem Mantel komme ich mir vor wie ein afghanischer Windhund in der Springflut. In meiner Panik lasse ich meine Handtasche los. Wie idiotisch! Plötzlich höre ich ein weiteres Platschen. Wie schrecklich! Ohne es zu wollen, hab ich eine beispiellose Welle kollektiver Selbstmorde in Gang gesetzt. Noch eine verratene Frau? Eine schlechte Welt ist das! Wenn das so weitergeht, wird der Kanal bald voll von verzweifelten Frauen sein, denen das Leben übel mitgespielt hat. Aber nein, wie dumm von mir! Es ist bestimmt der junge Mann, der, in der Absicht, seine Freundin zu beeindrucken, ins Wasser gesprungen ist, um mich zu retten. Wie wunderbar! Wir sind doch eine nette Spezies, alles in allem! Diese menschenfreundliche Tat rührt mich, sie hat was Erhabenes. Inzwischen hat sich mein Mantel komplett mit Wasser vollgesogen und wiegt an die zwei Tonnen. Es fällt mir schwer, meine Arme zu bewegen. Ich drehe mich im Wasser, um meinen Retter willkommen zu heißen. Aber was ist das? Ich verstehe nicht: Er steht am Ufer neben seiner Freundin. Ich glaube, die beiden lachen. Verdorbenes Pack! Was war es dann für ein Platschen? Ein Kerl, der im Schutz der Dunkelheit seine alte Waschmaschine entsorgt? Mafiosi, die eine Leiche im Kanal versenken? Ein Meteorit?
Plötzlich, zwischen zwei chaotischen Schwimmstößen, sehe ich einen zweiten Schwimmer. Aber wieso steigt er schon wieder aus dem Wasser, obwohl er mich noch gar nicht gerettet hat? Und was hält er da in seinen Händen? Ich glaube es nicht! Es ist der Penner, der mit meiner Handtasche abhaut! Eine ungeahnte Kraft steigt aus den Abgründen meiner verdammten Seele auf. Ich mutiere augenblicklich zur Furie. Ich verschlucke mich, spucke das Wasser sogleich wieder aus, aber ich schwimme jetzt wie eine Olympionikin. Meine Wut treibt mich vorwärts. Ich habe die Nase gestrichen voll von den Männern! In welchem Zustand man sich auch immer befindet, sie bringen es fertig, daraus ohne jeden Skrupel Profit zu schlagen. Sieht man gut aus, wird man angebaggert. Ist man halb abgesoffen, wird man ausgeplündert! Nur keine falsche Scheu: Vom Schwein ist alles fein!
Der Obdachlose ist inzwischen aus dem Kanal geklettert. Ich bin dicht hinter ihm, ziehe mich an den Steinen hoch und robbe auf dem Bauch hinaus. Ich habe einen Schuh verloren. Der Mann versucht zu fliehen, aber ich lasse keinen Abstand aufkommen. Trotz Humpelns erwische ich ihn. Ich packe ihn an seiner Jacke, stoße einen tierischen Schrei aus und werfe ihn mit einer Wucht zu Boden, die ich bei mir nicht für möglich gehalten hätte.
»Geben Sie mir sofort meine Tasche wieder! Schämen Sie sich eigentlich nicht?«
»Aber Sie wollten doch sterben! Wozu brauchen Sie da noch eine Handtasche?«
Ich bin geplättet. »Wie kommen Sie drauf, dass ich sterben wollte?«
»Wenn man so ein Gesicht zieht und sich in den Kanal schmeißt, bedeutet das meistens nicht, dass man Erdbeeren pflücken will!«
»Ich war deprimiert und bin ausgerutscht, das ist alles.«
»Das kannst du deiner Oma erzählen, Schätzchen.«
Ich glaube, er hat die Mordlust in meinen Augen blitzen sehen, denn er hebt seine Hände schützend vor sein Gesicht. Aber das reicht bei Weitem nicht. Wie heißt es so schön? Man solle niemanden schlagen, der am Boden liegt. Heute Abend kommt man bei mir mit solchen Sprüchen jedoch nicht weit. Ich beuge mich über ihn und hau ihm eine, dann ein zweites Mal und noch einmal. Das ist nicht gut, tut aber gut.
Meine Tasche hat er schon lange losgelassen. Aber wenn er glaubt, dass er so leicht davonkommt … Ich schreie ihn aus voller Lunge an: »Ich hab die Schnauze voll von euch Typen! Gestrichen voll! Ich hab genug von eurer Hinterhältigkeit! Ihr werdet es mir büßen!«
Das Jüngelchen und sein Liebchen fliehen Hals über Kopf. Das verrückte Weib am Rande des Wahnsinns prügelt sich mit einem Penner. Bestimmt ein Streit unter Suffköpfen, denken sie sich … Das ist nicht fair: Ich hab doch gar nichts getrunken. Das Echo meiner Stimme schallt noch im ganzen Viertel. Hier bin ich, nass bis auf die Knochen, schwankend, erschöpft, und fasse einen Entschluss, den ich, ich schwöre es, nie mehr zurücknehmen werde: Ich werde den Männern nichts mehr durchgehen lassen. Ich stelle den Zähler auf null. Ich reiße das Steuer herum. Hugues, dieser Mistkerl, wird für seine Schandtaten bezahlen. Jeder Spieler hat tausend Ohrfeigen frei. Ich werde mich für alles rächen. Da nicht zu erwarten steht, dass das Glück von einem imaginären Himmel auf mich herniederregnet, werde ich das bisschen, das mir zusteht, in den Tiefen der Hölle suchen. Die nette Marie ist tot, ertrunken in diesem Kanal. Eine böse Marie ist daraus emporgestiegen. Ihre Frisur ist im Eimer, und sie hat nur noch einen Schuh, aber wen kümmert das schon. Ich werde mich revanchieren. Rache ist süß – zuckersüß sogar. Die Wut erstickt mich, der Hass verzehrt mich.